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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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34.

Als Arbaces sich durch einen Becher gewürzten Weines wieder erwärmt hatte, fühlte er sich mehr als gewöhnlich heiter und kräftig. Der Sieg, den er durch seine Schlauheit errungen, hatte sein stolzes Selbstgefühl erweckt, über das Schicksal des verworfenen Kalenus empfand er keine Reue. Er verbannte bald die Gedanken an die Qualen und den Todeskampf des Priesters und freute sich bloß, daß eine große Gefahr vorüber und ein Feind mehr beseitigt sei. Er hatte jetzt nur daran zu denken, wie er das Verschwinden des Kalenus bei der Priesterschaft rechtfertigen könne, und dieses schien ihm leicht zu bewerkstelligen. Kalenus war oft durch ihn nach den benachbarten Städten in religiösen Aufträgen gesendet worden. Er konnte jetzt vorgeben, daß er an den Altären der Isis zu Stabiä und Neapel Sühneopfer für die Ermordung des Priesters der Göttin, des Apäcides, darbringe. Wenn Kalenus gestorben war, konnte seine Leiche, vor der Abreise des Ägypters von Pompeji, in den tiefen Sarnus geworfen werden, und hätte man sie entdeckt, so würde der Verdacht wahrscheinlich auf die Nazarener, als sei er aus Rache wegen des Todes des Olinthus in der Arena ermordet worden, gefallen sein.

Seine Gedanken wandten sich jetzt der Jone zu, und wenn sie ihn auch in den letzten Tagen immer wieder durch Hohn und Verachtung gekränkt hatte, so sehnte er sich doch nach ihrer Nähe und beschloß, sie zu besuchen.

Als er in ihr Zimmer trat, fand er sie vor einem kleinen Tisch sitzen, wie sie nachdenkend den Kopf auf die Arme stützte. Der Ausdruck des Gesichts aber war nicht mehr den süßen und sinnigen Zügen der Psyche so ähnlich wie früher. Ihre Blicke waren irre und matt, und das lange schwarze Haar, das ungeordnet den Rücken hinabrollte, ließ die Wangen um so bleicher erscheinen, da sie von ihrer anmutigen Form schon etwas verloren hatten.

Arbaces blickte sie einige Augenblicke an, ehe er auf sie zutrat. Auch sie erhob ihre Augen, und als sie ihn erkannte, wendete sie sich mit einem Ausdruck des Widerwillens von ihm ab.

»Ach,« sagte Arbaces in fast ehrerbietigem Ton, »könnte ich doch durch meinen Tod deinen Haß besiegen, ich wollte gerne sterben. Du tust mir sehr unrecht, Jone, aber ich will es dulden, denn ich hoffe, daß deine Gefühle sich ändern werden.«

»Gib mir meinen Bruder und meinen Geliebten zurück«, sagte Jone in ruhigem und bittendem Tone, und die Tränen rollten ihr dabei aus den Augen.

»Oh, könnte ich den einen wieder zum Leben erwecken und den anderen vom Tode retten«, erwiderte Arbaces mit scheinbarer Rührung. »Ja, um dich glücklich zu machen, würde ich meine unglückliche Liebe überwältigen und deine Hand in die des Atheners legen. Vielleicht kann er der Anklage noch entgehen, und ich werde alles tun, um ihm dabei zu helfen. Kommt er frei, dann will ich dir nicht länger mit meiner Liebe beschwerlich fallen. Doch vergib mir auch meine Übereilung, die ich tief bereue und die ich mir nie wieder werde zuschulden kommen lassen. Laß mich dir wieder bloß sein, was ich dir einst war, ein Freund, ein Vater, ein Beschützer. Oh, Jone, schone mich und verzeihe!«

»Ich vergebe dir! Rette Glaukus, und ich will ihm entsagen. O mächtiger Arbaces! Du bist stark im Bösen wie im Guten. Rette den Athener, und die arme Jone will versprechen, ihn niemals wiederzusehen.« – Sie erhob sich jetzt, fiel ihm zu Füßen und umfaßte seine Knie: »Oh, wenn du mich wirklich liebst, wenn du menschlich bist, gedenke der Asche meines Vaters, gedenke meiner Kindheit und rette meinen Glaukus!«

Der Ägypter wurde durch heftige Krämpfe ergriffen. Er wendete sein Gesicht ab und sagte mit leiser hohler Stimme: »Wenn ich ihn selbst jetzt noch retten könnte, so würde ich es tun, aber das römische Gesetz ist scharf und streng. Aber wenn es mir gelingen könnte, würdest du die Meinige, meine Braut werden?«

»Die Deinige?« erwiderte Jone, indem sie aufstand. – »Deine Braut? Noch ist das Blut meines Bruders ungerächt! Wer erschlug ihn? O Nemesis! Kann ich, selbst für das Leben des Glaukus, deine feierliche Rache erkaufen? Arbaces – die Deinige? Nimmer!«

»Jone, Jone!« schrie Arbaces leidenschaftlich. »Wozu diese geheimnisvollen Worte? Weshalb bringst du meinen Namen mit dem Tode deines Bruders in Verbindung?«

»Meine Träume sagen es mir, und die Träume kommen von den Göttern!«

»Leere Spiegelfechtereien! Willst du eines Traumes wegen die Unschuld verkennen, und das einzige Mittel, das Leben deines Geliebten zu retten, zurückweisen?«

»Höre mich an«, sagte Jone mit festem und feierlichem Tone. »Wenn Glaukus durch dich gerettet wird, so will ich nie als seine Braut in sein Haus getragen werden. Aber ich kann die Abneigung gegen jede andere Verbindung nicht überwinden, ich kann mich mit dir nicht vermählen! Aber wenn Glaukus stirbt, so vereitle ich an demselben Tage alle deine Künste und überlasse deiner Liebe bloß meinen Staub! Ja, du kannst den Dolch und das Gift mir entziehen, du kannst mich einsperren und selbst in Ketten legen; aber der mutige Geist, der sich zu befreien entschlossen ist, wird immer Mittel dazu finden. Wenn Glaukus untergeht, so will ich ihm würdig nachfolgen. Bei allen Göttern des Himmels und des Ozeans und der Erde! Ich weihe mich dem Tode! Ich habe es gesagt!«

Hoch, stolz und kühn, wie eine Begeisterte, stand Jone da und erfüllte die Brust des Ägypters mit Ehrfurcht und Bewunderung.

»Kühnes Mädchen,« sagte er nach einer Pause, »du bist in der Tat würdig, die Meinige zu werden. Oh, wie oft habe ich geträumt von einer solchen Teilnehmerin an meinem erhabenen Lose, und nur in dir habe ich sie gefunden! Jone,« fuhr er lebhaft fort, »siehst du nicht, daß wir füreinander geschaffen sind? Kannst du nicht etwas, deiner eigenen Tatkraft, deinem eigenen Mut Verwandtes, auch in meinem selbständigen Geiste erkennen? Mit einer Entschlossenheit, die der deinigen gleichkommt, trotze ich deinen Drohungen mit einem ruhmlosen Selbstmorde. Ich huldige dir als der Meinigen! In fernen Ländern wollen wir ein Königreich gründen und über weite Jahrhunderte soll das Geschlecht aus dem Stamme des Arbaces und der Jone reichen.«

»Du bist von Sinnen! Diese hochtönenden Prahlereien eignen sich mehr für einen verächtlichen Quacksalber, der seine Wundermittel auf dem Marktplatz ausschreit, als für den weisen Arbaces. Du kennst meinen Entschluß; er ist unwiderruflich wie das Fatum. Der Orkus hat mein Gelübde gehört, und es ist eingeschrieben in das Buch des unerbittlichen Hades. Mache daher, Arbaces, mache das Geschehene wieder gut. Verwandle den Haß in Achtung, die Rache in Dankbarkeit. Erhalte einem Manne das Leben, den du als Nebenbuhler nicht mehr zu fürchten hast. Dieses ist deiner angeborenen Natur angemessen, welche das Hohe und Edle nicht verleugnet.«

»Genug, Jone. Ich will für Glaukus tun, was in meiner Macht steht, aber tadle mich nicht, wenn ich meinen Zweck nicht erreiche. Befrage selbst meine Feinde, ob ich nicht alle möglichen Bemühungen angewendet habe und noch anwende, ihn vom Tode zu retten, und dann wirst du mich gelinder beurteilen. Schlafe ruhig, Jone. Es ist schon spät in der Nacht. Mögest du günstigere Träume von einem Manne haben als bisher, dessen Dasein nur durch das deinige bedingt ist.«

Arbaces entfernte sich schnell, ohne eine Antwort zu erwarten. Vielleicht fürchtete er, durch die innigen Bitten der Jone erweicht zu werden, und er wußte doch, daß es jetzt, da das Volk viel zu erregt, für die Rettung des Atheners zu spät war. Als seine Sklaven ihn auskleideten, erinnerte er sich der Nydia. Er hielt es für notwendig, daß Jone von der Geistesverwirrung ihres Geliebten nicht in Kenntnis gesetzt werde, und vor allem durfte sie nichts von der Anwesenheit der Blinden in seinem Hause wissen. Darum wandte er sich an seinen Freigelassenen. »Kallias,« sagte er, »geh sogleich zum Sosia und sage ihm, daß er unter keinem Vorwande die blinde Sklavin aus ihrem Zimmer lassen solle. Aber höre – zuerst suche die Sklavinnen auf, welche Jone bedienen, und befiel ihnen, ihr nichts davon zu sagen, daß die Blinde unter meinem Dache ist.«

Der Sklave eilte hinaus. Nachdem er seinen Auftrag hinsichtlich der Dienerinnen der Jone erfüllt hatte, suchte er den würdigen Sosia auf. Er fand ihn nicht in der kleinen Kammer, wo sein Bett stand. Er rief laut seinen Namen, und aus dem dicht dabei befindlichen Zimmer Nydias hörte er die Stimme Sosias antworten.

»Oh, Kallias, bist du es? Die Götter seien gelobt! Öffne die Tür, ich bitte dich!«

Der Sklave schob den Riegel zurück, und Sosia stürzte ihm entgegen.

»Was, Sosia, du bist mit dem jungen Mädchen in diesem Zimmer eingeschlossen? Hängen nicht genug reife Früchte an den Bäumen, als daß du –«

»Sage nichts von der kleinen Hexe!« unterbrach ihn Sosia ungeduldig. »Sie wird mich unglücklich machen!« Und er erzählte Kallias die Geschichte von dem Luftgeist und von der Flucht der Thessalierin.

»Nun, so hänge dich nur gleich, unglücklicher Sosia! Ich komme soeben von Arbaces mit dem Auftrage, daß du das Mädchen unter keinem Vorwande auch nur auf einen Augenblick aus diesem Zimmer lassen sollst.«

»Ich Armer!« klagte der Sklave. »Was soll ich beginnen? Doch ich will sie morgen schon finden, verrate mich nur nicht!«

»Ich will alles tun, was die Freundschaft, mit Vorbehalt meiner eigenen Sicherheit, vermag. Aber bist du auch gewiß, daß sie das Haus verließ? Vielleicht ist sie noch irgendwo versteckt?«

»Wie sollte das möglich sein? Sie konnte leicht in den Garten, dessen Tür doch offen stand.«

»Nein, das ist nicht der Fall, denn in derselben Stunde, die du angibst, war Arbaces mit dem Priester Kalenus im Garten. Ich suchte dort einige Kräuter für das morgige Bad meines Herrn. Er hat die Tür hinter sich zugezogen, und ich drehte nachher den Schlüssel herum und zog ihn ab. Hier ist er.«

»Oh, gütiger Bacchus! Ich rief dich doch nicht vergebens an. Laß uns keinen Augenblick verlieren. Wir wollen sogleich in den Garten, vielleicht finden wir sie noch dort!«

Der gutmütige Kallias willigte ein, den Sklaven zu begleiten, und nachdem sie vergeblich die nächsten Zimmer und den Peristyl durchsucht hatten, traten sie in den Garten.

Es war ungefähr um dieselbe Zeit, da Nydia beschlossen hatte, ihr Versteck zu verlassen und ihren Weg fortzusetzen. Zitternd und den Atem anhaltend war sie, vorsichtig dahinschleichend, an die Tür gekommen und fand sie verschlossen. Vor Schreck fast ohnmächtig betastete sie immer wieder von neuem die verhängnisvolle Tür. Und einige Schritte von ihr standen ihre Verfolger und lachten über ihre Enttäuschung und ihre Verzweiflung. Endlich sprangen sie auf sie zu.

»Na, du böses Mädchen, habe ich dich jetzt?« rief Sosia, indem er die Unglückliche ergriff.

Das blinde Mädchen stieß einen gellenden Schrei aus, als sie sich durch ihren Wärter wieder ergriffen fühlte. Es war ihr, als sei dem sinkenden Glaukus das letzte rettende Brett entrissen worden. Sie hatte in einem Kampf zwischen Leben und Tod geschwebt, und der Tod hatte jetzt das Spiel gewonnen.

»Oh, ihr Götter, das Geschrei wird das ganze Haus in Unruhe bringen! Arbaces hat einen leisen Schlaf. Stopfe ihr den Mund!« sagte Kallias.

»Ah, hier ist dasselbe Tuch, mit dem die junge Hexe mich geblendet hat! Komm her, jetzt bist du nicht allein blind, sondern auch stumm.«

Sosia trug die leichte Last in seinen Armen und erreichte bald das Zimmer, aus dem Nydia entflohen war. Indem er den Riegel vorschob, überließ er sie einer Einsamkeit, die ihr so schrecklich sein mußte, als irgendeine der Qualen im Hades es hätte sein können.

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