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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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33.

Erwartungsvoll sah Nydia der Ankunft des nicht weniger ungeduldigen Sofia entgegen. Nachdem er seinen Mut durch ein besseres Getränk als das, welches er dem Dämon hingesetzt, gestärkt hatte, begab er sich in das Zimmer des blinden Mädchens.

»Gut, Sofia, bist du vorbereitet? Hast du das Gefäß mit reinem Wasser?«

»Ja, aber ich zittere etwas. Es ist doch gewiß, daß ich den Dämon nicht sehen werde? Ich habe gehört, daß diese Herren weder schön sind, noch sich durch ein besonders höfliches Benehmen auszeichnen.«

»Beruhige dich! Hast du auch die Gartentür offengelassen?«

»Ja, auch habe ich dort einen kleinen Tisch mit hübschen Nüssen und Äpfeln hingestellt.«

»Das ist gut, und die Tür ist jetzt offen, daß der Dämon hinein kann?«

»Gewiß.«

»Nun, so öffne denn auch diese Tür und lasse sie weit offenstehen. Und jetzt, Sofia, gib mir deine Lampe.«

»Du willst sie doch nicht auslöschen?« »Nein, aber ich muß einen Zauber über ihren Strahl sprechen, denn in dem Feuer ist ein Geist. Setze dich!«

Der Sklave gehorchte; und nachdem Nydia sich einige Augenblicke schweigend über die Lampe geneigt hatte, murmelte sie mit halblauter Stimme und in geheimnisvollen Worten eine Beschwörung, die der Sklave nur mit Schaudern anhören konnte. –

»Das Gespenst kommt gewiß schon«, sagte Sofia. »Ich fühle etwas an meinen Haaren herabgleiten!«

»Setze das Gefäß mit Wasser auf den Boden. Jetzt gib mir ein Tuch, daß ich dir die Augen verbinde.«

»Ah, das ist bei solchen Zaubereien immer gebräuchlich. Aber nicht so fest!«

»So – du kannst doch nichts mehr sehen?«

»Sehen? Nein, beim Jupiter!, nichts als Finsternis.«

»Richte jetzt die Frage, die du tun willst, dreimal in leise flüsterndem Tone an den Geist. Wenn die Antwort bejahend ausfällt, so wirst du das Wasser brausen und sprudeln hören, wenn aber das Wasser still bleibt, so bedeutet dies eine verneinende Antwort.«

»Aber du wirst doch nicht mit dem Wasser irgendein Kunststück machen?«

»Ich will das Gefäß unter deine Füße stellen – so. Jetzt kann ich es ohne dein Wissen nicht berühren.«

»Ja, das ist gut. Jetzt, o Bacchus, stehe mir bei! Und du, geheimnisvoller Geist, schenke mir gnädig Gehör. – Werde ich in dem kommenden Jahre meine Freiheit erkaufen können? Du, der du in der Luft lebst, kennst sicher die Geheimnisse dieses Hauses. Du weißt, daß ich seit den drei letzten Jahren alles gestohlen habe, was mir unter die Finger kam, wenn der Diebstahl nicht füglich entdeckt werden konnte, und doch fehlen mir noch 2000 Sesterzen an der vollen Summe. Wird es mir möglich sein, o guter Geist, das Fehlende im Laufe dieses Jahres zu ergänzen? Sprich! Ah, sprudelt das Wasser? Nein, alles ist still wie ein Grab. Gut, wenn nicht in diesem Jahre, dann doch in zwei Jahren? – Ach, ich höre etwas, jetzt kratzt der Dämon schon an der Tür, er wird gleich eintreten. In zwei Jahren, das ist eine gute Zeit. Was, läßt sich noch nichts hören? Nun, drittehalb Jahr, drei, vier? Du bist aber sehr stumm, Freund Dämon, man sieht wohl, daß du kein Mädchen bist, sonst würdest du nicht so lange schweigen. Fünf – sechs – sechzig Jahre? Jetzt frage ich aber, beim Pluto!, nicht mehr.«

In seiner Wut stieß Sofia das Gefäß um, daß ihm das Wasser über die Füße floß. Darauf machte er sich mit vieler Mühe aus dem Tuche los, in das sein Kopf ganz eingehüllt war, und als er die Augen jetzt aufschlug, sah er, daß er im Dunkeln war. »Was, ho, Nydia! Die Lampe ist ausgegangen. Ah, Verräterin, und du bist auch gegangen, aber ich will dich schon wiederfinden. Du sollst mir dafür büßen!«

Der Sklave tappte der Tür zu, sie war von außen verriegelt. Er war jetzt eingesperrt statt der Nydia. Was sollte er aber anfangen? Er wagte es nicht, laut zu klopfen oder zu rufen, weil er besorgte, Arbaces werde ihn hören und entdecken, wie er überlistet worden sei. Und Nydia hatte wahrscheinlich jetzt schon die Gartentür erreicht und war auf der Flucht. »Aber«, dachte er, »sie wird nach Haufe gehen oder irgendwo in der Stadt aufzufinden sein. Morgen bei Tagesanbruch, wenn die Sklaven im Peristyl an der Arbeit sind, können sie mich hören, und dann kann ich auch das schlaue Mädchen wieder einfangen! Ich werde sie schon finden, bevor Arbaces ein Wort von der Geschichte erfährt. Ja, das ist der beste Plan.«

Währenddessen hatte Nydia mit jener merkwürdigen Gewandtheit, die den Blinden eigen ist, sich durch das Peristyl geschlichen, den schmalen Gang gefunden, der in den Garten führte, und war eben, mit klopfendem Herzen, im Begriff, nach der Tür zu gehen, die ins Freie ging, als sie plötzlich Schritte und die gefürchtete Stimme des Arbaces hörte. Sie besann sich einen Augenblick, dann fiel ihr ein, daß noch ein anderer Ausgang vorhanden sei, der jedoch selten benutzt wurde, außer von den schönen Teilnehmerinnen an den geheimen Festen des Ägypters. Vielleicht konnte zufällig jene Tür offen sein. Bei diesem Gedanken zog sie sich schnell wieder zurück, stieg die schmalen Stufen zur rechten Seite hinab und befand sich bald in dem Gange, der nach jener Tür führte. Ach, sie war verschlossen, und während sie sich noch davon überzeugte, hörte sie hinter sich die Stimme des Kalenus und kurz darauf die des Arbaces. Sie konnte nicht bleiben, wo sie stand, denn wahrscheinlich beabsichtigten die beiden, denselben Weg zu nehmen. Sie trat zur Seite und fühlte, daß hier eine Treppe hinabführe. Sie stieg hinab.

Die Luft war unten dumpf und kalt, dieses beruhigte sie. Sie glaubte, sie sei in den Keller oder wenigstens an irgendeinen einsamen Ort geraten, den der stolze Besitzer des Hauses schwerlich besuchen werde, als sie schon wieder Schritte und Stimmen hörte. Sie drang weiter vor, indem sie die Hände ausstreckte, mit denen sie oft dicke, massive Pfeiler berührte. Mit einer durch die Furcht verdoppelten Vorsicht setzte sie ihren Weg fort, die Luft wurde immer dumpfiger, aber wenn sie dann und wann anhielt, um Atem zu schöpfen, hörte sie immer noch Schritte und leise Töne in einiger Entfernung hinter sich. Endlich stieß sie an eine Mauer, so daß sie nicht weiterkonnte. War hier nicht irgendein Versteck, wo sie sich verbergen konnte? Keine Vertiefung? Keine Öffnung? – Sie fand keine. Verzweifelnd rang sie die Hände. Als die Stimmen sich ihr aber immer mehr näherten, schlich sie längs der Mauer fort, bis sie plötzlich im letzten Augenblick an einen Strebepfeiler stieß, neben den sie sich dicht in eine Ecke drückte. Arbaces und der Priester nahmen inzwischen ihren Weg nach der Kammer, deren Schätze der Ägypter so glänzend beschrieben hatte. Sie befanden sich in einer geräumigen unterirdischen Halle, und die trübe brennende Lampe, welche Arbaces trug, warf nur einen schwachen Strahl über die kahlen Wände, in denen die unbehauenen Steine unregelmäßig übereinandergelegt waren.

Kalenus schauderte, als er sich umsah und die dumpfe, ungesunde Lust einatmete.

»Und doch«, sagte Arbaces lächelnd, indem er seine Ängstlichkeit bemerkte, »sind es diese unheimlichen Gewölbe, denen die glänzenden Hallen dort oben alle ihre Kostbarkeiten zu verdanken haben.«

»Und wohin führt jener dunkle Gang links?« fragte Kalenus. »Er scheint tief in die Erde zu gehen, als wenn er sich in den Hades wände.«

»Im Gegenteil, er führt in die Oberwelt«, erwiderte Arbaces unbefangen. »Wir müssen unsere Schatzkammer rechter Hand suchen.«

Diese Halle verzweigte sich, so wie viele in den bewohnteren Teilen Pompejis, in zwei Flügel oder Gänge, und die beiden Genossen wandten sich jetzt nach dem, der zur rechten Seite lag. Endlich blieb der Ägypter stehen, und seine Lampe beschien eine kleine, tief in der Mauer befindliche, mit eisernen Reifen und großen Riegeln stark beschlagene Tür. Arbaces zog jetzt aus seinem Gürtel einen kleinen Ring, an dem drei oder vier kurze, aber starke Schlüssel befestigt waren. Oh, wie schlug das Herz des Kalenus vor Erwartung und Habsucht, als die rostigen Riegel zurückgeschoben wurden.

»Tritt ein, mein Freund«, sagte Arbaces. «Ich werde die Lampe in die Höhe halten, daß du deine Augen an dem Glanze weiden kannst, der dir entgegenstrahlen wird.«

Der ungeduldige Kalenus ließ sich nicht zweimal einladen und eilte auf die Öffnung zu. Kaum aber hatte er die Schwelle betreten, als die kräftige Faust des Arbaces ihn vorwärts stieß.

»Jetzt kannst du alles verraten!« rief der Ägypter mit lautem, frohlockendem Gelächter und verschloß schnell die Tür hinter dem Priester.

Kalenus war mehrere Stufen hinabgestürzt, da er jedoch die durch seinen Fall veranlaßten Verletzungen im ersten Augenblick nicht fühlte, so sprang er wieder auf und gegen die Tür zu, schlug mit geballter Faust an dieselbe und brüllte mit einer mehr tierischen als menschlichen Stimme, so fürchterlich war seine Verzweiflung.

»Oh, erlöse mich – lasse mich frei«, sagte er. »Ich will ja kein Gold haben.«

Die Worte drangen nur unvollkommen durch die feste Tür, und Arbaces schlug wieder ein lautes Gelächter auf. Darauf stampfte er, endlich seinen so lange zurückgedrängten Leidenschaften einen Ausbruch vergönnend, heftig mit dem Fuß.

»Alles Gold Dalmatiens«, sagte er, »wird dir jetzt kein Stück trockenen Brotes erkaufen können. Verhungere, Elender! Dein Sterbegewinsel wird durch diese dichten Mauern nicht dringen. Auch wird die Luft es nie verraten, wenn du hier in deinem verzweifelten Hunger dir das eigene Fleisch von den Gebeinen nagst, daß so der Mann umgekommen ist, der Arbaces zu drohen wagte! Lebewohl!«

»Oh, Mitleiden! Gnade! Unmenschlicher Bösewicht! Ist das der Dank?«

Arbaces gab keine Antwort weiter, da er schon auf dem Rückwege war. Nach einer Weile blieb er stehen und horchte aufmerksam. Das durch die dichte Tür gedämpfte Geschrei des Kalenus tönte schwach und dumpf an seine Ohren.

»Du kannst lange rufen«, dachte er. »Meine Sklaven werden dich nicht hören, denn sie kommen nicht in diesen Teil des Kellers. Auch wird deine Stimme bald so schwach sein, daß man sie überhaupt nicht mehr hört. Bei der Isis, es ist kalt! Ich sehne mich nach einem tüchtigen Trunk gewürzten Falerners.«

Der gewissenlose Ägypter zog jetzt sein Gewand dichter um sich und eilte fort aus diesen unheimlichen Räumen, er ahnte nicht, daß ein Zeuge bei dem Vorgefallenen zugegen gewesen.

Es waren für die in der Nische versteckte Nydia entsetzliche und doch auch hoffnungsreiche Worte gewesen, die sie gehört hatte. Am nächsten Tage sollte Glaukus verurteilt werden, aber es lebte ein Mann, der ihn retten und auf Arbaces sein Los übertragen konnte, und dieser Mann atmete nur einige Schritte von ihr! Sie hörte sein Geschrei und sein Wüten, seine Flüche und seine Bitten, wenn auch nur gedämpft und gebrochen. Er war eingesperrt, doch sie wußte wo. Konnte sie nur entrinnen und den Prätor aufsuchen, so war es möglich, den Athener durch seine Aussagen noch zu retten. Ihre Gefühle überwältigten sie fast, aber sie sammelte alle ihre Kräfte, um ihr Bewußtsein zu behaupten, und nachdem sie einige Minuten aufmerksam gehorcht hatte, bis sie überzeugt war, daß Arbaces fort sei, schlich sie den Tönen, die aus jener schrecklichen Kammer hervordrangen, nach, bis sie die Tür erreicht hatte. Hier hörte sie deutlicher jene Ausbrüche der Wut und Verzweiflung. Dreimal versuchte sie vergeblich, durch die dicke Tür sich verständlich zu machen. Endlich fand sie das Schlüsselloch, drückte ihre Lippen an dasselbe, und der Gefangene hörte durch eine sanfte Stimme deutlich seinen Namen rufen.

Sein Blut erstarrte, seine Haare sträubten sich empor. Welches geheimnisvolle und übernatürliche Wesen konnte diese furchtbare Einsamkeit beleben?

»Wer ist da?« rief er. »Welches Gespenst, welcher Geist ruft den unglücklichen Kalenus?«

»Priester«, erwiderte die Thessalierin. »Ich war durch den Ratschluß der Götter, ohne daß Arbaces es wußte, ein Zeuge seiner Schändlichkeit. Wenn es mir gelingt, von hier zu entrinnen, so kann ich auch dich retten. Aber antworte mir durch die Öffnung auf meine Fragen.«

»Ah, gesegnet seist du«, sagte der Priester. »Rette mich, und ich will gern selbst die Gefäße auf dem Altar verkaufen, um diesen Dienst zu belohnen.«

»Ich bedarf nicht deines Geldes, sondern nur deines Geheimnisses. Hörte ich recht? Kannst du dem Athener Glaukus das Leben retten?«

»Ich kann – ich kann. Deshalb hat ja Arbaces mich eingesperrt und dem Hungertode übergeben. Mögen die Furien den verruchten Ägypter dafür bestrafen!«

»Man beschuldigt den Athener eines Mordes. Kannst du diese Anklage widerlegen?«

»Erlöse mich nur, und das stolzeste Haupt in Pompeji ist nicht freier als das seinige. Ich sah die Tat vollbringen durch Arbaces. Ich kann den wahren Mörder überführen und den Unschuldigen retten. Wenn ich aber untergehe, so muß auch er sterben.«

»Und du willst öffentliches Zeugnis von allem ablegen, was du weißt?«

»Ob ich will? Und wenn die Qualen der Unterwelt mir drohten! Rache gegen den falschen Ägypter – Rache! Rache!«

Nydia fühlte, als Kalenus diese Worte zwischen den Zähnen knirschte, daß die Gewißheit der Rettung des Atheners durch die heftigsten Leidenschaften des Priesters gesichert sei. Ihr Herz klopfte. Sollte es ihr vergönnt sein oder nicht, ihren Angebeteten zu retten? »Die Mächte, die mich bis hierher leiteten,« sagte sie, »werden mich auch ferner schützen. Ja, ich hoffe, daß ich dich retten werde. Beruhige dich und fasse Mut!«

»Aber sei vorsichtig! Versuche es nicht, das menschliche Gefühl des Arbaces in Anspruch zu nehmen, sein Herz ist von Marmor. Suche den Prätor auf, teile ihm mit, was du weißt. Bitte ihn, daß er Soldaten und Schmiede hierher schicke, diese Schlösser sind wunderbar fest. Die Zeit entrinnt, ich kann verhungern, wenn du nicht eilst!«

Nydia schlich sich jetzt eiligst fort und tastete mit ausgestreckten Armen an den Pfeilern umher, bis sie das Ende der Halle gefunden hatte und in den Gang gelangt war, der nach oben führte. Hier verweilte sie jedoch, es schien ihr sicherer, so lange zu warten, bis vorauszusehen sei, daß im Hause alles im tiefen Schlafe liege und sie durch niemand mehr beobachtet werden könne. Sie setzte sich daher auf eine Stufe der Treppe. In ihrem Herzen war jetzt Freude das vorherrschende Gefühl. Glaukus war in Lebensgefahr, aber sie konnte ihn retten!

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