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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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31.

Als die Thessalierin sich überzeugte, daß Arbaces nicht zurückkehrte, als sie eine Stunde nach der anderen jene Qualen der Erwartung dulden mußte, die ihre Blindheit doppelt unausstehlich machten, begann sie mit ausgestreckten Armen in ihrem Gefängnis umherzufühlen, ob sie nicht irgendeinen Ausweg finden könne, und da die einzige Tür des Zimmers verschlossen war, schrie sie laut, und mit dem Ungestüm eines von Natur schon heftigen Temperaments, das durch die Verzweiflung über ihren hilflosen Zustand noch erhöht wurde.

»Ho, Mädchen!« sagte der Sklave, der sie bewachen sollte, indem er die Tür öffnete. »Hat dich ein Skorpion gebissen, oder denkst du, daß wir die Ruhe hier nicht vertragen können?«

»Wo ist dein Herr? Und weshalb bin ich hier eingesperrt? Laß mich gehen!«

»Ach, Kleine, kennst du Arbaces so wenig, daß du nicht weißt, wie gebieterisch sein Wille ist? Er hat befohlen, daß du eingesperrt bleibst, und eingesperrt bist du, und ich muß dich bewachen. Frische Luft und Freiheit darf ich dir nicht gestatten, aber du kannst etwas weit Besseres haben – Essen und Trinken!«

»Aber weshalb läßt man mich nicht fort?« fragte das Mädchen, indem sie die Hände rang. »Was kann der große Arbaces von einem so armen Geschöpf, wie ich bin, wollen?«

»Das weiß ich nicht; es sei denn, daß du deiner Gebieterin aufwarten sollst, die heute hierher gebracht wurde.«

»Was, Jone ist in diesem Hause?«

»Ja, armes Kind! Es scheint ihr auch hier nicht sonderlich zu gefallen, obgleich Arbaces ein sehr artiger Mann gegen Frauenzimmer ist. Jone ist, wie du weißt, seine Mündel.«

»Kann ich nicht zu ihr?«

»Sie ist krank und wild vor Wut. Außerdem habe ich keinen Befehl, dich zu ihr zu bringen, und ich handle niemals ohne Befehl. Als Arbaces mich über diese Zimmer setzte, sagte er: ›Ich habe dir bloß eine Lehre zu geben, solange du mir dienst, mußt du weder Ohren noch Augen noch eigene Gedanken haben; ich verlange nur eine Eigenschaft von dir – Gehorsam!‹«

»Was kann es denn schaden, wenn du mich zu Jone führst?«

»Das weiß ich nicht, aber wenn du dich nach Gesellschaft sehnst, so will ich mit dir plaudern, Kleine, denn ich bin einsam genug in meinem Stübchen. Und du bist ja eine Thessalierin, kannst du nicht wahrsagen, wie die meisten deiner Landsmänninnen, daß wir uns die Zeit damit vertreiben?«

»Laß mich zufrieden, Sklave, oder wenn du noch sprechen willst, was hast du von dem Zustand des Glaukus gehört?«

»Ei nun, mein Herr ist in das Verhör des Atheners gegangen. Glaukus wird für die Ermordung des Priesters Apäcides sicherlich zu büßen haben.«

Nydia schrak auf. »Wie?« fragte sie. »Ich habe allerdings etwas davon gehört, aber ich verstand es nicht. Aber wer wird es wagen, ein Haar auf seinem Haupte zu berühren?« »Ich fürchte, der Löwe wird es tun, oder vielleicht auch der Tiger.«

Nydia sprang empor, als wenn ein Pfeil ihr herz durchbohrt hätte. Sie stieß einen durchdringenden Schrei aus, und indem sie vor dem Sklaven niedersank, sagte sie in einem Tone, der selbst sein rohes Herz erschütterte: »Oh, sage mir, daß du scherzest, daß du die Unwahrheit redest. Sprich, sprich!«

»Bei meiner Treu', blindes Mädchen, ich kenne nichts von den Gesetzen. Es ist vielleicht nicht so schlimm, als man sagt. Aber Arbaces ist sein Ankläger, und das Volk wünscht ein Opfer für das Amphitheater. Doch was kümmert dich das Schicksal des Atheners?«

»Ich bin ihm Dank schuldig. Du weißt also nicht, was geschehen wird? Arbaces sein Ankläger! – Oh, was soll ich tun?« Das arme Mädchen ließ den Kopf auf den Busen sinken, sie versank in tiefes Schweigen. Heiße Tränen flossen ihre Wangen hinunter, und alle freundlichen Bemühungen des Sklaven, sie zu trösten oder aus ihrer Träumerei zu erwecken, waren vergebens.

Als ihr Aufseher, um seine häuslichen Pflichten wahrzunehmen, das Zimmer verlassen mußte, sammelte Nydia ihre Gedanken wieder. Arbaces war der Ankläger des Glaukus, Arbaces hatte sie hier eingesperrt. War dieses nicht ein Beweis, daß er glaubte, sie könne Glaukus nützlich sein? Ja, sie war offenbar in eine Falle gelockt; sie sollte mit beitragen zu dem Untergange ihres Geliebten! Aber sie mußte das verhindern, sie mußte einen Weg in die Freiheit finden. Zum Glück besaß sie vieles von der Verstellungsgabe ihres Geschlechts, und diese war durch ihre frühere Dienstbarkeit noch genährt worden. Sie beschloß, zu versuchen, ob sie ihren Wärter nicht täuschen könne, und indem sie sich plötzlich seiner abergläubischen Frage in Beziehung auf ihre thessalischen Künste erinnerte, hoffte sie, durch dieses Mittel zu ihrem Zweck zu gelangen. Diese Gedanken beschäftigten ihr Gemüt während des übrigen Teils des Tages und in den langen Stunden der Nacht, und als Sofia am anderen Morgen zu ihr kam, beeilte sie sich, seiner Geschwätzigkeit jene Richtung zu geben, die sie früher so sehr zu vermeiden gesucht hatte.

Sie wußte jedoch, daß die Flucht ihr nur in der Nacht gelingen könne, und sie mußte daher mit bitterem Widerstreben sich bis dahin gedulden.

»Die Nacht«, sagte sie zum Sklaven, »ist die einzige Zeit, in welcher wir die Beschlüsse des Geschicks entziffern können. Dann mußt du zu mir kommen. Aber was willst du wissen?«

»Beim Pollux, wissen möchte ich manches. Vor allem aber laß mich erfahren, wann ich Geld genug haben werde, um meine Freiheit zu erkaufen, oder ob dieser Ägypter sie mir umsonst schenken wird. Bisweilen ist er großmütig. Sodann möchte ich wissen, ob ich jenen hübschen Laden in der Vorstadt bekommen werde, den ich schon so lange im Auge habe. Mit Wohlgerüchen zu handeln ist meine Sehnsucht!«

»Es gibt mehrere Arten von Zauberei, um auf diese Fragen Antwort zu erhalten. Aber ich denke, die einfachste Zauberei, um deinen Wunsch zu befriedigen, wird die Magie der Luft sein.«

»Ich hoffe,« sagte Sofia zitternd, »daß keine schrecklichen Erscheinungen dabei stattfinden? Ich sehe nicht gern Gespenster.«

»Sei unbesorgt, du wirst nichts sehen. Du hörst bloß an dem Brausen des Wassers, ob deine Frage bejaht wird. Vor allen Dingen mußt du, sobald der Abendstern am Himmel erscheint, die Gartentür etwas offen lassen, damit der Dämon eintreten könne. Dann mußt du auch Früchte und Wasser als ein Zeichen der Gastfreundschaft dorthin stellen und drei Stunden nach dem Zwielicht mit einem Gefäß voll kalten, reinen Wassers hierher kommen, und dann wirst du alles nach dem thessalischen Gebrauch, wie ich ihn von meiner Mutter gelernt habe, erfahren. Aber vergiß nicht, die Gartentür offenzulassen – davon hängt alles ab. Sie muß, von der Zeit an, da du zu mir kommst, drei Stunden lang offenstehen.«

»Sei unbesorgt«, erwiderte der nichts Böses ahnende Sofia. »Ich weiß, wie einem ordentlichen Mann zumute ist, wenn eine Tür ihm vor der Nase verschlossen bleibt, so wie es mir lange Zeit mit der Tür der Küche gegangen ist. Auch weiß ich, daß einer angesehenen Person, wie ein Dämon ohne Zweifel ist, ein kleiner Beweis höflicher Gastfreundschaft nur angenehm sein kann, übrigens bringe ich dir auch hier dein Frühstück, Kleine.«

»Und wie geht es mit dem Verhör?«

»Oh, die Richter sind immer noch da und schwatzen, sprechen. Es wird wohl das Urteil erst morgen erfolgen.«

»Morgen, weißt du das gewiß?«

»Man sagt es.«

»Und Jone?«

»Beim Bacchus! Sie muß nicht mehr sonderlich krank sein, denn sie war heute morgen wieder stark genug, um meinen Herrn ganz wütend zu machen. Ich sah ihn wenigstens wild genug aus ihrem Zimmer kommen.«

»Befindet sie sich hier in der Nähe? « »Nein, in den oberen Zimmern. Aber ich darf hier nicht länger plaudern. Lebewohl!«

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