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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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30.

Nydia war dem Arbaces in seine Wohnung gefolgt, und dort erfuhr er das Geständnis ihrer Verzweiflung und Reue, daß nämlich sie Glaukus den schrecklichen Trunk beigebracht habe und nicht Julia. Zu jeder anderen Zeit würde es dem Ägypter vielleicht ein philosophisches Interesse gewährt haben, den Ursprung und das Wesen jener heftigen Leidenschaft zu verfolgen, welche dieses seltsame Mädchen in ihrer Blindheit und Sklaverei genährt hatte, aber jetzt war er zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Als die arme Nydia nach ihrem Bekenntnis vor ihm auf die Knie sank und ihn anflehte, die Gesundheit des Glaukus wiederherzustellen und sein Lehen zu retten, denn in ihrer Unerfahrenheit hielt sie den finsteren Zauberer für mächtig genug, beides zu bewirken, überlegte Arbaces bei sich selbst, wie er am sichersten das blinde Mädchen in seinem Hause gefangen halten könne, bis das Schicksal des Griechen entschieden sei. Bisher war ihm Nydia schon deshalb gefährlich erschienen, weil sie um die Beschaffung des Liebestrankes wußte und vielleicht als Zeuge verraten konnte, auf welche Weise Glaukus den Gebrauch seiner Vernunft verloren hatte. Jetzt aber, da sie Glaukus liebte und ihm den Trank beigebracht hatte, war es fast sicher, daß sie selbst mit Überwindung ihres Schamgefühls danach streben würde, ihren Fehler wieder gutzumachen und ihren Geliebten auf irgendeine Weise zu retten. Wie unwürdig seines Standes und Rufes wäre es auch für Arbaces gewesen, als ein Kuppler für die Leidenschaft der Julia zu erscheinen und sich mit den Zaubereien der Hexe des Vesuvs in Verbindung gesetzt zu sehen! Kein anderer Grund hätte ihn vermögen können, das Geständnis der Julia zu veranlassen, als der Wunsch, Glaukus möchte sich selbst als den Mörder des Apäcides angeben, weil dieses für die eigene Sicherheit des Ägypters und für den günstigen Erfolg seines Verhältnisses zu Jone der zweckmäßigste Ausweg gewesen sein würde.

Nydia, die infolge ihrer Blindheit vieles aus dem wirklichen Leben nicht kannte und als Sklavin und Fremde auch der römischen Gesetze unkundig war, dachte mehr an die Krankheit und die Geistesverwirrung des Atheners als an das Verbrechen, dessen er beschuldigt war, oder an die Gefahren, welche aus der bevorstehenden Untersuchung für ihn sich vielleicht ergeben könnten. Was wußte die arme Unglückliche, mit der niemand sprach, deren sich kein Mensch annahm, von dem Senat und dem Urteil, von der Wildheit des Volkes, der Arena und dem Rachen des Löwen? In Glaukus verkörperte sich für ihre Vorstellung alles Erhabene, Schöne und Große, und sie konnte sich gar nicht denken, daß ihn irgendeine Gefahr, außer der, die sie durch das Übermaß ihrer Liebe selbst herbeigeführt hatte, je bedrohen konnte. Nur, um seine zerstörte Gesundheit wiederherzustellen, an der sie die Schuld trug, hatten sie die Hilfe des großen Ägypters in Anspruch genommen.

»Kind,« sagte Arbaces, indem er aus seiner Träumerei erwachte, »du mußt hierbleiben. Es paßt sich nicht für dich, in den Straßen umherzuirren und durch rohe Sklaven von den Schwellen fremder Käufer gestoßen zu werden. Ich fühle Nachsicht mit deinem ohne böse Absicht begangenen Verbrechen, ich will alles tun, um seine Folgen unschädlich zu machen. Bleibe einige Tage ruhig bei mir, und Glaukus soll wiederhergestellt werden.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, eilte er, nachdem er dieses gesprochen, aus dem Zimmer, schob den Riegel vor die Tür und überwies seine Gefangene der Aufsicht und Wachsamkeit eines Sklaven.

Einsam und nachdenkend erwartete er jetzt den Anbruch des Morgens und traf alle nötigen Anstalten, um, wie wir gesehen haben, sich der Person der Jone zu bemächtigen.

Seine erste Absicht in bezug auf die unglückliche Neapolitanerin war jene, die er dem Klodius mitgeteilt hatte, nämlich es zu verhindern, daß sie tätig in die gerichtliche Untersuchung wegen der Anklage des Glaukus eingreife, und auch ihrer Klage gegen ihn, wegen seines früheren gewalttätigen Angriffes gegen sie, seine Mündel, zuvorzukommen. Durch eine solche Klage wären sicherlich die Gründe seiner Rachsucht gegen Glaukus sowie sein eigener hinterlistiger und heuchlerischer Charakter offenbart worden und sein Zeugnis gegen den Athener sehr verdächtig erschienen. Erst nachdem er an jenem Morgen die lauten Anklagen der Jone gehört hatte, überzeugte er sich, daß infolge ihres Verdachts, er selbst sei der Mörder ihres Bruders, ihm auch noch eine andere Gefahr drohe. Er frohlockte jetzt, daß sein Anschlag gelungen, daß ein Wesen, welches der Gegenstand seiner Leidenschaft und seiner Furcht zugleich war, in seiner Gewalt sei. Er glaubte nun mehr als jemals an die günstigen Weissagungen der Sterne, und als er Jone in dem Zimmer seines geheimnisvollen Hauses, welches er ihr angewiesen, aufsuchte, als er sie durch so viele, sich unmittelbar aufeinanderfolgende Schläge des Schicksals überwältigt fand, als sie von einem krampfhaften Anfall in den anderen, von der Heftigkeit der Leidenschaft in den der Erschöpfung geriet, da entzückte ihn doch noch mehr ihre Lieblichkeit, welche kein Wahnsinn entstellen konnte, als ihre Qualen ihn rührten, deren Urheber er war. Mit jener Eitelkeit, die Männern eigen ist, welche in ihrem Leben fortwährend durch das Glück und die Liebe begünstigt wurden, schmeichelte er sich der Hoffnung, daß, wenn Glaukus vernichtet, wenn sein Name durch ein richterliches Urteil feierlich gebrandmarkt, sein Anspruch auf ihre Liebe für immer durch das Todesurteil wegen der Ermordung ihres eigenen Bruders unmöglich geworden sei, ihre Neigung sich in Abscheu verwandeln würde. Und Arbaces hielt es für sicher, daß er dann durch seine Zärtlichkeit und Leidenschaft ihr Herz gewinnen werde.

Bei alledem quälte ihn aber jene Ängstlichkeit und Unruhe, die vor der Möglichkeit der Entdeckung zittert, jene Furcht vor den Folgen der Tat, welche oft für die Reue selbst gehalten wird. Er sehnte sich, eine Gegend zu verlassen, wo die Gefahr mit dem Toten vielleicht noch nicht begraben sein konnte, und da er jetzt des Besitzes der Jone versichert war, so beschloß er, sobald er die letzten Todeszuckungen seines Nebenbuhlers gesehen habe, mit seinem Reichtum und mit ihr, dem kostbarsten seiner Schätze, irgendeinen entfernten Aufenthalt zu suchen.

Zunächst aber mußte er jetzt dem Verhör des Atheners beiwohnen. Die bleiche und eingefallene Wange seines Schlachtopfers rührte ihn weniger, als dessen Kühnheit und Unerschrockenheit, denn Arbaces fühlte nur wenig Teilnahme für das Unglück, aber desto mehr für den Mut. Hätte er nur von Glaukus die Unterzeichnung seines Bekenntnisses erhalten, das, mehr als irgendein gerichtliches Urteil, den Athener aus dem Herzen der Jone verdrängt und die Möglichkeit einer dereinstigen Entdeckung für Arbaces entfernt haben würde, so hätte er alle seine Kräfte aufgeboten, ihn zu retten. Selbst jetzt war sein Haß schon verraucht, seine Rachsucht abgekühlt, er vernichtete seine Beute nicht aus Feindschaft, sondern als ein ihm im Wege stehendes Hindernis. Er war aber deshalb um nichts weniger listig und ausdauernd in dem Plan, den Untergang eines Mannes zu bewirken, dessen Tod ihm für die Erreichung seiner Zwecke unbedingt notwendig erschien, und während er mit scheinbarem Mitleid ein Zeugnis gegen Glaukus ablegte, das diesen unbedingt verdammen mußte, wiegelte er zugleich und im geheimen mit Hilfe der Priester die Volksleidenschaften auf, damit sich nur ja keine menschlichen Rücksichten beim Senat durchsetzen konnten. Er war auch bei Julia gewesen und hatte ihr das Bekenntnis der Nydia mitgeteilt, wodurch es ihm gelang, die Gewissensbisse einzuschläfern, welche jene vermocht haben könnten, das Verbrechen des Glaukus zu mildern, indem sie die Gründe angab, welche seine Geistesverwirrung veranlaßt hatten; und dieses gelang Arbaces um so leichter, da die eitle Julia nicht Glaukus selbst, sondern nur sein Glück und seinen Ruf geliebt hatte. Veränderlich und leichtsinnig, begann sie bereits, dem dringenden Anliegen des Klodius Gehör zu schenken, und war nicht geneigt, einer Verbindung mit jenem zwar vornehmen, aber nichtswürdigen Menschen durch ein öffentliches Bekenntnis ihrer früheren Schwäche und Leidenschaft für einen anderen selbst Hindernisse in den Weg zu stellen. Alle Umstände waren jetzt ebenso günstig für Arbaces wie verzweifelt für den Athener.

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