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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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3.

Arbaces, der Ägypter, war, als er Glaukus und seinen Gefährten am Meeresstrand verlassen hatte, nach dem belebteren Teil der Bucht gegangen. Dort blieb er stehen und blickte mit übereinandergeschlagenen Armen und finsterem Blick auf das bewegte Treiben.

»Toren, Kurzsichtige, Narren, die ihr seid!« murmelte er bei sich selbst. »Mögt ihr Geschäfte oder Vergnügen, Handel oder Religion betreiben, immer seid ihr Sklaven der Leidenschaften, die ihr beherrschen solltet! Wie könnte ich euch verachten, wenn ich euch nicht haßte – ja, haßte! Griechen oder Römer, gleichviel – von uns, den geheimen Schätzen der Weisheit Ägyptens, habt ihr das Feuer entwendet, welches euch Seelen verleiht – euer Wissen – eure Dichtkunst – eure Gesetze – eure Künste – eure barbarische Überlegenheit im Kriege – ihr habt sie uns gestohlen, wie ein Sklave die Überbleibsel eines Gastmahls! Und jetzt, ihr Räuber, seid ihr unsere Herren, und die Pyramiden schauen nicht mehr herab auf das Geschlecht des Ramses. Aber mein Geist bezwingt euch doch durch die Macht seiner Weisheit, wenn auch die Fesseln unsichtbar sind. Solange List die Gewalt zu besiegen vermag, solange der Religion eine Höhle bleibt, aus der Orakel die Menschen täuschen können, so lange beherrschen Weise die Welt. Selbst eure Laster benutzt Arbaces für seine Genüsse – Genüsse, die uneingeweihten Augen verborgen bleiben – reiche, unerschöpfliche Genüsse, welche euer entnervter Geist in dumpfer Sinnlichkeit weder begreifen kann noch sich träumen läßt! Meine Macht geht so weit, als die Menschen glauben. Ich beherrsche selbst Männer, die sich in Purpur kleiden. Theben möge gefallen, Ägypten nur ein Name sein; in der ganzen Welt findet Arbaces seine Untertanen!«

Indem er so sprach, schritt der Ägypter langsam weiter, und als er in die Stadt trat, ragte seine schlanke Figur über der auf dem Forum versammelten Menge hervor, und er wandte sich nach dem kleinen, doch anmutigen, der Isis geweihten Tempel.

Dieses Gebäude war erst vor kurzem an Stelle eines andern, durch ein Erdbeben vor sechzehn Jahren zerstörten Tempels errichtet worden und erfreute sich bei den Pompejanern einer großen Beliebtheit. Die Orakel der Isis wurden in einer geheimnisvollen Sprache erteilt, waren aber das Ergebnis tiefer Menschenkenntnis. Sie entsprachen vollkommen den jedesmaligen persönlichen Verhältnissen und bildeten einen entschiedenen Gegensatz zu der leeren Allgemeinheit, die in den Sprüchen anderer Gottheiten obwaltete.

Als Arbaces an die Schranken gelangte, welche den profanen Teil des Tempels von dem geheiligten trennten, fand er eine Menge Menschen aus allen Klassen, besonders aber vom Kaufmannsstande, vor den Altären in dem offenen Hofe in stiller Andacht und Ehrfurcht versammelt. In den Wänden der Cella, zu welcher sieben Stufen von parischem Marmor führten, standen mehrere Statuen in Nischen, und diese Wände waren mit dem der Isis geheiligten Granatapfel geziert. Auf einem Piedestal in dem Innern des Gebäudes standen zwei Statuen, nämlich die der Isis und ihres Gefährten, des schweigsamen und geheimnisvollen Orus. Noch viele andere Statuen bildeten den Hofstaat der ägyptischen Gottheit; der ihr verwandte und vielnamige Bacchus und die zyprische Venus, wie sie aus dem Bade stieg, eine griechische Nachahmung ihrer selbst, und Anubis mit dem Hundekopf, der Stier Apis und mehrere ägyptische Götzenbilder von seltsamer Form und unbekannter Benennung.

Natürlich wurde in den süditalienischen Städten Isis nicht mit den Zeremonien und Formen verehrt wie in Ägypten. Die eingeborenen wie die vermischten Nationen des Südens verwechselten mit ebensoviel Übermut als Unwissenheit den Kultus aller Zeiten und Länder. Auch die düsteren Geheimnisse des Nils wurden durch vielfache leichtsinnige Beimischungen aus den Glaubensbekenntnissen an dem Cephisus und der Tiber verunstaltet und entwürdigt. Den Tempel der Isis zu Pompeji bedienten römische und griechische Priester, die sowohl der Sprache als der Gebräuche ihrer früheren Verehrer unkundig waren, und der Abkömmling jener ehrwürdigen ägyptischen Könige mußte, trotz des Scheins tiefer Ehrfurcht, den er beobachtete, oft im geheimen über die kleinlichen Spielereien lachen, welche die feierliche und ernste Götterverehrung jenes glühenden Klimas darstellen sollten.

In zwei Reihen standen auf den Stufen die Opferpriester, gekleidet in weiße Gewänder, und oben zwei untergeordnete Priester, von denen der eine einen Palmzweig, der andere ein kleines, mit Getreide gefülltes Gefäß in der Hand hielt. Auf dem kleinen Raume im Vordergrunde drängten sich die Verehrer der Isis.

»Was führt euch zu den Altären der heiligen Isis?« fragte Arbaces leise einen dieser Verehrer, der offenbar ein Kaufmann war. »Nach den weißen Gewändern der Priester scheint ein Opfer gehalten werden zu sollen, und nach der bedeutenden Versammlung erwartet ihr wohl ein Orakel? Welche Frage wollt ihr beantwortet haben?«

»Wir sind Kaufleute,« erwiderte der Gefragte (der niemand anders als Diomedes war) mit leiser Stimme, »welche das Schicksal ihrer Schiffe, die morgen nach Alexandrien absegeln, wissen möchten. Wir wollen der Göttin ein Opfer darbringen und ihre Antwort erflehen. Ich gehöre nicht zu denen, wie du an meiner Kleidung siehst, die das Opfer veranstaltet haben, doch ist auch mir, beim Jupiter!, an der glücklichen Fahrt der Schiffe viel gelegen. Ich habe einen kleinen Handel, wie könnte ich sonst in diesen schlechten Zeiten bestehen?«

Der Ägypter erwiderte mit Würde: »Zwar ist Isis eigentlich die Beschützerin des Ackerbaues, doch nicht weniger die des Handels.« Indem Arbaces hierauf sein Haupt gegen Osten wendete, schien er sich in eifriges Gebet zu vertiefen.

Jetzt trat ein von Kopf bis zu Fuß weißgekleideter Priester auf die Mitte der Treppe; zwei andere Priester lösten die, welche bisher oben gestanden hatten, ab. Sie waren bis unter die Brust nackt und der übrige Teil des Körpers in weiße, weite Gewänder gehüllt. Zugleich trug ein am Fuße der Treppe sitzender Priester eine feierliche Melodie auf einem langen Blasinstrument vor. Auf der halben Höhe der Treppe stand ein anderer, der in einer Hand einen Votivkranz, in der andern einen weißen Stab trug, während vor jedem Altar geopfert wurde.

Die Gesichtszüge des Arbaces schienen, während die Aruspices die Eingeweide untersuchten, von ihrer strengen Ruhe und Kälte nachzulassen und ganz frommer Andacht sich hinzugeben – sie nahmen einen freudigeren Ausdruck an, als die Zeichen für günstig erklärt wurden und das Feuer hell und leuchtend den geheiligten Teil des Opfers unter Wohlgerüchen von Myrten und Weihrauch verzehrte. Grabesstille herrschte in der Versammlung, und als die Priester sich um die Cella versammelten, trat ein anderer Priester, ganz nackt bis auf einen Gürtel um den Leib, vor und erflehte, mit wilden Gebärden umherspringend, eine Antwort von der Göttin. Zuletzt hörte er erschöpft auf und man vernahm im Innern der Statue ein leises Geräusch. Dreimal nickte sie mit dem Kopfe, die Lippen öffneten sich, und eine hohle Stimme sprach in geheimnisvollem Ton die Worte:

Wie wilde Rosse schäumen die Wogen,
Schon mancher ward in den Abgrund gezogen,
Es dräuet das Schicksal mit finsterem Blick,
Doch eueren Schiffen wird gnädig Geschick.

Die Stimme schwieg – die versammelte Menge atmete freier – die Kaufleute waren beruhigt. – »Nichts kann deutlicher sein,« flüsterte Diomed; »die See wird stürmisch sein, wie es oft beim Anfange des Herbstes der Fall ist, doch unseren Schiffen wird kein Unglück widerfahren. O gnadenreiche Isis!«

»Gelobt sei ewig die Göttin!« sagten die Kaufleute. »Was kann unverfänglicher sein als diese Prophezeiung?«

Der Oberpriester erhob eine Hand zum Zeichen, daß das Volk schweigen solle, denn der Kultus der Isis gebot eine den lebhaften Pompejanern fast unmögliche Enthaltsamkeit in dem Gebrauche der Sprachorgane, und nach einem kleinen Schlußgebete war die Zeremonie beendet, und die Versammlung wurde entlassen. Der Ägypter blieb jedoch, und als der Tempel schon ziemlich leer war, näherte sich ihm einer der Priester und grüßte ihn mit großer Vertraulichkeit.

Das Äußere dieses Priesters war wenig einnehmend, sein kahler Schädel war über der Stirn so platt und schmal, daß er fast dem eines afrikanischen Wilden glich. Um die Stirn bildete die Haut ein Gewebe tiefer und verwickelter Runzeln, die dunklen und kleinen Augen rollten in gelbschmutzigen Höhlen, die kurze, doch dicke Nase war abgestumpft wie die eines Satyrs, und die aufgeworfenen, blassen Lippen, die hervorstehenden Backenknochen, die gelbliche Farbe der lederartigen Gesichtshaut trugen noch mehr dazu bei, den Anblick dieses Kopfes abschreckend und Mißtrauen erweckend zu machen.

»Kalenus,« sagte der Ägypter zu diesem Priester, »du hast, indem du meinen Anweisungen folgtest, die Stimme der Statue sehr verbessert, und deine Verse sind vortrefflich. Prophezeie nur immer günstige Erfolge, außer, wenn deren Erfüllung durchaus unmöglich erscheint.«

»Wenn auch«, sagte Kalenus, »der Sturm eintrifft und die verdammten Schiffe untergehen, haben wir es dann nicht vorhergesagt? Ist es nicht ein gnädiges Geschick, wenn sie zur Ruhe kommen? – Ruhe erfleht der Schiffer in der Ägäischen See, wenigstens sagt Horaz so – kann der Schiffer auf der See mehr in Ruhe sein, als wenn er auf deren Grunde liegt?«

»Richtig, mein Kalenus, ich wünschte nur, daß Apäcides an deiner Weisheit sich ein Beispiel nähme. Doch ich wünsche mit dir über ihn und einige andere Gegenstände mich zu unterhalten. Kannst du mich in eines eurer Sprechzimmer führen?« »Gewiß«, erwiderte der Priester, indem er den Arbaces in eine der kleineren Kammern an dem offenen Tore führte. Hier setzten sie sich an einen mit Früchten, Eiern, kalten Speisen und Gefäßen voll herrlichen Weins besetzten Tisch. Ein Vorhang vor dem nach dem Hofe gehenden Eingang erinnerte sie daran, leise zu sprechen oder sich keine Geheimnisse mitzuteilen; sie wählten das erstere.

»Du weißt,« sagte der Ägypter in einem Tone, der kaum hörbar wurde, »daß es immer mein Grundsatz war, die Jugend an mich zu ziehen. Ihr bewegliches und noch bildsames Gemüt macht es mir möglich, mir in ihr die geeignetsten Gehilfen zu erziehen. Ich forme und leite sie nach meinem Willen. Die Männer mache ich zu meinen Anhängern oder Dienern; die Mädchen –«

»Zu Geliebten«, fiel Kalenus ein, und ein grinsendes Lächeln entstellte noch mehr seine häßlichen Züge.

»Ja, ich leugne es nicht, das weibliche Geschlecht ist der Hauptgegenstand meiner Neigungen und Leidenschaften. Wie ihr das Opfertier erst ernährt, so liebe ich es, den Genuß mir durch eigene Ausbildung vorzubereiten. Ich finde den wahren Reiz der Liebe in dem sanften und unbewußten Fortschritt von der Unschuld zur Sehnsucht nach dem Genusse. Auf diese Weise darf ich auch die Übersättigung nicht fürchten, und ich erhalte mir die Jugendfrische meiner eigenen Gefühle, indem ich sie an anderen beobachte. Doch genug davon. So wisse denn, daß ich vor einiger Zeit in Neapel die Jone und den Apäcides antraf, die Tochter und den Sohn einer Athener Familie, welche sich zu Neapel niedergelassen hatten. Der Tod ihrer Eltern, welche mich kannten und hochschätzten, berief mich zu ihrem Beschützer. Der Jüngling, gelehrig und sanft, fügte sich willig der Richtung, die ich ihm zu geben mich bestrebte. Nach den Weibern liebe ich am meisten die Erinnerungen aus dem Lande meiner Vorfahren, gern befördere und verbreite ich in entfernten Ländern ihren geheimnisvollen Kultus. Indem ich so den Göttern diene, gefällt es mir vielleicht, die Menschen zu täuschen. Den Apäcides habe ich in dem heiligen Gottesdienst der Isis unterrichtet. Ich erklärte ihm einige der erhabenen Geheimnisse, die damit verknüpft sind und entzündete in seinem für religiöse Erhebung besonders empfänglichen Gemüte jene Begeisterung, die der Glaube in der Einbildungskraft aufregt. Ich habe ihn zu euch gesellt; er ist einer der eurigen!«

»Er ist es,« sagte Kalenus, »aber diese Aufklärungen haben nicht günstig auf ihn gewirkt. Unsere Täuschungen der großen Menge, unsere redenden Statuen und geheimen Treppen sind ihm widerwärtig. Er bereut, daß er bei uns eingetreten ist, er schleicht umher, spricht mit sich selbst und weigert sich, ferner teil an unseren Zeremonien zu nehmen. Man weiß, daß er häufig die Versammlung von Männern besucht, die im Verdacht stehen, jener neuen atheistischen Sekte anzugehören, welche alle unsere Götter verleugnet und unsere Orakel für die Eingebungen jenes bösen Geistes hält, dessen die morgenländischen Sagen erwähnen.«

»Dieses mußte ich«, sagte Arbaces nachdenkend, »schon nach den Vorwürfen besorgen, die er mir machte, als ich ihn das letztemal sah. Schon seit längerer Zeit flieht er mich – ich will ihn aufsuchen. Ich muß meinen Unterricht fortsetzen, ich will ihn in das innere Heiligtum der Weisheit einführen. Ich muß ihn lehren, daß es zwei Stufen der Heiligkeit gibt – die erste: der Glaube – die zweite: die Enttäuschung; erstere für die Menge, letztere für die Auserwählten.«

»Ich habe die erste Stufe überschlagen,« sagte Kalenus, »und ich glaube auch du, mein Arbaces.«

»Du irrst,« erwiderte der Ägypter ernsthaft, »ich glaube noch jetzt – wenn auch nicht das, was ich lehre, doch das, was ich nicht lehre –. Die Natur hat eine Heiligkeit, der ich meine Anerkennung weder verweigern kann noch will. Ich glaube an mein eigenes Wissen, und das hat mir entdeckt – doch genug davon. Kehren wir zu unseren irdischen Angelegenheiten zurück. Wenn ich meinen Plan mit Apäcides ausführte, was waren dann meine Absichten mit Jone? Du weißt bereits, daß ich sie zu meiner Königin – meiner Braut – der Isis meines Herzens bestimmte. Erst als ich sie gesehen, empfand ich ganz die Liebe, deren meine Natur fähig ist.« .

»Ich höre von allen Seiten, daß sie eine zweite Helena ist«, sagte Kalenus, und er schmatzte dabei mit den Lippen, doch war es schwer zu unterscheiden, ob dieses Schmatzen auf die Rechnung des Weins oder seiner Bemerkung zu setzen war.

»Ja, ihre Schönheit wurde selbst in Griechenland nie übertroffen«, sagte Arbaces. »Aber das ist noch nicht alles; auch ihr Geist ist des meinigen würdig. Sie hat einen für ein Weib ungewöhnlichen Genius, sie ist kühn und begeisterungsfähig für Kunst und Poesie. Man braucht nur eine Wahrheit auszusprechen, sie erfaßt sie sofort mit ihrem ungewöhnlichen Verstand. Jone muß die Meinige werden! Zu ihr zieht mich doppelte Leidenschaft; ich wünsche ihre geistige wie ihre körperliche Schönheit zu genießen.«

»Also ist sie noch nicht die Deinige?« fragte der Priester.

»Nein, sie liebt mich – doch nur wie einen Freund; sie liebt mich bloß mit ihrem Geiste. Sie setzt in mir die geringfügigen Tugenden voraus, welche ich nur zu verachten die höhere Tugend habe. Doch ich muß dir noch mehr über sie mitteilen. Der Bruder und die Schwester waren jung und reich. Jone ist stolz und ehrgeizig – stolz auf ihre geistigen Fähigkeiten – auf ihr poetisches Talent, auf die Reize ihrer Unterhaltung. Als ihr Bruder mich verließ und in euren Tempel trat, ging sie ebenfalls nach Pompeji, um in seiner Nähe zu bleiben. Ihre Talente sind hier bereits bekannt. Sie gibt glänzende Feste; ihre Schönheit, ihre Stimme, ihre Poesie haben eine Schar von Verehrern um sie gesammelt. Es schmeichelt ihrem Ehrgeiz, wenn sie die Nachfolgerin der Erinna genannt wird.«

»Oder der Sappho?«

»Aber eine Sappho ohne Liebe! Ich ermutige sie, in dieser kühnen Laufbahn zu verharren, dem Vergnügen und der Eitelkeit zu huldigen; ich liebte es, sie durch die Zerstreuungen und den Luxus Pompejis fortgerissen zu sehen. Ich wünschte, sie von eitlen, leeren Gecken, von Anbetern umgeben zu sehen, die sie verachten mußte, damit sie desto mehr den Mangel wahrer Liebe fühlen möge. Dann, in jenem Zustande der Erschöpfung, welcher der Aufregung folgen mußte, konnte ich meine Netze stellen – ihre Teilnahme erregen – ihre Leidenschaften wecken und leiten – um mich ihres Herzens zu bemächtigen.«

»Bist du aber nicht besorgt wegen deiner Nebenbuhler? Die Verehrer des weiblichen Geschlechts in Italien sind gewandt in der Kunst, zu gefallen.«

»Das fürchte ich nicht! – Ihr griechisches Gemüt verachtet die barbarischen Römer, und würde sich selbst verachten, wenn es Liebe für einen Abkömmling dieses Geschlechts fühlte.«

»Aber du bist ein Ägypter und kein Grieche!«

»Ägypten«, erwiderte Arbaces, »ist die Mutter Athens. Die Schutzgöttin dieser Stadt, Minerva, ist unsere Gottheit, und der Begründer Athens, Kekrops, war ein Flüchtling aus unserem ägyptischen Sais. Ich habe ihr das alles schon erzählt, und in meinem Blute verehrt sie die älteste Dynastie der Erde. Doch ich muß gestehen, daß seit kurzem einiges Mißtrauen in mir erwacht ist. Sie ist schweigsamer, als sie zu sein pflegte, sie liebt melancholische und traurige Musik, sie seufzt ohne einen äußeren Grund. Dieses kann den Mangel der Liebe – aber auch deren Entstehung andeuten. In beiden Fällen ist es Zeit, meine Pläne auf ihren Geist und ihr Herz auszuführen; in dem einen Fall, um die Quelle der Liebe gegen mich zu leiten, in dem anderen, um sie für mich zu erwecken. Aus diesem Grunde habe ich dich aufgesucht.«

»Und wie kann ich dir behilflich sein?«

»Ich beabsichtige, sie zu einem Fest in meinem Hause einzuladen; ich wünsche, ihre Sinne zu verblenden, aufzuregen und zu entflammen. Unsere Künste – jene Künste, durch welche in Ägypten die Novizen gebildet wurden, müssen angewendet werden; und ich will ihr unter dem Schleier der Mysterien der Religion die Geheimnisse der Liebe mitteilen.«

»Ah, jetzt verstehe ich – eines jener üppigen Feste, an welchen wir – trotz unserer Gelübde der Enthaltsamkeit, wir, die Priester der Isis, in deinem Hause teilgenommen haben.«

»Nein, nein! Glaubst du, daß ihre keuschen Augen für solche Szenen schon geeignet sind? – Nein – zuerst müssen wir den Bruder wieder in unsere Netze ziehen – dieses ist eine leichtere Aufgabe. Ich will dir jetzt meinen Plan mitteilen.«

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