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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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29.

Inzwischen herrschten im Hause der Jone Sorge und Leid. Die Leiche des Apäcides war von dem Tempel der Isis in das Haus seiner nächsten Verwandten gebracht worden, und Jone hatte zugleich den Tod ihres Bruders und die Anklage gegen ihren Geliebten vernommen. Jene erste Überraschung, welche kein anderes Gefühl aufkommen läßt, und das vorsichtige Stillschweigen ihrer Sklavin war eine Ursache, daß sie noch nicht genau von der Lage und dem schrecklichen Schicksal, welches Glaukus bedrohte, unterrichtet war. Seine Krankheit, seine Gemütsverwirrung und das bevorstehende Verhör waren ihr unbekannt. Sie hörte bloß von der Anklage gegen ihn, schenkte jedoch dem Gerücht keinen Glauben. Als sie aber erfuhr, daß Arbaces der Ankläger sei, war sie fest in ihrem Innern überzeugt, daß der Ägypter selbst das Verbrechen begangen habe. Die Wichtigkeit der religiösen Pflichten jedoch, die mit dem Tode ihres Bruders in Verbindung standen, hatten ihre ganze Zeit nur für diesen Zweck in Anspruch genommen. Ach, sie hatte zwar nicht bei dem Tode des geliebten Bruders anwesend sein können, um seinen letzten Atemzug zu bewachen, aber sie hatte die noch offenen Augen geschlossen und bei der Leiche gewacht, als diese, gebadet und gesalbt, in festlichen Kleidern auf dem elfenbeinernen Bettgestell lag, sie hatte das Zimmer mit Blättern und Blumen geschmückt und den Zypressenzweig an der Schwelle der Tür erneuert. Und unter diesen traurigen Pflichten, unter Wehklagen und Gebet vergaß Jone alles übrige.

So war der Morgen des Begräbnistages herangekommen, und als die Sterne erblichen waren, stand eine Menge Menschen vor der Tür ihres Hauses. Lange, dünne Fackeln warfen ihr zitterndes Licht auf die Gruppe, welche einen feierlichen Eindruck machte. – Bald erhob sich eine langsame und traurige Musik, und die Töne schwebten weit die einsamen Straßen hinunter, während ein Chor männlicher Stimmen, begleitet durch mysische Flöten, eine Totenhymne sang. Als diese beendet war, ordnete sich langsam der Trauerzug. Die Leiche des Apäcides wurde auf einer mit purpurnen Decken belegten Bahre, die Füße nach vorn, getragen. Der Leichenmarschall, begleitet durch seine schwarz gekleideten Fackelträger, gab das Zeichen, und der Zug bewegte sich langsam vorwärts. Zuerst kamen die Musikanten, welche einen feierlichen Marsch spielten, die sanfteren Instrumente wurden oft durch ein wilderes und lauteres Schmettern der Trompeten unterbrochen. Darauf folgte der gemietete Sängerchor, und die weiblichen Stimmen waren mit denen der Knaben gemischt, deren zartes Alter den Gegensatz zwischen Leben und Tod nur um so mehr hervorhob.

Zunächst kamen die Priester der Isis in ihren weißen Gewändern, barfuß und Kornähren in den Händen tragend. Vor der Leiche wurde das Bild des Toten und die seiner athenischen Vorfahren getragen. Hinter der Bahre folgte in Begleitung ihrer Sklavinnen die einzige noch lebende Verwandte. Im bloßen Haupte und mit aufgelösten Locken, im Gesicht weißer als Marmor, aber gefaßt und ruhig, außer daß sie dann und wann, durch die sanften Töne der Musik zu einer Trauer angeregt, die sich nicht mehr zurückdrängen ließ, das Gesicht mit den Händen bedeckte, um ihre Tränen zu verbergen. Denn in ihrem Wesen lag nicht die laute, wilde Äußerung des Schmerzes, der oft ebenso schnell wieder vergißt, wie er lärmend auftritt.

Der Zug ging durch das Stadttor in die Straße der Gräber, wo der Scheiterhaufen in Gestalt eines Altars aus unbehauenen Fichtenklötzen errichtet war. Um ihn herum standen die finsteren, melancholischen Zypressen.

Als die Bahre auf den Scheiterhaufen gelegt war, stieg Jone hinauf und stand einige Augenblicke still und bewegungslos vor dem entseelten Körper. Die Züge des Toten hatten den ersten schrecklichen Ausdruck eines schnellen und gewaltsamen Todes verloren. Verschwunden waren für immer der Schrecken und der Zweifel, der Kampf der Vergangenheit mit der Gegenwart, die Furcht und die Hoffnung in Beziehung auf die Zukunft! Was war in der feierlichen Heiterkeit und in der geheimnisvollen Ruhe jenes Antlitzes noch sichtbar von allen den Leidenschaften, die einst die Brust dieses nach einem heiligen Leben strebenden jungen Mannes beseelten? Man hörte keinen Laut, als Jone ihren toten Bruder zum letztenmal anblickte. Es war etwas Schreckliches, aber zugleich Beruhigendes in diesem Stillschweigen, und als es unterbrochen wurde, geschah es schnell und plötzlich mit einem heftigen, gellenden Schrei, dem Ausdruck lange überwältigter Verzweiflung.

»Mein Bruder, mein Bruder!« rief die arme Waise, indem sie sich auf die Bahre warf. »Du, der keinem Wurm etwas zuleide tat, welchen Feind konntest du reizen? Oh, ist es wirklich dahin gekommen? Erwache, erwache! Wir wuchsen zusammen auf, sollen wir getrennt werden? Du bist nicht tot; du schläfst. Erwache, erwache!«

Der Ton ihrer durchdringenden Stimme erregte die Teilnahme der Umstehenden, und sie brachen in ein lautes Wehklagen aus. Dieses erschreckte Jone. Sie sah sich schnell und verstört um, als ob sie jetzt erst die Gegenwart der anderen bemerke. »Ach,« seufzte sie, »wir sind ja nicht allein!«

Sie erhob sich, und ihr bleiches, schönes Antlitz war wieder ruhig und ernst. Mit zitternden, sanften Händen öffnete sie die Augenlider des Verstorbenen, aber da sie in das gläserne, leblose Auge blickte, schrie sie laut auf, als sei ihr ein Gespenst erschienen. Doch bald erholte sie sich, küßte zum letztenmal die Lippen und die Stirn des Bruders und nahm mechanisch aus der Hand des Hohenpriesters der Isis die Fackel, die er ihr darreichte, als sie hinabstieg.

Die Musik verkündete jetzt, daß die heilige Flamme entzündet sei, und während eine Hymne gesungen wurde, erhob sich das prasselnde Feuer hoch in die Lüfte. Es flammte leuchtend um die dunklen Zypressenzweige. Die Funken flogen über die Mauern des nahen Pompeji, und draußen am Meeresstrand sah der Fischer mit Verwunderung, wie die Glut die Wellen des Meeres rötlich färbte.

Der Wind unterstützte die Wirkung der brennbaren Materialien, die in dem Scheiterhaufen verteilt waren. Nach und nach wurden die Flammen schwächer, hier und da sprühten noch Funken hervor, bis sie zuletzt erstarben. Wo kurz vorher noch alles in Tätigkeit und Unruhe war, lag jetzt die tote Asche. Die letzten Funken wurden durch die Sklaven gelöscht und die heiße Asche gesammelt. Die Überbleibsel der verbrannten Leiche wurden mit den seltensten Weinen und den kostbarsten wohlriechenden Flüssigkeiten getränkt und in eine silberne Urne gefüllt, welche feierlich auf eines der benachbarten Monumente an der Straße gestellt wurde, nachdem auch das mit Tränen gefüllte Fläschchen und die kleine Münze hineingelegt worden, die für den mürrischen Charon bestimmt war. Das Grabmal wurde mit Blumen und Kränzen geschmückt, auf dem Altar dampfte der Weihrauch, und viele Lampen hingen umher.

Am nächsten Tage aber, als der Priester mit frischen Blumen nach dem Monument zurückkehrte, fand er, daß eine unbekannte Hand den heidnischen Ausstattungen desselben einen grünen Palmzweig hinzugefügt hatte. Er ließ ihn dort, nicht ahnend, daß dies das Begräbniszeichen der Christen war.

Als die oben beschriebenen Zeremonien vorüber waren, besprengte einer der Sänger jeden von der Gesellschaft dreimal mit dem reinigenden Zweige des Lorbeers, indem er das Wort aussprach: »Geht!« – und die Feierlichkeit war beschlossen.

Während einige von der Gesellschaft noch zurückblieben, um das nun folgende Begräbnismahl mit den Priestern zu teilen, begab sich Jone mit ihren Sklavinnen wieder auf den Weg nach ihrem Hause.

Jetzt, da sie die letzten Pflichten gegen ihren Bruder erfüllt hatte, erwachte ihr Geist aus seinen melancholischen Träumereien, und sie dachte an ihren Geliebten und an die furchtbare Anklage gegen ihn. Da sie keinen Augenblick an diese unnatürliche Beschuldigung glaubte, sondern einen entschiedenen Verdacht auf Arbaces selbst fühlte, hielt sie es für ihre Pflicht, sofort zum Prätor zu gehen und ihm mitzuteilen, was sie für gewiß hielt, wenn sie auch keine Beweise führen konnte. Als sie ihre Dienerinnen befragte – welche bisher, aus Besorgnis, ihre Qualen und ihren Schmerz zu vermehren, von dem Zustand des Glaukus ihr nichts gesagt hatten – erfuhr sie, daß er gefährlich krank gewesen, in dem Hause des Sallust bewacht werde und der Tag seines Verhörs schon bestimmt sei.

»Oh, ihr Götter!« rief sie aus. »Wie konnte ich so lange seiner vergessen? Aber ich muß für ihn eintreten, ich muß ihm beweisen, daß ich ihn für unschuldig halte. Schnell! Schnell! Und wenn sie mir nicht glauben, wenn sie meiner Überzeugung nicht beistimmen wollen, wenn sie ihn zur Verbannung oder zum Tode verurteilen, so will ich wenigstens sein Schicksal mit ihm teilen!«

Sie beschleunigte unwillkürlich ihre Schritte, doch wußte sie kaum, wohin sie zuerst gehen sollte, indem sie bald beschloß, den Prätor aufzusuchen, bald zum Glaukus selbst zu eilen. Sie war schon durch das Tor in die Straßen der Stadt getreten. Die Häuser waren zwar meist schon geöffnet, aber man sah noch wenige Menschen. Doch als sie um eine Ecke bog, erblickte sie plötzlich mehrere Männer, die neben einer bedeckten Sänfte standen. Eine stattliche Gestalt trat mitten unter ihnen heraus, und Jone schrie laut auf, als sie Arbaces erkannte.

»Schöne Jone,« sagte er freundlich, »meine Mündel, meine Pflegetochter! Verzeihe, wenn ich deine frommen Pflichten unterbreche. Aber der Prätor, der die seltsame Verwicklung deiner Lage kennt, die dich antreibt, Gerechtigkeit für deinen ermordeten Bruder zu suchen und zugleich die Bestrafung deines Verlobten zu befürchten, er ist um deine Ehre besorgt und möchte nicht, daß du dich übereilt in die bevorstehende Untersuchung mischtest. Deshalb hat er dich weise und väterlich der Aufsicht deines gesetzlichen Vormundes überwiesen, da er es für unpassend hält, daß du ohne männlichen Rat und Beistand handelst. Sieh hier die Schrift, welche dich meinem Schutze anvertraut!«

»Weiche von mir, abscheulicher Ägypter«, sagte Jone, indem sie stolz zurücktrat. »Du bist es, der meinen Bruder ermordet hat! Also deinem Schutz, deinen noch von seinem Blut befleckten Händen will man seine Schwester übergeben? Ha, du entfärbst dich! Dein Gewissen verrät dich! Du zitterst vor dem Donnerkeil des rächenden Gottes! Weiche von mir und überlasse mich meiner Trauer!« »Dein Unglück hat deine Vernunft verwirrt, Jone«, sagte Arbaces, indem er vergebens seinen ruhigen Ton zu behaupten suchte. »Aber ich verzeihe dir. Du wirst in mir jetzt, wie immer, deinen sichersten Freund finden. Aber die Straße ist nicht der Ort, uns zu verständigen. Herbei, Sklaven! Komm, meine süße Mündel, steige in die Sänfte!«

Die erschrockenen Dienerinnen der Jone sammelten sich um sie. »Arbaces,« sagte die älteste derselben, »dein Benehmen ist nicht gesetzlich. Denn steht es nicht geschrieben, daß die Verwandten eines Verstorbenen bis auf neun Tage nach dem Begräbnis in ihren Wohnungen nicht beunruhigt und in ihrer einsamen Trauer nicht gestört werden sollen?«

»Weib!« erwiderte Arbaces, indem er gebieterisch mit der Hand winkte. »Eine Mündel unter den Schutz ihres Vormundes stellen, heißt nicht gegen die Trauergesetze handeln. Ich sage dir, daß ich vom Prätor beauftragt bin. Führt sie in die Sänfte!«

Indem er dieses sprach, umfaßte er kräftig die zurückweichende Jone. Sie schaute ihm wild in das Gesicht, brach in ein krampfhaftes Gelächter aus und rief: »Ha, du willst mein Beschützer sein? Das ist ein treffliches Gesetz!« Und wie erschreckt durch ihr eigenes Gelächter, sank sie ohnmächtig nieder. Arbaces hob sie schnell in die Sänfte, welche die Sklaven sogleich forttrugen, und die unglückliche Jone ward auf diese Weise ihren weinenden Dienerinnen entrissen.

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