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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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28.

Die Nacht war schon ziemlich vorgeschritten, aber überall, wo sich Pompejaner versammelten, herrschte eine große Aufregung. Selbst in den Zügen der Nachtschwärmer war ein ernsterer Ausdruck als sonst zu bemerken. Sie unterhielten sich in Gruppen, als suchten sie die halb unangenehme, halb erfreuliche Aufregung, welche aus dem Gegenstand ihres Gesprächs sich ergab, durch ihre Anzahl zu erdrücken. Es war eine Angelegenheit, in der es sich um Leben und Tod handelte.

Ein junger Mann eilte schnell an dem schönen Säulengange des Tempels der Fortuna vorüber, und zwar so schnell, daß er mit einigem Ungestüm gegen die korpulente Gestalt des ehrenfesten Bürgers Diomedes stieß, der nach seiner Villa in der Vorstadt sich zurückzubegeben im Begriff war.

»Holla!« rief der Kaufmann, der sich nur mit Mühe im Gleichgewicht hielt. »Kannst du nicht sehen? Oder denkst du, ich kann nicht fühlen? Beim Jupiter! Noch einen solchen Stoß, und mein Geist wird im Hades sein!«

»Ah, Diomedes, bist du es? Entschuldige meine Unvorsichtigkeit. Ich war zerstreut, weil ich an das traurige Geschick des menschlichen Lebens dachte. Unser armer Freund Glaukus! Wer hätte sich so etwas denken sollen?«

»Allerdings, aber sage mir, Klodius, ist er wirklich öffentlich angeklagt worden?«

»Gewiß, wo warst du, daß du es nicht erfahren hast?«

»Ich komme eben von Neapel zurück, wohin ich in Geschäften den Tag nach jenem Verbrechen abreiste. Es ist schrecklich, daß es gerade in derselben Nacht begangen werden mußte, da er in meinem Hause gewesen war.«

»An seiner Schuld ist nicht zu zweifeln«, sagte Klodius, indem er mit den Achseln zuckte. »Und da diese Verbrechen vor allen den anderen kleinen Sünden untersucht werden, so wird das Urteil wohl noch vor den öffentlichen Spielen im Amphitheater erfolgen.«

»Die Spiele, o ihr Götter!« erwiderte Diomedes, indem ein leichter Schauder ihn erfaßte. »Sollte man ihn zu dem Kampf mit den wilden Tieren verurteilen? So jung, so reich!«

»Allerdings, aber er ist ein Grieche. Wäre er ein Römer, so hätte man ihn bedauern müssen. Diese Fremden kann man in ihrem Glück dulden, aber in ihrem Unglück müssen wir nicht vergessen, daß sie doch eigentlich Sklaven sind. Wir von den vornehmen Ständen sind aber immer mitleidig, und es würde ihm noch leidlich ergehen, wenn wir ihn zu verurteilen hätten, denn was ist unter uns ein elender Priester der Isis? Aber das gemeine Volk ist abergläubisch. Es schreit nach dem Blut des Schänders ihres Heiligtums. Und in solchen Fällen kann es gefährlich werden, sich der öffentlichen Meinung zu widersetzen.«

»Aber der Gottesleugner, der Christ oder Nazarener – was wird mit dem?«

»Der wird wohl dem Tiger verfallen, wenn er der Isis nicht opfert. Wenigstens glaube ich es, das Urteil wird ja noch gefällt werden. Doch genug von dieser traurigen Geschichte. Wie befindet sich die schöne Julia?«

»Ich danke, gut.«

»Empfiehl mich ihr. Aber horch! Jene Tür knarrt in ihren Angeln. Es ist das Haus des Prätors. Wer kommt aus demselben? Beim Bacchus, es ist der Ägypter! Was kann er dort zu tun gehabt haben?«

»Wahrscheinlich ist er, um über den Mord Auskunft zu geben, dort gewesen«, erwiderte Diomedes. »Aber welche Ursache mag das Verbrechen veranlaßt haben? Glaukus wollte ja die Schwester des Priesters heiraten.«

»Ja, viele behaupten, Apäcides sei dieser Verbindung zuwider gewesen. Glaukus hat offenbar in dem Zustande der Trunkenheit die Tat begangen. Ja, er soll ganz bewußtlos gewesen sein, als man ihn aufhob, und ist, wie ich höre, noch nicht bei Sinnen. Ob der Wein, der Schrecken, die Reue, die Furien oder die Bacchanalien ihn beherrschten, das weiß ich nicht.«

»Der arme Mensch – hat er einen guten Verteidiger?«

»Den besten – Cajus Pollio, einen Mann von großer Beredsamkeit. Er hat alle ins Elend geratene Menschen und Verschwender von guter Familie für Geld aufgeboten, daß sie sich ärmlich anziehen und umherlaufen, Glaukus Freundschaft zu schwören und um die harten Bürger zum Mitleiden zu bewegen. Aber diese Bemühungen werden jetzt zwecklos sein, der Dienst der Isis ist für den Augenblick zu beliebt.«

»Da fällt mir ein: ich habe gerade Waren in Alexandria. Ja, Isis muß beschützt werden.«

»Allerdings. Lebewohl, Diomedes, wir werden uns bald wiedersehen. Ist es aber nicht der Fall, so müssen wir im Amphitheater eine Wette machen. Alle meine Berechnungen werden durch dieses fatale Unglück des Glaukus gestört. Er hatte auf Lydon, den Gladiator, gewettet. Ich muß jetzt meinen Plan ändern. Lebewohl!«

Klodius verließ den alten Kaufmann, sang ein griechisches Liedchen und erfüllte die Luft mit Wohlgerüchen, die von seinem schneeweißen Gewande und seinen wallenden Haaren strömten.

»Wenn Glaukus dem Löwen vorgeworfen wird,« so sprach er zu sich selbst, »dann tritt mir bei der Julia niemand mehr in den Weg, und ich denke, ich werde sie doch wohl heiraten! Bei den Göttern! Mit dem Spiel geht es nicht mehr lange, man sieht mir schon mißtrauisch auf die Finger, wenn ich die Würfelbüchse schüttele. Der böse Sallust bringt mich in Verdacht, und wenn man entdeckt, daß das Elfenbein mit Blei ausgegossen ist, dann wird von lustigen Festen und wohlriechenden Billetten nichts mehr geboten. Mit dem Klodius ist es dann vorbei! Es ist daher besser, ich heirate, gebe das Spiel auf und suche mein Glück am kaiserlichen Hofe.«

Während er so mit seinen Plänen beschäftigt war, lief ihm plötzlich Arbaces in den Weg.

»Heil, edler Klodius! Kannst du mir nicht sagen, welches das Haus des Sallust ist?«

»Es ist ganz hier in der Nähe, weiser Arbaces. Aber gibt Sallust heute abend ein Fest?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte der Ägypter. »Auch würde er mich schwerlich dazu einladen. Aber du weißt, daß Glaukus, der Mörder, sich in diesem Hause befindet.«

»Ah! Der gutmütige Epikureer glaubt an die Unschuld des Griechen! Du erinnerst mich, daß er für ihn Bürge geworden ist und bis zum Urteil für seine Person gutgesagt hat. Gut, Sallusts Haus ist besser als ein Gefängnis, besonders als jene traurige Höhle auf dem Forum. Aber weshalb willst du Glaukus aufsuchen?«

»Es wäre wünschenswert, edler Klodius, wenn wir ihn vom Tode retten könnten. Die Verurteilung des Reichen macht immer einen üblen Eindruck. Ich möchte gern mit ihm sprechen, denn ich höre, er ist wieder bei Verstande, und ich wünsche, die Beweggründe zu seinem Verbrechen zu erfahren. Sie sind vielleicht der Art, daß sie seine Schuld mildern können.«

»Du bist sehr menschenfreundlich, Arbaces.«

»Die Menschenfreundlichkeit ist die Pflicht eines nach Weisheit Strebenden«, erwiderte der Ägypter bescheiden. »Wo ist das Haus des Sallust?«

»Ich will es dir zeigen,« sagte Klodius, »wir werden gleich dort sein. Aber, sage mir, was ist aus dem armen Mädchen geworden, daß der Athener heiraten wollte, aus der Schwester des ermordeten Priesters?«

»Oh, sie hat fast den Verstand verloren. Bisweilen verflucht sie den Mörder, dann wieder ruft sie plötzlich aus: ›Aber wie kann ich ihn denn verfluchen? Nein, mein Bruder, Glaukus war nicht der Mörder. Niemals werde ich das glauben.‹ Und dann ergreift sie wieder ein Schauder bei dem Gedanken, er könnte doch der Schuldige sein.«

»Unglückliche Jone!«

»Aber es ist noch ein Glück für sie, daß jene heiligen Pflichten, welche die Religion für den Toten gebietet, bisher ihre Aufmerksamkeit von dem Schicksal des Glaukus und dem ihrigen abziehen. Und sie scheint es noch kaum zu ahnen, daß ihr Geliebter in richterlicher Untersuchung ist und selbst in Todesgefahr schwebt. Wenn die Begräbnisfeierlichkeiten vorüber sind, wird ihr Bewußtsein zurückkehren, und ich fürchte sehr, daß es dann ihren Freunden sehr unangenehm sein möchte, zu sehen, wie sie den Mörder ihres Bruders zu retten suchen wird!«

»Einem solchen Skandal sollte man vorzubeugen suchen.«

»Ich hoffe, da ich bereits Vorsichtsmaßregeln für diesen Zweck eingeleitet habe. Ich bin ihr Vormund und habe soeben Erlaubnis erhalten, nach dem Begräbnis des Apäcides sie in mein Haus zu führen. Dort wird sie, wenn es den Göttern gefällt, sicher sein.«

»Du hast wohlgetan, weiser Arbaces. Jetzt sind wir vor dem Hause des Sallust. Die Götter mögen dich behüten! Aber höre, Arbaces – weshalb lebst du so ungesellig und einsam? Man sagt, du könntest recht munter sein, weshalb erlaubst du nicht, daß ich dich mit den Vergnügungen Pompejis bekannt mache? Ich darf behaupten, daß niemand sie besser kennt als ich.«

»Ich danke dir, edler Klodius, deiner Leitung möchte ich mich gerne einmal anvertrauen. Aber ich fürchte, ich bin schon zu alt für solche Dinge.«

»Oh, deshalb sei ohne Sorgen, ich habe schon alte Knaben von siebzig Jahren eingeführt. Übrigens sind auch die Reichen niemals alt.«

»Du schmeichelst; ich werde dich künftig einmal an dein Versprechen erinnern.«

»Markus Klodius steht dir zu allen Zeiten zu Diensten. Lebewohl!« /

»Ich bin«, sagte der Ägypter zu sich selbst, als der andere ihn verlassen hatte, »kein blutdürstiger Mensch. Ich will auch diesen Griechen retten, wenn er durch ein freiwilliges Geständnis des Verbrechens Jone für immer aufgibt und so die Entdeckung meiner Tat unmöglich macht, Und ich kann ihn retten, wenn ich Julia überrede, den Liebestrank einzugestehen. Leugnet er aber das Verbrechen, so muß er sterben. Wird er sich entschließen? Könnte man ihn aber nicht überreden, daß er in seiner Geistesverwirrung die Tat wirklich begangen habe? Dieses würde mir größere Sicherheit gewähren als selbst sein Tod.«

Arbaces erblickte jetzt, als er an die Tür der Wohnung des Sallust trat, eine in einen Mantel gehüllte Gestalt der Länge nach vor der Schwelle liegen. Sie lag so still und unheimlich da, daß jeden anderen als Arbaces die abergläubische Furcht erfaßt haben möchte, er sehe einen jener Lemuren vor sich, die vor allen anderen Orten an den Schwellen der Häuser spukten, welche sie einst bewohnt hatten. Aber Arbaces glaubte an solche Gespenster nicht.

»Stehe auf!« sagte er, indem er die Gestalt mit dem Fuße berührte. »Du liegst mir im Wege.«

»Ha, wer bist du?« rief jenes Wesen mit heller Stimme, und als es sich vom Boden erhob, beleuchtete der Mondschein das bleiche Antlitz der Nydia. »Wer bist du? Ich kenne deine schreckliche Stimme.«

»Blindes Mädchen, was willst du hier so spät? Pfui, paßt sich das für deine Jahre und dein Geschlecht? Gehe nach Hause, Mädchen!«

»Ich kenne dich,« sagte Nydia mit leiser Stimme, »du bist Arbaces, der Ägypter.« Darauf fiel sie, wie durch eine plötzliche Eingebung veranlaßt, vor ihm nieder, umschlang seine Knie und rief in wildem und leidenschaftlichem Tone: »O furchtbarer und mächtiger Mann, rette ihn! Rette ihn, er ist ja unschuldig! Ich bin die Verbrecherin! Er liegt in diesem Hause krank – sterbend – ich bin die Ursache. Und sie wollen mich nicht zu ihm lassen, sie trieben das arme Mädchen aus der Halle. Ach, heile ihn doch! Du kennst gewiß ein Kraut oder einen Gegenzauber, denn es war ein Zaubertrank, der ihm den Verstand geraubt hat.«

»Still, mein Kind, ich weiß alles. Erinnerst du dich nicht mehr, daß ich Julia zu der Hexe begleitete? Wahrscheinlich hat sie ihm den Trank beigebracht, aber du bist ihrem Ruf Verschwiegenheit schuldig. Mache dir keine Vorwürfe – was geschehen muß, läßt sich nicht ändern. Aber ich will den Verbrecher besuchen, vielleicht ist er noch zu retten.«

Arbaces stieß die verzweifelte Thessalierin von sich und klopfte stark an die Tür. Die schweren Riegel wurden bald darauf zurückgezogen, und der Portier fragte, indem er die Haustür halb öffnete, wer da sei.

»Arbaces. Ich habe wichtige Geschäfte mit Sallust wegen des Glaukus. Ich komme vom Prätor.« Der gähnende Türsteher ließ den stattlichen Ägypter ein. Nydia sprang vor.

»Wie befindet er sich?« sprach sie. »Oh, sage es mir!«

»Wildes Mädchen, bist du noch immer da? Schäme dich! Er soll wieder bei Verstande sein.«

»Gelobt seien die Götter! Und du willst mich nicht einlassen? Ach, ich bitte dich!«

»Einlassen – nein. Ich würde meinen Schultern einen hübschen Empfang bereiten. Geh nach Hause.«

Die Tür wurde verschlossen, und Nydia legte sich wieder mit einem tiefen Seufzer auf die kalten Steine.

Arbaces trat inzwischen in das Triklinium, wo Sallust mit einem seiner begünstigten Freigelassenen noch spät zu Abend speiste.

»Was, Arbaces! Und in dieser Stunde! Nimm diesen Becher!«

»Nein, Sallust, nur wichtige Angelegenheiten veranlassen mich, dich noch oft zu stören. Wie befindet sich Glaukus? In der Stadt sagt man, er sei wieder bei Sinnen.«

»Ach gewiß!« erwiderte der gutmütige, wenn auch leichtsinnige Sallust, indem er sich eine Träne aus dem Auge wischte. »Aber seine Nerven sind noch so abgespannt und seine Kräfte so erschöpft, daß ich kaum meinen früheren munteren Genossen wiedererkenne. Aber seltsam ist es, daß er über die Ursache seiner plötzlichen Geistesverwirrung keine Rechenschaft zu geben weiß. Er kann sich nur dunkel dessen erinnern, was vorgefallen ist, behauptet aber, trotz deines Zeugnisses, weiser Ägypter, unschuldig an dem Tode des Apäcides zu sein.«

»Sallust«, sagte Arbaces. »Die Lage deines Freundes erfordert besondere Rücksichten. Und könnten wir aus seinem Munde das Bekenntnis und die Beweggründe seines Verbrechens erfahren, so wäre von der Gnade des Senats noch vieles zu hoffen. Deshalb war ich beim Prätor und erhielt die Erlaubnis zu einer geheimen Unterredung mit Glaukus noch in dieser Nacht. Du weißt, daß morgen das Verhör stattfinden wird.«

»Gut«, sagte Sallust. »Du wirst dich deines morgenländischen Namens und Rufes würdig erweisen, wenn du etwas von ihm erfahren kannst. Armer Glaukus! Und er hatte einen so vortrefflichen Appetit! Jetzt ißt er nichts!«

Dieser Gedanke rührte den gutmütigen Epikureer besonders. Er seufzte und befahl den Sklaven, ihm den Becher wieder zu füllen.

»Es wird spät«, sagte der Ägypter. »Erlaube, daß ich jetzt zu Glaukus gehe.«

Sallust nickte bejahend und führte Arbaces nach einer kleinen Stube, die durch zwei schlaftrunkene Sklaven von außen bewacht wurde. Die Tür ward geöffnet, Sallust zog sich auf das Begehren des Ägypters zurück, und dieser war jetzt allein mit Glaukus.

Auf einem Kandelaber brannte neben dem schmalen Bett eine Lampe. Ihre Strahlen fielen auf das bleiche Antlitz des Atheners, und selbst Arbaces rührte die Veränderung, die er erlitten hatte. Die blühende Farbe war verschwunden, die Wangen eingefallen, die zuckenden Lippen welk und blau. Der Kampf zwischen Vernunft und Raserei, zwischen Leben und Tod war schrecklich gewesen. Die Jugend und Kraft des Glaukus hatte gesiegt, aber die Blüte seines Lebens war für immer verschwunden.

Der Ägypter setzte sich still neben das Bett, Glaukus lag stumm und bewegungslos da, er hatte den Eintritt des Fremden gar nicht bemerkt. Endlich, nach einer längeren Pause, begann Arbaces: »Glaukus, mein armer Feind, ich komme allein und in der Stille der Nacht zu dir – als dein Freund, vielleicht als dein Retter!«

Wie das Reh vor dem Anblick des Tigers erschrickt, so entsetzte sich Glaukus vor der plötzlichen, unvermuteten Erscheinung seines Feindes. Ihre Blicke begegneten sich, eine fliegende Röte überzog das Gesicht des Atheners, und die braune Wange des Ägypters erblaßte. Endlich wendete sich Glaukus mit einem tiefen Seufzer fort, faßte mit der Hand an die Stirn, sank zurück und sagte: »Träume ich denn noch?«

»Nein, Glaukus, du wachst. Bei dieser rechten Hand und bei dem Haupt meines Vaters, du siehst einen Mann vor dir, der dein Leben noch zu retten vermag. Höre! Ich weiß, was du begangen hast, aber ich kenne auch die mildernden Beweggründe deiner Tat, die dir selbst noch unbewußt sind. Du bist ein Mörder – es ist wahr. Leugne nicht – diese Augen sahen es. Aber ich kann dich retten, ich kann beweisen, wie du deiner Sinne beraubt wurdest und aufhören mußtest, ein mit freiem Willen handelnder Mann zu sein. Aber um dich zu retten, mußt du selbst dein Verbrechen eingestehen. Unterzeichne dieses Blatt, und du entgehst dem Tode.«

»Was sind das für Behauptungen? Ich der Mörder des Apäcides? Sah ich ihn nicht als blutende Leiche auf dem Boden liegen? Und du willst mich überreden, ich sei der Mörder gewesen? Du lügst, Mensch! Hinweg von mir!«

»Werde nicht hitzig, Glaukus, übereile dich nicht. Die Tat ist bewiesen. Allerdings ist es glaublich, daß du dich nicht mehr erinnerst, was du im Zustande des Wahnsinns begingst und woran deine Seele sonst nicht gedacht haben würde. Aber ich will versuchen, dein erschöpftes Gedächtnis zu unterstützen. Du weißt, daß du mit dem Priester in lebhaftem Gespräch über seine Schwester begriffen warst, du weißt, daß er als halber Nazarener dich bekehren wollte. Er tadelte deine Lebensweise und schwor, daß er deine Verbindung mit Jone nicht dulden werde, und darauf begingst du in deiner Wut und Raserei die jähzornige Tat. Erinnerst du dich jetzt? Lies, was auf dem Papyrus steht, es lautet ebenso. Unterzeichne die Schrift, und du bist gerettet.«

»Barbar, gib mir die geschriebene Lüge, daß ich sie zerreiße! Ich der Mörder von Jones Bruder? Ich sollte bekennen, daß ich ein Haar auf dem Haupte dessen verletzt habe, den sie liebt? Laßt mich lieber einen tausendfachen Tod erleiden!«

»Still!« sagte Arbaces in leisem Tone. »Hier ist bloß eine Wahl. Dein Geständnis und deine Unterschrift – oder das Amphitheater und der Rachen des Löwen!«

Als der Ägypter seine Blicke auf den Leidenden heftete, bemerkte er mit Freuden, welchen auffallenden Eindruck seine Worte auf ihn gemacht hatten. Ein Schauder ergriff den Athener, Furcht und Erstaunen malten sich in seinen Zügen und in seinem Blick. »Große Götter!« sagte er. »Welche Verwandlung ist mit mir vorgegangen? Vor einigen Tagen noch war mein Pfad wie mit Rosen bestreut – Jone die meinige. Jugend, Gesundheit, Liebe beglückten mich. Und jetzt werde ich von Krankheit und Schmerz verzehrt. Es droht mir Schande und ein furchtbarer Tod! Aber weshalb das alles? Was habe ich verbrochen?«

»Unterzeichne, und du bist gerettet!« sagte der Ägypter mit sanfter Stimme.

»Weiche von mir, Versucher – niemals!« rief Glaukus. »Du kennst mich nicht, du kennst nicht den stolzen Sinn eines Atheners! Der plötzliche Anblick des Todes konnte mich für einen Augenblick erschüttern, aber der Anfall ist schon vorüber. Die Schande lebt ewig! Wer wird ihr seinen Namen übergeben, um sein irdisches Dasein zu retten? Wer wird sein reines Bewußtsein verkaufen und sich selbst beflecken in den Augen des Ruhms und der Liebe? Geh und laß mich untergehen. Ich will nicht in Selbstverachtung dahinleben.«

»Überlege es dir wohl! Die Klauen des Löwen, das Hohngeschrei der Menge, wenn du von ihm zerrissen wirst, dein Name ewiger Schande preisgegeben!«

»Du lügst! Schande besteht nur in dem Verlust unserer eigenen Achtung! Willst du jetzt gehen? Dein Anblick ist mir ein Greuel! Seit jeher haßte ich dich, jetzt aber verachte ich dich auch.«

»Ich gehe!« sagte Arbaces, beschämt und rachedürstend zugleich, doch bei alledem eine fast mitleidige Bewunderung für sein Schlachtopfer fühlend. »Ich gehe. Wir sehen uns noch zweimal wieder, einmal vor Gericht, dann vor deinem Tode. Lebewohl!«

Der Ägypter erhob sich langsam, schlug das Gewand um sich und verließ das Zimmer. Er begab sich noch zu Sallust, dessen Augen bereits mit dem Schlaf zu ringen begannen. »Glaukus ist noch ohne Bewußtsein, oder vielmehr hartnäckig«, sagte er. »Es ist keine Hoffnung mehr für ihn.«

»Sage das nicht«, erwiderte Sallust, der gegen den Ankläger des Atheners keinen Groll hatte, denn seine Tugend war nicht sehr streng, und er war mehr durch das Unglück seines Freundes gerührt, als von dessen Unschuld überzeugt. »Sage das nicht, mein Ägypter, ein so guter Trinker soll, wenn es irgend möglich ist, gerettet werden. Bacchus gegen Isis!«

»Wir wollen sehen«, sagte der Ägypter.

Mit diesen Worten entfernte er sich. Nydia verweilte noch vor der Haustür.

»Willst du ihn retten?« sagte sie, die Hände faltend.

»Komm mit mir Kind; ich muß seinetwegen mit dir sprechen.«

»Und du willst ihn retten?«

Arbaces antwortete nicht, denn er war schon vorangeschritten. Nydia besann sich einen Augenblick, darauf folgte sie ihm schweigend.

»Ich muß dieses Mädchen in Sicherheit bringen,« sprach er bei sich selbst, »damit sie von dem Liebestrank nichts erzählt. Was die eitle Julia betrifft, so wird sie sich nicht selbst verraten.«

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