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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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27.

Arbaces wurde von Ungeduld verzehrt, zu erfahren, ob der schändliche Trank seinem verhaßten Nebenbuhler schon beigebracht sei und welche Wirkung er gehabt habe. Um seine Neugierde zu befriedigen, beschloß er, nach Julias Hause zu gehen. Mit dem Stilus, der nicht als Schreibgriffel, sondern auch als scharfe Waffe diente, umgürtet, verließ er seine Wohnung und stützte sich, da er noch etwas schwach war, auf einen langen Stab.

Hell stand der Mond am Himmel, als er durch den geheiligten Hain der Cybele kam. Die stattlichen Bäume warfen ihre langen Schatten über den Boden, während durch die Öffnungen in den Zweigen die Sterne blickten. Die blendend weiße Farbe des Heiligtums mitten in dem Hain bildete zu dem dunklen Laub einen Gegensatz und erinnerte in seiner Feierlichkeit an den Zweck, dem das Wäldchen geweiht war.

Kurz vor Arbaces hatte Kalenus mit schnellen, aber vorsichtigen Schritten die Schatten der Bäume erreicht, die die Kapelle umgaben, und sich, indem er sanft die Zweige zurückbog, in dem Dickicht verborgen. Es war wieder scheinbar alles einsam, nur in der Ferne hörte man undeutlich die Stimmen einiger lärmenden Wüstlinge oder die Musik, mit der einzelne Gesellschaften während der Sommernächte sich in den Straßen unterhielten und in der kühlen Luft und dem herrlichen Mondschein sich einen milderen Tag bereiteten.

Der Hain lag auf einer Höhe, von der man durch die Zwischenräume der Bäume in einiger Entfernung das weite Meer übersah sowie an seinem Ufer die weißen Villen von Stabiä und die fernen Zügel, welche sich dem reinen Himmel anschlossen.

Jetzt trat Arbaces auf seinem Wege nach dem Hause des Diomedes in das Wäldchen, und hier begegnete ihm Apäcides, der zu der verabredeten Zusammenkunft mit Olinthus von einer anderen Richtung her eben eintreten wollte.

»Hm, Apäcides«, sagte Arbaces, der den Priester auf den ersten Blick erkannte. »Als wir uns zuletzt sahen, warst du mein Feind. Ich habe seitdem gewünscht, dir wieder zu begegnen, denn ich hoffe, daß du wieder mein Freund und mein Zögling werdest.«

Apäcides blieb, als er die Stimme des Ägypters vernahm, plötzlich stehen und blickte auf ihn mit dem Ausdruck der Verachtung und der Rache.

»Elender und Betrüger«, sagte er endlich. »Noch einmal bist du dem Tode entgangen! Glaube aber nicht, daß es dir gelingen werde, mich wieder in deine Netze zu verstricken. Gegen dich bin ich gewaffnet!«

»Schweig!« antwortete Arbaces mit mühsam beherrschter Stimme. Doch verrieten seine zitternden Lippen und die finster drohende Stirn die Wunde, die die Worte des Glaukus seinem Stolz geschlagen hatte. »Still – sprich leiser! Man könnte dich hören, und wenn andere Ohren als meine–«

»Willst du drohen? Wenn nun auch die ganze Stadt mich hörte?«

»Die Geister meiner Vorfahren würden nicht dulden, daß ich dir es vergäbe. Aber bleibe und höre mich. Du bist wütend, weil ich Gewalt gegen deine Schwester brauchen wollte. Nein, ruhig, nur einen Augenblick schenke mir Gehör! Du hast recht, ich ließ mich von der Raserei der Leidenschaft und der Eifersucht übereilen, ich habe es aber bitter bereut. Vergib mir – ich, der ich noch keinen Menschen um Verzeihung bat, flehe dich jetzt an, mir zu vergeben! Ich will meinen Fehler wieder gutmachen, ich bitte um die Hand deiner Schwester. Erschrick nicht – bedenke, was ist die Verbindung mit jenem unwürdigen Griechen im Vergleich zu der mit mir? Unermeßlicher Reichtum – eine Abstammung, welche in ihrem Alter eure griechischen und römischen Namen wie von gestern erscheinen läßt – geheimes Wissen – doch du weißt es. Gib mir deine Schwester, und mein ganzes Leben soll für die Verirrung eines Augenblicks büßen.« »Wollte ich auch einwilligen, Ägypter, so ist selbst die Luft, welche du atmest, meiner Schwester ein Greuel. Aber ich habe ebenfalls meine Beleidigungen zu vergeben. Ich könnte dir es verzeihen, daß du mich zu einem Werkzeuge deiner Täuschungen gebraucht hast, aber nimmer, daß du mich verführtest, ein Genosse deiner Laster zu werden, ein meineidiger und verworfener Mann. Zittere! In dieser Stunde bereite ich die Tat vor, welche deine falschen Götter der Verachtung und dich gerechter Strafe preisgeben soll. Ich will dein üppiges und lasterhaftes Leben entschleiern, deine Gaukeleien öffentlichem Hohne preisgeben. Der Tempel des Götzenbildes Isis soll zum Gespött der Menschen, der königliche Name Arbaces mit Schande gebrandmarkt werden. Zittere!«

Dem Zorn auf der Stirn des Ägypters folgte die Leichenfarbe des Todes. Er sah sich nach allen Seiten um, ob niemand in der Nähe sei und heftete seine finsteren Augen mit so wütenden und drohenden Blicken auf den Priester, daß jemand, der weniger durch den Antrieb eines heiligen Eifers beseelt gewesen wäre als Apäcides, ihnen nicht fest hätte begegnen können. Dieser aber wies sie mit dem Ausdruck kühner Verachtung zurück.

»Apäcides,« sagte der Ägypter mit leiser, zitternder Stimme, »nimm dich in acht! Was beabsichtigst du? Besinne dich, ehe du antwortest. Ist es die Übereilung des Zorns, die dich antreibt, oder hast du irgendeinen festen, bestimmten Entschluß gefaßt?«

»Ich rede durch die Begeisterung des wahren Gottes, dessen Priester ich jetzt bin«, antwortete kühn der Christ. »Ich habe die Überzeugung, daß seine Macht deiner Heuchelei und deinem Götzendienst ein Ziel gesetzt hat. Bevor die Sonne dreimal wieder aufgegangen ist, wirst du alles wissen! Zittere, du finsterer Zauberer, zittere!«

In der Brust des Ägypters erwachten jetzt alle die wilden und düsteren Leidenschaften, die er von seinem Stamme und seinem Vaterlands geerbt und immer nur unvollkommen unter der Kälte seiner Philosophie und mit der Gewandtheit seiner List verborgen hatte. Ein Gedanke folgte schnell dem anderen, er sah eine Schranke selbst gegen seine gesetzliche Verbindung mit Jone gezogen. Zwischen ihr und ihm stand der Gehilfe des Glaukus in dem Kampf, welcher seine Absichten vereitelt hatte. Und derselbe Mensch wollte seinen Namen beschimpfen, die Göttin entheiligen, der er diente, und seine eigenen Betrügereien und Laster öffentlich bekanntmachen. Seine Liebe, sein Ruf, sein Leben selbst konnte in Gefahr kommen, der Tag und die Stunde schienen zu irgendeinem Anschlag gegen ihn schon bestimmt zu sein. Er hatte eben aus dem Munde des Apäcides selbst vernommen, daß dieser den christlichen Glauben angenommen, er kannte die ausdauernde Hartnäckigkeit der Anhänger jener Sekte. Dieser war sein Feind – er ergriff seinen Stilus – der Feind war in seiner Gewalt! Sie standen jetzt vor der Kapelle. Noch einmal blickte Arbaces sich hastig um. Niemand war zu sehen, und diese Einsamkeit schien ihm eigens vom Schicksal herbeigeführt zu sein, um seine schwarze Tat auszuführen.

»So stirb denn in deiner Wut!« schrie er. »Fort mit dem Hindernis, das meinem glänzenden Geschick noch entgegentritt!«

Und gerade, als der Christ sich gewendet hatte, um fortzugehen, erhob Arbaces seine Hand hoch über der linken Schulter des Apäcides und stieß seine scharfe Waffe zweimal in seine Brust. Dem Priester war das Herz durchbohrt, er fiel stumm und lautlos an dem Fußgestell der heiligen Kapelle nieder.

Arbaces blickte noch einige Augenblicke auf ihn mit der wilden, tierischen Freude des Sieges über einen Feind. Aber bald erinnerte er sich wieder der Gefahr, die ihm drohte. Erwischte seine Waffe sorgfältig in dem langen Grase ab, und selbst an den Kleidern seines Opfers, zog sein Gewand um sich und stand im Begriffe fortzugehen, als er gerade vor sich einen jungen Mann kommen sah, dessen Schritte seltsam schwankten. Der Mond beschien sein Antlitz, welches weiß wie Marmor war. Der Ägypter erkannte Glaukus. Der unglückliche Grieche sang unzusammenhängende einzelne Stellen aus Hymnen und heiligen Oden, wie sie ihm gerade einfielen.

»Ha!« dachte der Ägypter, indem er sogleich seinen Zustand und dessen schreckliche Ursache erriet. »Der Höllentrank wirkt also, und das Schicksal hat dich hierher gesendet, damit ich zwei meiner Feinde zugleich vernichte!«

Er zog sich schnell in das Gebüsch zurück und beobachtete hier, wie ein Tiger in seinem Versteck, die Bewegungen seines zweiten Opfers. Er bemerkte das unruhige Feuer in den schönen Augen des Atheners und die Krämpfe, welche seine Züge und seine blauen Lippen durchzuckten. Er sah, daß der Grieche den Verstand schon ganz verloren hatte. Als Glaukus jedoch der Leiche des Apäcides sich näherte, aus der das schwarze Blut sich noch langsam über das Gras ergoß, mußte, so verwirrt seine Sinne auch waren, ein so unerwartetes und schreckliches Schauspiel doch seine Aufmerksamkeit erregen. Er blieb stehen, legte die Hand an die Stirn, als wollte er sich besinnen und sagte darauf: »Ho, Endymion, schläfst du so fest? Was hat Diana dir gesagt? Du machst mich eifersüchtig, es ist Zeit, zu erwachen.« Und er trat hinzu in der Absicht, den Körper aufzuheben.

Der Ägypter, der seine eigene Schwäche vergaß und sie nicht mehr fühlte, sprang aus seinem Versteck hervor und warf den Griechen, als er sich niederbeugte, heftig zu Boden auf den Körper des Christen, dann schrie er, so laut er konnte: »Hilfe, Bürger! Hilfe! Hierher! Ein Mörder! Ein Mord vor dem Heiligtum! Helft, oder der Mörder entflieht!«

Während er diese Worte rief, setzte er seinen Fuß auf die Brust des Glaukus. Es war dies aber eine überflüssige Vorsicht, denn durch die Wirkung des Trankes und die Erschütterung des Falles lag der Grieche bewegungslos und stumm, außer daß er dann und wann wilde und unverständliche Töne ausstieß.

Arbaces schrie immer lauter und nahm plötzlich, einem Einfall folgend, den Stilus des Glaukus aus dessen Gürtel. Er tauchte ihn in das Blut des Ermordeten und legte ihn neben die Leiche. Bald kamen auch, eilend und atemlos, mehrere Bürger, einige mit Fackeln, welche der Mondschein unnötig machte, deren rote, zitternde Flamme aber das dunkle Laub der Bäume nur noch mehr hervorhob.

»Hebt jene Leiche auf«, sagte der Ägypter, »und bewacht den Mörder!«

Sie hoben den Körper auf, und groß war ihr Entsetzen, als sie in ihm die Leiche eines Priesters der verehrten Isis, aber noch größer vielleicht ihr Erstaunen, als sie in dem Angeklagten den bewunderten Athener entdeckten.

»Glaukus!« riefen sie mit einer Stimme. »Es ist kaum glaublich!«

»Ich möchte glauben,« flüsterte ein Mann seinem Nachbar zu, »daß der Ägypter selbst der Mörder ist.«

Jetzt erschien ein Centurio, dem die Menge Platz machte. »Was? Hier ist Blut vergossen; wer ist der Mörder?«

Die Umstehenden zeigten auf Glaukus.

»Der – beim Mars, scheint ja das Opfer zu sein. Wer beschuldigt ihn?«

«Ich«, sagte Arbaces, indem er sich stolz emporrichtete, und die Juwelen, welche den Augen des Soldaten von seinem Gewand entgegenglänzten, überzeugten den würdigen Krieger sogleich von der Achtbarkeit des Zeugen.

»Verzeihe,« sagte er, »dein Name?«

»Arbaces, er ist, denke ich, in Pompeji bekannt genug. Als ich durch den Hain gehen wollte, sah ich den Griechen und den Priester in eifrigem Gespräch begriffen. Ich wurde durch die heftigen, aber schwankenden Bewegungen und durch die laute Stimme des ersteren aufmerksam. Er schien mir entweder betrunken oder verrückt zu sein. Plötzlich sah ich ihn seinen Stilus erheben, ich sprang vor, aber zu spät, um die Tat zu verhüten. Er hatte zweimal seine Waffe in den Körper seines Feindes gestoßen und bückte sich über ihn, als ich in meinem Abscheu über ein solches Verbrechen den Mörder zu Boden warf. Er fiel, ohne sich zu widersetzen, welches mich noch mehr in der Meinung bestärkt, daß er nicht ganz bei Sinnen war. Denn da ich erst kürzlich von einer Krankheit hergestellt wurde, so konnte mein Stoß nur schwach sein, und Glaukus ist, wie ihr seht, jung und kräftig.«

»Jetzt öffnet er die Augen«, sagte der Soldat. »Seine Lippen bewegen sich. Sprich, Gefangener, was erwiderst du auf die Anklage?«

»Die Anklage? – Ha, ha! Es war eine lustige Geschichte, als die alte Hexe ihre Schlange gegen mich wild machte und Hekate dazu lachte – was konnte ich tun? Aber ich bin krank – mir wird übel – die Schlange hat mich gebissen. Führt mich zu Bett und schickt nach dem Arzt. Der alte Äskulap selbst wird kommen, wenn er hört, daß ich ein Grieche bin. O helft mir – helft – ich brenne! – Mark und Gehirn, ich brenne!« Und mit einem lauten Schrei fiel der Athener in die Arme der ihm zunächst Stehenden.

»Er ist rasend«, sagte der Offizier mitleidig. »Und in seinem Krankheitsfall hat er den Priester ermordet. Hat jemand von den hier Anwesenden ihn heute gesehen?«

»Ich«, sagte einer der Zuschauer, »sah ihn heute morgen. Er kam bei meinem Laden vorbei und sprach mit mir. Er schien aber gesund und vernünftig zu sein.«

»Und ich sah ihn vor einer halben Stunde,« sagte ein anderer, »wie er, mit seltsamen Gebärden und mit sich selbst sprechend, durch die Straße schwankte.«

»Eine Bestätigung des Zeugnisses! Es scheint leider wahr zu sein! Auf jeden Fall muß er zum Prätor. Es ist schade – so jung und so reich. Aber das Verbrechen ist schrecklich, einen Priester der Isis in seinem geistlichen Gewande und noch dazu dicht an der ältesten unserer heiligen Kapellen zu ermorden!«

Bei diesen Worten wurden die Umstehenden mehr, als es in ihrer ersten Aufregung und Neugierde der Fall gewesen, an das Abscheuliche der Tat erinnert. Sie schauderten vor heiligem Schrecken.

»Es ist kein Wunder, daß die Erde gebebt hat,« sagte der eine, »da sie ein solches Ungeheuer trug.«

»Fort mit ihm ins Gefängnis – fort!« riefen alle.

Und einer der Zuschauer schrie laut: »Das kommt gerade zur rechten Zeit für die Spiele im Amphitheater. Jetzt haben wir doch wenigstens einen Gladiator für die wilden Tiere!«

Alles Mitleid, das für den Angeklagten sich etwa noch regen wollte, verschwand. Seine Jugend, seine Schönheit machten ihn nur desto geeigneter für den Kampf in der Arena.

»Bringt einige Bretter oder eine Sänfte, wenn sie bei der Hand ist, um den Ermordeten zu tragen«, sagte Arbaces. »Ein Priester der Isis darf nicht wie ein abgeschlachteter Gladiator nach seinem Tempel gebracht werden.«

Die Umstehenden legten jetzt die Leiche des Apäcides ehrerbietig, mit dem Gesicht nach oben, auf die Erde, und einige bemühten sich, irgendeine Vorrichtung aufzufinden, um den Ermordeten, unberührt durch profane Hände, zu tragen.

Gerade als die Menge auseinandergehen wollte, drängte sich eine kräftige Gestalt durch, und Olinthus, der Christ, stand dem Ägypter gerade gegenüber. Seine Blicke verweilten aber zuerst mit unaussprechlichem Schrecken und Schmerz auf jenem Antlitz, welches noch den Ausdruck eines plötzlichen, gewaltsamen Todes trug.

»Ermordet!« sagte er. »Hast du dieses deinem Eifer zu verdanken? Haben sie dein edles Vorhaben entdeckt und sind sie ihrer eigenen Schande durch deinen Tod zuvorgekommen?« Er wendete sein Haupt schnell, und seine Blicke fielen auf die feierlichen Züge des Ägypters.

Man konnte den Abscheu und den Haß in dem Gesicht des Christen lesen, den er gegen einen Mann fühlte, den er als so gefährlich und lasterhaft kannte. Er sah ihn an, wie der Vogel den Basilisken, unverwandt, aber mit dem Ausdruck des Schreckens. Doch Olinthus bemeisterte bald dieses unheimliche Gefühl. Er streckte seinen rechten Arm gegen Arbaces aus und sprach mit tiefer und lauter Stimme: »Wer ist der Mörder dieses jungen Mannes? So wahr der Herr lebt, ich glaube, du bist es, Ägypter!«

Man konnte für den Augenblick in den düsteren Zügen des Arbaces Anruhe und Verlegenheit bemerken, doch diesen folgte bald wieder Trotz und Zorn, als die Zuschauer, durch die Heftigkeit dieser unerwarteten Anklage aufmerksam gemacht, wieder näher und näher sich drängten.

»Ich weiß,« sagte Arbaces mit kühnem Stolz, »wer mein Ankläger ist, und ich errate, weshalb er mich anklagt. Männer und Bürger! Wißt, daß der eifrige Nazarener oder Christ, welchen Namen sie führen mögen, vor euch steht! Ist es zu verwundern, wenn er in seiner Bosheit es wagt, einen Ägypter der Ermordung eines ägyptischen Priesters zu beschuldigen?«

»Ich kenne ihn! Ich kenne den Hund!« riefen mehrere Stimmen. »Es ist Olinthus, der Christ, einer von diesen Atheisten, die die Götter verleugnen.«

»Seid ruhig, meine Brüder, hört mich an!« sagte Olinthus mit Würde. »Dieser ermordete Priester der Isis wurde vor seinem Tode Christ, er entdeckte mir die abscheulichen Laster, die Zaubereien jenes Ägypters, die Betrügereien und Täuschungen in dem Tempel der Isis. Er beabsichtigte, sie öffentlich bekanntzumachen. Er, ein Fremder, der niemand beleidigt und keine Feinde hatte! Wer sollte Ursache gehabt haben, ihn zu fürchten, als einer von denen, die sein Zeugnis scheuen mußten? Wer mußte dieses Zeugnis am meisten fürchten? Arbaces, der Ägypter!«

»Ihr hört ihn«, sagte Arbaces. »Ihr hört ihn. Er lästert die Götter! Fragt ihn, ob er an die Isis glaubt?« »Kann ich an einen bösen Geist glauben?« erwiderte Olinthus kühn.

Ein Ausdruck des Entsetzens verbreitete sich allgemein unter den Umstehenden. Doch der Christ, der jederzeit auf Gefahren vorbereitet war und in seiner Aufregung alle Vorsicht hintan setzte, fuhr nur desto eifriger fort: »Zurück, ihr Götzendiener! Diese Leiche gehört euren gotteslästerlichen Gebräuchen nicht an. Wir, die wir an Christus glauben, müssen ihm die letzten, einem Christen gebührenden Ehren erweisen. Ich fordere diesen Staub im Namen des großen Schöpfers des Himmels und der Erden!«

Der Christ sprach diese Worte in so feierlicher und gebieterischer Stimme, daß die versammelte Menge den Gefühlen des Hasses und des Abscheus, die ihre Herzen erfüllten, kaum Luft zu machen wagte. Ruhig und ernst stand er vor der Menge mit kühnem, offenem Blick auf den verächtlich und trotzig lächelnden Ägypter schauend. Seine linke Hand zeigte auf die Leiche, die rechte hatte er zum Himmel erhoben.

Jetzt trat der Centurio wieder vor und fragte: »Hast du, Olinthus, oder welches dein Name sein möge, außer deinem leeren Verdacht einen Beweis deiner Anklage gegen den Arbaces?«

Olinthus schwieg, der Ägypter lächelte höhnisch. »Forderst du die Leiche eines Priesters der Isis für die nazarenische oder christliche Sekte?«

»Allerdings.«

»So schwöre denn, bei jener Kapelle, bei der Statue der Cybele, bei unserem ältesten Heiligtum in Pompeji, daß jener Mann zu eurem Glauben gehörte.«

»Wie kann ich bei der Cybele schwören? Ich verabscheue eure Tempel! Ich biete euren Götzenbildern Hohn!«

»Fort, fort mit dem Atheisten. Die Erde wird uns verschlingen, wenn wir in einem heiligen Hain diese Gotteslästerungen mit anhören – fort mit ihm zum Tode!«

»Zu den wilden Tieren!« fügte eine weibliche Stimme mitten aus der Menge hinzu. »Wir haben jetzt einen Mann für den Löwen und einen für den Tiger!«

»Wenn du, o Nazarener, die Cybele verleugnest, an welche unserer Gottheiten glaubst du denn?« fuhr der Soldat fort, ohne sich durch das Geschrei stören zu lassen.

»An keine.«

»Hört – hört, wie er lästert«, rief die Menge.

»O ihr Blinden und Tauben!« sprach jetzt wieder der Christ, indem er seine Stimme gewaltig erhob. »Könnt ihr glauben an Götzenbilder aus Holz und Stein? Bildet ihr euch ein, daß sie Augen, um zu sehen, oder Ohren, um zu hören, oder Hände, um euch zu helfen, haben? Ist jene stumme Gestalt, durch Menschenhände verfertigt, eine Gottheit? Hat sie Menschen geschaffen oder wurde sie nicht selbst erst durch Menschen geschaffen? Seht doch, überzeugt euch selbst von ihrer Ohnmacht und von eurer Torheit!«

Und indem er dieses sagte, sprang er zu der Kapelle, und ehe einer der umstehenden seine Absicht erraten hatte, warf er die hölzerne Statue in der Hitze seines Eifers von ihrem Fußgestell.

»Seht,« schrie er, »eure Göttin vermag sich nicht zu rächen. Ist dies ein der Anbetung würdiger Gegenstand?«

Man ließ ihn nicht weitersprechen. Diese kühne Verhöhnung eines ihrer größten Heiligtümer erfüllte selbst die Gleichgültigsten mit Wut und Schrecken. Wie auf ein gegebenes Zeichen stürzten alle auf ihn zu und würden ihn ohne die Dazwischenkunft des Centurio in Stücke gerissen haben.

»Ruhe!« gebot der Soldat gebieterisch. »Entzieht diesen unverschämten Gottesleugner seinen gesetzlichen Richtern nicht. Wir haben schon zu viel Zeit verloren. Laßt uns beide Verbrecher den Behörden übergeben. Legt den Körper des Priesters in eine Sänfte, bringt ihn nach seiner eigenen Wohnung.«

In diesem Augenblick trat ein Priester der Isis vor.

»Ich fordere diese Leiche nach den Gesetzen unserer Priesterschaft.«

»Das Verlangen des Priesters werde erfüllt«, sagte der Centurio. »Wie geht es mit dem Mörder?«

»Er ist ohne Bewußtsein und scheint zu schlafen.«

»Wäre sein Verbrechen nicht so abscheulich, so könnte ich ihn bedauern – vorwärts!«

Arbaces begegnete, als er sich umwendete, den Blicken jenes Priesters der Isis – es war Kalenus. Und es lag in diesen Blicken etwas so Finsteres und Unheimliches, daß der Ägypter dachte: »Könnte er ein Zeuge der Tat gewesen sein?«

Ein Mädchen drängte sich aus der Menge hervor und schaute neugierig Olinthus in das Gesicht: »Beim Jupiter! Ein starker Geselle! Jetzt haben wir auch einen Mann für den Tiger – für jedes Tier einen! Hurra!«

»Hurra!« wiederholte die Menge. »Einen Mann für den Löwen und einen für den Tiger! – Welches Glück! – Hurra!«

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