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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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22.

Arbaces hatte gewartet, bis das Gewitter verzogen war, um im Dunkel der Nacht die Hexe des Vesuvs aufzusuchen. Er lag ausgestreckt in seiner Sänfte, welche durch seine treuesten Sklaven getragen wurde, denen er gewohnt war, sich in seinen geheimsten Unternehmungen anzuvertrauen. Auf dieser kurzen Strecke bewegten sie sich fast ebenso schnell wie die Maulesel in ihrem gewöhnlichen Schritt, und Arbaces kam bald an einen engen Pfad, den die Liebenden verfehlt hatten, der aber durch die wilden Weinreben auf dem kürzesten Wege zu der Wohnung der Hexe führte. Hier ließ er die Sänfte anhalten, und indem er den Sklaven befahl, sich in dem Gebüsch zu verbergen, damit sie nicht etwa durch einen zufällig vorbeigehenden Wanderer bemerkt würden, stieg er allein, seine noch schwachen Glieder durch einen langen Stab unterstützend, den steilen Abhang hinauf.

Von dem heiteren Himmel fiel kein Regen mehr, aber an den Rebenblättern hingen noch große Tropfen, und das Wasser hatte sich in dem felsigen Wege hier und da gesammelt.

Als er die Öffnung der Höhle erblickte, blieb er einen Augenblick stehen, um sich etwas zu erholen, und trat dann ruhig und gefaßt hinein.

Der Fuchs sprang auf und verkündete seiner Gebieterin durch ein widerliches Heulen die Ankunft eines neuen Gastes. Die Hexe saß wieder, ruhig wie eine Leiche, neben dem Feuer, und zu ihren Füßen lag die verwundete Schlange auf trockenem Moose, durch das sie halb bedeckt wurde.

»Zurück, Sklave!« sagte die Hexe zum Fuchs, und das Tier kroch stumm, aber wachsam in seinen Winkel zurück.

»Erhebe dich, Dienerin der Nacht und des Erebus«, sagte Arbaces in befehlendem Ton. »Ein Mächtiger in deiner Kunst grüßt dich! Erhebe dich und heiße ihn willkommen!«

Die Hexe erhob jetzt ihren Blick zu der gewaltigen Gestalt und den finsteren Zügen des Ägypters. Sie betrachtete ihn lange und mit unverwandtem Auge, als er in seinem morgenländischen Gewand, mit übereinandergeschlagenen Armen und stolzer, gebieterischer Stirn vor ihr stand.

»Wer bist du,« sagte sie endlich, »der du dich mächtiger nennst als die Zauberin der brennenden Felder und als die Tochter des untergegangenen etruskischen Geschlechts?«

»Ich bin der,« erwiderte Arbaces, »den alle Zauberer vom Norden zum Süden, vom Osten zum Westen, vom Ganges zum Nil, von den Tälern Thessaliens bis zu den Ufern der gelben Tiber als ihren Lehrer anerkennen.«

»Ich kenne nur einen solchen Mann in dieser Gegend,« sagte die Hexe, »den die gewöhnlichen Menschen, unbekannt mit seinen höheren Eigenschaften, Arbaces, den Ägypter nennen. Uns, die wir in diesem geheimen Wissen erfahrener find, ist er unter dem Namen: Hermes mit dem flammenden Gürtel bekannt.«

»So schaue mich an,« sagte Arbaces, »ich bin es.«

Indem er dieses sagte, zog er sein Gewand zurück und zeigte einen scheinbar feurigen Gürtel, der um seinen Leib flammte und in dessen Mitte auf einer Platte ein Zeichen eingegraben war, dessen Bedeutung der Hexe bekannt sein mußte, denn sie stand schnell auf und warf sich dem Arbaces zu Füßen.

»Ich bin glücklich,« sagte sie mit demütiger Stimme, »den Herrn des mächtigen Gürtels zu sehen. Ich bringe dir meine Huldigung dar!«

»Stehe auf,« sagte der Ägypter, »ich bedarf deiner Dienste.«

Damit setzte er sich auf einen Holzstamm und winkte der Hexe, wieder Platz zu nehmen.

»Du behauptest,« sagte er, »eine Tochter des alten etruskischen Geschlechts zu sein, von dessen Felsenstädten noch jetzt die gewaltigen Mauern verächtlich auf das Räubergeschlecht hinabschauen, welches seiner uralten Herrschaft sich bemächtigt hat. Diese Stämme kamen teils aus Griechenland, teils waren sie Flüchtlinge aus einem noch brennenderen Klima. In jedem Fall bist du ägyptischen Ursprungs, denn die Griechen, welche die eingeborenen Stämme von Hellas unterwarfen, waren unruhige Söhne Ägyptens, die vom Nil verbannt wurden. Auch deine Vorfahren, o Zauberin, schworen daher in jedem Fall den meinigen Unterwürfigkeit. Durch Geburt schon bist du Arbaces untertan, wie auch in deinem geheimen Wissen. Jetzt höre mich an und gehorche!«

Die Hexe neigte ihr Haupt.

»Welche geheimen Zauberkünste wir auch besitzen mögen,« fuhr Arbaces fort, »so müssen wir doch oft, um unsere Zwecke erreichen zu können, zu natürlichen Mitteln unsere Zuflucht nehmen. Auch die höheren Geheimnisse des Mondes entbinden selbst den Besitzer des flammenden Gürtels nicht immer von der Notwendigkeit, dann und wann für menschliche Zwecks menschliche Mittel anzuwenden. So höre mich denn! Du kennst, wie ich glaube, genau die Eigenschaften aller giftigen Kräuter, du weißt, welche Säfte die Lebenskraft zerstören und das Blut in den jungen Adern erstarren machen können. Morgen abend kommt zu dir ein eitles Mädchen, welches von deiner Kunst einen Liebeszauber erheischen wird, um von einer anderen die Augen abzuwenden, welche nur ihre Liebe gestehen sollen. Statt eines Liebestrankes aber gib dem verliebten Mädchen eines deiner gefährlichsten Gifte. Möge der Liebende seine Gelübde den Schatten vorseufzen.«

Die Hexe zitterte am ganzen Leibe.

»O vergib, vergib, schrecklicher Meister!« sagte sie stammelnd. »Aber das wage ich nicht. Das Gesetz ist in diesen Städten streng und wachsam. Sie werden mich ergreifen und mit dem Tode bestrafen.«

»Für welche Zwecke brauest du denn deine Getränke?« sagte Arbaces spöttisch.

»Oh,« sagte sie mit einer ungewöhnlich sanften und klagenden Stimme, »vor Jahren war ich nicht, was ich jetzt bin. Ich liebte; ich glaubte, wiedergeliebt zu werden. Aber eine andere entzog mir meinen Auserwählten. Ich gehörte zu jenem etruskischen Stamme, dessen Mitglieder fast alle in den Geheimnissen der finsteren Magie bewandert waren. Meine Mutter selbst war eine Zauberin – sie teilte das Rachegefühl ihres Kindes. Aus ihren Händen empfing ich den Trank, der mir meinen Geliebten wiedergewinnen, von ihr auch das Gift, welches meine Nebenbuhlerin töten sollte. Oh, zerschmettert mich, ihr Felsenwände! Meine zitternden Hände verwechselten die Gefäße, mein Geliebter fiel mir allerdings zu Füßen, aber tot, tot! Welchen Wert hat seit jener Zeit das Leben für mich gehabt? Ich alterte zusehends, ich ergab mich den Zauberkünsten meines Stammes. Durch einen unwiderstehlichen Antrieb muß ich mich noch stets selbst mit einer schrecklichen Strafe züchtigen. Noch immer suche ich die schädlichsten Kräuter, noch immer bereite ich Gifte zu.«

Der Ägypter betrachtete sie mit einem kalten Blick. »Deine Geschichte ist allerdings schrecklich,« sagte er, »aber solche Leidenschaften sind nur für die Jugend geeignet, das Alter muß uns hart und unempfindlich machen. Doch jetzt höre: Der Jüngling, den ich aus meinem Wege räumen will, hat meinen geheimen Künsten selbst getrotzt. Dieser lächelnde Wüstling, ohne Geist und Gefühl, der keinen anderen Vorzug hat als den der Schönheit, dieses Insekt, dieser Glaukus – ich sage dir, beim Orkus und bei der Nemesis, er muß sterben!«

Und der Ägypter schritt bei diesen Worten, uneingedenk seiner Schwäche und alles vergessend, außer seiner Rache, wild und ungestüm in der dunklen Höhle auf und ab.

»Du nanntest Glaukus, mächtiger Meister?« sagte die Hexe, und ihr dunkles Auge funkelte bei diesem Namen mit aller jener Glut der Rache, die der Einsame und Verachtete auch bei der Erinnerung kleinerer Beleidigungen so heftig zu fühlen pflegt.

»Ja, so heißt er, aber was kümmert dich der Name? Laß ihn wenigstens nach drei Tagen nicht mehr als den eines Lebenden genannt werden!«

»Höre mich!« sprach jetzt die Hexe, indem sie wie aus einem Traum zu erwachen schien. »Ich bin deine Sklavin und deine Magd, schone mich! Wenn ich dem Mädchen, von welchem du sprichst, gäbe, was du verlangst, so würde es gewiß entdeckt werden, denn die Toten finden immer Rächer. Nein, furchtbarer Mann, wenn dein Besuch bei mir, dein Haß gegen Glaukus bekannt würde, so könnten deine Zauberkünste vielleicht kaum dich selbst schützen!«

»Ha!« sagte Arbaces, und plötzlich hielt er inne. Zum erstenmal dachte er daran, welcher Gefahr er sich durch die rücksichtslose Befriedigung seiner Rache aussetzen konnte.

»Aber«, fuhr die Hexe fort, »wenn ich ihm nur etwas gebe, was das Gehirn verwirrt und verdüstert, was den, der es verschluckt, unfähig für die gewöhnlichsten Geschäfte des Lebens macht, zu einem verworfenen, rasenden Wesen, wird dann deine Rache nicht auch befriedigt, dein Zweck ebenfalls erreicht sein?«

»O Hexe, nicht länger die Dienerin, nein, die Schwester des Arbaces – um wie viel größer ist der Scharfsinn des Weibes selbst in der Rache als der unsrige! Um wieviel schrecklicher als der Tod ist ein solches Los!«

»Und«, fuhr die Alte fort, indem sie ihren abscheulichen Plan immer mehr entwickelte, »dieses würde wenig Verdacht erregen können, denn unser Opfer kann aus vielen tausend Gründen, die man weiter nicht untersuchen wird, verrückt geworden sein. Mächtiger Hermes, habe ich dir nicht einen guten Rat gegeben?«

»Du sollst zwanzig Jahre länger dafür leben«, sagte Arbaces. »Ich will eine neue Epoche deines Schicksals in die bleichen Sterne schreiben, du sollst nicht umsonst dem Herrn des flammenden Gürtels gedient haben. Und hier, Alte, grabe dir mit diesen goldenen Werkzeugen eine wärmere Zelle in deiner schrecklichen Höhle aus. Ein Dienst, den du mir leistest, soll dir einträglicher sein, als wenn du tausend staunenden Bauern deine Wahrsagungen verkaufst.«

Indem er dieses sprach, warf er einen schweren Geldbeutel auf den Boden, der den Ohren der Hexe sehr angenehm klang, denn wenn sie auch viele Bequemlichkeiten entbehren konnte, so besaß sie doch gern die Mittel, durch welche diese zu erlangen sind.

»Lebewohl,« sagte Arbaces, »beobachte gut die Sterne, wenn du deinen Trunk bereitest. Morgen abend besuche ich dich wieder.«

Er hielt sich nicht länger auf, um die Danksagungen der Hexe anzuhören. Mit eilenden Schritten trat er aus der Höhle und eilte den Berg hinab.

Die Zauberin hatte ihn bis zum Ausgang begleitet, und hier stand sie noch lange, ihm nachschauend, und als der bleiche Strahl des Mondes ihr leichenfarbenes Antlitz und ihre dürre Gestalt beschien, die gegen den dunklen Felsenhintergrund noch mehr hervorgehoben wurden, da schien es wirklich, als wenn ein mit übernatürlicher Magie begabtes Wesen aus dem finsteren Orkus hervorgestiegen sei und an dessen schwarzem Tore Wache halte. Die Hexe trat nun langsam wieder in ihre Höhle zurück, hob die schwere Börse auf, nahm die Lampe, und indem sie in den entferntesten Winkel ihrer Höhle sich begab, trat sie in einen schmalen, finsteren Gang, der, durch vorspringende Felsenecken verborgen, nur ganz in der Nähe sichtbar war. Sie stieg einige Schritte hinab und hob einen Stein auf, unter den sie ihren Schatz legte. Auch zeigte der Schein der Lampe mehrere Münzen von verschiedenem Wert, welche die Dankbarkeit und der Aberglaube ihr bereits früher verehrt und die sie hier verborgen hatte.

Nachdem sie das glänzende Metall eine Weile mit gierigen Blicken betrachtet hatte, legte sie den Stein wieder zurecht, verfolgte den Gang noch einige Schritte weiter und blieb vor einer tiefen, unregelmäßigen Öffnung in der Erde stehen. Als sie hier lauschte, hörte sie von Zeit zu Zeit seltsame, polternde, donnernde Töne in der Entfernung, mit einem lauten, knirschenden Geräusch, als wenn Metalle sich gegeneinander rieben. Auch drang schwarzer, nach Schwefel riechender Rauch empor und verbreitete sich spiralförmig in der Höhle.

»Die Schatten sind unruhiger als gewöhnlich«, sagte die Hexe, indem sie ihre grauen Locken schüttelte. Und als sie in die Höhlung sah, erblickte sie tief unten lange Streifen eines rötlichen Lichtes.

»Sonderbar!« sprach sie, indem sie zurückbebte. »Erst seit den letzten zwei Tagen bemerke ich jene feurigen Erscheinungen – was können sie bedeuten?«

Der Fuchs, welcher seine Gebieterin begleitet hatte, stieß ein widerliches Geheul aus und kroch nach der oberen Höhle zurück. Ein kalter Schauder erfaßte die Alte selbst, denn auch die Ängstlichkeit des Tieres schien ihr ein böses Omen zu sein. Sie murmelte ihren Gegenzauber, schwankte zitternd zurück und begab sich zu ihren Kräutern, um die Befehle des Ägypters zu erfüllen.

In derselben Nacht und zu derselben Stunde, als Arbaces in jener unheimlichen Höhle die Hexe besuchte – wurde Apäcides getauft.

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