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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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21.

Glaukus und Jone hatten, als die Hitze des Tages nachließ, eine Spazierfahrt unternommen, um den kühlen und angenehmen Abend zu genießen. Sie benutzten dazu einen kleinen zweirädrigen Wagen und waren nur von einer Sklavin der Jone begleitet. Einige Stunden von der Stadt befand sich zu jener Zeit eine alte Ruine, die Überbleibsel eines griechischen Tempels, und da für Glaukus und Jone alles, was Griechenland betraf, von Interesse war, so hatten sie den Entschluß gefaßt, diese Ruinen zu besuchen.

Der Weg, der anfangs durch Weingärten und Olivenwäldchen ging, wurde immer rauher, je mehr er sich den Vesuv hinaufwand. Die Abendsonne warf lange Schatten über den Berg, hier und da hörten sie auf dem wilden Buschwerk die ländliche Musik des Schäfers ertönen. Über ihnen schwebten leichte Wolken in dem heiteren Himmel, die sich kaum zu bewegen schienen, während sich ihnen dann und wann zur rechten Seite eine Aussicht auf die See eröffnete, in der das Sonnenlicht jenes wunderbare Farbenspiel bildete, welches hier einen so eigenartigen Reiz hervorbringt.

»Wie schön und gütig ist doch die Mutter Erde«, sagte Glaukus in einem halb flüsternden Ton. »Selbst den unfruchtbarsten Gegenden entzieht sie ihre Gaben nicht, und auf dem kahlen und verbrannten Boden jenes erloschenen Vulkans gedeiht noch der Weinstock.«

Sie kamen bei den Ruinen an und betrachteten in ihnen die geheiligten Spuren ihrer Vorfahren. Sie verweilten dort, bis der Abendstern am rosigen Himmel erschien, und in schweigsamem Glück traten sie den Rückweg an. Die Gewitterwolken, welche der Ägypter vorhergesehen hatte, sammelten sich jetzt über ihren Häuptern. Zuerst verkündete ein ferner, aber lauter Donner den bevorstehenden Kampf der Elemente, und darauf zogen sich plötzlich die dunklen, schweren Wolken am Himmel zusammen. Das Gewitter entwickelte sich mit riesiger Schnelligkeit. Einige schwere Tropfen drangen durch die Zweige, welche über ihrem Wege hingen, und kurz darauf blendete der helle Blitz, der die ganze Gegend mit magischem Licht erleuchtete und sogleich wieder in das Dunkel zurücksinken ließ, ihre Augen.

»Fahre schneller, guter Carricarius,« sagte Glaukus, »das Gewitter droht.«

Der Sklave trieb die Maulesel an, sie zogen den Wagen schnell über den rauhen, steinigen Weg. Die Wolken zogen sich immer dichter zusammen, immer lauter tönte der Donner, und in Strömen goß der Regen herab.

»Fürchtest du dich?« flüsterte Glaukus, indem er Jone näherrückte.

»In deiner Gesellschaft fürchte ich mich nicht«, erwiderte sie sanft.

In diesem Augenblick geriet der Wagen in ein tiefes Geleise, über dem ein Baumstamm lag. Der Sklave trieb mit einem Fluch seine Maultiere noch schneller an, das Rad wurde aus seiner Achse gehoben, und der Wagen fiel plötzlich um. Glaukus, der keinen Schaden genommen hatte, sprang schnell auf, um Jone beizustehen. Auch sie war unverletzt geblieben, und mit einiger Anstrengung wurde der Wagen wieder emporgehoben. Sie fanden jedoch, daß er ihnen keinen Schutz mehr gewähren konnte. Das Verdeck war nämlich zertrümmert, und der Regen strömte in das Innere.

Was war unter diesen Umständen anzufangen? Während der Sklave eilig zu einer entfernter liegenden Schmiede lief, um das Rad wieder einsetzen zu lassen, führte Glaukus die Neapolitanerin nach einem der dichtbelaubtesten Bäume in der Nähe. Er bedeckte sie mit seinem Mantel, aber auch dadurch konnte der herabströmende Regen nicht abgehalten werden, und plötzlich, als Glaukus seiner schönen Begleiterin noch Mut zusprach, fuhr der Blitz in einen der dicht vor ihnen stehenden Bäume und zersplitterte mit einem ungeheuren Gekrach dessen dicken Stamm. Hierdurch wurde ihnen die Gefahr deutlich, welche ihnen an ihrem Zufluchtsorte drohte, und der Grieche sah sich ängstlich nach einer sicheren Stelle um.

»Wir sind jetzt«, sagte er, »auf der halben Höhe des Vesuvs; es muß hier irgendeine Höhle in den Felsen sein, wenn wir sie nur finden könnten, um uns dorthin zu flüchten.«

Als er, einige Schritte vortretend, seine Blicke spähend nach dem Berge richtete, sah er, nicht weit von ihnen, den Schein eines rötlichen Lichts.

»Dieser Strahl«, sagte er, »muß von dem Herde irgendeines Schäfers oder Winzers kommen, wir werden dort ein Obdach finden.«

Jone nickte, und der Grieche führte sie und die zitternde Sklavin dem Lichte zu.

Immer schneller und wilder strömte jetzt der Regen herab, die flammenden Blitze folgten sich in kurzen Zwischenräumen. Desungeachtet drangen sie vor, indem sie hofften, doch endlich zu einer Hütte oder Höhle zu gelangen. Plötzlich legte sich der Regen, und vor sich erblickten sie zerrissene und rauhe Massen verwitterter Lava, die der schnell wechselnde Blitz nur noch schrecklicher erscheinen ließ. Bisweilen schwebte der flammende Strahl über den grauen Felsen, die teilweise mit Moos oder Gebüsch und verkrüppelten Bäumen bedeckt waren, als suche er vergeblich einen seiner Wut würdigeren Gegenstand.

Die Liebenden stiegen besorgt und ungewiß über das Ziel, den Pfad immer weiter hinauf, als plötzlich durch einen hellen Blitz, der einen lichten Schimmer zurückließ, die Landschaft blendend erhellt wurde. Es war kein Haus in der Nähe zu sehen, doch glaubten sie in der Höhle, aus welcher ein Licht drang, eine menschliche Gestalt zu erblicken. Jetzt umgab sie wieder dichte Finsternis, aber sie konnten jetzt den Weg zu dem Licht nicht mehr verfehlen, und bald standen sie der Öffnung einer Höhle gegenüber, die durch große, übereinandergefallene Felsenstücke gebildet zu sein schien. Indem sie in diesen Raum blickten, fühlten sie sich unwillkürlich von Furcht und Entsetzen ergriffen.

Es brannte in der Höhle ein Feuer, über welchem ein kleiner Kessel hing. Auf einer dünnen, eisernen Säule stand eine Lampe, und an jenem Teile der Felsenwand, wo das Feuer brannte, hingen mehrere Reihen von Kräuterbündeln, welche dort trocknen sollten. Ein vor dem Feuer liegender Fuchs starrte mit seinen großen, rötlichen Augen die Fremden an. Sein Haar sträubte sich, und zwischen den grinsenden Zähnen stieß er einen hohlen Ton hervor. In der Mitte der Höhle sah man eine irdene Statue, welche drei Köpfe von seltsamer und phantastischer Bildung trug, und zwar einen Hunde-, einen Pferde- und einen Bärenkopf. Vor dieser Darstellung der Hekate stand ein kleiner Dreifuß.

Unheimlicher aber als alle diese Gegenstände war der Anblick eines alten Weibes, das, vor dem Feuer sitzend, von den Flammen beschienen wurde. In dem schrecklichen Antlitz, dessen unbewegliche Augen sie anstarrten mit Blicken, welche die ihrigen festbannen und bezaubern zu wollen schienen, in den blauen Lippen, den eingefallenen, bleichen Wangen, den hervorstehenden Backenknochen, dem langen, dünnen, grauen Haar, der gelben, runzligen Haut, sahen sie eine Erscheinung, wie nur das Grab selbst sie darzubieten vermag.

»Es ist eine Leiche«, sagte Glaukus.

»Nein, es bewegt sich, es ist ein Geist, ein Gespenst«, stammelte Jone, indem sie sich an die Brust des Atheners schmiegte.

»Oh, fort, fort von hier«, flüsterte die Sklavin. »Es ist die Hexe des Vesuvs!«

»Wer seid ihr?« sprach jetzt eine hohle und geisterartige Stimme. »Und was wollt ihr hier?«

Dieser schreckliche und unheimliche Ton, der ganz mit der furchtbaren Erscheinung im Einklang stand und der die Stimme keines lebenden Sterblichen, sondern mehr die eines von dem Styx zurückgekehrten Schatten zu sein schien, würde Jone in das fürchterlichste Unwetter zurückgetrieben haben, hätte sie nicht Glaukus, trotz ihres Widerstrebens, in die Höhle gezogen.

»Wir sind durch das Unwetter überfallen worden«, sagte er, »und suchen Schutz und Hilfe an deinem Herde.«

»Kommt an das Feuer, wenn ihr wollt«, sagte die Alte zu Glaukus und seinen Begleiterinnen. »Ich bewillkommne sonst nie ein lebendiges Wesen – nur die Eule, den Fuchs, die Kröte und die Schlange. Aber kommt ohne Willkommen an das Feuer; weshalb sollen wir Komplimente machen?«

Während die Hexe sie so in ihrer rohen und sonderbaren Sprache anredete, blieb sie unbeweglich sitzen, indes Glaukus Jone half, den Mantel abzulegen, und ihr einen Sitz auf einem Holzhaufen bereitete. Die Sklavin, durch das Beispiel ihrer Gebieterin ermutigt, legte ebenfalls ihre lange Palla ab und suchte sich ängstlich auf der anderen Seite des Herdes einen Sitz.

»Ich befürchte, daß wir dich stören«, sagte Jone mit einschmeichelnder Stimme.

Die Hexe erwiderte nichts, sie erschien wie ein Wesen, welches für einen Augenblick von den Toten auferstanden, darauf aber gleich in den ewigen Schlummer zurückverfallen war.

»Hast du schon lange hier gewohnt?« fragte Glaukus nach einer Pause, als dieses unheimliche Stillschweigen ihm unerträglich wurde.

»Ja, gewiß – schon sehr lange!«

»Es ist aber ein trauriger Aufenthalt.«

»Ha! Das kannst du wohl behaupten – die Unterwelt befindet sich unter unseren Füßen!« erwiderte die Alte, indem sie mit ihrem knöchernen Finger nach der Erde zeigte. »Und ich will dir ein Geheimnis mitteilen. Die Schrecknisse da unten bereiten Vernichtung für euch hier oben vor, für euch, die ihr jung seid und schön und lebensfroh.«

»Aus deinem Munde kommen böse Worte«, sagte Glaukus. »Künftig will ich lieber dem Gewitter als deinem Willkommen entgegengehen.«

»Daran wirst du wohl tun. Es sollte mich niemand aufsuchen als der Unglückliche.«

»Und weshalb nur der Unglückliche?« fragte Glaukus.

»Ich bin die Hexe des Berges«, erwiderte sie mit einem höhnischen Lächeln. »Mein Geschäft ist, den Hoffnungslosen zu helfen. Für die unglückliche Liebe habe ich Zaubertränke, den Geizigen verspreche ich Schätze. Auch der Rachsucht gebe ich Tränke. Für die Glücklichen und Guten habe ich, wie das Leben auch, nur Flüche. – Störe mich jetzt nicht mehr.«

Nach diesen Worten beobachtete die schreckliche Bewohnerin dieser Höhle ein so hartnäckiges Stillschweigen, daß die Bemühungen des Glaukus, wieder eine Unterredung mit ihr anzuknüpfen, vergeblich waren. Sie verriet durch keine Bewegung ihrer harten Züge, daß sie ihn auch nur anhöre. Glücklicherweise legte sich aber jetzt der Sturm, der ebenso kurze Zeit gedauert hatte, als er heftig gewesen war. Der Regen ließ immer mehr nach, und als nun auch die Wolken sich verzogen, drang der milde Strahl des Mondes wieder herab und beleuchtete alle Winkel dieses schrecklichen Ortes. Nie hatte der Mond vielleicht eine der Kunst des Malers würdigere Gruppe beschienen. Die junge Jone, in der Blüte ihrer Schönheit, saß an dem Feuer, ihr Geliebter, der die Anwesenheit der Hexe schon zu vergessen anfing, lag ihr zu Füßen, aufwärts schauend in ihr holdes Antlitz und süße Worte der Liebe flüsternd. Die blasse und ängstliche Sklavin saß in einiger Entfernung, und die furchtbare Hexe mit ihren ertötenden Blicken starrte sie abwechselnd an. Der Fuchs beobachtete sie noch immer aus seinem Winkel mit scharfen und glühenden Blicken, und als Glaukus jetzt wieder die Hexe betrachtete, bemerkte er zum erstenmal gerade unter ihrem Sitz die glänzende Haut und den erhobenen Kopf einer großen Schlange. Sei es nun, daß die lebhaften Farben des Mantels, welchen der Athener über die Schultern der Jone gelegt hatte, des Tieres Zorn reizten, oder geschah es aus einem anderen Grunde, die Schlange erhob den Kopf mit ihren funkelnden Augen immer mehr, als mache sie sich zu einem Sprunge gegen die Neapolitanerin bereit. Glaukus ergriff schnell einen der halb verbrannten Feuerbrände von dem Herde, worauf die Schlange, wahrscheinlich dadurch noch wütender gemacht, hervorsprang, und mit lautem Zischen sich zu einer Höhe erhob, die fast der des Griechen gleichkam.

»Hexe!« schrie Glaukus. »Rufe deine Bestie zurück, oder ich töte sie.«

»Sie ist nicht giftig«, sagte die Alte, welche infolge seiner Drohung aufgestanden war, aber ehe sie noch diese Worte ausgesprochen, war die Schlange auf Glaukus zugesprungen. Dieser bog sich, es bemerkend, schnell und gewandt zur Seite und versetzte dem Tier einen so gewaltigen und richtig angebrachten Schlag auf den Kopf, daß es niederfiel und sich in der Asche wand.

Die Hexe trat wütend vor und sah Glaukus mit einem Ausdruck an, wie die wildeste der Furien ihn nicht schrecklicher haben konnte.

»Du hast«, schrie sie mit gellender Stimme, »bei mir Schutz und Obdach gefunden und an meinem Feuer dich erwärmt. Du hast Gutes mit Bösem vergolten. Du hast das Tier verwundet, das mir lieb war und das allen Göttern geheiligt ist. Bei dem Mond, dem Beschützer der Zauberin, beim Orkus, wo die Rache wohnt, ich fluche dir und du sollst verflucht sein! – Möge deine Liebe unglücklich, dein Name verachtet sein, mögen die Unterirdischen dich bezeichnen; möge dein Herz verdorren und absterben und deine letzte Stunde noch dich an die Prophezeiungen der Zauberin des Vesuvs erinnern!« Dann wollte sie sich zu Jone wenden, aber Glaukus fiel ihr schnell ins Wort.

»Höre auf, Schreckliche«, rief er. »Mich hast du verflucht, und ich unterwerfe mich dem Beschluß der Götter. Ich trotze dir und verachte dich, aber sprich nur ein Wort gegen jenes Mädchen, und ich will den Fluch deiner schändlichen Lippen in deinen Sterbefluch verwandeln. Nimm dich in acht!«

»Ich habe nichts mehr hinzuzufügen,« erwiderte die Hexe, indem sie wild auflachte, »denn in deinen Fluch ist deine Geliebte mit eingeschlossen, und um so mehr, da ich aus ihrem Munde deinen Namen hörte, und jetzt weiß, mit welchem Wort ich dich den Dämonen zu übergeben habe. Glaukus – du bist verflucht!« – Nachdem die Hexe diese Worte gesprochen, kniete sie neben der Schlange nieder, die sie vom Herde zog, und sah ihre Gäste mit keinem Blick mehr an.

»Oh, Glaukus,« sprach Jone ängstlich, »was haben wir getan? Laß uns forteilen von diesem schrecklichen Orte, der Sturm und Regen hat sich gelegt. Vergib ihm, gute Alte, nimm deinen Fluch zurück, er beabsichtigte bloß, sich zu verteidigen. Nimm dieses Friedensopfer an, um, was du gesagt, zu widerrufen.«

Und Jone trat vor und legte ihren Geldbeutel in den Schoß der Zauberin.

»Fort, fort!« rief diese grimmig. »Den Fluch, der einmal gesprochen ist, können nur die Parzen widerrufen – fort!«

»Komm, Teure!« sagte Glaukus ungeduldig. »Glaubst du, daß die Götter über oder unter uns die ohnmächtigen Rasereien der Verrücktheit hören? – Komm!«

Die Hexe gab keine Antwort mehr, sondern schlug ein langes und helles Gelächter auf, dessen Echo in der Höhle widerhallte. Die Liebenden atmeten freier, als sie in die frische Abendluft getreten waren, doch die Szene, deren Zeugen sie gewesen, die Worte und das Gelächter der Hexe erfüllten das Herz der Jone noch mit Schrecken, und selbst Glaukus vermochte sich noch nicht ganz diesen Eindrücken zu entziehen. Das Gewitter war vorüber; nur dann und wann rollte noch ein schwacher Donner in den entfernteren Wolken. Mit vieler Mühe fanden sie den Weg zu ihrem Wagen, der jetzt wieder hinlänglich für die Rückreise instand gesetzt worden war, und sie gelangten bald an die Tore der Stadt. Aber vergeblich waren die Bemühungen des Glaukus, Jone aufzuheitern.

»Ach,« sagte sie, indem sie in Tränen ausbrach, »mein Gemüt wird immer mehr durch üble Vorbedeutungen beängstigt. Schützt uns, o Götter, oder wenigstens«, murmelte sie bei sich selbst, »schützt meinen Glaukus!«

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