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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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19.

Das prächtige Haus des Diomedes lag unmittelbar vor dem Stadttor, wo die Straße der Gräber begann. Dem Tore etwas näher befand sich auf der entgegengesetzten Seite ein großes Wirtshaus, wo die, welche ihrer Geschäfte oder des Vergnügens wegen nach Pompeji kamen, häufig einkehrten. Jetzt standen vor diesem Wirtshause Wagen, Karren und anderes Fuhrwerk, von denen einiges erst angekommen, anderes schon wieder im Begriff war, abzugehen. Vor der offenen Haustür des Diomedes saß auf einer der Stufen, die hinaufführten, Medon, der alte Sklave.

»Hast du schon die Neuigkeit gehört, alter Medon?« fragte ein junges Mädchen mit einem Krug in der Hand, indem sie einen Augenblick bei ihm stehen blieb, um zu plaudern, bevor sie in dem benachbarten Wirtshaus ihren Krug füllte.

»Was für eine Neuigkeit?« fragte der Sklave, indem er flüchtig aufblickte.

»Nun, heute morgen, wahrscheinlich als du noch schliefst, ist durch dieses Tor etwas ganz Neues in Pompeji einpassiert!«

»Wirklich?« fragte der Sklave gleichgültig.

»Ja, es war ein Geschenk von dem edlen Pomponianus.«

»Ein Geschenk! Du sagst ja, es sei eine große Neuigkeit gewesen.«

»Es ist beides. So wisse denn, daß es ein herrlicher, junger Tiger für unsere bevorstehenden Spiele im Amphitheater ist. Oh, das wird entzückend sein! Ich werde nicht schlafen können, bis ich das Tier gesehen habe. Es soll köstlich brüllen.«

»Arme Närrin!« sagte Medon.

»Schelte mich nicht, alter Graubart! Ein Tiger ist ein hübsches Tier, wenn wir nur jemanden fänden, der ihm vorgeworfen werden könnte. Wir haben jetzt schon einen Löwen und einen Tiger, bedenke das, Medon! Und bloß, weil wir nicht auch zwei Verbrecher haben, wird es vielleicht nötig sein, die armen Tiere gegeneinander zu hetzen. Aber dein Sohn ist ja ein Gladiator, ein junger, starker Mensch, kannst du ihn nicht überreden, daß er es mit dem Tiger aufnimmt? Versuche es doch, du würdest mir einen großen Gefallen tun. Ja, du würdest selbst ein Wohltäter der ganzen Stadt werden.«

»Ei was!« erwiderte der Sklave unwillig. »Denke an deine eigene Gefahr, statt daß du meinem Sohne den Tod wünschest.«

»Meine eigene Gefahr?« sagte das erschrockene Mädchen, indem es sich ängstlich umsah. »Möge die böse Weissagung zunichte werden und deine Worte auf dein eigenes Haupt zurückfallen.« Indem sie dieses sprach, berührte sie einen Talisman, der an ihrem Busen hing. »Meine eigene Gefahr – welche Gefahr droht mir denn?«

»War das Erdbeben vor einigen Nächten keine Warnung für dich?« sagte Medon. »Sprach es nicht deutlich, und sagte es nicht zu uns allen: Bereitet euch zum Tode vor, das Ende aller Dinge ist nahe?«

»Bah, was für Einfälle. Da du solche Redensarten führst wie die Nazarener, so glaube ich, du bist selbst einer von ihnen. Mit dir altem Sünder läßt sich nicht mehr sprechen; du wirst immer schlimmer. O Herkules, schicke uns einen Mann für den Löwen und einen anderen für den Tiger!«

Damit hüpfte das junge Mädchen, indem es mit heller und klarer Stimme ein übermütiges Liedchen sang, nach dem lärmerfüllten Wirtshaus hinüber.

»Mein armer Sohn«, sprach der Sklave halblaut. »Sollst du solcher Schändlichkeiten wegen deinem Tode entgegengehen? O christlicher Glaube, schon des Abscheus wegen, den du gegen diese blutigen Schlächtereien einflößest, würde ich aufrichtig dir angehören.«

Der alte Mann ließ trostlos sein Haupt auf die Brust sinken. Er blieb stumm und schien in tiefes Nachdenken versunken, nur trocknete er sich dann und wann mit dem Zipfel seines Ärmels die Augen. Seine Gedanken waren mit seinem Sohne beschäftigt. Er sah den jungen Mann nicht, der mit schnellen Schritten stolz und ungestüm von dem Tore her sich näherte, und erhob seine Augen nicht, bis jener, der Stelle gegenüber, wo er saß, stehen blieb und mit sanfter Stimme ihn anredete: »Vater!«

»Mein Sohn, mein Lydon, bist du es wirklich?« sagte der alte Mann freudig. »Ach, ich dachte soeben an dich!«

»Das ist mir lieb, mein Vater!« sagte der Gladiator, indem er ehrerbietig die Knie und den Bart seines Vaters berührte. »Und bald werde ich immer, nicht bloß in deinen Gedanken, bei dir sein.«

»Ja, mein Sohn, aber nicht in dieser Welt«, erwiderte der Sklave traurig.

»Sprich nicht so, lieber Vater! Sieh nicht so schwarz in die Zukunft. Auch ich tue es nicht, ich hoffe, daß ich in dem Kampfe Sieger bleibe, und dann erkauft das Geld, welches ich gewinne, deine Freiheit.«

»Mein armer Sohn!« sagte der alte Sklave, indem, langsam die Stufen hinansteigend, er den Gladiator in seine kleine Kammer führte. »So fromm und vortrefflich auch die Beweggründe deines Unternehmens sind, so wäre doch die Tat selbst eine Sünde. Du stehst im Begriff, dein Blut zu vergießen, um die Freiheit deines Vaters zu erlangen – dieses könnte noch entschuldigt und vergeben werden. Aber der Preis des Sieges ist zugleich das Blut eines anderen. Und das ist eine Todsünde, sie läßt sich auch durch den edelsten Zweck nicht rechtfertigen. Stehe ab von deinem Unternehmen, ich will lieber für immer ein Sklave bleiben, als durch solche Bedingungen die Freiheit erkaufen!«

»Liebster Vater«, erwiderte Lydon etwas ungeduldig. »Du bist zu gewissenhaft geworden in deinem neuen Glauben, von dem ich dich bitte, nicht mit mir zu sprechen, denn die Götter, welche mir die Kraft gewährten, verweigerten mir die Weisheit, und ich verstehe kein Wort von dem, was du mir vorpredigst. Du hast in diesem neuen Glauben einige sonderbare Begriffe von Recht und Unrecht aufgegriffen. Verzeihe, wenn ich dich beleidige, aber bedenke! Mit wem soll ich kämpfen? Oh, wenn du diese Elenden kenntest, mit denen ich bloß deinetwegen Umgang habe, so würdest du überzeugt sein, daß ich ein gutes Werk tue, wenn ich die Erde von einem derselben befreie. Es sind blutdürstige Ungeheuer, die außer ihrem Mut kein anderes menschliches Gefühl haben. Sie kennen keine Dankbarkeit, kein Mitleid, keine Liebe. Dürfen deine Götter, sie mögen sein, wie sie wollen, einen Kampf mit Menschen wie diese, und für eine solche Sache, mißbilligen?«

Der alte, arme Sklave, der von einfachem Verstand und erst vor kurzer Zeit zum christlichen Glauben bekehrt worden war, wußte nicht, mit welchen Beweisgründen er eine so finstere und doch in ihren Irrtümern so edle Unwissenheit widerlegen sollte. Die Worte versagten ihm, und schließlich brach er in Tränen aus.

»Und wenn deine Gottheit«, fuhr Lydon fort, »in der Tat das wohlwollende und menschenfreundliche Wesen ist, wie du behauptest, so wird er auch wissen, daß dein Glaube an ihn mich zuerst in dem Entschlusse, den du tadeln willst, befestigte.«

»Wieso – was meinst du?« sagte der Sklave.

»Du weißt ja, daß ich in meiner Kindheit als Sklave verkauft, in Rom durch meinen Herrn freigelassen wurde, dessen Wohlwollen ich glücklich genug gewesen war, mir zu erringen. Ich eilte nach Pompeji, um dich zu sehen – ich fand dich alt und hinfällig, unter dem Joch eines launenhaften und eigensinnigen Gebieters – du warst seit kurzem zu diesem neuen Glauben übergetreten, und deine Sklaverei wurde dir durch ihn doppelt empfindlich. Hast du mir nicht erzählt, daß du häufig zu Diensten gezwungen wurdest, die dir als Nazarener sündhaft erscheinen? Mußt du nicht den Göttern Opfer darbringen, obgleich du fürchtest, dadurch in der Ewigkeit schrecklichen Qualen zu begegnen? Ich verstehe von alledem nichts, aber ich bin dein Sohn, und meine Pflicht ist es, dich zu retten und zu befreien. Konnte ich deine Seufzer, deine Angst vor jenen geheimnisvollen Schrecknissen ungerührt anhören und untätig dabei bleiben? Nein, bei den unsterblichen Göttern! Der Gedanke kam mir wie ein Blitzstrahl vom Olympus. Ich war arm, doch ich war jung und kräftig – dadurch konnte ich dir dankbar sein und dich retten. Ich erkundigte mich nach der Summe, die deine Befreiung kosten würde – ich erfuhr, daß der gewöhnliche Gewinn eines siegenden Gladiators doppelt so viel betrage. So wurde ich ein Gladiator und begab mich unter diese verworfenen Menschen. Ich habe ihre Künste eingeübt, und es wird mir dadurch möglich sein, meinen Vater zu befreien!«

»Oh, könntest du den Olinthus hören!« seufzte der alte Mann, der immer mehr von dem Edelmut seines Sohnes ergriffen wurde, aber nichtsdestoweniger von dem Sündhaften seines Vorhabens überzeugt blieb.

»Ich will anhören, wen du willst,« sagte der Gladiator, »doch nur dann, wenn du kein Sklave mehr bist. Unter deinem eigenen Dach, mein Vater, kannst du den ganzen Tag, und wenn es dir Vergnügen macht, auch die Nacht, deinen Grillen nachhängen. Oh, ich habe dir einen herrlichen Fleck ausgesucht! Ich will das Öl und den Wein für dich kaufen, mein Vater – und dann, wenn es der Venus gefällt, oder wenn es ihr auch nicht gefällt, da du den Namen nicht gern hörst, mir ist es einerlei – dann, sage ich, findet sich vielleicht auch noch eine Tochter für dich, die deine grauen Haare auskämmt, und du wiegst niedliche Kinderchen auf den Knien, die dich ›Lydons Vater‹ nennen. Ach, wir werden so glücklich sein – mit dem Kampfpreise kann ich alles bezahlen. Freue dich, sei lustig, mein Alter! Jetzt muß ich aber fort. Komm, gib mir deinen Segen.«

Medon war tiefgerührt. »So segne ich dich denn, mein guter Sohn«, sagte er. »Und möge jener große Geist, der in allen Herzen liest, den Edelmut des deinigen erkennen und dir deine Irrtümer vergeben!«

Der Gladiator ging schnell von dannen; die Blicke des Sklaven folgten seinem leichten, aber festen Gang, bis er ihn nicht mehr sehen konnte, und indem er nochmals auf seinen Sitz zurücksank, heftete er wieder die Augen auf den Boden. Er saß stumm und unbeweglich wie ein Steinbild.

»Darf ich eintreten?« sagte eine süße Stimme. »Ist deine Gebieterin Julia zu Hause?«

Der Sklave gab mechanisch ein bejahendes Zeichen, dann blickte er aus seinen Träumen empor und sah jetzt erst das blinde Blumenmädchen. Das Unglück erregte die Teilnahme des Alten. Er erhob sich und führte sie bis an die nächste Treppe, wo er einer Sklavin rief, die Nydia hinaufbegleitete.

Die elegante Julia saß, von ihren Dienerinnen umgeben, in ihrem Zimmer und war mit ihrer Toilette beschäftigt. Nachlässig lehnte sie in ihrem Sessel zurück, während eine Sklavin ihr langsam eine Masse kleiner Locken übereinander türmte, wobei sie in geschickter Weise die falschen unter die echten mischte, bis ein höchst kunstvolles Haargebäude entstanden war. Als dieses fertig war, wurden die Augenlider und Augenbrauen mit einem schwarzen Pulver bestrichen und dadurch den Augen jener sanfte und sehnsüchtige Ausdruck gegeben, den man im Morgenlande noch jetzt durch diese Vorrichtung ihnen zu verleihen pflegt. Ein kleines Schönpflästerchen, in der Form eines halben Mondes geschnitten und auf geschickte Weise neben den rosigen Lippen angeheftet, zog die Aufmerksamkeit auf die Grübchen in den Wangen und auf die Zähne, deren natürlichen Glanz zu erhöhen bereits alle mögliche Sorgfalt aufgewendet worden war.

Einer anderen, bisher unbeschäftigten Sklavin wurde jetzt das Amt übertragen, ihrer Gebieterin die Juwelen anzulegen, die Ohrringe mit Perlen, die massiven goldenen Armbänder, die Halskette aus demselben Metall, an der ein in Kristall geschnittener Talisman sich befand. Die schöne Agraffe auf der linken Schulter, der purpurne Gürtel, reich mit Goldfäden gestickt, und endlich die vielen Ringe, welche die weißen und zarten Finger bedeckten. Die Toilette war jetzt nach der neuesten Mode zu Rom vollendet. Die schöne Julia betrachtete sich nochmals mit vieler Selbstgefälligkeit im Spiegel, und indem sie sich wieder auf ihren Sitz zurücklehnte, befahl sie der jüngsten ihrer Sklavinnen, ihr die sanften Elegien des Tibullus vorzulesen. Diese Vorlesung war noch nicht beendet, als eine Sklavin Nydia in das Zimmer einführte.

»Heil dir, Julia!« sagte das Blumenmädchen, indem es einige Schritte vortrat und die Arme vor der Brust kreuzte. »Ich habe deinen Befehlen Folge geleistet.«

»Das ist recht, Blumenmädchen, komm näher und setze dich!« Eine der Sklavinnen setzte einen Stuhl hin, und Nydia ließ sich nieder. Julia sah die Thessalierin einige Augenblicke etwas verlegen an, darauf winkte sie ihren Sklavinnen, sich zu entfernen und befahl, die Tür zu verschließen. Als sie allein waren, sagte sie, indem sie sich abwendete, da sie, wie es schien, vergessen hatte, daß das Mädchen ihre Züge nicht beobachten könne: »Du dienst der Neapolitanerin Jone?«

»Ich bin gegenwärtig bei ihr«, antwortete Nydia.

»Ist sie so schön, als man sagt?« »Ich weiß nicht,« erwiderte Nydia, »wie kann ich es beurteilen?«

»Ach, ich habe nicht daran gedacht, aber du kannst hören, wenn auch nicht sehen. Sagen dir die anderen Sklavinnen nicht, ob sie schön ist?«

»Sie erzählen mir, daß sie schön ist.«

»Hm! Sagen sie auch, daß sie schlank sei?«

»Ja.«

»Nun, das bin ich auch. Hat sie schwarze Haare?«

»Man sagte mir es.«

»Die habe ich auch – und besucht sie Glaukus häufig?«

»Täglich«, erwiderte Nydia, mit einem halb unterdrückten Seufzer.

»Also täglich! Gefällt sie ihm?«

»Ich denke, weil sie sich bald heiraten werden.«

»Heiraten!« rief Julia, indem sie unter der falschen Röte auf ihren Wangen erblaßte und von ihrem Sitz aufsprang. Nydia konnte jedoch die Unruhe, welche sie veranlaßt hatte, nicht bemerken. Julia schwieg eine Zeitlang, aber der Unwille, der sich in ihren Zügen malte und ihre funkelnden Augen würden jedem, der sehen konnte, verraten haben, wie sehr ihre Eitelkeit verletzt worden war.

»Man sagt, du seiest eine Thessalierin«, sagte sie nach einer Pause.

»Allerdings.«

»Thessalien ist das Land der Zaubereien und der Hexen, der Talismane und der Liebestränke«, sagte Julia.

»Es war immer wegen seiner Zaubereien berühmt«, erwiderte Nydia schüchtern.

»Weißt du, blindes Mädchen, auch etwas von Liebeszauber?«

»Ich?« sagte das Blumenmädchen errötend. »Wie sollte ich dergleichen wissen? Nein, gewiß nicht!«

»Desto schlimmer für dich. Ich hätte dir Geld genug geben können, um deine Freiheit zu erkaufen, wenn du in diesen Dingen unterrichtet gewesen wärest.«

»Aber was kann«, fragte Nydia, »die schöne und reiche Julia zu dieser Frage veranlassen? Ist sie nicht jung, liebenswürdig und reich? Sind dieses nicht hinlängliche Zauber, um der Magie entbehren zu können?«

»Für alle, außer für eine Person in der Welt«, erwiderte Julia. »Doch deine Blindheit scheint ansteckend zu sein – und – genug davon –«

»Und wer ist jene eine Person«, fragte Nydia neugierig.

»Jedenfalls ist sie nicht Glaukus«, erwiderte Julia schnell gefaßt.

Nydia holte jetzt ruhiger Atem, und nach einer kleinen Pause fuhr Julia fort: »Aber diese Anhänglichkeit des Glaukus an jene Neapolitanern erinnerte mich an den Einfluß der Liebeszauber, die sie vielleicht, wenn ich es auch nicht bestimmt weiß und es mich überhaupt nicht kümmert, auf ihn angewendet hat. Blindes Mädchen, ich liebe, und – sollte Julia es wohl gestehen? – ich werde nicht wiedergeliebt! – Dieses verletzt meinen Stolz. Ich möchte diesen Undankbaren zu meinen Füßen sehen – nicht, um ihn wieder zu erheben, nein, um ihn meine Verachtung empfinden zu lassen. Als ich vernahm, du seiest eine Thessalierin, glaubte ich, daß du in den finsteren Geheimnissen deines Vaterlandes bewandert seiest.«

»Ach nein«, seufzte Nydia. »Ich wollte, es wäre so!«

»Aber hast du nie«, fuhr Julia fort, »von einem geheimnisvollen, morgenländischen Zauberer in Pompeji gehört, der seltsamer Künste mächtig sein soll? Er ist kein eitler Chiromant, kein Taschenspieler, wie man sie auf den Marktplätzen findet, sondern ein großer Magier aus Indien oder Ägypten!«

»Aus Ägypten, ja«, sagte Nydia, indem sie ein Schauder erfaßte. »Welcher Pompejaner hätte nicht schon von Arbaces gehört!«

»Arbaces, richtig!« erwiderte Julia, indem sie sich des Namens erinnerte. »Man sagt, er sei ein Mann, weit erhaben über alle leeren Anmaßungen unwissender Betrüger, der in der Kenntnis der Gestirne bewandert ist. Warum nicht auch in denen der Liebe?«

»Wenn es einen Magier in der Welt gibt, dessen Kunst der aller anderen überlegen ist, so muß es jener Mann sein«, antwortete Nydia, und während sie dieses sprach, berührte sie ihren Talisman.

»Er ist zu reich, um für Geld zu zaubern«, sagte Julia. »Könnte ich ihn nicht besuchen?«

»Es ist ein gefährliches Haus für die Jugend und die Schönheit«, erwiderte Nydia.

»Ein gefährliches Haus?« sagte Julia interessiert. »Wieso?«

»Es werden dort, wenigstens sagt das Gerücht so, abscheuliche mitternächtliche Orgien gefeiert.«

»Bei der Ceres, beim Pan und bei der Cybele! Du erregst mir statt der Furcht nur Neugierde«, erwiderte die kecke und leichtsinnige Pompejanerin. »Ich will ihn aufsuchen und über die Liebe befragen. Wenn auch die Liebe bei jenen Orgien zugelassen wird, so ist es desto wahrscheinlicher, daß er deren Geheimnisse kennt.«

Nydia antwortete nicht.

»Ich will ihn noch heute besuchen«, fuhr Julia fort. »Nein, warum nicht sogleich?«

»Bei Tage, und in seinem jetzigen Zustande hast du gewiß am wenigsten zu befürchten«, antwortete Nydia. Ein plötzliches Verlangen war in ihr aufgestiegen, zu erfahren, ob wohl der finstere Ägypter wirklich jene Zauber kenne, durch welche die Liebe erregt und gebannt werden sollte und von denen die Thessalierin schon so viel gehört hatte.

»Und wer würde es überdem wagen, die Tochter des reichen Diomedes zu beleidigen?« sagte Julia hochmütig. »Ich will zu ihm gehen.«

»Darf ich dich später wieder besuchen, um den Erfolg zu vernehmen?« fragte Nydia.

»Ich muß dich küssen wegen der Teilnahme, die du an meiner Ehre nimmst. Ja, gewiß. Heute abend sind wir ausgebeten. Komm morgen um dieselbe Zeit wieder, und du sollst alles erfahren, ich werde überdem deine Dienste bald genug in Anspruch nehmen müssen. Nimm dieses Armband für den guten Einfall, den ich dir verdanke, und sei überzeugt, daß, wenn du der Julia gefällig bist, sie dafür dankbar sein wird.«

»Ich kann dein Geschenk nicht annehmen«, sagte Nydia, indem sie das Armband auf den Tisch legte. »Aber so jung ich noch bin, kann ich, ohne dafür erkauft zu sein, mit denen Teilnahme fühlen, die lieben – ohne wiedergeliebt zu werden.«

»Du sprichst wie ein freies Mädchen,« erwiderte Julia, »und du sollst durch mich frei werden. – Lebewohl!«

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