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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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18.

Ach, wie glücklich ist doch Jone! Welch ein Entzücken muß es sein, immer bei Glaukus zu weilen und seine Stimme zu hören. Aber auch sehen kann sie ihn!«

So sprach das blinde Mädchen mit sich selbst, als sie allein und in der Abenddämmerung nach dem Hause ihrer neuen Gebieterin sich begab, wohin Glaukus bereits vorausgegangen war. Plötzlich wurde sie in ihren Gedanken durch eine weibliche Stimme unterbrochen.

»Blindes Blumenmädchen, wohin gehst du? Du hast ja keinen Korb unterm Arm. Hast du alle deine Blumen schon verkauft?« Die Person, welche Nydia so anredete, war eine schöne Dame, doch mit kühnen und unweiblichen Zügen. Es war Julia, die Tochter des Diomedes. Sie hatte ihren Schleier, während sie sprach, halb gehoben und wurde durch ihren Vater und einen Sklaven begleitet, der eine Laterne vor ihnen her trug. Der Kaufmann und seine Tochter kehrten von einem Essen bei einem ihrer Nachbarn zurück.

»Erinnerst du dich nicht meiner Stimme?« fuhr Julia fort. »Ich bin die Tochter des Diomedes, des Reichen.«

»Ach, entschuldige – ja, ich erinnere mich des Tones deiner Stimme. Nein, edle Julia, ich habe keine Blumen zu verkaufen.«

»Ich hörte, daß der schöne Grieche Glaukus dich gekauft hat. Ist es wahr, niedliche Sklavin?« fragte Julia.

»Ich diene der Neapolitanerin Jone«, erwiderte Nydia.

»Ha! Dann ist es also wahr, daß die beiden –«

Ihre Worte wurden durch Diomedes unterbrochen, der sich dicht in sein Gewand gehüllt hatte. »Komm, komm!« sagte er. »Der Abend wird kühl. Ich kann hier nicht warten, während du mit dem blinden Mädchen plauderst. Komm, nimm sie mit nach Hause, wenn du mit ihr schwatzen willst.«

»Komm, Kind«, sagte Julia in einem Tone, der keinen Widerspruch zu dulden schien. »Ich habe dich vieles zu fragen, komm!«

»Ich kann heute abend nicht, es wird spät«, erwiderte Nydia. »Ich muß nach Hause, ich bin nicht frei, edle Julia!«

»Ach, die sanfte Jone wird dich schon nicht ausschelten. Aber meinetwegen, dann komm also morgen. Vergiß nicht, daß ich früher deine Gönnerin gewesen bin.«

»Ich werde deinen Wünschen folgen«, sagte Nydia, während Diomedes wieder ungeduldig wurde. Julia war genötigt, ihren Weg fortzusetzen, ohne die Frage, die sie noch auf der Zunge hatte, aussprechen zu können.

Jone hatte inzwischen einen seltenen Besuch gehabt, den ihres Bruders. Seit der Nacht, da er sie aus der Gewalt des Ägypters befreien half, hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Sie war es an ihm gewöhnt, daß er ihr gegenüber so verschlossen und fremd blieb. Sie schrieb dies den strengen Pflichten seines heiligen Standes zu.

»Die Götter mögen dich segnen, mein Bruder!« sagte sie erfreut, indem sie ihn umarmte.

»Die Götter! Wie kannst du so sprechen? – Es gibt doch wohl nur einen Gott!«

»Mein Bruder!« rief sie erstaunt.

»Wenn nun aber der erhabene Glaube der Nazarener wahr wäre? Wenn Gott ein Monarch – unsichtbar, allmächtig, allwissend wäre? Wenn alle die unzählbaren Gottheiten, deren Altäre die Erde erfüllen, nur böse Dämonen wären, die uns von dem wahren Glauben zu entfernen suchen? Dieses ist möglich, Jone!«

»Ach, können wir so etwas glauben? Oder wenn wir es glaubten, würde es nicht ein trauriger Glaube sein?« erwiderte die Neapolitanerin. »Was, diese ganze schöne Welt sollte nur durch Menschen bewohnt werden. Die Berge sollten keine Oreaden, die Quellen keine Nymphen mehr besitzen! Ach, möchtest du wirklich den Glauben, der die ganze Natur mit überirdischen Wesen erfüllt, verleugnen? Nein, Apäcides, das kann nicht möglich sein!«

Apäcides war noch nicht förmlich zum christlichen Glauben übergegangen, doch stand er im Begriff, es zu tun. Er war bereits auf die Ansichten des Olinthus eingegangen und glaubte, daß jene lieblichen Geschöpfe der Einbildungskraft, mit denen die alten Völker die Natur erfüllten, die Einflüsterungen des Satans, des unversöhnlichen Feindes der Menschen seien. Er entsetzte sich über die natürliche und unschuldige Antwort seiner Schwester. Seine Erwiderung war ungestüm und doch dabei so verwirrt, daß Jone noch mehr für seine Vernunft fürchtete, als sie durch seine Heftigkeit beunruhigt wurde.

»Ach, mein Bruder!« sagte sie. »Die strengen Pflichten, denen du dich unterworfen, haben deinen Geist angegriffen. Komm zu mir, Apäcides, mein Bruder, gib mir die Hand, laß mich den Schweiß von deiner Stirn abtrocknen. Zürne mir nicht, ich verstehe dich ja nicht, aber sei überzeugt, daß Jone dich nie hat beleidigen wollen.«

»Jone«, sagte Apäcides, indem er sie zu sich zog und sie zärtlich anblickte. »Soll ich mir denken, daß diese schöne Gestalt, dieses sanfte Herz für ewige Qualen bestimmt sein sollen?«

»Die Götter mögen es verhüten!« sagte Jone, indem sie sich der Formel bediente, mit der man damals einer bösen Weissagung zu begegnen pflegte.

Diese Worte, und noch mehr der Aberglauben, welcher in ihnen verborgen lag, verwundeten das Ohr des Apäcides. Er stand auf, murmelte einige Worte in sich hinein, ging nach der Tür des Zimmers zu, und indem er auf halbem Wege wieder umkehrte, schaute er nochmals Jone an und breitete seine Arme aus. Jone eilte auf ihn zu. Er küßte sie auf die Stirn und sagte: »Lebewohl, meine Schwester. Wenn wir uns wieder begegnen, werde ich vielleicht kein verwandtschaftliches Gefühl mehr für dich haben können. Laß dich noch einmal umarmen, jetzt, da alle Erinnerungen jener Kindheit mich noch umschweben, in der wir noch Glauben und Hoffnungen, Ansichten und Wünsche teilten. Jetzt aber muß dieses Band gelöst werden!«

Mit diesen Worten verließ er das Haus.

Die härteste Versuchung der ersten Christen und ihr schwerster Kampf war in der Tat die Trennung von allen ihren gewohnten Verbindungen. Sie konnten nicht länger den Umgang mit menschlichen Wesen pflegen, deren gewöhnlichste Handlungen und Worte das Gepräge des Götzendienstes trugen. Sie mußten sich entsetzen vor den Segnungen der Liebe, ihren Ohren mußten sie erklingen wie die Eingebungen böser Geister. Dieses ihr Unglück bildete zugleich ihre Kraft. Was sie von der übrigen Welt trennte, das mußte sie selbst nur desto fester verbinden. Es waren Männer von eisernem Charakter, die das Wort Gottes verkündeten, und die Bande, welche sie vereinigten, waren in der Tat auch von Eisen!

Glaukus fand Jone in Tränen. Er durfte bereits auf das schöne Vorrecht, sie zu trösten, Anspruch machen. Mit Mühe vermochte er sie, ihm die Unterredung mit dem Bruder zu schildern. Aber es war ihr unmöglich, ihm den Inhalt seiner Worte begreiflich zu machen, und sie konnten sich beide den eigentlichen Sinn der Ausdrücke des Apäcides nicht enträtseln.

»Hast du jemals von dieser neuen Sekte der Nazarener, von der mein Bruder spricht, gehört«, fragte sie.

»Ich habe oft genug von den Anhängern dieser Sekte gehört«, erwiderte Glaukus. »Doch von ihren Lehrsätzen weiß ich nichts, außer daß etwas widernatürlich Strenges und Finsteres darin zu liegen scheint. Sie leben getrennt von ihren Mitmenschen, sie scheinen selbst unseren einfachen Gebrauch, uns zu bekränzen, ungern zu sehen und fühlen keine Teilnahme für die unschuldigen Annehmlichkeiten des Lebens. Sie verkünden auch schreckliche Weissagungen über den bevorstehenden Untergang der Erde. Ja,« fuhr Glaukus nach einer kleinen Pause fort, »es gab auch Männer von großem Charakter und vielen Talenten unter ihnen, und sie bekehrten selbst einige von den Areopagiten zu Athen zu ihrer Lehre. Ich erinnere mich, daß mein Vater mir vor vielen Jahren schon von einem seltsamen Gast in Athen erzählte, wenn ich nicht irre, war sein Name Paulus. Mein Vater befand sich unter der großen Volksmenge, die sich um einen jener unvergeßlichen Hügel versammelte, um diesen Weisen aus dem Morgenlande anzuhören. Das Geräusch, womit unsere eingeborenen Redner gewöhnlich empfangen wurden, verstummte – und als er auf der Spitze dieses Hügels, erhaben über der horchenden Volksmenge stand, gewannen schon seine Gesichtszüge und seine kühne Haltung jedes Herz, noch bevor er zu sprechen begann. Er war, wie mein Vater erzählte, ein Mann von gebieterischer und edler, wenn auch nicht von großer Gestalt, welche ein dunkles, weites Gewand umgab. Seine Augen glänzten von fast überirdischem Feuer, und als er den Arm erhob, um zu sprechen, geschah es mit der Majestät eines Mannes, den der Geist Gottes beseelt.

›Männer von Athen,‹ soll er gesagt haben, ›ich finde bei euch einen Altar mit der Inschrift: Dem unbekannten Gott! Ihr verehrt unbewußt denselben Gott, den ich anbete. Ich will euch die Größe und die Gebote dessen verkünden, der euch bisher unbekannt war.‹

Darauf erklärte jener würdige Mann, wie der erhabene Schöpfer aller Dinge, der Herr der Erde und des Himmels, nicht in Tempeln, von Menschenhänden erbaut, wohne. Daß seine Gegenwart, sein Geist in der Luft sei, die wir atmen, daß unser Leben und Dasein nur seiner Allmacht zu verdanken seien. ›Glaubt ihr,‹ sagte er, ›daß der Unsichtbare ist, wie eure Bildsäulen von Gold und Marmor? Glaubt ihr, daß er, der Himmel und Erde schuf, Opfer von euch bedarf?‹ Darauf sprach er von schrecklichen Zeiten, die noch kommen würden, von dem Ende der Welt, von einer Auferstehung der Toten, für welche dem Menschengeschlecht ein Bürge gegeben worden sei durch die Wiederauferstehung des mächtigen Wesens, dessen Religion er lehre.

Als er so redete, brach der lange verhaltene Unwillen aus, und die Philosophen, welche sich unter dem Volke befanden, konnten die Zeichen ihrer Verachtung nicht länger verbergen. Man konnte das spöttische Lächeln des Zynikers und die finstere Stirn des Stoikers bemerken, und der Epikureer, der selbst an unser Elysium nicht glaubt, schritt lachend mit einem leichten Scherz durch die Menge. Aber die Herzen des Volkes waren gerührt und erschüttert, und sie zitterten, wenn sie auch nicht wußten, weshalb. Denn der Fremde hatte die Stimme und das majestätische Wesen eines Mannes, dem der ›unbekannte Gott‹ wirklich die Verbreitung seines Glaubens aufgetragen hatte.«

Jone hatte mit teilnehmender Aufmerksamkeit zugehört, und der tiefe Ernst des Erzählers verriet den Eindruck, welchen die Mitteilungen eines der Anwesenden in jener Versammlung, der an dem Hügel des heidnischen Mars die ersten Nachrichten von den Lehren Christi verkündet wurde, auch auf ihn gemacht hatten.

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