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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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17.

Für Jone und Glaukus begann jetzt eine Zeit ungetrübten Glücks. Die Neapolitanerin verbarg Glaukus die Neigung nicht länger, welche sie für ihn fühlte, und sie sprachen jetzt von nichts als von ihrer Liebe. Die Hoffnungen der Zukunft schwebten über dem Entzücken der Gegenwart wie der heitere Himmel über den Frühlingsauen. Ihren Herzen schienen Sorgen und Tod unbekannte Dinge geworden zu sein. Vielleicht liebten sie sich nur um so mehr, weil die damaligen Verhältnisse Glaukus kein anders Ziel seines höheren Strebens gestatteten als die Liebe. In dem despotischen Rom jener Zeit fand der Athener keinen Wirkungskreis, das politische Leben seines Vaterlandes war erloschen. Und weil der Ehrgeiz kein Gegengewicht gegen die Liebe bilden konnte, war es die Liebe allein, welche den Geist und das Herz ganz ausfüllen mußte. Ihnen erschien das eiserne Zeitalter, in dem sie lebten, wie das goldene, und der Zweck ihres Daseins war jetzt einzig und allein ihre Liebe.

Die größere Hälfte des August war vorüber. Für den nächsten Monat war ihre Vermählung bestimmt, und die Schwelle des Glaukus war bereits mit Kränzen geschmückt, und jede Nacht brachte er reiche Libationen vor dem Hause der Jone. Man sah ihn nicht mehr in der Gesellschaft seiner munteren Freunde, er lebte nur für Jone. Des Vormittags unterhielten sie sich mit Musik und Gesang, des Abends machten sie Spazierfahrten auf dem Wasser und längs der fruchtbaren, mit Weingärten bedeckten Anhöhen am Vesuv. Man spürte nichts mehr von Erderschütterungen. Die lebensfrohen Pompejaner vergaßen bald, daß ihrem bevorstehenden Schicksal eine so schreckliche Warnung vorhergegangen war. Glaukus hielt in seinem heidnischen Aberglauben jenes Erdbeben für eine besondere Fügung der Götter, weniger um ihn, als um Jone zu retten. Er brachte Opfer der Dankbarkeit in den Tempeln seines Glaubens dar, und selbst die Altäre der Isis wurden durch ihn bekränzt. Was aber das Wunder des erglühenden und belebten Marmors betrifft, so schämte er sich der Wirkung, die es auf ihn hervorgebracht hatte. Er schrieb dieses Wunder der menschlichen Magie zu, denn der Erfolg überzeugte ihn, daß es nicht den Zorn der Göttin selbst angedeutet habe.

Von Arbaces hörten sie mit Verwunderung, daß er noch lebe. Auf dem Krankenlager erholte er sich nur langsam von den Folgen jenes schrecklichen Sturzes des marmornen Hauptes der Göttin in seinen Nacken, der ihn vernichtet zu haben schien, dem jedoch seine eiserne Natur noch widerstanden hatte. Er beunruhigte zwar die Liebenden nicht weiter, aber er brütete im stillen über die Art und die Zeit seiner Rache.

Nydia war die beständige und oft die einzige Gesellschafterin der Liebenden. Sie bemerkten das geheime Feuer nicht, welches das arme Mädchen verzehrte. Ihre seltsamen Stimmungen und oft eigensinnigen Launen übersahen sie schon infolge des Mitleids, das ihr Schicksal ihnen einflößte. Wenn sie sich auch geweigert hatte, das Geschenk der Freiheit anzunehmen, so konnte sie doch gehen, wohin sie wollte. Ihre Handlungen und ihre Worte wurden weder getadelt noch beschränkt. Sie fühlten für ein so unglückliches und für jede Verletzung so empfindliches Wesen dieselbe duldende und teilnehmende Nachsicht.

Nydias Hauptgenuß bestand immer noch darin, den kleinen Garten des Glaukus zu besuchen und seine Blumen zu pflegen, welche wenigstens ihre Liebe belohnten. Oft trat sie in das Zimmer des Atheners und knüpfte eine Unterredung an, die sie aber gewöhnlich bald wieder abbrach, denn jedes Gespräch des Glaukus bezog sich jetzt nur auf einen Gegenstand, auf Jone, und wenn sie diesen Namen von seinen Lippen hörte, so geriet sie außer sich. Oft bereute sie den Dienst, welchen sie Jone geleistet hatte. Oft dachte sie bei sich selbst: »Wäre sie jener Gefahr nicht entronnen, so hätte Glaukus sie nicht länger lieben können!« Und dann bemächtigten sich ihrer finstere und unheimliche Gedanken.

Sie hatte, als sie so großmütig handelte, die Qualen noch nicht ganz kennengelernt und sich vorgestellt, welche ihrer warteten. Früher war sie nie anwesend gewesen, wenn Glaukus und Jone zusammen waren. Sie hatte nie jene Stimme, die mit ihr so freundlich sprach, einen noch viel sanfteren, zärtlicheren Ausdruck gegen eine andere annehmen hören. Das schmerzhafte Gefühl, welches ihr Herz ergriff, als sie es zuerst erfuhr, daß Glaukus Jone liebe, hatte sie anfangs betäubt und daniedergebeugt, nach und nach nahm die Eifersucht einen wilderen und stolzeren Charakter an. Es gesellte sich Haß hinzu, und schon fingen die Einflüsterungen der Rache an, Wurzel zu fassen. Der Charakter der Nydia war, weil sie von früher Kindheit ab allein dastand, frühzeitig gereift; vielleicht hatten auch die aufregenden Szenen der Verderbnis, unter denen sie leben mußte, ihre Leidenschaften gesteigert, wenn sie auch nicht ihre Reinheit beflecken konnte. Die Abscheulichkeiten in der Weinschenke des Burbo hatten nur ihren Ekel, die schändlichen Feste des Ägypters ihren Abscheu erregt. Aber irgendwo war wohl doch dadurch in ihrer Brust eine Saat zurückgeblieben, die sich nur für den Augenblick noch nicht entfalten konnte. Auch hatte wohl die Blindheit, die der Phantasie so viel Stoff gewährt, die Liebe des unglücklichen Mädchens mit wilden Träumen erfüllt. Zuerst war die Stimme des Glaukus wie Musik in ihre Ohren gedrungen, seine Freundlichkeit machte einen großen Eindruck auf ihr Gemüt. Als er im vorigen Jahre Pompeji verließ, hatte sie jedes Wort, das er aussprach, wie einen heiligen Schatz in ihrem Herzen bewahrt, und wenn irgend jemand ihr erzählte, daß dieser Freund und Beschützer des armen Blumenmädchens einer der liebenswürdigsten jungen Männer in Pompeji sei, so fühlte sie immer in der Rückerinnerung an ihn einen freudigen Stolz. Selbst das Geschäft, welches sie übernahm, seine Blumen zu pflegen, diente dazu, das Andenken an ihn wieder aufzufrischen. Sie brachte sein Dasein mit allem in Verbindung, was ihr die angenehmsten Eindrücke veranlaßte, und wenn sie sich geweigert hatte, zu sagen, mit welchem Bilde sie Jone vergliche, so geschah dieses vielleicht teilweise aus dem Grunde, weil sie alles, was in der Natur schön und erhaben war, bereits mit dem Gedanken an Glaukus in Verbindung gesetzt hatte.

Als Glaukus nach Pompeji zurückkehrte, war Nydia um ein Jahr älter geworden, dieses Jahr mit seinen Sorgen und seiner Einsamkeit hatte ihren Geist und ihr Herz schnell entwickelt. Und wenn der Athener, indem er sie noch für ein Kind hielt, sie unbefangen an seine Brust zog, wenn er ihre zarte Wange küßte und seinen Arm um sie schlang, so fühlte Nydia plötzlich, daß dieses Gefühl, das sie lange in ihrer Unschuld genährt hatte, die Liebe sei. Bisweilen fürchtete sie nun, Glaukus möge ihr Geheimnis entdecken, bisweilen zürnte sie, daß es nicht erraten wurde. So war sie eine Beute ewig wechselnder Erregungen. Auch ihre Gefühle für Jone änderten sich mit jeder Stunde. Bald liebte sie die Griechin, weil er sie liebte, dann haßte sie sie wieder aus demselben Grunde. Es gab Augenblicke, in denen sie sie ermorden, andere, in denen sie ihr Leben für sie hätte opfern können. Diese schwankenden Abwechslungen der Gemütszustände waren zu heftig, als daß sie länger hätten ertragen werden können. Ihre Gesundheit litt, wenn sie es auch nicht fühlte, ihre Wangen erbleichten. Sie weinte oft, und fand sich wenig erleichtert durch ihre Tränen.

Eines Morgens, als sie wie gewöhnlich die Blumen in dem Garten des Glaukus pflegen wollte, fand sie ihn unter den Säulen des Peristyls mit einem Kaufmann aus der Stadt. Der Grieche suchte Juwelen für seine Braut aus. Er hatte bereits ihre Wohnung einrichten lassen. Auch die Edelsteine, die er an diesem Tage kaufte, wurden dort aufgestellt.

»Komm her, Nydia, komm, und setze deine Blumenvase nieder. Du mußt diese goldene Kette von mir annehmen – so, ich will sie dir anlegen. Steht sie ihr nicht gut, Servilius?«

»Wundervoll!« antwortete der Juwelier, denn die Juweliere waren wohlerzogen und wußten zu schmeicheln. »Aber wenn diese Ringe in den Ohren der edlen Jone glänzen, dann wirst du, beim Bacchus, dich überzeugen, daß meine Kunst die Schönheit noch zu erhöhen vermag.«

»Jone?« wiederholte Nydia, welche bisher durch Erröten und Lächeln ihre Dankbarkeit für die Gabe des Glaukus zu erkennen gegeben hatte.

»Ja«, erwiderte der Athener, indem er nachlässig mit den Edelsteinen spielte. »Ich will ein Geschenk für Jone wählen, doch finde ich keines, das ihrer würdig wäre.«

Er wurde, indem er dieses sprach, durch eine schnelle Bewegung der Nydia erschreckt. Sie riß die Kette mit leidenschaftlicher Heftigkeit von ihrem Halse und warf sie mit Ungestüm auf den Boden.

»Was ist das? Wie, Nydia, gefällt dir mein Geschenk nicht? Habe ich dich beleidigt?«

»Du behandelst mich immer noch wie eine Sklavin und wie ein Kind«, erwiderte die Thessalierin, indem ihre Brust seufzend sich hob, und schnell entfernte sie sich in einen anderen Teil des Gartens.

Glaukus versuchte nicht, sie zu besänftigen. Erfühlte sich selbst verletzt. Er fuhr fort, die Juwelen zu betrachten und sein Urteil zu äußern, dieses zu tadeln und jenes zu loben. Zuletzt aber ließ er sich von dem Kaufmann beschwatzen, alles zu kaufen, denn es war ja für Jone bestimmt.

Als er den Kauf abgeschlossen und den Juwelier entlassen hatte, ging er in sein Zimmer zurück, zog sich an, stieg in seinen Wagen und fuhr zu Jone. Er dachte nicht mehr an das blinde Mädchen und ihr ungestümes Wesen, er hatte beides vergessen.

Den Vormittag brachte er bei der schönen Neapolitanerin zu, besuchte dann die Bäder und nahm um drei Uhr in einem Gasthaus eine Mahlzeit ein. Als er wieder zu Hause anlangte, um seine Kleider zu wechseln, bevor er zu Jone zurückkehrte, ging er durch den Peristyl. Aber in der Zerstreutheit seines verliebten Zustandes bemerkte er gar nicht das blinde Mädchen, das sich wieder an demselben Ort befand, wo er sie verlassen hatte. Nydia erkannte ihn sofort am Gange. Sie konnte die Zeit seiner Rückkehr kaum erwarten. Als er in sein Lieblingszimmer getreten war, welches nach dem Peristyl hinausging, und nachsinnend auf seinem Ruhebett saß, fühlte er sich leise am Gewand gezogen, und als er sich umsah, erblickte er Nydia, die neben ihm kniete und ihm eine Handvoll Blumen darreichte. Aus ihren dunklen, zu ihm emporgerichteten Augen strömten Tränen.

»Ich habe dich beleidigt,« sagte sie schluchzend, »und zum erstenmal in meinem Leben. Ich will lieber sterben, als dich nur einen Augenblick unzufrieden wissen. Vergib mir, o Glaukus! Sieh! Ich habe die Kette aufgenommen, ich habe sie angelegt. Ich will mich nie wieder von ihr trennen; es ist dein Geschenk!«

»Meine teure Nydia«, erwiderte Glaukus, und er drückte einen Kuß auf ihre Stirn, indem er sie erhob. »Denke nicht mehr daran! Aber weshalb wurdest du so plötzlich böse, mein Kind? Ich konnte die Ursache nicht erraten!«

»Frage nicht danach«, sagte sie, indem sie lebhaft errötete. »Ich bin voller Launen und Fehler. Du weißt, ich bin nur ein Kind, du sagst es ja selbst oft. Kannst du von einem Kinde einen Grund für jede Torheit verlangen?«

»Aber bald wirst du kein Kind mehr sein, und wenn wir dich nicht als ein solches behandeln sollen, so mußt du lernen, diese seltsamen Ausbrüche der Heftigkeit mehr zu beherrschen. Glaube nicht, daß ich schelte. Nein, ich spreche nur deines eigenen Wohles wegen.«

»Es ist wahr«, sagte Nydia. »Ich muß mich selbst mehr beherrschen lernen, ich muß die Gefühle meines Herzens unterdrücken und verbergen. Dieses ist die Aufgabe und die Pflicht des Weibes. Seine Haupttugend scheint mir in der Heuchelei zu bestehen.«

»Selbstbeherrschung ist keine Heuchelei, meine Nydia«, erwiderte der Athener. »Und dieser Tugend bedarf sowohl das männliche als auch das weibliche Geschlecht. Es ist die wahre senatorische Toga, das Zeichen der Würde dessen, der sie besitzt.«

»Selbstbeherrschung! Selbstbeherrschung! Jawohl, du hast recht! Wenn ich deine Stimme höre, Glaukus, so werden meine wildesten Gedanken beruhigt, und eine entzückende Heiterkeit erfüllt mein ganzes Wesen. Sei immer mein Ratgeber, mein Retter!«

»Dein gutes, sanftes Herz wird dein bester Führer sein, Nydia, wenn du gelernt hast, seine Gefühle zu beherrschen.«

»Ach, das werde ich niemals lernen«, seufzte Nydia, indem sie sich die Tränen abtrocknete.

»Glaube das nicht; nur der erste Versuch ist schwierig.«

»Ich habe viele erste Versuche gemacht«, erwiderte Nydia naiv. »Aber findest du selbst es so leicht, dich zu beherrschen? Hast du deine Liebe zu Jone so ganz in der Gewalt? Könntest du sie sogar verbergen?«

»Liebe, teure Nydia – das ist etwas ganz anderes«, erwiderte der junge Mentor.

»Ich konnte es mir denken«, sagte Nydia mit einem schwermütigen Lächeln. »Glaukus, willst du meine Blumen annehmen? Mache mit ihnen, was du willst. Du kannst sie Jone geben; wenn du willst«, fügte sie zaudernd hinzu.

»Nein, Nydia«, erwiderte Glaukus freundlich, indem er einige Eifersucht in ihrem Benehmen erriet, obgleich er diese bloß noch für die Eifersucht eines reizbaren Kindes hielt. »Ich will deine schönen Blumen niemand geben. Setze dich hierher und flechte sie in einen Kranz, ich will ihn heute abend tragen. Es ist nicht der erste, den diese zarten Finger für mich gewunden haben.«

Das arme Mädchen setzte sich entzückt neben Glaukus. Sie nahm aus ihrem Gürtel einen Knäuel von bunten, schmalen Bändern, deren man zum Flechten der Kränze sich bediente. Sie trug solche Bänder beständig bei sich, da das Kränzeflechten ihre liebste Beschäftigung war, und begann freudig ihre Arbeit. Die Tränen waren bereits auf ihren Wangen getrocknet; um ihre Lippen spielte ein freudiges Lächeln. Sie war allerdings, wie ein Kind, nur empfänglich für den Genuß der Gegenwart. Sie war mit dem jungen Griechen wieder versöhnt, er hatte ihr verziehen. Glückselig saß sie neben ihm, während er liebkosend mit ihren seidenen Haaren spielte und sein Atem ihre Wangen berührte. Vor allem aber war Jone, die grausame Jone, nicht anwesend, keine andere nahm seine Neigung in Anspruch. Ja, sie war glücklich und hatte alles frühere Leid vergessen.

»Du hast schöne Locken«, sagte Glaukus. »Sie waren gewiß einst das Entzücken einer Mutter.«

Nydia seufzte, gab aber keine Antwort. Sie war sicherlich nicht als Sklavin geboren worden, vermied aber stets, von ihrer Abkunft zu sprechen. Sie kam, ein Kind des Unglücks, wie ein verirrter Vogel in das Leben des Glaukus. Aber er wußte nicht, woher sie kam und wohin sie eines Tages gehen würde. Nydia seufzte aufs neue und sagte nach einer Pause: »Flechte ich dir auch nicht zu viele Rosen in deinen Kranz, Glaukus? – Man sagt mir, es seien deine Lieblingsblumen.«

»Immer, meine Nydia, werden alle, die der Dichtkunst ergeben sind, auch die Rose lieben. Denn sie ist ja die Blume der Liebe, und auch dem Schweigen und dem Tode weihen wir sie. Sie schmückt unsere Stirn, solange das Leben noch Wert hat, sie wird auf unser Grab gestreut, wenn wir nicht mehr sind.«

»Oh, könnte ich doch«, sagte Nydia, »statt dieses vergänglichen Kranzes deinen Lebensfaden aus den Händen der Parzen nehmen und in ihn diese Rosen flechten!«

»Dein Wunsch, liebes Mädchen, ist einer so wohlklingenden Stimme würdig, und welches auch mein Schicksal sein wird, so danke ich dir.«

»Was auch dein Schicksal sein möge! Ist es nicht schon für alles Gute und Edle bestimmt? Mein Wunsch war überflüssig. Die Parzen werden sich dir so günstig erweisen, als ich es würde.«

»Ich wäre nicht glücklich, Nydia, wenn ich nicht liebte! Solange ich jung bin, kann ich wohl mein Vaterland eine Zeitlang vergessen. Aber welcher Athener kann im reiferen Mannesalter Athens gedenken, wie es war, und mit seinem Glück sich beruhigen, während Athen gesunken ist – gesunken für immer.«

»Und weshalb für immer?«

»Wie die Asche nicht wieder zur Glut erweckt werden kann, wie die Liebe, wenn sie einmal starb, für immer tot ist, so wird auch die verlorene Freiheit eines Volkes niemals wiedergewonnen. Aber spreche ich nicht mit dir von Gegenständen, die dir unverständlich sind?«

»Mir? Oh, du täuschest dich! Auch ich trauere um Griechenland, denn meine Wiege stand am Fuße des Olymp. Die Götter haben zwar den Berg verlassen, aber sie leben noch in den Herzen ihrer Anbeter, wie überall in jenem herrlichen Lande. Ach, wie schön muß dieses Land sein. Ich habe bloß dessen milde Lüfte geatmet, gegen welche selbst diese rauh sind, die Wärme jenes Klimas, gegen welche das hiesige kalt ist. Oh, sprich nur mit mir von Griechenland! Ich kann dich verstehen, wenn ich auch nur ein armes, einfältiges Mädchen bin, und mir deucht, daß, wäre ich eine Griechin gewesen, die das Glück mit Liebe und mit Gegenliebe begünstigt hätte, so würde ich selbst meinen Geliebten für ein anderes Marathon oder für ein neues Platäa bewaffnet haben. Ja, dieselbe Hand, welche jetzt Rosen flechtet, würde dir den Olivenkranz gewunden haben!«

»Wenn ein solcher Tag wiederkäme!« sagte Glaukus, indem die Begeisterung der blinden Thessalierin auch ihn ergriff. »Doch nein, die Sonne ist untergegangen, und in dieser Finsternis müssen wir selbst unseren früheren Ruhm vergessen – wir können uns ja doch dabei des Lebens freuen, flechte nur die Rosen!«

Doch der Athener sprach diese letzteren Worte nur mit einem Ton erzwungener Lustigkeit und versank bald in tiefes Nachdenken.

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