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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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15.

»Aber, erzähle mir Glaukus,« sagte Jone, als sie in ihrer Gondel den Sarnus hinabfuhren, »wie kamst du mit Apäcides zu meiner Rettung?«

»Frage Nydia«, erwiderte der Athener, indem er auf das blinde Mädchen zeigte, die in einiger Entfernung saß und nachdenkend an ihre Lyra sich lehnte. »Ihr mußt du danken, nicht uns. Sie scheint mich in meinem Hause gesucht zu haben, und als sie mich nicht fand, eilte sie nach dem Tempel zu deinem Bruder. Er begleitete sie nach der Wohnung des Arbaces. Unterwegs trafen sie mich in einer Gesellschaft von Freunden, denen ich mich angeschlossen hatte, weil dein freundlicher Brief mich in eine so beglückende Stimmung versetzte. Das scharfe Gehör der Nydia unterschied bald meine Stimme, einige Worte genügten, mich von allem zu unterrichten. Ich sagte meinen Gefährten nicht, weshalb ich sie verließ – konnte ich ihren geschwätzigen Zungen und ihrem Leichtsinn deinen Namen anvertrauen? Nydia führte uns an die Gartentür, aus der wir dich später hinaustrugen. Wir traten ein und waren im Begriff, in die Geheimnisse jenes schrecklichen Hauses einzudringen, als wir dein Geschrei in einer anderen Richtung hörten. Das übrige ist dir bekannt!«

Jone errötete. Darauf erhob sie ihre Blicke zu Glaukus, und er las in ihnen alle jene Dankbarkeit, welche sie auszusprechen fähig waren. »Komm hierher, meine Nydia«, sagte sie zärtlich zu der Thessalierin. »Habe ich dir nicht gesagt, du solltest meine Schwester und Freundin sein? Bist du mir nicht schon mehr gewesen, meine Beschützerin, meine Retterin?«

»Es ist eine Kleinigkeit«, erwiderte Nydia gleichgültig, ohne sich von ihrem Platze zu bewegen.

»Ach, ich vergaß,« fuhr Jone fort, »ich muß zu dir kommen.« Und sie begab sich zu Nydia, sie fest umschlingend und ihre Wangen mit Küssen bedeckend.

Nydia war an diesem Morgen bleicher als gewöhnlich, und noch bleicher färbte sich ihr Antlitz, als die schöne Neapolitanerin sie umarmte. »Aber wie kam es, Nydia,« flüsterte Jone, »daß die Gefahr, der ich entgangen bin, dir so genau bekannt war? Wußtest du etwas von dem Ägypter?«

»Ja, ich kannte sein lasterhaftes Treiben!«

»Und woher?«

»Edle Jone, ich war eine Sklavin der Lasterhaften. Die, denen ich diente, waren seine Gehilfen.«

»Und du warst in seinem Hause, da jener geheime Eingang dir so genau bekannt war?«

»Ich habe bei Arbaces auf meiner Lyra gespielt«, erwiderte die Thessalierin verlegen.

»Und du bist«, fragte die Neapolitanerin mit einer zu leisen Stimme, als daß sie das Ohr des Glaukus hätte erreichen können, »der Gefahr entgangen, aus der du mich gerettet hast?«

»Edle Jone, ich bin weder schön noch vornehm. Ich bin ein Kind und eine Sklavin und blind. Sicher sind diejenigen, welche verachtet werden.«

Nydia hatte diese demütigen Worte in einem unwilligen und stolzen Ton gesprochen, und Jone fühlte, daß es für das arme Mädchen kränkend sein müßte, wenn sie weiter über diesen Gegenstand sprach. Sie schwieg daher, und die Gondel erreichte jetzt die See.

»Erlaube mir,« sagte in diesem Augenblick der Athener, »daß ich mich dir gegenübersetze, sonst möchte unsere leichte Gondel das Gleichgewicht verlieren.«

Indem er dieses sprach, setzte er sich Jone gegenüber, und es schien ihm, daß es ihr Atem sei und nicht die Sommerluft, welche so voll Wohlgeruch ihn anwehte.

»Du wolltest mir erzählen,« sagte Glaukus, »weshalb dein Haus mir so viele Tage verschlossen blieb?« »Oh, denke nicht mehr daran!« erwiderte Jone schnell. »Ich war so töricht, eine Zeitlang der Verleumdung Glauben zu schenken.«

»Und mein Verleumder war der Ägypter?«

Jones Stillschweigen bejahte diese Frage.

»Seine Beweggründe sind einleuchtend genug.«

»Rede nicht mehr von ihm«, fiel Jone ein, indem sie das Gesicht mit den Händen bedeckte, als wolle sie jeden Gedanken an ihn verbannen.

»Vielleicht wandert sein Schatten schon an den Ufern des Styx«, sagte Glaukus. Doch in diesem Falle würden wir wahrscheinlich von seinem Tode gehört haben. Auch auf deinen Bruder hat, wie es mir scheint, sein finsteres Gemüt gewirkt. Als wir gestern an deinem Hause ankamen, verließ er mich plötzlich. Könnte er doch mein Freund sein!«

»Irgendeine geheime Sorge quält ihn«, erwiderte Jone traurig. »Wir wollen gemeinsam versuchen, ihn wieder aufzuheitern.«

»Ich werde ihn wie meinen Bruder behandeln«, erwiderte der Grieche.

»Wie ruhig,« sagte Jone, indem sie die düsteren Gedanken zu verbannen schien, welche das Schicksal des Apäcides in ihr erregt hatten, »wie ruhig schweben die Wolken am Himmel. Und doch sagtet ihr mir, denn ich selbst wußte es nicht, daß in der vergangenen Nacht ein Erdbeben gewesen sei.«

»Allerdings, und es war heftiger als jenes vor sechzehn Jahren. Das Land, in dem wir leben, verbirgt noch manchen geheimnisvollen Schrecken, und das Reich des Pluto, welches unter unseren verbrannten Feldern sich ausdehnt, scheint in unsichtbarer Aufregung begriffen. Fühltest du nicht das Erdbeben, Nydia, an jener Stelle, wo du in der vorigen Nacht saßest, und war es nicht die Furcht, die dir damals Tränen entlockte?«

»Ich fühlte die Erde«, antwortete Nydia, »wie eine ungeheure Schlange sich unter mir beben. Doch da ich nichts sah, so hatte ich auch keine Furcht. Ich glaubte, daß jene Erschütterung ein Zauber des Ägypters sei. Viele behaupten, er könne den Elementen gebieten.«

»Du bist eine Thessalierin, meine Nydia«, erwiderte Glaukus. »Du hast daher das Recht, an Zaubereien zu glauben.«

»Zaubereien – wer glaubt nicht daran?« fragte Nydia. »Glaubst du nicht an Zaubereien?«

»Vor der Nacht, in welcher ein nekromantisches Wunder mich allerdings überraschte, glaubte ich an keine anderen Zauberkräfte als an die der Liebe!« sagte Glaukus mit zitternder Stimme und indem er seine Blicke auf Jone heftete.

»Ach!« sagte Nydia, indem eine Art von Schauder sie erfaßte, und unwillkürlich griff sie einige Töne auf ihrer Lyra.

»Spiele uns etwas vor, teure Nydia«, sagte Glaukus. »Singe eines deiner alten thessalischen Lieder. Es möge von Zaubereien handeln oder nicht, wie du willst – aber von der Liebe darf es wenigstens nicht schweigen!«

»Von der Liebe!« wiederholte Nydia, indem sie ihre großen Augen, die alle, welche in sie blickten, mit einem unheimlichen Gefühl, aber auch mit dem des Mitleidens erfüllten, umherirren ließ. Man konnte sich nie an den Anblick dieser Augen gewöhnen. Es schien so sonderbar, daß sie für das Licht unempfänglich seien, und sie starrten entweder in ihrem tiefen, geheimnisvollen Dunkel so fest, oder sie waren in so unruhiger, umherschwärmender Bewegung, daß man, wenn man ihnen begegnete, denselben fast übernatürlichen Eindruck fühlte, den die Gegenwart der Geistesabwesenden oft veranlaßt – derer, die, indem ihr äußeres Leben dem unsrigen gleicht, noch ein inneres, besonderes Leben haben, dessen Wesen unergründlich und geheimnisvoll ist.

»Willst du, daß ich von der Liebe singen soll?« fragte sie, indem sie diese Augen auf Glaukus richtete.

»Ja!« erwiderte er und heftete seine Blicke auf den Boden.

Sie entfernte sich etwas von Jone, deren Arm sie immer noch umfaßte, und sang, nachdem sie vorher einige Noten auf der Lyra gegriffen hatte, ein von einer eigentümlichen Traurigkeit erfülltes Liebeslied. Die beiden Zuhörer wurden, obgleich sie den Grund zu des Mädchens klagender Stimmung nicht verstanden, eigentümlich ergriffen.

»Das ist ein trauriges Lied, mein süßes Mädchen«, sagte Glaukus. »Deine Jugend fühlt bis jetzt nur den dunklen Schatten der Liebe. Sie erregt eine ganz andere Begeisterung, wenn sie selbst in ihrem hellen Glanze uns erscheint.«

»Ich singe, wie ich es gelernt habe«, erwiderte Nydia seufzend.

»Dann muß dein Lehrer wohl unglücklich geliebt haben, laß uns doch ein lustigeres Liedchen hören. Nein, Mädchen, gib mir lieber das Instrument.«

Als Nydia gehorchte, berührte ihre Hand die seinige. Diese leichte Berührung trieb ihr das Blut in die Wangen. Jone und Glaukus, die nur miteinander beschäftigt waren, bemerkten nicht dieses Zeichen innerer Regung, die an einem Herzen nagte, welches durch die Einbildungskraft entflammt, der Hoffnung entsagen mußte.

Und nun breitete sich vor ihnen jenes ruhige, blaue, glänzende Meer aus, an dessen Schönheit und herrlichen Ufern sich niemand sattsehen konnte. Die Lust war von einer süßen, geheimnisvollen Stimmung erfüllt, die wie mit einer Zaubermacht die Menschen gefangen nahm, daß sie alle Gedanken an Mühseligkeit und Plage, allen Ehrgeiz und alle Streitlust vergaßen und den Geist in süßen Träumen wiegten. Und in dieser wundervollen Umgebung, auf diesem blauen Meere blickte der Athener in ein Antlitz, welches für den Geist dieser Gegend gebildet zu sein schien, und er weidete seine Augen an den wechselnden Rosenfarben dieser Wangen, er fühlte sein Glück erhaben über dem Glück des gewöhnlichen Lebens. Er liebte, und er wußte, daß er wiedergeliebt wurde.

Der Athener drückte seine Gefühle, indem er vergebens die Augen der Jone suchte, welche, halb abgewendet, halb niederblickend, die seinigen vermieden, mit sanfter und gefälliger Stimme in einem schnell ersonnenen Liebeslied aus, und als die letzten Töne des Gesanges über die See schwebten, da erhob Jone ihre Augen, sie begegneten denen ihres Geliebten. Glückliche Nydia! Glücklich in deiner Trauer, daß du jenen bezaubernden Blick nicht sehen konntest, der so viel sagte – der das Auge, die Stimme des Geistes bildete – der die Unmöglichkeit des Wechsels versprach!

Wenn aber auch die Thessalierin diesen Blick nicht sehen konnte, so erriet sie dessen Ausdruck durch das Schweigen, durch die Seufzer der Liebenden. Sie drückte die Hände fest an die Brust, als wollte sie ihre Eifersucht zurückdrängen, und darauf beeilte sie sich, zu sprechen, denn das Schweigen war ihr unerträglich.

»Aber dein Gesang, o Glaukus,« sagte sie, »war doch auch nicht sehr lustig!«

»Und doch beabsichtigte ich ihn so, als ich deine Lyra nahm. Vielleicht gestattet uns das Glück nicht, lustig zu sein.«

»Wie seltsam ist es,« sagte Jone, indem sie einer Unterredung eine andere Wendung geben wollte, die ihr drückend zu werden anfing, »daß seit einigen Tagen jene Wolke bewegungslos über dem Vesuv hängt, doch nicht ganz bewegungslos, denn bisweilen verändert sie ihre Gestalt, und erscheint mir jetzt fast wie ein großer Riese, der seine Hand nach der Stadt hin ausstreckt. Siehst du auch die Ähnlichkeit, oder bilde ich es mir bloß ein?«

»Auch mir scheint es so, schöne Jone, die Gestalt ist sogar außerordentlich deutlich. Der Riese scheint gerade auf der Spitze des Berges zu sitzen, und die verschiedenen Schatten der Wolke bilden ein weites, wallendes Gewand. Er scheint die Stadt zu betrachten und mit der einen Hand, wie du sagst, drohend auf sie hinzuweisen, während er die andere gegen den Himmel erhebt. Er kommt mir vor wie der Geist eines gewaltigen Titanen, der über die schöne Welt trauert, die er verloren hat. Er ist bekümmert über die Vergangenheit, doch scheint er mir auch etwas Drohendes für die Zukunft anzudeuten.«

»Könnte jener Berg wohl in irgendeiner Verbindung mit dem Erdbeben in der vorigen Nacht stehen? Man sagt, daß vor uralten Zeiten er, sowie der Ätna noch jetzt, Lava ausgeworfen habe. Vielleicht brütet und lauert das Feuer in der Tiefe.«

»Es ist möglich«, sagte Glaukus nachdenkend.

»Du sagst, du glaubst wenig an die Zauberei?« fiel Nydia plötzlich ein. »Ich habe gehört, daß eine mächtige Hexe in den Höhlen jenes Berges wohnt, und die Wolke ist vielleicht der Schatten des bösen Geistes, den sie hervorgerufen hat.«

»Du hast noch viel thessalischen Aberglauben«, sagte Glaukus.

»Im Finstern sind wir immer abergläubisch«, erwiderte Nydia. »Sage mir,« fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu, »sage mir, o Glaukus, sind sich alle, die schön sind, einander ähnlich? Jeder behauptet, du seiest schön und Jone auch. Sind sich eure Gesichter denn ganz ähnlich? Ich kann es mir nicht denken, und doch muß es so sein!«

»Denke dir nicht etwas, wodurch du Jone so sehr unrecht tun würdest«, erwiderte Glaukus lächelnd. »Wir gleichen uns auch keineswegs. Jones Haar ist schwarz, das meinige braun. Jones Augen sind – von welcher Farbe, Jone? Laß mich in sie schauen. Ach, sind sie schwarz? – Nein, sie sind zu sanft. – Sind sie blau? – Nein, sie sind zu feurig. Sie wechseln mit jedem Sonnenstrahl – ich kann ihre Farbe nicht unterscheiden. Doch meine Augen, teure Nydia, sind grau, und nur schön, wenn Jone in sie blickt. Jones Wange ist –«

»Ich verstehe kein Wort von deiner Beschreibung«, unterbrach ihn Nydia. »Ich begreife bloß, daß ihr euch nicht ähnlich seht, und das freut mich.«

»Weshalb, Nydia?« fragte Jone.

Nydia errötete. »Weil«, erwiderte sie naiv, »ich mir euch immer verschieden vorgestellt habe, und man freut sich, wenn man weiß, daß man sich nicht irrt.«

»Und womit hast du dir Glaukus ähnlich vorgestellt?« fragte Jone.

»Mit Musik!« erwiderte das Mädchen und schlug die Augen nieder.

»Sie hat recht!« dachte Jone bei sich.

»Und womit vergleichst du Jone?«

»Ich kann es noch nicht sagen,« antwortete Nydia, »ich kenne sie noch nicht lange genug, um einen Vergleich für sie zu finden.«

»So will ich es dir denn sagen«, unterbrach sie Glaukus leidenschaftlich. »Sie gleicht der Sonne, die erwärmt, der Woge, die erfrischt.«

»Die Sonne verbrennt auch bisweilen, und in der Woge kann man ertrinken«, erwiderte Nydia.

»So nimm denn diese Rosen«, sagte Glaukus. »Durch ihren Duft wirst du dir Jone vorstellen.«

»Ach! Die Rosen werden verwelken!« sagte neckend die Neapolitanerin.

Indem sie sich so unterhielten, verflossen die Stunden. Die Liebenden waren beglückt und beseligt durch die Liebe, das blinde Mädchen aber fühlte bloß deren Qualen und Leiden; die Eifersucht und ihre Pein.

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