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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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14.

Am Morgen dieses selben Tages hatte der Ägypter in einsamen Betrachtungen auf der Spitze des hohen, pyramidal gebauten Turmes gesessen, der sich an der Seite seines Hauses erhob. Ein hohes Geländer hielt, in Verbindung mit der Höhe des Gebäudes und den dichten Bäumen, welche es umgaben, die forschenden Blicke der Neugier oder Beobachtung ab. Vor ihm stand ein Tisch, worauf eine mit mystischen Figuren beschriebene Rolle lag. Arbaces hatte darauf die aus dem Gang und der Stellung der Gestirne gezogenen Berechnungen aufgeschrieben, und, indem er sein Haupt mit den Händen stützte, überließ er sich den Gedanken, welche seine Berechnungen veranlaßten.

»Schon wieder warnen mich die Sterne! Es droht mir also gewiß eine Gefahr,« sprach er mit gedehnter Stimme, »irgendeine plötzliche, schnelle Gefahr! Ich werde mit einem Tode durch einen plötzlich fallenden Stein bedroht. ›Nimm dich in acht,‹ sagen jene leuchtenden Propheten, die Sterne, ›wenn du unter alten Mauern, oder belagerten Wällen, oder überhängenden Felsen gehst – ein von oben herabgeschleuderter Stein ist durch den Spruch des Schicksals für dich bestimmt!‹ – Und die Gefahr soll nicht entfernt sein, doch kann ich nicht genau den Tag und die Stunde lesen. Wohlan! Wenn mein Sand ausläuft, so soll er wenigstens glänzen bis auf den letzten Augenblick. Wenn ich aber dieser Gefahr entgehe – ja, wenn ich ihr entgehe –, dann wird mein übriges Dasein klar und milde sein, wie der Strahl des Mondes auf den Gewässern. Jenseits des finsteren Abgrundes, in den ich zuletzt sinken muß, sehe ich Glück, Ehre und Ruhm. Wie soll ich denn mit so günstigen Aussichten jenseits der Gefahr, ihr selbst verfallen? Mein Geist flüstert mir Hoffnung zu; er schwebt entzückt hinweg über die drohenden Stunden, er schwärmt in die Zukunft – sein eigener Mut ist sein bester Prophet. Sollte ich so bald und so plötzlich untergehen, so würde der Schatten des Todes mich umdüstern, das eisige Vorgefühl meines Verhängnisses mich erschüttern. Ich bin aber ruhig und heiter, ich darf auf Rettung hoffen.«

Als der Ägypter dieses Selbstgespräch beschlossen hatte, stand er unwillkürlich auf. Er schritt schnell in dem engen Raum auf und ab und blickte hinaus auf die morgenfrische Landschaft. Die Stadt war noch in tiefer Ruhe begraben, im Hafen glänzten die Segel der Schiffe, auf der Landseite aber erstreckten sich die Weingärten und Gefilde des fruchtbaren Kampaniens. Über alles aber ragte der von Wolken umgebene Gipfel des Vesuvs, an dessen Abhänge sich malerische Villen und Dörfer anlehnten.

Doch es war weder der rauhe, kahle Gipfel des ruhigen Vulkans, noch die Fruchtbarkeit der Gefilde, noch die melancholische Straße der Gräber, noch die glänzenden Villen – welche jetzt die Blicke des Ägypters auf sich zogen. An der einen Seite der Landschaft zog sich vom Vesuv ein schmaler und unbebauter Bergrücken herab, hier und da mit hervorspringenden Klippen und wildem Gebüsch. An dem Fuße desselben lag ein sumpfiger Pfuhl, und den forschenden Blicken des Arbaces bot sich ein lebendes Wesen dar, das sich an diesem Morast bewegte, hin und wieder sich bückend, als wolle es von den Kräutern und Gewächsen pflücken.

»Ha«, sagte er laut. »Die Hexe des Vesuvs streicht wieder umher. Beschäftigt sie sich auch, wie die Leichtgläubigen sich einbilden, mit der Betrachtung der Gestirne? Hat sie beim Schein des Mondes magische Künste getrieben, oder sucht sie (wie es mir scheint) giftige Kräuter in dem Morast? Ich muß diese Genossin meiner Nachtwachen und Arbeiten kennenlernen. Wen der Durst nach Kenntnissen treibt, der überzeugt sich, daß kein menschliches Wissen verächtlich ist. Verächtlich sind nur die gedankenlosen Müßiggänger, die stumpf ihrer Sinnlichkeit leben. Nein, nur der Weise versteht zu genießen! Der wahre Genuß beglückt uns, wenn Geist, Herz, Erfahrung, Wissenschaft und Einbildungskraft sich vereinigen, um, wie so viele Ströme, das Meer der Sinne zu füllen! – Jone!«

Als Arbaces dieses bezaubernde Wort aussprach, verfiel er in tiefes Nachdenken. Er stand still, wendete seine Augen nicht vom Boden ab, lächelte ein- oder zweimal, wie im Vorgefühl der Freude, und als er darauf den Turm verließ, um in sein Zimmer zu gehen, murmelte er: »Wenn mir wirklich der Tod so nahe droht, dann will ich wenigstens sagen können, daß ich gelebt habe. Heute muß Jone die Meine werden!«

Arbaces besaß einen sehr zwiespältigen Charakter. In ihm, dem Abkömmling eines entthronten Regentenstammes, dem Mitgliede eines gesunkenen Volkes, herrschte jener Mißmut des Stolzes, der immer an einem kräftigen Gemüte nagt, das sich selbst unwiderruflich von der Sphäre ausgeschlossen fühlt, in der die Väter glänzten, und für welche sein ganzes Wesen und seine Geburt auch ihm alle Ansprüche gewährten. Er war sehr reich, aber er besaß keine Heimat, und indem er aus einem Lande in das andere reiste und überall nur wieder Rom erblickte, erhielt sein Haß gegen die Gesellschaft und seine Genußsucht stets neue Nahrung. Er befand sich jetzt in einem weiten Gefängnis, in dem er jedoch die Werkzeuge und Mittel zur Schwelgerei und Üppigkeit sich wählen durfte. Da er aus diesem Gefängnis nicht entfliehen konnte, war sein einziges Streben dahin gerichtet, es sich zu einem Palast umzubilden. Die Ägypter waren seit den frühesten Zeiten den sinnlichen Genüssen ergeben. Arbaces erbte sowohl diese Neigung wie jene glühende Einbildungskraft, welche sie veredelt. Doch ebenso ungesellig in seinen Vergnügungen wie in seinem ernsten Streben, duldete er niemand um sich außer den dienstwilligen Sklaven seiner Ausschweifungen. Er war der einsame Besitzer eines Harems, fühlte sich aber dabei immer nur zu einer Übersättigung und ewigen Enttäuschung seiner Sinne verurteilt. Darum flüchtete er sich in wissenschaftliche Studien, vor allem in jene geheimnisvollen Forschungen, welche einem in sich zurückgezogenen Gemüt am meisten zusagen, und zu denen ihn noch mehr seine kühne, stolze Natur und die mysteriösen Überlieferungen seines Geburtslandes hinzogen. Von den Wahrheiten der Astronomie sprang er zu den Täuschungen der Astrologie über. Von den Geheimnissen der Chemie betrat er das gespenstische Labyrinth der Magie, und er, der an der Macht der Götter zweifeln konnte, glaubte abergläubisch an überirdische Kräfte der Menschen.

Die Magie, welche damals unter den vermeintlichen Weisen sehr stark betrieben wurde, war eigentlich morgenländischen Ursprungs. Die Verehrung der Isis stand mit ihr in genauer Verbindung, und durch den ägyptischen Gottesdienst wurde auch das ägyptische Zauberwesen eingeführt. Während des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung waren sowohl die weiße, gutes stiftende Magie wie auch die schwarze oder böse Magie gleich sehr im Schwange, und Arbaces galt für einen gefürchteten Zauberer. Allen, die sich mit der Magie beschäftigten, waren sein Ruf und seine Entdeckungen bekannt, und er trug bei seinen Anhängern den mystischen Namen: »Hermes, der Besitzer des flammenden Gürtels.«

Es ist gewöhnlich der Fluch sinnlicher Menschen, daß sie erst wirklich zu lieben anfangen, wenn die Sinne selbst bereits abgestumpft sind – die Glut ihrer Jugend erlischt nach und nach in der Befriedigung unzähliger einzelner Neigungen, und ihr Herz ist bereits erschöpft. Auch der Ägypter hatte, indem er dem Genuß ewig nachgejagt und seine feurige Einbildungskraft dessen Reize vielleicht überschätzt hatten, den besten Teil seiner Jahre verloren, ohne den Gegenstand seiner Wünsche zu erreichen. Als er zuerst Jone sah, glaubte er, daß sie ihm wahre Liebe einflößen könne. Er stand damals in jenem Lebensalter, in welchem der Mann von der einen Seite die entschwundene Jugend, von der anderen das dunkel hereinbrechende Alter sieht, und er sah, durch die Erfahrung belehrt, sich jetzt nach etwas Besserem um, als ihm das Leben bisher geboten hatte.

Arbaces hatte, um das Herz der Jone zu gewinnen, eine Ausdauer und Geduld aufgeboten, wie er sie früher noch nie auf seine Vergnügungen verwendete. Er begnügte sich nicht bloß, zu lieben, er wünschte auch, wiedergeliebt zu werden. In dieser Hoffnung hatte er die sich immer mehr entwickelnde Jugend der schönen Neapolitanerin beaufsichtigt, und da er den Einfluß des Geistes auf diejenigen kannte, die selbst einer geistigen Ausbildung genießen, so war er schon aus dieser Rücksicht auf eine sorgfältige Erziehung der Jone bedacht gewesen, in der Überzeugung, sie werde dann am besten seine Ansprüche auf ihre Neigung zu schätzen imstande sein, nämlich einen Charakter, der, wenn auch lasterhaft und verderbt, doch in seiner ursprüngliche Anlage erhaben und edel war. Er ermutigte sie sogar zum Umgange mit jenen geistlosen Menschen, die sich bloß dem leersten Treiben hingeben, weil er voraussetzte, daß ihr Gemüt, für höhere Bedürfnisse geschaffen, bald eine bessere Gesellschaft vermissen, und daß durch die Vergleichung mit anderen er in ihrem Herzen gewinnen würde. Er hatte vergessen, daß, wie die Sonnenblume zur Sonne, so die Jugend sich zur Jugend wendet, bis bald seine Eifersucht gegen Glaukus ihn von seinem Irrtum überzeugte. Von diesem Augenblick an wurde seine Leidenschaft, die er bisher mühsam in ihren Schranken gehalten hatte, stürmischer und wilder als je. Seine Eifersucht wurde zu einer brennenden Flamme, die alle Vorsicht und Zurückhaltung verzehrte.

Arbaces beschloß, weiter keine Zeit mehr zu verlieren, und um sich vor allen Nebenbuhlern zu sichern, wollte er sich der Person der Jone bemächtigen. Allerdings konnte bei dieser Liebe, die so lange gepflegt und durch reinere Hoffnungen als bloß die der sinnlichen Leidenschaft genährt war, der Besitz allein ihn nicht befriedigen. Er wünschte nicht nur die Schönheit, sondern auch das Herz und den Geist der Jone zu gewinnen, aber er bildete sich ein, daß, wenn sie erst durch ein kühnes Verbrechen von den übrigen Menschen getrennt und durch ein Band mit ihm verknüpft sei, das selbst die Sklaverei nicht aufzulösen vermochte, sie gezwungen sein werde, ihre Gedanken bloß mit ihm zu beschäftigen, und daß er sie dann auch innerlich erobern werde.

Als Jone an diesem Tage in die geräumige Vorhalle des Ägypters eintrat, ergriff sie derselbe Schauder, den ihr Bruder bei seinem Eintritt gefühlt hatte. Ein Gefühl wie von einem bevorstehenden Unglück legte sich warnend auf ihre Brust. Die schlanke, äthiopische Sklavin lächelte schadenfroh, als sie Jone einließ und winkte ihr, weiterzugehen. In der Mitte der Halle empfing sie Arbaces in einem festlichen Gewande, welches von Juwelen glänzte. Obgleich es noch heller Tag war, so hatte man doch das Innere des Hauses, nach der Sitte der Vornehmen, künstlich verfinstert, und die Lampen warfen ihren Strahl in das marmorne Gewölbe und auf den glatten Fußboden.

»Schöne Jone,« sagte Arbaces, indem er sich neigte, um ihre Hand zu berühren, »du bist es, die den ganzen Tag verfinstert hat – deine Augen erleuchten diese Hallen – dein Atem erfüllt sie mit Wohlgerüchen.«

»So mußt du nicht mit mir sprechen,« erwiderte Jone, »du weißt, daß deine Weisheit mich hinlänglich unterrichtet hat, um mich gleichgültig gegen diese persönlichen Schmeicheleien zu machen. Du selbst hast mich die Schmeicheleien verachten gelehrt, soll deine Pflegetochter wieder verlernen, was sie gelernt hat?«

Es lag im Benehmen der Jone etwas so Reizendes und Unbefangenes, indem sie dieses sprach, daß der Ägypter verliebter als je und mehr als je geneigt wurde, den eben gerügten Fehler zu erneuern, doch vermied er es noch.

Er führte sie durch mehrere Zimmer eines Hauses, welches ihr, die noch keine andere Pracht kannte als die weniger bedeutende Eleganz campanischer Städte, alle Schätze der Welt zu enthalten schien.

An den Wänden prangten Gemälde von unschätzbarem Wert, der Glanz des Lichts bestrahlte Statuen von den besten griechischen Meistern. Das kostbarste Holz war in den Türen und Schwellen eingefügt, Gold und Edelsteine waren überall verschwenderisch angebracht. Bisweilen befanden sie sich allein in diesen Zimmern, dann kamen sie durch eine Reihe kniender Sklaven, die Jone reiche Armbänder, goldene Ketten und andere Kostbarkeiten darboten, welche anzunehmen jedoch der Ägypter sie vergebens ersuchte. »Schon oft hörte ich,« sagte sie, »daß du reich seiest, aber nie ließ ich mir träumen, daß du so viele Schätze besäßest.«

»Ich wollte,« erwiderte der Ägypter, »daß ich sie alle in eine Krone verschmelzen könnte, die ich dann auf deine weiße Stirn setzen würde!«

»Ach, das Gewicht würde mich aber nur erdrücken«, antwortete Jone lächelnd.

»Aber du verachtest doch nicht den Reichtum, Jone? – Der Arme weiß nicht, was das Leben zu gewähren vermag. Gold ist der große Zauberer der Erde, es verwirklicht unsere Träume. Es gibt uns die Macht eines Gottes und ist der mächtigste und doch gehorsamste unserer Sklaven.«

Der listige Arbaces suchte die junge Neapolitanerin durch seine Schätze und durch seine Beredsamkeit zu verblenden. Er suchte in ihr das Verlangen nach dem Mitbesitz seines Eigentums zu erregen und hoffte, der Glanz seines Reichtums werde auf ihn selbst zurückstrahlen. Jone aber fühlte in ihrem Innern ein unheimliches Gefühl bei den Galanterien, die über jene Lippen strömten, welche bisher die der Schönheit gewöhnlich dargebrachte Huldigung zu verschmähen schienen. Sie suchte, mit jener feinen Gewandtheit, die nur dem weiblichen Geschlecht ganz eigen ist, seinen Worten einen andern Sinn unterzulegen und begegnete seiner glühenden Sprache durch leichten Scherz und Witz.

Der Ägypter wurde durch ihre geistvolle Liebenswürdigkeit noch mehr bezaubert als durch ihre Schönheit, und es war ihm schwer, seine Empfindungen zu verbergen. Plötzlich, als sie vor einem Zimmer standen, das mit weißen Vorhängen geschmückt war, klatschte er in die Hände, und wie durch einen Zauber stieg ein Tisch aus dem Fußboden in die Höhe. Zu den Füßen der Jone erhob sich ein Ruhebett, und in demselben Augenblick ertönte hinter den Vorhängen die sanfteste und lieblichste Musik.

Arbaces setzte sich neben die Neapolitanerin, und Kinder, reizend und schön wie Liebesgötter, bedienten das Fest.

Das Mahl war vollendet, die Musik erklang in sanften und leisen Tönen, und Arbaces sprach zu Jone: »Hast du nie, meine Pflegetochter, in dieser düsteren und unsicheren Welt den Drang gefühlt, nach jenseits zu blicken? Hast du nie gewünscht, den Schleier der Zukunft zu heben und zu schauen die Dinge, die da kommen werden? Denn nicht bloß die Vergangenheit hat ihre Geister, auch jedes zukünftige Ereignis hat seinen Schatten. Wenn seine Stunde kommt, so beseelt ihn das Leben, der Schatten wird körperlich und tritt ein in die Welt. Das Land jenseits des Grabes birgt zwei verschiedene Arten unkörperlicher Gäste: die Dinge, die kommen sollen, die Dinge, die da waren. Wenn wir durch unsere Weisheit jenes Land zu betreten vermögen, so sehen wir beide und lernen nicht allein die Geheimnisse der Toten, sondern auch die Schicksale der Lebendigen kennen.«

»Hast du jenes Land betreten und vermag unsere Weisheit so weit zu dringen?« fragte sie.

»Willst du meine Kenntnisse prüfen, Jone, und soll ich dir dein eigenes Schicksal zeigen? Es ist diese Darstellung ein ergreifenderes Drama, als irgendeines von Äschylus. Ich habe es dir vorbereitet, wenn du die Schatten willst ihre Rolle spielen sehen.«

Die Neapolitanerin erbebte, sie dachte an Glaukus und seufzte und zitterte zugleich. Sollte die Zukunft ihr beiderseitiges Schicksal vereinigen? Halb gläubig, halb erschreckt, aber zugleich auch neugierig gemacht durch die Worte des seltsamen Ägypters, schwieg sie einige Augenblicke und antwortete schließlich: »Der Blick in die Zukunft kann vielleicht Entsetzen erregen, er kann die Gegenwart erbittern.«

»Nein, Jone, ich habe dein Schicksal erschaut, die Geister deiner Zukunft verweilen in den elysäischen Gefilden. Sie winden die Blumenkränze deines süßen Geschicks aus den duftendsten Blumen, und die für andere so hartherzigen Parzen spinnen für dich nur den Faden des Glücks und der Liebe. Willst du mitkommen und dein Los sehen, daß du schon vor der Zeit dich daran erfreuen mögest?«

Nochmals flüsterte das Herz der Jone »Glaukus«, sie ließ eine kaum hörbare Einwilligung vernehmen. Der Ägypter stand auf, und indem er sie bei der Hand nahm, führte er sie durch das Zimmer. Die Vorhänge wurden, wie durch unsichtbare Hände, fortgezogen, und die Musik erschallte in lebhafteren Tönen. Sie schritten dann durch einen Säulengang, an dessen Seiten Springbrunnen sich in die Luft erhoben und stiegen auf breiten und bequemen Stufen in den Garten. Der Abend hatte begonnen, der Mond stand schon hoch am Himmel, und jene duftenden Blumen, die bei Tage schlafen und die Nachtluft mit herrlichen Wohlgerüchen erfüllen, blühten an den Gängen, die durch das dichte Gebüsch führten, oder schmiegten sich, als ob sie ihre Huldigung darbrächten, an die Füße der Statuen, die zur Seite standen.

»Wohin willst du mich führen, Arbaces?« sagte Jone verwundert.

»Wir sind gleich da«, erwiderte er, indem er auf ein kleines Gebäude am Ende der Allee zeigte. »Es ist ein den Parzen geweihter Tempel – unsere Gebräuche erheischen einen so heiligen Ort.«

Sie traten in eine kleine Halle, an deren Ende ein schwarzer Vorhang hin. Arbaces hob ihn in die Höhe, Jone trat ein und befand sich in einem ganz dunklen Raume.

»Beunruhige dich nicht,« sagte der Ägypter, »es wird gleich hell werden.« Während er so sprach, verbreitete sich nach und nach ein mildes Licht, und Jone schien es, als befinde sie sich in einem Zimmer von mäßiger Größe, welches von allen Seiten schwarz behangen war. Ein Ruhebett von derselben Farbe stand neben ihr. In der Mitte befand sich ein kleiner Altar, und auf diesem ein bronzener Dreifuß. An der einen Seite stand auf einer hohen Granitsäule ein kolossaler Kopf vom schwärzesten Marmor, die Büste der ägyptischen Göttin darstellend. Arbaces trat vor den Altar, er hatte seinen Kranz abgelegt und schien beschäftigt, den Inhalt einer bronzenen Vase in den Dreifuß zu schütten, aus dem plötzlich eine blaue, flatternde Flamme sich erhob. Der Ägypter stellte sich darauf wieder neben Jone, und als er einige Worte in einer ihr unbekannten Sprache murmelte, wehte der Vorhang im Hintergrunde zitternd hin und her, trennte sich langsam in der Mitte, und durch die Öffnung, welche auf diese Weise entstand, erblickte Jone eine undeutliche und farblose Landschaft, die aber, je mehr sie hinsah, immer lebendiger und bunter wurde. Zuletzt konnte sie Bäume, Flüsse und Wiesen unterscheiden, und die reizendste Mannigfaltigkeit der herrlichsten Gegend bot sich ihren Blicken dar. Bald erschien auch ein menschliches Wesen, anfangs ebenfalls undeutlich und nur in schwachen Umrissen. Es blieb Jone gegenüber stehen. Nach und nach schien auch in ihm der Zauber wirksam, die Gestalt wurde deutlicher, und in ihr erkannte Jone ihr eigenes Ebenbild!

Jetzt verschwand die Landschaft, indem sie wie durch einen Nebel verhüllt wurde, und es erschien ein prächtiger Palast; in der Mitte seiner Eingangshalle stand ein Thron – ihn umgaben die unbestimmten Formen von Sklaven und Wachen, und eine weiße Hand hielt über dem Throne eine Art von Diadem.

Darauf erschien eine andere menschliche Gestalt – sie war von Kopf bis zu den Füßen in ein schwarzes Gewand gekleidet – das Gesicht war nicht zu erkennen. Sie kniete zu den Füßen der Jone, faßte ihre Hand und zeigte auf den Thron, als wolle sie sie einladen, ihn zu besteigen.

Das Herz der Neapolitanerin schlug heftig. »Soll die Gestalt erkennbar werden?« flüsterte plötzlich Arbaces neben ihr.

»Ach ja!« erwiderte Jone.

Der Ägypter erhob seine Hand – die Gestalt hinter dem Vorhang ließ ihren Mantel fallen, und Jone schrie auf. Sie erkannte Arbaces, der neben ihrem Abbild kniete.

»Dieses ist wirklich dein Los!« flüsterte ihr wieder der Ägypter in das Ohr. »Du bist bestimmt, die Braut des Arbaces zu sein.« Jone erschrak, der schwarze Vorhang fiel und verbarg die Phantasmagorie, und Arbaces selbst, der wirkliche, lebende Arbaces, lag ihr zu Füßen.

»O Jone,« sagte er mit dem Ausdruck der innigsten Leidenschaft, »höre mich an, der ich lange vergeblich mit meiner Liebe gekämpft habe. Ich bete dich an! Die Sterne lügen nicht, du bist bestimmt, die Meinige zu sein. Ich habe umhergesucht in der Welt und keine gefunden, die dir gliche. Seit meiner Jugend sehnte ich mich nach einem weiblichen Wesen wie du. Bis ich dich sah, habe ich nur geträumt, ich wache jetzt und ich sehe dich. Wende dich nicht von mir, Jone! Beurteile mich nicht mehr wie bisher. Ich bin nicht jener kalte, fühllose, in sich selbst zurückgezogene Mann, für den du mich bisher gehalten hast. Nie liebte jemand treuer und inniger, als ich dich lieben werde. Ich, der niemals vor einem menschlichen Wesen kniete, kniee vor dir. Ich, der ich dem Schicksal geboten, erwarte das meinige von dir. Zittere nicht, Jone, du bist meine Königin, meine Göttin – sei auch meine Braut! Alle deine Wünsche sollen erfüllt werden. Alles soll dir dienen – Glanz, Macht, Vergnügen sollen deine Sklaven sein. Arbaces wird von jetzt an keinen Ehrgeiz mehr haben und seinen Stolz nur darin suchen, dir zu gehorchen. Jone, blicke mich an mit diesen himmlischen Augen – entzücke mich durch dein Lächeln. Jone, Jone, weise meine Liebe nicht zurück!«

Jone fühlte sich, obgleich sie ganz in der Gewalt dieses seltsamen und fürchterlichen Mannes war, doch nicht beängstigt. Sie wurde beruhigt durch seine sanfte Stimme und durch sein noch rücksichtsvolles Benehmen, und ihre eigene reine Tugend ließ sie noch nicht das Schlimmste befürchten. Doch sie war verwirrt und erstaunt, sie mußte sich einige Augenblicke auf eine Antwort besinnen.

»Stehe auf, Arbaces«, sagte sie endlich, und sie überließ ihm wieder ihre Hand, die sie jedoch schnell zurückzog, als sie den warmen Druck seiner Lippen auf ihr fühlte. »Stehe auf und höre mich ruhig an. Du bist mein Beschützer, mein Freund, mein Erzieher gewesen – auf diese neue Rolle war ich nicht vorbereitet. Glaube nicht, daß ich dir zürne, daß ich mich nicht geehrt fühle durch deine Huldigung. Aber sprich, kannst du mich ruhig anhören?«

»Ja, und wären deine Worte auch Blitze, die mich vernichten könnten!«

»Ich liebe einen anderen!« sagte Jone errötend, aber mit fester Stimme.

»Bei allen Göttern und Dämonen!« schrie Arbaces, indem er sich jäh aufrichtete. »Wage nicht, mir das zu sagen! Wage nicht, so mit mir zu scherzen. Nein, das ist unmöglich – wen solltest du denn kennen?«

Jone, erschreckt durch seine plötzliche und unerwartete Heftigkeit, wagte nicht zu antworten und fing an zu weinen.

Arbaces trat jetzt dicht an sie heran. Sein glühender Atem berührte ihren Nacken, er schloß sie in seine Arme, und vergebens suchte sie sich ihm zu entwinden. Bei diesem Ringen fiel eine kleine Tafel aus ihrem Busen auf die Erde. Arbaces bemerkte sie und riß sie an sich. Es war der Brief, den sie am Morgen von Glaukus erhalten hatte. Jone sank, halb tot vor Schrecken, auf das Ruhebett. Die Blicke des Arbaces durchliefen schnell das Schreiben. Die Neapolitanerin wagte nicht, ihn anzusehen, sie bemerkte nicht die Leichenfarbe, die sein Gesicht überzog – sie sah nicht den drohenden Ausdruck seiner Züge, das wilde Zucken seiner Lippen und das tiefe, schnelle Atmen seiner Brust. Er las den Brief bis zu Ende, ließ ihn dann fallen und fragte in einem Ton verächtlicher Gleichgültigkeit: »Ist der Mann, der diesen Brief geschrieben hat, derselbe, den du liebst?«

Jone seufzte, ohne etwas zu erwidern.

»Sprich!« schrie er mit wütender Stimme.

»Er ist es – er ist es!«

»Und sein Name – hier steht er – sein Name ist Glaukus?«

Jone faltete die Hände und sah sich um, wie nach Rettung und Hilfe.

»Dann höre mich«, sagte Arbaces, indem er seine Stimme zu einem Geflüster herabstimmte. »Dich soll eher das Grab umschlingen, als daß seine Arme dich umschließen! Was, du glaubst, Arbaces würde einen solchen Nebenbuhler dulden, wie diesen elenden Griechen? Was, du denkst, ich habe die Frucht bloß reifen lassen, damit sie ein anderer genieße? Nein, mein Närrchen, du bist mein, ganz mein, und so ergreife ich dich und erkläre dich für mein Eigentum.« – Indem er dieses sprach, schloß er Jone in seine Arme, und in jener wilden Umschlingung lag aller Ungestüm – weniger der Liebe als der Rache.

Die Verzweiflung aber gab der Jone übernatürliche Kräfte. Sie entwand sich nochmals seinen Armen, sie lief in jenen Teil des Zimmers, von wo sie eingetreten war. Schon hatte sie halb den Vorhang zurückgezogen, doch er ergriff sie wieder, nochmals entzog sie sich ihm und fiel, erschöpft und mit einem lauten Schrei an dem Fußgestell der Säule nieder, auf welcher das Haupt der ägyptischen Göttin stand. Arbaces suchte wieder zu Atem zu kommen, und darauf stürzte er nochmals auf seine Beute zu.

In diesem Augenblick wurde der Vorhang heftig zur Seite gerissen, der Ägypter fühlte sich durch eine kräftige Hand an der Schulter ergriffen. Er sah sich um, und sein Blick begegnete den flammenden Augen des Glaukus und den bleichen, verlebten, doch drohenden Zügen des Apäcides.

»Ha«, murmelte er zwischen den Zähnen, indem er sie abwechselnd beide anstarrte. »Welche Furie hat euch hierher gesendet?«

Glaukus gab keine Antwort, mit wilder Wut umfaßte er den Ägypter. Zu gleicher Zeit hob Apäcides seine halb leblose Schwester vom Boden auf. Aber seine durch die inneren Kämpfe des Geistes erschöpften Kräfte reichten nicht hin, so leicht und zart gebaut Jone auch war, sie fortzutragen. Er legte sie auf das Ruhebett und stellte sich, einen scharfen Dolch hervorziehend, neben sie, indem er den Kampf zwischen Glaukus und dem Ägypter beobachtete, bereit, dem Arbaces seine Waffe in die Brust zu stoßen, wenn er siegen sollte. Beide Gegner hatten sich umfaßt, die Hand eines jeden suchte die Kehle des andern. Ihre wilden Augen funkelten, ihre Adern waren geschwollen. So drängten sie sich von einem Ende des beschränkten Kampfplatzes zum andern, einzig beseelt von dem Gedanken der Wut und Rache. Jetzt befanden sie sich vor dem Altar, jetzt an dem Fuße der Säule, wo das fürchterliche Ringen begonnen hatte. Sie ließen sich los, um Atem zu schöpfen, Arbaces gegen die Säule gelehnt, Glaukus einige Schritte zurücktretend.

»O ehrwürdige Göttin!« sprach Arbaces, indem er die Säule umfaßte und seine Blicke zu dem heiligen Haupte erhob, welches sie trug. »Beschütze deinen Auserwählten, verkünde deine Rache gegen diesen Abtrünnigen von deinem uralten Glauben, der mit lästernder Gewalt dein Heiligtum schändet und deinen Diener angreift.« – Während er dieses sprach, schienen die ruhigen Züge der Göttin plötzlich belebt zu werden. In dem schwarzen Marmor erglühte, wie durch einen Schleier, ein rötliches und lebhaftes Licht, um den Kopf zuckten feurige Ausströmungen, wie flammende Blitze, die Augen schienen in drohender Rache auf den Griechen gerichtet.

Die Wangen des Glaukus, der durch diese schnelle und mystische Antwort auf die Anrufung seines Feindes ergriffen und bestürzt wurde und nicht ganz frei von dem angestammten Aberglauben seiner Vorfahren war, erbleichten vor dieser unheimlichen und unerwarteten Belebung des Marmors – seine Knie zitterten. Ein panischer Schrecken schien sich seiner bemächtigt zu haben, und er stand verwirrt und verlegen vor seinem Feinde. Arbaces ließ ihm nicht Zeit, sich von seiner Überraschung zu erholen.

»Stirb, Verworfener!« rief er mit donnernder Stimme, indem er auf den Griechen zusprang. »Die erhabene Mutter selbst verlangt dich als Opfer!«

Indem Glaukus in der ersten Verwirrung seiner abergläubischen Furcht die Geistesgegenwart verloren hatte, wich er zurück. Der marmorne Fußboden war glatt wie Glas, er glitt aus, er fiel. Arbaces setzte den Fuß auf die Brust des gefallenen Feindes. Apäcides jedoch, der sich durch die Wunder des Ägypters nicht mehr verblenden ließ, hatte sich nicht so überraschen lassen wie sein Gefährte. Er stürzte mit gezücktem Dolche vor. Arbaces faßte jedoch seinen Arm, als er ausholte. Ein Griff seiner starken Faust entriß die Waffe der kraftlosen Hand des Priesters, ein fürchterlicher Schlag streckte ihn zu Boden, und mit frohlockenden und drohenden Gebärden schwang Arbaces den Dolch in der Luft.

Mit festem Blick, wie ein fallendes Gladiator, sah Glaukus seinem Schicksal entgegen, als plötzlich die Erde unter ihnen erbebte, und ein mächtigerer Geist als der des Ägypters seine Nähe verkündete – eine zerstörende Riesenmacht, vor der seine Leidenschaften in ihr Nichts versanken. Jener fürchterliche Dämon des Erdbebens erwachte und erhob sich, spottend sowohl der Bosheit menschlicher Wut wie der Täuschungen menschlicher List. Wie ein Titan, über dem Berge aufgetürmt liegen, stand jener Dämon auf aus dem jahrelangen Schlaf – er bewegte die Erde, die ihn begraben hatte – die Höhlen der Tiefe wurden erschüttert, als er seine Glieder ausdehnte. Der sich selbst überschätzende Halbgott wurde in den Staub erniedrigt, in dem Augenblick, da er sich groß und mächtig dünkte, überall hörte man unter der Erde ein dumpfes Getöse, die Vorhänge des Zimmers flogen in die Höhe, als ob ein Sturmwind sie ergriffen hätte, der Altar wankte, der Dreifuß fiel hinab, und hoch über dem Kampfplatz zitterte und schwankte die Säule von einer Seite zur anderen. Plötzlich fiel auch das marmorne Haupt der Göttin, und als der Ägypter sich gerade über das Opfer beugte, dem er den Tod zugedacht hatte, traf ihn die schwere Masse gerade in das Genick. Wie berührt vom Hauch der Vernichtung fiel er ohne einen Schrei, ohne auch nur zu zucken, auf den Fußboden, scheinbar durch dieselbe Gottheit zermalmt, die er lästernd beschworen und angerufen hatte!

»Die Erde hat ihre Kinder beschützt!« sagte Glaukus, indem er aufsprang. »Gesegnet sei das schreckliche Erdbeben. Laßt uns der Gnade der Götter danken!« Er half auch Apäcides wieder vom Boden, und darauf wendete er das Haupt des Arbaces zurück. Sein wildes Antlitz deckte die tiefe Ruhe des Grabes, das Blut strömte aus dem Munde über das kostbare Gewand, und der rote Strom ergoß sich über den Marmor. Nochmals erbebte die Erde unter ihren Füßen, sie mußten sich einander halten. Doch die Erschütterung hörte so plötzlich auf, als sie gekommen war, und sie verweilten nicht länger. Glaukus trug Jone in seinen Armen, und schnell verließen sie den unheiligen Ort. Als sie den Garten betraten, begegneten ihnen überall Gruppen fliehender Sklaven, Weiber und Mädchen, deren festliche Gewänder und zierliche Blumenkränze des erhabenen Schreckens dieser Stunde zu spotten schienen. Keiner beachtete die Fremden, alle waren sie nur mit ihrer Rettung beschäftigt. Nach einer ungetrübten Ruhe von sechzehn Jahren drohte jener treulose, unsichere Boden wieder mit Vernichtung. Von allen Seiten hörte man das Geschrei: »Das Erdbeben! Das Erdbeben!« Apäcides und sein Gefährte schritten, ohne aufgehalten zu werden, das Haus nicht betretend, durch eine der Alleen. Sie gingen durch eine kleine geöffnete Tür, und indem sie sich auf einen niedrigen Hügel setzten, auf dem die dunklen Blätter der Aloe glänzten, beleuchtete der Strahl des Mondes auch die daniedergebeugte Gestalt des blinden Mädchens, welches bittere Tränen weinte.

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