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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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13.

»Oh, teure Nydia«, rief Glaukus aus, als er den Brief der Jone gelesen hatte. »Du gesegneter Liebesbote, wie soll ich dir danken?«

»Ich bin schon belohnt«, sagte die arme Thessalierin.

»Also morgen, morgen werde ich sie sehen, wie lange werden mir die Stunden bis dahin dünken.«

Der entzückte Grieche ließ Nydia, die immer wieder das Zimmer verlassen wollte, nicht fort. Sie mußte wiederholt jede Silbe der kurzen Unterredung, die sie mit Jone gehabt hatte, erzählen, und er fragte sie sogar, indem er ihre Blindheit vergaß, nach den Blicken der Geliebten. Dann entschuldigte er sich wegen der Unterbrechung und bat sie, den Bericht noch einmal von vorn anzufangen. Nydia war diese Unterhaltung sehr peinlich, aber er bemerkte das nicht und suchte sie immer wieder zu verlängern. Schließlich war das Zwielicht schon eingebrochen, bevor er mit einem neuen Briefe und frischen Blumen sie wieder zu Jone schickte.

Kaum war sie fort, als Klodius und mehrere seiner fröhlichen Genossen ihn besuchten. Sie spotteten über seine Zurückgezogenheit während des ganzen Tages und luden ihn ein, sie an die verschiedenen Vergnügungsorte in jener lebendigen Stadt zu begleiten, die dort bei Tage und bei Nacht dem Genusse Abwechslung darboten. Damals war es in Italien Sitte, sich des Abends unter den Säulengängen der Tempel oder im Schatten der Bäume zu versammeln und der Musik oder dem Vortrag eines erfinderischen Erzählers zu lauschen, wobei man den aufgehenden Mond mit Wein und Gesängen begrüßte. Glaukus fühlte sich zu glücklich, um ungesellig sein zu können, es drängte ihn, das Übermaß seiner Freude auszutoben. Er ging daher willig auf den Vorschlag seiner Gefährten ein, und lachend und scherzend schritten sie durch die lebhaften und hellen Straßen.

Während dieser Zeit hatte Nydia das Haus der Jone wieder erreicht. Jene hatte es bereits lange verlassen, und die Blinde fragte gleichgültig, wohin sie gegangen sei.

Die Antwort befremdete und erschreckte sie.

»Nach dem Hause des Arbaces – des Ägypters? – Unmöglich!«

»Es ist ganz bestimmt, meine Kleine«, sagte die Sklavin, welche auf ihre Antwort erwidert hatte. »Sie kennt schon seit langem den Ägypter.«

»Seit langem! Ihr Götter, und doch liebt Glaukus sie!« murmelte Nydia bei sich selbst. »Und hat sie ihn«, fragte sie laut, »schon früher oft besucht?«

»Niemals, als heute«, antwortete die Sklavin. »Wenn das Stadtgespräch wahr ist, so hätte sie vielleicht besser getan, nicht hinzugehen. Aber meine arme Gebieterin hört nichts von dem, was uns zu Ohren kommt.«

»Niemals als heute!« wiederholte Nydia. »Bist du dessen sicher?«

»Gewiß, meine Kleine, doch wie kann dies dich oder uns interessieren?«

Nydia besann sich einen Augenblick. Darauf setzte sie schnell die Blumenvase auf den Tisch, rief die Sklavin, welche sie begleitet hatte, und verließ das Haus, ohne ein Wort zu sagen. Nur als sie schon halb auf dem Wege nach der Wohnung des Glaukus war, brach sie das Stillschweigen und murmelte für sich die Worte: »Sie kann die Gefahren nicht kennen, denen sie entgegengeht. Ich Törin – soll ich sie retten? Ja, denn ich liebe Glaukus mehr als mich selbst.«

Als sie in dem Hause des Atheners ankam, erfuhr sie, daß er mit einigen Freunden ausgegangen sei. Niemand aber wußte wohin. Man erwartete ihn vor Mitternacht nicht zurück.

Die Thessalierin geriet außer sich, sie sank auf einen Sitz in der Halle und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, als ob sie ihre Gedanken wieder sammeln wolle. »Es ist keine Zeit zu verlieren«, dachte sie, indem sie aufsprang. Sie wendete sich gegen die Sklavin, welche sie begleitete: »Weißt du nicht,« sagte sie, »ob Jone Verwandte oder Freunde in Pompeji hat?«

»Wie kannst du, beim Jupiter, eine solche Frage tun?« erwiderte die Sklavin. »Ganz Pompeji weiß, daß Jone einen Bruder hat, der, obgleich jung und reich, so närrisch gewesen ist, ein Priester der Isis zu werden.«

»Ein Priester der Isis? – O Götter! Und wie ist sein Name?«

»Apäcides.«

»Nun weiß ich alles«, murmelte Nydia. »Bruder und Schwester sollten also beide geopfert werden. Apäcides? War das nicht derselbe Name, den ich in dem Hause des Frevlers hörte? Aber dann kennt er also wenigstens die Gefahr, die seiner Schwester droht. Ich muß zu ihm.«

Sie sprang auf, und indem sie den Stab ergriff, der immer ihre Schritte leitete, eilte sie nach dem benachbarten Tempel der Isis. Mit jenem Stabe hatte das arme, blinde Mädchen, bevor der freundliche Grieche sie in seinen Schutz nahm, sich überall in Pompeji zurechtgefunden. Jede Straße, jede Ecke in den lebhafteren Teilen der Stadt war ihr bekannt, und da die Einwohner eine zärtliche und halb abergläubische Rücksicht vor einem Unglück, wie das ihrige, fühlten, so war man ihren schüchternen Schritten überall ausgewichen. Das arme Mädchen ließ es sich vor einigen Tagen noch nicht träumen, daß ihre Blindheit bald ihr ein sicherer Führer sein werde als die schärfsten Augen.

Ohne Hindernis war sie an den heiligen Eingang gelangt, und sie trat in den jetzt menschenleeren Tempel. Aber sie wußte, daß Tag und Nacht wenigstens ein Priester am Altare der Isis wachte.

»O Priester der Isis!« rief Nydia laut, um sich bemerkbar zu machen. »Diener der ältesten Göttin, höre mich!«

»Wer ruft?« erwiderte eine leise, melancholische Stimme.

»Eine, die einem Mitgliede deines Ordens wichtige Nachrichten zu offenbaren hat. Ich komme, um Orakel auszusprechen, nicht, um sie zu verlangen.«

»Mit wem willst du sprechen? Diese Stunde ist nicht für Zusammenkünfte bestimmt. Störe mich nicht weiter. Die Nacht ist den Göttern geweiht, der Tag den Menschen.«

»Deine Stimme kommt mir bekannt vor, gerade dich suche ich. Doch ich habe dich früher einmal nur sprechen hören. Bist du nicht der Priester Apäcides?«

»Ich bin es«, erwiderte der Priester, indem er sich vom Altar an das Gitter begab.

»Gelobt seien die Götter!« rief das Mädchen. »Aber ich bin blind, ich kann dich nur an der Stimme erkennen. Darum schwöre mir, daß du Apäcides bist.«

»Ich schwöre es bei den Göttern, bei meiner rechten Hand und bei dem Monde.«

»Still, sprich leiser, tritt näher. Kennst du Arbaces? Hast du ihm den schrecklichen Eid geleistet?«

»Wer bist du, woher kommst du, bleiches Mädchen?« sagte Apäcides erschrocken. »Ich kenne dich nicht, ich habe dich noch nie gesehen.«

»Aber du hast meine Stimme gehört – doch schweigen wir davon. Diese Erinnerungen müssen uns beide beschämen. Höre – du hast eine Schwester?«

»Rede, rede, was ist mit ihr?«

»Du kennst die Festgelage bei Arbaces, Fremdling – vielleicht nimmst du gern an ihnen teil. Würde es dir aber gefallen, wenn deine Schwester ihnen beiwohnte, wenn Arbaces ihr Wirt wäre?«

»Oh, Götter, er wagt es nicht! Zittere, Mädchen, wenn du mich täuschest, ich reiße dich in Stücke, wenn du mich belügst.«

»Ich rede die Wahrheit, und gerade jetzt, während ich dies sage, befindet sich Jone im Hause Arbaces. Sie ist zum erstenmal sein Gast. Du weißt also jetzt, in welcher Gefahr sie schwebt. Lebewohl! Ich habe meine Pflicht erfüllt.«

»Verweile noch, verweile!« sagte der Priester, indem er mit seiner mageren Hand sich an die Stirn faßte. »Wenn du die Wahrheit sprichst, was kann dann für ihre Rettung geschehen? Man wird mich dort nicht einlassen. Ich kenne noch nicht alle Schleichwege in jenem fürchterlichen Hause. Oh, Nemesis, gerecht ist meine Strafe!«

»Ich will dich an den geheimen Eingang des Hauses begleiten, ich will dir das Wort zuflüstern, auf das man dich hineinläßt. Aber nimm eine Waffe mit, es möchte nötig sein.«

»Warte noch einen Augenblick«, sagte Apäcides, indem er sich in eine der Zellen an den Seiten des Tempels zurückzog und bald wieder erschien, in ein weites Gewand gehüllt, welches damals viel von allen Klassen getragen wurde und seinen Priesteranzug verbarg. »Jetzt,« sagte er, indem er mit den Zähnen knirschte, »wenn Arbaces gewagt haben sollte – doch er wagt es nicht! Er wagt es nicht! Weshalb sollte ich es glauben? Ist er ein so gemeiner Bösewicht? – Ich will es noch nicht glauben – aber ein Sophist, ein düsterer Zauberer, ist er auf jeden Fall. Steht mir bei, ihr Götter – doch, gibt es denn Götter? Ja, es gibt wenigstens eine Göttin, die mich hört, und diese ist die – Rache!«

Apäcides schritt, indem er diese Worte murmelte, in Begleitung seiner schweigenden und blinden Gefährtin durch die einsamen Straßen nach dem Hause des Ägypters.

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