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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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12.

Eine Sklavin trat in das Zimmer der Jone ein und berichtete, eine Dienerin des Glaukus wünsche diese zu sprechen.

Jone besann sich einen Augenblick.

»Sie ist blind«, sagte die Sklavin, »und will ihren Auftrag nur an dich selbst ausrichten.«

Jone hatte ein weiches Herz voll tiefem Empfinden für fremdes Unglück. Sobald sie hörte, daß die Dienerin blind sei, fühlte sie, daß sie keine unfreundliche Antwort werde geben können. Glaukus hatte sich in der Tat einen heiligen Herold erwählt, einen Abgesandten, der nicht zurückgewiesen werden konnte.

»Was kann Glaukus mir mitzuteilen haben, welche Botschaft habe ich von ihm zu erwarten?« sagte Jone, und ihr Herz klopfte schneller. Der Vorhang vor der Tür wurde zurückgezogen, und Nydia betrat den Marmor mit leisem und sanftem Schritt, durch eine der Dienerinnen geführt.

Sie stand einen Augenblick still, als wenn sie auf einen Ton horchte, nach dem sie ihre Richtung nehmen könne.

»Will die edle Jone«, sagte sie mit wohlklingender Stimme, »mich einiger Worte würdigen, damit ich meine Gaben ihr zu Füßen legen könne.«

»Liebes Kind,« sagte Jone gerührt und erweicht, »bemühe dich nicht, diesen glatten Fußboden zu betreten, meine Dienerin wird mir übergeben, was du darzubringen hast.« Und sie machte ihren Mädchen ein Zeichen, die Vase in Empfang zu nehmen.

»Ich darf sie niemand, als dir selbst geben«, erwiderte Nydia. Durch ihr Ohr geleitet, schritt sie langsam auf den Ort zu, wo Jone saß, und überreichte ihr kniend die Blumenvase.

Jone nahm sie aus ihrer Hand und setzte sie auf einen ihr zur Seite stehenden Tisch. Darauf hob sie Nydia sanft empor und lud sie ein, sich auf das Ruhebett neben sie zu setzen, doch das Mädchen weigerte sich bescheiden.

»Ich habe meinen Auftrag noch nicht ganz erfüllt«, sagte sie, indem sie den Brief des Glaukus hervorzog. »Diese Zeilen werden vielleicht den Grund enthalten, weshalb derjenige, der mich schickt, eine so unwürdige Abgesandte an die Jone gewählt hat.«

Die Griechin ergriff den Brief mit einer Hand, deren Zittern Nydia fühlte, worüber sie seufzen mußte. Mit niedergeschlagenen Augen stand sie vor der stolzen und stattlichen Jone. Diese winkte mit der Hand, und ihre Dienerinnen entfernten sich. Sie blickte nochmals verwundert und teilnehmend auf die junge Sklavin, darauf trat sie etwas zurück, öffnete und las folgenden Brief:

»Glaukus sendet Jone mehr, als er auszusprechen wagt. Ist Jone krank? Deine Sklavinnen verneinen es, und diese Zusicherung tröstet mich. Hat Glaukus Jone beleidigt? Ach diese Frage wage ich nicht an Deine Sklavinnen zu richten. Seit fünf Tagen bin ich aus Deiner Gegenwart verbannt. Ich weiß nicht mehr, ob die Sonne strahlt, ob der Himmel freundlich lächelt. Meine Sonne und mein Himmel sind nur Jone. Beleidige ich Dich? Bin ich zu kühn, wenn ich Dir schriftlich sage, was sonst meine Zunge nicht auszusprechen wagt? Ach, in Deiner Abwesenheit fühle ich erst ganz den Zauber, durch den Du mich Dir zu eigen gemacht hast. Diese Abwesenheit aber, welche mich meines Glückes beraubt, macht mich zugleich unternehmend. Du willst mich nicht sehen. Du hast auch die gewöhnlichen Schmeichler verbannt, welche Dich umgaben. Kannst Du mich denn mit ihnen in eine Klasse stellen? Es ist nicht möglich! Du weißt es zu gut, daß ich nicht zu ihnen gehöre, daß meine Neigungen nicht die ihrigen sind. Doch wäre ich auch aus dem gewöhnlichsten Stoff geformt, so hat der Duft der Rose mich durchdrungen, und der Geist Deines Wesens hat das meinige erfüllt, um es zu reinigen, zu verklären und zu heiligen. Bin ich bei dir verleumdet worden, Jone? Du wirst es nicht glauben. Spräche das Delphische Orakel selbst zu mir, Du seiest unwürdig, so würde ich es nicht glauben; und bin ich weniger ungläubig als Du? Ich denke an meinen letzten Besuch bei Dir, an das Lied, welches ich sang, an den Blick, mit dem Du mich damals belohntest. Verbirg es, wie du willst, Jone, aber es ist etwas Übereinstimmendes in uns, und unsere Augen gestanden es sich, wenn auch die Lippen schwiegen. Gestatte mir, Dich zu sehen, höre mich an, und dann verbanne mich aus Deiner Gegenwart, wenn Du es noch willst. Es war nicht meine Absicht, Dir so bald meine Liebe zu gestehen. Doch diese Worte beengen mir das Herz, sie müssen sich Luft machen. Nimm daher meine Huldigung und mein Gelübde an. Wir sahen uns zuerst vor dem Altar der Pallas; soll uns nicht ein älterer Altar noch mehr vereinigen?

Schöne, angebetete Jone! Wenn meine feurige Jugend und mein athenisches Blut mich mißleitet haben, so lehrten diese Irrwege mich den Hafen, den ich erreichte, desto höher schätzen. Gestatte mir, daß ich Dich wiedersehe. Du bist freundlich gegen Fremdlinge, wirst Du weniger gütig gegen Deine eigenen Landsleute sein? Ich sehe Deiner Antwort entgegen. Nimm die Blumen an, die ich Dir sende – ihr süßer Duft hat eine beredsamere Sprache als Worte. Sie sind das Sinnbild der Liebe, die empfängt und zehnfach wiedergibt, das Sinnbild des Herzens, welches Deine Strahlen einsog und Dir jene Schätze verdankt, die es Dir wieder darbringt. Ich sende diese holden Kinder der Flora durch ein armes Geschöpf, das Du um seinet-, wenn auch nicht um meinetwillen freundlich empfangen wirst. Sie ist, gleich uns, eine Fremde, die Asche ihrer Väter liegt unter einem glühenden Himmel. Aber unglücklicher als wir, ist sie blind und eine Sklavin. Arme Nydia! Ich suche die Grausamkeit der Natur und des Schicksals gegen sie so viel als möglich wieder gutzumachen, indem ich um die Erlaubnis bitte, sie in deine Nähe bringen zu dürfen – sie ist gelehrig, sanft und folgsam. Sie ist geübt in Musik und Gesang, und für die Blumen ist sie eine wahre Flora. Sie hofft, Jone, daß Du sie lieb gewinnen werdest; ist dieses nicht der Fall, so sende sie mir zurück.

Noch ein Wort – laß mich aufrichtig sein, Jone. Warum achtest Du so sehr jenen düsteren Ägypter? Er scheint mir kein redlicher Mann zu sein. Wir Griechen lernen die Menschen von frühester Kindheit an kennen, wir durchschauen sie nicht weniger, wenn wir uns auch kein geheimnisvolles Ansehen geben. Unsere Lippen lächeln, aber unsere Augen sind ernst – sie beobachten und bilden unser Urteil. Den Worten des Arbaces darf man nicht immer trauen. Sollte es möglich sein, daß er mir bei Dir geschadet hat? Ich glaube es fast, denn als ich von Dir ging, blieb er bei Dir. Du konntest bemerken, wie unangenehm ihm meine Gegenwart war, seit jener Zeit hast Du mir Deinen Anblick verweigert. Glaube nichts, was er etwa zu meinem Nachteil sagen kann. Geschah es aber schon, so teile es mir mit, denn dieses darf Glaukus von Jone erwarten. Lebewohl! Diese Zeilen berühren Deine Hand, diese Buchstaben begegnen Deinen Augen – sollen sie mehr begünstigt werden und unglücklicher sein, als ihr Verfasser? Noch einmal: Lebewohl!«

Als Jone den Brief gelesen hatte, da schien es ihr, wie wenn ein Nebel vor ihren Augen verschwunden sei. Was war denn eigentlich das Verbrechen gewesen, das Glaukus angeblich begangen hatte? Seine Liebe war nicht echt gewesen! Aber in diesen Zeilen beteuerte er sie ja, diese seine Liebe, mit den innigsten Ausdrücken. In einem Augenblick kehrte Jones ganze Neigung zu Glaukus wieder zurück. Bei jedem zärtlichen Worte in dem Schreiben, das so voll wahrer und poetischer Liebe war, machte ihr Herz ihr die bittersten Vorwürfe. Hatte sie nicht an seiner Treue gezweifelt und einem anderen Glauben geschenkt? Hatte sie ihm nicht sogar das Recht des Verbrechers verweigert, seine Anklage zu hören und sich verteidigen zu dürfen? Die Tränen rollten ihr die Wangen herab, sie küßte den Brief, sie steckte ihn in ihren Busen, und indem sie sich zu Nydia wandte, die erwartungsvoll dastand, sagte sie: »Willst du dich nicht setzen, mein Kind, während ich eine Antwort schreibe?«

»Du willst also antworten?« entgegnete Nydia gleichgültig. »Die Sklavin, welche mich begleitete, wird die Antwort mit zurücknehmen.«

»Bleibe bei mir«, sagte Jone. »Glaube mir, du wirst freundlich behandelt werden.«

Nydia nickte mit dem Kopfe.

»Wie heißest du, mein schönes Mädchen?«

»Sie nennen mich Nydia.«

»Und wo bist du geboren?«

»In dem Lande des Olymps, in Thessalien.«

»Du sollst meine Freundin werden,« sagte Jone freundlich, »wie du schon halb meine Landsmännin bist. Aber ich bitte dich, bleibe nicht länger auf diesem kalten und glatten Marmor stehen. So! Jetzt, da du sitzest, kann ich dich für einen Augenblick verlassen.«

Der Brief, den Jone schrieb, hatte folgenden Inhalt: »Jone sendet dem Glaukus ihren Gruß. Komme zu mir, Glaukus, komme schon morgen. Ich war vielleicht ungerecht gegen Dich, aber ich will Dir doch mitteilen, was Dir zur Last gelegt wurde. Fürchte den Ägypter nicht mehr – fürchte keinen. Du glaubst, Du habest zu viel gesagt – Ach! Ich tat es bereits in diesen wenigen Worten – Lebewohl!«

Als Jone mit dem Briefe zurückkam, den sie nicht wieder durchzulesen wagte, nachdem sie ihn geschrieben hatte, stand Nydia von ihrem Sitze auf.

»Hast du Glaukus geschrieben?« sagte die Blinde.

»Ja.«

»Und wird er dem Boten danken, der ihm diesen Brief bringt?«

Jone vergaß, daß das Mädchen blind war, sie errötete und schwieg.

»Ich meine,« fügte Nydia in ruhigerem Tone hinzu, »das geringste unfreundliche Wörtchen von dir wird ihn betrüben, die kleinste Gunst erfreuen. War deine Antwort unfreundlich, so lasse die Sklavin den Brief zu ihm bringen. War sie aber freundlich, so will ich ihn selbst sofort hintragen.«

»Und weshalb, Nydia,« fragte Jone ausweichend, »willst du ihm das Schreiben dann bringen?«

»Also ist es so!« sagte das Mädchen. »Ach, wie könnte es auch anders sein; wer vermöchte wohl unfreundlich gegen Glaukus zu sein?«

»Mein Kind,« sagte Jone in etwas kühlerem Tone als zuvor, »du sprichst mit einer solchen Wärme von Glaukus. Ist er denn in deiner Vorstellung so liebenswert?«

»Edle Jone! Glaukus ist für mich gewesen, was weder das Glück noch die Götter mir waren – ein Freund!«

Die Traurigkeit und zugleich die Würde, mit der Nydia diese einfachen Worte sprach, rührten die schöne Jone. Sie neigte sich zu ihr und küßte sie. »Du bist dankbar, und mit Recht. Wie müßte ich erröten, wenn ich dir gestände, daß Glaukus deiner Dankbarkeit würdig ist. Geh jetzt, liebe Nydia, bringe ihm selbst diesen Brief, aber dann komme wieder. Sollte ich nicht zu Hause sein, wenn du zurückkehrst – wie es vielleicht diesen Abend der Fall sein möchte –, so wird dein Zimmer neben dem meinigen bereit sein. Nydia, ich habe keine Schwester. Willst du mir eine solche sein?«

Die Thessalierin küßte die Hand der Jone und sagte darauf etwas verlegen: »Darf ich dich, schöne Jone, wohl um eine kleine Gunst bitten?«

»Du kannst nichts verlangen, was ich nicht bewilligen werde«, erwiderte die schöne Neapolitanerin.

»Man erzählt mir,« sagte Nydia, »daß du über alle Beschreibung schön bist. Ach, ich kann das nicht sehen, was die Welt beseligt! Willst du wohl erlauben, daß ich mit der Hand dein Gesicht berühre, auf diese Weise allein kann ich die Schönheit wahrnehmen, und selten irre ich mich.«

Sie erwartete nicht die Antwort der Jone, sondern fuhr, während sie sprach, sanft und langsam mit der Hand über die halb abgewendeten Züge der Griechin. Sie tastete über das aufgesteckte Haar und die glatte Stirn, über die weichen und zarten Wangen und über die feingeformten Lippen.

»Ich weiß jetzt, daß du schön bist,« sagte sie, »und ich kann dich nun und für immer mir in meinem Gedächtnis malen und vorstellen.«

Jone versank, als Nydia sie verließ, in einen Zustand der entzückendsten Träumereien. Glaukus liebte sie also, er hatte es gestanden, ja, er liebte sie. Sie zog den Brief mit seinem teuren Geständnis nochmals hervor. Sie fühlte sich jetzt fest überzeugt, daß er verleumdet war, und wunderte sich, wie sie jemals einer Anklage gegen ihn hatte Glauben schenken können. Sie begriff es nicht, wie es dem Ägypter möglich gewesen, den Glaukus aus ihrem Herzen zu verdrängen, sie fühlte einen Schauder, als sie nochmals die Warnung gegen Arbaces las, und ihre Abneigung gegen jenen geheimnisvollen Mann steigerte sich zum Entsetzen. Sie wurde in diesen Gedanken durch ihre Dienerinnen unterbrochen, die ihr anzeigten, daß die Stunde gekommen sei, welche sie für den dem Arbaces zugesagten Besuch bestimmt hatte. Sie erschrak, denn sie hatte dieses Versprechen gänzlich vergessen. Ihr erster Impuls war, dieses Versprechen nicht zu halten. Aber bald schämte sie sich doch ihres Mißtrauens gegen ihren ältesten Freund. Sie beeilte sich, ihre Kleidung zurechtzumachen, und begab sich auf den Weg nach dem einsamen Hause des Arbaces. Dabei war sie noch zweifelhaft, ob sie schon jetzt den Ägypter genauer in Beziehung auf seine Beschuldigungen gegen Glaukus fragen oder ob sie abwarten solle, bis sie die Anklage selbst, ohne deren Quelle anzugeben, Glaukus mitgeteilt habe.

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