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Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
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11.

Die Morgensonne schien in den kleinen, von Blütenduft erfüllten Garten, der von dem Peristil in dem Hause des Atheners eingeschlossen war. Glaukus saß zurückgebogen und nachdenkend auf dem weichen Grase im Viridarium.

Er betrachtete eine zahme Schildkröte, die im Grase herumkroch, aber seine Gedanken weilten bei Jone. »Ach,« sprach er zu sich selbst, »warum will sie mich nicht sehen? Tage sind verflossen, an denen ich ihre Stimme nicht hörte. Zum erstenmal fühle ich Lebensüberdruß. Ich komme mir vor wie einer, der allein auf einem Feste zurückgeblieben ist, die Lichter sind erloschen, die Blumen verwelkt. Ach, Jone, wüßtest du, wie ich dich liebe!«

Glaukus wurde in diesen Liebesträumereien durch die Ankunft der Nydia gestört. Sie kam mit ihrem leichten, doch vorsichtigen Gange durch das Tablinium, und nachdem sie den Portikus durchschritten, blieb sie bei den Blumen stehen, die den Garten einfaßten. Sie hatte eine Gießkanne in der Hand und begoß die welken Pflanzen, die bei ihrer Annäherung lebhafter zu blühen schienen. Sie beugte sich, um ihre Düfte einzuatmen, und fühlte an den Zweigen umher, ob ein verwelktes Blatt oder ein kriechendes Insekt ihrer Schönheit Eintrag täten. Man konnte, als sie von Blume zu Blume mit ihrem anmutigen Wesen sich bewegte, sich keine entsprechendere Dienerin für die Göttin der Gärten denken.

»Nydia, mein Kind«, sagte Glaukus.

Als sie den Ton seiner Stimme hörte, blieb sie stehen – horchend, errötend, tief atmend. Ihre halb geöffneten Lippen schienen die Richtung des Tones zu suchen, sie setzte die Gießkanne nieder, eilte zu ihm, und wunderbar war es zu sehen, wie sie ihren Weg durch die Blumen sicher fand und auf dem kürzesten Pfade sich zu ihrem neuen Herrn begab, der vom Rasen aufgestanden war.

»Nydia«, sagte Glaukus zärtlich, indem er ihre schönen, langen, schwarzen Haare zurückstrich. »Du stehst jetzt schon seit drei Tagen unter dem Schutze meiner Hausgötter. Waren sie dir freundlich? Fühlst du dich glücklich?«

»Ach, so glücklich!« seufzte die Sklavin.

»Und jetzt,« sprach Glaukus, »da du dich etwas von den schmerzhaften Erinnerungen deines bisherigen Lebens erholt hast, jetzt, da du mit Kleidern ausgestattet bist, die sich deiner zarten Erscheinung besser anpassen, jetzt, süßes Kind, da du dich an ein Glück gewöhnt hast, welches die Götter dir immer gewähren mögen, stehe ich im Begriff, auch dir einen Wunsch zu äußern.«

»Oh, was kann ich für dich tun?« sagte Nydia, die Hände faltend.

»Höre,« entgegnete Glaukus, »so jung du noch bist, sollst du meine Vertraute werden. Hast du jemals den Namen Jone gehört?«

Das blinde Mädchen holte tief Atem, und indem ihre Wangen sich so weiß färbten wie eine jener Statuen, die aus dem Peristil auf sie herabschauten, antwortete sie, etwas befangen und nach einer kleinen Pause: »Ja, ich habe gehört, daß sie aus Neapel und schön ist.«

»Schön! Ihre Schönheit verblendet die Sonne selbst! Neapel! Nein, sie ist griechischen Ursprungs. Nur Griechenland vermag solche Gestalten zu bilden. Nydia – ich liebe sie!«

»Ich dachte es mir«, erwiderte Nydia ruhig.

»Ich liebe sie, und du sollst es ihr sagen. Ich beabsichtige, dich zu ihr zu schicken. Glückliche Nydia, du wirst in ihr Zimmer eintreten – du wirst die süße Musik ihrer Stimme hören – du wirst durch den Zauber ihrer Nähe beglückt werden!«

»Was! Was! Soll ich dich denn verlassen?«

»Du wirst zu Jone gehen«, erwiderte Glaukus mit einem Tone, der sagen wollte: Was kannst du mehr wünschen?

Nydia fing an zu weinen.

Glaukus zog sie mit den beruhigenden Liebkosungen eines Bruders zu sich.

»Mein Kind, meine Nydia, du weinst und weißt noch nicht, welches Glück ich dir bestimme. Sie ist freundlich und milde und sanft, wie ein Frühlingshauch. Sie wird deiner Jugend eine Schwester sein. Sie wird deine Talente zu schätzen wissen und dein einfaches, anmutiges Wesen wie keine andere lieben, weil sie selbst es besitzt. – Weinst du noch? Armes Kind; ich will dich ja nicht zwingen. Willst du mir diesen Gefallen nicht erzeigen?«

»Wohlan, wenn ich dir nützlich sein kann, so befiehl. Sieh, ich weine nicht mehr. Ich bin ruhig.«

»Das ist wieder meine freundliche Nydia«, sagte Glaukus, indem er ihre Hand küßte. »Gehe denn hin zu ihr – wenn es dir dort nicht gefällt, wenn ich dich getäuscht habe, so kehre zurück, sobald du willst! – Ich schenke dich nicht einer anderen, ich verleihe dich bloß. Mein Haus steht dir als Zuflucht immer offen, süßes Kind! Ach, könnte ich alle Unglücklichen und Betrübten beherbergen. Doch wenn mein Herz mich nicht täuscht, so werde ich dich bald wieder erwerben. Mein Haus wird vielleicht auch das der Jone, und du sollst bei uns beiden wohnen.«

Das blinde Mädchen wurde von einem leichten Schauder ergriffen, doch sie weinte nicht mehr; sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben.

»So gehe denn, meine Nydia, nach dem Hause der Jone, ich werde dir den Weg zeigen lassen. Bringe ihr die schönsten Blumen, die du finden kannst. Ich will ihr eine Vase dazu schenken, du mußt deren geringen Wert entschuldigen. Nimm aber auch die Leier mit, die ich dir gestern gab, du vermagst ihr ja so wundervolle Töne zu entlocken. Übergib dann Jone diesen Brief, in dem ich nach vielen vergeblichen Bemühungen die Gedanken meines Herzens zum Ausdruck gebracht habe. Gib acht auf jedes Wort, was sie spricht, auf jede Veränderung ihrer Stimme, und erzähle mir, wenn ich dich wiedersehe, ob ich hoffen darf oder fürchten muß. Seit einigen Tagen habe ich Jone nicht gesehen, es muß ein finsteres Geheimnis obwalten, welches mich von ihrer Gegenwart ausschließt. Ich werde durch Zweifel und Besorgnisse beunruhigt. Bemühe dich, den Grund zu erfahren, denn du bist klug, und deine Anhänglichkeit zu mir wird deinen Beobachtungsgeist zehnfach erhöhen. Sprich von mir, so oft sich die Gelegenheit darbietet, lasse meinen Namen immer über deine holden Lippen schweben. Lasse aber Jone meine innige Liebe mehr erraten, als daß du sie laut aussprichst. Gib acht, ob sie seufzt, während du sprichst, ob sie dir antwortet, oder wenn sie irgend etwas zu mißbilligen scheint, in welchen Ausdrücken und in welchem Tone dies geschieht. Sei meine Freundin, handle für mein Bestes, das wenige, was ich für dich getan habe, wirst du mir reichlich vergolten haben. Du verstehst mich doch, Nydia, du bist noch ein Kind. Oder habe ich mehr gesagt, als du verstehen kannst?«

»Nein.«

»Und du willst mir nützlich sein? «

»Ja.«

»Komm zu mir, wenn du die Blumen gepflückt hast, und ich will dir dann die Vase geben. Suche mich in dem Zimmer der Leda auf. Du bist doch nicht mehr traurig, mein süßes Kind?«

»Ich bin eine Sklavin, Glaukus, wie kann mich Freude oder Schmerz berühren?«

»Meinst du das? Nein, Nydia, sei frei! Ich gewähre dir die Freiheit, genieße ihrer, wie du willst und verzeihe, daß ich bei dir den Wunsch voraussetzte, du wollest für mein Bestes wirken.«

»Habe ich dich verletzt? Ach, um alles, was mir die Freiheit gewähren könnte, möchte ich dich doch nicht betrüben. Vergib einem armen, blinden Mädchen, mein Retter, mein Beschützer! Wenn ich zu deinem Glück beitragen kann, so will ich selbst nicht darum trauern, daß ich dich verlassen muß.«

»Mögen die Götter dein dankbares Herz segnen!« sagte Glaukus, den die tiefste Rührung erfaßte, und nicht wissend, welches Feuer er entzünde, küßte er sie wiederholt auf die Stirn.

»Du verzeihst mir«, sagte sie. »Und du willst auch nicht mehr von Freiheit mit mir reden? Ich fühle mich glücklich, deine Sklavin zu sein, du hast versprochen, mich nicht von dir zu entfernen –«

»Ich versprach es.«

»Nun denn, so will ich jetzt die Blumen pflücken.«

Nydia nahm schweigend die kostbare, mit Juwelen besetzte Vase, in der die Blumen an Farbenglanz und Wohlgeruch miteinander wetteiferten, aus der Hand des Glaukus. Ohne Tränen hörte sie seine Abschiedsworte an. Als er schwieg, zögerte sie noch etwas. Sie wagte es kaum, ihm zu antworten, sie suchte seine Hand, zog sie an ihre Lippen, warf ihren Schleier über das Gesicht und entfernte sich schnell. Als sie die Schwelle erreichte, blieb sie nochmals stehen, streckte ihre Hände gegen sie aus und flüsterte: »Drei glückliche Tage, Tage unaussprechlichen Entzückens, habe ich verlebt, seit ich dich betrat – gesegnete Schwelle! – Möge der Friede ewig wohnen in diesem Hause! Und jetzt zieht mein Herz selbst mich von dir fort, und der einzige Wunsch, der ihm übrigbleibt, ist – sterben!«

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