Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Die letzten Tage von Pompeji

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDie letzten Tage von Pompeji
publisherVerlag der Schillerbuchhandlung
translatorWilhelm Cremer (1874-?)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060727
projectid2c90c076
Schließen

Navigation:

10.

Jone war eine der seltenen Erscheinungen, die in der höchsten Vollkommenheit Schönheit und geistigen Wert miteinander vereinigen. Ein Wort, ein Blick von ihr schien oft wie ein Zauber zu wirken. Wer sie liebte, der trat in eine neue Welt ein und verließ diese armselige und beschränkte Erde. Er befand sich in einem Lande, wo ihm alles wie verklärt durch einen magischen Einfluß erschien.

Ihr ganzes Wesen schien besonders darauf berechnet, auf ungewöhnliche und kühnere männliche Naturen zu wirken, sie zu fesseln und zu beherrschen; die Liebe zu ihr vereinigte zwei Leidenschaften, die Liebe selbst und den Ehrgeiz – wer sie anbetete, der mußte auch höherem Streben überhaupt sich weihen. Es war kein Wunder, daß sie den mysteriösen, doch feurigen Geist des Ägypters, eines Mannes, in dem die heftigsten Leidenschaften ihren Sitz hatten, mächtig an sich zog. Ihre Schönheit und ihr Geist wirkten vereinigt auf ihn.

Weniger war es zu begreifen, wie sie so schnell und unwiderruflich die Neigung des Atheners gewinnen konnte. Glaukus hatte ein leicht bewegliches Temperament, das sich den fröhlichen Ausschweifungen seines Zeitalters hingab, ohne sich aber ganz darin zu verlieren. Seine Einbildungskraft verblendete ihn, doch die Verderbnis erreichte nie sein Herz. Weit mehr Lebensklugheit besitzend, als seine Gefährten ihm zutrauten, sah er wohl ein, daß sie nur Absichten auf seinen Reichtum hegten. Aber er betrachtete das Geld bloß als ein Mittel für den Genuß, und der lebensfrohe Sinn der Jugend war das Band, welches ihn an sie knüpfte. Er fühlte allerdings in sich das Streben nach einem höheren Ziele, als dem irdischen Genusse und Vergnügen, aber die Welt war damals ein großes Gefängnis, zu dem der Kaiser in Rom die Schlüssel hatte. Und dieselben Tugenden, welche zu den Zeiten des freien Athens in Glaukus die Antriebe des Ehrgeizes in Tätigkeit gesetzt haben würden, machten ihn jetzt untätig und genußsüchtig, denn in jenen sklavischen Verhältnissen war jeder edle Wetteifer und jedes freiere Streben unmöglich geworden. Der Ehrgeiz konnte an einem despotischen und schwelgerischen Hofe nur durch Schmeichelei und List sein Ziel erreichen. Der Geiz und die Geldgier waren die herrschenden Leidenschaften – die Staatsstellungen wurden nur erstrebt, um der Mittel zu Ausplünderungen sich zu bemächtigen, und die Regierung war in ein System des Raubes ausgeartet.

Indem sich Glaukus so in sich selbst zurückziehen mußte, konnten seine besten Fähigkeiten und Talente sich nicht anders äußern als vermöge jener verschönernden Einbildungskraft, die den Genuß poetisch verklärt. Der edlere Ehrgeiz fand jenen Spielraum nicht, der den Verfeinerungen des Lebensgenusses sich darbot. Alle schlummernden Kräfte seines Geistes wurden jedoch plötzlich geweckt, als er Jone kennenlernte. In ihrem Besitz zeigte sich ihm ein Ziel, des Strebens der Halbgötter wert. Indem er ihre Gegenliebe zu erringen sich bemühte, leuchtete ihm ein Stern des Ruhms, den die Verderblichkeiten eines dahinsterbenden Staatslebens weder verdüstern noch erbleichen machen konnten.

Aus seiner Liebe erstand in ihm eine neue Begeisterung. Wenn er sich in Jonens Nähe befand, hatten seine Geisteskräfte einen höheren Schwung, und er fühlte sich in seinem ganzen Wesen vollkommener und besser. So wie seine Liebe, so mußte auch ihre Gegenliebe durch ihre beiderseitige Natur bedingt und notwendig sein. Er erschien ihr jung, schön, beredsam und ein Athener, wie die schönste Blüte der Poesie aus dem Lande ihrer Väter. Seitdem sie sich kannten, waren sie nicht mehr Geschöpfe auf einer Erde der Sorge und der Plagen, das Dasein war für sie von jetzt an nur ein heiliger Festtag. Sie schienen dem gewöhnlichen und rauhen Alltagsleben entrückt zu sein, die Träume des saturnischen Zeitalters waren für sie in die Wirklichkeit getreten, und in ihre Herzen fielen die letzten Strahlen der Sonne von Delos und von Griechenland.

Je unabhängiger Jone aber in der Art ihrer Lebensführung war, um so stärker war auch das Bewußtsein ihrer Würde. Die Verleumdungen des Ägypters mußten daher eine starke Wirkung auf sie ausüben, und die vermeintliche Roheit und Rücksichtslosigkeit des Glaukus verletzten sie aufs tiefste. Seine Äußerungen enthielten einen Tadel über ihren Charakter und ihr Leben, und selbst ihre Liebe wurde zurückgewiesen und verhöhnt. Sie fühlte jetzt zum ersten Mal, wie schnell diese Liebe sie überrascht hatte, sie errötete über eine Schwäche, deren sie erst jetzt sich ganz bewußt wurde. Sie bildete sich ein, diese Schwäche selbst habe die Verachtung des Glaukus erregt, sie empfand sich dadurch aufs tiefste gedemütigt. Aber nicht weniger als ihr Stolz war ihre Liebe selbst verletzt worden. Wenn sie auch in einem Augenblick des empörten Selbstgefühls sich von ihm losgerissen hatte und ihn fast zu hassen anfing, so überwältigte sie doch bald wieder die unbezwingbare Leidenschaft in desto größerem Grade. Sie brach in Tränen aus, das Herz forderte seine Rechte zurück, und halb verzweifelnd sagte sie zu sich selbst: »Er verachtet mich – er liebt mich nicht!«

Nachdem der Ägypter sie verlassen, hatte sie sich in ihr einsamstes Zimmer zurückgezogen. Sie entfernte ihre Dienerinnen aus ihrer Nähe und ließ sich vor dem Schwarm ihrer Verehrer verleugnen. Auch Glaukus traf dasselbe Schicksal. Es befremdete ihn, doch er wußte sich den Grund dieser Zurückweisung nicht zu erklären. Er konnte sich nicht denken, dass seine Jone, seine Königin, seine Göttin, jener weiblichen Launenhaftigkeit fröne, über welche die Liebesdichter Italiens so bittere Klage führen. Er glaubte, sie sei über alle jene Künste erhaben, die das Herz des Liebenden auf die Folter spannen. Er fühlte sich beunruhigt, doch die Hoffnung ließ nicht nach, denn er wußte, daß er liebe und geliebt werde, und konnte er sich ein festeres Schutzmittel gegen die Furcht wünschen?

In der tiefsten Nacht, als die Straßen bereits öde und einsam waren und nur die Strahlen des Mondes sie beleuchteten, schlich er sich nach ihrer Wohnung, jenem Tempel seines Herzens, und verehrte sie nach der schönen Sitte seines Landes. An ihrer Haustür hängte er die schönsten Kränze auf, in denen jede Blume ein süßer Liebesspruch war, und in der langen Sommernacht sang er zu den Tönen der lycischen Laute Verse, welche die Begeisterung des Augenblicks hervorrief.

Doch kein Fenster wurde geöffnet, kein freundlicher Gruß belohnte ihn. Alles blieb stumm und einsam, so daß er nicht einmal wußte, ob seine Verse gehört worden seien.

Jone aber schlief weder, noch verschloß sie ihr Ohr den süßen Tönen, sie drangen in ihr Schlafzimmer und überwältigten fast ihr Herz. Während sie zuhörte, vergaß sie alles, was die Verleumdung gegen ihren Geliebten gesagt hatte. Der Zauber entwich aber wieder, als er sich entfernt hatte, und die aufgeregte Stimmung ihres Gemüts ließ sie fast in jener zarten Huldigung eine neue Beleidigung erblicken.

Während sie sich aber vor allen verleugnen ließ, so war doch ein einziger ausgenommen, Arbaces, der über ihre Handlungen sich eine Art väterlichen Einflusses anmaßte. Er betrat ihre Wohnung so ungehindert, als sei dieses ein Recht, welches ihm zustehe. Trotz aller Selbständigkeit des Charakters der Jone war es ihm gelungen, eines geheimen und mächtigen Einflusses auf ihren Willen sich zu versichern. Sie vermochte demselben nicht zu widerstehen, bisweilen versuchte sie es, doch es war ihr unmöglich. Sie wurde durch die Macht seines Schlangenblicks wie von einem bösen Zauber gefesselt. Er beherrschte sie durch die Überlegenheit seines männlichen Geistes, der schon seit langem gewohnt war, daß jedes schwächere Gemüt sich ihm beugte. In der Unkenntnis seines wahren Charakters und der Liebe zu ihr, die er bis jetzt geschickt zu verbergen gewußt hatte, fühlte sie vor ihm jene Ehrfurcht, die das Talent vor der Weisheit, die Tugend für die Heiligkeit des Wandels fühlen muss. Sie betrachtete ihn wie einen jener Weisen des Altertums, die durch den Sieg über alle menschlichen Leidenschaften der Geheimnisse des verborgenen Wissens teilhaftig werden. Sie hielt ihn weniger für ein irdisches Wesen, wie sie selbst, als für ein finsteres und heiliges Orakel der Vorzeit. Sie liebte ihn nicht, aber sie fürchtete ihn. Seine Gegenwart war ihr unheimlich. Ihr Geist fühlte sich in seiner Nähe verdüstert und beklommen, er erschien ihr in der Erhabenheit seines Charakters wie ein hoher Berg, der einen ungeheuren Schatten wirft. Doch fiel es ihr niemals ein, seinen Besuchen sich zu entziehen. Sie überließ sich geduldig dem Eindruck, den in ihrem Gemüt zwar nicht die Angst vor dem Schrecklichen, aber etwas von seiner Unheimlichkeit erregte.

Arbaces aber beschloß jetzt, alle seine geheimen Künste in Tätigkeit zu setzen, um sich des Schatzes zu bemächtigen, nach dem er sich so sehnte. Eine tiefe Befriedigung erfüllte ihn, weil er mit seinem Einfluß ihren Bruder wieder eingefangen hatte. Seit jenem Augenblick, in welchem Apäcides der wollüstigen Üppigkeit jenes Festes unterlag, welches wir beschrieben haben, fühlte er seine Herrschaft über den jungen Priester gesicherter und fester als je. Er wußte, daß keine Fesseln stärker sind als die der Sinne, wenn sie einen jungen feurigen Mann zum erstenmal überraschen.

Apäcides hatte sich am Morgen nach jener durchschwelgten Nacht, die ihn in ihre Wunderkreise gezogen hatte, beschämt und gedemütigt gefühlt. Er erinnerte sich seiner strengen Gelübde der Enthaltsamkeit, seiner Sehnsucht nach einem tugendhaften Leben, und wie dieses alles in einen so unheiligen Strudel gezogen worden war. Arbaces kannte jedoch sehr gut die Mittel, durch welche er seinen Einfluß behaupten und sichern mußte. Von den Genüssen der Sinnlichkeit führte er den jungen Priester sogleich in seine mysteriöse Weisheit ein. Er enthüllte vor seinen erstaunten Blicken die Geheimnisse der düsteren ägyptischen Philosophie, weihte ihn in die astrologischen Deutungen und in jene sonderbare Chemie ein, die in diesen Zeiten, wo die Vernunft selbst noch unter der Herrschaft der Einbildungskraft stand, der Auflösung überirdischer Rätsel sich gewachsen dünkte. Arbaces erschien dem jungen Priester wie ein über die Sterblichkeit erhabenes, mit ungewöhnlichen Kräften begabtes Wesen. Jene tiefe Sehnsucht nach dem Wissen, das nicht von dieser Erde ist, verblendete Apäcides, der darauf von frühester Jugend an sein ganzes Streben gerichtet hatte, so daß sein gesunderes Urteil übertäubt wurde. Er gab sich ganz den blinden Richtungen hin, die zugleich die heftigsten Leidenschaften des Menschen in Anspruch nehmen, dem sinnlichen Genuß und dem Streben nach höheren Kenntnissen. Er konnte sich nicht denken, daß ein so weiser Mann, wie Arbaces, irren, daß ein so stolzer Mann auch jetzt noch ihn täuschen könne. In das Gewebe metaphysischer Spekulationen verstrickt, ging er auf die Schlußfolgen ein, durch die der Ägypter das Laster zur Tugend umzugestalten versuchte. Er fühlte sich auch in seiner Eitelkeit geschmeichelt, weil ihn Arbaces gewürdigt hatte, sein besonderer Schüler zu werden, weil er ihn von den Schranken freimachte, die für die gewöhnliche Menge errichtet waren, und ihn an seinen mystischen Studien teilnehmen ließ. Die reine und strenge Moralität jenes Glaubens, zu dem Olinthus ihn zu bekehren wünschte, wurde durch gewaltige Leidenschaften aus seinem Geiste verdrängt. Der Ägypter, der mit den Lehrsätzen jenes Glaubens nicht ganz unbekannt war und bald den Eindruck bemerkte, den sie bereits auf das Gemüt seines Pfleglings gemacht hatten, suchte jene Wirkung auf geschickte Weise teils durch sophistische Trugschlüsse, teils durch spöttische Bemerkungen zu vernichten.

»Dieser Glaube«, sagte er, »ist weiter nichts, als die besondere Ausführung einer der vielen Allegorien, welche unsere alten Priester erfunden haben. In diesen uralten Figuren«, fügte er hinzu, indem er auf eine mit Hieroglyphen beschriebene Rolle zeigte, »siehst du den Ursprung der Lehre von der christlichen Dreieinigkeit. Auch hier sind drei Götter, der Vater, der Sohn und der heilige Geist. Du siehst, daß auch hier der Sohn mit dem Beiwort der ›Erlöser‹ bezeichnet wird – und daß das Zeichen, durch welches seine menschlichen Eigenschaften dargestellt werden, das Kreuz ist. Sieh hier auch die mystische Geschichte des Osiris, wie er getötet wurde, und wie er, um eine feierliche Verheißung zu erfüllen, wieder aufstand von den Toten! Durch diese Gleichnisse beabsichtigen wir bloß eine Allegorie in Beziehung auf das ewige Wiederaufleben der Natur und auf die Bewegungen der Gestirne. Die Unbekanntschaft mit diesen Zeichen hat jedoch bei vielen leichtgläubigen Nationen, denen die Deutung versteckt blieb, zu manchen religiösen Glaubenssätzen Veranlassung gegeben. Man findet die verkehrte Auslegung dieser Hieroglyphen in den weiten Ebenen Indiens; die Griechen selbst haben sie in ihren spekulativen Systemen benutzt. Und indem sich ihre Deutung immer mehr veränderte, je mehr sie selbst von ihrem alten Ursprunge sich entfernten, hat dieselbe in diesem neuen Glauben eine irdischere Form angenommen, und die Jünger des Galiläers beten bloß unbewußt eine der Allegorien des alten Ägyptens an!«

Diese Art des Beweises überzeugte vollkommen den jungen Priester. Er fühlte, wie die meisten Menschen, das Bedürfnis, an etwas zu glauben, und ohne Widerstreben fügte er sich jenem Glauben, welchen Arbaces ihn lehrte und der alles vereinigte, was den menschlichen Leidenschaften schmeichelt und die persönliche Eitelkeit in Anspruch nimmt.

Nachdem diese Bekehrung so leicht gelungen war, konnte er sich ganz der weiteren Ausführung eines angenehmeren und wichtigeren Planes widmen, und er sah in dem leichten Gelingen seiner Anschläge auf den Bruder ein günstiges Omen seines Sieges über die Schwester.

Er hatte Jone an dem Tage nach jenem schwelgerischen Feste besucht, welches zugleich der Tag war, an dem er ihr Gemüt mit Mißtrauen gegen seinen Nebenbuhler erfüllt hatte. Er fuhr jetzt fort, sie täglich zu besuchen, und setzte alle seine Künste in Tätigkeit, nicht nur, um den ungünstigen Eindruck gegen Glaukus zu verstärken, sondern vor allem, um sie für die Eindrücke empfänglich zu machen, die seinen eigentlichen Zwecken dienen sollten. Jone gab sich alle Mühe, ihm ihre inneren Qualen und den Mißmut ihres mit sich selbst in Widerspruch geratenen Herzens zu verbergen, und das gelang ihr auch in hohem Maße. Arbaces war jedoch schlau genug, einen Gegenstand nicht weiter zu berühren, von dem er wohl einsah, daß es am zweckmäßigsten sei, seiner nur oberflächlich zu erwähnen. Er wußte, daß, wenn man lange bei dem Fehler eines Nebenbuhlers verweilt, er in den Augen der Geliebten anfängt wichtig zu werden, und daß es am besten ist, weder offenbaren Haß noch bittere Verachtung zu äußern, sondern durch einen gewissen gleichgültigen Ton ihn zu erniedrigen, als wenn man nicht voraussetze, daß er geliebt werden könne, und die Verwundung des eigenen Selbstgefühls zu verbergen. Er sprach nicht mehr von den Verleumdungen und Prahlereien des Glaukus. Er erwähnte zwar seiner, aber nicht häufiger als des Klodius oder des Lepidus. Er schien sie, als unbedeutende und unwürdige Menschen, in eine Klasse zu stellen, als junge Männer, welche von dem Schmetterling zwar die Veränderlichkeit, aber nicht die Unschuld hätten. Bisweilen erwähnte er einer durch ihn ersonnenen Ausschweifung, in der sie Genossen gewesen seien. Dann stellte er wieder einen Gegensatz zwischen ihnen und jenen geistigeren und erhabeneren Naturen auf, zu denen Jone zählte. Sowohl durch das Selbstgefühl der Jone als auch durch sein eigenes getäuscht, ließ er sich nicht träumen, daß sie Glaukus bereits liebe. Er besorgte bloß, in ihrem Herzen möchten sich jene Vorgefühle geregt haben, die für die Liebe empfänglich machen. Im geheimen knirschte er in die Zähne vor Wut und Eifersucht, wenn er an die Jugend und Liebenswürdigkeit des gefährlichen Nebenbuhlers dachte, den er scheinbar verachtete.

Es war am vierten Tage nach seinem Zusammenstoß mit Glaukus, als Arbaces wieder bei Jone war.

»Du trägst auch im Hause deinen Schleier,« sagte der Ägypter, »warum entziehst du denen, die du deiner Freundschaft würdigst, dein Antlitz?«

»Dem Arbaces,« erwiderte Jone, die in der Tat durch den Schleier ihre verweinten Augen zu verbergen suchte – »dem Arbaces, der bloß das Geistige würdigt, wird der Anblick meiner Züge gleichgültig sein.«

»Allerdings sehe ich bloß auf das Geistige,« erwiderte der Ägypter, »eben deshalb zeige mir dein Antlitz, denn dort werde ich es sehen!«

»Du wirst ein Schmeichler in Pompeji«, sagte Jone mit erzwungener Heiterkeit.

»Jone, willst du mich etwa mit den andern in Pompeji vergleichen?« Die Stimme des Ägypters zitterte. Er hielt einen Augenblick inne, darauf fuhr er fort: »Es gibt noch eine andere Liebe, schöne Griechin, als die der Jugend und des Leichtsinns – eine Liebe, die nicht mit den Augen sieht, nicht mit den Ohren hört, sondern in welcher der Geist durch den Geist gefesselt wird. Von solch einer Liebe träumte einst Plato, aber nur edle Naturen sind ihrer würdig. Sie hat nichts gemein mit den gewöhnlichen irdischen Leidenschaften, Runzeln schrecken sie nicht zurück. Sie wird nicht bedingt durch die Vollkommenheit der äußeren Formen, sie verlangt Jugend, aber bloß in der Empfänglichkeit für höhere Gefühle, sie verlangt Schönheit, aber nur die geistige. Dieses ist die Liebe, o Jone, die selbst ein kalter und verschlossener Mann dir als würdiges Opfer darbringen kann. Du hältst mich für kalt und verschlossen, und eine solche Liebe wage ich dir zu weihen. Du kannst ohne Erröten sie erwidern.«

»Und ihr Name ist – Freundschaft«, entgegnete Jone. Die Antwort war unschuldig, aber sie klang wie die Mißbilligung der Absichten des Arbaces.

»Freundschaft!« fuhr der Ägypter lebhaft fort. »Nein, das ist ein zu oft entheiligtes Wort, als das man es auf ein so edles Gefühl anwenden dürfte. Freundschaft! Es ist ein Band, welches Toren und Wüstlinge verknüpft. Auch ein Glaukus und ein Klodius werden durch Freundschaft verbunden! Freundschaft! Nein, das ist eine irdische Neigung, ein Wort, entartet in seiner Bedeutung und in seinem Sprachgebrauch. Das Gefühl, von dem ich rede, stammt aus den Sternen, es trägt etwas in sich von der unaussprechlichen Sehnsucht, die uns ergreift, wenn wir den nächtlichen Himmel betrachten. Es ist ein Feuer, das zwar glüht und leuchtet, aber nicht verbrennt. Nein, es ist weder Liebe noch Freundschaft, was Arbaces für Jone fühlt. Gib diesem Gefühl keinen Namen, die Erde hat keinen für dasselbe, denn es ist nicht irdisch. Es darf nicht entheiligt werden durch menschliche Worte und Begriffe.«

Noch nie hatte Arbaces sich so weit gewagt, doch er ging Schritt für Schritt. Er wußte, daß er in einer Sprache redete, von der man bei ihren ungewöhnlichen und seltsamen Worten keine bestimmten Vorstellungen knüpfen konnte, so daß er dabei, je nachdem die Hoffnung ihn ermutigte oder die Furcht abmahnte, weitergehen oder zurückschreiten konnte. Jone zitterte, und doch wußte sie nicht weshalb. Der Schleier verbarg ihre Züge, deren Ausdruck den Ägypter, wenn er sie gesehen hätte, zurückgeschreckt und zugleich zur Wut entflammt haben würde. Auch war er ihr noch nie widriger erschienen, der Wohlklang der beredsamsten Stimme, die jemals verderbliche Absichten verbarg, tönte ihr wie ein Mißton in den Ohren. Ihre ganze Seele war noch mit dem Bilde des Glaukus erfüllt, das Geständnis der Zuneigung eines andern konnte ihr nur mißfallen. Immerhin ahnte sie noch nicht, daß die Worte des Arbaces nur eine heftigere Leidenschaft hinter jenen platonischen Gefühlen versteckten. Sie glaubte, daß er wirklich von geistiger Übereinstimmung und Zuneigung spreche. Aber waren nicht auch diese Gefühle die Quelle ihrer Liebe zu Glaukus, und konnte irgendein anderer Weg als dieser zu dem Altar ihres Herzens führen?

Sie erwiderte daher in der Absicht, diesen Gegenstand zu vermeiden, in kaltem und gleichgültigem Tone: »Es ist natürlich, daß Arbaces, wen er auch in seiner erhabenen Weisheit mit seiner Achtung beehren möge, dieses Gefühl seinem Geiste gemäß ausbildet. Es ist natürlich, daß seine Freundschaft reiner ist als die anderer, deren Treiben und Irrtümer er nicht teilt. Aber sage mir, Arbaces, hast du kürzlich meinen Bruder gesehen? Er hat seit einigen Tagen mich nicht besucht, und als ich ihn zuletzt sah, beunruhigte mich sein Benehmen sehr. Ich besorge, er ist zu voreilig in der Wahl seines strengen Standes gewesen und bereut jetzt einen unwiderruflichen Schritt.«

»Sei deshalb unbekümmert, Jone«, erwiderte der Ägypter. »Eine Zeitlang war er allerdings niedergeschlagen und traurig. Es quälten ihn allerlei Zweifel, wie das bei einem so feurigen Temperament, das immer zwischen Überschwenglichkeit und trüber Stimmung schwebt, vorauszusehen war. Aber dann kam er zu mir, Jone. Er schilderte mir seine Trostlosigkeit, er suchte jemand, der Teilnahme für ihn fühlte und ihn liebte. Ich habe sein Gemüt beruhigt und seine Zweifel beschwichtigt. Ich habe ihn von der Schwelle des Tempels in diesen selbst geführt, und vor der Erhabenheit der Göttin hat er sich gebeugt und gedemütigt. Sei unbesorgt, er wird jetzt seinen Schritt nicht mehr bereuen. Diejenigen, welche Arbaces ihr Zutrauen schenken, bereuen immer nur für einen Augenblick.«

»Diese Nachrichten erfreuen mich«, antwortete Jone. – »Mein teurer Bruder! Seine Zufriedenheit macht auch mich glücklich.«

Die Unterredung nahm nun eine andere Richtung. Der Ägypter bestrebte sich, zu gefallen, er ließ sich sogar herab, zu unterhalten. Die große Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse gestattete ihm, jeden Gegenstand, den er berührte, interessant zu machen, und indem Jone den widrigen Eindruck seiner früheren Worte vergaß, wurde sie trotz ihrer trüben Stimmung durch den Zauber seines Geistes fortgerissen. Ihr Benehmen wurde wieder unbefangen und ihre Sprache fließend. Arbaces, der diese Stimmung nur deshalb erweckt hatte, beeilte sich, sie für seine Zwecke zu benutzen. »Du hast nie«, sagte er, »das Innere meines Hauses gesehen. Es enthält manches, was dir meine Beschreibungen anschaulich machen kann, es ist ganz nach ägyptischer Art eingerichtet. Zwar wirst du nach dem kleinen Maßstabe der römischen Bauart die großartige Pracht, die massive Anlage und die Größe der Paläste zu Theben und Memphis nicht beurteilen können; doch hier und da wirst du einiges finden, was dir einen deutlicheren Begriff von jener uralten Zivilisation geben kann, welche die Welt gebildet hat. Widme daher dem ernsten Freunde deiner Jugend einen dieser herrlichen Sommerabende, damit ich mich rühmen könne, meine stille Wohnung sei durch die Gegenwart der bewunderten Jone beglückt worden.«

Jone nahm arglos und unbefangen den Vorschlag an. Sie war unbekannt mit dem verworfenen Treiben in jenem Hause und ahnte nicht, welche Gefahren sie dort erwarteten. Der nächste Abend wurde für diesen Besuch bestimmt, und der Ägypter nahm Abschied mit heiterem Antlitz und einem vor wilder Freude klopfenden Herzen. Kaum war er fort, so erhielt Jone noch einen anderen Besuch, der ihre Gedanken in eine ganz andere Richtung lenken sollte.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.