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Die letzten Tage der Menschheit

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit - Kapitel 8
Quellenangabe
typedrama
authorKarl Kraus
titleDie letzten Tage der Menschheit
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
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Epilog

Die letzte Nacht

Schlachtfeld. Trichter. Rauchwolken. Sternlose Nacht. Der Horizont ist eine Flammenwand. Leichen. Sterbende. Männer und Frauen mit Gasmasken tauchen auf.

Ein sterbender Soldat schreiend
Hauptmann, hol her das Standgericht!
Ich sterb' für keinen Kaiser nicht!
Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht!
Bin tot ich, salutier' ich nicht!

Wenn ich bei meinem Herren wohn',
ist unter mir des Kaisers Thron,
und hab' für sein Geheiß nur Hohn!
Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.

Wenn ich in meinem Herrn entschlief,
kommt an mein letzter Feldpostbrief.
Es rief, es rief, es rief, es rief!
Oh, wie ist meine Liebe tief!

Hauptmann, du bist nicht bei Verstand,
daß du mich hast hieher gesandt.
Im Feuer ist mein Herz verbrannt.
Ich sterbe für kein Vaterland!

Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht!
Seht, wie der Tod die Fessel bricht!
So stellt den Tod vors Standgericht!
Ich sterb', doch für den Kaiser nicht!

Weibliche Gasmaske nähert sich
Soviel ich seh', fiel hier ein Mann mit Gottes Willen.
Auch unsereins hat seine Pflicht hier zu erfüllen.
In dieser ernsten Zeit gibts keinen Zeitvertreib.
Das Kleid ist nicht der Mann, doch ist's auch nicht das Weib.
In Not und Tod und Kot gibt es die gleichen Rechte.
Wo kein Geschlecht, gereicht's zur Ehre dem Geschlechte.

Männliche Gasmaske stellt sich gegenüber
Nur daß dein Gesicht
sich an meines gewöhne!
Ich kenne dich nicht,
du Maske, du schöne!

Erfüllt von dem Grauen,
erfüllend die Pflicht,
sollen wir uns nicht schauen,
wir kennen uns nicht.

Uns gilt nur die Sache,
hier gilt es zu kämpfen,
es droht uns die Rache
mit giftigen Dämpfen.

Der Himmel spuckt Flammen,
verzischend im Blute.
So gehn wir zusammen
auf diese Redoute.

Fernes Trommelfeuer

Weibliche Gasmaske
Gesicht und Geschlecht
verbietet die Pflicht.
Wir haben kein Recht
auf Geschlecht und Gesicht.

Das Leben verbracht
zwischen Leichen und Larven
mir tönt diese Nacht
wie Hörner und Harfen!

Beide Arm in Arm
Wir haben kein Recht
auf Geschlecht und Gesicht.
Gesicht und Geschlecht
verbietet die Pflicht.

Sie verschwinden.

Zwei Generale auf der Flucht, in einem Automobil

General (Sprechgesang)
Da kann man nicht weiter,
die Erde hat Risse,
da gibts spanische Reiter
und sonst Hindernisse.

Die Schlacht hat nunmehr
eine Wendung genommen,
wir sind bis hieher
nach vorne gekommen.

In unsere Jahr'
da is nicht zu spaßen,
wir sind in Gefahr,
das Leben zu lassen.

Nicht wanken und weichen
die Mannschaften ziert.
Fahren S' über die Leichen,
sonst sind wir petschiert!

Was hat denn der eine,
der hat keinen Kopf,
dem fehlen die Beine,
und am Rock fehlt a Knopf!

Das is ein Skandal,
da werd' ich leicht schiech,
Sie toter Korpral,
adjustieren Sie sich!

Das is doch zuwider,
da krieg' ich ein' Pik,
ah, da legst di nieder –
hörn S', jetzt is doch Krieg!

Der hört nicht. Herstellt!
Sie, was machen S' denn dort
mir san doch im Feld!
Sie gehn zum Rapport!

Das is doch verboten,
die Wirtschaft hier vorn!
Fahren S' über die Toten,
sonst sind wir verlorn!

Sie fahren ab. Es tagt.

Zwei Kriegsberichterstatter im Automobil, sie steigen aus. Breeches, Feldstecher, Kodak

Erster Kriegsberichterstatter
Ich finde es gut,
hier stehen zu bleiben.
Ich habe den Mut,
diese Schlacht zu beschreiben.

Zweiter Kriegsberichterstatter
Ja, hier wie mir scheint
kann noch etwas geschehn.
Der Punkt ist vom Feind
sehr gut eingesehn.

Der Erste
Hier liegen die Helden,
hier ist es bewegt,
und wenn wir es melden,
es Aufsehn erregt.

Der Zweite
Es imponiert ja doch allen,
authentisch mit Bildern,
ist einer gefallen,
die Stimmung zu schildern.

Der Erste
Wir sind gern informiert
von besonderen Seiten.
Was mich intressiert,
sind die Einzelheiten.

Er tritt an einen sterbenden Soldaten heran.

Der Zweite
Sie, machen S' zum End
ein verklärtes Gesicht!
Ich brauch' den Moment,
wo das Aug Ihnen bricht.

Der Erste
Sie sind doch gescheit –
solang Sie am Leben,
ist hinreichend Zeit,
eine Schilderung zu geben.

Der Zweite
Was haben Sie empfunden,
was haben Sie sich gedacht,
wir brauchen die letzten Stunden,
wie war denn die Schlacht?

Der Erste
Schaun S', das wird goutiert,
auf Details ich schon spitz',
und Ihr Heldentod wird
eine schöne Notiz.

Der Zweite
Dieses Detail schon allein
hat für das Blatt seinen Reiz,
und der Chef gibt mich ein
für das Eiserne Kreuz.

Der Sterbende
Geschwinde – geschwinde –
seht, wie ich – mich – winde –
verbinde, Herr Doktor –
verbinde, verbinde!

Seit so vielen Stunden –
mit so vielen Wunden –
sie bluten, sie bluten –
sie sind nicht verbunden.

Nur noch wenig Minuten –
laßt mich doch nicht verbluten –
verbindet geschwinde,
ihr müsset euch sputen.

So seht doch – wie mir schon –
der Atem – entschwindet –
geschwinde – Herr Doktor –
verbindet, verbindet!

Der erste Kriegsberichterstatter
Der erzählt nichts – zu peinlich!
Der wird immer verstockter.
Er hält mich wahrscheinlich
für einen Dokter!

Der Zweite
Krieg ist Krieg – hör'n S', ich hust',
unsere Pflicht hier ist schwer,
über Ihre zerschossene Brust
sag' ich nur c'est la guerre.

Der Erste
Denn Wunden verbinden,
das hab' ich nicht studiert,
aber für Eindrücke finden
wer'n wir honoriert.

Der Zweite
Die Stimmung zu melden,
das ist unser Brot.
Einen schweigsamen Helden,
den schweigen wir tot.

Wenden sich zur Abfahrt.

Der Sterbende
Mein Weib – ach – ich – bitt –
das ist – eine Qual –
so – nehmen S' mich mit –
bis zum – nächsten – Spital!

Der erste Kriegsberichterstatter
Das ist doch gediegen –
was der von mir will!
So bleiben Sie doch liegen
und halten Sie still!

Der Zweite
Für einen Gemeinen
ist das eine Ehr'!
Ihr Bild wird erscheinen,
was wollen Sie mehr!

Der Erste
Wenn ich Ihnen garantier',
es erscheint ein Bericht!
Ich war vor dem Tod hier,
so schaun S' mir ins Gesicht!

Der Zweite
Er sagt nichts darauf.
Ich glaub', es wird gehn.
So nehm' ich ihn auf
man wird doch da sehn.

Er photographiert.

Der Erste
So sein S' doch nicht fad,
es soll stimmungsvoll sein.
Uns fehlt der Kurat,
Sie sind leider allein.

Der Zweite
Das wär' ein Effekt,
dem Abonnenten zu zeigen,
den Priester direkt
über den Helden sich neigen!

Der Erste
Wir sind doch intim,
er tät's mir zu Liebe,
weil ja schließlich auch ihm
eine Reklam dabei bliebe.

Der Zweite
Wo man ihn ja einmal braucht,
ist er natürlich beim Teufel.
Das ist trostlos ... Es raucht!
Nur ein Blindgänger, kein Zweifel!

Der Erste
Geh' mr! Hier is stier,
hier is doch nix los.
Gehn wir ins Pressequartier
vor dem Gegenstoß.

Der Zweite
Der würde mich nicht
im geringsten tuschieren,
ich kann bloß bei dem Licht
nicht photographieren.

Der Erste
Sie, hier wie mir scheint
kann noch was geschehn,
der Punkt ist vom Feind
zu gut eingesehn!

Der Zweite
Es lohnt nicht zu bleiben.
Bin ich ein Held?
Also was soll man schreiben?
Ein Erlebnis im Feld!

Sie fahren ab

Ein Feldwebel jagt mit dem Revolver einen Zug vor sich her

Feldwebel
Marsch! lch wer' euch Iehrn hier herumtachiniern!
Fürs Vaterland stirbts, oder ich laß euch krepiern!
Was glaubts denn, i wer's euch schon einigeignen!
Jetzt schießts auf den Feind, oder ich schieß auf die Eignen!

Sie verschwinden.

Ein Erblindeter tastet sich kriechend vorwärts
So, Mutter, Dank! So fühl' ich deine Hand.
Oh, sie befreit von Nacht und Vaterland!
Ich atme Wald und heimatliches Glück.
Wie führst du mich in deinen Schoß zurück.

Nun ist der Donner dieser Nacht verrollt.
Ich weiß es nicht, was sie von mir gewollt.
O Mutter, wie dein guter Morgen thaut!
Schon bin ich da, wo Gottes Auge blaut.

Er stirbt

Die Kriegsberichterstatterin erscheint
Hier ist er, das Suchen hat sich gelohnt,
hier find' ich den einfachen Mann an der Front!

Ein Verwundeter tastet sich kriechend vorwärts
Fluch, Kaiser, dir! Ich spüre deine Hand,
an ihr ist Gift und Nacht und Vaterland!
Sie riecht nach Pest und allem Untergang.
Dein Blick ist Galgen und dein Bart der Strang!
Dein Lachen Lüge und dein Hochmut Haß,
dein Zorn ist deiner Kleinheit Übermaß,
der alle Grenze, alles Maß verrückt,
um groß zu sein, wenn er die Welt zerstückt.
Vom Rhein erschüttert ward sie bis zum Ganges
durch einen Heldenspieler zweiten Ranges!
Der alten Welt warst du doch kein Erhalter,
gabst du ihr Plunder aus dem Mittelalter.
Verödet wurde ihre Phantasie
von einem ritterlichen Weltkommis!
Nahmst ihr das Blut aus ihren besten Adern
mit deinen Meer- und Luft- und Wortgeschwadern.
Nie würde sie aus Dreck und Feuer geboren!
Mit deinem Gott hast du die Schlacht verloren!
Die offenbarte Welt, so aufgemacht,
von deinem Wahn um ihren Sinn gebracht,
so zugemacht, ist sie nur Fertigware,
mit der der Teufel zu der Hölle fahre!
Von Gottes Zorn und nicht von seinen Gnaden,
regierst du sie zu Rauch und Schwefelschwaden.
Rüstzeug des Herrn! Wir werden ihn erst preisen,
wirft er dich endlich zu dem alten Eisen!
Komm her und sieh, wie sich ein Stern gebiert,
wenn man die Zeit mit Munition regiert!
Laß deinen Kanzler, deine Diplomaten
durch dieses Meer von Blut und Tränen waten!
Fluch, Kaiser, dir und Fluch auch deiner Brut,
hinreichend Blut, ertränk sie in der Flut!
Ich sterbe, einer deutschen Mutter Sohn.
Doch zeug' ich gegen dich vor Gottes Thron!

Er stirbt.

Ein Totenkopfhusar mit Gefolge erscheint.

Der Totenkopfhusar
Schnedderereng, schnedderedeng!
Die Luft hier ist mein Leibparfeng.
Wir sind die Totenkopfhusaren,
in unsrem Handwerk wohlerfahren.
Wir haben eine schlanke Tallie,
ich lasse stürmen die Kanallie.
Hält man von außen uns für Puppen,
vom Auge fall'n dem Feind die Schuppen.
Denn nimmermehr läßt an die Wimpern
ein Totenkopfhusar sich klimpern!
Jetzt sollen mal die Jungens ran
und jeder zeigen, was er kann,
sie sollen, denn wer wagt gewinnt,
jetzt zeigen, was sie imstande sind.
Seit damals, seit dem Tag der MarneMarne – Fluß in Frankreich, hier, im Raum Paris – Verdun fand im Sept. 1914 die Marneschlacht statt,
ich täglich vor Erschlaffung warne.
Wir müssen warten vor Werdeng.
Schnedderedeng, schnedderereng!

Schnedderedeng, schnedderereng!
Mein Mieder wurde mir zu eng.
Mein Vater ist ein zahmer Panther;
in dem Punkt bin ich viel gewandter.
Ich bin ein junger Jaguar,
das Vaterland ist in Gefahr.
Mein Bart ist britisch zugestutzt;
zu wenig Mörser sind verputzt.
In Frankreich lebt es sich nicht leicht;
es ist bei weitem nicht erreicht!
Solang man jung, solang man jung,
braucht man noch mehr Betätigung.
Doch eh ich opfere die Garde,
soll ins Quartier mein Lieblingsbarde.
Schlag zwölf ist Sturm, glock fünf ist Vesper,
den einzigen Reim drauf weiß mein Presber.
Denn Kunst ist heiter, Dienst ist streng.
Schnedderereng, schnedderedeng!

Die Gruppe verschwindet.

Man hört einen Marsch. Nowotny von Eichensieg tritt auf.

Nowotny von Eichensieg
Ja aus Flak und Dag
und aus Rag und aus Kag
bezieh jeden Tag ich das Menschenpack.

Auch das Hinterland
an die Front wird gesandt.
Wer sich nicht ermannt, der gspürt meine Hand.

Dem gemeinen Mann
tu ich an, was ich kann.
Gott weiß es allein, was liegt daran.

Wer hier tachiniert,
wird zurückinstradiert
und wird aufgehängt oder eingespirrt.

Wer verdächtig wär
oder gar Deserteur,
den schick ich zurück auf das Feld der Ehr.

Wer an Bauchschuß hat
und er steht mir nicht grad,
der stirbt mir zur Straf als a Frontsoldat.

Denn hier ist mein Reich
und mir ist alles gleich
und bevor einer stirbt, is er schon eine Leich.

Und hier ist man gesund,
sagt der Stabsarzt und
der Mensch is im Grund nur a A-Befund.

Ja da gibts keine Wahl,
hier entscheidet die Zahl,
überall is a Menschenmaterial.

Ab.

Der Doktor-Ing. Abendrot aus Berlin erscheint.

Doktor-Ing. Abendrot
Um endlich den endlichen Endsieg zu kriegen,
und dann also endlich unendlich zu siegen,
greift ungebrochne strategische Kraft
in die letzten Reserven der Wissenschaft.
Was half uns die Kunst unsrer Bombenwerfer?
Und das Gas, noch so scharf, macht das feindliche schärfer.
Oft wurde das Anbot von unseren Gasen
in unsre Linien zurückgeblasen.
Bei immer wieder vergebnem Beginnen
muß Wissenschaft endlich auf Abhilfe sinnen.
Da Not bekanntlich das Eisen zerschlagen,
das man einst für Gold uns hat angetragen,
so warfen wir es zum Eisen, zum alten,
um mit unserm Ingenium durchzuhalten.
Als Ritter vom Geist greifen wir noch zum Schwert,
wenn sich längst schon der Flammenwerfer bewährt,
und sind entschlossen, mit Dünsten und Dämpfen
und Minen bis aufs Messer zu kämpfen.
Den Wortschmuck beziehen wir gern für die Tat
aus der Zeit, wo es die noch gegeben nicht hat,
und sind selbst heut in Turnieren befangen,
wo wir längst schon die chlorreichsten Siege errangen.
Mit allen Schikanen der chemischen Kraft
kämpft der Deutsche im Geiste der Ritterschaft.
Nun gilt es in diesen romantischen Tagen
ein Letztes noch in die Schanze zu schlagen.
Der vielen Wunder aus deutschen Mären
wir bringen das radikalste zu Ehren,
und zu widerlegen die Mär von den Hunnen,
griffen wir tief in den deutschen Märchenbrunnen.
Der Erzähler bin ich, denn ich bin der Erfinder;
bestimmt ist's für ungehorsame Kinder,
die immer noch glauben, wir sein die Barbaren,
wiewohl wir elektrotechnisch verfahren.
Das praktische Märchen, das poetische Mittel,
es trägt nach meinem Namen den Titel:
ich stelle mich vor, bin Herr Abendrot
aus Berlin und leuchte zu frühem Tod.
Es war einmal, so will ich beginnen
mit meine Hörerschaft zu gewinnen,
es war einmal eine Lungenpest,
so böse, daß kaum sich's beschreiben läßt.
Doch hat sie die Wissenschaft längst begraben,
und wo man sie brauchte, war sie nicht zu haben.
So hilft ihr die Wissenschaft wieder empor,
denn sie hat für strategische Wünsche ein Ohr.
Sie verhalf schon zu allen den Surrogaten,
die uns das Leben ersetzen, den Kaffee, den Braten.
So ersetz'n wa einfach, m. w., auch den Tod
durch das praktische Mittel Abendrot.
Mit unseren ausgesuchtesten Gasen
jagten wir aus dem Feld nur die falschen Hasen.
Doch fortan, kein Hase bleibt auf dem Platz,
dank unserem Lungenpestersatz!
Die Welt in Spital oder Friedhof zu wandeln,
mußten wir oft zu geräuschvoll handeln.
Nun hoffen wir die Position uns zu stärken,
denn der Feind wird jetzt sterben, ohne selbst es zu merken.
Ein Druck auf den Knopf wird fürder genügen,
über zehntausend feindliche Lungen zu siegen.
Man lebt auf Sandalen und nicht mehr auf Sohlen,
doch der Tod wird sein Opfer geräuschloser holen.
Man hat mich berufen, meine Kunst zu erproben.
So soll nun das Werk seinen Meister loben!
Die Miesmacher wollten den Endsieg uns rauben,
nun werden sie doch an ein Wunder glauben!
Wir woll'n mit dem Tod uns neuorientieren
und unsere letzte Schankze probieren.
Und, wuppdich, ehe der Feind es gedacht,
ist die Sache im Westen auch schon gemacht,
und vor unsern Linien liegen die Leichen,
damit wir den Platz an der Sonne erreichen.
Schon glänzt wie von Abendrot eine Krone.
Ich bin im Weltkrieg die große Kanone!
Mit Tirpitz und Zeppel nehm' ich es auf.
Mit Gott nimmt das neuste Verhängnis den Lauf!

Er drückt auf einen Knopf. Drei Brigaden sinken lautlos um.

Die Kinder, die Kinder, sie hör'n es nicht gern.
So bewährt sich das wahre Rüstzeug des Herrn!
Keine Wacht am Rheine liefert so fest
und so treu wie die Nibelungenpest.
Die Not ließ erkennen das letzte Gebot.
Mein Name ist Siegfried Abendrot.

Er verschwindet.

Es wird dunkel. Es erscheinen Hyänen, die Menschengesichter tragen. Als Sprecher die Hyänen Fressack und Naschkatz. Sie kauern vor den Leichen und sprechen, rechts und links, in ihr Ohr.

Freßsack
Wenn Sie vielleicht was bedarfen, wenn Sie vielleicht was bedarfen,
wir sind da, wir tragen Gesichter als Larven.
Doch erschrecken Sie nicht vor Bärten und Mähnen:
wir sind keine Menschen, wir sind nur Hyänen!
Nur daß Ihr Opfer umsonst nicht wäre,
sind wir hier am Platz, auf dem Felde der Ehre.
Bedarfen Sie nichts, nehmen wir Ihnen was ab,
was solln Sie mit Schmuck und Barschaft ins Grab!

Naschkatz
Ihr seid nebbich froh, daß alles erledigt.
Für eure Verluste haben wir uns entschädigt.
Auf unseren Rat gingt ihr frisch in das Feld,
gabt ihr euer Blut, nahmen wir euer Geld.
Damit wir gewinnen, mußtet ihr wagen,
jetzt gilt's noch ein Scherflein beizutragen.
Wenn ihr auch besiegt seid, wir werden doch siegen.
Das Blut ist gesunken, das Fleisch ist gestiegen.

Freßsack
Ihr könnt euch in dem Punkt auf uns verlassen:
bald wird euch des Kaisers Rock nicht mehr passen.
Mit euren Granaten und Bomben und Minen
fahrt weiter so fort und laßt uns verdienen.
Das ist ein Vergnügen, herum hier zu lungern,
ihr braucht nicht zu frieren, ihr braucht nicht zu hungern!
Wir wissen es doch, unser Ehrenwort, heuer
sind Kohle und Fett noch dreimal so teuer!

Naschkatz
Wir sagen es ins Ohr euch, ihr solltet uns danken:
dadurch, daß ihr hier liegt, gehts besser den Banken.
Durch die Bank konnten sie das Kapital sich vermehren,
die Fusion mit der Schlachtbank kann man ihnen nicht wehren.
Ihr könnt noch von Glück sagen, so ruhig zu liegen,
wenn zugleich mit den Kugeln die Tausender fliegen.
Doch ihr seid entschädigt: ein jeder ein Held!
Ihr schwimmt ja in Blut, und wir nur in Geld.

Freßsack
Ihr werdet doch fortleben in den Annalen!
Umsonst ist der Tod, doch dafür muß man zahlen.
Wir haben den Krieg ja nicht angefangen.
Wir haben ihn nur gewünscht, aber ihr seid gegangen!
Von unsern Verdiensten wird niemand singen,
euch müssen doch schon die Ohren klingen!
Von euch werden euere Enkel noch sagen.
So solln sich die unsern über uns nicht beklagen.

Naschkatz
Meine Kinder wärn auf ein Haar an die Front gekommen.
Zum Glück aber hat man sie nicht genommen.
Der eine is für Hintertürln zu ehrlich,
er is im Geschäft einfach unentbehrlich.
Der andere is zu stolz, so war ich für ihn oben,
a conto dessen is er heute enthoben.
Aufs Jahr lass ich meinen jüngsten entheben.
Ihr wart auch einmal jung – da soll man erleben!

Freßsack
Mein Bub hat ka Protektion, doch er hat sichs gerichtet,
der andere hat Talent, er hat über Siege gedichtet.
In demselben Moment, wie ihn das Vaterland rief,
macht der Jung ein Gedicht und kommt ins Archiv.
Er will aber hinaus – statt dort is ihm lieber
er geht, und wird gleich Dramaturg bei Ben Tiber.
Bittsie drin muß er schreiben, was sich draußen ereignet!
Der Jüngste is nebbich ungeeignet.

Naschkatz
Ihr könnt nicht genug die Mezzie euch preisen,
ihr starbt doch für Wolle, wir leben für Eisen.
Und wir müssen gestern und heute und morgen
uns noch für Leder und Seife und Tafelöl sorgen.
Freihändig offeriert man und erlebt noch die Schand,
ein Dutzend Waggons bleibt einem in der Hand!
Jetzt gehts noch, doch im Frieden – da sag ich von Glück,
wenn, Gott geb, entsteht eine Waffenfabrik.

Freßsack
Gott verhüte das Unglück, wer redt heut von Frieden,
wir haben uns zur Not mit der Kriegsnot beschieden.
Wir liefern und leisten, und geben auch was her –
dann wärn wir geliefert, und das wär ein Malheur.
Was heißt Waffenfabrik, ich bin zufrieden mit Skoda,
die Wirkung wie treffend beschreibt Roda Roda.
Wenn ihr schon genug habt, so laßt nackt euch begraben,
meine Frau will einen neuen Pelzmantel haben.

Naschkatz
Ihr könnt es uns glauben, das Leben ist sauer,
ihr Toten, ihr solltet für uns tragen Trauer.
Wenn sich einmal herausstellt, man hat umsonst sich geplagt,
das Friedensrisiko – Ihnen gesagt!
Wie wenig bleibt einem, denn für meinen Sohn
kauf ich jetzt ein Gut, und mein Freund wird Baron.
Einem jeden das Seine. Dem Helden das Grab.
Wir sind die Hyänen. Uns bleibt nur der Schab!

Chor der Hyänen
So sei's! So sei's!
Doch nur leis! Nur leis!
Die Schlacht war heiß
und durch eueren Schweiß
und durch unseren Fleiß
ist gestiegen der Preis.
Gott weiß, Gott weiß.
Noch drei Waggon Reis
und noch drei Waggon Mais
stehn auf dem Geleis.
Steh auf, geh leis!
Wir schließen den Kreis.
So sei's! So sei's!

Tango der Hyänen um die Leichen. Die Flammenwand im Hintergrund ist inzwischen verschwunden. Ein schwefelgelber Schein bedeckt den Horizont. Es erscheint die riesenhafte Silhouette des Herrn der Hyänen. In diesem Augenblick stehn die Hyänen still und bilden Gruppen.

Der Herr der Hyänen Schwarzer, graumelierter, wolliger, ganz kurzer Backen- und Kinnbart, der das Gesicht wie ein Fell umgibt und mit ebensolcher Haarhaube verwachsen scheint; energisch gebogene Nase; große gewölbte Augen mit vielem Weiß und kleiner stechender Pupille. Die Gestalt ist gedrungen und hat etwas Tapirartiges. Jackettanzug und Piquéweste. Der rechte Fuß in ausschreitender Haltung. Die linke Hand, zur Faust geballt, ruht an der Hosentasche, die rechte weist mit gestrecktem Zeigefinger, auf dem ein Brillant funkelt, auf die Hyänen.
Habt acht! Und steht mir grade!
Ich komme zur Parade,
und es gefällt mir gut.
Ihr habt die Schlacht gewonnen!
Nun ist die Zeit begonnen!
Nun zeiget euren Mut!

Müßt nicht mit leisen Tritten
den Tod um Beute bitten.
Weh dem, der jetzt noch schleicht!
Nein, sollt mit freiem Fuße
ihn treten, Gott zum Gruße!
Denn jetzt ist es erreicht!

Und der es einst vollbrachte,
an seinem Kreuz verschmachte,
wert, daß man ihn vergißt.
Ich tret' an seine Stelle,
die Hölle ist die Helle!
Ich bin der Antichrist.

Dank steigt von allen Dächern,
Daß jener zwischen Schächern
nun auch sein Spiel vollbracht.
Sein bißchen Blut, verronnen
ist's kläglich an den Tonnen
der unverbrauchten Macht!

Die Liebe ist gelindert!
Sie hat es nicht verhindert,
was nun zum Glück geschah.
So hört, ihr wahrhaft Frommen,
das Heil ist doch gekommen,
der Antichrist ist nah!

Die nie besiegte Rache
half der gerechten Sache,
ich war ihr gutes Schwert!
Sie zogen blank vom Leder
dank meiner guten Feder.
Die Macht nur ist der Wert!

Aus diesem großen Ringen
mit vielen Silberlingen
gehn siegreich wir hervor.
So schließen sich zum Ringe
die altgedachten Dinge.
Das Kreuz den Krieg verlor!

Und die gekreuzigt hatten,
wir treten aus dem Schatten
mit gutem Judaslohn!
Mich schickt ein andrer Vater!
Von seinem Schmerztheater
tritt ab der Menschensohn.

Er weicht dem guten Bösen.
Er wollt' die Welt erlösen;
sie ist von ihm erlöst.
Damit sie ohne Reue,
was sie erlöst hat, freue
und für den Himmel tröst'!

Der Haß mußt' sich empören.
Um nimmer aufzuhören,
war Liebe nicht gemacht.
Dank dieser Weltverheerung
gilt eine ewige Währung,
zu der der Teufel lacht!

Geht auch die Welt auf Krücken,
der Fortschritt mußte glücken,
ging aufs Geschäft er aus.
Was Gott nicht will, gelingt doch,
der Teufel selber hinkt doch
und macht sich nichts daraus.

Mit invalider Ferse
geht dennoch er zur Börse
und treibt den Preis hinauf.
Dort ist's gottlob nicht heilig,
der Teufel hat's nicht eilig
und läßt der Welt den Lauf.

Ich bin sein erster Faktor,
ich bin des Worts Redaktor,
das an dem Ende steht.
Ich kann die Seelen packen
und trete auf den Nacken
von aller Majestät!

Ich züchtige die Geister.
Drum zollet eurem Meister
den schuldigen Tribut.
Nach diesen großen Taten
auf größern Inseraten
die neue Macht beruht.

Das Leben abzutasten
mit unbeirrtem Hasten,
seid, Brüder, mir bereit.
Versteht der Zukunft Zeichen,
tastet noch ab die Leichen,
in Ziffern spricht die Zeit!

Laßt keine Werte liegen,
die dann die andern kriegen,
macht eure Sache ganz!
Tragt ein in die Annalen
die intressantern Zahlen
und macht mir Blutbilanz!

Der alte Pakt zerreiße!
So wahr ich Moriz heiße,
der Wurf ist uns geglückt!
Weil jener andre Hirte
sich ganz gewaltig irrte!
Ich heiße Benedikt!

Ich bin gottlob verwandt nicht,
die andere Welt sie ahnt nicht,
daß ich ein andrer Papst.
Denn alle an mich glauben,
die wuchern und die rauben
und die im Krieg gegrapst.

Die Frechen und die Feigen
vor meinem Thron sich neigen,
denn nun erst gilt das Geld.
Daß nie der Zauber weiche
von diesem meinem Reiche!
Es ist von dieser Welt!

Ging' es nicht über Leichen,
die dicken, schweren Reichen
das Reich erreichten nie.
Steht auch die Welt in Flammen,
wir finden uns zusammen
durch schwärzliche Magie!

Durch die geheime Finte
zum Treubund rief die Tinte
die Technik und den Tod.
Mögt nie den Dank vergessen
den Blut- und Druckerpressen.
Ihr habt es schwarz auf rot!

Ich traf mit Druckerschwärze
den Erzfeind in das Herze!
Und weil es ihm geschah,
sollt ihr den Nächsten hassen,
um Judaslohn verlassen –
der Antichrist ist da!

Walzer der Hyänen um die Leichen.

Die Hyänen
So sei's! So sei's!
Wir treten mit Mut.
Wir treten nicht leis.
Wir trinken das Blut!

Wir treten mit Mut.
Wir trinken es heiß.
Wir treiben das Blut.
Wir treiben den Preis!

Vergossen, vergessen,
genossen, gegessen,
wir prassen und pressen,
wir treiben den Preis!

So sei's! So sei's!
Wir treiben es mit Mut.
Die Schlacht war heiß.
Wir pressen das Blut!

Nicht sinke der Mut.
Wir bleiben im Kreis.
Wir treiben das Blut.
Nicht sinke der Preis!

Vergossen, vergessen,
genossen, gegessen,
wir fressen und pressen,
wir treiben den Preis!

Wir treten und treiben
und trinken das Blut.
Wir pressen es gut!

Wir treten und treiben
und trinken es heiß.
Wir treiben den Preis!

Schlaft gut, schlaft gut!
Wir treten nicht leis.
Eia popeia!
So sei's! So sei's!

Die Hyänen lagern sich über die Leichen.

Drei gelegentliche Mitarbeiter erscheinen.

Der erste gelegentliche Mitarbeiter
Der Frühschein schon über der Finsternis liegt.
Der Walzer hat über den Tango gesiegt.

Der zweite gelegentliche Mitarbeiter
Wie sich endlich der Frohsinn der Trübsal gesellt!
Es sind die Vertreter der Handelswelt.

Der dritte gelegentliche Mitarbeiter
Das Leben erholt sich von mühvollen Taten.
's gibt Industriekapitäne und Bankmagnaten.

Der Erste
Ich muß nicht mehr in der Einsamkeit wandern.
Ich habe sie schon bemerkt unter andern.

Der Zweite
Mir scheint selbst, das Ziel ist gar nicht mehr weit.
Ich hatte bereits die Gelegenheit.

Der Dritte
Man hat auch genug von dem Treiben der Truppen.
Es bilden sich wieder die anderen Gruppen.

Der Erste
Das wird, mein' ich, jetzt ein ganz anderer Fall.
Ich wittere Morgenluft und Concordiaball!

Der Zweite
Er übertrifft ganz gewiß seine Vorgänger weit.
Frau Fanto trägt ein Ecru-Creme-Crepe-Souplekleid.

Der Dritte
Die Estrade wird kaum ihre Zugkraft verlieren.
Das Publikum seh' ich bereits sich massieren.

Der Erste
Daß sie, gottbehüt, nicht zusammenbräche!
Jetzt ziehn sie sich alle schon in die Gespräche.

Der Zweite
Jetzt kommen auch die, die sich immer begeben.
Was sich sonst noch begibt, soll man nicht erleben.

Der Dritte
Der Salvator hat einen elastischen Schritt.
Drei kaiserliche Räte erscheinen zu dritt.

Der Erste
Zwei Konsuln erscheinen, weil man sie vermißte
sonst in der sonst schon vollzähligen Liste.

Der Zweite
Man verliert keine Zeit, die Verlustliste lesend.
Zum Glück ist, was Namen hat, heute anwesend.

Der Dritte
Denn hier geschieht, was längst geschah;
die da sind da zu sein, sind da!

Der Erste
Es wimmelt von Sternen und auch Koryphän,
nein, was sich da tut, man wird doch da sehn!

Der Zweite
Der Generalstab ist verhindert, aber der Höfer ist erschienen.
Noch liegt der Ernst auf den sämtlichen Mienen.

Der Dritte
In der welthistorischen Faschingsnacht
weiß man doch, wofür man die Opfer gebracht.

Der Erste
Gern möcht' ich noch wissen, was der Feind sich da dächte.
Denn, ei, der Humor tritt schon in seine Rechte.

Der Zweite
Sieh, alles ist da, die Niedern und Obern.
Die Jugend will sich das Tanzrecht erobern.

Der Dritte
Ich fürchte, zu Ende geht dieses Fest.
Sie sehn doch, der Teufel tanzt mit der Pest!

Sie entfliehn.

Nun ist der ganze Horizont von Rauchschwaden bedeckt. Ein scharlachfleckiger Mond tritt aus den Wolken, die in schwarzgelben und farbigen Fetzen hängen. Im Feld ein chaotisches Durcheinander aller Truppenkörper. Drei Panzerautomobile erscheinen. Menschen und Tiere in wilder Flucht. Stimmengewirr.

Erste Stimme
Mir klappern die Knochen, mir klappern die Knochen!
Der Angriff ist in unserem Feuer gebrochen.

Zweite
Die Affäre wird uns noch übel bekommen!
Wir haben die Stellung mit kühnem Handstreich genommen.

Dritte
Das halt' wenn er Lust hat der Teufel aus!
Wir warfen den Gegner aus dem Graben hinaus.

Vierte
Da hat uns der Herrgott was Schönes beschert!
Zwei der Unsrigen sind nicht zurückgekehrt.

Erste
Ich fürchte, verlustreich ist diese Schlacht!
Wir haben Gefangene eingebracht.

Zweite
Der Feind fürcht' ich uns von der Flanke bedroht!
Ein Säugling und zwei Zivilisten sind tot.

Dritte
Etliche Volltreffer haben wir heute erzielt!
Fünf Kinder haben auf dem Spielplatz gespielt.

Vierte
Wir sind hin, ob Fußtruppe oder reitend!
Der militärische Schade ist unbedeutend.

Erste
Die drüben so mörderisch Kirchweih feiern,
kein Zweifel, es sind die braven Bayern!

Zweite
Das wird ja mit jedem Augenblick ärger!
Es sind wohl die wackeren Württemberger.

Dritte
Die jetzt ihre Todesverachtung bewiesen,
das sind die Thüringer, Pfälzer und Friesen.

Vierte
Das Ergebnis der Handlung wird es euch lehren,
daß sich die heißblütigen Honveds bewähren.

Erste
Ihnen die Angriffslust zu bewahren,
treiben wir vorwärts die tapfern Bulgaren.

Zweite
Die dort so schlappe sich schieben und schleppen,
das sind die verbündeten Kismetknöppen.

Dritte
Na warts, jetzt gibts ordentlich Hieb mit der Peitschen!
Jetzt kommen die Deitschen! Ja, das sind halt die Deitschen!

Vierte
Es regnet in Strömen, das Terrain wird schon weicher.
Das sind die gemütlichen Österreicher.

Diese
Da sind wir in einer schönen Soß!
Das ist der lange erwartete Gegenstoß!

Jene
Wer nicht deutsch mit dem Feind spricht, ist ein Hundsfott! 'n Halunke!
Ihr seid in der Sauce, wir sind in der Tunke!

Verschiedene
Was geht denn nur vor, sind wir denn vereint?
Schießt der Feind auf den Freund oder der Freund auf den Feind?

Andere
Was soll uns denn diese Verbrüderung nützen?
Die schießen ja mit unsern eignen Geschützen!

Alle
Das ist wohl die schwerste von allen unsern Krisen!
Der Angriff ist mühelos abgewiesen.

Die Eine
Wir sind aus'm Wasser! Das Himmelsgewölb
verfärbt sich, auf einmal is alles schwarzgelb!

Die Andere
Ach, 's ist doch zum Schießen, ik lache mir tot,
der Himmel vaschtehste ist nur schwarzweißrot!

Die Eine
Ja Schmarrn, da schau her, das siehst du doch selber,
über euch is er schwarz, über uns is er gelber.

Die Andere
Der Himmel allein weiß, wofür wir hier starben.
Er führt selbstvaständlich nur unsere Farben!

Beide
Jedenfalls will er freundlich den Fortgang begleiten,
schön ist es, Schulter an Schulter zu streiten.

Die Eine
Und am End wird sich uns die Geschichte schon lohnen –

Die Andere
dank unsern vortrefflichen Kruppkanonen.
Wir verlassen uns ganz auf unsere Stärke –

Die Eine
durch Gottes und unsere Skoda-Werke.

Beide
Doch fürchten wir beide noch aufzusitzen,
denn wir haben ja die neuesten Feldhaubitzen!

Blitze

Alle Stimmen durcheinander
Ja, die da sind schneidig!
Die hier haben Flammen!
Die dort sind uns neidig,
wir hau'n alles zusammen!

Feurige Schlangen am Himmel, rote und grüne Lichter

Was ist denn los? Was ist denn los?

Stimmen von oben
Der lange erwartete Gegenstoß!

Stimmen von unten
Wir sind die Sieger! Wir sind die Sieger!
Kopf hoch, das sind ja die eigenen Flieger!

Stimmen von oben
Ja, Flieger, die mit ganz andern Gewichten
euch den militärischen Stützpunkt vernichten!

Stimmen von unten
Das ist gar ein prächtiger Zeitvertreib,
die töten das Kind dann im Mutterleib!

Feurige Sterne, Kreuze und Schwerter am Himmel

Seht, welche Pracht,
mit den schönsten Orden
lohnt diese Nacht
unser braves Morden.

Leuchtende Kugeln, Feuergarben

Die Untertanen
Ereignisse merken
mit Flaggen und Fahnen
und Feuerwerken.

Drei Kometen erscheinen

Stimmen von oben
Drei feurige Reiter auf feurigen Rossen!
Daß die euch am Ende nicht schlechter gefielen!

Stimmen von unten
Bei uns kommen sie wie aus der Kanone geschossen,
sie kommen auf Panzerautomobilen!

Stimmen von oben
Nicht unwürdig wären sie eures Danks!
Sind Maschinen von einem andern Gusse!

Stimmen von unten
Wir kennen den Schwindel, wir hab'n unsre Tanks,
die apokalyptischen Autobusse!

Zwei Ordonnanzen kommen

Erste Ordonnanz
Laßt Hosianna erschallen, laßt Hosianna erschallen:
Bomben sind auf den ÖlbergÖlberg – Berg in Palästina, nach der christlichen Mythologie (Ap. 1,2) Ort der Himmelfahrt Jesu gefallen!

Zweite Ordonnanz
Das gläubige Ohr kein Zweifel belästigt:
Der Ölberg war längst militärisch befestigt!

Erste
Lob sei von euch dem Kühnen gesungen,
und preiset mir auch den Weisen laut:
dem endlich der große Wurf gelungen,
und jenen, der rechtzeitig vorgebaut.

Zweite
Jenen und diesen, die's endlich vollbrachten,
laßt sie auf Lorbeern, auf Dornen nicht ruhn.
Denn wenn sie sich auch etwas anderes dachten,
ach, sie wußten doch, was sie tun.

Beide
Wenn statt der Kanone das Kreuz getroffen,
bei verfehltem Ziel ist die Absicht löblich.
Nicht splitterrichtend, wollen wir hoffen:
Der militärische Schade ist unerheblich.

Ein großes blutiges Kreuz erscheint

Stimmen von oben
Nun tretet zurück, der Anblick gebeut's!
Habt Achtung vor unserem roten Kreuz!

Stimmen von unten
Wer macht uns das nach, uns macht man nichts vor,
wir achten kein Amen, wir scheuen kein Omen!
Solang unser Kaiser den Kopf nicht verlor,
schreckt uns kein Astronom mit seinen Phantomen!

Blutregen setzt ein

Stimmen von oben
Geht zurück, wenn ihr könnt, und seid auf der Hut!
Bei euch ist's zu trocken, von oben fließt Blut!

Stimmen von unten
Unser neuester Trick, das muß man nur wissen,
das hat unser Kriegsrat längst beschlossen.
Wir haben doch den Feind in der Luft zerrissen,
so kommt eben das Blut von oben geflossen.
Die Einheit der Fronten ist hergestellt –

Stimmen von oben
wenn eine mit der andern zusammenfällt!

Stimmen von unten
Wir sind stärker denn je, wenn das Wetter nur will,
so hat uns der Generalstab berichtet.

Stimmen von oben
Doch das Wetter pariert einem andern Drill!
Der Himmel ist schwarz, eure Reihn sind gelichtet!

Aschenregen setzt ein

Stimmen von unten
Das ist ja ein Segen, das ist ja ein Segen,
das ist unser künstlicher Aschenregen!

Steinregen setzt ein
Mit Steinen schmeißen? Ein altes Verfahren!
Da sind unsre Handgranaten schon neuer.
Der Anwurf prallt an uns ab, die seit Jahren
sind abgehärtet im Trommelfeuer!

Stimmen von oben
Wir sind drin noch nicht so sehr fortgeschritten,
doch werden wir es mit der Zeit schon noch lernen.
Denn unter uns, den besseren Sternen,
gibt es zwar Vaganten, doch unter uns Banditen!

Stimmen von unten
Jeder Stern kann von Glück sagen, scheint er über Berlin.
Eure Offensive ist der typische Anfangsgewinn!

Funkenregen setzt ein

Eine Stimme von unten
Ich komm' nicht ins Reine
mit der Erscheinung.
Davon hab' ich meine
besondere Meinung.

Zweite Stimme von unten
Was soll dieses Schwirren?
Was soll das Gefunkel?
Es scheint – davor irren
wir alle im Dunkel.

Völlige Finsternis

Die Kino-Operateure
Das gibts nicht, was heißt das, das ist doch kein Licht!
Da wird ja doch keine Nummer daraus,
zwischen dem Sketch »Willi geniert sich nicht«
und dem Detektiv-Schlager »Mir kommt keiner aus!«
Das gibts nicht, wir haben doch einen Vertrag,
wir brauchen einen Treffer und keine Nieten!
Der Isonzofilm läßt sich zwar nicht überbieten,
doch woll'n wir mehr Licht für den »Jüngsten Tag«!

Eine Stimme von oben
Zu eurem unendlichen Schädelspalten
haben wir bis zum Endsieg durchgehalten.
Nun aber wißt, in der vorigen Wochen
hat der Mars die Beziehungen abgebrochen.
Wir haben alles reiflich erwogen
und sind in die Defensive gezogen.
Wir sind denn entschlossen, euern Planeten
mit sämtlichen Fronten auszujäten
und mit allen vermessenen Erdengewürmen,
die sich erfrechten, die Sphären zu stürmen,
und wie immer sie sich gewendet haben,
das Bild der Schöpfung geschändet haben,
die Tiere gequält und die Menschen versklavt,
die Schande geehrt und die Würde bestraft,
die Schlechten gemästet, die Guten geschlachtet,
die eigene Ehre am tiefsten verachtet,
sich als Hülle irdischer Güter benutzt,
ihre Sprache durch ihr Sprechen beschmutzt,
und Seele und Sinne, Gedanke und Wort
und ihr Jenseits nur aufgemacht für den Export,
und Tod und Teufel und Gott und die Welt
und die Kunst in den Dienst des Kaufmanns gestellt,
den Lebenszweck hinter dem Mittel versteckt,
mit dem Leib ihre Fertigware gedeckt
als Knechte ihrer Notwendigkeiten,
die ihr Dasein mit ihrem Dasein bestreiten,
sich selber für das Produkt verkauft
und mit dem andern um den Rohstoff gerauft,
und ihren Handel mit Haß nicht geendet,
mit Geld und Gift sich die Augen geblendet,
in ihrem ruchlos verblendeten Nichts
sich unwert erwiesen des ewigen Lichts
und unter den Strahlen der Sterne und Sonnen
sich Schlachten geliefert und Schanden gewonnen,
im Frevel geeint, von Süden bis Norden
den Geist nur verwendet, um Leiber zu morden
und einverständlich von Osten bis Westen
die Luft mit Rache und Rauch zu verpesten,
die beten konnten, um besser zu töten
und nicht vor Scham, nur von Blut zu erröten,
ihren Gott gelästert und ihrer Natur
zertreten die letzte lebendige Spur,
das Blaue vom Himmel heruntergelogen,
mit Landesfarben die Landschaft betrogen,
Eisen gefressen, jedoch zumeist
mit siegreichen Lügen sich abgespeist,
auf die Not des Nebenmenschen gepocht,
am Brand des Nachbarn die Suppe gekocht,
von fremdem Hunger die Nahrung genommen,
und sich dabei selbst nicht satt bekommen,
das Haupt des andern mit glühenden Kohlen
beladen, um sich etwas Wärme zu holen
und diese Empfindung frech zu besteuern
und die Butter am eigenen Kopf zu verteuern,
erpreßt und geplündert, gelogen wie gedruckt
und als Kost nur den eigenen Wahn verschluckt,
Invaliden auf allen Siegeswerkeln,
Agenten mit Lues und frischen Tuberkeln,
Händler und Helden und Menschenjäger,
Bombenwerfer, Bazillenträger,
Raubbauer am Schatze der Phantasie,
Bankrotteure der eigenen Ökonomie,
Buschräuber hinter dem Ideale,
Glücksritter in einem Jammertale,
gepanzert mit Bildung, gewandt und gelehrt,
überbewaffnet und unterernährt,
von Gnaden ihrer Maschine mächtig,
hochmütig und dennoch niederträchtig,
von sich überzeugte Untertanen,
erbaute Erbauer von BagdadbahnenBagdadbahn – die 2450 km lange Bahnlinie Konya – Bagdad – Basra, 1903 unter maßgeblicher deutscher Beteiligung begonnen
Hochstapler der Höhen und Schwindler der Tiefen,
Hyänen, die Leben und Tod beschliefen,
Flieger, die an dem Irdischen haften,
Sklaven der neusten Errungenschaften,
in Tort und Technik bestens erfahren,
elektrisch beleuchtete Barbaren,
die vor dem Tod noch den Einfall hatten,
ihn mit allem Komfort fix auszustatten,
so daß er bei jenen behaglich gelebt,
die auf der Flucht vom Ursprung das Kriegsziel erstrebt! –
Nicht abgeneigt einem Verständigungsfrieden,
hat das Weltall sich folgendermaßen entschieden:
Wir vom Mars sind gar nicht eroberungssüchtig.
Doch greift man was an, so greift man es tüchtig.
Zum Heil des Alls und all seiner Frommen
haben wir eure Methoden angenommen.
Sowohl um zu forschen wie um zu töten
war uns eure Wissenschaft vonnöten.
Durchs Fernrohr betrachtet war euer Stern uns nur Schnuppe:
wir besahn den martialischen Zwerg durch die Lupe!
Wir woll'n nur ein wenig das Wetter erheitern,
doch nimmer an euch unsre Grenzen erweitern.
Die Prüfung war schwer. Vernehmt das Ergebnis:
Wir planen mit euch ein besondres Erlebnis.
Fern sei es von uns, euch zu annektieren,
wir würden dadurch an Prestige verlieren.
Zu friedlicher Arbeit dem Kosmos zu nützen,
wollen wir nur die eigenen Grenzen schützen.
Entschlossen, auf euern Besitz zu verzichten,
wollen wir das Geschäft ganz anders verrichten.
Die Kriegskosten werdet ihr freilich bezahlen,
da der Schuldner getilgt wird aus den Annalen,
damit auf Ewigkeitsdauer die Sphären
sich über Störung der Harmonie nicht beschweren,
nicht greife in den verschlossenen Äther
die Hand der Denker und Attentäter,
und kein Schlachtendonner, kein Handelstauschen
je dringe zu unserm verschwiegenen Rauschen!
Habt lange genug im Weltall gesprochen.
Die Ewigkeit ist bereits angebrochen.
Lang' wartetet ihr und warteten wir,
wir harrten geduldig, ihr hofftet mit Gier.
Und damit doch auf eurer noch hoffenden Erde
nun endlich der endliche Endsieg mal werde,
und damit sich dagegen kein Widerspruch regt
haben wir sie erfolgreich mit Bomben belegt!

Meteorregen setzt ein

Stimme von unten
Mal 'ran ins Feld!
Noch einer mehr!
Und wenn die Welt –

Flammenlohe

Stimme von unten
Nur feste druff!
Auf Knall und Fall!
Es braust ein Ruf –

Weltendonner

Stimme von unten
Das ist uns neu!
Was soll das sein?
Fest steht und treu –

Untergang

Stimme von unten
Wir sind verbrannt!
Wer brach da ein?
Lieb Vaterland –

Ruhe

Stimme von oben
Der Sturm gelang. Die Nacht war wild.
Zerstört ist Gottes Ebenbild!

Großes Schweigen

Die Stimme Gottes
Ich habe es nicht gewollt.

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