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Die letzten Tage der Menschheit

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
authorKarl Kraus
titleDie letzten Tage der Menschheit
publisherVerlag Volk und Welt
year1971
correctorreuters@abc.de
senderwww.welcker-online.de
created20071125
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I. Akt

1. Szene

Wien. Ringstraßenkorso. Sirk-Ecke. Etliche Wochen später. Fahnen an den Häusern. Vorbeimarschierende Soldaten werden bejubelt. Allgemeine Erregung. Es bilden sich Gruppen.

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee –!

Zweiter Zeitungsausrufer: Extraausgabee! Beidee Berichtee!

Ein Demonstrant (der sich von einer Gruppe den Prinz-Eugen-Marsch singender Leute loslöst, ruft mit hochrotem Gesicht und schon ganz heiser unaufhörlich): Nieda mit Serbieen! Nieda! Hoch Habsburg! Hoch! Hoch Serbieen!

Ein Gebildeter (den Irrtum bemerkend, versetzt ihm einen Rippenstoß): Was fällt Ihnen denn ein –

Der Demonstrant (anfangs verdutzt, besinnt sich): Nieda mit Serbieen! Nieda! Hoch! Nieda mit Habsburg! Serbieen!

(Im Gedränge einer zweiten Gruppe, in die auch eine Prostituierte geraten ist, versucht ein »Pülcher«, der dicht hinter ihr geht, ihr die Handtasche zu entreißen.)

Der Pülcher (ruft dabei unaufhörlich): Hoch! Hoch!

Die Prostituierte: Loslassen! Sie unverschämter Mensch! Loslassen oder –

Der Pülcher (von seinem Vorhaben ablassend): Wos rufn S' denn net hoch? Sie wolln a Padriodin sein? A Hur san S', mirken S' Ihna das!

Die Prostituierte: A Taschelzieher san S'!

Der Pülcher: A so a Schlampen – jetzt is Krieg, mirken S' Ihna das! A Hur san S'!

Ein Passant: Burgfrieden, wenn ich bitten darf! Halten S' an Burgfrieden!

Die Menge (aufmerksam werdend): A Hur is! Was hats gsagt?

Ein zweiter Passant: Wenn mr recht vurkummt, so hat s' was gegen das angestaamte Herrscherhaus gsagt!

Die Menge: Nieda! Hauts es! (Dem Mädchen ist es gelungen, in einem Durchhaus zu verschwinden.) Laßts es gehn! Mir san net aso! Hoch Habsburg!

Ein Reporter (zu seinem Begleiter): Hier scheinen Stimmungen zu sein. Was tut sich?

Der zweite Reporter: Ma werd doch da sehn.

Ein Armeelieferant (hat mit einem zweiten eine Ringstraßenbahn bestiegen): Da sehn wir sie besser. Wie schön sie vorbeimarschieren, unsere braven Soldaten!

Der Zweite: Wie sagt doch Bismarck, steht heut in der Presse, unsere Leut sind zum Küssen.

Der Erste: Wissen Sie, daß sogar Eislers Ältester genommen is?

Der Zweite: Was Sie nicht sagen! Das hat die Welt nicht gesehn! So reiche Leute auch. Daß sich da nichts machen hat lassen?

Der Erste: Es heißt, sie versuchen jetzt. Wahrscheinlich wird er hinaufgehn und sichs richten.

Der Zweite: Und im äußersten Fall – Sie wern sehn, jetzt wird er ihm doch das Automobil kaufen, was er sich hat in den Kopf gesetzt.

Der Erste: Kann man auch verunglücken.

Ein Passant: Habe die Ehre, Herr Generaldirektor!

Ein anderer Passant (zu seinem Begleiter): Hast ghört? Weißt, wer das is? Ein Generaldirektor in Zivil. Da muß man vorsichtig mit'n Reden sein. Das is nämlich der Vorgesetzte von die Generäle.

Ein Offizier (zu drei anderen): Grüß dich Nowotny, grüß dich Pokorny, grüß dich Powolny, also du – du bist ja politisch gebildet, also was sagst?

Zweiter Offizier (mit Spazierstock): Weißt, ich sag, es is alles wegen der Einkreisung.

Der Dritte: Weißt – also natürlich.

Der Vierte: Ganz meine Ansicht – gestern hab ich mullattiert –! habts das Bild vom Schönpflug gsehn, Klassikaner!

Der Dritte: Weißt, in der Zeitung steht, es war unanwendbar.

Der Zweite: Unabwendbar steht.

Der Dritte: Natürlich, unabwendbar, weißt ich hab mich nur verlesen. Also was is mit dir?

Der Vierte: No weißt ich hab halt also Aussicht ins KM.

Der Erste. No bist a Feschak, kommst halt zu uns. Du gestern war ich dir im Apollo bei der Mela Mars – hat mir der Nowak von Neunundfünfziger gsagt er hat ghört ich bin eingegeben für die Silberne.

Ein Zeitungsausrufer: Tagblaad! Kroßer Sick bei Schaabaaz!

Der Vierte: Gratuliere dir – hast die gsehn? Ein Gustomenscherl was sich gwaschen hat, sag ich euch – warts, ich – (ab.)

Die Andern (ihm nachrufend): Kommst also nachher zum Hopfner!

Ein Wiener (hält von einer Bank eine Ansprache): – denn wir mußten die Manen des ermordeten Thronfolgers befolgen, da hats keine Spompanadeln geben – darum, Mitbürger, sage ich auch – wie ein Mann wollen wir uns mit fliehenden Fahnen an das Vaterland anschließen in dera großen Zeit! Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden! Mir führn einen heilinger Verteilungskrieg führn mir! Also bitte – schaun Sie auf unsere Braven, die was dem Feind jetzt ihnere Stirne bieten, ungeachtet, schaun S' wie s' da draußen stehn vor dem Feind, weil sie das Vaterland rufen tut, und dementsprechend trotzen s' der Unbildung jeglicher Witterung – draußen stehn s', da schaun S' Ihner s' an! Und darum sage ich auch – es ist die Pflicht eines jedermann, der ein Mitbürger sein will, stantape Schulter an Schulter sein Scherflein beizutrageen. Dementsprechend!-Da heißt es, sich ein Beispiel nehmen, jawoohl! Und darum sage ich auch – ein jeder von euch soll zusammenstehn wie ein Mann! Daß sie 's nur hören die Feind, es ist ein heilinger Verteilungskrieg was mir führn! Wiar ein Phönix stema da, den s' nicht durchbrechen wern, dementsprechend – mir san mir und Österreich wird auferstehn wie ein Phallanx ausm Weltbrand sag ich! Die Sache für die wir ausgezogen wurden, ist eine gerechte, da gibts keine Würschteln, und darum sage ich auch, Serbien – muß sterbien!

Stimmen aus der Menge: Bravo! So ist es! – Serbien muß sterbien! – Ob's da wüll oder net! – Hoch! – A jeder muß sterbien!

Einer aus der Menge: Und a jeder Ruß –

Ein Anderer (brüllend): – ein Genuß!

Ein Dritter: An Stuß! (Gelächter.)

Ein Vierter: An Schuß!

Alle: So is! An Schuß! Bravo!

Der Zweite: Und a jeder Franzos?

Der Dritte: A Roß! (Gelächter.)

Der Vierte: An Stoß!

Alle: Bravo! An Stoß! So is!

Der Dritte: Und a jeder Tritt – na, jeder Britt!?

Der Vierte: An Tritt!

Alle. Sehr guat! An Britt für jeden Tritt! Bravo!

Ein Bettelbub: Gott strafe England!

Stimmen: Er strafe es! Nieda mit England!

Ein Mädchen: Der Poldl hat mir das Beuschl von an Serben versprochen! Ich hab das hineingeben in die Reichspost!

Eine Stimme: Hoch Reichspost! Unser christliches Tagblaad!

Ein anderes Mädchen: Bitte, ich habs auch hineingeben, mir will der Ferdl die Nierndln von an Russn mitbringen!

Die Menge: Her darmit!

Ein Wachmann: Bitte links, bitte links.

Ein Intellektueller (zu seiner Freundin): Hier könnte man, wenn noch Zeit wär, sich in die Volksseele vertiefen, wieviel Uhr is? Heut steht im Leitartikel, daß eine Lust is zu leben. Glänzend wie er sagt, der Glanz antiker Größe durchleuchtet unsere Zeit.

Die Freundin: Jetzt is halber. Die Mama hat gesagt, wenn ich später wie halber zuhaus komm, krieg ichs.

Der Intellektuelle: Aber geh bleib. Schau dir bittich das Volk an, wie es gärt. Paß auf auf den Aufschwung!

Die Freundin: Wo?

Der Intellektuelle: Ich mein' seelisch, wie sie sich geläutert haben die Leut, im Leitartikel steht doch, lauter Helden sind. Wer hätte das für möglich gehalten, wie sich die Zeiten geändert haben und wir mit ihnen.

(Ein Fiaker hält vor einem Hause.)

Der Fahrgast: Was bekommen Sie?

Der Fiaker: Euer Gnaden wissen eh.

Der Fahrgast: Ich weiß es nicht. Was bekommen Sie?

Der Fiaker: No was halt die Tax is.

Der Fahrgast – Was ist die Tax?

Der Fiaker: No was S' halt den andern gebn.

Der Fahrgast: Können Sie wechseln? (Reicht ihm ein Zehnkronenstück in Gold.)

Der Fiaker: Wechseln, wos? Dös nimm i net als a ganzer, dös könnt franzeisches Göld sein!

Ein Hausmeister (nähert sich): Wos? A Franzos? Ahdaschaurija. Am End gar ein Spion, dem wer mrs zagn! Von woher kummt er denn?

Der Fiaker: Von der Ostbahn!

Der Hausmeister: Aha, aus Petersburg!

Die Menge (die sich um den Wagen gesammelt bat): A Spion! A Spion! (Der Fahrgast ist im Durchhaus verschwunden.)

Der Fiaker (nachrufend): A so a notiger Beitel vardächtiga!

Die Menge: Loßts'n gehn! Mochts kane Reprassalien, dös ghört si nett! Mir san net aso!

Ein Amerikaner vom Roten Kreuz (zu einem andern): Look at the people how enthusiastic they are!

Die Menge: zwa Engländer! Reden S' deutsch! Gott strafe England! Hauts es! Mir san in Wean! (Die Amerikaner flüchten in ein Durchhaus.) Loßts es gehn! Mir san net aso!

Ein Türke (zu einem andern): Regardez l'enthousiasme de tout le monde!

Die Menge: Zwa Franzosen! Reden S' deutsch! Hauts es! Mir san in Wean! (Die Tärken flüchten in das Durchhaus.) Loßts es gehn! Mir san net aso! Dös war ja türkisch! Sechts denn net, die ham ja an Fez! Dös san Bundesgenossen! Holts es ein und singts den Prinz Eugen!

(Zwei Chinesen treten schweigend auf.)

Die Menge: Japaner san do! Japaner san a no in Wean! Aufhängen sollt ma die Bagasch bei ihnare Zöpf!

Einer: Loßts es gehn! Dös san ja Kineser!

Zweiter: Bist selber a Kineser!

Der Erste: 'leicht du!

Dritter: Alle Kineser san Japaner!

Vierter: San Sö vielleicht a Japaner?

Dritter: Na.

Vierter: Na olstern, aber a Kineser san S' do! (Gelächter.)

Fünfter: Oba oba oba wos treibts denn, habts denn net in der Zeitung g'Iesen, schauts her, da stehts (er zieht ein Zeitungsblatt hervor) »Derartige Ausschreitungen des Patriatismus können in keener Weisee geduldeet werden und sind überdies geeigneet, den Fremdenverkehr zu schädigeen«. Wo soll sich denn da nacher ein Fremdenverkehr entwickeln, wo denn, no olstern!

Sechster: Bravo! Recht hot er! Der Fremdenverkehr, wann mr eahm hebn wolln, das is schwer, das is net aso –

Siebenter: Halts Maul! Krieg is Krieg und wann einer amerikanisch daherredt oder türkisch oder so –

Achter: So is. Jetzt is Krieg und da gibts keine Würschtel! (Eine Dame mit leichtem Anflug von Schnurrbart ist aufgetreten.)

Die Menge: Ah do schauts her! Das kennt ma schon, ein verkleideter Spion! Varhaften! Einspirn stantape!

Ein Besonnener: Aber meine Herren – bedenken Sie – sie hätte sich doch rasieren lassen!

Einer aus der Menge: Wer?

Der Besonnene: Wenn sie ein Spion wäre.

Ein Zweiter aus der Menge: Drauf hat er vergessen! So hat er sich gfangt!

Rufe: Wer? – Er! – No sie!

Ein Dritter: Das is eben die List von denen Spionen!

Ein Vierter: Damit mrs net mirkt, daß Spionen san, lassen s' ihnern Bart stehn!

Ein Fünfter: Redts net so dalkert daher, das is ein weiblicher Spion und damit mrs net mirkt, hat s' an Bart aufpappt!

Ein sechster: Das is ein weiblicher Spion, was sich für ein Mannsbild ausgeben tut!

Ein Siebenter: Nein, das is ein Mannsbild, was sich für ein weiblichen Spion ausgeben tut!

Die Menge: Jedenfalls ein Vardächtiger, der auf die Wachstubn ghört! Packts eahm!

(Die Dame wird von einem Wachmann abgeführt. Man hört die »Wacht am Rhein« singen.)

Der erste Reporter (hält ein Notizblatt in der Hand): Das war kein Strohfeuer trunkener Augenblicksbegeisterung, kein lärmender Ausbruch ungesunder Massenhysterie. Mit echter Männlichkeit nimmt Wien die schicksalsschwere Entscheidung auf, Wissen Sie, wie ich die Stimmung zusammenfassen wer'? Die Stimmung läßt sich in die Worte zusammenfassen: Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche. Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche, dieses Wort, das wir für die Grundstimmung Wiens geprägt haben, kann man nicht oft genug wiederholen. Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche! Also was sagen Sie zu mir?

Der zweite Reporter: Was soll ich sagen? Glänzend!

Der Erste: Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche. Tausende und Abertausende sind heute durch die Straßen gewallt, Arm in Arm, Arm und Reich, Alt und Jung, Hoch und Nieder. Die Haltung jedes Einzelnen zeigte, daß er sich des Ernstes der Situation vollauf bewußt ist, aber auch stolz darauf, den Pulsschlag der großen Zeit, die jetzt hereinbricht, an seinem eigenen Leib zu fühlen.

Eine Stimme aus der Menge: Lekmimoasch!

Der Reporter: Hören Sie, wie immer aufs neue der Prinz-Eugen-Marsch erklingt und die Volkshymne und ihnen gesellt sich wie selbstverständlich die Wacht am Rhein im Zeichen der Bundestreue. Früher als sonst hat heute Wien Feierabend gemacht. Daß ich nicht vergeß, wir müssen besonders schildern, wie sich das Publikum vor dem Kriegsministerium massiert hat. Aber vor allem, nicht vergessen erwähnt zu werden darf – raten Sie.

Der Zweite: Ob ich weiß! Nicht vergessen erwähnt zu werden darf, wie sie zu Hunderten und Aberhunderten sich in der Fichtegasse vor dem Redaktionsgebäude der Neuen Freien Presse massiert haben.

Der Erste: Kopp was Sie sind. ja, das hat er gern der Chef. Aber was heißt Hunderte und Aberhunderte? Ausgerechnet! Sagen Sie gleich Tausende und Abertausende, was liegt Ihnen dran, wenn sie sich schon massieren.

Der Zweite: Gut, aber wenn man es nur nicht als feindliche Demonstration auffassen wird, weil das Blatt letzten Sonntag, wo doch schon die große Zeit war, noch so viel Annoncen von Masseusen gebracht hat?

Der Erste: In einer so großen Zeit ist eine so kleinliche Auffassung ausgeschlossen. Überlassen Sie das der Fackel. Alle haben sie dem Blatt zugejubelt. Es erschollen stürmische Rufe: Vorlesen! Vorlesen! und das hat sich selbstredend auf Belgrad bezogen. Dann haben sie tosende Hochrufe ausgebracht –

Der Zweite: Tosende und abertosende Hochrufe –

Der Erste: – und zwar auf Österreich, auf Deutschland und auf der Neuen Freien Presse. Die Reihenfolge war für uns nicht gerade schmeichelhaft, aber es war doch sehr schön von der begeisterten Menge. Den ganzen Abend is sie, wenn sie nicht gerade vor dem Kriegsministerium zu tun gehabt hat oder auf dem Ballplatz, is sie in der Fichtegasse Kopf an Kopf gedrängt gestanden und hat sach massiert.

Der Zweite: Wo nur die Leut die Zeit hernehmen, staune ich immer.

Der Erste: Bittsie, die Zeit is so groß, daß dazu genug Zeit bleibt! Also die Nachrichten des Abendblatts wurden immer und immer wieder erörtert und durchgesprochen. Von Mund zu Mund ging der Name Auffenberg.

Der Zweite: Wieso kommt das?

Der Erste: Das kann ich Ihnen erklären, es is ein Redaktionsgeheimnis, sagen Sie's erst, bis Friede is. Also Roda RodaRoda Roda – österr. Schriftsteller, † 1945, im 1. Weltkrieg Berichterstatter im Kriegspressequartier hat doch gestern dem Blatt telegraphiert über die Schlacht bei Lemberg und am Schluß vom Telegramm stehn die Worte: Lärm machen für Auffenberg! Das war schon gesetzt. Im letzten Moment hat man 's noch bemerkt und herausgenommen, dann aber hat man ja Lärm gemacht für Auffenberg!

Der Zweite: Die Hauptsache sind jetzt die Straßenbilder. Von jedem Eckstein, wo ein Hund demonstriert, will er ein Straßenbild haben. Gestern hat er mich rufen lassen und hat gesagt, ich soll Genreszenen beobachten. Aber grad das is mir unangenehm, ich laß mich nicht gern in ein Gedränge ein, gestern hab ich die Wacht am Rhein mitsingen müssen – kommen Sie weg, hier geht's auch schon zu, sehn Sie sich nur die Leut an, ich kenne diese Stimmung, man is auf einmal mitten drin und singt Gott erhalte.

Der Erste: Gott beschütze! Sie haben recht – wozu man selbst dabei sein muß, seh ich auch nicht ein, man verliert nur Zeit, man soll drüber schreiben, stattdem steht man herum. Was ich sagen wollte, sehr wichtig is zu schildern, wie sie alle entschlossen sind und da und dort reißt sich einer los, er will ein Scherflein beitragen um jeden Preis. Das kann man sehr plastisch herausbringen. Gestern hat er mich rufen lassen und hat gesagt, man muß dem Publikum Appetit machen auf den Krieg und auf das Blatt, das geht in einem. Sehr wichtig sind dabei die Einzelheiten und die Details, mit einem Wort die Nuancen und speziell die Wiener Note. Zum Beispiel muß man erwähnen, daß selbstredend jeder Standesunterschied aufgehoben war und zwar sofort – aus Automobile haben sie gewinkt, sogar aus Equipagen. Ich hab beobachtet, wie die Dame in der Spitzentoilette aus dem Auto gestiegen is und der Frau mit dem verwaschenen Kopftuch is sie um den Hals gefallen. Das geht schon so seit dem Ultimatum, alles is ein Herz und eine Seele.

Stimme eines Kutschers: Fahr füra Rabasbua vadächtiga –!

Der zweite Reporter: Wissen Sie, was ich beobachtet hab? Ich hab beobachtet, wie sich Gruppen gebildet haben.

Der Erste: No und –?

Der Zweite: Und ein Student hielt eine Ansprache, daß jedermann seine Pflicht erfüllen muß, dann hat sich einer aus einer Gruppe gelöst und hat gesagt: »Besser so!«

Der Erste: Nicht übel. Ich kann nur konstatieren, ein großer Ernst breitet sich über der Stadt aus, und dieser Ernst, gemildert von Gehobenheit und dem Weltgeschichtsbewußtsein drückt sich in allen Mienen aus, in denen der Männer, die schon mitmüssen, in denen derer, die noch dableiben –

Eine Stimme: Lekmimoasch!

Der Erste: – und in den Mienen jener, denen eine so hohe Aufgabe zuteil wird. Vorbei die bequeme Lässigkeit, die genußfrohe Gedankenlosigkeit; die Signatur ist schicksalsfroher Ernst und stolze Würde. Die Physiognomie unserer Stadt hat sich mit einem Schlage verändert.

Ein Passant (zu seiner Frau): Du kannst von mir aus in die Josefstadt gehn, ich geh an die Wien!

Ein Zeitungsausrufer: Vormarsch der Österreicher! Alle Stellungen genohmen!

Die Frau: Mir is schon mies vor »Husarenblut«.

Der erste Reporter: Nirgends eine Spur von Beklommenheit und Gedrücktheit, nirgends fahrige Nervosität und von des Gedankens Blässe angekränkelte Sorge. Aber ebensowenig leichtherzige Unterschätzung des Ereignisses oder törichte, gedankenlose Hurrastimmung.

Die Menge: Hurra, a Deitscher! Nieda mit Serbieen!

Der erste Reporter: Schaun Sie her, südliche Begeisterungsfähigkeit, gelenkt und geregelt von deutschem Ernst. Das beobacht ich für die City. Sie können für die Leopoldstadt eine aufgeregtere Note wählen.

Der Zweite: Fallt mir nicht ein, ich bin auch mehr für abgeklärtere Stimmungen. Da und dort sieht man, wer ich sagen, einen weißköpfigen Greis, der sinnend entfernter Jugendtage gedenkt, oder ein gebeugtes Mütterchen, das mit zitternder Hand Abschiedsgruß und Segenswunsch winkt. Einer merkt man an, daß sie um einen Sohn oder Gatten bange. Drehn Sie sich um, da können Sie sehn wie sie winken, sie winken effektiv.

(Ein Trupp Knaben mit Tschako und Holzsäbel zieht vorbei und singt: Wer will unter die Soldaten – der ließ schlagen eine Brucken –)

Der Erste: Notieren Sie: Eine hübsche Genreszene. Überhaupt müssen wir trachten, möglichst viel vom Volk zu sagen, der Chef hat erst heute geschrieben, es is die Quelle, in der wir das Gemüt erfrischen.

Eine Gruppe (singend):
Die Russen und die Serben
die hauen wir in Scherben!
Hoch! Nieda! Schauts die zwa Juden an!

Der zweite Reporter: Sie, ich hab keine Lust mehr, Genreszenen zu beobachten. Soll er sein Gemüt an der Quelle erfrischen gehn, wenn er sich traut. Ich bin lieber weit entfernt –

Der Erste: Weit entfernt von Hochmut und von Schwäche, dieses Wort, das wir für die Grundstimmung Wiens geprägt haben – (beide schnell ab.)

(Es entsteht eine Bewegung. Ein junger Mann hat einer alten Frau die Handtasche gestohlen. Die Menge nimmt Stellung gegen die Frau.)

Eine weibliche Stimme: Ja meine Liebe, jetzt is Krieg, das is net wie im Frieden, da muß schon jeder was hergeben, mir san in Wien!

Poldi Fesch (zu seinem Begleiter): Gestern hab ich mit dem Sascha Kolowrat gedraht, heut – (ab.)

(Es treten auf zwei Verehrer der Reichspost.)

Der erste Verehrer der Reichspost: Kriege sind Prozesse der Läuterung und Reinigung, sind Saatfelder der Tugend und Erwecker der Helden. Jetzt sprechen die Waffen!

Der zweite Verehrer der Reichspost: Endlich! Endlich!

Der Erste: Kriege sind ein Segen nicht nur um der Ideale willen, die sie verfechten, sondern auch um der Läuterung willen, die sie dem Volke bringen, das sie im Namen der höchsten Güter führt. Friedenszeiten sind gefährliche Zeiten. Sie bringen allzuleicht Erschlaffung und Veräußerlichung.

Der Zweite: Der einzelne Mensch braucht doch halt auch a wengerl Kampf und Sturm.

Der Erste: Besitz, Ruhe, Genuß darf für nichts erachtet werden, wo die Ehre des Vaterlandes alles bedeuten muß. So sei der Krieg, in den unser Vaterland verwickelt wurde –

Der Zweite: – so sei der Krieg, der Sühne für Frevel und Garantien für Ruhe und Ordnung will, mit ganzem Herzen erfaßt und gesegnet.

Der Erste: Auskehrn mit eiserner Faust!

Der Zweite: In Prag, Brünn und Budweis – überall jubeln s' den kaiserlichen Entschließungen zu.

Der Erste: In Serajevo haben s' Gott erhalte gsungen.

Der Zweite: In Treue steht Italien Österreich zur Seite.

Der Erste: Fürst Alfred WindischgrätzWindischgrätz – Alfred Fürst zu Windischgrätz, 1897 bis 1918 Präsident des österr. Herrenhauses, † 1927 hat sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet.

Der Zweite: Seine Majestät hat während des ganzen Tages in angestrengtester Weise gearbeitet.

Der Erste: Am 27. zwischen 12 und 1 Uhr wurde im Postsparkassenamt die finanzielle Vorsorge für den Krieg getroffen.

Der Zweite: Die Approvisionierung Wiens für die Kriegsdauer wurde vom Bürgermeister gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten und dem Ackerbauminister gesichert.

Der Erste: Hast glesen? Keine Teuerung durch den Krieg.

Der Zweite: Das is gscheit!

Der Erste: In unentwegter Treue –

Der Zweite: – huldigen wir unserem geliebten alten Kaiser.

Der Erste: Der Weiskirchner hat gsagt, meine lieben Wiener, ihr lebt eine große Zeit mit.

Der Zweite: Noja, es is keine Kleinigkeit!

Der Erste: Wir gedenken auch des Bundesgenossen in schimmernder Wehr, hat er gsagt.

Der Zweite: Die Huldigung der kaisertreuen Bevölkerung habens bereits an den Stufen des allerhöchsten Thrones niederglegt.

Der Erste: Am allerhöchsten Hoflager in Ischl.

Der Zweite: Wirst sehn, der Krieg wird eine Renaissance österreichischen Denkens und Handelns heraufführen, wirst sehn. Ramatama!

Der Erste: Höchste Zeit, daß amal a Seelenaufschwung kommt! Rrtsch – obidraht!

Der Zweite: Ein Stahlbad brauch 'mr! Ein Stahlbad!

Der Erste: Bist schon einrückend gmacht?

Der Zweite: Woher denn, enthoben! Und du?

Der Erste: Untauglich.

Der Zweite: Ein erleichtertes Aufatmen geht durch unsere Bevölkerung! Dieser Krieg – (ab.)

(Man hört den Gesang vorbeiziehender Soldaten: In der Heimat, in der Heimat da gibts ein Wiedersehn –)

Ein alter Abonnent der Neuen Freien Presse (im Gespräch mit dem ältesten): Intressant steht heute im Leitartikel, wie der serbische Hof und wie sie alle aus Belgrad fort müssen. (Er liest vor.) »Wien ist heute Abend nicht die Stadt gewesen, die vereinsamt dem Hofe, der Regierung und den Truppen keine sichere Stätte geboten hat. Belgrad war es.«

Der älteste Abonnent: Goldene Worte. So etwas tut einem wohl zu hören und man spürt doch bißl eine Genugtuung.

Der alte Abonnent: Allerdings könnte man einwenden, daß Wien momentan von den Serben weiter weg is wie Belgrad von den Österreichern, weil ja Belgrad direkt visavis liegt von Seinlin, während Wien nicht direkt visavis liegt von Belgrad, und weil sie schon zu schießen anfangen von Semlin auf Belgrad, während sie von Belgrad nicht herüberschießen können gottlob auf Wien.

Der älteste Abonnent: Ich kann Ihrem Gedankengang folgen, aber wohin führt das? Wie immer man die Situation ansieht, muß man zu dem Resultat kommen, daß das was er im Leitartikel sagt wahr ist. Daß nämlich in Wien der Hof und überhaupt alles bleiben kann wie es ist und in Belgrad nicht. Oder ist es vielleicht nicht wahr? Mir scheint Sie sind etwas ein Skeptiker?

Der alte Abonnent: Was heißt wahr? Es ist geradezu unbestreitbar und noch nie hab ich die Empfindung gehabt, daß er so recht hat wie er dasmal recht hat. Denn wo er recht hat, hat er recht. (Sie gehen ab.)

Ein Zeitungsausrufer: – Lemberg noch in unserem Besitzee!

Vier Burschen und vier Mädchen Arm in Arm – Er ließ schlageen eene Bruckn daaß man kont hiniebaruckn Stadtunfestung Belgerad –

Die Menge: Hoch! (Fritz Werner tritt auf und dankt grüßend.)

Fräulein Körmendy: Weißt du was, geh du jetzt zu ihm und bitt ihm.

Fräulein Löwenstamm (nähert sich): Ich bin nämlich eine große Verehrerin und möcht um ein Autogramm –

(Werner zieht einen Notizblock, beschreibt ein Blatt und überreicht es ihr. Ab.)

So lieb war er.

Fräulein Körmendy: Hat er dich angeschaut? Komm weg aus dem Gedränge, alles wegen dem Krieg. Ich schwärm nur für den Storm! (Ab.)

Ein Pülcher: Serwas Franz, wo gehst denn hin?

Ein zweiter Pülcher: Auxtrois Franzois.

Der Erste: Wohin?

Der Zweite: Auxtrois Franzois. Dem Hutterer die Auslagen einschlagen, wann er die Tafel net weggibt. I hab ein Viechszurn in mir!

Der Erste: Hast schon recht, das is ein Schtandal is das.

Der Zweite – Wo ich ein »Modes« seh, tippel i's eini! (Geht in Raserei ab.)

Der Erste: Serwas Pepi, wo gehst denn hin?

Ein Dritter: I geh ein Scherflein beitragen.

Der Erste: A hörst, was du für an Gemeinsinn betätingern tust –

Der Dritte: Wos? An Gemeinsinn? Du, dös sagst mr riet no amol, mir net – (haut ihm eine Ohrfeige herunter.)

Rufe aus der Menge: Do schaut's her! Schamen S' Ihna! Wer is denn der? San Sö vielleicht der Nikolajewitsch?

Einer aus der Menge: Wos die Leut für an Gemeinsinn betätingern mitten im Krieg, das sollt man wirkli net für möglich haltn!

(zwei Agenten treten auf.)

Der erste Agent: Also heut zum erstenmal, Sie, Gold gab ach für Eisen.

Der Zweite: Sie? Das können Sie wem andern einreden. Sie haben gegeben! Aufgewachsen –

Der Erste: Wer sagt, ich hab gegeben? Verstehn Sie nicht deutsch? Ich seh da drüben den Zettel von der Premier' heut: Gold gab ich für Eisen, ich möcht gehn.

Der Zweite: Gut, geh ich auch! Jetzt is überhaupt am intressantesten. Gestern hat bei der Csardasfürstin die Gerda Walde die Extraausgab vorgelesen von die vierzigtausend Russen am Drohtverhau – hätten Sie hören solln den Jubel, zehnmal is wenig, daß sie is gerufen worn.

Der Erste: Warn schon Verwundete??

Der Zweite: Auch! Jetzt is überhaupt am intressantesten. Kürzlich is einer neben mir gesessen. Was war da nur? Ja – Ich hatt einen Kameraden.

Der Erste: Sie??

Der Zweite: Wer sagt, ich? Das is von Viktor Leon!

Der Erste: Guut??

Der Zweite: Bombenerfolg!

Ein Zeitungsausrufer: Belgraad bombadiert –!

(Verwandlung.)

2. Szene

Südtirol. Vor einer Brücke. Ein Automobil wird angehalten. Der Chauffeur weist den Fahrtausweis vor.

Der Landsturmmann: Grüaß Good die Herrschaften! Derf ich bitten –

Der Nörgler: Endlich einmal ein freundlicher Mann. Die andern sind alle so rabiat und legen gleich an –

Der Landsturmmann: Jo 's is zwegn an ruassischen Automobüll mit Gold, no und da –

Der Nörgler: Aber ein Automobil, das halten will, kann doch nicht auf die Sekunde halten, sondern rollt noch ein paar Meter da kann ja das größte Unglück passieren.

Der Landsturmmann (in Rage): Jo – wonn eins net holten tuat – da schiaß ma alls zsamm – schiaß ma alls zsamm – schiaß ma alls – (Das Automobil fährt weiter.)

(Verwandlung.)

3. Szene

Hinter der Brücke. Ein Heerhaufen um das Automobil. Der Chauffeur weist den Fahrtausweis vor.

Ein Soldat (mit angelegtem Gewehr): Halt!

Der Nörgler: Der Wagen steht doch schon. Warum ist denn der Mann so rabiat?

Der Hauptmann (in Raserei): Er erfüllt seine Pflicht. Wenn er nur im Feld rabiat is mit'n Feind, so is scho recht!

Der Nörgler: Ja, aber wir sind ja doch nicht –

Der Hauptmann: Krieg is Krieg! Basta! (Das Automobil fährt weiter.)

(Verwandlung.)

4. Szene

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch.

Der Optimist: Da können Sie von Glück sagen. In Steiermark ist eine Rote-Kreuz-Schwester, deren Automobil noch ein paar Meter gerollt ist, erschossen worden.

Der Nörgler: Dem Knecht ist Gewalt gegeben. Das wird seine Natur nicht vertragen.

Der Optimist: Übergriffe untergeordneter Organe werden im Kriege leider nicht zu vermeiden sein. In solcher Zeit muß aber jede Rücksicht dem einen Gedanken untergeordnet werden: zu siegen.

Der Nörgler: Die Gewalt, die dem Knecht gegeben ward, wird nicht ausreichen, um mit dem Feind, wohl aber um mit dem Staat fertig zu werden.

Der Optimist: Militarismus bedeutet Vermehrung der Staatsordnung durch Gewalt, um –

Der Nörgler: – durch das Mittel zur schließlichen Auflösung zu führen. Im Krieg wird jeder zum Vorgesetzten seines Nebenmenschen. Das Militär ist Vorgesetzter des Staates, dem kein anderer Ausweg aus dem widernatürlichen Zwang bleibt als die Korruption. Wenn der Staatsmann den Militärmann über sich schalten läßt, so ist er der Faszination durch ein Idol der Fibel erlegen, das seine Zeit überlebt hat und von der unsern nicht mehr ungestraft in Leben und Tod übersetzt wird. Militärische Verwaltung ist die Verwendung des Bocks als Obergärtner und die Verwandlung des Gärtners zum Bock.

Der Optimist: Ich weiß nicht, was Sie zu dieser düsteren Prognose berechtigt. Sie schließen offenbar, wie schon immer im Frieden, von unvermeidlichen Begleiterscheinungen auf das Ganze, Sie gehen von zufälligen Ärgernissen aus, die Sie für Symptome nehmen. Die Zeit ist viel zu groß, als daß wir uns mit Kleinigkeiten abgeben könnten.

Der Nörgler: Aber sie werden mit ihr wachsen!

Der Optimist: Das Bewußtsein, in einer Epoche zu leben, in der so gewaltige Dinge geschehen, wird auch den Geringsten über sich selbst erheben.

Der Nörgler: Die kleinen Diebe, die noch nicht gehängt wurden, werden große werden, und man wird sie laufen lassen.

Der Optimist: Was auch der Geringste durch den Krieg gewinnen wird, ist –

Der Nörgler: – Provision. Wer die Hand aufhält, wird auf Narben zeigen, die er nicht hat.

Der Optimist: Wie der Staat, der für sein Prestige den unvermeidlichen Verteidigungskampf auf sich nimmt, Ehre gewinnt, so auch jeder einzelne, und was durch das jetzt vergossene Blut in die Welt kommen wird, ist –

Der Nörgler: Schmutz.

Der Optimist: Ja, Sie, der Sie ihn überall gesehen haben, fühlen, daß Ihre Zeit um ist! Verharren Sie nur nörgelnd wie eh und je in Ihrem Winkel – wir anderen gehen einer Ära des Seelenaufschwunges entgegen! Merken Sie denn nicht, daß eine neue, eine große Zeit angebrochen ist?

Der Nörgler: Ich habe sie noch gekannt, wie sie so klein war, und sie wird es wieder werden.

Der Optimist: Können Sie jetzt noch negieren? Hören Sie nicht den Jubel? Sehen Sie nicht die Begeisterung? Kann ein fühlendes Herz sich ihr entziehen? Sie sind das einzige. Glauben Sie, daß die große Gemütsbewegung der Massen nicht ihre Früchte tragen, daß diese herrliche Ouvertüre ohne Fortsetzung bleiben wird? Die heute jauchzen –

Der Nörgler: – werden morgen klagen.

Der Optimist: Was gilt das einzelne Leid! So wenig wie das einzelne Leben. Der Blick des Menschen ist endlich wieder emporgerichtet. Man lebt nicht nur für materiellen Gewinn, sondern auch –

Der Nörgler: – für Orden.

Der Optimist: Der Mensch lebt nicht vom Brote allein.

Der Nörgler: Sondern er muß auch Krieg führen, um es nicht zu haben.

Der Optimist: Brot wirds immer geben! Wir leben aber von der Hoffnung auf den Endsieg, an dem nicht zu zweifeln ist und vor dem wir –

Der Nörgler: Hungers sterben werden.

Der Optimist: Welch ein Kleinmut! Wie beschämt werden Sie einst dastehn! Verschließen Sie sich nicht, wo Feste gefeiert werden! Die Pforten der Seele sind aufgetan. Das Gedächtnis der Tage, in denen das Hinterland wenn auch nur durch Empfang des täglichen Berichtes Anteil an den Taten und Leiden einer glorreichen Front nahm, wird der Seele –

Der Nörgler: – keine Narbe zurücklassen.

Der Optimist: Die Völker werden aus dem Kriege nur lernen –

Der Nörgler: – daß sie ihn künftig nicht unterlassen sollen.

Der Optimist: Die Kugel ist aus dem Lauf und wird der Menschheit –

Der Nörgler: – bei einem Ohr hinein und beim andern hinausgegangen sein!

(Verwandlung.)

5. Szene

Am Ballhausplatz

Graf Leopold Franz Rudolf Ernest Vinzenz Innocenz Maria: Das Ultimatum war prima! Endlich, endlich!

Baron Alois Josef Ottokar Ignazius Eusebius Maria: Foudroyant! No aber auf ein Haar hätten sie's angenommen.

Der Graf: Das hätt mich rasend agassiert. Zum Glück hab'n wir die zwei Punkterln drin ghabt, unsere Untersuchung auf serbischem Boden und so – na dadrauf sinds halt doch nicht geflogen. Haben 's sich selber zuzuschreiben jetzt, die Serben.

Der Baron: Wann mans recht bedenkt – wegen zwei Punkterln – und also wegen so einer Bagatell is der Weltkrieg ausgebrochen! Rasend komisch eigentlich.

Der Graf: Dadrauf hab'n wir doch nicht verzichten können, daß wir die zwei Punkterln verlangt hab'n. Warum hab'n sie sich kapriziert, die Serben, daß sie die zwei Punkterln nicht angnommen haben?

Der Baron: No das war ja von vornherein klar, daß sie das nicht annehmen wern.

Der Graf: Das hab'n wir eben vorher gewußt. Der Poldi BerchtoldBerchtold – Leopold Graf Berchtold, 1912/1915 österr. Außenminister, formulierte das Ultimatum an Serbien is schon wer, da gibts nix. Da is auch nur eine Stimme in der Gesellschaft. Enorm! Ich sag dir – ein Hochgefühl! Endlich, endlich! Das war ja nicht mehr zum Aushalten. Auf Schritt und Tritt war man gehandicapt. No das wird jetzt ein anderes Leben wern! Diesen Winter, stantepeh nach Friedensschluß, fetz ich mir die Riviera heraus.

Der Baron. Ich wer schon froh sein, wenn wir uns die Adria herausfetzen.

Der Graf: Mach keine Witz. Die Adria ist unser. Italien wird sich nicht rühren. Ich sag dir, also nach Friedensschluß –

Der Baron: No wann glaubst wird Frieden sein?

Der Graf: In zwei, allerspätestens drei Wochen schätz ich.

Der Baron: Daß ich nicht lach.

Der Graf: No was denn, mit Serbien wern wir doch spielend fertig, aber spielend, mein Lieber – wirst sehen, wie gut sich unsere Leute schlagen. Schon allein die Schneid von unsere Sechser-Dragoner! Ein paar von der Gesellschaft soll'n schon direkt an der Front sein, du! No und unsere Artillerie – also prima. Rasend präzis arbeitend!

Der Baron: No und Rußland?

Der Graf: Der Ruß wird froh sein, wenn er a Ruh hat. Verlaß dich auf'n Conrad, der weiß schon, warum er sie in Lemberg hineinlaßt. Wenn wir erst in Belgrad sind, wendet sich das Blatt. Der PotiorekPotiorek – Oskar Potiorek, österr. General, Herbst bis Dez. 1914 Oberkommandierender der Balkanstreitkräfte is prima! Ich sag dir, die Serben gehn rasend ein. Alles andere macht sich automatisch.

Der Baron: No wann glaubst also im Ernst –

Der Graf: In drei, vier Wochen is Frieden.

Der Baron: Du warst immer ein rasender Optimist.

Der Graf: No also bitte, wann?

Der Baron: Vor zwei, drei Monat nicht zu machen! Wirst sehn. Wenns gut geht, in zwei. Da muß 's aber schon sehr gut gehn, mein Lieber!

Der Graf: No da möcht ich doch bitten – das wär aber schon grauslich fad. Das wär aber charmant, du! Ginget ja schon wegen der Ernährung nicht. Neulich hat mir die Sacher gsagt – Also du glaubst doch nicht, daß sich das mit die Ernährungsvorschriften halten wird? Sogar beim Demel fangen s' schon an mit'n Durchhalten – das sind ja charmante Zustände – man schränkt sich ohnedem ein, wo man kann, aber auf die Dauer – Lächerlich, gibts nicht! Oder meinst?

Der Baron: Du kennst ja meine Ansicht. Ich halt nicht viel vom Hinterland. Wir sind schließlich keine Piffkes, wenn wir auch gezwungen sind, mit ihnen – erst gestern sprich ich mit dem Putzo Wurmbrand, weißt der was die Maritschl Palffy hat, er is doch die rechte Hand vom Krobatin, also ein Patriot prima – sagt er, wann man einen Verteidigungskrieg anfangt – verstehst, der hat sich das nämlich speziell entetiert, das mit'n Verteidigungskrieg –

Der Graf: No – bitte – is es vielleicht kein Verteidigungskrieg? Du bist ein Hauptdefaitist, hör auf! In welcher Zwangslage wir waren, hast du schon vergessen, daß wir soit disant gezwungen waren zum Losschlagen wegen dem Prestige und so – also das kommt mir vor – erlaub du mir – hast die Einkreisung vergessen? – erst gestern sprich ich mit dem Fipsi Schaffgotsch, der, wo sie eine Bellgard' is, weißt er is bißl gschupft, aber ausgesprochen sympathisch – also was hab ich sagen woll'n – ja – also waren wir vielleicht nicht gezwungen, uns von die Serben bei Temes-Kubin angreifen zu lassen, um –

Der Baron: Wieso?

Der Graf: Wieso? Geh, stell dich nicht – also du weißt doch selber am besten, daß ein serbischer Angriff bei Temes-Kubin notwendig war – ich mein', wir hab'n doch losschlagen müssen –

Der Baron: No das selbstredend!

Der Graf: No also, hätt man das sonst nötig? Grad so wie die Deutschen mit die Bomben auf Nürnberg!Nürnberg – Falschmeldung der deutschen Kriegspropaganda, die Franzosen hätten in der Umgebung Nürnbergs am 2. August Bomben abgeworfen Also – erlaub du mir – also wenn das kein Verteidigungskrieg is, du!

Der Baron: Aber bitte, hab ich was gsagt? Du weißt, ich speziell war von allem Anfang für die Kraftprobe, notabene wann s' eh die letzte is. Der Ausdruck dafür is mir putten. Verteidigungskrieg – das klingt rein so, als ob man sich so gwiß entschuldigen müßt. Krieg is Krieg, sag ich.

Der Graf: No ja, da hast recht. Was, der Poldi Berchtold! Er is und bleibt ein rasend fescher Bursch. Da kann man sagen, was man will. Oho, auch zu unserm Gschäft ghört Schneid, und die muß man ihm lassen! Wie er den Herrschaften nach Ischl ausgrutscht is – die hätten womöglich noch das Ultimatum verhindern wolln! Er aber – also das war enorm! Ein Treffer nach'm andern!

Der Baron: Epatant! Hätt nicht geglaubt, daß 's ihm so gelingen wird. Er haltet sich die Leut vom Leib. Dem Poldi Berchtold seine Politik war schon bei der Reduzierung vom Begräbnis zu spüren, wie er den russischen Großfürsten ausgeschaltet hat.

Der Graf: Natürlich. Daß sich dann Rußland doch hineingemischt hat, war nicht seine Schuld. Wann 's nach ihm gegangen wär', wär' der Weltkrieg auf Serbien lokalisiert geblieben. Weißt, was der Poldi Berchtold hat? Der Poldi Berchtold hat das, was ein Diplomat in einem Weltkrieg vor allem haben muß: savoir vivre! Das hat mir rasend imponiert, wie er den Vorschlag von die englischen Pimpfe einfach zwischen die Rennprogramm steckt – also daß wir Belgrad mit ihrer gütigen Erlaubnis besetzen soll'n – heuchlerische Söldnerbande das – und wie er drauf in den Klub hinaufkommt, weißt noch, schaut uns so gwiß an und sagt: Jetzt hat die Armee ihren Willen! Damals war er dir montiert, du! Das wirst du mir zugeben – eine Kleinigkeit war das nicht, nämlich in so einer schicksalsschweren Stunde –

(Man hört aus dem Nebenzimmer ein Klingeln und hierauf)

Die Stimme Berchtolds: Aähskaffee! (Man hört eine Tür schließen.)

Der Baron: Also bitte – um halb zwölf! Also bitte – um halb zwölf verlangt er schon seinen Eiskaffee! Nein, das tentiert mich, daß ich einmal – also bitte, da muß ich schon sagen – Eiskaffee is wirklich seine starke Seite!

Der Graf: Das is vielleicht die einzige Schwäche, die er hat! Er adoriert Eiskaffee! Aber das muß man auch zugeben, der Eiskaffee vom Demel – also ideal!

Der Baron: Du, eine Sonne is heut draußen – also prima!

Der Graf (öffnet ein Kuvert des Korrespondenzbüros und liest): – Noch ist Lemberg in unserem Besitze.

Der Baron: No also!

Der Graf: Der Poldi Berchtold – verstehst du (indem er den weiteren Text der Nachricht murmelt) – zurückgenommen – ach was, immer dasselbe – agassant – wachst einem schon zum Hals heraus – (zerknüllt das Papier) – was ich sagen wollte – je länger ich die Situation überlege – alles in allem – heut könnt man mit der Steffi draußen soupieren.

(Verwandlung.)

6. Szene

Vor einem Friseurladen in der Habsburgergasse. Eine Menschenmenge in größter Erregung.

Die Menge: Nieda! Hauts alles zsamm!

Einer (der zu beschwichtigen sucht): Aber Leutln, der Mann hat ja nix tan! Der Geigenhändler von nebenan, der is sein Feind –

Der Geigenhändler (haranguiert die Menge): Er is ein Serb! Er hat sich eine Äußerung zuschulden kommen lassen. Gegen eine hochstehende Persönlichkeit! Ich habs eigenhändig ghört!

Der Friseur (die Hände ringend): Ich bin unschuldig – ich bin Hoffriseur – wo wird mir denn einfallen –

Zweiter aus der Menge: Das siacht ma ja schon am Namen, daß er ein Serb is, hauts eahm die Seifenschüsseln übern Schädel –

Dritter: Seifts'n ein! Nieda! Nieda mit dem serbischen Gurgelabschneider!

Die Menge: Niedaa –! (Das Lokal wird zertrümmert.)

(An der Ecke tauchen die Historiker Friedjung und Brockhausen im Gespräch auf.)

Brockhausen: Just heute habe ich in der Presse eine treffende Anmerkung zu diesem Thema beigesteuert, die mit zwingender Logik einen Vergleich unseres Volkes mit dem französischen oder englischen Gesindel von vornherein ablehnt. Vielleicht können Sie den Passus für Ihre Arbeit brauchen, Herr Kollega, ich stelle ihn zu Ihrer Verfügung, hören Sie: »Was den historisch Gebildeten als aller geschichtlichen Weisheit letzter Schluß tröstend und aufrichtend beseelte, daß nämlich niemals der Barbarei ein endgültiger Sieg beschieden sein kann, das teilte sich instinktiv der großen Menge mit. In den Wiener Straßen hat sich allerdings nie das schrille Johlen eines billigen Hurrapatriotismus vernehmbar gemacht. Hier flammte nicht das vergängliche Strohfeuer der Eintagsbegeisterung auf. Dieser alte deutsche Staat hat seit Kriegsbeginn sich die schönsten deutschen Volkstugenden zu eigen gemacht: das zähe Selbstvertrauen und die tiefinnere Gläubigkeit an den Sieg der guten und gerechten Sache.« (Er überreicht ihm den Ausschnitt.)

Friedjung: Fürwahr, eine treffliche Ansicht, Herr Kollega, die geradezu den Nagel abschießt und den Vogel auf den Kopf trifft. Ich werde es ad notam nehmen. Ei sieh – da hätten wir ja gleich ein Beispiel! Eine patriotisch durchglühte Menge, die in maßvoller Weise ihren Gefühlen Ausdruck gibt, suaviter in re, fortiter in modo,... lat. mild in der Sache, stark in der Form [Das Sprichwort lautet eigentlich umgekehrt: Unerbittlich in der Sache, sanft im Verfahren] wie's der Wiener Tradition geziemt. Der unmittelbare Anlaß dürfte wohl darin zu suchen sein, daß es die Habsburgergasse ist. Das treuherzige Völkchen wollte offenbar dem Namen eine geziemende Huldigung darbringen, wie sie eben im Zeitalter Leopolds füglich in der Babenbergerstraße demonstriert hätten.

Brockhausen (stutzend): Es will mich aber denn doch bedünken –

Friedjung (stutzend): Es ist doch merkwürdig –

Brockhausen: Die guten Leutchen sind ja recht laut –

Friedjung: Jedenfalls lauter, als es der Tradition geziemt –

Brockhausen: Man darf den gerechten Anlaß ihrer Erregung nicht übersehen. Wie sagt doch –

Friedjung: Seit dem Tage, da unser erhabener Monarch Tausende und Abertausende unserer Söhne und Brüder zu den Waffen rief, scheint es in der Tat mächtig unter dem Völkchen am Nibelungenstrome zu gären. Allein, wenn sich der Most auch noch so absurd gebärdet –

Brockhausen: Vorbei die Zeiten, wo sie sich Phäaken nannten. Der sausende Webstuhl der Zeit –

Friedjung: Ei sieh, vermutlich wollen sie alle in jenen Barbierladen, es ist ein Hoffriseur und das naive Volksgemüt denkt wahrscheinlich-

Rufe aus der Menge: »Den hammer trischackt!« »Rrrtsch – obidraht!« »Serbischer Hund vardächtiga!« »Jetzt'n kann er die Serben mit die Scherben rasiern!« »Den Schwamm bring i meiner Alten!« »Alle Parfüms hab i g'rettet!« »Gib her a paar!« »Jessas, der scheene weiße Mantel!« »Geh, leich mr a Spritzflaschl!« »Gott strafe England!« »Der Kerl is uns ausgrutscht!«

Der Geigenhändler: Hab ichs euch nicht g'sagt! Das ist ein Hochverräter ist das!

Brockhausen: Die Menge ist erregt und wähnt mit Recht, wieder einmal den Umtrieben serbischer Hochverräter auf der Spur zu sein.

Friedjung: Es ist doch merkwürdig, welch feine Witterung das Volk gegenüber einem Anschlag auf den unversehrten Besitzstand der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder hat. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn sich bei diesem Friseur nicht die Dokumente über jene großserbische Verschwörung des Slovensky Jug vorfinden sollten, der ich schon im Jahre 1908 auf die Spur gekommen bin.

Brockhausen: Etwas bedenklich bedünkt mich nur die Form.

Die Menge: Suchts eahm! Hauts eahm! Nieda mit Serbieen!

Friedjung: Es wäre vielleicht doch angezeigt, Herr Kollega, diesem offenbaren Widerspruch zu der historisch beglaubigten Tatsache, daß die Wiener Bevölkerung dem schrillen Johlen eines billigen Hurrapatriotismus abgeneigt ist, angesichts dieses mit Recht erregten Geigenhändlers in weiterem Bogen auszuweichen.

Rufe aus der Menge: »Was wolln denn die zwa Juden do?« »Die schaun aa so aus wie zwa vom Balkan!« »Fehlt ihnen nur der Kaftan!« »Serben sans!« »Zwa Serben!« »Hochverräter!« »Hauts es!«

(Die beiden Historiker verschwinden in einem Durchhause.)

(Verwandlung.)

7. Szene

Kohlmarkt. Vor der Drehtür am Eingang zum Café Pucher.

Der alte Biach (sehr erregt): Das einfachste wär, man würde werfen fünf Armeekorps gegen Rußland, wäre die Sache schon erledigt.

Der kaiserliche Rat: Selbstredend. Der Hieb ist die beste Parade. Man muß sich nur die Deitschen anschaun, wie sie geleistet haben. Ein Elaan! So etwas wie der Durchbruch durch Belgien war noch nicht da! So etwas braucheten wir.

Der Kompagnon: Sagen Sie was is also mit Ihrem Sohn?

Der kaiserliche Rat: Enthoben, eine Sorg weniger. Aber die Situation – die Situation – glauben Sie mir, es steht nicht gut oben. So etwas wie der Durchbruch durch Belgien – ich sag Ihnen, einen frischen Offensivgeist –

Der Kompagnon: Verschaffen Sie uns Belgien her – wern mr auch durchbrechen.

Der Doktor: Einen Bismarck brauchten wir –

Der alte Biach: Was hilft jetzt die Kunst der Diplomaten, jetzt sprechen die Waffen! Können wir uns einem Escheck aussetzen? Wenn wir nicht jetzt durchbrechen –

Der Nörgler (will in das Lokal): Pardon –

Der Doktor: Das leuchtet mir ein. Aber das strategische Moment, das im Bewegungskrieg den Flankenangriff –

Der Kurzwarenhändler: Also verlassen Sie sich darauf, sie sind umzingelt, die Soffi Pollak hat es selber gesagt.

Der alte Biach: Lassen Sie mich aus, sie weiß! Woher, möcht ich wissen!

Der Kurzwarenhändler: Woher? Wo ihr Mann eingerückt is in der Gartenbau im Reservespital?

Der kaiserliche Rat: Es hat doch geheißen, er is enthoben? Umzingelt, das wär großartig, das is nämlich müßts ihr wissen dasselbe wie umklammert.

Der alte Biach (mit Begierde): Umklammern solln sie sie, daß ihnen der Atem ausgeht! Wenn ich nur einmal bei so einer Umklammerung dabei sein könnt!

Der Kurzwarenhändler: Klein kann das, der is im Kriegspressequartier. Gestern hat er geschrieben, daß sie bis zum Weißbluten kommen wern. Früher laßt er nicht locker.

Der Kompagnon: Glück muß man haben, dabei zu sein. Sie Dokter wie is das eigentlich mit diesem Kriegspressequartier? Kommt da nur herein, wer untauglich is oder auch wer tauglich is?

Der Nörgler: Pardon – (Sie machen Platz.)

Der Kurzwarenhändler: Was heißt tauglich? Hereinkommt wenn einer schreiben kann, aber wenn er nicht schießen will aber wenn er will, daß die andern schießen.

Der kaiserliche Rat: Wie verstehe ich das? Wieso will er nicht schießen, aus Mitleid?

Der Kurzwarenhändler: Nein, aus Vorsicht. Mitleid darf man beim Militär nicht haben und wenn er im Kriegspressequartier is, is er doch so gut wie beim Militär.

Der alte Biach: Dieses Kriegspressequartier muß eine großartige Einrichtung sein! Man kann alles sehn. Es is ganz nah bei der Front und die Front is bei der Schlacht, also wird Klein beinah in der Schlacht sein, er kann alles sehn, ohne daß es gefährlich is.

Der Kompagnon: Da heißt es immer, bei einem modernen Schlachtfeld sieht man gar nix. Also sieht man im Kriegspressequartier sogar noch mehr wie wenn man direkt in der Schlacht is.

Der Doktor: Gewissermaßen ja, und man kann sogar über mehrere Fronten auf einmal berichten.

Der kaiserliche Rat: Von Klein war ja die packende Schilderung in der Presse, daß die meisten Verwundungen der Unsern an den Außenflächen der Hände und Füße vorkommen, woraus hervorgeht, daß die Russen den Flankenangriff bevorzugen –

Der Kurzwarenhändler: No, ein Roda Roda is er nicht! Da wird noch viel Wasser in den Dnjepr fließen, bis er so schreiben wird wie Roda Roda!

Der kaiserliche Rat: Was mir an Roda Roda gefällt is vor allem, daß er fesch is. Er sagt, er will sich morgen an der Drina die Schlacht ansehn und er sieht sie sich an. Fesch!

Der alte Biach: Nutzt nix, man spürt eben den ehemaligen Offizier – den Korsgeist! Mein Sohn is zwar enthoben, intressiert sich aber doch sehr, er will sogar den Streffleer abonnieren.

Der kaiserliche Rat: Ich kann mir nicht helfen – ich bin sehr pessimistisch.

Der alte Biach: Was heißt pessimistisch? Was wolln Sie haben, noch is Lemberg in unserem Besitz!

Der Kompagnon: No also!

Der Doktor: Zu Pessimistisch ist gar kein Grund. Schlimmstenfalls, wenn jetzt die Entscheidung fällt, ist es eine Partie remis.

Der Kurzwarenhändler: Und ich sag Ihnen, ich weiß sogar von einen Herrn vom Ministerium, die Sache is so gut wie gemacht. Wir kommen von rechts, die Deitschen von links und wir zwicken sie, daß ihnen der Atem ausgeht.

Der kaiserliche Rat: Schön – aber Serbien?

Der alte Biach (rabiat): Serbien? Was heißt Serbien? Serbien wern wir wegfegen!

Der kaiserliche Rat: Ich weiß nicht – ich kann mir nicht helfen – der heutige Bericht – man muß zwischen den Zeilen lesen können und wenn man sich die Karte hernimmt – ein Blick auf die Karte zeigt – sogar der einfache Laie – ich kann Ihnen beweisen, Serbien –

Der alte Biach (gereizt): Lassen Sie mich aus mit Serbien, Serbien is ein Nebenkriegsschauplatz. Ich ärger mich. Gehn mr hinein, neugierig bin ich, was heut die Minister sprechen wern – ich schlage vor, meine Herrn, daß wir uns direkt am Nebentisch setzen. (Sie treten ein.)

(Verwandlung.)

8. Szene

Eine Straße in der Vorstadt. Man sieht den Laden einer Modistin, eine Pathéphonfirma, das Café Westminster und eine Filiale der Putzerei Söldner & Chini. Es treten auf vier junge Burschen, deren einer eine Leiter, Papierstreifen und Klebestoff trägt.

Erster: Hammr schon wieder einen erwischt! Was steht da? Salon Stern, Modes et Robes. Das überklebn mr als a ganzer!

Zweiter: No aber der Name könnt doch bleiben und daß mr weiß, was es für ein Gschäft is. Gib her, das mach mr a so (er klebt und liest vor) Salo Stern Mode. So ghört sichs. Das is deutsch. Gehmr weiter.

Erster: Patephon, da schauts her, was is denn dös? Ist dös franzesisch?

Zweiter: Nein, das is lateinisch, das darf bleiben, aber da – da les ich: »Musikstücke deutsch, französisch, englisch, italienisch, russisch und hebräisch«.

Dritter: Wos tan mr do?

Erster: Das muß weg als a ganzer!

Zweiter: Das mach mr a so (er klebt und liest vor) »Musikstücke deutsch – hebräisch«. So ghört sichs.

Dritter: Ja, aber was is denn dös? Ah, da schaurija! Da steht ja Café Westminster, mir scheint das is gar eine englische Bezeichnung!

Erster: Du, das laßt sich aber nur im Einverständnis machen, das is ein Kaffeehaus, der Kaffeesieder könnt eine Persönlichkeit sein, wir hätten am End Unannehmlichkeiten. Rufmrn außa, warts. (Er geht hinein und kehrt augenblicklich mit dem Cafetier zurück, der sichtlich sehr bestürzt ist.) Sie werden das gewiß einsehn – es ist ein padriotisches Opfer –

Der Cafetier: Das ist fatal, aber wenn die Herrn von der freiwilligen Kommission sind –

Vierter: Ja schaun S', warum haben Sie Ihr Lokal überhaupt so tituliert, das war unvorsichtig von Ihnen.

Der Cafetier: Aber meine Herrn, wer hat denn das ahnen können, jetzt is mirs selber peinlich. Wissen S' ich hab das Lokal so tituliert, weil wir doch hier gleich bei der Westbahn sind, wo die englischen Lords in der Saison anzukommen pflegen, also damit sie sich gleich wie zuhaus fühln –

Erster: Ja hörn S', war denn schon einmal ein englischer Lord in Ihnern Lokal?

Der Cafetier: Und ob! Das warn Zeiten! Jessas!

Erster: Da gratulier ich. Aber schaun S' jetztn kann eh kaner kummen!

Der Cafetier: Gottseidank – Gott strafe England – aber schaun S', der Name hat sich bereits so eingebürgert, und nach dem Krieg, wenn so Gott will wieder die englische Kundschaft kommt – schaun S', da sollten S' halt doch ein Einsehn haben.

Erster: Auf so etwas kann die Volkesstimme nicht Rücksicht nehmen, lieber Herr, und Volkesstimme, das wird Ihnen doch bekannt sein –

Der Cafetier: Ja natürlich, wo wird denn unsereins das nicht wissen, wir sind doch mehr oder weniger ein Volkscafé – aber – ja wie soll ich denn nacher das Lokal heißen?

Zweiter: Aber machen S' Ihna keine Sorgen-, wir tun Ihnen net weh – das wer' mr gleich haben – und zwar schmerzlos. (Er kratzt das i weg.)

Der Cafetier: Ja – was – war denn – nacher das?

Zweiter: So! Und jetzt lassn S' vom Maler ein ü hineinmal'n –

Der Cafetier: Ein ü? Café Westmünster –?

Zweiter: Ein ü! Das is ganz dasselbe und is deutsch. Taarloos! Kein Mensch merkt den Unterschied und ein jeden muß doch auffallen, daß das ganz was anderes is, na was sagen S'?

Der Cafetier: Ah, großartig! ah, großartig! Sofort laß i 'n Maler kommen. Ich danke Ihnen meine Herrn für die Nachsicht. Das bleibt so, solang der Krieg dauert. Für'n Krieg tuts es ja. Hernach möcht ich freilich doch – denn was hernach die Lords sagn möchten, wann s' wiederkommen, die möchten schaun!

(zwei Gäste verlassen soeben das Lokal und verabschieden sich voneinander, der eine sagt: Adieu! Der andere: Adio!)

Erster: Was hab i g'hört? Franzosen und Italiener verkehren bei Ihnen? Der eine sagt Adieu und der andere sagt gar Adio? Sie scheinen überhaupt eine internationale Kundschaft zu haben, da is manches verdächtig –

Der Cafetier: No hörn S', jetzt wann einer Adieu sagt –

Zweiter: Aber habn S' denn net ghört, wie der erste Adio gsagt hat? Das ist die Sprache des Erbfeinds!

Dritter: Des heimtürkischen Verräters!

Vierter – Des Treubrüchigen am Po!

Erster: Jawohl, der Verräter war unser Erbfeind!

Zweiter: Unser Erbfeind, der was uns die Treue gebrochen hat!

Dritter: Am Po!

Vierter: Am Po! Mirken S' Ihna das!

(Der Cafetier ist schrittweise in das Lokal zurückgewichen.)

Erster (ihm nachrufend): Sie englischer Katzelmacher am Po!

Zweiter: Da hätt mr einmal ein Exempel schtatuiert mit die Fremdwörter! Gehmr weiter.

Dritter: Da schauts her, heut hammr Glück: Söldner & Chini! Das is schon wieder dieselbe Melange wie bei dem Kaffeesieder. Söldner, also das is doch bekanntlich ein Engländer – und Chini, das is ein Italiener!

Erster: Gott strafe England und vernichte Italien – das überkleb'n mr als a ganzer! Chemische Putzerei? Putz'n weg! Ich hab einen Viechszurn in mir – morgen muß der Bezirk von alle Fremdwörter gereinigt sein, wo ich noch eins drwisch, dem reiß ich 's Beuschl heraus! (Der Zweiote überklebt die Tafel)

Dritter: Es is am besten, wir separiern uns jetzt, ihr zwei bleibts auf dem Trottoir, wir gehn fisafis.

Erster: Das is fatal, aber ich kann heut nicht mitgehn, ich bin sehr pressiert, ich hab nämlich ein Rendezvous –

Zweiter: Das is ein Malheur. Ohne dich riskiern wir am End einen Konflikt. Mich geniert das zwar nicht, aber die Leut wern impatinent und –

Vierter: Mich tuschiert so was auch nicht weiter – aber wir könnten halt doch in eine Soß hineinkommen. Mir is zwar bisher nichts passiert –

Zweiter: Ich versteh, das is odios, und ich bin immer sehr dischkret darin, daß ich mit die Leut harmonisch auseinanderkomm! Aber ihr dürfts euch eben nicht imponieren lassn. Jetzt heißt's resolut sein und die patriotische Aktion, die wir einmal entriert haben, atupri konsequent durchführn.

Dritter: Ja natürlich, wenn einer aber, wie die Leut schon sind, mit dem Argument daherkommt, daß man ihm seine Existenz ruiniert – er fangt zu lamentieren an oder wird gar rabiat, dann –

Erster: Aber ich bitt dich – gar net ignorieren! Oder stantape replizieren: Jetzt sind höhere Interessen! Da wird er schon eine Raison annehmen. Die Leut sind ja intelligent. Man dischkuriert net lang – wo kommt man denn hin, wenn man sich mit jedem erst auf paar Purlees einlassen wollt –

Zweiter: Wenn er sich aber zu echauffieren anfangt – die Leut wern gleich ordinär –

Erster: Da heißt's ihr ihn ein subversives Element, basta! Also – Kurasch! Morgen referierts mir, da assistier ich euch wieder – Herrgott dreiviertel auf fünf is, jetzt muß ich momentan ein Tempo annehmen – sonst komm ich akkurat zu spät also amüsierts euch gut – Kompliment – Adieu –!

Dritter: Serwas!

Vierter: Servitore!

Zweiter: Orewar!

Erster (zurückhaltend): Apropos, im Fall einer protestiert, legitimierts euch einfach als interimistische Volontäre der provisorischen Zentralkommission des Exekutivkomitees der Liga zum Generalboykott für Fremdwörter. Adio!

(Verwandlung.)

9. Szene

In einer Volksschule.

Der Lehrer Zehetbauer: – Jetzt aber sind höhere Ideale über uns hereingebrochen, so daß der Fremdenverkehr ein wenig zurückgedrängt ist und erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Trotzdem dürfen wir nicht verzagen, sondern es ist unsere Pflicht, nachdem wir jeglicher ein Scherflein zum Vaterlande beigetragen haben, auf dem einmal betretenen Wege unentwegt und unerschrocken fortzufahren. Die zarten Keime des Fremdenverkehres, die wir allenthalben gepflanzt und die dank der Fürsorge des hochlöblichen Landesschulrates und des löblichen Bezirksschulrates auch in eure jungen Herzen Eingang gefunden haben, sollen vom ehernen Tritt der Bataillone, so unentbehrlich derselbe auch in dieser großen Zeit ist, nicht zertreten werden, sondern im Gegenteil gehegt und gepflegt werden für und für. Sicherlich ist es notwendig, daß jeglicher heute seinen Mann stelle, so auch ihr und so müsset auch ihr euch betätigen, indem ihr an eure Herren Eltern oder Vormünder herantretet, sie mögen euch das schöne Jugendspiel »Wir spielen Weltkrieg« als Geburtstagsüberraschung bescheren oder da Weihnachten vor der Tür steht, den »Russentod«. Auch sollet ihr wissen, daß ihr zur Belohnung für Fleiß und gute Sitten, natürlich mit Zustimmung der p. t. Herren Eltern oder Vormünder, am Sonntag jeglicher einen Nagel in den Wehrmann in Eisen einschlagen dürfet und so durch Benagelung dieses Wahrzeichens –

Die Klasse: Das is gscheit!

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Was willst du, Gasselseder?

Der Knabe: Bitt Herr Lehrer, ich hab schon mit dem Vattern einen Nagel einigschlagen, derf ich da noch einen Nagel einischlagn?

Der Lehrer: Wenn deine Herren Eltern oder Vormünder es gestatten, so steht deinem patriotischen Wunsche nach einer abermaligen Benagelung dieses Wahrzeichens von der Schulleitung aus nichts im Wege.

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Was willst du, Czeczowiczka?

Zweiter Knabe: Bitt, ich muß hinaus.

Der Lehrer: Hinaus? Du bist zu jung, warte, bis du in ein reiferes Alter kommst.

Der Knabe: Bitt, ich muß.

Der Lehrer: Diesen Wunsch kann ich jetzt nicht erfüllen. Schäme dich. Warum verlangt es dich hinaus?

Der Knabe: Bitt, ich hab Not.

Der Lehrer: Warte, bis bessere Zeiten kommen. Du würdest deinen Kameraden mit schlechtem Beispiel vorangehen. Das Vaterland ist in Not, nimm dir ein Beispiel, jetzt heißt es durchhalten.

(zwei Knaben zeigen auf.)

Der Lehrer: Was wollet ihr, Wunderer Karl und Wunderer Rudolf?

Beide: Bitt, wir möchten lieber im Stock im EisenStock im Eisen – eine Wiener Sehenswürdigkeit, ein Fichtenstamm, in den jeder ankommende Schmied einen Nagel einschlagen mußte einischlagn.

Der Lehrer: Setzen! Schämet euch. Der Stock im Eisen ist ein Wahrzeichen, auf dem kein Nagel mehr Platz hat. Aber der Wehrmann im EisenWehrmann im Eisen – eine Analogie im 1. Weltkrieg dazu soll mit eurer tatkräftigen Hilfe erst ein Wahrzeichen werden, eine Sehenswürdigkeit, von der noch eure Kinder und Kindeskinder erzählen werden.

Der Knabe Kotzlik: Bitt, der Merores stößt immer!

Memores: Das is nicht wahr, er hat Jud zu mir gesagt, ich sags dem Papa, der wirds ihm schon geben, er gibt es hinein ins Tagblatt.

Der Lehrer: Haltet Burgfrieden, Kotzlik und Merores! Wir kommen jetzt zu dem Lesestück: Haßgesang gegen England. Merores, du kannst gleich stehen bleiben, beantworte mir die Frage, wie der Dichter heißt, der dies Gedicht gedichtet hat.

Memores: Ob ich weiß, Frischauer.

Der Lehrer: Falsch, setz dich.

Ein Knabe (einsagend): Lissauer.

Der Lehrer: Praxmarer, wenn du noch einmal einsagst, laß ich dich den Prinz Eugen von HofmannsthalHofmannsthal – Hugo von Hofmannsthal, österr. Schriftsteller † 1929, war an der Begründung der Salzburger Festspiele beteiligt, schrieb das Libretto zu der Strauss-Oper »Der Rosenkavalier« abschreiben. Ich habe den Faden verloren.

(Einige Knaben eilen zum Katheder und bücken sich.)

Der Lehrer: Was suchet ihr?

Die Knaben: Den Faden, Herr Lehrer, der Herr Lehrer hat gesagt, der Herr Lehrer haben den Faden verloren.

Der Lehrer: Ihr seid töricht, ich meine ja das nicht bildlich, sondern wörtlich.

Ein Knabe: Derf ich vielleicht meinen Leitfaden –

Der Lehrer: Wottawa, auch du hast mich nicht verstanden. Ich sehe schon, daß ihr nicht reif seid. Ich wollte den Haßgesang prüfen, aber ich will euch das heute noch erlassen. Die Ideale, welche die große Zeit euch auferlegt, werdet ihr bis morgen präpariert haben, weil ich dann keine Nachsicht mehr üben kann. Was soll sich der Herr Bezirksschulinspektor denken, wenn er in die Klasse kommt und wenn das so weiter geht. Jetzt, wo ihr für die zweite Kriegsanleihe werben sollt, ist es umso mehr eure Pflicht, die Erwartungen nicht zu enttäuschen. Also, daß ihr mir morgen den Haßgesang auswendig wisset! Ich kann euch immer wieder nur einprägen: Haltet durch, traget ein Scherflein bei, werbet für die Kriegsanleihe, sammelt Metalle, suchet euer Gold hervor, das ungenützt in der Truhe liegt! Für heute aber will ich noch Nachsicht üben und den Fremdenverkehr mit euch durchnehmen. Hebet denselben! Ich habe euch früher erklärt, warum der Fremdenverkehr gerade jetzt nicht vernachlässiget werden darf. Wiewohl der rauhe Kriegessturm über unsere Lande hinwegfegt, indem unser erhabener Monarch Tausende und Abertausende unserer Söhne und Brüder zu den Waffen rief, so zeigen sich schon jetzt die ersten Ansätze zu einer Hebung des Fremdenverkehrs. Darum lasset uns dieses Ideal nie aus dem Auge verlieren. Wir haben da ein schönes Lesestück »Ein Goldstrom«. Nicht doch. Lasset uns vielmehr heute das alte Lied anstimmen, das ihr einst in Friedenszeit gelernt habt, kennet ihr es noch?

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Nun, Habetswallner?

Der Knabe: Bitt Herr Lehrer, ich weiß schon, bei einem Wirte wundermiId.

Der Lehrer: Falsch!

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Nun, Braunshör?

Der Knabe: Üb immer Treu und Redlichkeit.

Der Lehrer: Nicht doch! Schäme dich!

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Nun, Fleischanderl?

Der Knabe: Das Wandern ist des Müllers Lust.

Der Lehrer: Setz dich!

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Nun, Zitterer?

Der Knabe: Hinaus in die Ferne!

Der Lehrer: Setz dich! Nicht wir können jetzt in die Ferne, die draußen sollen zu uns kommen!

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Süßmandl, weißt du es?

Der Knabe: Bitt, hinaus!

Der Lehrer: Was fällt dir bei, ich sagte doch, das gibt es jetzt nicht, weder in der Klasse noch wenn ihr ins Leben hinaustretet. Nun also, keiner von euch will das Lied kennen?

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Anderle, du?

Der Knabe: Was frag ich viel nach Geld und Gut.

Der Lehrer: Setz dich in die letzte Bank. Wo hast du denn das gelernt? Schäme dich, Anderle! Ich sehe schon, ihr habt es in eiserner Zeit vergessen. Und doch ist es das liebe alte Lied, nach welchem ihr alle einst die Vokale gelernt habt. Schämet euch doch. Nun so will ich denn die Fiedel nehmen und dann werdet ihr gleich von selbst einstimmen.

(Ein Knabe zeigt auf.)

Der Lehrer: Nun Sukfüll, willst du die Klasse beschämen?

Der Knabe Sukfüll: Pfleget den Fremdenverkehr!

Der Lehrer: Brav, Sukfüll, du beschämst die ganze Klasse. Ich werde das deinem Vater mitteilen, auf daß auch er dich belobe. (Er nimmt die Geige, die Klasse fällt ein und singt.)

>A a a, der Fremde der ist da.
Die stieren Zeiten sind vergangen,
Der Fremdenverkehr hat angefangen,
A a a, der Fremde der ist da.
E e e, Euer Gnaden wissen eh.
Fesch das Zeugl, fesch die Madeln,
Gstellt vom Kopf bis zu die Wadeln,
E e e, Euer Gnaden wissen eh.
I i i, wir wurzen wie noch nie.
Seids net fad, ruckts aus mit die Maxen,
Reiß'n ma aus der Welt a Haxen,
I i i, wir wurzen wie noch nie.
0 o o, wie sind die Wiener froh.
Mir werns euch schon einigeigen,
Laßts euch das Wiener Blut nur zeigen,
0 o o, wie sind die Wiener froh.
U u u, nun hat die Seel' a Ruh.
Wien ist und bleibt die Stadt der Lieder,
Bitte beehren uns bald wieder,
U u u, nun hat die Seel' a Ruh.

(Verwandlung.)

10. Szene

Im Café Pucher. Die Minister sind versammelt.

Eduard (zu Franz): Es fehlt noch die Muskete, der Floh und das Intressante –

(Fünf Eintretende nehmen am Nebentisch Platz. Der Ministerpräsident wendet sich an den Minister des Innern.)

Der alte Biach: So wahr ich da leb, er hat etwas von einer Bombe gesagt –

Eduard (bringt illustrierte Blätter): Bitt schön Exlenz is die Bombe schon frei?

Der alte Biach: Ah so –

Die Andern (durcheinander): Was hat er gesagt?

Der alte Biach: Nix – ich hab mich geirrt.

Der kaiserliche Rat (zu seinem Nachbar): Intressant steht heut im Tagblatt –

(Der Kellner Franz ist an den Tisch getreten. Nacheinander die Rufe: »Mir einen Doppelschlag!« »Mir mit Haut und mehr licht!« »Obersgspritzt und das 6-Uhr-Blatt!« »Einen Gapo passiert!«)

Der kaiserliche Rat: Und mir eine Melange, oder nein, wissen Sie was, bringen Sie mir zur Abwechslung eine Nuß Gold und die Presse!

Der alte Biach (die Neue Freie Presse zur Hand nehmend): Großartig!

Alle: Was denn?

Der alte Biach: Sehn Sie, das imponiert mir, jetzt feiert er schon seit vierzehn Tagen das fufzigjährige Jubiläum, immer an erster Stelle, dann kommt die Schlacht bei Lemberg mit den Eindrücken. Da sieht man doch wenigstens, es gibt auch noch freudige Ereignisse in Österreich! Und schließlich is es ja ein Ereignis wie es noch nicht da war. Das Bollwerk deutschfreiheitlicher Gesinnung, Gesittung und Bildung, Kleinigkeit, was da für Namen gratulieren – schauts euch bitt euch nur an – sss – warts – drei, vier, nein, fünf volle Seiten. Alles wetteifert ihr zu gratulieren, die höchsten Spitzen genieren sach nicht.

Der kaiserliche Rat: Heut habe ich geschrieben – passen Sie auf, morgen wird es stehn!

Der alte Biach (erregt): Wenn Sie geschrieben haben, wer' ich auch schreiben. Keine kleine Ehre, in solcher Umgebung –

Der Doktor: Komisch ist nur, fällt mir auf – überall, bei den Tausenden und Abertausenden von Gratulationen, überall druckt er die Adresse mit: Sr. Hochwohlgeboren Herrn Moriz Benedikt, Herausgeber der Neuen Freien Presse, Wien I Fichtegasse 11. Ich kann mir nicht helfen- das is etwas eitel! Das Hochwohlgeboren könnt er sich schenken, und die Adresse genügt schließlich auch zwanzigmal.

Der Kompagnon: Sagen Sie das nicht. Das kann man nicht oft genug hören.

Der kaiserliche Rat (fast gleichzeitig): Das seh ich nicht ein, er will gar nichts ändern, so haben sie geschrieben, so soll es stehn, recht hat er!

Der alte Biach: Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?

Der Kompagnon (begütigend): Aber – nix – Noch is Lemberg in unserem Besitz.

Der Kurzwarenhändler: Vor allem sieht man doch, daß alle Zuschriften echt sind, schaun Sie her, Kleinigkeit, Montecuccoli und lauter Exellenzen – sss –

Der kaiserliche Rat: Was heißt Montecuccoli und Exellenzen? Und Berchtold is e Hund? Gestern eigenhändig gratuliert!

Der alte Biach: Was heißt Berchtold? Weiskirchner! Da haben Sie's vor Ihren Augen, was sagt man! Würde man das für meglich halten? Weiskirchner, der greßte Antisemit! Er gratuliert ihm »aufrichtigen Sinnes«. Was steht da? Wirklich schön, wer schreibt das, »die Neue Freie Presse ist das Gebetbuch aller Gebildeten«.

Der Kompagnon: Das is aber ja wahr. Was steht da? Intressant, die Firma Dukes freut sich mit ihr in angenehmster Verbindung zu stehn. Die größte Annoncenfirma von Wien, bitte!

Der Doktor: Schaun Sie her! Sogar Harden, bekanntlich der glänzendste Stilist – was schreibt er, er nennt ihn, glänzend, hören Sie, wie er ihn nennt, »Generalstabschef des Geistes«!

Der Kurzwarenhändler: Betamt, aber nicht originell. Das is schon in ein paar Dutzend Zuschriften gestanden, es liegt auch wirklich nah, das zu sagen.

Der alte Biach: Selbstredend, gerade jetzt, wo dahinter gleich von Lemberg die Rede is! Großartig waren auch die Ansprachen beim Bankett –

Der Kompagnon: Das war doch nicht beim Bankett, das Bankett war doch abgesagt wegen dem Weltkrieg.

Der kaiserliche Rat: Aus Bescheidenheit.

Der Kurzwarenhändler: Übertriebene Rücksicht.

Der alte Biach: Nuna! Also es war kein Essen, aber doch kolossal feierlich. Wenn kein Krieg wär, hätten Sie sehn sollen, was sich getan hätt. Aber sie haben sich's nicht nehmen lassen. Sehr schön war, wie sie ihn alle gefeiert haben, der Vorstand der Buchhaltung und sogar die erste Austrägerin. Das hat so etwas Familiäres, so ein Fest der Presse. Die Reden hab ich mir sagen lassen wern gleich mitstenographiert.

Der kaiserliche Rat: Aber der Stenograph gratuliert doch auch?

Der alte Biach: Ja, aber währenddem stenographiert er.

Der Kompagnon: Sehn Sie sich nur bittsie die Liste an, endlos –

Der Doktor: Ja, das ist traurig.

Der Kompagnon: Wieso traurig?

Der Doktor: Ach so, ich hab auf die Verlustliste geschaut unten, ein Zufall, daß das gleich nach den Gratulanten kommt.

Der alte Biach: Nebbich – was soll man machen, ja, ja, das ist und bleibt ein Ereignis, von dem noch die Kindeskinder reden wern.

Der kaiserliche Rat: Das is wahr, alle Tag wird ein Blatt nicht fufzig Jahr.

Der alte Biach: Das geben Sie gut, ich hab gemeint – Lemberg.

Der kaiserliche Rat: Wer redt von Lemberg?

Der Doktor (sich vorsichtig umblickend): Leider kann man nicht leugnen, daß es gerade keine Ehre für uns ist.

Der alte Biach: Erlauben Sie – keine Ehre? Traun Sie sich nur, so etwas laut zu sagen!

Der Doktor (leise): No, ich mein', mit Lemberg –

Der alte Biach: Wer redt von Lemberg? Und wenn man schon wegen dem kleinmütig wird und verzagt, so richtet man sich auf an dem, was vorn steht – am Jubiläum!

Der kaiserliche Rat: Wissen Sie was mir am meisten imponiert? Mir imponiert nicht was vorn steht, mir imponiert nicht was in der Mitte steht, mir imponiert was hinten steht! Erinnern Sie sich, am Jubiläumstag die hundert Seiten Bankannoncen, ganzseitig? Alle ham sie blechen müssen, mitten im Moratorium, bis sie schwarz geworn sind! Ja, die Presse ist eine Macht, an der sich nicht rütteln läßt – wenn aber sie rüttelt, dann fallen die Zwetschken von den Bäumen.

Der alte Biach: Was wollen Sie haben, der Mann hat eine Gewure wie heut kein zweiter in Österreich. Er hat Phantasie und Gemüt und Geist und Gesinnung und is ein großer Nemmer vor dem Herrn.

Der kaiserliche Rat: Wissen Sie, Herr Biach, an wem mich erinnert in der Sprache, was Sie da jetzt gesagt haben?

Der alte Biach: An wem es erinnert? An wem soll es erinnern?

Der kaiserliche Rat: An ihm selbst mit die vielen »und«!

Der alte Biach: No und? Ist das ein Wunder? Man steht unwillkürlich unter dem Bann! Ham Sie neilich gelesen im Abendblatt Laienfragen und Laienantworten? Gediegen, was? Besonders im Abendblatt is er ganz er selbst. Da wiederholt er alles von neuem. Wie es geheißen hat, noch is Lemberg in unserem Besitze, hat er gesagt, hier fällt uns vor allem das Wörtchen noch auf und das Auge bohrt sich herein und man kann sich vorstellen. Da gibt er immer alles und mit noch! »Gestern wurde gemeldet – heute wird gemeldet«, das bringt man nicht mehr aus dem Kopf. Er redet wie unsereins, nur noch deutlicher. Man weiß nicht, redt er wie wir oder reden wir wie er.

Der kaiserliche Rat: No und der Leitartikel ise Hund? Schon der erste Satz – wer macht ihm das nach? Die Familie Brodsky ist eine der reichsten in Kiew. Fertig. Mitten drin is man. Dann springt er herum, redt von Talleyrand, was er gesagt hat beim Essen, und schon is man mitten drin im ungrischen Ausgleich.

Der alte Biach: Mir imponiert am meisten, wenn er sagt, man kann sich vorstellen. Oder wenn er mit der Einbildungskraft kommt, das bringt er packend, und da stellt mm sich gleich alles vor, wie wenn er wär mitten drin im Pulverdampf gottbehüt und wir alle mit ihm. Den größten Wert legt er aber scheint es auf die Stimmungen und auf die Eindrücke von die Details und packend is wenn er erzählt, wie sie die Leidenschaften aufgewiegelt haben. Ich für meinen Geschmack muß aber sagen, ich les am liebsten, wenn er sich vorstellt, wie sie sich schon unruhig wälzen bei Nacht, speziell Poincaré und GreyGrey – Edward Grey, englischer Außenminister 1905/1916, maßgeblich an der Entstehung der Entente (Frankreich, Rußland, England) beteiligt, versuchte den Weltkrieg zu verhindern und sogar der Czar, wenn sie von der Sorge benagt sind, weil es schon rieselt im Gemäuer. Und vielleicht ist in diesem Augenblick schon, und vielleicht haben sie schon und vielleicht und vielleicht, das is hochdramatisch! Ich hab mir sagen lassen, er diktiert, wenn er schreibt. Man kann sich vorstellen, wenn er so einen Leitartikel diktiert. Ich sag Ihnen, die Einbildungskraft schwelgt in der Vorstellung, daß wenn er diktiert, die Kandelaber in der Redaktion zittern!

Der Doktor: Zufällig weiß ich aber, weil ich einmal persönlich eine Beschwerde hinaufgetragen habe, über den Mistbauer und die Fliege –

Der alte Biach: Was wissen Sie?

Der Doktor: Daß sie dort gar keine Kandelaber haben!

Der alte Biach (erregt): Was denn ham sie? Lassen Sie mich aus, Dokter, Sie sind ein bekannter Miesmacher – so ham sie Stehlampen! Tut nix – die Kandelaber zittern doch! Unsereins hat eben noch Illusionen. Marqueur, bringen Sie die Blochische Wochenschrift und Danzers Armeezeitung!

Der Kompagnon: Moment! Jetzt – wenn man jetzt so hören könnte, was die Minister reden! – (Alle lauschen. Der alte Biach rückt dicht an den Ministerfisch vor.)

Der Ministerpräsident: Der Pschütt is heut wieder in einem Zustand, recht ärgerlich is das – anstatt daß die Marquör die Illustrierten einsperrn, tun sie's aufhängen – die möchten sich wirklich schon alle Freiheiten nehmen. Nachher krieg ich so ein Blatt in einer Verfassung – aufheben wer' ich mir's nächstens lassen, das is das einfachste.

Der alte Biach (in größter Erregung): Wißts ihr, was ich jetzt gehört hab? Gotteswillen, ich hab ganz deutlich die Worte gehört: Standrecht, einsperrn, aufhängen –

Der Kompagnon: Sss ...!

Der alte Biach: Alle Freiheiten nehmen, Verfassung aufheben!

Der kaiserliche Rat: Also, da ham mas!

Der Doktor: Wissen Sie, daß das eine politische Sensation katexochen ist und man kann wirklich sagen, aus erster Quelle!

Der alte Biach (stolz): Also was sagen Sie zu mir!

Der Kurzwarenhändler: Es ist Ihre Pflicht, es noch heute der Presse zu stecken!

Der alte Biach: Ja, die Zeiten sind ernst –

Der kaiserliche Rat: – und wer kann wissen was der kommende Tag bringt –

Der Kurzwarenhändler: – und der Staat hat die Verpflichtung, die Leidenschaften, wenn sie einmal aufgewiegelt sind, wieder einzudämmen –

Der Kompagnon: – und die Stimmungen sind wichtig –

Der Doktor: – und die Sorge wächst –

Der alte Biach: – und es is schon zehn Uhr und meine Rosa sitzt zuhaus und sie hat nicht gern wenn ich spät komm und ich bin deshalb dafür wir zahlen und gehn.

(Der Zahlkellner kommt, sie gehn ab, indem sie sich alle noch einmal mit scheuer Neugierde nach dem Ministertisch umblicken.)

Der alte Biach (im Abgehen): Wir haben einen historischen Moment erlebt. Den ernsten Gesichtsausdruck vom Gesicht vom Grafen StürgkhStürgkh – Karl Reichsgraf von Stürgkh, ab 1911 Ministerpräsident, 1916 von einem Attentäter erschossen werde ich mein Lebtag nicht vergessen!

(Verwandlung.)

11. Szene

Es treffen sich zwei, die sichs gerichtet haben.

Der Erste: Servus, du noch in Wien? Du bist doch behalten worn?

Der Zweite: Ich bin hinaufgegangen und hab mirs gerichtet. Ja, aber was machst denn du noch in Wien? Du bist doch behalten worn?

Der Erste: Ich bin hinaufgegangen und hab mirs gerichtet.

Der Zweite: Natürlich.

Der Erste: Natürlich.

Der Zweite: Weißt nicht, was aus dem Edi Wagner gworn is, hat der sichs vielleicht gerichtet? Er is im Oktober zur Konschtatierung, dann hats gheißen, sein Alter kauft ihm einen Daimler, weil sein Major, der Tschibulka von Welschwehr versprochen hat, er kommt zum Autlkorps, dann hats gheißen, entweder er kommt nach Klosterneuburg zum Kaader oder in eine Munitionsfabrik, natürlich in die Kanzlei, dann hams wieder gsagt, er soll für unentbehrlich erklärt wern im Gschäft und der Onkel von ihm, weißt der fürs Reservespital in der Fillgradergassen die Wurzen is, den hab ich damals troffen, der hat gsagt, wenn alle Stricke reißen, bringt er ihn beim Roten Kreuz unter, kein Mensch hat sich auskennt, kurzum, möcht mich wirklich intressiern, wo's den armen Teufel am End hingschupft ham.

Der Erste: Das kann ich dir sagen. Der Alte hat sich also, ein Schmutzian wie er is, das überlegt mit dem Daimler, er hat ihn lieber bei die dänischen Papierdecken untergebracht, das hat ihm aber gstiert, da hat er gsagt, lieber macht er Dienst und is nach Blumau kommen, dort war's ihm aber z'fad, und jetzt sitzt er Nacht für Nacht im Chapeau, abwechselnd in Uniform und in Zivil, wie der Bursch das macht is mir ein Schleier, ich kann mir nur rein denken, wie alle Protektion nix gnutzt hat, is er hinaufgegangen und hat sichs gerichtet. Es könnt aber auch sein, daß er wirklich enthoben is oder hat er gar am End doch einen C-Befund kriegt. Du servus ich hab ein Rendezvous mit einer Persönlichkeit, ich krieg vielleicht eine Lieferung, und das was für eine, da muß man schon tulli sagen –

Der Zweite: Du hast immer die Sau. Hast ghört, der Seifert Pepi is gfallen, weißt bei Rawaruska, servus ich muß zu einer Sitzung ins Kriegsfürsorgeamt, morgen hams den Tee und ich hab versprochen, daß ich die Fritzi-Spritzi hinbring, der Sascha Kolowrat kommt hin, geh sei fesch und komm auch hin, bring dein Schlamperl mit, servus!

Der Erste: Lieber Freund, ich hab jetzt andere Dinge, wenn mir das gelingt, ruf ich dich an, servus – du apropos – was ich dir erzählen wollte –

(Ein Abonnent und ein Patriot treten auf.)

Der Patriot: Gesunde junge Leut, ham Sie gesehn? Ein Korps könnt ich zusammenstellen auf der Ringstraße!

Der Abonnent: Da kann man wirklich empört sein. Pfui, Drückeberger in Frankreich!

Der Erste (dreht sich um): Meinen Sie vielleicht mich?

Der Abonnent: Sie? Ich kenn Sie gar nicht, lassen Sie mich in Ruh –

Der Zweite: Das möchten wir uns auch ausgebeten haben – Sie können gar nicht wissen –

Der Patriot: Aber bitte, bitte meine Herrn, der Herr hat von Drückeberger in Frankreich gesprochen, also brauchen Sie gar nicht so aufgeregt sein, Sie sind ja nicht aus Frankreich.

Der Erste: A so, also pardon, also wenn sich das nicht auf Österreich bezieht, so hab ich mich geirrt, djehre! (Beide ab.)

Der Abonnent: Sehn Sie, frech wern auch noch! Der hat das mit Drückeberger in Frankreich faktisch auf sich bezogen.

Der Patriot: Wahrscheinlich ein Franzos, der sich gedruckt hat und hier sein Unwesen treibt, kann man wissen, Sie, ich laß mich hängen, wenn das nicht ein Deserteur is oder gar ein Spion!

Der Abonnent: Ich hab auch stark den Eindruck.

Der Patriot: Überhaupt, wie es in den feindlichen Staaten zugeht!

Der Abonnent: Wem sagen Sie das! Sind nicht zum Beispiel, um gleich bei Frankreich zu bleiben, dort jetzt Nachmusterungen ausgeschrieben, man soll sich nur vorstellen, Nachmusterungen!

Der Patriot: Aber nicht genug, daß dort Nachmusterungen stattfinden – die sie nehmen, müssen auch an die Front! Ich hab gelesen von »Einstellung der Nachgemusterten in Frankreich«!

Der Abonnent: Und was sagen Sie zu den Mißständen in der französischen Heeresintendantur?

Der Patriot: Verträge für Kriegslieferungen sind zu haarsträubenden Preisen abgeschlossen worden.

Der Abonnent: Bei den Konserven- und Munitionslieferungen sollen bedenkliche Preisunterschiede festgestellt worden sein.

Der Patriot: Wucherpreise sind gezahlt worden für Tuch, Leinwand und für Mehl.

Der Abonnent: Von gewissen Zwischenhändlern sind bei den Abschlüssen der Verkäufe große Verdienste erzielt worden! Mit Zwischenhändlern arbeiten sie!

Der Patriot: Wo?

Der Abonnent: No in Frankreich!

Der Patriot: Schkandal!

Der Abonnent: Und in offener Parlamentssitzung wird so etwas vorgebracht!

Der Patriot: Also ob das bei uns möglich wäre! Zum Glück haben wir –

Der Abonnent: Kein Parlament, meinen Sie –

Der Patriot: Ein reines Gewissen, wollte ich sagen.

Der Abonnent: Millerand hat selbst alles eingestanden, es sei unmöglich, hat er gesagt, Fehler zu vermeiden, aber es werde unnachsichtlich vorgegangen.

Der Patriot: Ich merk nix davon!

Der Abonnent: No und Rußland? Sehr bezeichnend ist, daß sie dort schon die Duma einberufen müssen und die Regierung muß sich eine offene Sprache gefallen lassen.

Der Patriot: Bei uns wär so etwas ausgeschlossen, wir haben zum Glück –

Der Abonnent: Ein reines Gewissen, weiß schon.

Der Patriot: Kein Parlament, wollte ich sagen.

Der Abonnent: No und was sagen Sie zur Ernte?

Der Patriot: Ich sag nur: Schlechte Ernte in Italien, Mißernte in England. Ungünstige Ernteaussichten in Rußland. Besorgnisse wegen der Ernte in Frankreich. Und was sagen Sie zum Kurs, he?

Der Abonnent: Was soll ich sagen? Der Preisfall des Rubels spricht eine deutliche Sprache.

Der Patriot: Gott wenn man damit zum Beispiel unsere Krone vergleicht –

Der Abonnent: Miserabel stehn auch Lire, um 3o Perzent gesunken!

Der Patriot: Die Krone zum Glück nur um das Doppelte.

Der Abonnent: Apropos Italien, haben Sie heut drüber gelesen, wie es schon drunten drunter und drüber geht? Der Messagero beklagt sich über die ungenügende Kehrichtabfuhr in Rom, was ein sehr charakteristisches Licht auf die dortigen zustände wirft.

Der Patriot: Wenn man damit unsere Wiener Straßen vergleicht! Als ob die im Krieg schmutziger wären wie im Frieden! Hat man je in einer von unsere Zeitungen ein Wort lesen können, daß in diesem Punkt vielleicht etwas nicht in Ordnung wäre? No ja, höchstens hin und wieder steht in der Presse – also etwas vom »Mistbauer und die Fliege« – das is aber auch intressant!

Der Abonnent: Und das sind Übelstände, die schon zum Teil beseitigt sind. Haben Sie nicht gelesen: »Teilweise Auflassung des Mistbauers«? No also!

Der Patriot: Was sagen Sie zu England?

Der Abonnent: Ich sag, in England sind die Kartoffelpreise kolossal in die Höhe gegangen.

Der Patriot: Ja und es stellt sich sogar heraus, daß sie dort jetzt noch niedriger sind wie bei uns im Frieden. Also da kann man sich vorstellen!

Der Abonnent: No und die Behandlung unserer Zivilinternierten? Haben Sie gelesen, wie die schmachten müssen? Sie wissen doch, wie gut es bei uns den russischen Kriegsgefangenen geht.

Der Patriot: Dafür nehmen sie sich natürlich die größten Frechheiten heraus. Da hab ich mir erzählen lassen, in Tirol auf dem Brenner läßt man sie Schützengräben bauen, damit sie eine Beschäftigung haben. Was glauben Sie tun sie? Weigern tun sie sich! No, macht man selbstredend kurzen Prozeß. Aus Innsbruck wird ein Detachement geholt, noch einmal wern sie gefragt, ob sie die Schützengräben bauen wollen. Nein! heißt es. Legt man an. Nu na nicht, genieren wird man sich, was heißt Völkerrecht, Krieg ist krieg. Aber gute Potsch wie sie schon sind bei uns, hat man noch Geduld gehabt und fragt sie noch ein mal, die Rebellen. Nein heißt es! Zielt man. Da natürlich – hätten Sie sehn sollen, melden sich auf einmal alle, ja, sie wolln Schützengräben baun. Ein Geriß war auf amol um die Schützengräben, sag ich Ihnen. Das heißt, alle bis auf vier. No die wern natürlich erschossen, selbstredend. Unter ihnen war ein Fähnrich – hörn Sie nur zu –

Der Abonnent: Ich hör.

Der Patriot: Wahrscheinlich der erste Rädelsführer von ihnen. Hat die Frechheit und hält noch eine Ansprache gegen Österreich, oben am Berg. Wahrscheinlich ein Antisemit. Hörn Sie zu –

Der Abonnent: Ich hör.

Der Patriot: Unsere Leut, ich mein, die Eigenen, gutherzig wie sie sind, waren aber zu aufgeregt beim Schießen, sie haben um keinen Preis treffen können, hat also der Hauptmann persönlich nachhelfen müssen und hat die Kerle mit dem Dienstrevolver abgeschossen. Also was sagen Sie, was sich die Russen bei uns herausnehmen!

Der Abonnent: Bei uns? Was sie sich bei ihnen herausnehmen gen die österreichischen Gefangenen, sagen Sie lieber! Falls Sie noch nicht gelesen haben sollten, was heute steht, hier, ich hab's bei mir, hörn Sie: Mißbrauch Kriegsgefangener durch die russischen Truppen zur Teilnahme an den Feindseligkeiten. Aus dem Kriegspressequartier wird geschrieben: Seit der Vertreibung der Russen aus Galizien vergeht selten ein Tag, an dem nicht irgend eine bisher noch nicht bekanntgewordene Verletzung des Völkerrechtes durch die russischen Truppen aufgedeckt werden würde, so daß es heute kaum noch eine Bestimmung des Kriegsrechtes gibt, von der nicht feststünde, daß sie von russischer Seite mit Füßen getreten wird.

Der Patriot: Sehr gut.

Der Abonnent: Hörn Sie nur zu –

Der Patriot: Ich hör.

Der Abonnent: So wird durch die in den besetzt gewesenen Teilen Galiziens jetzt durchgeführten Gendarmerieerhebungen bekannt, daß, auf Grund eines Befehles der russischen Armeekommandanten, während der ganzen Okkupationsdauer alle irgendwie arbeitsfähigen Männer und Weiber außer zu anderen Arbeiten im Bedarfsfall speziell zur Erbauung von Schützengräben –

Der Patriot: Was sagt man!

Der Abonnent: – zwangsweise herangezogen und hiezu bis in die Karpathen getrieben wurden. Daß es dem Feinde nach den Haager Konventionen ausdrücklich untersagt ist, der friedlichen Bevölkerung des besetzten Gebietes Dienstleistungen aufzuerlegen, welche auf die Bekämpfung ihres Vaterlandes hinauslaufen, focht die russischen Machthaber natürlich nicht an.

Der Patriot: Focht sie nicht an! Packasch!

Der Abonnent: Hörn Sie nur zu –

Der Patriot: Ich hör.

Der Abonnent: Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Russen, wie jetzt gleichfalls festgestellt wurde, auch die in ihre Kriegsgefangenschaft geratenen Angehörigen der k. u. k. Armee zur Erbauung von Werken gegen uns mißbrauchen –

Der Patriot: Unerhört! Ganz derselbe Fall!

Der Abonnent: – obwohl dies gleichfalls den Haager Vertragsbestimmungen zuwiderläuft, nach denen die Kriegsgefangenen nicht zu Arbeiten verwendet werden dürfen, die mit den kriegerischen Unternehmungen in irgend einem Zusammenhang stehen. Ein merkwürdiger Zufall brachte es mit sich, daß das k. u. k. 82. Infanterieregiment jüngst einen russischen Stützpunkt erstürmte, den kriegsgefangene Angehörige desselben Regiments hatten errichten müssen. Auf einer Holztafel fand man dort folgende ungarische Inschrift: »Diesen Stützpunkt erbauten Szekler des 82. Infanterieregiments«. Zu der kürzlich gemeldeten zwangsweisen Vertreibung österreichischer Staatsbürger aus ihrer Heimat tritt diese zwangsweise Anhaltung österreichisch-ungarischer Staatsangehöriger zur Teilnahme an den Feindseligkeiten gegen ihr Vaterland nicht als Gegenstück, sondern als eine, das russische Kampfsystem ergänzende Maßregel hinzu. – No was sagen Sie jetzt?

Der Patriot: Echt russisch! Das hat die Welt nicht geschn! Das is wirklich kein Gegenstück, das is geradezu eine ergänzende Maßregel! Und von den armen österreichischen Soldaten hat wahrscheinlich keiner sich getraut, sich zu weigern.

Der Abonnent: No hat denn jeder die Chutzpe von so einem russischen Fähnrich?

Der Patriot: Eine Ansprache gegen den Staat zu halten oben mitten am Berg!

Der Abonnent: Oben auf den Karpathen!

Der Patriot: Wieso Karpathen? Oben am Brenner!

Der Abonnent: Oben am Brenner! Da kann man wirklich sagen, kein Tag vergeht ohne solche himmelschreiende Kontraste!

Der Patriot: Ausgezeichnet war der Artikel von Professor Brockhausen, wie er geschrieben hat, niemals sind bei uns wehrlose Gefangene auch nur mit Worten gehöhnt worden.

Der Abonnent: Recht hat er gehabt: Das war doch dieselbe Nummer der Presse, wo der Stadthauptmann von Lemberg verlautbart hat, russische Gefangene sind während ihres Transportes durch die Straßen von einem Teil des Publikums beschimpft und mit Stöcken geschlagen worden. Er hat ausdrücklich konstatiert, daß das ein Verhalten sei, einer Kulturnation unwürdig.

Der Patriot: Er hat zugegeben, wir sind eine Kulturnation, nicht bloß die Juden.

Der Abonnent: Selbstredend. Aber es gibt auch wirklich keinen Punkt, wo wir uns nicht unterscheiden würden von den Feinden, die ja doch ein Abschaum der Menschheit sind.

Der Patriot: Zum Beispiel im feinen Ton, den wir selbst gegenüber den Feinden anschlagen, die doch die größte Packasch sind auf Gottes Erdboden.

Der Abonnent: Und vor allem sind wir im Gegensatz zu ihnen immer human! Die Presse zum Beispiel hat im Leitartikel sogar an die Fische und Seetiere in der Adria gedacht, daß sie jetzt gute Zeiten haben wern, weil sie so viel italienische Leichen zu fressen bekommen. Das ist doch schon wirklich die Humanität auf die Spitze getrieben, in diesen verhärteten Zeiten noch an die Fische und an die Seetiere in der Adria zu denken, wo doch sogar Menschen Hunger leiden müssen!

Der Patriot: Ja, übertrieben, wie er überhaupt manchmal is. Aber – er gibts ihnen ordentlich! Und nicht nur die Humanität im Krieg haben wir vor ihnen voraus, sondern etwas, was noch weit wertvoller ist – die Ausdauer! Bei die andern herrscht doch schon überall Entmutigung. Froh wären sie, wenn es zu End wär. Bei uns –?

Der Abonnent: Das is mir auch schon aufgefallen. Da is zum Beispiel Entmutigung in Frankreich!

Der Patriot: Verdrossenheit in England!

Der Abonnent: Verzweiflung in Rußland!

Der Patriot: Zerknirschung in Italien!

Der Abonnent: Überhaupt, die Stimmungen in der Entente!

Der Patriot: Es rieselt im Gemäuer.

Der Abonnent: An Poincaré nagt die Sorge.

Der Patriot: Grey ist mißmutig.

Der Abonnent: Der Czar wälzt sich im Bett.

Der Patriot: Beklemmung in Belgien.

Der Abonnent: Das erleichtert! Demoralisation in Serbien.

Der Patriot: Da fühlt man sich! Verzweiflung in Montenegro.

Der Abonnent: Da kann man noch hoffen! Bestürzung im Viererverband.

Der Patriot: Da derfangt man sich! Zweifel in London, Paris und Rom. Man brauch wirklich nur die Titeln anschaun, man brauch gar nicht weiter lesen, weiß man doch schon woran man is. Man sieht, wie mies es jenen geht und wie gut uns. Stimmungen haben wir auch, aber gottlob etwas andere!

Der Abonnent: Bei uns herrscht Freude, Zuversicht, Jubel, Hoffnung, Genugtuung, wir sind immer gut aufgelegt, warum nicht, recht hammer.

Der Patriot: Das Durchhalten zum Beispiel, das is unsere Passion.

Der Abonnent: So gut wie wir treffen sie das nirgends.

Der Patriot: Der Wiener speziell is ein Prima-Durchhalter. Alle Entbehrungen tragen sie bei uns, als ob es ein Vergnügen wär.

Der Abonnent: Entbehrungen? Was für Entbehrungen?

Der Patriot: Ich mein, wenn es Entbehrungen geben möcht –

Der Abonnent: Es gibt aber zum Glück keine!

Der Patriot: Ganz richtig. Es gibt keine. Aber sagen Sie – wenn man nicht entbehrt – wozu muß man dann eigentlich durchhalten?

Der Abonnent: Das kann ich Ihnen erklären. Es gibt allerdings keine Entbehrungen, aber man erträgt sie spielend – das ist die Kunst. Das haben wir seit jeher getroffen.

Der Patriot: Eben. Das Anstellen zum Beispiel is eine Hetz – sie stellen sich förmlich dazu an.

Der Abonnent: Der einzige Unterschied gegen früher is, daß jetzt Krieg is. Wenn nicht Krieg wär, möcht man rein glauben, es is Friede. Aber Krieg is Krieg, und da muß man so manches, was man früher nur gewollt hätt.

Der Patriot: Eben. Bei uns hat sich gar nix verändert. Und wenn es ja alle heilige Zeiten einmal bei uns zu Nachmusterungen kommt, soll man sich anschaun, nicht erwarten können sie's an die Front zu kommen, unsere jungen Leut bis zu fufzig Jahr.

Der Abonnent: Die ältern Jahrgänge sind noch gar nicht gemustert.

Der Patriot: Haben Sie gelesen, »Aushebung der Neunzehnjährigen in Italien«? Der Titel allein sagt schon die ganze furchtbare Wahrheit.

Der Abonnent: Nein, das muß mir entgangen sein. Was Sie sagen, so junge Leut! Bei uns, da muß einer doch schon reifer sein, jetzt sind, wenn ich nicht irre, noch die Fünfzigjährigen bei uns an der Tour, aber natürlich nur für den Etappenraum, es sind noch genug 49jährige draußen.

Der Patriot: In Frankreich halten sie schon bei der Ausmusterung der 48jährigen!

Der Abonnent: Also Leute mit grauen Haaren! Die Jüngern scheinen alle schon verbraucht zu sein. Wir rücken im März mit den 17jährigen heraus, das wird eine Freud sein.

Der Patriot: Natürlich, das sind die schönsten Jahre! Wissen Sie, worin auch der Unterschied liegt? In der Ausrüstung. Die is nämlich das Wichtigste. Aber bei uns versteht sich das einfach von selbst, da wird gar kein Aufhebens gemacht. Haben Sie gelesen heute: Italienische Sorgen wegen warmer Gebirgskleidung für die Soldaten?

Der Abonnent: Sorgen was sie haben!

Der Patriot: Bei uns kümmert man sich um so was gar nicht. Bagatell! Man vergibt die Lieferungen und fertig. Sie kennen doch die Geschichte mit den Wolldecken? Oder nicht?

Der Abonnent: Nein.

Der Patriot: Da haben Sie ein großartiges Beispiel, wie das alles bei uns von selbst geht. Feiner & Co. machen einen Schluß auf anderhalb Millionen Wolldecken aus Deutschland, unser Kriegsministerium war der Ansicht, so viel beiläufig wird nötig sein für die Karpathen im Winter. Man hat aber die Sache nicht tragisch genommen, weil man ja schon vorher mit dem Endsieg gerechnet hat. Also wie es dann doch ernst wird, heißt es plötzlich, schön, aber zuerst müssen die Zollformalitäten erledigt wern. Der Finanzminister is um keinen Preis zu bewegen, die Ware früher herauszugeben, und der Kriegsminister hat wieder gesagt, man braucht sie. Was soll ich Ihnen sagen, das is so sechs Monate gegangen, hin und her zwischen Kriegsministerium und Finanzministerium. Durch der ganzen Karpathenschlacht hindurch. Da entschließt sich die Firma, und Katzenellenbogen aus Berlin, Sie wissen doch, der bei uns die rechte Hand is speziell im Kriegsministerium, interveniert persönlich. Er is hinaufgegangen zum Finanzminister und sagt ihm direkt ins Gesicht, das geht nicht! Der Finanzminister sagt, er kann das nicht kurzerhand erledigen. Sagt ihm Katzenellenbogen, energisch wie er is Sie wissen doch, seine Gewure, sagt ihm also Katzenellenbogen, erstens geht die Firma in Konkurs, zweitens gehn die Wolldecken zugrund, sie liegen im Freien bei der Nässe und Kälte, sie sind schon fast alle hin –

Der Abonnent: Wer?

Der Patriot: No, die Wolldecken! Sie sind nämlich im Freien gelagert.

Der Abonnent: Wer?

Der Patriot: No, die Wolldecken! Was fragen Sie? Also, sagt er kategorisch, erstens geht die Firma in Konkurs, zweitens gehn die Wolldecken zugrund und drittens brauchen sie schließlich auch die Soldaten. Zuckt der Finanzminister mit die Achseln und antwortet ihm, er kann nicht, der Akt muß erledigt wern. Erst der Zoll, dann die Decken –

Der Abonnent: No warum hat aber das Kriegsministerium nicht gezahlt?

Der Patriot: Frag! Der Kriegsminister hat sich auf den Standpunkt gestellt, er kann nicht, erst muß der Akt erledigt wern.

Der Abonnent: Der Akt für den Zoll? Das erklärt doch der Finanzminister?

Der Patriot: Konträr, der Akt über die Flüssigmachung für den Zoll!

Der Abonnent: Ah so, no und was is da geschehn? ich bin schon gespannt –

Der Patriot: Was geschehen is? Katzenellenbogen geht wieder hinauf und sagt ihm ins Gesicht: Exzellenz, sagt er, das Kriegsministerium gibt nicht nach. Sagt er, ich will Ihnen was sagen. Im kaufmännischen Verkehr is es üblich, wenn eine Kunde momentan nicht zahlen kann, man erkundigt sich aber und hört, die Kunde is gut, so is es üblich, man stundet ihr. Exzellenz, ich wer Ihnen was sagen, erkundigen Sie sich über das Kriegsministerium, Sie wern hörn, es is gut – was ham Sie davon, stunden Sie ihm! No, das hat ihm eingeleuchtet. Man hat gestundet und die Wolldecken sind ausgeliefert worn.

Der Abonnent: No also, war doch alles in schönster Ordnung?

Der Patriot: So weit ja. Da war aber schon März. Was soll ich Ihnen sagen, wie man die Decken herauszieht, sind sie total verdorben. Jetzt hat man Flüchtlinge genommen, immer zwei zusammstoppen lassen, und wie schließlich April wird und alles war so weit in Ordnung, leider doppelt so teuer wie bei der Bestellung, no so eine Arbeit will doch bezahlt sein, Kleinigkeit anderhalb Millionen Wolldecken zammstoppen – also wie alles fertig war, was glauben Sie daß sich da herausstellt?

Der Abonnent: Noo –?

Der Patriot: Stellt sich heraus, die Soldaten haben die Wolldecken gar nicht mehr gebraucht. Denn erstens war schon nicht mehr so kalt in den Karpathen, und dann waren den meisten sowieso schon die Füß abgefroren. – No, jetzt frag ich einen Menschen: machen wir uns Sorgen wegen Wolldecken?

Der Abonnent: Die Italiener ja! Das ham sie jetzt davon! Was sagen Sie zu Lebensmittelteuerung in Italien?

Der Patriot: Davon hab ich nichts gelesen, ich hab nur gelesen von schlechter Ernte in Italien.

Der Abonnent: Verwechseln Sie das nicht mit Mißernte in England?

Der Patriot: Das is wieder ein anderes Kapitel, genau so wie man wieder Lebensmittelknappheit in Rußland unterscheiden muß.

Der Abonnent: Ich bitt Sie, es is überall dasselbe. Und Verlustlisten zum Beispiel haben sie auch schon überall eingeführt.

Der Patriot: Ja, genau wie bei uns, alles machen sie nach –

Der Abonnent: Entschuldigen Sie, wie meinen Sie das? Haben wir denn –

Der Patriot: Im Gegenteil, bei uns is jetzt die Tägliche englische Verlustliste eingeführt.

Der Abonnent: Das is mir auch schon aufgefallen, während die unsere nur alle heiligen Zeiten einmal erscheint.

Der Patriot: No soll man vielleicht fälschen und Namen erfinden? Wenn's hoch kommt, ham wir in dem Jahr vielleicht achthundert Verwundete gehabt!

Der Abonnent: In Italien erscheint überhaupt keine. Das is wohl mehr als verdächtig. Sie können eben ihre Hekatomben nicht zugeben, was sie schon erlitten haben.

Der Patriot: Apropos Italien, haben Sie gelesen, Verabschiedung eines italienischen Generals? Wegen an der Front bewiesener Unfähigkeit! Weitere Verabschiedungen sollen bevorstehen!

Der Abonnent: Ssss ...! Sollte man nicht für möglich halten. Hat man bei uns je etwas davon gehört, daß ein General –

Der Patriot: No, no, das schon.

Der Abonnent: Wegen Unfähigkeit?

Der Patriot: Auch!

Der Abonnent: Aber er hat doch wenigstens nicht Gelegenheit gehabt, sie an der Front zu beweisen!

Der Patriot: Das nicht, da haben Sie recht. Wissen Sie übrigens, daß es auch schon Drückeberger in Italien gibt?

Der Abonnent: Wo denn sonst? Und kaum daß sie den Krieg angefangen haben! Aber wissen Sie, was sie auch schon eingeführt haben? Eine Zensur! Mit der Freiheit der Meinungsäußerung soll es übrigens bei allen miserabel stehn. Kein freies Wörtl darf man dort reden, hab ich mir sagen lassen.

Der Patriot: Höchstens is den Zeitungen dorten erlaubt zu schreiben, daß unsere militärische Lage viel besser is wie ihre eigene. No ja, die Wahrheit läßt sich eben nicht unterdrücken. Die englischen Militärkritiker bezeichnen die Lage der Ententemächte als hoffnungslos.

Der Abonnent: Schöne Wirtschaft, daß sie das erlauben! Wenn bei uns einer so etwas sagen möcht, was möcht ihm passieren!

Der Patriot: Wenn er sagen möcht, daß die Lage der Ententemächte hoffnungslos ist?

Der Abonnent: Nein, wenn er sagen möcht, daß die Lage der Zentralmächte hoffnungslos ist. Mit Recht möcht er aufgehängt wern. So eine Frechheit nimmt sich hier keiner heraus.

Der Patriot: Warum sollte er auch? Er müßte lügen! Sehn Sie, sogar in England sagen sie die Wahrheit, wenn sie nämlich zugeben müssen, daß es ihnen schlecht geht.

Der Abonnent: Schöne Patrioten müssen das dorten sein. Neulich hat einer dorten geschrieben, England verdient, daß es von Deutschland vernichtet wird. No, dem ist das aber übel bekommen. Wissen Sie, was sie dem aufgepelzt haben? 14 Tage!

Der Patriot: (sich an den Kopf greifend): Gefängnisstrafe für Kritik in England. Schöne Zustände das! 14 Tage!

Der Abonnent: Ja, so etwas hören die Herrn freilich nicht gern, die Wahrheit können sie nicht vertragen. Bei uns würde sich aber auch kein Journalist zu so etwas hinreißen lassen.

Der Patriot: No und is es denn in Frankreich besser? Nicht um einen Gran. Ham Sie nicht grad heut in der Presse gelesen: Gefängnisstrafen für Verbreitung der Wahrheit in Frankreich? Also bitte, weil einer die Wahrheit gesagt hat! Nämlich eine Dame – sie hat gesagt, Deutschland war auf den Krieg vorbereitet, Frankreich aber nicht. Also wenn man ihnen ja einmal die Wahrheit ins Gesicht sagt –

Der Abonnent: Nein, das vertragen sie nicht, die Herrn Machthaber in Frankreich! Krieg führen, ja das passet ihnen, Deutschland, einen friedliebenden Nachbarn, aus blauem Himmel überfallen, das passet ihnen –

Der Patriot: Goldene Worte, Deutschland führt einen Verteidigungskrieg, keine Seele in Deutschland war auf den Krieg vorbereitet, die schwerindustriellen Kreise waren förmlich wie vor den Kopf geschlagen.

Der Abonnent: Selbstredend, und wenn die arme Person in Frankreich eine so einfache Wahrheit, die auch der Laie begreift, in schlichten Worten –

Der Patriot: Sie, da ham Sie sich jetzt geirrt, die Frau is doch verurteilt worn, weil sie –

Der Abonnent: No weil sie die Wahrheit gesagt hat!

Der Patriot: No sie hat aber doch gesagt, Deutschland war auf den Krieg vorbereitet –

Der Abonnent: No die Wahrheit is aber doch, Deutschland war auf den Krieg nicht vorbereitet –

Der Patriot: No sie hat aber doch gesagt, Deutschland war auf den Krieg ja vorbereitet!

Der Abonnent: No das is aber doch eine Lüge!

Der Patriot: No sie is aber doch verurteilt worn, weil sie die Wahrheit gesagt hat –

Der Abonnent: No warum is sie dann aber verurteilt worn?

Der Patriot: No weil sie doch gesagt hat, Deutschland war auf den Krieg vorbereitet!

Der Abonnent: No wie kann sie dadafür in Frankreich verurteilt wern, dadafür sollte sie doch in Deutschland verurteilt wern!

Der Patriot: – Wieso? – Moment – nein – oder doch – passen Sie auf, ich erklär mir die Sache einfach so: sie hat natürlich die Wahrheit gesagt, aber in Frankreich wie sie dorten schon sind is sie verurteilt worn, weil sie gelogen hat!

Der Abonnent: Moment, Sie ham sich da verhaspelt. Ich glaub eher, es is so: sie hat gelogen, und verurteilt ham sie sie, weil sie in Frankreich die Wahrheit nicht vertragen können.

Der Patriot: Sehn Sie, das wird es sein! Ich bitt Sie, das liegt im Blut. Die Leut lassen sich dorten zu Äußerungen hinreißen.

Der Abonnent: Natürlich, man liest ja, wie sie dorten in den Zeitungen der Regierung die Wahrheit sagen und was sie zusammenlügen über uns. Das ist Verderbtheit. Wenn man das glauben würde, was in den Londoner Zeitungen über uns steht, würde man glauben, England is fertig.

Der Patriot: Ich bitt Sie, wer glaubt das! Bei uns fühlen sie eben anders. Die Mentalität hab ich mir sagen lassen is eine ganz andere. Gottseidank. Unsere Redakteure sind, man kann sagen, noch mehr begeistert wie unsere Soldaten. Speziell im Feuilleton.

Der Abonnent: Weil Sie Feuilleton sagen – ich wollt Ihnen erzählen, wissen Sie, wer heut zu uns kommt? Raten Sie, der greßte lebende Schriftsteller, Hans Müller!

Der Patriot: Sie, dem können Sie sagen, daß er mir alles aus dem Herzen schreibt! Wie ist der persönlich? Das intressiert mich. Auf seinem Stil paßt kein anderes Wort wie sonnig und goldig. Das war doch mehr wie goldig, wie er in Berlin einem Feldgrauen auf offener Straße ein Pussl gegeben hat, und dann das Gebet für die verbündeten Waffen in der Kirche am Schluß vom Feuilleton! Der is mein spezieller Liebling! Keiner von ihnen allen, wie sie da schreiben, sogar Roda Roda, Salten, hat so das Schulter an Schulter erfaßt wie er, man kann wirklich sagen, er schreibt förmlich Schulter an Schulter – zum Beispiel mit Ganghofer. An den reicht er sogar heran! Im Anfang, wie er das Feuilleton aus dem Felde geschrieben hat, Cassian im Feld, so echt, so begeistert, hat man direkt geglaubt, er is im Feld. Später erst hab ich durch puren Zufall erfahren, daß er in Wien is. Er hat es sogar in Wien selbst geschrieben! Wie er das trefft! Begabt! Intressiern möcht mich nur, wie is er persönlich?

Der Abonnent: Persönlich – das is schwer zu sagen. Momentan sehr in Ängsten, übermorgen kommt er nebbich zur Musterung.

Der Patriot: So, und wieso kommt das, daß er da in Ängsten is?

Der Abonnent: No wegen der Musterung!

Der Patriot: In Ängsten? weil er fürchtet, sie wern ihn nicht nehmen?

Der Abonnent: Ich versteh Sie nicht, in Ängsten is er selbstredend weil er fürchtet, sie wern ihn ja nehmen!

Der Patriot: Machen Sie keinen Witz. Hans Müller? Der Hans Müller, was sich zerreißt fürs Vaterland? Was Sie nicht sagen! Ich hab doch noch nie von einem Menschen gehört, von dem man so geglaubt hätte wie von ihm, er lebt und stirbt für der Nibelungentreue? Ich war konträr der Meinung, er is damals eigens zurück aus Deutschland, wo er die Balmachomes umarmt hat, unsere Feldgrauen, weil er es nicht erwarten kann, weil er sich freiwillig melden will! Der wird doch froh und glücklich sein hab ich mir gedacht, wenn sie ihn nehmen –? und er tut sich was an, wenn sie ihn nicht nehmen!

Der Abonnent: Wieso, Sie ham doch selbst gehört, das Feuilleton aus dem Feld war aus Wien, und grad das hat Ihnen imponiert, wie er getroffen hat aus dem Feld zu schreiben in Wien?

Der Patriot: Das Feuilleton aus dem Feld, hab ich mir gedacht, hat er geschrieben aus Kränkung, weil sie ihn vielleicht schon nicht genommen haben – um zu zeigen! Er wollt ihnen beweisen, was er erst möcht treffen aus dem Feld zu schreiben wenn er wär im Feld! Ich kann nicht glauben, was Sie mir da erzählen. Sie wern ihn verwechseln.

Der Abonnent: Er wär froh, wenn sie ihn übermorgen bei der Musterung verwechseln möchten.

Der Patriot: Hören Sie, das verdrießt mich! Ich kann mir nur denken, daß Sie da nicht genau informiert sind. Wenn einer so geschrieben hat, wie Hans Müller geschrieben hat, so echt, so begeistert, is er sicher froh, daß sie ihn nehmen –

Der Abonnent (erregt): Also – also jeden müssen sie nehmen? Jeder muß froh sein? Gar keine andere Sorg darf einer mehr haben? Es genügt nicht, daß er begeistert ist? Nein, dienen muß er? Ausgerechnet er? Gemütsmensch was Sie sind! Als ob Sie es nicht erwarten könnten, zu sehn, wie er exerziert. Aber Sie machen sich unnütze Sorgen, und er hoffentlich auch. Und wenn sie ihn nehmen – man weiß zum Glück heute schon, wer Hans Müller is! Man wird ihn verwenden seinem Talent entsprechend!

Der Patriot: Sie haben gesehn, ich stimme in allem mit Ihnen überein – aber da gehn unsere Ansichten auseinander! Ich hab an Hans Müller geglaubt und das was ich da hören muß enttäuscht mich. Sie stehn natürlich auf dem Standpunkt des Abonnenten, für Sie ist eine solche Kraft unentbehrlich –

Der Abonnent: Und Sie betrachten alles als Patriot – da möcht man weit kommen! Adieu, ich such eine Extraausgabe. Und was tun Sie?

Der Patriot: Ich geh ein Scherflein beitragen. (In verschiedenen Richtungen ab.)

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee –! Beide Berichtee –!

(Verwandlung.)

12. Szene

Es treten auf ein Riese in Zivil und ein Zwerg in Uniform.

Der Riese: Sie haben es gut, Sie können sich der Allgemeinheit nützlich machen. Mich hat der Regimentsarzt sofort weggeschickt.

Der Zwerg: Was war der Grund?

Der Riese: Zu schwach. Nämlich nach dem alten Befund, vor fünfzehn Jahren. Damals hab ich so ausgesehn wie Sie.

Der Zwerg: Darnach muß ich mich wundern, daß man Sie nicht behalten hat. Mich hat der Regimentsarzt kaum angeschaut und ich war schon genommen. Die Mama war sehr unglücklich.

Der Riese: Sie Muttersöhnchen.

Der Zwerg: Ich aber bin zufrieden. Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken. Zuerst hab ich ja gezweifelt, ob ich in die große Zeit passen werde und imstande sein, Schulter an Schulter zu kämpfen. Aber im Zivil wird man nur verspottet und vom Militär komm ich als Held zurück, über den so manche Kugel hinweggeflogen sein wird. Wenn die andern sich zu Boden werfen – ich bleibe stehn!

Der Riese: Sie Glücklicher!

Der Zwerg: Trösten Sie sich. Sie können ja nichts dafür. Es kommt auf die Kommission an.

Der Riese: Ich bin durchgerutscht.

Der Zwerg: Ich bin dem Arzt aufgefallen.

Der Riese: Gehn wir essen, ich habe einen Riesenhunger.

Der Zwerg: Ich werde eine Kleinigkeit zu mir nehmen.

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee –! Beide Berichtee –!

(Verwandlung.)

13. Szene

Elektrische Bahn Baden-Wien. Ein Schwerbetrunkener, der im zivilen Leben ein Möbelpacker sein dürfte, Riesenfigur, buschiger Schnurrbart, Pepitahosen, welche die Spuren von übermäßigem Weingenuß und einer eben überstandenen gewaltsamen Entfernung vom Tatort zeigen. Er hat einen Sack neben sich, aus dem er hin und wieder eine Flasche hervorzieht. Er gerät mit einem Paar in Streit, weil er an das Mädchen angestoßen ist, bedroht den Begleiter, und brüllt die ganze Fahrt hindurch.

Der Schwerbetrunkene: A so a Binkel – wüll sich da aufbrausnen – wos hom denn Sö fürs Votterland geleisteet? Legimitiern S' Ihna! Vur mir! – Schaun S' mi an – solchene Söhne wia Sö hob i im Föld – die wos mehr Boart ham als wia Sö – die leisten wos – fürs Votterland – Wissen S' von wo i kumm – von Boden kumm i – Sö Binkel – legimitiern solln S' Ihna – Was glauben denn Sö – so aner – wüll sich da aufbrausnen –'leicht weil S' Ihner Muckerl bei Ihna ham – was ham denn Sö fürs Votterland geleisteet?- schaun S' mi an – i leist was – fürs Votterland – A jeder soll aufbrausnen als wia der – Wos wolln denn Sö? Hab i Ihna vielleicht beleidigt? – Sö Binkel – i leist wos – legimitiern S' Ihna – do schaun S' her – wissen S' wos dös is – a Földpostkarten von mein Neffen – fürs Votterland – Sö Binkel – legimitiern soll er sich – der Binkel – vur mir soll er sich legimitiern – hot nix geleisteet – für's Votterland – (Nachdem er sich über Zureden des schwächlich aussehenden Kondukteurs ein wenig beruhigt hat, bietet er den Umsitzenden, auf die er abwechselnd fällt, die Flasche.) G'fällig Herr Nachbar – weil mr Österreicher san!

Ein galizisches Flüchtlingspaar: Gott behüte! (Flieht auf andere Plätze, läßt aber an der alten Stelle den Schirm zurück.)

Der Schwerbetrunkene (nur noch lallend): Der Binkel – fürs Votterland – legimitiern –

Der Verzehrungssteuerbeamte (erscheint): Was haben Sie da im Binkel?

Der Schwerbetrunkene (dumpf): Binkel – fürs Votterland legimitiern – (Er wird nach längerem Zureden dazugebracht, zu öffnen und eine Steuer von 2o Heller zu erlegen. Währenddessen hält der Zug.)

Ein Wiener (der inzwischen den Platz eingenommen hat, wo das Flüchtlingspaar gesessen war): Da müssen wir halt alle warten, wegen so einer Lappalie! Immer gibts auf dera Strecken solche Unannehmlichkeiten! Das is mir schon z'fad! (Er verläßt mit dem Schirm den Zug. Es regnet. Der Schwerbetrunkene verläßt nun gleichfalls den Zug, der sich wieder in Bewegung setzt.)

Der Schwerbetrunkene (schon draußen, wieder lebhafter): Fürs Votterland – soll er – legimitiern soll er si – der Binkel – hot nix geleisteet – für's Votterland –

Das Flüchtlingspaar (atmet auf und bezieht wieder die allen Plätze. Nach einer Pause aufspringend): Wo is der Schirm? Gott wo is der Schirm? Herr Kondukteur wo is der Schirm?

(Verwandlung.)

14. Szene

In der Wohnung der Schauspielerin Elfriede Ritter, die soeben aus Rußland zurückgekehrt ist. Halb ausgepackte Koffer. Die Reporter Füchsl, Feigl und Halberstam halten ihre Arme und dringen auf sie ein.

Alle drei (durcheinander): Haben Sie Spuren von Nagaikas? Zeigen Sie her! Wir brauchen Einzelheiten, Details. Wie war das Moskowitertum? Haben Sie Eindrücke? Sie müssen furchtbar zu leiden gehabt haben, hören Sie, Sie müssen!

Füchsl: Schildern Sie, wie Sie behandelt wurden wie eine Gefangene!

Feigl: Geben Sie Eindrücke von Ihrem Aufenthalt fürs Abendblatt!

Halberstam: Geben Sie die Stimmung von der Rückfahrt fürs Morgenblatt!

Elfriede Ritter (spricht norddeutsch, lächelnd): Meine Herren, ich danke für Ihr teilnahmsvolles Interesse, es ist wirklich rührend, daß mir meine lieben Wiener ihre Sympathien bewahrten. Ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie sich sogar persönlich bemüht haben. Ich wollte ja auch gern mit Kofferauspacken warten, aber ich kann Ihnen beim besten Willen, meine Herren, nichts anderes sagen, als daß es sehr, sehr interessant war, daß mir gar nichts geschehen ist, na was denn noch, daß die Rückfahrt zwar langwierig, aber nicht im mindsten beschwerlich war und (schalkhaft) daß ich mich freue, wieder in meinem lieben Wien zu sein.

Halberstam: Intressant – also eine langwierige Fahrt, also sie gibt zu –

Feigl: Beschwerlich hat sie gesagt –

Füchsl: Warten Sie, die Einleitung hab ich in der Redaktion geschrieben – Moment – (schreibend) Aus den Qualen der russischen Gefangenschaft erlöst, am Ziele der langwierigen und beschwerlichen Fahrt endlich angelangt, weinte die Künstlerin Freudentränen bei dem Bewußtsein, wieder in ihrer geliebten Wienerstadt zu sein –

Elfriede Ritter (mit dem Finger drohend): Doktorchen, Doktorchen, das habe ich nicht gesagt, im Gegenteil, ich habe doch gesagt, daß ich mich über nichts, über gar nichts beschweren konnte –

Füchsl: Aha! (schreibend) Die Künstlerin blickt heute mit einem gewissen ironischen Gleichmut auf das Überstandene zurück.

Elfriede Ritter: Ja, aber was denn – da muß ich doch sagen – nee, Doktor, ich bin empört –

Füchsl (schreibend): Dann aber, wenn der Besucher ihrer Erinnerung nachhilft, packt sie doch wieder Empörung. In bewegten Worten schildert die Ritter, wie ihr jede Möglichkeit, sich über die ihr zuteilgewordene Behandlung zu beschweren, genommen war.

Elfriede Ritter: Aber Doktor, was treiben Sie denn – ich kann doch nicht sagen –

Füchsl: Sie kann gar nicht sagen –

Elfriede Ritter: Aber wirklich – ich kann doch nicht sagen –

Halberstam: Aber gehn Sie, Sie wissen gar nicht, was man alles sagen kann! Liebe Freundin, schaun Sie her, das Publikum, verstehn Sie, will lesen. Ich sag Ihnen, Sie können sagen. Bei uns ja, in Rußland vielleicht nicht, hier herrscht Gottseidank Redefreiheit, nicht so wie in Rußland, hier kann man Gottlob alles sagen, über die Zustände in Rußland! Hat sich in Rußland eine Zeitung um Sie gekümmert? No also!

Feigl: Ritter, sind Sie vernünftig; glauben Sie, daß Ihnen ein bißl Reklam schaden wird, jetzt wo Sie wieder auftreten wern, no also!

Elfriede Ritter: Aber meine Herren – ich kann doch nicht das ist doch bei den Haaren herbeigezogen – wenn Sie es gesehn hätten – auf der Straße oder in den Ämtern – wenn ich nur Anlaß zur geringsten Klage gehabt hätte, über Drangsalierungen und so, glauben Sie denn, ich würde es verschweigen?

Füchsl (schreibend): Noch vor Erregung zitternd, schildert die Ritter, wie der Straßenmob sie bei den Haaren gezogen hat, wie sie auf die geringste Klage hin von den Ämtern drangsaliert wurde und wie sie über alle diese Erlebnisse Schweigen bewahren mußte.

Elfriede Ritter: Aber Doktor, Sie treiben wohl Ulk? Ich sage Ihnen doch sogar, daß die Polizeibeamten sehr entgegenkommend waren, man hat mir, wo man nur konnte, unter die Arme gegriffen, ich durfte ausgehn, wohin ich wollte, nachhause kommen, wann ich wollte, ich versichere Ihnen, wenn ich mich auch nur ein Augenblickchen als Gefangene gefühlt hätte –

Füchsl (schreibend): Die Künstlerin erzählt, daß ihr, als sie einmal den Versuch machte, auszugehen, augenblicklich Polizeibeamte entgegenkamen, sie unter den Armen ergriffen und nachhause schleppten, so daß sie buchstäblich das Leben einer Gefangenen geführt hat –

Elfriede Ritter: Jetzt bin ich aber ernstlich böse – es ist nicht wahr, meine Herren, ich protestiere –

Füchsl (schreibend): Sie wird ganz böse, wenn man ihre Erinnerung, an diese Erlebnisse, an ihre aussichtslosen Proteste –

Elfriede Ritter: Es ist nicht wahr, meine Herren!

Füchsl (aufblickend): Nicht – wahr? Was heißt nicht wahr, wo ich jedes Wort von Ihnen mitschreib?

Feigl: Wenn wir bringen wollen, is es nicht wahr?

Halberstam: Wissen Sie, das is mir noch nicht vorgekommen. Das is intressant!

Feigl: Sie is imstand und schickt noch eine Berichtigung!

Füchsl: Sie machen Sie keine Geschichten, das kann Ihnen schaden!

Feigl: Machen Sie sich nicht unglücklich!

Halberstam: Wann hat sie denn wieder eine Rolle?

Füchsl: Wenn ich das Samstag beim Repertoire dem Direktor erzähl, kriegt die Berger das Gretchen, das garantier ich Ihnen!

Feigl: Das is also der Dank, wo der Fuchs Sie immer so gut behandelt hat? Sie, Sie kennen den Fuchs nicht! Wenn er hören wird, passen Sie auf, bei der nächsten Premier!

Halberstam: Wolf hat sowieso einen Pick auf Sie, seit Sie damals in seinem Stück gespielt haben, das kann ich Ihnen verraten, Wolf is ohnedem sehr gegen Rußland, wenn er jetzt noch hören wird, daß Sie sich über Rußland nicht zu beklagen haben – er verreißt Sie auf der Stelle!

Füchsl: Kunststück, und Löw? Fangen Sie sich nichts mit Löw an, eine Schauspielerin hat sich anzupassen, da gibts nix!

Feigl: Dagegen kann ich Ihnen verraten, möchte es Ihnen kolossal nützen, nicht nur beim Publikum, sondern sogar bei der Presse selbst, wenn Sie in Rußland mißhandelt wurden.

Halberstam: Überlegen Sie sich das. Sie kommen aus Berlin und haben sich rasch in die hiesigen Verhältnisse eingelebt. Hier is es Ihnen immer gut gegangen, mit offenen Armen hat man –

Füchsl: Ich kann Ihnen nur sagen, mit solchen Dingen is nicht zu spassen. Eine Person soll in Rußland gewesen sein und nichts zu erzählen haben von ausgestandene Leiden, lächerlich, eine erstklassige Künstlerin! Ich sag Ihnen, es handelt sich um Ihre Existenz!

Elfriede Ritter (händeringend): Aber – aber – aber – Herr Redakteur – ich hab ja – geglaubt – lieber Doktor – bitte bitte lieber Doktor – ich hab ja nur – die Wahrheit sagen wollen – entschuldigen Sie – bitte bitte sehr –

Feigl (wütend): Die Wahrheit nennen Sie das? Und wir lügen also?

Elfriede Ritter: Das heißt – Pardon – ich hab nämlich – geglaubt, es sei die Wahrheit – wenn Sie aber – meine Herren glauben – daß es – nicht die Wahrheit ist – Sie sind ja Redakteure – Sie – müssen ja – das – besser verstehn. Wissen Sie – ich als Frau hab ja auch gar nicht mal so den rechten – Überblick, nich wahr? Mein Gott – Sie verstehn – es ist doch Krieg – unsereins ist so verschüchtert – man ist so froh, wenn man nur mit heiler Haut aus Feindesland –

Halberstam: No sehn Sie, wenn Sie sich erinnern nach und nach –

Elfriede Ritter: Ach Doktorchen natürlich. Wissen Sie, die erste freudige Aufwallung, wieder in eurem geliebten Wien zu sein – man sieht dann alles rosiger, was man überstanden hat, für'n Momentchen nur, versteht sich – dann aber – faßt einen wieder Wut und Erbitterung –

Halberstam: No also, sehn Sie, wir haben vorn ersten Moment gewußt, Sie wern –

Füchsl (schreibt): Wut und Erbitterung faßt noch heute die Künstlerin, wenn sie der ausgestandenen Martern gedenkt und sobald die erste freudige Aufwallung, wieder in der Metropole zu sein, den bösen Erinnerungen Platz gemacht hat – (sich zu ihr wendend) No, is das jetzt wahr?

Elfriede Ritter: Ja, meine Herren, das ist die Wahrheit wissen Sie, ich war noch so unter dem Eindruck – man ist so eingeschüchtert, so –

Füchsl: Warten Sie – (schreibend) Noch ganz verschüchtert, wagt sie es nicht davon zu sprechen. Im Lande der Freiheit erliegt sie noch immer zeitweise der Suggestion, in Rußland zu sein, dort, wo sie den Verzicht auf die Rechte der Persönlichkeit, freie Meinung und freie Rede, so schimpflich fühlen mußte. (Sich zu ihr wendend) No, ist das jetzt wahr?

Elfriede Ritter: Nee, Doktor, wie Sie die geheimsten Empfindungen-

Füchsl: No sehn Sie!

Halberstam: No also, sie gibt zu, sie hat gelitten –

Feigl: Sie hat ausgestanden!

Füchsl: Was heißt ausgestanden? Wahre Martern hat sie durchgemacht!

Halberstam: Also was brauchen wir da weiter, gehn wir, wir sind doch nicht zu unserm Vergnügen da –

Füchsl: Selbstredend, den Schluß mach ich in der Redaktion. Also – eine Berichtigung haben wir nicht zu befürchten? Das hätte noch gefehlt!

Elfriede Ritter: Aber Doktor! – Na, charmant war's, daß Sie mich besucht haben. Kommt doch bald wieder – Adieu, adieu. (Hinausrufend) Grete! Gre – te!

Feigl: Sie is wirklich eine vernünftige Person. Grüß Ihnen Gott, Freilein. (Im Abgehn zu den andern) Sie hat das Ärgste überstanden und sie hat nicht den Mut es jemandem zu sagen – nebbich!

(Elfriede Ritter sinkt auf einen Stuhl und erhebt sich dann, um den Koffer auszupacken.)

(Verwandlung.)

15.Szene

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch.

Der Optimist: Es ist erhebend und rührend zugleich, wie sich der Patriotismus jetzt selbst auf Firmentafeln zur Geltung bringt, ein Umstand, der mit der Erhöhung der Preise aussöhnen könnte.

Der Nörgler: Da müßten Sie dem Hotel Bristol gegenüber unversöhnlich bleiben, das noch immer so heißt, wiewohl es in London selbst im Frieden kein Hotel St. Pölten gegeben hat.

Der Optimist: Immerhin hat das Hotel Bristol durch Verwandlung seines Grillroom in einen Rostraum bewiesen, daß es den Mut und die Kraft aufbringt, sich auf sich selbst zu besinnen. Und sehen Sie, hier – »Zur Flotte«. Wie schlicht! Es ist ein Wäschegeschäft, das bekanntlich noch vor kurzem »Zur Englischen Flotte« hieß. (Der Geschäftsinhaber erscheint in der Tür.)

Der Nörgler: Ja, aber da weiß man nicht – warten Sie, ich will ihn fragen, welche Flotte er jetzt eigentlich im Schilde führt. Vielleicht läßt er in der Verwirrung etwas vom Hemdenpreis nach. (Der Geschäftsinhaber zieht sich zurück.) Es ist die österreichische!

(Verwandlung.)

16. Szene

Standort des Hauptquartiers. Vier Heerführer treten auf.

Auffenberg: Also meine Herren, das gibts nicht! Ich habe nicht die Absicht, ein zweiter BenedekBenedek – Ludwig August Ritter von Benedek – österr. General, wurde nach seiner Niederlage in der Schlacht bei Königgratz 1866 in den Ruhestand versetzt zu werden, das laß ich mir einfach nicht gefallen –

Brudermann:Brudermann – Rudolf Ritter von Brudermann, österr. General, nach der Niederlage von Lemberg entlassen, † 1941 Aber geh, sei net zwider, was soll denn unsereins sagen. Ich hab nur achtzigtausend verloren und gegen mich fangen s' auch schon an zu stierln.

Dankl: Mir rechnen s' die sieberzigtausend nach.

Pflanzer-Baltin:Pflanzer-Baltin – Karl Freiherr von Pflanzer-Baltin, österr. General, eroberte 1915 Czernowitz, 1918 letzter Sieg Österreichs in Albanien, † 1925 Gar net ignorieren! Bei mir wird g'stürmt, da gibts keine Würschtel. Morgen moch' mr an Sturm, sonst sitz' mr in der Scheißgassen. I bin für Sturm, möcht wissen, wozu die Leut sonst auf der Welt sind als fürn Heldentod! Sturm moch mr, Sturm moch mr – (er bekommt einen Anfall.)

Auffenberg: Aber geh, aber geh – ganz deiner Ansicht. Ich war immer dafür, daß die Eigenen frisch draufgehn. Bin auch schon mitten drin in der Vorarbeit. I sag, nutzt's nix, so schadt's nix. Aber richtig, daß ich nicht vergiß – der Adjutant hat mich wieder nicht erinnert, an alles muß man rein selber denken –

Brudermann: Was hast denn?

Auffenberg: Nix – zu blöd – nämlich, also ich muß ihm doch eine Karten schreiben. Seit LublinLublin – polnische Stadt, nach der Eroberung durch die Österreicher wurden diese im September 1914 wieder vertrieben nimm ich mirs vor, aber in dem Durcheinander beim Rückzug hab ich richtig total drauf vergessen. Einen Augenblick! (Er setzt sich an einen Tisch und schreibt.) Na, das wird ihn doch gfreun!

Dankl: Was schreibst denn da?

Auffenberg: Hörts zu: »In dieser Stunde –«

Pflanzer-Baltin: Ah, der pulvert die Leut auf – dös tur i net. Mir ham Maschinengwehre und Feldkuraten! Morgen moch mr an Sturm und da –

Auffenberg: »In dieser Stunde –«

Brudermann: Schreibst an' Armeebefehl?

Auffenberg: Nein, eine Korrischpodenzkarten.

Dankl: An wen schreibst denn nacher so welthistorisch?

Auffenberg: Hörts zu: »In dieser Stunde, in der ich sonst in Ihren mir so trauten Räumen saß, denke ich an Sie und Ihr Personal und sende Ihnen herzliche Grüße aus fernem Feldlager. Auffenberg.«

Brudermann: Wem schreibst denn? Dem Krobatin?

Auffenberg: Aber was fallt denn dir ein? Dem Riedl!

Alle: Ah dem Riedl!

Brudermann: Der Auffenberg is doch ein Gemütsmensch. Sixt es, das gfreut mich von dir. Da wern s' dich nicht mehr mit die neunzigtausend Tiroler und Salzburger heanzen können, die du geopfert hast. Geopfert heißen s' das!

Pflanzer-Baltin: Gar net ignorieren!!halt beim Hunderter.

Dankl: Wißts, was? Schreiben wir alle dem Riedl!

Brudermann: No ja, ich verkehr eigentlich mehr im Opera – da wer' ich lieber – (er setzt sich und schreibt.)

Pflanzer-Baltin: Ich bin im Heinrichshof wie zuhaus, da wer' ich – (er setzt sich und schreibt.)

Dankl: No ja, das is ja wahr – wo ich seidera 29 Jahr im Café Stadtpark ein- und ausgehn tu – jeden Tag les ich dort mit'n zusammen den Generalstabsbericht – (er setzt sich und schreibt.)

Auffenberg (beiseite): Alles machen s' mir nach. Zuerst das Strategische und jetztn den Verkehr mit'n Hinterland. Schad, daß der Potiorek net da is, aber der hat mir gestern eine Feldpostkartn ausn Café Kremser gschrieben und der Liborius Frank sitzt mit'n Puhallo v. Brlog beim Scheidl. Der Conrad geht auf Freiersfüßen, da is nix mehr mitn Kaffeehausleben. Alles machen s' mir nach. Ich war der erste, der in' »Humoristen« mein Bild hineingeben hat, da war ich bahnbrechend. Das war doch amal eine Abwechslung – nicht immer nur lauter Theatermenscher. Jetzt marschiern s' alle auf, nix wie Generäle, is scho fad, höxte Zeit, daß wieder a Mensch erscheint. Ich war der erste, der die Presse mehr herangezogen hat – jetzt hat scho jeder sein Schlieferl, alles nur wegen der Reglam. Ich bin gespannt, ob der Riedl so viel Geistesgegenwart haben wird, die Karten ins Extrablatt hineinzugeben. Aber richtig, daß ich nicht vergiß, auf d' Wochen hammer Sturm und da muß ich doch – du Pflanzer was glaubst, soll ich gleich an Sturm machn oder erst auf d' Wochen?

Pflanzer-Baltin: Ich will dir in diesem Punkt nichts dreinreden, aber wenn ich an deiner Stell war, ich machet dir an Sturm, daß –

Brudermann: Jetzt wo deine Leut eh kaputt sind, wär ich auch der Meinung. Zum Retablieren is immer noch Zeit. Laß s' stürmen!

Dankl: Lächerlich. Er soll sich das lieber fürn 18. August aufheben, wenn er schon nicht bis zum 2. Dezember warten will. Das gibt dann immer eine schöne Überraschung.

Pflanzer-Baltin: Auf solche Liebedienerein laß ich mich net ein. Bei mir wird morgen g'stürmt, da gibts keine Würschtel!

(Ein Adjutant Pflanzer-Baltins tritt ein.)

Adjutant: Exlenz melde gehorsamst, die Professoren san scho do und wolln das Ehrendoktorat überreichen.

Pflanzer-Baltin: Aha, solln warten – wann's schwer is, sollns es niederstelln und a wengerl verschnaufen. (Der Adjutant ab.)

Auffenberg: Also kann man gratuliern? Von welcher Fakultät is 's denn?

Pflanzer-Baltin: Czernowitz.

Brudermann: Aber geh, das is doch keine Fakultät, sondern nur ein Lehrstuhl. Von welchem Fach?

Pflanzer-Baltin: Philosophie natürlich.

Dankl: Wo rehabilitierst dich?

Pflanzer-Baltin: Czernowitz. 's haßt net viel, aber schließlich –

Brudermann: Ich hab Aussichten für Graz, weil die dortige Studentenschaft in meinen Reihen gekämpft hat. Aber leider spießt sichs, weil s' aus 'n nämlichen Grund zuspirrn wolln.

Dankl: Mir könnts bald zum Ehrendoktorat von Innschbruck gratuliern.

Auffenberg: Ihr seids Provinzschauspieler. Ich würde so etwas gar nicht annehmen! Ich sag: Wien oder nix. Apropos Wien, der Riedl wird eine Mordsfreud haben! Ich darf nicht vergessen, daß ich den Adjutanten erinner, daß er nicht vergißt, er soll den Kurier erinnern, sonst vergißt der am End und laßt mr die Kartn fürn Riedl liegen!

Dankl, Brudermann, Pflanzer-Baltin: Das is eine Idee, das mach mr auch, durch'n Kurier is alleweil am sichersten.

Auffenberg (beiseite): Alles machen s' mir nach. Zuerst das Strategische und jetztn den Verkehr mit'n Hinterland!

(Verwandlung.)

17. Szene

Wien. In der Kaffeesiedergenossenschaft. Vier Cafefiers, darunter Riedl, treten auf. Alle reden heftig auf ihn ein.

Der Erste: Das geht nicht, Riedl, du bist ein Padriot und schlichter Gewerbsmann, du därfst das nicht – schau, es is ja nur solang der Krieg dauert, später kriegst es ja eh wieder zruck.

Der Zweite: Riedl, mach mich nicht schiach, du komprimierst den ganzen Stand, dessen Zierde du heute bist – du mußt, ob du wüllst oder nicht, du mußt!

Der Dritte: Loßts 'n gehn, mir folgt er. Riedl, sei net fad. Bist du ein Wiener? No alstern! Bist du ein Deutscher? No alstern!

Riedl: Aber schauts, wie schaut denn das nacher aus im nächsten Lehmann – immer war ich der, der was am meisten Orden im Weichbild Wiens g'habt hat, so viel wie über mich steht – über keinen drin –

Der Erste: Riedl, ich kann dir's nachfühlen, daß dir das schwer fallt, aber du mußt ein Opfer bringen. Riedl, das wär eine Blamage, das wär geradezu Hochverrat, wo bei dir so viele Schlachtenlenker verkehren und einer gar Stammgast is!

Der Zweite: Schau, wir alle bringen Opfer in dera großen Zeit, ich hab sogar den Schwarzen statt auf vier fufzig bloß auf vier vieravierzig hinaufgsetzt, a jeder muß heuntigentags sein Scherflein beitragen –

Der Dritte: Lächerlich, das kann ich gar nicht glauben, daß der berühmte Padriot Riedl, der Obmann, der Kommandant von die Marine-Veteraner – hörts mr auf, der Tegethoff drehert sich im Grab um, wann er das erfahret. Dös glaub i net! Riedl, du, der einzige von uns, der schon bei Lebzeiten ein Denkmal hat –

Riedl: Bitte und eins, was ich mir selber gsetzt hab! Ich bin nämlich ein Senfmadlmann durch und durch – an meinem eigenen Haus, meiner Seel und Gott, jedesmal wann ich z'haus komm, hab ich eine Freud mit dem schönen Relif!

Der Erste: Na alstern, hast du da die Pletschen von unsere Feind nötig? Alle mußt ablegen Riedl, alle, selbst von Montenegro, und sogar den Orden von der Befreiung von der Republik Liberia!

Riedl: Hörts auf, den auch? Speziell der war immer mein Stolz. Schauts, wo ich aufs Jahr ohnedem mich mit dem Gedanken trage, zurückzutreten – nein, es ist unmöglich!

Der Zweite: Riedl, du mußt.

Der Dritte: Riedl, es bleibt dir nix übrig.

Riedl: Am End den Franzjosefsorden auch?

Der Erste: Aber im Gegenteil, den kannst jetzt im Lehmann fett drucken lassn!

Riedl (kämpft mit sich, dann mit großem Entschluß): Alstern gut ich will es tun! Ich weiß, was ich dem Vaterlande schuldig bin. Ich verzichte auf die Ehrungen, die mir die feindlichen Regierungen erwiesen haben, die Saubeuteln! Ich würde nicht einmal das Geld für den Klumpert zrucknehmen!

Alle (durcheinander): Hoch Riedl! – Das is halt doch unser Riedl! – Es lebe die Wienerstadt und unser Riedl! – Der Stephansturm soll leben und unser Riedl daneben! – Gott strafe England! – Er strafe es! – Nieder mit Montenegro! – Schmeiß'n weg! – Der Riedl is der größte Padriot!

Riedl (sich die Stirn wischend): Ich danke euch – ich danke euch – gleich telephonier ich zhaus, daß sie's zum Roten Kreuz hintragen. Morgen werds ihr schon lesen können – (er wird nachdenklich) Hier steh ich, ein entleibter Stamm.

Der Zweite: Schauts, wie gebildet der Riedl is, jetzt redt er sogar schon klassisch.

Riedl: Das is nicht klassisch, das sagt immer der Doktor vom Exrablatt, wenn er im Angehn verliert. Jetzt – (gebrochen) verlier ich!

Der Dritte: Nicht traurig sein, Riedl! Nicht traurig sein! Was d' jetzt hergibst, später kriegst es doppelt und dreifach wieder herein. Und vielleicht früher, als wie du glaubst.

(Ein Kellner stürzt in das Zimmer.)

Der Kellner: Herr von Riedl, Herr von Riedl, eine Karten is kommen, d' Fräuln Anna hat g'sagt, ich soll laufen – das is großartig – das ganze Lokal is in Aufregung –

Riedl: Gib her, was is denn – (liest, vor freudigem Schreck zitternd) Meine Herrn – in dieser Stunde – es is ein historischer Augenblick – ich hab als Padriot und schlichter Gewerbsmann, wo ich von meinen Mitbürgern zahllose ehrende Beweise ihrer Anhänglichkeit – indem ich als Obmann – aber so etwas – nein – schauts her –

Alle: Ja, was is denn?

Riedl: Mein glorreichster Stammgast – unser erstklassigster Schlachtenlenker – hat – während der Schlacht – an mich – gedacht! Halts mich! Das muß ich – dem – Extrablatt –

(Alle halten ihn und lesen.)

Der Erste: No geh, ich hab weiß Gott was glaubt. Was der für G'schichten macht! Ich hab gestern eine Karten vom Brudermann kriegt – (zieht sie aus der Tasche).

Riedl: Hör auf, das is mir peinlich –

Der Zweite: No hörts, was is denn da dabei, ihr seids ja narrisch – mich touchiert so etwas nicht. Ich hab nämlich vorgestern vom Pflanzer-Baltin – (zieht sie aus der Tasche.)

Der Dritte: Ihr bildts euch alle an Patzen ein. Ich hab zufällig schon vorige Wochen vom Dankl – (zieht sie aus der Tasche.)

Alle drei (lesen gleichzeitig vor): In dieser Stunde, in der ich sonst in Ihren mir so trauten Räumen saß, denke ich an Sie und Ihr Personal und sende Ihnen herzliche Grüße aus fernem Feldlager. Dankl-Pflanzer-Brudermann.

Riedl (ausbrechend): Das gibts nicht! Das is ein Plagat! Ein Plagat is das! A Schwindel! Ihr seids Flohbeutln gegen mich. Ich laß mir das net gfallen! Vorläufig hab ich noch kan Orden zruckg'Iegt, fallt mr gar net ein, und wenn mir der Auffenberg das nicht sofort aufklärt – behalt ich sie alle!

(Verwandlung.)

18. Szene

In der Wiener Deutschmeisterkaserne. Ein elegant gekleideter Herr, etwa 4o Jahre, wartet in einem schmutzigen Raum, in dem kein Sessel ist. Feldwebel Weiguny tritt ein.

Der Herr: Entschuldigen Sie – Herr Feldwebel – könnten Sie mir – vielleicht sagen – ich steh nämlich jetzt drei Stunden hier und kein Mensch kommt – ich habe nämlich einen C-Befund – ich habe mich freiwillig vor dem Einrückungstermin gemeldet, damit ich eine Kanzleiarbeit zugewiesen bekomm – und da hat man mir gesagt, ich soll gleich – dableiben – aber ich muß doch –

Der Feldwebel: Maul halten!

Der Herr: Ja – bitte – aber also ich möchte – ich muß – also bitte wenigstens – meine Familie verständigen – und ich kann doch nicht so wie ich bin – ich brauche also doch – also meine Sachen zum Waschen – eine Zahnbürste, eine Decke und so –

Der Feldwebel: Mäul halten!

Der Herr: Aber – bitte – entschuldigen Sie – ich habe mich doch gemeldet – ich hab doch nicht gewußt – ich muß doch –

Der Feldwebel: Blader Hund, wannst jetzt no a Wort redtst, nacher schmier i dr a Fotzen eini, daß d' –

(Der Herr zieht eine Zehnkronennote aus der Westentasche und hält sie dem Feldwebel hin.)

Der Feldwebel: Alstern – schaun S' gnä Herr – zhaus derf i Sie wirkli net lassen, dös geht net, aber wann S' a Decken haben wollen – die verschaff i Ihna. (Er verläßt den Raum.)

(Ein Kadett tritt aus dem Nebenraum.)

Der Kadett: Was? Du bist der, der den Disput mit'n Feldwebel g'habt, hat? Servus, kennst mich nicht mehr? Wögerer, Athletikklub –

Der Herr: Ja richtig!

Der Kadett: Hast an C-Befund, gelt? – Du hör amal, wie kannst du dich als intelligenter Mensch mit'n Feldwebel einlassen?

Der Herr: Ja was soll ich denn machen? Ich steh jetzt drei Stunden da. Ich muß doch nachhaus – meine Leute haben keine Ahnung – ich hab mich freiwillig gemeldet –

Der Kadett: Na da bist schön hineinpumpst. Wer hat dir denn den Rat geben? Aber wenn du nachhaus willst, kannst natürlich gehn.

Der Herr: Ja aber wie macht man denn das?

Der Kadett: Lächerlich, du bist doch ein besserer Mensch – ich hilf dir – du machst das so – also du gehst zum Hauptmann –

Der Herr: Was, der läßt mich nachhaus?

Der Kadett: Sonst also natürlich nicht, der is sehr streng, aber du mußt ihm ganz einfach sagen, weißt aber ganz direkt, ohne Genierer, schneidig (er salutiert) Herr Hauptmann, melde gehorsamst, i muaß zu an Madl! – Paß auf, drauf sagt der Hauptmann, wett'n, daß er das sagt. – Was, zu an Madl müssen S'? Fahrn S' ab, Sie Schweinkerl! – No und nacher kannst gehn!

(Verwandlung.)

19. Szene

Kriegsfürsorgeamt.

Hugo v. Hofmannsthal (blickt in eine Zeitung): Ah, ein offener Brief an mich? – Das is lieb vom Bahr, daß er in dieser grauslichen Zeit nicht auf mich vergessen hat! (Er liest vor.) »Gruß an Hofmannsthal. Ich weiß nur, daß Sie in Waffen sind, lieber Hugo, doch niemand kann mir sagen, wo. So will ich Ihnen durch die Zeitung schreiben. Vielleicht weht's der liebe Wind an Ihr Wachtfeuer und grüßt Sie schön von mit –« (Er bricht die Vorlesung ab.)

Ein Zyniker: No – lies nur weiter! Schön schreibt er der Bahr!

Hofmannsthal (zerknüllt die Zeitung): Der Bahr is doch grauslich –

Der Zyniker: Was hast denn? (Nimmt die Zeitung und liest bruchstückweise vor) »Jeder Deutsche, daheim oder im Feld, trägt jetzt die Uniform. Das ist das ungeheure Glück dieses Augenblicks. Mög es uns Gott erhalten! – Es ist der alte Weg, den schon das Nibelungenlied ging, und Minnesang und Meistersang, unsere Mystik und unser deutsches Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Bach, Beethoven, Wagner. – Glückauf, lieber Leutnant –«

Hofmannsthal: Hör auf!

Der Zyniker (liest): »Ich weiß, Sie sind froh. Sie fühlen das Glück, dabei zu sein. Es gibt kein größeres.«

Hofmannsthal: Du, wenn du jetzt nicht aufhörst –

Der Zyniker (liest): »Und das wollen wir uns jetzt merken für alle Zeit: es gilt, dabei zu sein. Und wollen dafür sorgen, daß wir hinfort immer etwas haben sollen, wobei man sein kann. Dann wären wir am Ziel des deutschen Wegs, und Minnesang und Meistersang, Herr Walter von der Vogelweide und Hans Sachs, Eckhart und Tauler, Mystik und Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, Beethoven und Wagner wären dann erfüllt. –« Wie hängen denn die mit dir zusammen? Ah, er meint vielleicht, daß sie enthoben sind. »Und das hat unserem armen Geschlecht der große Gott beschert!« Gott sei Dank! – (liest) »Nun müßt ihr aber doch bald in Warschau sein!«

Hofmannsthal: Aufhören!!

Der Zyniker: »Da gehen Sie nur gleich auf unser Konsulat und fragen nach, ob der österreichisch-ungarische Generalkonsul noch dort ist: Leopold Andrian.« (Er bekommt einen Lachkrampf.)

Hofmannsthal: Was lachst denn?

Der Zyniker: Der is wahrscheinlich nach Kriegsausbruch in Warschau geblieben, um den einziehenden Truppen das Paßvisum auszustellen – das is ja im Krieg unerläßlich – sonst können s' nicht nach Rußland! (liest) »Und wenn ihr so vergnügt beisammen seid, und während draußen die Trommeln schlagen, der Poldi durchs Zimmer stapft und mit seiner heißen dunklen Stimme Baudelaire deklamiert, vergeßt mich nicht, ich denk an euch! Es geht euch ja so gut – »

Hofmannsthal: Hör auf!

Der Zyniker: »– und es muß einem ja da doch auch schrecklich viel einfallen, nicht? –« Was dem alles einfallt!

Hofmannsthal: Laß mich in Ruh!

Der Zyniker: Du kommst doch sowieso bald nach Warschau? Auf Propaganda, mein' ich oder so. Wirst wieder deinen Hindenburg-Vortrag halten?

Hofmannsthal: Ich sag dir, laß mich in Ruh –

Der Zyniker: Du, eine Kälten hats heut wieder – ich muß doch läuten, daß er das Wachtfeuer nachlegen kommt.

Hofmannsthal: Also das is eine Gemeinheit – du – pflanz wen andern, laß mich arbeiten!

(Der Poldi tritt ein.)

Der Poldi (heiße, dunkle Stimme): Gu'n Tog, du Hugerl weißt nix vom Bohr?

(Hofmannsthal hält sich die Ohren zu.)

Der Zyniker: Habe die Ehre, Herr Baron, Sie kommen wie gerufen.

Der Poldi: Du Hugerl is wohr daß der Bohr in dem Johr noch nicht do wor oder is er gor eingrückt?

Der Zyniker: Was, der auch?

Hofmannsthal: Du der Mensch is zu grauslich – komm, gehn wir da hinein –

Der Poldi: Du Hugerl, der Baudelaire is ganz gscheidt, ich trog dir ein poor Sochen vor.

Hofmannsthal: Und ich zeig dir meinen Prinz Eugen!

Der Poldi: Wunderbor!

(Verwandlung.)

20. Szene

Bukowinaer Front. Bei einem Kommando. Die Oberleutnants Fallota und Beinsteller treten auf.

Fallota: Weißt also, gestern hab ich mir eine fesche Polin aufzwickt – also tulli! Schad, daß man sie nicht in das Gruppenbild hereinnehmen kann, was wir der Muskete schicken.

Beinsteller: Aha, ein Mägdulein! – Du, der Feldkurat soll fürs Intressante photographiert wern, zu Pferd, wie er einem Sterbenden das Sakrament gibt. Das wird sich ja leicht machen lassen, kann zur Not auch gstellt wern, weißt soll sich ein Kerl hinlegen und dann hat die Redaktion noch ersucht, sie brauchen ein Gebet am Soldatengrab, na das geht ja immer.

Fallota: Du, ich hab dir gestern eine Aufnahme gemacht, die aber schon sehr intressant is. Ein sterbender Russ, ein Schanerbild, mit an Kopfschuß, ganz nach der Natur. Weißt, er hat noch auf den Apparat starren können. Du, der hat dir einen Blick gehabt, weißt, das war wie gstellt, prima, glaubst daß das was fürs Intressante is, daß sie's nehmen?

Beinsteller: No und ob, zahlen auch noch.

Fallota: Glaubst? Du, richtig, also hast was versäumt, der Korpral is dir gestern ohnmächtig worn, wie er den Spion, weißt den ruthenischen Pfarrer, bei der Hinrichtung für den Sascha-Film ghalten hat, schad daß du nicht dabei warst.

Beinsteller: No was hast mit dem Kerl gmacht?

Fallota: No anbinden naturgemäß. Wer' ihn doch nicht einspirrn, wir leben ja nicht im Frieden – einspirrn, das möcht so den Kerlen schmecken.

Beinsteller: Weißt, ich versteh die Russen nicht. Die Gefangenen erzählen dir nämlich, daß es bei denen überhaupt keine solchene Strafen gibt!

Fallota: Hör mr auf mit der Schklavennation! Hast schon das Gedicht vom Kappus glesen? In Fers und sogar gereimt!

Beinsteller: No überhaupt, die Muskete is jetzt zum Kugeln der Schönpflug –

Fallota: Was, das is ganz was Andreas! Du ich schick ihr einen Witz – Du, weißt was, ich fang jetzt an ein Tagebuch, da wird alles drin stehn, was ich erlebt hab. Vorgestern vom Mullatschak angefangen. Eine fesche Polin, sag ich dir, aber schon sehr fesch – (macht eine Geste, die auf Fälle weist.)

Beinsteller: Aha, einen Busam – no ja du erlebst was, weißt ich interessier mich mehr für die Bildung. Ich lies viel. Jetzt bin ich bald mit'n Engelhorn fertig. Früher wie ich unten war – da is auch viel mullattiert worn. Bißl Musik, ja. Mir ham jetzt ein Grammophon aus'n Schloß. Da könntest du mir deine Polin leihn, daß sie dazu tanzt.

Fallota: Weißt wer auch schon viel erlebt haben muß heraußt? Der Nowak von die Vierzehner, das war dir immer ein Hauptkerl. Wenn der nicht seine sechzig Schuß täglich am Gwehr angschrieben hat, wird er schiech auf die Eigenen. Der Pühringer hat mir neulich eine Karten gschrieben, also der Nowak sieht dir einen alten serbischen Bauern drüben von der Drina Wasser holen. No weißt, Gefechtspause war grad, sagt er zum Pühringer, du, sagt er, schau dir den dort drüben an, legt dir an, bumsti, hat ihm schon. Ein Mordskerl der Nowak. Schießt alle ab. Er is auch schon eingegeben fürn Kronenorden.

Beinsteller: Klassikaner! Die Friedenspimpfe verstehn so was natürlich nicht. Weißt, neugierig bin ich wie sich der Scharinger herauswuzeln wird aus der blöden Gschicht, hast nix ghört?

Fallota: Weil er sich beim Sturm druckt hat?

Beinsteller: Aber erlaub du mir, da wird man doch nicht einen Berufs –

Fallota: Ah ja soi da war eine Gschicht, er hat den Koch, weil was anbrennt war, in die Schwarmlini –

Beinsteller: Aber nein, wegen an Mantel – weißt denn nicht, er is doch damals einzogen wo vorher der Oberst, der Kratochwila von Schlachtentreu gwohnt hat, no und da hat er halt an Mantel von ihm mitgehn lassen, der dort noch glegen is, nacher wie er wieder weg is. Weißt denn nicht? Also laß dr erzählen. Der Oberst trifft ihm und sieht den Mantel, eingepackt. Der Scharinger redet sich aus, er sagt, er hat geglaubt, es is ein Mantel vom Feind, der ihn aus'n Schloß genommen hat, und er will ihn grad zurückgeben. Ergo dessen – no du kannst dir die Sauerei vorstellen. No wird sich schon herauswuzeln.

Fallota: Ich versteh das nicht – alleweil mit so was. Ich hab bisher noch keine Schererein ghabt mit so was. Wenns Beutestück sind – also dann natürlich! No überhaupt damals! Der Josef FerdinandJoseph Ferdinand – Erzherzog Joseph Ferdinand, österr. Generaloberst, nach schwerer Niederlage 1916 seines Kommandos enthoben, † 1942 selber hat sich a schönes Gspann gnommen und Paramenten, weißt er is halt bekanntlich kunstsinnig du und Schmuckgegenständ und so. Weißt ich hab auch paar feine Sacherln kriegt damals – da hab ich dir gleich einen Spurius gehabt – no und richtig – also du ein Klavier, da muß man schon tulli sagn.

Beinsteller: No da legst di nieder.

Fallota: No was willst haben, die Generalin hat,Wäsche und Kleider aus der Einquartierung genommen, no nur zu eigenem Gebrauch natürlich, weißt die Tochter kriegt eh die Ausstattung durchs KM. Das waren halt Zeiten. Da hams Getreide und Viecher mitgehn lassen und halt sonst so Sachen, was man braucht. Und a Hetz hats immer geben, Bastonnaden und so. Alles mit Schampus. Aber jetzt is stier. Ich kann nicht sagen, daß es mich grad freut hier heraußt, abgsehn von die Menscher.

Beinsteller: Mir scheint, jetzt hams wieder ein Gusto auf ein Sturm, das is wenigstens a Abwechslung.

Fallota: Beim letzten wars zu blöd. 2000 Verwundete, 600 Tote – weißt ich bin nicht sentimental und bin immer dafür, daß gearbeitet wird –

Beinsteller: War mir auch ein Schleier.

Fallota: Nicht ein Grabenstückl, nur fürn Bericht. Vier Wochen sind die Leut glegen –

Beinsteller: Eben darum. Da hams wieder austarokiert oben. Lass mas amal stürmen, heißt's da. Wenn die Mannschaft anfangt, mit'n Dörrgemüse unzufrieden z'werden, laßt mas stürmen. Schon damit s' nicht aus der Übung kommen. Der Blade sagt nachher: Schauts, is das a Resultat? Ah was, hat's gheißen, die Leut haben sonst eh nix anderes zu tun. Aber die höhere Strategie is das nicht, das muß ich schon sagen, wiewohl ich doch gewiß nicht zu die zimperlichen gehör! Aber ich sag, wenns nicht sein muß – sparen mit'n Menschenmaterial. So erst verpulvern s' die ausgebildeten Leut, nacher schicken sie s' frisch von der Musterung. So Krepirln, was eine Handgranaten nicht von an Dreckhäufl unterscheiden können. Is das ein Ghörtsich?

Fallota: Na ja, damit tegeln s' sich beim Pflanzer ein.

Beinsteller: Na servus, der Oberst is fuchtig, wenn bei an Rückzug zu viel am Leben bleiben. Was? hat er eine Kompagnie angschrieen, warum wollts ihr nicht krepiern? System Pflanzer-Baldhin, sagen s' beim Böhm-Ermolli.

Fallota: Neulich war a Hetz mit die Verwundeten. No ja, wer hat denken können, daß das solche Dimensionen annehmen wird, waren halt nicht genug Sanitätswagen. Weißt, die Autos waren halt alle in der Stadt mit die Generäle, ins Theater und so. Da hams hineintelephoniert, aber herauskommen is keins. No da war dir ein Durcheinander!

Beinsteller: Mit die Verwundeten is immer eine Schererei.

Fallota: Auf die Eigenen sollten s' halt doch mehr schaun bei uns. Eher versteh ich noch, daß man die Bevölkerung zwickt, aber Truppen braucht man doch schließlich. In dem Monat hamr zweihundertvierzig Todesurteil gegen Zivilisten ghabt, stantape vollzogen, das geht jetzt wie gschmiert.

Beinsteller: Warens p. v.?

Fallota: Halbscheit p. u.

Beinsteller: Was war?

Fallota: No Umtriebe hams halt gmacht und so.

Beinsteller: Geh.

Fallota: Weißt, ich bin nicht fürs Standrecht, das is so a verbohrte juristische Spitzfindigkeit – immer mit die blöden Schreibereien: Zu vollziehen! Vollzogen! Hast du schon amal an Akt glesen, ich nicht. Wenn ich mir meinen Sabul umgürte, brauch ich so was nicht.

Beinsteller: Bei die Exekutionen soll man auch noch dabei sein!

Fallota: No im Anfang hat mich das sogar interessiert. Aber jetzt, wenn ich grad bei einer Partie bin, schick ich 'n Fähnrich. Man hört's eh ins Zimmer herein. Jetzt hamt a paar gute Juristen aus Wien. Aber es is doch eine Viechsarbeit. Ich bin eingegeben fürs Verdienstkreuz.

Beinsteller: Gratuliere. Du, wie gehts denn dem Floderer? Schießt der noch immer auf die Eigenen?

Fallota: Aber! Vor einem Jahr hams bei ihm Paralyse konschtatiert – nutzt nix. Immer schicken s' ihn weg, immer kommt er zrück. Wie er das macht, is mir ein Schleier. Neulich hat er ein' Feldwebel, den was der Leutnant um Munition schickt, abgeschossen, weil er sich eingebildet hat, der Kerl geht zrück. Hat ihn gar nicht gfragt, bumsti, hin war er.

Beinsteller: Einer mehr oder weniger. Du überhaupt, wenn man jetzt ein Jahr bei dem Gschäft is – ich sag dir, tot, das is gar nix. Aber mit die Verwundeten, das is eine rechte Schererei. Aufs Jahr, wenn der Frieden kommt, wirds nur Werkelmänner geben, ich halt mr jetzt schon die Ohren zu. Was wird man mit die Leut anfangen? Verwundet – das is so eine halbete Gschicht. Ich sag: Heldentod oder nix, sonst hat man sich's selber zuzuschreiben.

Fallota: Mit die Blinden is gar zwider. Die tappen sich so komisch herum. Neulich wie ich vom Urlaub fahr, komm ich in eine Station und komm grad dazu, wie Mannschaft einen herumstößt und lacht und macht Hetzen.

Beinsteller: No was willst – hättst sehn solln wie der Divisionär neulich einen Zitterer pflanzt hat.

Fallota: No ja, einen feinfühligen Menschen stiert so was, aber weißt, was ich in solchen Fällen denk? Krieg is Krieg, denk ich halt in solchen Fällen.

Beinsteller: Du, was macht dein Bursch? Wie alt is der jetzt?

Fallota: Grad 48. Gestern hat er zum Geburtstag a Watschen kriegt.

Beinsteller: Was is der eigentlich?

Fallota: No Komponist oder so Philosoph.

Beinsteller: Du, der Mayerhofer war vorige Wochen in Teschen. Der GottsöbersteGottsöberste – gemeint ist Erzherzog Friedrich, s. u. Akt 2, Szene 3 geht jetzt dort auf der Straßen, weißt wie? Mit'n Marschallsstab spaziert er herum.

Fallota: Wenn er aufs Häusl geht, nimmt er'n auch mit?

Beinsteller: Jetzt hat er vom Willi noch einen kriegt, vielleicht geht er jetzt mit beide.

Fallota: Jögerl, das schaut dann aus wie Krücken!

Beinsteller: Weißt, die dicke Jüdin aus Wien stiefelt dort wieder herum, die einflußreiche Egeria – wenn sich da was machen ließe, wär nicht schlecht –

Fallota: Dir graust vor gar nix. No weißt – ich wär auch schon froh, wenn ich wieder in der Gartenbau abends sein könnt und vorher an der Potenzecken.

Beinsteller: Was? Die Gartenbau? Damit wird sich's spießen!

Fallota: Wieso?

Beinsteller: No warst also jetzt in Wien und weißt nicht, daß jetzt ein Spital dort is?

Fallota: Ja richtig! (versunken) ja natürlich – no du aber hier bin ich auch nicht schlecht eingerichtet. Du jetz hab ich dir wieder a Klavier und a Tischlampen –

Beinsteller: Tischlampen, der Schlampen, das Schlampen.

Fallota: Du mir scheint, ein Regen kommt.

Beinsteller (sieht hinauf): Ab, sie regnet! Gehmr.

Fallota: Hast nix vom Doderer ghört? Der hat dir ein Mordsglück.

Beinsteller: Ja, der war dir immer ein Feschak.

Fallota: Ein Feschak is er, das is wahr. Aber ein Tachinierer, ujeh!

(Verwandlung.)

21. Szene

Ein Schlachtfeld. Man sieht nichts. Im fernen Hintergrund hin und wieder Rauchentwicklung. Zwei Kriegsberichterstatter mit Breeches, Feldstecher, Kodak.

Der Erste: Schämen Sie sich, Sie sind kein Mann der Tat, schaun Sie mich an, ich hab den Balkankrieg mitgemacht und mir is gar nichts geschehn! (Duckt sich.)

Der Zweite: Was is geschehn, ich geh um keinen Preis weiter.

Der Erste: Nichts. Das sind Einschläge. (Duckt sich.)

Der Zweite: Gotteswillen, was war das jetzt? (Duckt sich.)

Der Erste: Ein Blindgänger, nicht der Rede wert.

Der Zweite: Jö, ein Blindgänger, Gott! Nein, so hab ich mir das nicht vorgestellt.

Der Erste: Nehmen Sie Deckung.

Der Zweite: Was soll ich nehmen?

Der Erste: Deckung! Geben Sie den Feldstecher her.

Der Zweite: Was bemerken Sie?

Der Erste: Herbstzeitlosen. Das erinnert mich an den Balkankrieg. Die Stimmung hätt ich. (Er lauscht.)

Der Zweite: Was hören Sie?

Der Erste: Raben. Sie krächzen als ob sie witterten die Beute. Ganz wie im Balkankrieg. Und es lockt die Gefahr.

Der Zweite: Gehmr.

Der Erste: Sie Feigling! Und es lockt die Gefahr. (Ein Schuß.) Um Gotteswillen! Sind dort nicht unsere Leute?

Der Zweite: Vom Preßquartier?

Der Erste: Nein, die Eigenen.

Der Zweite: Mir scheint ja.

Der Erste: Sind brave Bursche. Dachte keiner an seine Lieben, dachte jeder nur an den Feind. Was liegt dort?

Der Zweite: Nichts, italienische Leichen, die vor unseren Stellungen liegen.

Der Erste: Moment! (Er photographiert.) Nichts erinnert daran, daß man im Krieg ist. Nichts sieht man, was an Elend, Not, Mühsal und Greuel gemahnt.

Der Zweite: Moment! Ich spüre jetzt den Atem des Krieges. (Ein Schuß.) Gehmr.

Der Erste: Das war nichts. Die Affäre stellt sich als ein Vorpostengefecht dar.

Der Zweite: Wärn wir in Villach geblieben – Gott, gestern hab ich mit dem Sascha Kolowrat gedraht – ich hab Ihnen gesagt, ich hab keinen Ehrgeiz. Sie wern sehn, der Punkt is eingesehn.

Der Erste: Wenn Sie nicht einmal Plänkeleien vertragen können, tun Sie mir leid.

Der Zweite: Bin ich ein Held? Bin ich ein Alexander Roda Roda?

Der Erste: Ich bin auch kein Ganghofer, aber ich kann Ihnen nur sagen, schämen Sie sich vor der Schalek!Schalek – Alice Schalek – österr. Journalistin, im 1. Weltkrieg die einzige Kriegsberichterstatterin, † 1956 Dorten kommt sie! Da können Sie sich verstecken –

Der Zweite: Gut. (Er versteckt sich. Ein Schuß.)

Der Erste: Ich will übrigens auch nicht, daß sie mich sieht. (Er legt sich nieder.)

Die Schalek (erscheint in voller Ausrüstung und spricht die Worte): Ich will hinausgehen, dorthin, wo der einfache Mann ist, der namenlos ist! (Sie gebt ab.)

Der Erste: Sehn Sie, da können Sie sich ein Beispiel nehmen. (Sie erheben sich.) Die geht bis vorn. Und wie sie sich für das Ausputzen der feindlichen Gräben intressiert –!

Der Zweite: No ja, das is was für Frauen, aber unsereins?

Der Erste: So, und wie sie beschreibt, wie sie im Kugelregen war – da fühlen Sie sich als Mann nicht beschämt?

Der Zweite: Ich weiß ja, sie is tapfer. Aber mein Ressort is Theater.

Der Erste: Wie sie die Leichen beschreibt, Kleinigkeit der Verwesungsgeruch!

Der Zweite: Das liegt mir nicht.

Der Erste: Wer hat sich darum gerissen, einen Flankenangriff mitzumachen? Sie! Und jetzt möchten Sie davonlaufen, wenn Sie Patrouillen sehn. Früher haben Sie das Maul voll genommen –

Der Zweite: Jeder von uns war im Anfang mitgerissen. Aber jetzt, nach einem Jahr Krieg –

Der Erste: Sie haben geschrieben, Sie wollen sich den Krieg an der Südwestfront ansehn. No also, sehn Sie sich ihn an, da haben Sie ihn. (Duckt sich.)

Der Zweite (duckt sich): Gegen Rußland war das ganz anders, da is man nicht aus dem Hotel herausgekommen, ich hab darin keine Erfahrung gehabt, meinetwegen halten Sie mich für einen Feigling, ich sag Ihnen ich geh nicht weiter!

Der Erste: Aber der Hauptmann kommt doch gleich, er hat garantiert, daß nichts passiert.

Der Zweite: Ich will aber nicht. Ich schick das Feuilleton so ab, die paar technischen Ausdrücke geben Sie mir.

Der Erste: Sie haben nicht die Schule des Balkankriegs durchgemacht, ich versteh nicht, wie einem nicht die Gefahr locken kann. (Duckt sich.)

Der Zweite. Aber ich bitt Sie, ich kenne das. Ich habe diesen Rausch, dieses selige Vergessen vor dem Tode beschrieben, Sie wissen, wie zufrieden der Chef war, massenhaft Zuschriften sind gekommen, wissen Sie nicht mehr? Ich bin doch eingegeben fürs Verdienstkreuz! (Duckt sich.)

Der Erste: Ich versteh aber nicht, wie man nicht gerade darin Befriedigung findet, daß man sich selbst überzeugt – (Schuß.) Um Gotteswillen, was war das jetzt?

Der Zweite: Sehn Sie – wären wir nur schon zurück im Preßquartier. Dort is man wenigstens nicht vom Feind eingesehn.

Der Erste: Mir scheint stark, das ist der Gegenstoß! Na und wennschon. Jetzt heißt es ausharren, wohin den Soldaten unsere Pflicht gestellt hat. Der Hauptmann hat eigens für uns die zerstörte Brücke herrichten lassen – jetzt sind wir einmal da, jetzt heißt es sich zusammnehmen. C'est la guerre! (Duckt sich.) Ich bin auch für Stimmungen, aber im Ernstfall – nur Stimmungsmensch sein, das geht nicht! Sie sind eben im Frieden nie aus den Premieren herausgekommen, das rächt sich jetzt. Warum haben Sie sich überhaupt für Kriegsberichterstattung gemeldet?

Der Zweite: Was heißt das, soll ich dienen?

Der Erste: No ja, aber ein bisserl Haltung sind Sie dem Blatt schuldig. Krieg ist Krieg.

Der Zweite: Als Held hab ich mich nicht aufgespielt.

Der Erste: Aus Ihrem letzten Feuilleton hat man stark den Eindruck gewinnen müssen, daß Sie einer sind.

Der Zweite: Feuilleton is Feuilleton. Bitt Sie, tun Sie nicht, als ob Sie das nicht wüßten – Gott, was war das wieder?

Der Erste: Nichts, ein kleinkalibriger Mörser älteren Systems von der Munitionskolonne IV b Flak.

Der Zweite: Wie Sie die technischen Ausdrücke beherrschen! Ist das nicht der, der immer tsi-tsi macht?

Der Erste: Sie haben wirklich keine Ahnung. Das is doch der, der immer tiu-tiu macht!

Der Zweite: Da muß ich etwas im Manuskript ändern – wissen Sie was, ich geh zurück, damit es früher abgeht. Es muß doch noch genehmigt wern.

Der Erste: Ich sag Ihnen, bleiben Sie da. Allein bleib ich nicht.

Der Zweite: Also hat das einen Sinn?

Der Erste: Sie, wir können uns nicht blamieren. Die Offiziere lachen sowieso schon. Ins Gesicht sind sie natürlich freundlich, weil sie genannt wern wollen bei der Offensive, aber ich hab oft das Gefühl, daß sie sich beim Rückzug über uns lustig machen. Grad will ich ihnen einmal zeigen, daß ich meinen Mann stelle. Schaun Sie, im Preßquartier is es doch so fad –

Der Zweite: Lieber fad wie gefährlich.

Der Erste: Schaun Sie, kann Ihnen das auf die Dauer konvenieren? Ein Jahr dauert das jetzt schon. Wir fressen aus der Hand. Man reicht uns den Schmus, wir haben nichts zu tun wie den Namen druntersetzen. Er lügt und wir müssen unterschreiben. No is das ein Leben?

Der Zweite: Kommt mir ohnedem lächerlich genug vor. Was geht das alles mich an? Einmal im Monat das Feuilleton – das is noch die Erholung, da kann man schildern, wie sie erleben. Aber was hab ich zu unterschreiben, wenn der Feind is zurückgeworfen, wenn er nicht is zurückgeworfen? Bin ich Höfer? Bin ich der verantwortliche Redakteur vom Weltkrieg?

Der Erste: Bittsie, Höfer – da war ich mehr draußen wie Höfer!

Der Zweite: Mir paßt das alles nicht. Ich wer' mit dem Divisionär sprechen, was mit dem Fronttheater is.

Der Erste: Fronttheater? Wie meinen Sie das? – Ah so.

Der Zweite: Die Idee hat ihm imponiert und da bin ich in meinem Feld. Heut bei Tisch will ich ihn erinnern. Ich sag ihm ins Gesicht, daß mir der Dienst nicht paßt.

Der Erste: No ja, Erfolge wie Ganghofer blühn für unsereins nicht. Für unsereins wird nicht eigens ein Gefecht arrangiert.

Der Zweite: Wieso, davon weiß ich gar nicht.

Der Erste: Davon wissen Sie nicht? Bei seinem letzten Besuch an der Tiroler Front! Siebzehn Eigene sind sogar durch zurückfliegende Geschoßböden getötet oder wenigstens verwundet worn, das war die größte Anerkennung der Presse, die ihr bis jetzt im Weltkrieg widerfahren is!

Der Zweite: Wieso, das is doch ein Witz aus'm Simplicissimus, daß sie mit der Schlacht warten, bis Ganghofer kommt.

Der Erste: Ja, zuerst war es ein Witz aus'm Simplicissimus und dann is es wahr geworn. Der Graf Walterskirchen, der Major, is auf und davongegangen, wütend. Er war kein Freund der Presse, er is nie genannt worn, vorgestern, hab ich gehört, is er gefallen.

Der Zweite: Sehn Sie, zu solchen Ehren kommt unsereins doch nicht. Ich sprech mit ihm heut wegen dem Fronttheater! Wenn man noch dazu kein Hüne is wie Ganghofer. Was wollen Sie von mir haben? Schaun Sie sich den Maler Haubitzer an – dort steht er und malt. Ein Riese is das gegen mich. Der hat in der Kaiserbar den Prinz Eugen gesungen, daß man geglaubt hat, der allein muß schon siegen. Jetzt? Was glauben Sie, wie der zittert beim Malen! Der fürcht sich mehr wie wir alle!

Der Erste: Vielleicht wie Sie! Wie ich nicht! Überhaupt lassen Sie Haubitzer in Ruh. Er hat genug Mut, er malt die Schlacht im Freien, wiewohl er erkältet is. Haben Sie sein Bild gesehn? Ich mein die Photographie von ihm im Interessanten Blatt, Maler Haubitzer im Felde.

Der Zweite: Von mir aus – ich geh um keinen Preis weiter.

Der Erste: Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ludwig Bauer im Balkankrieg!

Der Zweite: Bauer is im Weltkrieg in der Schweiz, wär ich auch in der Schweiz!

Der Erste: Nehmen Sie sich ein Beispiel an Szomory, oder zum Beispiel an den Soldaten. Die beißen die Zähne zsamm, die lassen sich nicht unterkriegen – (duckt sich.) Sie wollen also, daß wir zurückgehn?

Der Zweite: Ja, bis Wien! Ich hab Stimmungen einzufangen. Da geb ich meinen Namen! Wenn er im Blatt steht neben ihr, neben Irma von Höfer, gut. Aber neben ihm – hab ich das nötig? Da schäm ich mich offengestanden.

Der Erste: Ich nicht! Ich stehe hier in Ausübung einer einmal übernommenen Pflicht. (Er wirft sich auf die Erde.)

Der Zweite: Sie haben von jeher für das strategische Moment eine starke Schwäche gehabt. (Man hört einen Krach.) Gotteswillen!

Der Erste: Was sind Sie so erschrocken?

Der Zweite: Jetzt – hab ich geglaubt – das is ja fast – wie die Stimme – vom Chef!

Der Erste: Sie Held Sie – das war doch nur der große Brummer!

(Beide laufen weg, hinter ihnen, gleichfalls im Laufschritt, der Maler Haubitzer mit Zeichenmappe, ein weißes Taschentuch schwingend.)

(Verwandlung.)

22. Szene

Vor dem Kriegsministerium. Der Optimist und der Nörgler im Gespräch.

Der Optimist: Sie legen Scheuklappen an, um die Fülle von Edelsinn und Opfermut, die der Krieg an den Tag gefördert hat, nicht zu bemerken.

Der Nörgler: Nein, ich übersehe nur nicht, welche Fülle von Entmenschtheit und Infamie nötig war, um dieses Resultat zu erzielen. Wenn's einer Brandstiftung bedurft hat, um zu erproben, ob zwei anständige Hausbewohner zehn unschuldige Hausbewohner aus den Flammen tragen wollen, während achtundachtzig unanständige Hausbewohner die Gelegenheit zu Schuftereien benützen, so wäre es verfehlt, die Tätigkeit von Feuerwehr und Polizei durch Lobsprüche auf die guten Seiten der Menschennatur aufzuhalten. Es war ja gar nicht nötig, die Güte der Guten zu beweisen, und unpraktisch, dazu eine Gelegenheit herbeizuführen, durch die die Bösen böser werden. Der Krieg ist bestenfalls ein Anschauungsunterricht durch stärkere Kontrastierung. Er kann den Wert haben, daß er künftig unterlassen werde. Ein einziger Kontrast, der zwischen gesund und krank, wird durch den Krieg nicht verstärkt.

Der Optimist: Indem die Gesunden gesund und die Kranken krank bleiben?

Der Nörgler: Nein, indem die Gesunden krank werden.

Der Optimist: Aber auch die Kranken gesund.

Der Nörgler: Sie denken da an das bekannte Stahlbad?Stahlbad – Hindenburg soll gesagt haben, der Krieg sei für ihn ein verjüngendes Stahlbad gewesen Oder an die bewiesene Tatsache, daß die Granaten dieses Krieges Millionen Krüppel gesund geschossen haben? Hunderttausende Schwindsüchtiger gerettet und ebensoviele Luetiker der Gesellschaft zurückgegeben?

Der Optimist: Nein, dank den Errungenschaften der modernen Hygiene ist es gelungen, so viele im Krieg Erkrankte oder Beschädigte zu heilen –

Der Nörgler: – um sie zur Nachkur an die Front zu schicken. Aber diese Kranken werden ja nicht durch den Krieg gesund, sondern trotz dem Krieg und zu dem Zweck, um wieder dem Krieg ausgesetzt zu werden.

Der Optimist: Ja, es ist nun einmal Krieg. Vor allem aber ist es unserer fortgeschrittenen Medizin gelungen, die Verbreitung von Flecktyphus, Cholera und Pest zu verhindern.

Der Nörgler: Was wiederum nicht so sehr ein Verdienst des Krieges ist als einer Macht, die sich ihm in den Weg stellt. Aber sie hätte es noch leichter, wenn's keinen Krieg gäbe. Oder soll es für den Krieg sprechen, daß er die Gelegenheit geboten hat, ein wenig seinen Begleiterscheinungen beizukommen? Wer für den Krieg ist, hätte diese mit größerem Respekt zu behandeln. Schmach einem wissenschaftlichen Ingenium, das sich auf Prothesen etwas zugute tut anstatt die Macht zu haben, Knochenzersplitterungen vorweg und grundsätzlich zu verhüten. In ihrem moralischen Stand ist die Wissenschaft, die heute Wunden verbindet, keine bessere als jene, die die Granaten erfunden hat. Der Krieg ist eine sittliche Macht neben ihr, die sich nicht nur damit begnügt, seine Schäden zusammenzuflicken, sondern es zu dem Zweck tut, das Opfer wieder kriegstauglich zu machen. Ja, so antiquierte Gottesgeißeln wie Cholera und Pest, Schrecknisse aus Kriegen von annodazumal, lassen sich von ihr imponieren und werden fahnenflüchtig. Aber Syphilis und Tuberkulose sind treue Bundesgenossen dieses Kriegs, mit denen es einer lügenverseuchten Humanität nicht gelingen wird einen Separatfrieden abzuschließen. Sie halten Schritt mit der allgemeinen Wehrpflicht und mit einer Technik, die in Tanks und Gaswolken daherkommt. Wir werden schon sehen, daß jede Epoche die Epidemie hat,die sie verdient. Der Zeit ihre Pest!

Der Optimist: Da wären wir ja vor dem Kriegsministerium angelangt. Das ist heute ein erwartungsvoller Tag –

(Man sieht einen Trupp Schieber aus dem Haupttor kommen.)

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee – Weltblaad!

Ein Flüchtling (der mit einem andern geht): Geben Sie her! (reißt dem Kolporteur das Blatt aus der Hand, liest vor) »Alles steht gut! Kriegspressequartier 30. August 10 Uhr 30 Minuten vorm. Die Riesenschlacht geht heute Sonntag weiter. Die Stimmung im Hauptquartier ist gut, weil alles gut steht. Das Wetter ist prachtvoll. Kohlfürst.«

Der zweite Flüchtling: Das muß etwas ein Heerführer sein! (Ab.)

Der Nörgler: Die Masken an der Fassade dieser Sündenburg, die rechts schaut und links schaut machen, sind heute besonders stramm orientiert. Wenn ich länger auf einen dieser entsetzlichen Köpfe schaue, bekomme ich Fieber.

Der Optimist: Was haben Ihnen diese alten martialischen Typen getan?

Der Nörgler: Nichts, nur daß sie martialisch sind und dennoch den Sendboten Merkurs den Eintritt nicht wehren konnten. Zu aller Blutschlamperei noch dieser mythologische Wirrwarr! Seit wann ist denn Mars der Gott des Handels und Merkur der Gott des Krieges?

Der Optimist: Der Zeit ihren Krieg!

Der Nörgler: So ist es. Aber die Zeit hat nicht den Mut, die Embleme ihrer Niedrigkeit zu erfinden. Wissen Sie, wie der Ares dieses Krieges aussieht? Dort geht er. Ein dicker Jud vom Automobilkorps. Sein Bauch ist der Moloch. Seine Nase ist eine Sichel, von der Blut tropft. Seine Augen glänzen wie Karfunkelsteine. Er kommt zum Demel gefahren auf zwei Mercedes, komplett eingerichtet mit Drahtschere. Er wandelt dahin wie ein Schlafsack. Er sieht aus wie das liebe Leben, aber Verderben bezeichnet seine Spur.

Der Optimist: Sägen Sie mir, ich bitt Sie, was haben Sie gegen den Oppenheimer?

(Vor dem Kriegsministerium ist inzwischen die Menschenmenge angewachsen, sie besteht zumeist aus deutschnationalen Studenten und galizischen Flüchtlingen. Man sieht vielfach beide Typen Arm in Arm und plötzlich ertönt der Gesang: Es broost ein Ruf wie Donnerhall –

Nepalleck und Angelo Eisner v. Eisenhof treten auf einander zu.)

v. Eisner: Verehrter Hofrat, servitore, wie steht das Befinden, was macht Seine Durchlaucht? Wir haben uns ja seit damals –

Nepalleck: Djehre. Danke. Kann nicht klagen. Durchlaucht gehts famos.

v. Eisner: Das Allerhöchste Anerkennungsschreiben damals, ja das war Seiner Durchlaucht zu gönnen, das muß seinen Nerven rasend wohl getan haben, die Gesellschaft ist jetzt auch nur einer Ansicht –

Nepalleck: No ja natürlich – und Sie Baron, machen Sie viel mit? Von der Wohltätigkeit sehr in Anspruch genommen, kann mir denken –

v. Eisner: Nein, da überschätzen Sie mich, lieber Hofrat. Ich ziehe mich jetzt zurück. Da ist eine Reihe neuerer Streber, denen man gern das Feld überläßt. Es ist nicht jedermanns Geschmack, mit so einer Klasse – nein, das tentiert mich gar nicht – da –

Nepalleck: No aber die gute Sache, die gute Sache Baron, wie ich Sie kenne, werden Sie die vielen Arrangements doch nicht ganz vernachlässigen, wenn Sie auch, wie ich ganz begreiflich finde, nicht mehr selbst in die Komitees –

v. Eisner: Nein, ich walte jetzt nur im Herrnhaus – ah was red ich, im Hausherrnverein, da gibts Hals über Kopf zu tun, der Riedl, Sie wissen ja, ist nicht mehr der Alte – er muß eine Enttäuschung erlebt haben oder, ich weiß nicht, er scheint sich durch den Krieg halt ein bißl vernachlässigt zu fühlen – ja, ja, die populärsten Persönlichkeiten sind jetzt ein wenig aus ein Geleise gekommen, andere drängen sich vor –

Nepalleck: Na ja, wird sich schon wieder ausgleichen – auch bei uns ist –

v. Eisner: Ja, wir müssen alle Geduld haben. Ich für meine Person habe sehr bittere Erfahrungen gemacht. Wissen Sie, die Wohltätigkeit, das ist auch so ein Kapitel. Uje, da könnt ich der Fackel Stoff geben – wenn man sich mit dem Menschen einlassen könnte heißt das. Wissen Sie, Hofrat, nur opfern und nichts wie opfern und gar keinen Dank? Mein Gott ja, ich entziehe mich natürlich nicht – meine Freunde Harrach, Schönborn und die andern geben ihre Feste, sie schicken mir ihre Karten – erst gestern hat mich der Pipsi Starhemberg, Sie wissen doch, der was sich mit der Maritschl Wurmbrand –

Nepalleck: Gehn S', ich war der Meinung, daß er sich mit der Mädi Kinsky –

v. Eisner: Aber im Gegenteil, wo denken Sie hin, da kommt doch nur der Bubi Windischgrätz in Betracht, wissen S' der Major, der jetzt bei der Gard is – also ich sag Ihnen, bestürmt wird man von allen Seiten, erst gestern sagt mir der Mappl Hohenlohe bei der Meß, wissen S', der wo sie eine Schaffgotsch is, du, sagt er, warum machst du dich jetzt so rar, sag ich ihm lieber Mappl tempora mutatur, was jetzt für Leut obenauf sind, ich begreif euch alle nicht, daß ihr da noch mittuts. Ich für meine Person bin rasend gern dort, wo's still is. Mit einem Wort, wo man nicht bemerkt wird. Wissen Sie lieber Hofrat was er drauf gesagt hat? Recht hast du, hat er gesagt! Ich denk nämlich darin ganz wie der Montschi. Selbstverständlich leiste ich pünktlich mein Scherflein – aber hingehn? Nein, da kennen Sie mich schlecht. Ich war nie ein Freund von der Öffentlichkeit. Wissen Sie, da kann es einem noch passieren – man ist da harmlos bei einem Tedeum, und am nächsten Tag steht man unter den Anwesenden in der Zeitung!

Nepalleck: No das is zwider, das kenn ich. Jetzt hab ich wenigstens drauf gedrungen, wenn's mich schon nennen müssen, so wenigstens mit dem vollen Namen. Nicht mehr wie bisher Hofrat Nepalleck, oder Hofrat Wilhelm Nepalleck, sondern weil ich also eigentlich Wilhelm Friedrich heiß – Hofrat Friedrich Wilhelm Nepalleck. Was, das macht sich jetzt ganz gut, da könnt ich gleich nach Potsdam übersiedeln –

v. Eisner: Das macht sich famos! Aber – nach Potsdam übersiedeln? Hätten S' denn dazu Lust?

Nepalleck: Woher denn, es is nur wegen der Nibelungentreue. Ich – meine Durchlaucht verlassen! Noch heut is mir die Durchlaucht für das Arrangement des höchsten Begräbnisses dankbar.

v. Eisner: Das war aber auch schön!

Nepalleck: Mit strikter Einhaltung – wie eben ein Begräbnis dritter Klasse –

v. Eisner: Das ist Ihnen wieder einmal gelungen, erstklassig. Wirklich furchtbar nett war das damals auf der Südbahn. (Er grüßt einen Vorübergehenden.) War das nicht ein Lobkowitz? Dann beklagt er sich wieder, daß ich ihn nie erkenn – Also in Artstetten natürlich, da – da hat man leider schon ein bißl gemerkt, daß Sie Ihre Hand nicht im Spiel ghabt haben, da is ziemlich ordinär zugegangen.

Nepalleck: Selbstverständlich – weil es uns unmöglich gemacht wurde! Das Belvedere hat sichs nicht nehmen lassen. Oh, wir haben drauf bestanden, ich hab gsagt: nach dem spanischen Zeremoniell, da gibts keine Würschtel! No, und da hats dann leider, weil die Herrschaften so entetiert warn, also in Artstetten halt doch Würschtel gegeben.

v. Eisner: Wie?

Nepalleck: No ja, die Feuerwehrleut habens neben die Särge Ihrer Hoheiten gfressen, wie's Gewitter war, die Särge sind nämlich im Kassenraum vom Frachtenbahnhof gstanden, Zigarren hams graucht, das war ein Skandal, na Sie wissen ja, wir sind unschuldig, am Südbahnhof wars so schön feierlich.

v. Eisner: Ich denk's wie heut, ich bin damals zwischen dem Cary Auersperg und dem Poldi Kolowrat gestanden. Wir haben uns ja seit dem historischen Augenblick nicht gesehn.

Nepalleck: Ja, wir haben unser Möglichstes getan. Das Allerhöchste Anerkennungsschreiben hat aber auch den gewissen Herrschaften die p. t. Münder gestopft: »Stets in Übereinstimmung mit meinen Intentionen.« Und vor allem, daß anerkannt worn is, wie sich Durchlaucht, das heißt also wir sich mit dem Begräbnis geplagt haben. Ich kanns auswendig: »In den jüngsten Tagen hat das Hinscheiden Meines geliebten Neffen, des Erzherzogs Franz Ferdinand, mit welchem Sie andauernd vertrauensvolle Beziehungen verbanden –«

v. Eisner: Das waren zwei Fliegen auf einen Schlag.

Nepalleck: Sehr richtig. »- ganz außerordentliche Anforderungen an Sie, lieber Fürst, herantreten lassen und Ihnen neuerlich Gelegenheit geboten –«

v. Eisner: Gewiß, Seine Durchlaucht muß glücklich gewesen sein, daß ihm das Hinscheiden Gelegenheit geboten hat. Das kann man ihm nachfühlen.

Nepalleck: So ist es. »– Ihre aufopfernde Hingebung an Meine Person und an Mein Haus in hohem Maße zu bewähren.« Also bitte! Und wärmsten Dank und volle Erkenntlichkeit für ausgezeichnete treue Dienste, was will man mehr, da dürften wohl manche Herrschaften zersprungen sein.

v. Eisner: Das Allerhöchste Anerkennungsschreiben kann wohl nicht überraschend für Seine Durchlaucht gekommen sein?

Nepalleck: Gar keine Spur, Durchlaucht hat gleich nach der Leich die Initiative ergriffen – das heißt, ich meine –

v. Eisner: Ach ja, Sie wollen sagen, die Ereignisse haben sich überstürzt. Sehn Sie, lieber Hofrat, und jetzt haben wir gar den Weltkrieg.

Nepalleck: Ja, eine gerechte, eine erhebende Sühne! Ja, ja. Wenn Durchlaucht nicht die Initiative ergriffen hätte –

v. Eisner: Wie? zum Weltkrieg?

Nepalleck: Ah was red ich. Ich wollte sagen, Allerhöchstes Ruhebedürfnis ganz einfach.

v. Eisner: Wie? Für'n Weltkrieg?

Nepalleck: Nein – verzeihen S' – ich hab an was anderes gedacht. Ich wollte sagen, so hat das nicht weitergehn können, so nicht. Wissen Sie, seit der Annexion –

v. Eisner: Ich hab's dem Ährenthal vorausgesagt. Ich denk's wie heut, das war doch in dem Jahr, wo die Alin' Palffy in die Welt gegangen is. Ich hab ihn noch bis am Ballplatz begleitet –

Nepalleck: Wenns auch für den einzelnen eine schwere Last ist –

v. Eisner: Ja, freilich, wer hat nicht zu klagen, ich habe Verluste –

Nepalleck: Was? Auch Sie Baron?

v. Eisner: Ja, ja, kaum daß man sich mit ein paar Lieferungen herausreißt. Ich bin eben grad auf dem Weg da hinüber – dann treff ich vielleicht noch den Tutu Trauttmansdorff – ja jetzt heißt es durchhalten, durchhalten – die Hauptsache ist und bleibt, daß sich unsre Leut gut schlagen, das Weitere findet sich – Kompliment, Handkuß an Seine Durchlaucht –

Nepalleck: Danke, danke. Wer's bestellen, Kompliment, Wedersehn –

(Man hört den Gesang: Es broost ein Ruf)

(Verwandlung.)

23. Szene

Am Janower Teich. Ganghofer tritt jodelnd auf. Er trägt Lodenjoppe, Smokingilet, Kniehose, Rucksack und Bergstock, eisernes Kreuz erster Klasse; unter dem Hut mit Gamsbart ist ein blonder, ein wenig angegrauter Haarschopf sichtbar. Auf der etwas gebogenen Nase sitzt ein goldener Zwicker.

Hollodriohdrioh,
Jetzt bin ich an der Front,
Hollodriohdrioh,
Dös bin i schon gewohnt.
Bin ein Naturbursch, wie
Man selten einen findt,
Leider schon zu alt
Zum Soldatenkind.

Z'wegn dem stell ich noch immer
Allweil meinen Mann.
Hab in Wean beim Szeps gedient,
Sehn S' mich nur an.
I hab ein Jagagmüat
Holldrioh, dös is wie echt
Und bekanntlich schreib ich
Gar net schlecht.

Als Schmock in Wean, da war
Zu groß die Konkurrenz,
Da bin ich schon verkracht
Im Lebenslenz.
Ins Lodengwandl bin
Ich gschwind hineingeschlieft
Und hab sogleich mich in
Den Wald vertieft.

Erst war ich Schmock im Blatt,
Jetzt bin ich Schmock im Wald,
Jetzt find ich glänzend meinen
Unterhalt.
In Bayern merken s' nicht,
Wie sehr ich bin verschmockt,
Da merken s' nur, daß ich
Bin blondgelockt.

Und in Berlin, da fliagen s'
Auf meinen Dialekt.
Den Erdgeruch der Preuß'
Am liebsten schmeckt.
Wo er an Lodenjanker
Und an Gamsbart sieht,
Wird dem Berliner wohlig
Ums Jemiet.

Durch Biederkeit hab ich
Die höchsten Herrn entzückt
Und Willem selber ist
Von mir berückt.
Daß ich ein alter Schmock,
Das fallt jetzt ins Gewicht,
Für die Freie Press' mach ich
Den Frontbericht.

Der Roda Roda kriecht
Nicht überall hinein,
Das höxte Interview
Gehört schon mein.
Als Jaga spricht mit mir
Der Kaiser Wilhelm gern,
Das ist doch schön von einem
Solchen Herrn.

Dann liest er mich als Schmock,
Das macht ihm wieder Freud,
Und so wart ich auf ihn
Am Anstand heut.
Hollodriohdrioh (man hört ganz fern ein Auto)
Tatü – tata – tatü –
Die ganze Welt spitzt auf
Die Entrevü.

Ein Flügeladjutant (erscheint im Laufschritt): Ach da sind Sie ja Ganghofer. Majestät wird gleich hier sein, Sie hörn schon die Tute. Nehmen Sie nur recht 'ne burschikose Haltung an, Sie wissen, Majestät hat das gern, machen Se keene Faxen, bleiben Sie ganz unbefangen,wie Sie sind, wie wenn Se 'nem alten Jagdkameraden gegenüberständen. Sie wissen, Majestät hat in der Kunst nur drei Ideale: in der Malerei Knackfuß, in der Musik den Trompeter von Säckingen und etwa noch Puppchen du mein Augenstern, in der Literatur Sie lieber Ganghofer, und etwa noch Lauff, Höcker und die Anny Wothe. Otto Ernst hat auch manches Gute. Also – kein Lampenfieber Ganghofer, das haben Sie weiß Gott nich nötig – stramm wie's dem Jäger und Naturburschen geziemt, Majestät wird Ihnen sicherlich unter herzlichem Lachen die Hand entgegenstrecken. (Man hört das Signal: tatü-tata –) Nu kommt Majestät. Der Photograph der Woche ist mit ihm. Es soll ja mit eine der packendsten Szenen werden,wie Kaiser und Dichter zusammengehn, denn beide wohnen auf der Menschheit Höhn. Ich denke da aber beileibe nicht an Ihre Berge lieber Ganghofer, sondern an die geistigen Höhen. Also Mut lieber Ganghofer – (man hört ganz nah das Signal: tatü-tata –) immer feste druff!

(S. M. mit Gefolge. Im Hintergrund der Photograph der Woche. S. M. geht auf den Dichter zu und streckt ihm unter herzlichem Lachen die Hand entgegen.)

Der Kaiser: Ja Ganghofer, sind Sie denn überall? Hören Sie mal Ganghofer, Sie sind gut!

Ganghofer: Majestät, mei Gmüat hat sich bemüat den Siegeslauf der deutschen Heere einzuholen. Fix Laudon, dös is aber gach ganga! (Er hüpft.)

Der Kaiser (lachend):'s ist gut Ganghofer,'s ist gut. Ha–haben Sie schon Mittagbrot gegessen?

Ganghofer: Nein, Majestät, wer würde denn in so großer Zeit an so etwas denken?

Der Kaiser: Um Gottes willen, da müssen Sie doch gleich etwas essen! (Der Kaiser winkt, es wird ein Topf mit Tee gebracht nebst zwei festen Schnitten Gebäck. Der Kaiser greift selbst mit der Hand in eine Blechdose, stopft Ganghofer die Taschen mit Zwieback voll und sagt dabei immer wieder.) Essen Sie Ganghofer, essen Sie doch! (Der Photograph knipst.)

Der Kaiser: Waren Sie schon in Przemisel, Ganghofer? Essen Sie doch, um Gotteswillen, essen Sie doch! (Ganghofer ißt.)

Ganghofer: Untertänigsten Dank, Majestät. Sell woll, in Pschemisl.

Der Kaiser: Na, sind Sie befriedigt? Ich meine von Przemisel. Aber essen Sie doch, essen Sie doch Ganghofer!

Ganghofer (essend): Sell woll. Fein war's in dem Pschemisl.

Der Kaiser: Haben Sie Sven Hedin gesehen? Essen Sie doch Ganghofer –

Ganghofer: (essend): Sell woll, den hab i gsehn.

Der Kaiser (dessen Auge glänzt): Das freut mich, daß Sie diesen Mann kennen gelernt haben. Dieser Schwede ist ein Prachtmensch. Wenn Sie ihn wiedersehen – aber so essen Sie doch Ganghofer – grüßen Sie ihn herzlichst von mir.

(Ein russischer Flieger kommt von Osten her, er leuchtet in der goldenen Abendsonne wie eingoldener Käfer. Hinter ihm puffen Schrapnells empor.

Der Kaiser (steht ruhig, schaut hinauf und sagt): Zu kurz!

(Die weiteren Schüsse bleiben weit hinter dem Flieger zurück.

Der Kaiser (nickt sinnend.) Ja, Flügel haben, das heißt für die andern immer zu spät kommen. Essen Sie doch Ganghofer. (Es tritt eine Pause ein, während deren Ganghofer ißt. Plötzlich wendet sich der Kaiser zum Dichter und sagt ihm mit gedämpfter Stimme, streng und langsam, jedes Wort betonend:) Ganghofer – was – sagen Sie – zu – Italien?

(Erst nach einer Weile, während deren Ganghofer gegessen hat, vermag er zu antworten.)

Ganghofer: Majestät, wie es kam, so ist es besser für Österreich und für uns. Der reine Tisch ist immer das beste Möbelstück in einem redlichen Haus.

(Der Kaiser nickt. Ein Aufatmen strafft die Gestalt.)

Der Flügeladjutant (leise zu Ganghofer): Dialekt! Dialekt!

Der Kaiser: Nu Ganghofer haben Se 'n schönes Feijetong fertig? Lassen Se hören – ha.

Ganghofer: Zu dienen, Majestät, aber leider ist es teilweise hochdeutsch –

Der Flügeladjutant (leise): Dialekt!

Der Kaiser: Na wenn schon, ha lesen Se unbesorgt vor.

Ganghofer: Der Anfang, Majestät, ist in schwäbischer Mundart.

Der Kaiser: Na, umso besser, köstlich, lesen Se.

Ganghofer (zieht ein Manuskript aus der Tasche und liest): »Auf halbem Wege erfahren wir, daß der erste feindliche Graben vor dem Rozaner Festungsgürtel schon genommen ist. Da hat's einen feinen Schwabenstreich gegeben. Ein Stuttgarter, der uns auf der Straße entgegenkommt, mit dem linken Arm in der weißen Binde, sagt lachend zu mir: »Den erschte Grawe hawe mer. 's isch e bissele hart gange. D' Russe hawe saumäßig mit Granate herg'schosse. Aber mei, dees macht net viel aus. Weil mer nur de Grawe hawe! Dees isch d' Hauptsach'!«

Der Kaiser: Famos, Ganghofer.

Ganghofer (weiter lesend): »Ich nütze die erste Frühe, um ein gut ausgewachsenes Cousinchen unserer fleißigen Berta zu besuchen. (Der Kaiser lacht.) Ein noch junges Mädchen! Und doch schon von erstaunlicher Kraftfülle! Ihr Mündchen liegt etwa vier Meter oberhalb meines Haardaches. (Der Kaiser lacht aus vollem Halse.) Und eine Stimme hat sie, daß man sich Watte in die Ohren stopfen muß, wenn man unzerrissene Trommelfelle behalten will. Beginnt sie ihr donnerndes Lied zu singen – ein Lied vom deutschen Erfindergeist und deutscher Kraft –, so fährt ihr ein Feuerstrahl von Mastbaumlänge aus der Kehle, und wer hinter dem musizierenden Cousinchen steht (Der Kaiser lacht dröhnend) sieht eine schwarze, kleiner und kleiner werdende Scheibe steil durch die Luft emporfliegen bis zu einer Höhe, die man mit einem vollen Hundert übereinandergeschichteter Kirchtürme noch nicht erreichen würde. Und viele Sekunden später ist in der russischen Festung Rozan eine rauch- und feuerspeiende Hölle los. Ein leistungsfähiges deutsches Kind, diese eiserne Jungfrau! (Der Kaiser schlägt lachend mit der linken Hand auf seinen Schenkel.) Ich verlasse sie mit dem Gefühl verstärkter Zuversicht und höchster Befriedigung, nehme nach vierhundert Schritten die Wattepfropfen aus den Ohren und finde nun, daß die Stimme des trefflichen Mädchens überaus lieblich klingt. (Der Kaiser lacht wie ein Wolf.) Ich gebe zu, daß dieses Urteil einen stark subjektiven Charakter hat. Man darf vermuten, daß ich als Kommandant der Festung Rozan zu einer wesentlich anderen Meinung gelangen würde.«

Der Kaiser (der zuletzt mit leuchtendem Auge und strahlendem Gesicht zugehört hat, schlägt nun mit der linken Hand unaufhörlich auf seinen Schenkel und ruft): Ach, 's ist ja zum Schießen! Bravo, Ganghofer, das haben Se gut getroffen. Lauff hat die dicke Berta besungen und Sie hofieren das Cousinchen, ik lach mich dot, ik lach mich dot! Aber essen Sie doch Ganghofer, Sie essen ja nicht –

(Ganghofer ißt. Der Kaiser, mit raschem Entschluß auf ihn zutretend, sagt ihm etwas ins Ohr. Ganghofer fährt zusammen, ein Stück Zwieback fällt ihm aus dem Mund, sein Gesicht ist wie von einer frohen Begeisterung überglänzt und drückt Zuversicht aus. Er legt den Finger an den Mund, als ob er Schweigen zusichern wollte. Der Kaiser gleichfalls.)

Ganghofer: Ein neues Stahlband des Zusammenhaltens!

Der Kaiser: Erst am Tage der Erfüllung bekannt geben!

Ganghofer: Und dieser Tag wird kommen!

Der Kaiser: Essen Sie Ganghofer!

(Ganghofer ißt. Eine Ordonnanz bringt eine Nachricht für ihn.)

Ganghofer: Von Mackensen! (Er liest in freudiger Erregung.) »Fahren Sie so früh als möglich los. Die russischen Stellungen bei Tarnoo wurden von uns genommen –

Der Flügeladjutant (leise): Dialekt!

Ganghofer: – Morgen fällt Lemberg.« Juchhe! (Er beginnt zu schnadahüpfeln. Dann, sich sammelnd, ernst, mit einem Blick gen Himmel.) Majestät!

Der Kaiser: Nu was haben Se denn Ganghofer, tanzen Se doch noch 'n bisken.

Ganghofer: Soll ich es denn länger verschweigen?

Der Kaiser: Nu was is denn los?

Ganghofer: Was Majestät mir soeben anvertraut haben – mei Gmüat kann es nicht länger zruckhalten – daß Majestät (herausplatzend) drei Waggon Bayrisches für unsere braven österreichischen Truppen bestimmt haben!

Der Kaiser: Na rufen Sie's meinswegen in die Welt hinaus! Sie sollen wissen, daß sie was Gutes aus Ihrem schönen Bayernland zu trinken bekommen! Aber Sie selbst – essen Sie Ganghofer, essen Sie doch!

Ganghofer (ißt und schnadahüpfelt zugleich, der Kaiser schlägt den Flügeladjutanten auf den Hintern, der Photograph knipst. Das Gefolge ordnet sich zum Aufbruch. Indem der Kaiser das Auto besteigt und noch einmal Ganghofern zuwinkt, ertönt das Signal: tatü-tata – . Während man dieses noch aus der Ferne hört, schnadahüpfelt Ganghofer weiter. Dann bleibt er stehen und sagt, mit völlig verändertem Ton): Das kommt als Leitartikel!

(Verwandlung.)

24. Szene

Zimmer des Generalstabschefs. Conrad v. Hötzendorf allein. Haltung: die Arme gekreuzt, Standfuß und Spielfuß, sinnend.

Conrad (mit einem Blick gen Himmel): Wann nur jetzt der Skolik da wär!

Ein Major (kommt): Exlenz melde gehorsamst, der Skolik ist da.

Conrad: Was denn für ein Skolik?

Major: Na der Hofphotograph Skolik aus Wien, der was seinerzeit, während des Balkankrieges, die schöne Aufnahme gemacht hat, wie Exlenz in das Studium der Balkankarte vertieft sind.

Conrad: Ach ja, ich erinnere mich dunkel.

Major: Nein, ganz hell, Exlenz, volle Beleuchtung.

Conrad: Ja, ja, ich erinnere mich, das war glorios.

Major: Er beruft sich darauf, daß ihn Exlenz wieder bestellt haben.

Conrad: No bestellt kann man grad nicht sagen, aber eine Anregung hab ich ihm zukommen lassen, weil der Mann wirklich hübsche Aufnahmen macht. Er schreibt, er weiß sich vor die illustrierten Blätter nicht zu helfen, die Aufnahme damals hat seltenen Sükses ghabt, kurzum –

Major: Er hat auch die Bitte, ob er jetzt in Einem die Herrn Generäle aufnehmen könnt.

Conrad: Wär mir nicht lieb! Die solln sich nur ihre eigenen Photographen kommen lassen.

Major: Er sagt, die ham kan Kopf, da macht er eh nur a Brustbild.

Conrad: Ah, das is was andres. Also herein mit dem Skolik! Warten Sie – sollen wir wieder beim Studium der Balkankarte – das war ja außerordentlich – aber ich denk, zur Abwechslung vielleicht die italienische –

Major: Das paßt jetzt entschieden besser.

(Conrad v. Hötzendorf breitet die Karte aus und versucht verschiedene Stellungen. Er ist, wie der Photograph mit dem Major eintritt, bereits in das Studium der Karte vom italienischen Kriegsschauplatz vertieft. Der Photograph verbeugt sich tief. Der Major stellt sich neben den Tisch. Er und Conrad blicken starr auf die Karte.)

Conrad: Was gibt's denn schon wieder? Kann man denn keinen Augenblick – ich bin doch gerade –

(Der Major zwinkert dem Photographen zu.)

Skolik: Nur eine kleine Spezialaufnahme, Exzellenz, wenn ich bitten dürfte.

Conrad: Ich arbeite gerade für die Weltgeschichte und da –

Skolik: Ich soll nämlich für das Interessante Blatt und da –

Conrad: Aha, zur Erinnerung an die Epoche –

Skolik: Ja, auch für die Woche.

Conrad: Aber da kommt man am End zwischen unsere Generäle, das kenn ich schon, da möcht ich lieber –

Skolik: Nein, Exzellenz, darüber können Exzellenz vollkommen beruhigt sein. Bei dem unsterblichen Namen, den Exzellenz haben, versteht sich das von selbst, daß Exzellenz ganz separat erscheinen. Die andern, die kommen alle zsamm, so unter der Rubrik »Unsere glorreichen Heerführer« oder so, einzelweis kommeten s' höchstens für Ansichtskarten.

Conrad: So? Wen ham S' denn da, vergessen S' mr den Höfer nicht, das is ein gar ein tüchtiger Mann, der kriegt 2o.ooo Kronen Feldzulage dafür, daß er täglich seinen Namen lesen muß, wenn er am Ring die Extraausgab kauft.

Skolik: Is scho vorgemerkt, Exzellenz, selbstverständlich, in erster Linie.

Conrad: Was, erste Linie, hammer an Gspaß ghabt! No wo tun S' mich dann selber hinmanipuliern? Nur nicht auffallend, nur nicht auffallend mein Lieber wissen S', nicht mit die andern, diskret! immer diskret!

Skolik: Der Raum ist bereits eigens reserviert. Es wird das Titelbild sein, von der Woche nämlich. Eine sehr eine intressante Nummer, aus Wien hab ich noch die Probiermamselln von der Wiener Werkstätten und den Treumann zu liefern, es kommt aber auch noch, wie ich sicher weiß, Seine Majestät der deutsche Kaiser auf der Sauhatz, eine bisher unbekannte Aufnahme und gleich daneben sehr sensationell, Allerhöchstderselbe im Gespräch mit dem Dichter Ganghofer. Also ich glaube Exzellenz –

Conrad: No ja, nicht übel, nicht übel – aber, lieber Freund, im Augenblick bin ich leider – können S' nicht bißl später kommen, ich bin nämlich – ich sag's Ihnen im Vertrauen, Sie dürfen's nicht weiter sagen, ich bin nämlich grad beim Studium der Karte vom Balkan – ah was sag ich, von Italien –

(Der Major zwinkert dem Photographen, der zurücktreten will, zu.)

Skolik: Das trifft sich gut – das ist ein Augenblick der höchsten Geistesgegenwart, den muß man beim Zipfel erwischen. Ich siech schon die Aufschrift: Generaloberst Conrad v. Hötzendorf studiert mit seinem Flügeladjutanten Major Rudolf Kundmann die Karte des Balkan-, ah was sag ich, des italienischen Kriegsschauplatzes. Derf's so heißen, Exzellenz?

Conrad: Na also meinetwegen – weil's der Kundmann will, der kann's ja gar net erwarten – (Er starrt unablässig auf die Karte, der Major, der sich nicht vom Fleck gerührt hat, gleichfalls. Beide richten ihren Schnurrbart.) Wird's lang dauern?

Skolik: Nur einen historischen Moment, wenn ich bitten darf –

Conrad: Soll ich also das Studium der Karte vom – also von Italien – fortsetzen?

Skolik: Ungeniert, Exzellenz, setzen nur das Studium der Karten fort – so – ganz leger – ganz ungezwungen – so – nein, das wär bißl unnatürlich, da könnt man am End glauben, es is gstellt – der Herr Major wenn ich bitten darf, etwas weiter zrück – der Kopf – gut is – nein, Exzellenz, mehr ungeniert – und kühn, bitte mehr kühn! – Feldherrnblick, wenn ich bitten darf! – es soll ja doch – so – es soll ja doch eine bleibende histri – historische Erinnerung an die große Zeit – so ist's gut! – nur noch – bisserl – soo – machen Exzellenz ein feindliches Gesicht! bitte! jetzt – ich danke!

(Verwandlung.)

25. Szene

Korso.

Ein Spekulant: Wissen Sie, wer vollständig verschwunden is?

Ein Realitätenbesitzer: Ich weiß, der Fackelkraus.

Der Spekulant: Wie Sie das erraten – oft denk ich, kein rotes Büchl, kein Vortrag – ihn selbst hat man auch schon eine Ewigkeit nicht zu Gesicht bekommen.

Der Realitätenbesitzer: Lassen Sie mich aus mit Kraus, ein Mensch, der bekanntlich keine Ideale hat. Ich kenn doch seinen Schwager.

Der Spekulant: Ich kenn ihn persönlich.

Der Realitätenbesitzer: Sie kennen ihn persönlich?

Der Spekulant: Ob ich ihn kenn, Tag für Tag is er an mit vorbei.

Der Realitätenbesitzer: Auf den Umgang müssen Sie nicht stolz sein. Alles in den Kot zerren – alles niederreißen – nix aufbauen – Weltverbesserer, tut sich was! Bittsie ich weiß doch, wie das is. Wie ich jünger war, hab ich auch alles kritisiert, nix war mir recht. Bis ich mir hab die Hörner abgestoßen. Er wird sich auch die Hörner abstoßen.

Der Spekulant: Er is doch schon sehr gedeftet.

Der Realitätenbesitzer: No sehn Sie? Ich hab mir sagen lassen, er wird sich bald zur Ruh setzen.

Der Spekulant: Warum nicht, er hat gewiß schon hübsch verdient.

Der Realitätenbesitzer: Verdient –! So klein is der geworn! Ich sag Ihnen, er is fertig. Verlassen Sie sich auf mich. Da zeigt sichs. Harden hat nicht aufgehört im Krieg. Der hat eben die greßeren Themas – (bleibt stehen.) Fesch sind diese deutschen Offiziere, fescher wie unsere.

Der Spekulant: Natürlich, jetzt, wo ja zu schreiben wär, schreibt er nicht!

Der Realitätenbesitzer: No kann er denn?

Der Spekulant: Wegen der Zensur? Erlauben Sie mir, da könnte doch eine geschickte Feder, und die muß man ihm lassen –

Der Realitätenbesitzer: Nicht wegen der Zensur – er kann von selbst nicht. Er hat sich ausgeschrieben. Verlassen Sie sich auf mich. Und dann – er fühlt jedenfalls, daß jetzt andere Sorgen sind. Das war ja ganz amüsant im Frieden – jetzt is man zu solche Hecheleien nicht aufgelegt. Passen Sie auf, er wirds bald billiger geben. Wissen Sie, was ich ihm gönnen möcht – nehmen solln sie ihn! An der Front! Da soll er zeigen! Was er trefft, is nörgeln.

(Der Nörgler geht vorbei. Die beiden grüßen.)

Der Spekulant: So was von einem Zufall! Also Sie kennen ihn auch persönlich? Wieso?

Der Realitätenbesitzer: Flüchtig, von einer Vorlesung, ich bin froh wenn ich ihn nicht seh. Mit so einem Menschen verkehrt man nicht. (Fanto geht vorbei. Die beiden grüßen.)

Beide (gleichzeitig, geheimnisvoll): Fanto.

Der Realitätenbesitzer (versunken): Großer Mann!

Der Spekulant: Warum er nicht Vorlesungen hält? Das trägt doch.

Der Realitätenbesitzer (wie erwachend): Wer? – Ja so – natürlich – Marcel Salzer reist sogar in Belgien herum, heut erst hab ich gelesen, er begibt sich von dort zur Armee nach Frankreich und sodann in das Hauptquartier und zu den Truppen Hindenburgs.Hindenburg – Paul von Beneckendorf und von Hindenburg – Generalfeldmarschell, seit 1916 Chef der deutschen obersten Heeresleitung, † 1934

Der Spekulant: Hindenburg hat ihm doch sogar geschrieben. Der wird erzählen können. Haben Sie heut von die Brandgranaten gelesen, selbstentzündlich an der Luft, was sie seit zehn Monaten in Reims hereinwerfen? Die lassen nicht locker! Die arbeiten! Sehn Sie, ich kann mir ganz gut denken, daß sie dann am Abend Salzer hören wollen.

Der Realitätenbesitzer: Schad um dieses Reims – die Kathedrale nebbich!

Der Spekulant: Sie, damit kommen Sie mir nicht, das hab ich gern! Entschuldigen Sie, wenn es sich nachgewiesenermaßen um einen militärischen Stützpunkt handelt, so ist das pure Heuchelei von den Franzosen. Sich hinter einer Kathedrale verschanzen, das hab ach gern, lassen Sie mich aus mit dem Gesindel.

Der Realitätenbesitzer: No no fressen Sie mich nicht bittsie. Hab ich was gesagt? Das geben Sie gut, als ob ich nicht genau ebenso wüßte, wo die Barbaren sind. Deswegen kann einem doch leid tun um die Kathedrale? Als Realitätenbesitzer –

Der Spekulant: No ja das is etwas anderes, ich kann nur nicht leiden, wenn man im Krieg sentimental is und besonders dort, wo es sich um eine effektive List handelt! Krieg is eben Krieg.

Der Realitätenbesitzer: Da ham Sie aber ja recht!

Der Spekulant: Was heißt das? Kann man sich einem Escheck aussetzen? Der Hieb ist die beste Parade! Sehn Sie sich an da – da kriegt man Respekt.

Der Realitätenbesitzer: Warten Sie, ich wer rufen – Hoch unsere braven Feldgrauen!

(Ein deutscher und ein österreichischer Soldat, Schulter an Schulter treten auf.)

Wachtmeister Wagenknecht: Da sind wir denn alle angetreten und unser Oberbombenwerfer sagte: Jungens, wenn ihr jetzt mal Lust habt, immer feste druff.

Feldwebel Sedlatschek (sich ganz nah an ihn haltend und erschreckt zu ihm emporblickend): Geh –!

Wagenknecht: Erlaube mal, du lehnst ja an meiner Schulter.

Sedlatschek: Ah paton – (tritt zurück.)

Wagenknecht: Na so gehts wieder. Also denk mal an, der Oberbombenwerfer überließ es uns –

Sedlatschek: Da schau her, das is eine unserer größten Niederlagen – (zeigt auf ein Schaufenster.)

Wagenknecht: Wie? – ach so – ich glaubte – also hör mal – (er steht jetzt ganz dicht an Sedlatschek, der zurücktaumelt.)

Sedlatschek: Au weh, du druckst ja auf meine Schulter!

Wagenknecht: Pardonk. Also hör mal, der Oberbombenwerfer –

Sedlatschek: Tschuldige, daß ich unterbreche. Mir ist das nämlich unklar.

Wagenknecht: Nanu?

Sedlatschek: Nämlich, tschuldige – der Oberbombenwerfer, sagst du, hat's g'schafft. Aber ihr seids doch alle Bombenoberwerfer, wer hat's also g'schafft?

Wagenknecht: Ich verstehe deinen Zweifel nicht, ich sagte doch, paß mal besser auf – der Oberbombenwerfer.

Sedlatschek: Noja, aber tschuldige – wirfst du denn nicht auch Bomben ober? Also bist du doch auch ein Oberbombenwerfer.

Wagenknecht: Wieso denn, na hör mal –

Sedlatschek: Alstern – der Oberbombenwerfer, das is doch einer – der was die Bomben – oberwirft, oder nicht?

Wagenknecht: Oberwirft? Was ist denn das?

Sedlatschek (macht die Pantomime des Werfens): No – verstehst net – ober – von do – schau her – ober – auf die Leut.

Wagenknecht: Ach so, jetzt versteh ich – nee Junge, det is aber zu witzich – ik lach mich dot – 's ist ja zum Schießen komisch – nee, so hatt' ich's nich jemeint. Dafür haben wir doch den Ausdruck: herab!

Sedlatschek (ihn verständnislos anblickend): Was – alstern – der Herabbombenwerfer?

Wagenknecht: Ach nee – de t jibts nich. Menschenskind, paß mal auf. Ik meine, der Bombenwerfer wirft die Bombe herab. Aber der Oberbombenwerfer –

Sedlatschek (ihn anstarrend): Aber der Ober – was?

Wagenknecht: Nu, det is doch der Scheff von die Bombenwerfer, darum heißt er doch Oberbombenwerfer – wie soll ich dir das nur klar machen, zum Beispiel, ach ja, jewiß doch, ihr habt doch auch die Bezeichnung Oberkellner oder Oberleutnant –

Sedlatschek: Hörst, jetzt versteh i di. Alstern wie der Oberleutnant der Vorgesetzte von die Gäst – oder nein – wie der Oberkellner der Vorgesetzte von der Mannschaft – nein –

Wagenknecht: Ach siehste, in dem Fall sagen wir einfach: der Ober – Sie Herr Ober, kommen Sie mal ran.

Sedlatschek (dreht sich um, salutiert erschrocken): Du, hast den Oberleutnant grufen?

Wagenknecht: Aber Menschenskind, da könnte ich doch nich Ober sagen. Siehste, beim Kellner läßt man eben die Berufsbezeichnung wech und sagt einfach Ober, aber über –

Sedlatschek: Ober aber über?

Wagenknecht: Ach nee, ich wollte nur sagen, über die andern Vorgesetzten darf man sich nich so ankternu ausdrücken, man sagt zum Oberleutnant nicht: Sie Herr Ober – das wäre doch 'ne Beleidigung. Na und ähnlich ist es mit dem Oberbombenwerfer.

Sedlatschek: Ich versteh – man muß also sagen: Herr Oberbombenwerfer, derf ich jetzt eine Bomben – oberwerfen?

Wagenknecht: Na meinswegen, wenn's dir Spaß macht – ihr Östreicher seid doch zu ulkje Kunden. Na, gestatte 'n Augenblickchen, ich will da nur austreten. (Er geht zu einem Anstandsort. Da er eben eintreten will, tritt Hans Müller heraus, geht auf den deutschen Wachtmeister zu und küßt ihn.)

Wagenknecht: Ja haste Worte, ja hörn Se mal, das ist ja recht liebenswürdich, ihr Wiener seid überhaupt 'n niedliches Völkchen, aber –

Hans Müller: Heißa, jeden Tag fällt mir das Wort Bismarcks ein: Unsre Leute sind zum Küssen, und so tu ichs denn. Potz Wetter! Ich kann nicht anders, wenn ich solch eines braven Jungen ansichtig werde. Ich schritt fürbaß, sinnend, wie jetzt manch wackern Sohnes das treue Mutterherz gedenken mag, da kamet ihr des Weges, ein Bürge des hehrsten Treubunds, der je zwei Völker zusammengeschmiedet, und wenn's euch nit verdrießt, Vetter, will ich gern einen Tropfen mit euch schmecken. Seht, hie, unfern, in dieser Schenke, die der Fremdsinn Bristol nennet, ist ein guter Tisch gedeckt, da winkt wohl auch ein leckeres Mahl und in munteren Gesprächen, doch stets der Weihestunde gedenk, soll uns die Zeit nimmer zu lange werden. Hei, ich hab einen guten Stecken und kann euch rüstig ausschreiten wie einer. Kommt, laßt uns der Geselligkeit pflegen, wollet ihr? Hab nit übel Lust, Kamerad, eins zu trinken, wie wärs, wollten wir selbander den roten Römer an die Sonne heben? Oder mögt einem Schoppen Gerstensaft zusprechen, ein gar bekömmlich Gebräu aus dem Böhmerland! Wird keinen blanken Taler kosten! Soll euch ein feines Kraut schmecken, das mir ein Ohm, ein rechter Knasterbart, übers große Wasser gesandt. Hei, wir paffen selbander und wenn die losen Kringeln steigen, dann mag wohl auch manch treugemuter Wunsch hinüberflattern zu den Braven, so itzt um unsers Herdes willen manch ungutem Feind die Stirn bieten und die uns fern sind, seit wir Händel gekriegt haben mit dem Welschen. Und ihr – waret ihr denn auch im Spittel? Seid bresthaft? Seid wohl gar blessiert? Wohlan! Sollt euch nach Herzenslust letzen. Doch lasset uns auch der Erbauung pflegen und die geruhige, vom leichten Ohngefähr uns geschenkte Stunde sei durch die Nachdenklichkeit gewürzt, wie sie traun dem Inhalt dieser erschröcklichen Historie, wohl aber auch den lenzlichen Tagen sonnigster Glückserwartung geziemen mag. Ei, ihr zögert? Wollet nicht? Seid gar mieselsüchtig? Possen! Hängt den Griesgram an die Wand, stellt ihn in die finsterste Ecke, wo alter Hausrat, zum Feste unnütz, sich versammelt hat! Topp, schlaget ein, ergreift die Bruderhand und lasset alle guten Geister eurer Lebenslust Kirchweih feiern! Wie? Schmollet ihr mit dem blauen Himmel? Pah, Grillen! Ein Brummbär, wer heut abseit weilen wollte, ein Gauch, wer Mißtrauen hegte gegen Freundeswort, ein Schalk, wer hinginge und den Kameraden in der Leute Mund brächte! Hol Dieser und Jener alle Ohrenbläser! Männiglich weiß, daß nun nicht Zeit ist, ein Sauertopf zu sein. Ihr seid kein Töriger. Seid ihr gleich kein Doktor, wir kämen doch selbander eine gute Strecke weit. Hei, werft nur getrost den Bengel hoch! (Ein Fiaker hält vor dem Hotel Bristol. Man hört eine Stimme: Im Kriag kriag i's Doppelte!) Ei, ihr verwundert euch drob? Nehmt's nit für krumm, des Landes Brauch ist's, der Wagenknecht ist ein Rauhbein und ein Erzschelm obendrein –

Wagenknecht: Nanu?

Hans Müller: – nehmts nit für ungut, er eifert ob des Entgelts, denn er tuts nicht um Gottes Lohn, solch fahrender Gesell kann beileibe nit genung fodern, und aus keinem anderen Titul als dem der Selbstsucht. Ei ein Handel, den's alle Tage gibt, kein grimmer Zwist behüte – er vermeint, der andere werde eh schon wissen, was die Schuldigkeit sei, der Fremdling versetzt, er wisse es nicht, wollt's aber gern erfahren, jener mög's dreist künden, der beteuert, er fodere nit mehr als rechtens und was halt die Satzung sei, der Fremdling, ohn Arg, fragt, was sie denn sei, jener, fürwitzig, rät, ihm zu zinsen, was er halt den andern zu zinsen pflag, und schilt weidlich auf die schlechten Zeiten, denn fürwahr der Haber jückt ihn mehr als seinen Gaul, sie feilschen munter ein Weil fort, doch jener zagt nicht und meint, daß sie keinen Schultheiß nit brauchen werden. Und siehe da, sie bringen die rauhe Sach friedlich zu Rande, der beut ein Zwiefaches, der, annoch kratzbürstig, verlangt den Zehnten obendrein, der zahlt, der gibt dem flinken Renner die Sporen und nennt jenen einen notigen Beutel. Wohlan! Ein jeglicher mag die Gelegenheit nutzen, wo die gute Stund ihm gnädig ist und Frau Klugheit führt allerwegen am sichersten. Wir sind nur die Hansnarren unsers Glücks, und ein Tor, wer nicht weiß, was gescheuter Leute Art ist. So auch ihr. Habt ihr nur Witz für einen Fastnachtsgroschen und seid nit auf den Mund gefallen, so wird sich Schritt vor Schritt mählich alles zu euerm Frommen wenden. (Eine Prostituierte geht vorbei und sagt: »Komm mit schwarzer Dokter, wir wollen sich gut amesieren.«) Mit nichten, hab itzt nit Muße. (zu Wagenknecht) Ei, ihr verwundert euch drob? So seht selbst zum Rechten und lasset euch das Fräulen zu willen sein. 's ist 'ne Hübschlerin, die euch ergetzen wird, denn ihr freies Gewerb ist's, der Wollust obzuliegen. Der Teufel hole alle Grillenfänger und mögt ihr immerhin nach eurem Ermessen handeln, doch schiene mir solcher Umgang der ernsten Zeitläufte nicht würdig. Fasset Mut zu euch selbst, und seid ihr auch nicht in höfischer Rede gewandt, nicht in den Künsten und Wissenschaften der Gerechtsame studieret, der gelahrten Schriften unkundig, ei, Handwerk hat einen goldenen Boden, und vor mir müsset ihr nicht zaghaft die Zunge hüten. Liegt euch Tand im Sinn, den ihr eurer Liebsten mitzubringen verspracht, einem artigen Bäslein oder sonst einem schmucken Ding, das ihr just nit heuern mögtet – sprecht frei von der Leber Sollt ihn haben, und wär's ein gülden Ringlein an den Finger, wird wohl den Hals nit kosten. Bange machen gilt nicht. Ich weiß euch einen Krämer, der um Gotteslohn schon manch wackern Krieger aus deutschen Gauen mit köstlicher Gabe von dannen ziehen ließ. Lasset euch darob kein Sorg nit anfechten. Gold ist traun ein höllisch Ding, das wohl verwahrt sein will, und Gevatter Traugott Feitel genüber wird euch baß zu Gefallen sein.

(Mendel Singer geht vorbei. Müller grüßt.)

Ei, ihr erkanntet ihn nicht? Potz, Meister Mendel wars, ein Singer lobesam und des Kaisers lustiger Rat! Nun aber wollt' ich schier meinen, daß ihr mit mir stracks zur Schenke müßt. Ist euch ein fürtrefflicher Wirt und Leutgeb, wird euch Speis und Trunk bereiten, die euch wohl Munden sollen. Kommt, Freund Zaghaft, laßt alle bösen Zweifel fahren und schlagt dem Teufel Trübsinn ein Schnippchen. Ist euch voller Listen und Nachstellungen und hängt euch wohl gar noch ein Zipperlein an. Steckt in allerlei Mumme und zwackt euch, wo ihr's euch nimmer verseht. Nun, Meister Ratlos, was steht ihr so blöde? Seh' ich aus wie einer, der Nücken im Kopfe hat? Oder wähnet ihr gar, mein Beutel sei leer? Hab' manchen Batzen bei Schaubühnen verdient und mit Kriegssängen mich tapfer durchgeschlagen! Bin kein Spielverderber, mein's euch gut und war auf eure Kurzweil bedacht, nicht, daß ihr bei hellem Tage Grillen fangen mögtet. Verschmähet ihr, weil ihr ein Reisiger seid, den Umgang eines armen Jungen, der daheim geblieben? Bin drum kein Drückeberger nit. Weiß euch manch tapferes Liedlein, das euch den Mut zu neuer Mannestat stählen soll. (Sieghart geht vorbei. Müller grüßt.) Ei, ihr erkanntet ihn nicht? Potz Schwerenot, Meister Sieghart wars, der Besten Einer, der von den Gewaffen Tantiemen bezieht – euch gesagt! Wohlan! Ein Schelm, wer mehr gibt als er hat, doch artiger Schnurren hab ich wohl ein Schock im Ränzel. Hum. Denkt ihr, daß ich auf Ränke sinne? Oder ich wär ein Schubbejack, der euch einen Schabernack spielen will, oder sonst ein müßiger Fant, der nur redt und schwatzt, um euch hinterdrein zu trügen? Ei der Daus! Seid nicht hanebüchen! Nicht doch! War mein Lebzeit kein Tuckmäuser und Leisetreter. Bin sonder Harm und obschon just kein Milchbart und Habenichts, so doch einer, der das Herz am rechten Fleck hat, sich der Sonne freut und im Übrigen unsern Herrgott einen guten Mann sein läßt. Denn ich bin wacker, in alle Sättel gerecht und ein quicker Jung. (Ein Mann bückt sich, um einen Zigarrenstummel aufzuheben.) Gott grüß euch Alter, schmeckt das Pfeifchen? (Fortfahrend) Auch üb ich immer Treu und Redlichkeit bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Ihr widersprecht vergebens. Laßt mich nur erst zu Worte kommen, dann sing ich euch eine eigne Weis, daß ihr schier vermeintet, ich spielt euch eins zur Fiedel auf. Seht, schon sinkt die Sonne über das Gelände, grüßt mit ihren letzten Strahlen die müden Schnitter, die hier ihres Weges ziehn, manch einer auch von fröhlichem Gejaide weidwund heimkehrend, ein jeglicher den Blick nach dem stillen Ziele gewandt, wo Haus und Herd, die treuliebende Gesponsin und die frohe Kinderschar seiner warten. Gar manche näht sich daheim die Finger wund, denkt frumb an Kriegers Ungemach in rauher Winterszeit und, der Pflicht ledig, den eigenen Tisch wohl zu bestellen, sorgt sie liebend für die weitere Sippe der Volksgenossen. Frauen und Mädchen an Vindobonas altem Nibelungenstrom, Gott grüße euch!

Wagenknecht (wie aus einer Betäubung erwachend zu Sedlatschek): Du, hör mal, Sedlatschek –

Sedlatschek (kommt herbei): Ja hörst, so lang brauchst –

Wagenknecht: Ach nee, ich wollte da austreten, kommt dir so'n Judenjunge und quatscht mir was vor –

Hans Müller (plötzlich verändert): Also das is vielleicht ein Verbrechen, daß ich Sie aus Sympathie für die Waffenbrüderschaft hab ins Bristol einladen wollen? Wer sind Sie? Glauben Sie, mir imponieren Sie? Spielt sich da auf! Worauf herauf! Ich wer' Ihnen nicht salutieren, das wern Sie nicht erleben, von mir nicht! Ich wollte mit Ihnen reden, weil ich für Sonntag ein Feuilleton über die Nibelungentreue schreiben soll – itzt können Sie lang warten! (Ab.)

Wagenknecht (erstaunt nachblickend): Nee, was es hier für Typen gibt in eurem lieben Wien! Der Mann sieht aus wie 'n Jude und quasselt 'n Dialekt wie anno Tobak, wo es noch jar keene Juden gegeben hat. Der Mann ist von der Presse und hat mich geküßt! Anstatt daß so 'ne fesche Wienerin es einem besorgt, muß man hier so was mitmachen. Menschenskind, und da frage ich, ob Warschau nicht zu teuer bezahlt ist!

Eine Zeitungsfrau: Extraausgabee –! Teitscha Bericht! Kroßa Sick da Vabündeteen!

Sedlatschek: Sixt es, hörst es, da hast eine fesche Wienerin!

(Verwandlung.)

26.Szene

Südwestfront. Ein Stützpunkt auf einer Höhe von mehr als dritthalbtausend Meter. Der Tisch ist mit Blumen und Trophäen geschmückt.

Der Beobachter: Sie kommen schon!

Die Schalek (an der Spitze einer Schar von Kriegsberichterstattern): Ich sehe, man hat feierliche Vorbereitungen zu unserem Empfange getroffen. Blumen! Die sind wohl den Herren Kollegen zugedacht, die Trophäen mir! Ich danke euch, meine Braven. Wir sind bis zu diesem Stützpunkt vorgestoßen, es ist nicht viel, aber immerhin. Man ist schon zufrieden, daß er wenigstens vom Feind eingesehen ist. Meinen großen Wunsch, einen exponierten Punkt besuchen zu dürfen, konnte der Kommandant leider nicht erfüllen, weil das den Feind aufregen könnte, sagt er.

Ein Standschütze (spuckt aus und sagt): Grüaß Gott.

Die Schalek: Gott wie intressant. Wie gemalt sitzt er da, wenn er kein Lebenszeichen gäbe, so müßte er von Defregger sein, was sag ich, von Egger-Lienz! Mir scheint, er hängt sogar ein schlau verstohlenes Zwinkern ins Auge. Der einfache Mann, wie er leibt und lebt! Laßt euch, ihr Braven, erzählen, was wir erlebt haben, bis wir zu euch vorgedrungen sind. Also die sonst so belebte Talstraße gehört unbestritten dem Kriegspressequartier. Oben auf dem Joch, da hab ich zum erstenmal etwas wie Genugtuung gefühlt beim Anblick der Verwandlung eines Dolomitenhotels in ein Militärquartier. Wo sind jetzt die geschminkten, spitzenumwogten Signoras, wo ist der welsche Hotelier? Spurlos verschwunden. Ah, das tut wohl! Der Offizier, der uns geführt hat, hat eine Weile überlegt, welche Spitze für uns wohl die geeignetste sei. Er schlug eine vor, die am wenigsten beschossen wird, damit waren natürlich die Herren Kollegen einverstanden, ich aber sagte: nein, da tu ich nicht mit; und so sind wir schließlich hier heraufgekommen. Das ist doch das mindeste. Beantworten Sie mir bitte jetzt nur die eine Frage: Wieso habe ich vor dem Kriege alle die prächtigen Gestalten niemals gesehen, denen ich nun täglich begegne? Der einfache Mann ist einfach eine Sehenswürdigkeit! In der Stadt – Gott wie fad! Hier ist jeder eine unvergeßliche Erscheinung. Wo ist der Offizier?

Der Offizier (von innen): Beschäftigt.

Die Schalek: Das macht nichts. (Er erscheint. Sie beginnt ihm die Einzelheiten förmlich aus dem herb verschlossenem Mund zu ziehen. Nachdem es geschehen ist, fragt sie:) Wo ist der Ausguck? Sie müssen doch einen Ausguck haben? Wo ich noch hingekommen bin, war in dem Graben des Beobachters zwischen den Moosdeckungen ein fünf Zentimeter breiter Ausguck für mich frei. Ach, hier ist er! (Sie stellt sich zum Ausguck.)

Der Offizier (schreiend): Ducken! (Die Schalek duckt sich.) Die drüben wissen ja nicht, wo wir Beobachter sitzen, ein Stück Nase kann uns verraten. (Die männlichen Mitglieder des Kriegspressequartiers greifen nach ihren Taschentüchern und halten sie vor.)

Die Schalek (beiseite): Feiglinge! (Die Batterie beginnt zu arbeiten.) Gott sei Dank, wir kommen gerade recht. Jetzt beginnt ein Schauspiel – also jetzt sagen Sie mir Herr Leutnant, ob eines Künstlers Kunst spannender, leidenschaftlicher dieses Schauspiel gestalten könnte. Jene, die daheim bleiben, mögen unentwegt den Krieg die Schmach des Jahrhunderts nennen – hab' ich's doch auch getan, solange ich im Hinterlande saß – jene, die dabei sind, werden aber vom Fieber des Erlebens gepackt. Nicht wahr Herr Leutnant, Sie stehen doch mitten im Krieg, geben Sie zu, manch einer von Ihnen will gar nicht, daß er ende!

Der Offizier: Nein, das will keiner. Darum will jeder, daß er ende.

(Man hört das Sausen von Geschossen: Ssss – –)

Die Schalek: Sss –! Das war eine Granate.

Der Offizier: Nein, das war ein Schrapnell. Das wissen Sie nicht?

Die Schalek: Es fällt Ihnen offenbar schwer, zu begreifen, daß für mich die Tonfarben noch nicht auseinanderstreben. Aber ich habe in der Zeit, die ich draußen bin, schon viel gelernt, ich werde auch das noch lernen. – Mir scheint, die Vorstellung ist zu Ende. Wie schade! Es war erstklassig.

Der Offizier: Sind Sie zufrieden?

Die Schalek: Wieso zufrieden? zufrieden ist gar kein Wort! Nennt es Vaterlandsliebe, ihr Idealisten; Feindeshaß, ihr Nationalen; nennt es Sport, ihr Modernen; Abenteuer, ihr Romantiker; nennt es Wonne der Kraft, ihr Seelenkenner – ich nenne es frei gewordenes Menschentum.

Der Offizier: Wie nennen Sie es?

Die Schalek: Frei gewordenes Menschentum.

Der Offizier: Ja wissen Sie, wenn man nur wenigstens alle heiligen Zeiten einmal einen Urlaub bekäme!

Die Schalek: Aber dafür sind Sie doch durch die stündliche Todesgefahr entschädigt, da erlebt man doch was! Wissen Sie, was mich am meisten intressiert? Was denken Sie sich, was für Empfindungen haben Sie? Es ist erstaunlich, wie leicht die Männer auf dritthalbtausend Meter Höhe nicht nur ohne die Hilfe von uns Frauen, sondern auch ohne uns selbst fertig werden.

Eine Ordonnanz (kommt): Melde gehorsamst, Herr Leutnant, Zugsführer Hofer ist tot.

Die Schalek: Wie einfach der einfache Mann das meldet! Er ist blaß wie ein weißes Tuch. Nennt es Vaterlandsliebe, Feindeshaß, Sport, Abenteuer oder Wonne der Kraft – ich nenne es frei gewordenes Menschentum. Ich bin vom Fieber des Erlebens gepackt! Herr Leutnant, also sagen Sie, was denken Sie sich jetzt, was für Empfindungen haben Sie?

(Verwandlung.)

27. Szene

Im Vatikan. Man hört die Stimme des betenden Benedikt.Benedikt – Benedikt XV., Papst von 1914 bis 1922. Die pausenlosen Friedensappelle des Papstes sind aber nur die halbe Wahrheit. KK hat in den Szenen Akt III, Szene 15 bis 17 sowie Akt V Szene 7 die Kriegspropaganda der evangelischen Kirche (weil damals noch Katholik) dargestellt. Es gibt aber keinen Zweifel, daß die katholischen Predigten vom gleichen Geiste waren. Die Kriegspredigten des Münchner Kardinals Faulhaber demonstrieren das sehr eindringlich. Man vergegenwärtige sich die perverse Situation: die deutschen Bischöfe segnen die deutschen Waffen, die französischen Bischöfe segnen die französischen Waffen und ihr Vorgesetzter, der Papst duldet das. Christen morden Christen. Gipfel der Heuchelei: Er prägt die Vokabel vom »Martyrium der Neutralität«. Nach seinem Tod wurde er als »Friedenspapst« bezeichnet und der Herr Ratzinger sieht sich als Fortführer seines Werkes

– Im heiligen Namen Gottes, unseres himmlischen Vaters und Herrn, um des gesegneten Blutes Jesu willen, welches der Preis der menschlichen Erlösung gewesen, beschwören wir Euch, die Ihr von der göttlichen Vorsehung zur Regierung der kriegführenden Nationen bestellt seid, diesem fürchterlichen Morden, das nunmehr seit einem Jahre Europa entehrt, endlich ein Ziel zu setzen. Es ist Bruderblut, das zu Lande und zur See vergossen wird. Die schönsten Gegenden Europas, dieses Gartens der Welt, sind mit Leichen und Ruinen besät. Ihr tragt vor Gott und den Menschen die entsetzliche Verantwortung für Frieden und Krieg. Höret auf unsere Bitte, auf die väterliche Stimme des Vikars des ewigen und höchsten Richters, dem Ihr werdet Rechenschaft ablegen müssen. Die Fülle der Reichtümer, mit denen Gott der Schöpfer die Euch unterstellten Länder ausgestattet hat, erlauben Euch gewiß die Fortsetzung des Kampfes. Aber um was für einen Preis? Darauf mögen die Tausende junger Menschenleben antworten, die alltäglich auf den Schlachtfeldern erlöschen – –

(Verwandlung.)

28. Szene

In der Redaktion. Man hört die Stimme des diktierenden Benedikt.

– Und die Fische, Hummern und Seespinnen der Adria haben lange keine so guten Zeiten gehabt wie jetzt. In der südlichen Adria speisten sie fast die ganze Bemannung des »Leon Gambetta«. Die Bewohner der mittleren Adria fanden Lebensunterhalt an jenen Italienern, die wir von dem Fahrzeug »Turbine« nicht mehr retten konnten, und in der nördlichen Adria wird den Meeresbewohnern der Tisch immer reichlicher gedeckt. Dem Unterseeboot »Medusa« und den zwei Torpedobooten hat sich jetzt der Panzerkreuzer »Amalfi« zugesellt. Die Musterkollektion der maritimen Ausbeute, die sich bisher auf das »maritime Kleinzeug« erstreckte, hat einen gewichtigen Zuwachs erhalten, und bitterer denn je muß die Adria sein, deren Grund sich immer mehr und mehr mit den geborstenen Leibern italienischer Schiffe bedeckt und über deren blaue Fluten der Verwesungshauch der gefallenen Befreier vom Karstplateau streicht – –

(Verwandlung.)

29. Szene

Der Optimist und der Nörgler im Gespräch.

Der Optimist: Sie können nicht leugnen, daß der Krieg, abgesehen von den guten Folgen für die, welche ständig dem Tod ins Auge blicken müssen, auch einen seelischen Aufschwung mit sich gebracht hat.

Der Nörgler: Ich beneide den Tod nicht darum, daß er sich jetzt von so vielen armen Teufeln ins Auge blicken lassen muß, die erst durch die allgemeine Galgenpflicht auf ein metaphysisches Niveau emporgezogen werden, abgesehen davon, daß es in den meisten Fällen mißlingt.

Der Optimist: Die Guten werden besser und die Schlechten gut. Der Krieg läutert.

Der Nörgler: Er nimmt den Guten den Glauben, wenn er ihnen nicht das Leben nimmt, und er macht die Schlechten schlechter. Die Kontraste des Friedens waren groß genug.

Der Optimist: Aber merken Sie nicht den seelischen Aufschwung des Hinterlands?

Der Nörgler: Was den seelischen Aufschwung des Hinterlands anlangt, so habe ich ihn bisher nicht anders gemerkt als den Straßenstaub, den die Kehrichtwalze aufwirbelt, damit er wieder zu Boden sinke.

Der Optimist: Es verändert sich also nichts?

Der Nörgler: Doch, aus Staub wird Dreck, weil auch der Spritzwagen noch hinterher geht.

Der Optimist: Sie glauben also nicht, daß sich seit dem Anfang August, da sie ausgezogen sind, etwas gebessert hat?

Der Nörgler: Anfang August, ja das war der Ausziehtermin, als man der Menschheit die Ehre gekündigt hatte. Sie hätte ihn vor dem Weltgericht anfechten sollen.

Der Optimist: Wollen Sie etwa die Begeisterung, mit der unsere braven Soldaten ins Feld ziehen, und den Stolz, mit dem die Daheimbleibenden ihnen nachblicken, in Abrede stellen?

Der Nörgler: Gewiß nicht; nur behaupten, daß die braven Soldaten lieber mit den stolz Nachblickenden tauschen würden als die stolz Nachblickenden mit den braven Soldaten.

Der Optimist: Wollen Sie die große Solidarität in Abrede stellen, die der Krieg wie mit einem Zauberschlage hergestellt hat?

Der Nörgler: Die Solidarität wäre noch größer, wenn keiner hinausziehen müßte und alle stolz nachblicken dürften.

Der Optimist: Der deutsche Kaiser hat gesagt: Es gibt keine Parteien mehr, es gibt nur noch Deutsche.

Der Nörgler: Das mag für Deutschland richtig sein, anderswo haben die Menschen vielleicht doch einen noch höheren Ehrgeiz.

Der Optimist: Wieso?

Der Nörgler: Es versteht sich schon nach der Nationalität, daß sie anderswo keine Deutschen sind.

Der Optimist: Wer hat wie Sie die Menschheit im Frieden faulen gesehn?

Der Nörgler: Sie trägt ihre Fäulnis in den Krieg, sie steckt den Krieg mit ihr an, sie läßt ihn an ihr verkommen und sie wird sie unversehrt und vermehrt hinüber in den Frieden retten. Ehe der Arzt die Pest heilt, hat sie ihn und den Patienten umgebracht.

Der Optimist: Ja, aber ist denn für eine so geartete Menschheit der Krieg nicht besser als der Friede?

Der Nörgler: Ist es so, so kommt der Friede hintennach.

Der Optimist: Ich würde doch glauben, daß der Krieg dem Übel ein Ende macht.

Der Nörgler: Er setzt es fort.

Der Optimist: Der Krieg als solcher?

Der Nörgler: Der Krieg als dieser. Er wirkt aus den Verfallsbedingungen der Zeit, mit ihren Bazillen sind seine Bomben gefüllt.

Der Optimist: Aber es gibt doch wenigstens wieder ein Ideal. Ist es da mit dem Übel nicht vorbei?

Der Nörgler: Das Übel gedeiht hinter dem Ideal am besten.

Der Optimist: Aber die Beispiele von Opfermut müssen doch fortwirken über den Krieg hinaus.

Der Nörgler: Das Übel wirkt durch den Krieg und über ihn fort, es mästet sich am Opfer.

Der Optimist: Sie unterschätzen die sittlichen Kräfte, die der Krieg in Bewegung setzt.

Der Nörgler: Das sei fern von mir. Viele, die jetzt sterben müssen, dürfen zwar auch morden, sind aber jedenfalls der Möglichkeit, zu wuchern, enthoben. Nur daß sich für diesen Ausfall die andern, die ihnen stolz nachblicken, entschädigen können. Die dort sind die superarbitrierten Sünder; die hier rücken frisch ein.

Der Optimist: Sie verwechseln eine Oberflächenerscheinung, wie sie die korrupte Großstadt bietet, mit dem gesunden Kern.

Der Nörgler: Die Bestimmung des gesunden Kerns ist, Oberflächenerscheinung zu werden. Die Richtung der Kulturtendenz führt zur Welt als Großstadt. Im Handumdrehn können Sie aus einem westfälischen Bauern einen Berliner Schieber machen, umgekehrt gehts nicht und zurück ginge es auch nicht mehr.

Der Optimist: Aber die Idee, für die gekämpft wird, bedeutet doch eben dadurch, daß wieder eine Idee da ist und daß man sogar für sie sterben kann, die Möglichkeit einer Gesundung.

Der Nörgler: Man kann sogar für sie sterben und wird trotzdem nicht gesund. Man stirbt eben nicht für sie, sondern an ihr. Und man stirbt an ihr, ob man für sie lebt oder stirbt, in Krieg und Frieden. Denn man lebt von ihr.

Der Optimist: Das ist ein Wortspiel. Welche Idee haben Sie im Auge?

Der Nörgler. Die Idee, für die das Volk stirbt, ohne sie zu haben, ohne etwas von ihr zu haben, und an der das Volk stirbt, ohne es zu wissen. Die Idee der kapitalistischen, also jüdisch-christlichen Weltzerstörung, die im Bewußtsein jener liegt, die nicht kämpfen, sondern für die Idee und von ihr leben und wenn sie nicht unsterblich sind, an Fettsucht oder Zuckerkrankheit sterben.

Der Optimist: Wenn also nur für eine solche Idee gekämpft wird, wer würde dann siegen?

Der Nörgler: Hoffentlich nicht jene Kultur, die sich am willigsten der Idee überlassen hat, deren Durchsetzung von eben der Macht-Organisation abhängt, zu welcher diese Idee ausschließlich fähig war.

Der Optimist: Ich verstehe. Die andern, die Feinde, würden dann also für eine andere Idee kämpfen?

Der Nörgler: Hoffentlich. Nämlich für eine Idee. Nämlich für die, die europäische Kultur von dem Druck jener Idee zu befreien. Sich selbst zu befreien, sich selbst auf dem Weg, auf dem die Gefahr gespürt wird, zur Umkehr zu bringen.

Der Optimist: Und Sie glauben, daß dergleichen den Staatsmännern der feindlichen Mächte bewußt ist, die doch gerade in offenkundiger Weise Handelsinteressen vertreten und als die Partei des händlerischen Neides vor der Weltgeschichte gezeichnet sind?

Der Nörgler: Die Weltgeschichte erscheint bei uns täglich zweimal, also zu oft, um sich die nötige Autorität bei der Entente zu verschaffen. Nein, bewußt ist den Staatsmännern nie eine Idee, aber in dem Instinkt der Völker lebt sie so lange, bis sie sich eines Tages in einer staatsmännischen Handlung manifestiert, die dann ein ganz anderes Gesicht, ein ganz anderes Motiv hat. Man sollte sich allmählich gewöhnen, das, was man britischen Neid, französische Revanchesucht und russische Raubgier nennt, als eine Aversion gegen den ehernen Tritt deutscher Schweißfüße aufzufassen.

Der Optimist: Sie glauben also nicht, daß es sich einfach um einen planmäßigen Überfall handelt?

Der Nörgler: Doch.

Der Optimist: Also wie –?

Der Nörgler: Ein Überfall geschieht in der Regel gegen den, der überfallen wird, seltener gegen den, der überfällt. Oder nennen wir es einen Überfall, der für den Überfallenden etwas überraschend kam, und einen Akt der Notwehr, der den Überfallenden ein wenig überrumpelt hat.

Der Optimist: Sie belieben zu scherzen.

Der Nörgler: Im Ernst halte ich diesen europäischen Zusammenschluß gegen Mitteleuropa für die letzte elementare Tatsache, deren die christliche Zivilisation fähig war.

Der Optimist: Sie sind also offenbar der Ansicht, daß nicht Mitteleuropa, sondern die Entente im Zustand der Notwehr gehandelt hat. Wenn sie aber, wie sich zeigt, nicht fähig ist, diese Notwehr eines Überfalls erfolgreich durchzuführen?

Der Nörgler: Dann würde dieser Händlerkrieg vorläufig zu Gunsten jener entschieden werden, die weniger Religion hatten, um nach hundert Jahren in einen offenen Religionskrieg überzugehen.

Der Optimist: Wie meinen Sie das?

Der Nörgler: Ich meine, daß dann das judaisierte Christentum Europas vor dem Gebot des asiatischen Geistes die Waffen strecken wird.

Der Optimist: Und mit welchen Waffen würde der asiatische Geist das erzwingen?

Der Nörgler: Mit Waffen. Mit eben der Idee der Quantität und der entwickelten Technik, mit der allein der Idee, dem infernalischen Geist Mitteleuropas beizukommen ist. Die Quantität hat China schon, die andere Waffe wird es sich noch zulegen. Es wird für rechtzeitige Japanisierung sorgen. Es wird so verfahren wie heute in kleinerem Maße England, das sich den Militarismus anschaffen muß, um mit ihm fertig zu werden.

Der Optimist: Aber es wird ja mit ihm nicht fertig.

Der Nörgler: Ich hoffe, doch. Und: daß es nicht selbst fertig würde, wenn es den Militarismus bekäme; und daß es nicht mit geistiger Verarmung einen materiellen Sieg erkaufe. Sonst würde Europa verdeutscht. Der Militarismus ist vielleicht ein Zustand, durch den ein europäisches Volk besiegt wird, nachdem es durch ihn gesiegt hat. Die Deutschen haben sich als erste aufgeben müssen, um das erste Militärvolk der Erde zu sein. Möge es den andern nicht ähnlich ergehen, zumal den Engländern, die ein edlerer Selbsterhaltungstrieb bisher vor der allgemeinen Wehrpflicht bewahrt hat. Die jetzige Notwehr, die den allgemeinen Zwang herbeiruft, ist nicht nur ein verzweifelter, sondern auch ein zweifelhafter Versuch. England könnte zugleich mit Deutschland sich selbst besiegen. Die einzige Rasse, die stark genug ist, das technische Leben zu überdauern, lebt nicht in Europa. So sehe ich es manchmal. Gebe der Christengott, daß es anders kommt!

Der Optimist: Aha, Ihre Chinesen; die kriegsuntüchtigste Rasse!

Der Nörgler: Gewiß, sie lassen heute alle Errungenschaften der Neuzeit vermissen, denn sie haben sie vielleicht in einer uns unbekannten Vorzeit schon durchgemacht und ihr Leben daraus gerettet. Sie werden sie spielend wieder erringen, sobald sie sie brauchen werden, um sie den Europäern abzugewöhnen. Sie werden auch Firlefanz treiben: aber zu einem moralischen Zwecke. Das nenne ich einen Religionskrieg, der eine Art hat.

Der Optimist: Welcher Idee verhilft er zum Siege?

Der Nörgler: Der Idee, daß Gott den Menschen nicht als Konsumenten oder Produzenten erschaffen hat, sondern als Menschen. Daß das Lebensmittel nicht Lebenszweck sei. Daß der Magen dem Kopf nicht über den Kopf wachse. Daß das Leben nicht in der Ausschließlichkeit der Erwerbsinteressen begründet sei. Daß der Mensch in die Zeit gesetzt sei, um Zeit zu haben und nicht mit den Beinen irgendwo schneller anzulangen als mit dem Herzen.

Der Optimist: Das ist Urchristentum.

Der Nörgler: Christentum ist es nicht, denn dieses war nicht widerstandsfähig vor der Rache Jehovahs. Seine Verheißung zu schwach, um den irdischen Heißhunger vertrösten zu können, der sich für die himmlische Entschädigung schon hienieden entschädigt. Denn diese Art Menschheit ißt nicht um zu leben, sondern lebt um zu essen und stirbt nun gar dafür. Freudenhaus und Schlachthaus und im Hintergrund die Kapelle, in der ein vereinsamter Papst die Hände ringt.

Der Optimist: Also mit einem Wort, die Idee ist der Kampf gegen den Materialismus.

Der Nörgler: Also mit einem Wort: die Idee.

Der Optimist: Aber ist denn nicht der deutsche Militarismus gerade jene konservative Einrichtung, die den von Ihnen verachteten Tendenzen der modernen Welt entgegensteht? Ich wundere mich, daß ein konservativer Denker gegen den Militarismus spricht.

Der Nörgler: Ich wundere mich gar nicht, daß ein Fortschrittsmann für den Militarismus spricht. Sie haben ganz recht: denn der Militarismus ist nicht das was ich meine, sondern das was Sie meinen. Er ist das Machtmittel, das der jeweils herrschenden Geistesrichtung zu ihrer Durchsetzung dient. Heute dient er, nicht anders als ihr die Presse dient, der Idee jüdisch-kapitalistischer Weltzerstörung.

Der Optimist: Aber in den Äußerungen der feindlichen Mächte ist von nichts anderm die Rede als daß sie die Freiheit gegen die Autokratie schützen wollen.

Der Nörgler: Das ist jetzt das nämliche. Was im Instinkt der Menschheit, auch der unfreiesten, lebt, ist die Sehnsucht, die Freiheit des Geistes gegen die Diktatur des Geldes, die Menschenwürde gegen die Autokratie des Erwerbs zu schützen. Der Militarismus ist das Machtmittel dieser Diktatur, anstatt daß er innerhalb des Staates zum Werkzeug gegen sie verwendet würde, zu dem er von Natur geschaffen ist. Seitdem die todbringende Waffe ein Industrieprodukt ist, kehrt sie sich gegen die Menschheit, und der Berufssoldat weiß nicht mehr, welcher Bestrebungen Werkzeug er ist. Auch Rußland kämpft gegen die Autokratie. Aus einem letzten kulturellen Instinkt heraus wehrt es sich gegen die dem Geist und der Menschenwürde gefährlichste Macht, gegen jene Überredung, der die prinzipielle Unterworfenheit des christlichen Gedankens am leichtesten und zum heillosesten Pakte unterliegt.

Der Optimist: Sollten aber die heterogenen Völker, die zu diesem Krieg zusammengetrommelt wurden, eben diese eine gemeinsame Sehnsucht haben? Die russische Autokratie und die westliche Demokratie?

Der Nörgler: Eben diese Antithese beweist die tiefere Gemeinsamkeit, die über das politische Ziel hinausgreift. Und daß selbst die Kontraste zusammengehen, beweist, daß die schlechte Politik Deutschlands, diese Ohnmacht gegen diplomatische Schulregeln, der Ausdruck einer Entwicklungsnotwendigkeit war.

Der Optimist: Aber das Gemenge dieser Verbündeten ist doch allzu bunt.

Der Nörgler: Die Mischung beweist die Echtheit des Hasses.

Der Optimist: Aber der Haß gebraucht die falschesten Argumente.

Der Nörgler: Das tut der Haß immer, doch seine falschen Argumente sind ein Beweis für die Wahrheit seines Instinkts.

Der Optimist: So hätten also die Deutschen es nötig, aus den Reichen der Lüge sich kulturelle Auffrischung zu holen?

Der Nörgler: Nötig wohl, aber ein Sieg würde es ihnen überflüssig erscheinen lassen. Sie würden von ihren bedenklichsten Wahrheiten nicht zu heilen sein. Denn es ist immerhin fraglich, ob nicht die »Lügen des Auslands«, vorausgesetzt, daß nicht auch sie made in Germany sind, mehr Lebenssaft enthalten als eine Wahrheit des Wolff'schen Büros. Bei jenen kann man die Lüge, die einem Naturell entspringt, von der Wahrheit, die einer Einsicht entspringt, unterscheiden; hier sagen sie selbst die Wahrheit wie gedruckt und alles entspringt dem Papier. Ist die Lüge in romanischen Ländern ein Rausch, so ist sie hier eine Wissenschaft und darum dem Organismus gefährlich. Die dort sind Künstler der Lüge, sie glauben selbst nicht daran, sie wollen sie aber hören, weil ihnen die Lüge deutlicher sagt, was sie empfinden: ihre Wahrheit. Die hier lügen um kein Wort mehr als für den zu erreichenden Zweck unbedingt notwendig ist; sie sind Ingenieure der Lüge, sie sichern durch sie ihre Kriegs- und Lebenslüge.

Der Optimist: Die Vorwürfe, daß die deutsche Kriegführung barbarisch sei, sind doch zu albern.

Der Nörgler: Nehmen wir mit Gott an, die deutsche Kriegführung sei bis auf etliche nur als Repressalien angewandte Maßnahmen, die zufällig immer die Zivilbevölkerung treffen, und bis auf Fälle wie den der Lusitania, die der Biedersinn »Zwischenfälle« nennt, nicht barbarischer als die Kriegführung der andern. Aber wenn die andern sagen, die deutsche Kriegführung sei barbarisch, so fühlen sie doch mit Recht, daß die deutsche Friedensführung barbarisch ist. Und das muß sie gewesen sein, da sie sonst nicht seit Generationen auf dem Gedanken aufgebaut gewesen wäre, die deutsche Kriegführung vorzubereiten.

Der Optimist: Aber die Deutschen sind schließlich doch auch das Volk der Dichter und Denker. Widerspricht nicht die deutsche Bildung dem von Ihnen behaupteten Materialismus?

Der Nörgler: Die deutsche Bildung ist kein Inhalt, sondern ein Schmückedeinheim, mit dem sich das Volk der Richter und Henker seine Leere ornamentiert.

Der Optimist: Das Volk der Richter und Henker? So nennen Sie die Deutschen? Das Volk Goethes und Schopenhauers?

Der Nörgler: So kann es sich selbst nennen, weil es gebildet ist, aber es müßte dafür von Rechtswegen nach seinem populärsten Strafparagraphen, nämlich wegen groben Unfugs, vom Weltgericht abgeurteilt werden.

Der Optimist: Warum denn?

Der Nörgler: Weil Goethe und Schopenhauer gegen den heutigen Zustand des deutschen Volkes mit mehr Berechtigung alles das vorbrächten, was sie gegen ihre deutsche Zeitgenossenschaft auf dem Herzen hatten, und mit mehr Schärfe als der »Matin« Sie müßten heute froh sein, wenn es ihnen glückte, als lästige Inländer über die Grenze zu kommen. Goethe hat schon dem aufgeschwungenen Zustand, in dem sich sein Volk während des Befreiungskrieges befand, nichts als das Gefühl der Leere abgewinnen können, und die deutsche Umgangs- und Zeitungssprache könnte Gott danken, wenn sie heute noch auf dem Niveau wäre, auf dem Schopenhauer sie verächtlich gefunden hat. Kein Volk lebt entfernter von seiner Sprache, also von der Quelle seines Lebens, als die Deutschen. Welcher neapolitanische Bettler stünde seiner Sprache nicht näher, als der deutsche Professor der seinen! Ja, aber gebildet ist dieses Volk wie kein andres und weil seine Doktoren ohne Ausnahme, das heißt, wenn sie nicht in einem Pressequartier unterkommen, mit Gasbomben hantieren, macht es gleich seine Feldherrn zu Doktoren. Was hätte Schopenhauer zu einer philosophischen Fakultät gesagt, die ihre höchste Ehre an einen Organisator des Maschinentods vergibt? Gebildet sind sie, das muß ihnen der britische Neid lassen, und wissen Bescheid von allem. Ihre Sprache dient eben noch dem Zweck, Bescheid zu sagen. Dieses Volk schreibt heute das abgestutzte Volapük des Weltkommis und wenn es die Iphigenie nicht zufällig ins Esperanto rettet, so überläßt es das Wort seiner Klassiker der schonungslosen Barbarei aller Nachdrucker und entschädigt sich in einer Zeit, in der kein Mensch mehr das Schicksal des Wortes ahnt und erlebt, durch Luxusdrucke, Bibliophilie und ähnliche Unzucht eines Ästhetizismus, die ein so echtes Stigma des Barbarentums ist wie das Bombardement einer Kathedrale.

Der Optimist: Aha, aber die Kathedrale von Reims war ein militärischer Beobachtungsposten!

Der Nörgler: Interessiert mich nicht. Die Menschheit selbst ist ein militärischer Beobachtungsposten – ich wollte, sie würde von Kathedralen beschossen.

Der Optimist: Aber das mit der deutschen Sprache verstehe ich nicht ganz. Sie sind der, der mit der deutschen Sprache förmlich verlobt tut und ihr in der Schrift gegen den Heineismus den Vorzug vor den romanischen Sprachen zuerkannt hat. Jetzt denken Sie offenbar anders.

Der Nörgler: Daß ich jetzt anders denke, kann nur ein Deutscher finden. Eben ich denke so, weil ich mit ihr verlobt bin. Ich bin ihr auch treu. Und ich weiß, wie dieser Krieg es bestätigen wird und wie ein Sieg, vor dem Gott uns bewahren möge, der vollkommenste Verrat am Geiste wäre.

Der Optimist: Sie sehen doch aber die deutsche Sprache als die tiefere?

Der Nörgler: Aber tief unter ihr den deutschen Sprecher.

Der Optimist: Und die andern Sprachen stehn doch nach Ihrer Ansicht tief unter der deutschen?

Der Nörgler: Aber die andern Sprecher höher.

Der Optimist: Sind Sie denn in der Lage, einen faßbaren Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Krieg herzustellen?

Der Nörgler: Etwa den: daß jene Sprache, die am meisten zu Phrase und Vorrat erstarrt ist, auch den Hang und die Bereitschaft hat, mit dem Tonfall der Überzeugung alles das an sich selbst untadelig zu finden, was dem andern zum Vorwurf gereicht.

Der Optimist: Und das sollte eine Qualität der deutschen Sprache sein?

Der Nörgler: Hauptsächlich. Sie ist heute selbst jene Fertigware, die an den Mann zu bringen den Lebensinhalt ihrer heutigen Sprecher ausmacht, und sie hat nur noch die Seele des Biedermannes, der gar keine Zeit hatte, eine Schlechtigkeit zu begehen, weil sein Leben nur auf sein Geschäft auf- und draufgeht und wenns nicht gereicht hat, ein offenes Konto bleibt.

Der Optimist: Sollten diese Gedanken nicht weit hergeholt sein?

Der Nörgler: Von dem Fernsten, von der Sprache.

Der Optimist: Und suchen die andern kein Geschäft?

Der Nörgler: Aber ihr Leben geht nicht drauf auf.

Der Optimist: Die Engländer machen mit dem Krieg ein Geschäft und ließen auch stets nur Söldner für sich kämpfen.

Der Nörgler: Die Engländer sind eben keine Idealisten, sie wollen für ihr Geschäft nicht ihr Leben einsetzen.

Der Optimist: Söldner kommt unmittelbar von Sold, da haben Sie Ihre Sprache!

Der Nörgler: Ein klarer Fall. Aber Soldat noch unmittelbarer. Der Unterschied ist freilich, daß der Soldat weniger Sold und mehr Ehre bekommt, wenn er fürs Vaterland sterben geht.

Der Optimist: Aber unsere Soldaten kämpfen doch eben fürs Vaterland.

Der Nörgler: Ja, das tun sie wirklich, und zum Glück aus Begeisterung, weil sie sonst dazu gezwungen wären. Die Engländer sind keine Idealisten. Sie sind vielmehr so sauber, wenn sie ein Geschäft machen wollen, es nicht Vaterland zu nennen, sie sollen gar kein Wort in ihrer Sprache dafür haben, sie lassen die Ideale in Ruhe, wenn der Export in Gefahr ist.

Der Optimist: Sie sind Händler.

Der Nörgler: Wir sind Helden.

Der Optimist: Ja, aber Sie sagen doch wieder, daß die Engländer mit allen andern zusammen für ein Ideal kämpfen?

Der Nörgler: Ich sage, daß sie es unter den realsten Vorwänden zu tun imstande sind, während wir unter den idealsten Vorwänden auf ein Geschäft ausgehen.

Der Optimist: Halten Sie es für ein Ideal, die Deutschen an einem Geschäft zu hindern?

Der Nörgler: Gewiß, eben das, was wir für Konkurrenzneid halten. In Wahrheit ist es das Wissen, wem eine Ausdehnung des Etablissements kulturell bekömmlich ist und wem nicht. Es gibt Völker, die nicht zu viel essen dürfen, weil sie eine schlechte kulturelle Verdauung haben. Das spürt die Nachbarschaft im Nu und peinlicher als sie selbst. Welthandel würde den deutschen Geist, von dem die deutsche Bildung schon längst nichts mehr weiß, für alle Zeit isolieren. Aber um mit der Welt in geistiger Verbindung zu bleiben, dazu ist Exportvermehrung keineswegs förderlich. Den Engländern steht dergleichen zu, ohne der dürftigen Seele, die wir an ihnen wahrzunehmen glauben, Abbruch zu tun. Sie können sich das Notwendige wie den Luxus des Ornaments ohne Gefahr leisten und vertragen den Betrieb so gut wie die Monarchie. Im deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll, geht alles Heterogene sofort eine heillose Verbindung ein. Jene haben Kultur, weil sie das bißchen Innerlichkeit von den Problemen des Konsums streng zu separieren wissen. Sie wollen von keinem Schmutzkonkurrenten gezwungen sein, länger als sechs Stunden zu arbeiten, um den Rest des Tags jenen Beschäftigungen vorzubehalten, für die Gott den Briten erschaffen hat: Gott oder Sport, wobei die Beschäftigung mit Gott selbst dann eine innere Angelegenheit wäre, wenn sie nur Heuchelei wäre, weil sie immerhin ein Gedanke ist, der von dem Tagwerk weitab führt. Und darauf kommt es an. Während der Deutsche vierundzwanzig Stunden im Tag arbeitet und die seelischen, geistigen, künstlerischen und sonstigen Verpflichtungen, die er durch diese Einteilung vernachlässigen würde, innerhalb der Arbeit absolviert, indem er ihren bezüglichen Inhalt gleich als Ornament, als Warenmarke, als Aufmachung verwendet. Er will nichts versäumen. Und diese Vermischung der inneren Dinge mit den Lebensnotwendigkeiten, diese Einstellung des Lebensmittels als Lebenszweck und gleichzeitige Verwendung des Lebenszwecks im Dienste des Lebensmittels, wie etwa der »Kunst im Dienste des Kaufmanns« – dies ist das unselige Element, in welchem das deutsche Ingenium floriert und verwelkt. Dies und nichts anderes, der fluchwürdige Geist ewiger Verbindung, Umstülpung, Aufmachung ist das Problem des Weltkriegs. Wir sind Händler und Helden in einer Firma.

Der Optimist: Das Problem des Weltkrieges ist bekanntlich, daß Deutschland seinen Platz an der Sonne haben wollte.

Der Nörgler: Das ist bekannt, aber man weiß noch nicht, daß wenn dieser Platz erobert wäre, die Sonne untergehn würde. Worauf freilich die Norddeutsche Allgemeine die Antwort hätte, daß wir dann im Schatten kämpfen würden. Und zwar bis zum siegreichen Ende und darüber hinaus.

Der Optimist: Sie sind ein Nörgler.

Der Nörgler: Ich bin es, wiewohl ich gern zugebe, daß Sie ein Optimist sind.

Der Optimist: Waren Sie nicht einer, der ehedem der deutschen Organisation ein Loblied gesungen und sie wenigstens im Vergleich zur romanischen Wildnis begünstigt hat?

Der Nörgler: Ehedem und noch jetzt. Die deutsche Organisation – nehmen wir selbst an, sie hielte dem fessellosen Krieg stand – ist ein Talent und wie jedes Talent welt- und zeitläufig. Es ist praktisch, subaltern und dient der Persönlichkeit, die sich seiner bedient, besser als die zerfahrene Umgebung, in der auch der subalterne Mensch Persönlichkeit hat. Wie sehr muß aber ein Volk sich seiner Persönlichkeit entäußert haben, um zu der Fähigkeit zu gelangen, so glatt die Bahn des äußeren Lebens zu bestellen! Ein Kompliment war diese Anerkennung nie, und bei der Entscheidung zwischen Menschheitswerten, zu der vor dem Krieg kein Aufruf erfolgt war, hat das nervöse Bedürfnis des Individualitätsmenschen nicht mehr mitzureden. Er durfte in einem schlechten Leben und zumal in dem Chaos, in das dieses schlechte Leben gar hierzulande verdammt ist, sich nach Ordnung sehnen; er durfte in diesem Notstand die Technik als Pontonbrücke benützen, um zu sich selbst zu gelangen; er war es zufrieden, daß die Menschheit um ihn herum nur noch aus Chauffeuren bestand, denen er getrost auch allerlei Stimmrecht entzogen hätte. Jetzt geht es um die Persönlichkeit der Völker.

Der Optimist: Und welche siegt?

Der Nörgler: Als Nörgler bin ich verpflichtet, schwarz zu sehen und zu fürchten, daß jene siegt, die am wenigsten Individualität bewahrt hat, also die deutsche. Innerhalb der geistigen Grenzen des europäischen Christentums sehe ich das, in schwarzen Stunden, so verlaufen. Die seelische Aushungerung kommt hintennach.

Der Optimist: Dies das Resultat des Weltkriegs?

Der Nörgler: Des europäischen Kriegs, und bis zu der Entscheidung, die der wahre Weltkrieg gegen das im Geist geeinte Europa bringen würde. Der slavo-romanische, von Hilfsvölkern unterstützte Aufstand bleibt eine Episode, bis ganz Europa genügend deutsche Moral, Stinkbomben und allgemeine Wehrpflicht hat, um von Asien mores gelehrt zu werden. So fürchte ich manchmal. Doch zumeist bin ich ein Optimist und ein ganz anderer als Sie. Darin hoffe ich zuversichtlich, daß es gut ausgehn wird, und sehe, daß diese ganze Siegerei nichts ist als ein frevIer Zeit- und Blutverlust zur Fristerstreckung der unabwendbaren Niederlage.

Der Optimist: Seien Sie vorsichtig!

Der Nörgler: Ich sage es ja nur Ihnen und öffentlich. Sie sagen es nicht weiter, und meinen Stil versteht der Henker nicht. Ich würde gern deutlicher werden. Aber ich lasse die Preußen aufs Ganze gehn und denke mir meinen Teil.

Der Optimist: Aber Sie widersprechen sich auch in dem, was Sie für sich behalten.

Der Nörgler: Das ist doch kein Widerspruch, daß ich unsern Sieg fürchte und auf unsere Niederlage hoffe.

Der Optimist: Und es besteht also auch kein Widerspruch zwischen Ihrem Lob des deutschen Wesens und Ihrem Tadel?

Der Nörgler: Nein, es besteht kein Widerspruch zwischen dem Lob einer Zivilisation, die das äußere Leben reibungslos macht, Straßendreck durch Asphalt ersetzt und der ergänzungswilligen Phantasie Schemen statt einer wertlosen Wesenhaftigkeit liefert, und dem Tadel einer Kultur, die sich eben um dieser Reibungslosigkeit, Promptheit und Geschicklichkeit willen verflüchtigt hat. Es ist kein Widerspruch, sondern eine Tautologie. Ich fühlte mich in einer allgemeinen Mißwelt am wohlsten dort, wo sie geordnet ist und die Gesellschaft entleert genug, um mir eine Komparserie zu stellen, in der einer wie der andere aussieht und darum das Gedächtnis nicht mit Physiognomien belastet wird. Aber ich wünsche nicht, daß es der Zustand der Menschheit sei, ich bin weit entfernt davon, meine Bequemlichkeit über das Glücksbedürfnis der Nation zu setzen, und halte es für verfehlt, wenn diese selbst sich wie ein Bataillon Aschingerbrötchen aufreiben läßt.

Der Optimist: So klären Sie mir auch den Widerspruch auf, daß sie den militärischen Typus für den relativ saubersten im Staatsleben gehalten haben.

Der Nörgler: Das ist so wenig ein Widerspruch wie der andere einer ist. Der militärische Typus war unter allen vorrätigen Typen der Mittelmäßigkeit im Chaos einer Friedenswelt der brauchbarste. Dienst ist die Schranke der zügellosen Unbedeutung. Uucht, Pflichterfüllung um ihrer selbst willen ist der Anstand der Banalität. Dies als Augenmaß für das Gesichtsfeld eines Geldbürgertums. Sogar der Jobber, der einmal dienen muß, anstatt zu gebieten, kommt mit einem bessern, weniger störenden, fettlosen Habitus zurück.

Der Optimist: Das wäre ja beileibe ein Lob des Kriegs.

Der Nörgler: Nein, nur der Strapaz. Bei Leibe! Der Tod hebt den erreichten Gewinn wieder auf.

Der Optimist: Das ist wahr. Aber wenn die Jobber sterben, so muß Ihnen das doch recht sein.

Der Nörgler: Die Jobber sterben nicht. Und vor allem macht der angemaßte Todesglanz den Wert der Turnübung wett. Das Heldentum der Unbefugten ist die schaurigste Aussicht dieses Kriegs. Es wird dereinst der Hintergrund sein, auf dem sich die vermehrte oder unveränderte Niedrigkeit malerischer und vorteilhafter abhebt.

Der Optimist: Aber es wird doch wirklich gestorben. Beachten Sie die tägliche Zeitungsrubrik »Heldentod«.

Der Nörgler: Gewiß, es ist dieselbe Rubrik, in der früher die Verleihung des Kommerzialratstitels gemeldet wurde. Aber dieser traurige Zufall eines Granatsplitters wird auch den überlebenden Vertretern der kommerziellen Interessen, für die jene gestorben sind, eine Aureole verschaffen.

Der Optimist: Sie meinen die, die daheimgeblieben sind?

Der Nörgler: Ja, diese werden sich für den Zwang, dem jene erlegen sind, entschädigen, für den Zwang im Dienst einer fremden Idee sterben zu müssen, der da allgemeine Wehrpflicht heißt.

Der Optimist: Diesem Übermut werden die heimkehrenden Krieger schon zu begegnen wissen.

Der Nörgler: Die heimkehrenden Krieger werden in das Hinterland einbrechen und dort den Krieg erst beginnen. Sie werden die Erfolge, die ihnen versagt waren, an sich reißen und der Lebensinhalt des Kriegs, den Mord, Plünderung und Schändung bilden, wird ein Kinderspiel sein gegen den Frieden, der nun ausbrechen wird. Vor der Offensive, die dann bevorsteht, bewahre uns der Schlachtengott! Eine furchtbare Aktivität, aus Schützengräben befreit, durch kein Kommando mehr geleitet, wird in allen Lebenslagen nach der Waffe und nach dem Genuß greifen, und es wird mehr Tod und Krankheit in die Welt kommen, als der Krieg selbst ihr zugemutet hat. Der Himmel schütze die Kinder vor den Säbeln, die ein häusliches Züchtigungsmittel sein werden, wie vor dem Spielzeug einer mitgebrachten Granate!

Der Optimist: Es ist gewiß gefährlich, wenn Kinder mit Granaten spielen.

Der Nörgler: Und die Erwachsenen, die desgleichen tun, hüten sich nicht einmal, mit Granaten zu beten! Ich habe ein Kreuz gesehen, das aus einer verfertigt war.

Der Optimist: Das sind Begleiterscheinungen. Sonst hat auch der Krieg an Ihnen nicht immer einen so überzeugten Verächter gefunden.

Der Nörgler: Sonst habe ich auch in Ihnen nicht immer einen so überzeugten Mißversteher gefunden. Sonst war der Krieg ein Turnier der Minderzahl und jedes Beispiel hatte Kraft. jetzt ist er ein Maschinenrisiko der Gesamtheit und Sie sind ein Optimist.

Der Optimist: Die Entwicklung der Waffe kann doch hinter den technischen Errungenschaften der Neuzeit unmöglich zurückbleiben.

Der Nörgler: Nein, aber die Phantasie der Neuzeit ist hinter den technischen Errungenschaften der Menschheit zurückgeblieben.

Der Optimist: Ja, führt man denn mit Phantasie Kriege?

Der Nörgler: Nein, denn wenn man jene noch hätte, würde man diese nicht mehr führen.

Der Optimist: Warum nicht?

Der Nörgler: Weil dann die Suggestion einer von einem abgelebten Ideal zurückgebliebenen Phraseologie nicht Spielraum hätte, die Gehirne zu benebeln; weil man selbst die unvorstellbarsten Greuel sich vorstellen könnte und im Voraus wüßte, wie schnell der Weg von der farbigen Redensart und von allen Fahnen der Begeisterung zu dem feldgrauen Elend zurückgelegt ist; weil die Aussicht, fürs Vaterland an der Ruhr zu sterben oder sich die Füße abfrieren zu lassen, kein Pathos mehr mobil machen würde; weil man mindestens mit der Sicherheit hinauszöge, fürs Vaterland Läuse zu bekommen. Und weil man wüßte, daß der Mensch die Maschine erfunden hat, um von ihr überwältigt zu werden, und weil man die Tollheit, sie erfunden zu haben, nicht durch die ärgere Tollheit, sich von ihr töten zu lassen, übertrumpfen würde; weil der Mensch fühlte, daß er sich gegen einen Feind wehren soll, von dem er nichts sieht als aufsteigenden Rauch, und ahnte, daß die eigene Vertretung einer Waffenfabrik keinen hinreichenden Schutz gegen die Angebote der feindlichen Waffenfabrik gewährt. Hätte man also Phantasie, so wüßte man, daß es Verbrechen ist das Leben dem Zufall auszusetzen, Sünde, den Tod zum Zufall zu erniedrigen, daß es Torheit ist, Panzerschiffe zu bauen, wenn man Torpedoboote baut, um sie zu überlisten, Mörser zu bauen, wenn man zum Schutz gegen sie Schützengräben baut, in denen nur jener verloren ist, der seinen Kopf früher heraussteckt, und die Menschheit auf der Flucht vor ihren Waffen in Mauselöcher zu jagen und sie einen Frieden fortan nur unter der Erde genießen zu lassen. Hätte man statt der Zeitung Phantasie, so wäre Technik nicht das Mittel zur Erschwerung des Lebens und Wissenschaft ginge nicht auf dessen Vernichtung aus. Ach, der Heldentod schwebt in einer Gaswolke und unser Erlebnis ist im Bericht abgebunden! 40 000 russische Leichen, die am Drahtverhau verzuckt sind, waren nur eine Extraausgabe, die eine Soubrette dem Auswurf der Menschheit im Zwischenakt vorlas, damit der Librettist gerufen werde, der aus der Parole des Opfermuts »Gold gab ich für Eisen« die Schmach einer Operette verfertigt hat. Die sich selbst verschlingende Quantität läßt nur noch Gefühl für das, was einem selbst und etwa dem räumlich nächsten zustößt, was man unmittelbar sehen, begreifen, betasten kann. Ist es denn nicht spürbar, wie aus diesem ganzen Ensemble, in dem mangels eines Helden jeder einer ist, sich jeder mit seinem Einzelschicksal davonschleicht? Nie war bei größerer Entfaltung weniger Gemeinschaft als jetzt. Nie war eine riesenhaftere Winzigkeit das Format der Welt. Die Realität hat nur das Ausmaß des Berichts, der mit keuchender Deutlichkeit sie zu erreichen strebt. Der meldende Bote, der mit der Tat auch gleich die Phantasie bringt, hat sich vor die Tat gestellt und sie unvorstellbar gemacht. Und so unheimlich wirkt seine Stellvertretung, daß ich in jeder dieser Jammergestalten, die uns jetzt mit dem unentrinnbaren, für alle Zeiten dem Menschenohr angetanen Ruf »Extraausgabee –! »zusetzen, den verantwortlichen Anstifter dieser Weltkatastrophe fassen möchte. Und ist denn der Bote nicht der Täter zugleich? Das gedruckte Wort hat ein ausgehöhltes Menschentum vermocht, Greuel zu verüben, die es sich nicht mehr vorstellen kann, und der furchtbare Fluch der Vervielfältigung gibt sie wieder an das Wort ab, das fortzeugend Böses muß gebären. Alles was geschieht, geschieht nur für die, die es beschreiben, und für die, die es nicht erleben. Ein Spion, der zum Galgen geführt wird, muß einen langen Weg gehen, damit die im Kino Abwechslung haben, und muß noch einmal in den photographischen Apparat starren, damit die im Kino mit dem Gesichtsausdruck zufrieden sind. Lassen Sie mich diesen Gedankengang bis zum Galgen der Menschheit nicht weiter gehen – und dennoch muß ich, denn ich bin ihr sterbender Spion, und mein herzbeklemmendes Erlebnis ist der horror vor jenem vacuum, das diese beispiellose Ereignisfülle in den Gemütern, in den Apparaten vorfindet!

Der Optimist: Die schmutzige Begleitung großer Dinge ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung. Es ist ja möglich, daß sich die Welt nicht in der Nacht auf den 1. August 1914 geändert hat. Auch scheint mir Phantasie wirklich nicht zu jenen menschlichen Eigenschaften zu gehören, die im Krieg Betätigung finden. Aber wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie überhaupt leugnen, daß ein moderner Krieg den menschlichen Qualitäten Spielraum lasse.

Der Nörgler: Sie haben mich recht verstanden; er läßt ihnen schon deshalb keinen Spielraum, weil die Tatsache des modernen Krieges von der Negation menschlicher Qualitäten lebt. Es gibt keine.

Der Optimist: Was gibt es denn?

Der Nörgler: Es gibt Quantitäten, die sich gegenseitig gleichmäßig vermindern, indem sie zu beweisen suchen, daß sie es mit den in maschinelle Energien umgesetzten Quantitäten nicht aufnehmen können; daß Mörser auch mit Massen fertig werden. Diesen Beweis erst anzutreten, hat nur jener Mangel an Phantasie ermöglicht und für nötig erachtet, der von der Verwandlung der Menschheit in maschinelle Energien eben übrig blieb.

Der Optimist: Wenn sich die Quantitäten gegenseitig gleichmäßig vermindern, wann wäre dann das Ende?

Der Nörgler: Bis von zwei Löwen die Schwänze übrig bleiben. Oder wenn dies nicht ausnahmsweise einmal Wirklichkeit wird: bis der größeren Quantität ein Vorsprung bleibt. Ich schaudere davor, das hoffen zu müssen. Aber ich schaudere noch mehr davor, fürchten zu müssen, daß der prinzipielleren Quantität ein Vorsprung bleibt.

Der Optimist: Welche wäre das?

Der Nörgler: Eben die geringere. Die größere könnte sich durch Reste eines Menschentums, das sie bewahrt hat, entkräften. Aber die geringere kämpft mit dem inbrünstigen Glauben an einen Gott, der diese Entwicklung gewünscht hat.

Der Optimist: Einen Bismarck brauchten wir. Der würde schon früher ein Ende machen.

Der Nörgler: Es kann keinen geben.

Der Optimist: Warum nicht?

Der Nörgler: Wenn die Welt so weit hält, daß sie ihre Bilanzen mit ihren Bomben belegt, so entsteht keiner.

Der Optimist: Wie sollte man sich sonst gegen den infernalischen Plan einer Aushungerung wehren?

Der Nörgler: Der infernalische Plan einer Aushungerung ist in einem Krieg, der sich um die höchsten Güter einer Nation, nämlich um Verdienen und Fressen dreht, ein ungleich sittlicherer, weil harmonischerer Behelf als die Anwendung von Flammenwerfern, Minen und Gasen. Dort ist das Kriegsmittel vom Stoff des heutigen Kriegs bezogen. Daß Absatzgebiete Schlachtfelder werden und aus diesen wieder jene, will nur der Mischmasch einer Kultur, die aus Stearinkerzen Tempel erbaut und die Kunst in den Dienst des Kaufmanns gestellt hat. Die Industrie hat aber weder Künstler zu beschäftigen noch Krüppel zu liefern. Das falsche Lebensprinzip setzt sich in ein falsches Tötungsprinzip fort, wieder divergiert das Mittel vom Zweck. Wenn sich zwei Konsumvereine in den Haaren liegen, so ist der der sittlichere, der nicht die Esser selbst, sondern eine von ihnen gemietete Polizei Ordnung machen läßt, und wenn er sich mit der Kundenabtreibung oder auch mit der Warenabtreibung begnügt, so handelt er am sittlichsten. Ganz abgesehen davon, daß die Blockade bloß die Mahnung an die Zentralstaaten ist, sie durch Beendigung eines wahnwitzigen Kriegs von ihren Untertanen abzuwenden. Wenn der Buchhalter nicht schon ehedem dem Ritter in den Arm gefallen ist, so sollte er es eben tun, wenn selbst der bereits klar erkennen kann, daß es nicht um ein Turnier, sondern um Baumwolle geht.

Der Optimist: Es handelt sich in diesem Krieg –

Der Nörgler: Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg! Aber der Unterschied ist der: Die einen meinen Export und sagen Ideal, die andern sagen Export und diese Ehrlichkeit allein, diese Separation allein ermöglicht schon das Ideal, auch wenn es sonst gar nicht vorhanden wäre.

Der Optimist: Sagen Sie doch nicht, daß es jenen um ein Ideal zu tun ist!

Der Nörgler: Keinesfalls, sie wollen es uns nur nehmen und es eben dadurch uns zurückerobern, indem sie die deutsche Menschheit von der kulturwidrigen Neigung kurieren, es als Aufmachung für ihre Fertigware zu verwenden. Dem Deutschen sind die idealen Güter eine Draufgabe, wenn sie die andern durch Spediteure verfrachten lassen. Sie glauben, es gehe nicht ohne Gott und die Kunst, wenn sie eine Untergrundbahn anlegen. Ich habe in einer Berliner Papierhandlung einen Band Klosettpapier gesehen, auf dessen Blättern Sinn und Humor der jeweiligen Situation durch aufgedruckte Shakespeare-Zitate erläutert waren. Shakespeare ist immerhin ein feindlicher Autor. Aber auch Schiller und Goethe mußten heran, der Band umfaßte die ganze klassische Bildung der Deutschen. Nie vorher hatte ich so sehr den Eindruck, daß es das Volk der Dichter und Denker ist.

Der Optimist: Gut, Sie sehen in dem Krieg der andern einen Kulturinstinkt tätig, im deutschen Krieg ein Interesse wirtschaftlicher Ausbreitung. Aber würde der ökonomische Wohlstand nicht gerade das deutsche Geistesleben –

Der Nörgler: Nein, er würde nicht, sondern im Gegenteil. Das totale Nichtvorhandensein dieses Geisteslebens war die Voraussetzung für diese Bestrebungen. Die geistige Selbstaushungerung, die ihr Erfolg verheißt, wäre von keiner Phantasie zu fassen, wenn eine solche noch vorrätig wäre.

Der Optimist: Aber sind Sie nicht selbst von der Notwendigkeit des Krieges als solchen überzeugt, wenn Sie von einem Krieg der Quantitäten sprechen? Denn daß er auch das Problem der Übervölkerung auf eine Zeit in Ordnung bringt, geben Sie ja damit zu.

Der Nörgler: Das tut er gründlich. Die Übervölkerungssorgen dürften den Entvölkerungssorgen Platz machen. Die Freigabe der Fruchtabtreibung hätte jenen schmerzloser als ein Weltkrieg abgeholfen, ohne ihn heraufzubeschwören.

Der Optimist: Dazu würde die herrschende Moralauffassung nie ihre Zustimmung geben!

Der Nörgler: Das habe ich mir auch nie eingebildet, da die herrschende Moralauffassung nur dazu ihre Zustimmung gibt, daß Väter, die zu töten dem Zufall nicht ganz gelungen ist, als brotlose Krüppel durch die Welt schleichen und daß Mütter Kinder haben, damit diese von Fliegerbomben zerrissen werden.

Der Optimist: Sie werden doch nicht behaupten, daß dergleichen absichtlich geschieht?

Der Nörgler: Nein mehr: zufällig! Man kann nicht dafür, daß es geschieht, aber es geschieht wissentlich. Mit Bedauern und dennoch. Eine ziemlich reiche Erfahrung auf diesem Gebiete könnte es jenen, die den Luftmord anschaffen, und jenen, die mit der Durchführung betraut sind, endlich zum Bewußtsein gebracht haben, daß sie in der Absicht ein Arsenal zu treffen, unbedingt statt dessen ein Schlafzimmer treffen müssen, und statt einer Munitionsfabrik eine Mädchenschule. Durch Wiederholung sollten sie wissen, daß dies der Erfolg jener Angriffe ist, deren sie nachträglich in der rühmenden Feststellung gedenken, daß sie einen Punkt erfolgreich mit Bomben belegt haben.

Der Optimist: Eines zum andern, es ist ein erlaubtes Kriegsmittel, und da die Luft einmal erobert ist –

Der Nörgler: – so benützt der Schurke Mensch gleich die Gelegenheit, auch die Erde unsicher zu machen. Lesen Sie die Beschreibung von dem Aufstieg einer Montgolfiere in Jean Pauls Kampanertal. Diese fünf Seiten können heute nicht mehr geschrieben werden, weil der Gast der Lüfte nicht mehr die Ehrfurcht vor dem näheren Himmel mitbringt und bewahrt, sondern als Einbrecher der Luft die sichere Entfernung von der Erde zu einem Attentat auf diese selbst benützt. Der Mensch wird keines Fortschritts teilhaft, ohne sich dafür zu rächen. Sie wenden sofort eben das gegen das Leben an, was ihm aufhelfen sollte. Sie machen sichs eben mit dem, was es erleichtern sollte, schwer. Der Aufstieg der Montgolfiere ist eine Andacht, der Aufstieg eines Aeroplans eine Gefahr für jene, die ihn nicht mitmachen.

Der Optimist: Aber doch auch für den bombenabwerfenden Flieger selbst.

Der Nörgler: Jawohl, aber nicht die Gefahr, von jenen, die er töten wird, getötet zu werden, und er entgeht den Maschinengewehren, die auf ihn lauern, leichter, als ihm die Wehrlosen. Leichter auch dem ehrlichen Kampf zwischen zwei gleichbewehrten Mördern, ehrlich, soweit die Schändung des Elements, in dem er sich abspielt, diese Wertung zuläßt. Immer aber bedeutet, mag auch der »Kühne« sie handhaben, die Luftbombe die Armierung der Feigheit, ruchlos wie das Unterseeboot, welches das Prinzip der armierten Tücke vorstellt, jener Tücke, die den Zwerg über den bewaffneten Riesen triumphieren läßt. Die Säuglinge aber, die der Flieger tötet, sind nicht bewaffnet, und wären sie es, sie würden den Flieger kaum so sicher erreichen können wie er sie. Es ist von allen Schanden des Krieges die größte, daß jene einzige Erfindung, die die Menschheit den Sternen näher brachte, lediglich dazu gedient hat, ihre irdische Erbärmlichkeit, als hätte sie auf Erden nicht genügend Spielraum, noch in den Lüften zu bewähren.

Der Optimist: Und die Säuglinge, die ausgehungert werden?

Der Nörgler: Es ist den Regierungen der Zentralstaaten freigestellt, ihren Säuglingen dieses Schicksal zu ersparen, indem sie ihre Erwachsenen von der Fibel entwöhnen. Aber nehmen wir selbst an, daß an der Blockade die feindlichen Machthaber so schuldig seien wie die eigenen: die Bombardierung der feindlichen Säuglinge als Repressalie – das ist ein Gedankengang, der der deutschen Ideologie alle Ehre macht, ein geistiger Unterstand, in dem ich, beim deutschen Gott, nicht wohnen möchte!

Der Optimist: Sie wollen der deutschen Kriegführung eins am Zeug flicken und bedenken nicht, daß die andern sich desselben Kampfmittels bedienen.

Der Nörgler: Das bedenke ich wohl, und es fällt mir nicht ein, die französischen Aeroplane, die ungefähr denselben heldischen Schurkereien dienen, von der Menschheitsschande auszunehmen. Der Unterschied scheint mir aber doch, nebst der Priorität, in einer Gemütsart zu liegen, die auf der einen Seite das Grauenvolle mitmacht, wissend oder vergessend, was es bedeute, und einer solchen, die sich nicht begnügt, Bomben herabzuwerfen, sondern die auch Witze mitschickt und gar einen »Weihnachtsgruß« für die Bewohner von Nancy in solcher Aufmachung darbringt. Auch hier wieder die gräßliche Vermischung des Gebrauchsgegenstandes, nämlich der Bombe, mit dem Gemütsleben, nämlich dem Witz, und des Witzes gar mit der Heiligkeit – die Vermischung, die der Greuel größtes ist, jene äußerste Unzucht, durch die sich ein im Reglement verarmtes Leben auffrischt, die organische Entschädigung für Zucht, Drill und Sittlichkeit. Es ist der Humor des Henkers, es ist die Freiheit einer Moral, die die Liebe auf den Gerichtstisch gelegt hat.

Der Optimist: Entschädigung für Zucht? Aber die war Ihnen doch als Schranke der Unbotmäßigkeit willkommen?

Der Nörgler: Aber nicht als Hebel der Macht! Lieber das Chaos, als Ordnung auf Kosten der Menschheit! Militarismus als Turnstunde und Militarismus als Geisteszustand – das ist doch wohl ein Unterschied. Das Wesen des Militarismus ist, Werkzeug zu sein. Wenn er, ohne es selbst zu ahnen, Werkzeug jener Mächte geworden ist, denen sein Wesen widerstrebt, und wenn er dem durch diese Mächte bedrohten Menschentum gegenüber sich als Selbstzweck aufspielt, dann besteht unversöhnliche Feindschaft zwischen ihm und dem Geiste. Sein Ehreninhalt ist im Bündnis mit einer feigen Technik zur Spielerei geworden, seine selbstgewählte Pflicht im Rahmen des allgemeinen Zwangs ist zur Lüge entartet. Er ist nichts als Ausrede und Entschädigung einer Sklaverei, die sich hinter der Maschine ihre elende Macht beweist. So sehr ist das Mittel Selbstzweck geworden, daß wir im Frieden nur noch militärisch denken und der Kampf nur noch ein Mittel ist, um zu neuen Waffen zu gelangen. Ein Krieg zur höheren Ehre der Rüstungsindustrie. Wir wollen nicht nur mehr Export und darum mehr Kanonen, wir wollen auch mehr Kanonen um ihrer selbst willen: und darum müssen sie losgehen. Unser Leben und Denken ist unter das Interesse des Schwerindustriellen gestellt; das ist eine schwere Last. Wir leben unter der Kanone. Und da sich jener mit Gott verbündet hat, so sind wir verloren. Das ist der Zustand.

Der Optimist: Man könnte den Zustand aber auch aus der Perspektive eines Nietzsche-Ideals ansehn und würde dann zu einem wesentlich andern Ausblick gelangen.

Der Nörgler: Ja, das könnte man wohl und würde Nietzsches Überraschung erleben, daß der »Wille zur Macht« nach Sedan sich nicht als Triumph des Geistes, sondern in Form vermehrter Fabriksschlote darbietet. Nietzsche war ein Denker, der es sich »anders vorgestellt« hat. Nämlich den Seelenaufschwung von anno 1870. An den von 1914 hätte er vielleicht von vornherein nicht geglaubt und sich nicht mehr vom Sieg der eigenen Gedanken verblüffen lassen müssen. Und vielleicht doch den Eroberer verleugnet, der mit dem »Willen zur Macht« im Tornister und anderm Rüstzeug der Bildung auf den Kriegspfad geht.

Der Optimist: Wenn der Krieg keinen kulturellen Segen stiftet, so stiftet er ihn für keines der beteiligten Völker. Falls Sie nicht etwa prinzipiell entschlossen sind, kulturelle Möglichkeiten nur dort zuzugeben, wo Franktireure schlafende Soldaten ermorden.

Der Nörgler: Gewiß dort nicht, wo eigens ein Wolff'sches Büro existiert, um es zu behaupten. Aber es wäre selbst auf dem heutigen Stand der Menschheit ein Unikum, daß Flieger, die Bomben auf Säuglinge werfen, sich eines völkerrechtlich erlaubten Kriegsmittels bedienen, und Franktireure die einen Mord begehn, um einen Mord zu rächen, es nur deshalb nicht tun dürfen, weil sie nicht die Lizenz haben, weil sie nicht unter einem Kommando morden, sondern aus einem andern unwiderstehlichen Zwang, nicht aus Pflicht, sondern aus Raserei, also aus jenem einzigen Motiv, das den Mord halbwegs entschuldigt; weil sie unbefugte Mörder sind, die sich weder durch das dazugehörige Kostüm noch durch die Zugehörigkeit zu einem Ergänzungsbezirkskommando, Kader, Ersatzkörper oder wie die Schmach sonst heißt, ausweisen können. Lassen Sie mich über den sittlichen Unterschied zwischen einem Flieger, der ein schlafendes Kind tötet, und einem Zivilisten, der einen schlafenden Soldaten tötet, nicht richten. Ihnen selbst soll, wenn Sie nur die Gefahr bedenken und nicht die Verantwortung, die mutigere Wahl gestellt sein, einen schlafenden Soldaten zu attakieren oder einen wachen Säugling.

Der Optimist: Darin mögen Sie recht haben, aber Sie werden auf der andern Seite die Züge der Menschlichkeit mit der Lupe suchen müssen.

Der Nörgler: Wenn ich sie in unsern Zeitungen suche, allerdings.

Der Optimist: Halten Sie sich nur die Rubrik gegenwärtig: »Wie die Russen in Galizien gehaust haben«.

Der Nörgler: Daraus habe ich allerdings nicht entnehmen können, ob die galizischen Schlösser von polnischen Bauern oder von Honveds geplündert wurden. Wohl aber hat sich unter diesem Titel öfter, wie wenn es dem Zwang zur Lüge entrutscht wäre, eine Erzählung von einer russischen Edeltat gefunden.

Der Optimist: Sie meinen doch nicht den Bericht über eine Schändung?

Der Nörgler: Nun, ob Honveds und Deutschmeister die Frauen des eigenen Landes, von denen des feindlichen nicht zu reden, mit dem Hut in der Hand um ein Glas Wasser gebeten haben werden: sich für diese oder die andere Vermutung zu entscheiden überlasse ich Ihrem Optimismus, dessen unerschütterliche Grundlage die Berichterstattung unseres Kriegspressequartiers zu sein scheint.

Der Optimist: Finden Sie nicht, daß man doch auch bei uns dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren läßt?

Der Nörgler: Ja, man begnügt sich manchmal mit dem Humor idiotischer Ansichtskarten.

Der Optimist: Nein, man läßt ihm zuweilen Gerechtigkeit widerfahren.

Der Nörgler: Wenn sie pikant ist, dann kann sie ihm widerfahren. So konnte als Kuriosum – denn eine Wahrheit über das verleumdetste Volk Europas wird die mitteleuropäische Intelligenz sich nicht entfahren lassen –, als Kuriosum erzählt werden, daß die Russen in den katholischen Weihnachten nicht geschossen, sondern Friedens- und Segenswünsche für den Feind in ihren Schützengräben zurückgelassen haben.

Der Optimist: Und gewiß haben sich die Österreicher revanchiert.

Der Nörgler: Gewiß, zum Beispiel der Doktor Fischl, bis zum 1. August Advokaturskonzipient, dann in die große Zeit eingerückt, hat einen Feldpostbrief drucken lassen, worin es heißt: »Morgen feiern die Russen ihre Weihnachten – da wollen wir sie ordentlich kitzeln.«

Der Optimist: Das war ein Spaß.

Der Nörgler: Ganz richtig, das war ein Spaß.

Der Optimist: Man darf nicht generalisieren.

Der Nörgler: Ich tu's. Sie können auf meine Ungerechtigkeit bauen. Wenn der Militarismus dazu diente, den Unrat daheim zu bekämpfen, so wäre ich Patriot. Wenn er die, die nicht taugen, assentierte, wenn er Krieg führte, um den Menschendreck an die feindliche Macht abzutreten, wäre ich Militarist! Aber er opfert den Wert und verschafft dem Abhub die Glorie, und er macht ihn, wenn's selbst außen schief geht, immer noch zum Sieger über die eigene Macht. Nur diese Aussicht kann die Geduld, mit der der Menschheitshaufe eine Naturinsulte wie die allgemeine Wehrpflicht erträgt, überhaupt erklären. Der Unrat weiß, daß er selbst die Idee ist, für die er kämpft, und in dieser Gewißheit kämpft er sogar für das Vaterland, das ihm ursprünglich und letztlich eine fremde Idee ist, auch wenn alle Fibelideologie am Werk wäre, sie ihm täglich einzubleuen. Müßten sie sonst nicht doch einmal den Zwang, für eine fremde Idee zu sterben, als eine Leibeigenschaft empfinden, die tausendmal drückender ist als der reaktionärste Inbegriff des verfluchten Zarismus? Es ist aber schließlich und endlich doch die eigene Idee. Würden Menschen, die nie die Privilegien des militärischen Berufs genossen haben, sich sonst dazu zwingen lassen, dessen Gefahren zu teilen? Sich vom eigenen Beruf, von Erwerb und Familie losreißen lassen, um erst in Kasernen getreten zu werden und hierauf für die Erhaltung der Bukowina zu sterben? Daß sie, wenn sie sich weigerten, für die Bukowina zu sterben, schon vorher totgeschossen würden, ist ja ein unmittelbarer Beweggrund, der einzelweis vollkommen zur Erklärung hinreicht. Aber die Einrichtung hätte nicht entstehen können, wenn die Quantität nicht wüßte, daß sie, scheinbares Opfer autokratischer Gelüste, schließlich doch den Sieg über den Sieger davon trägt. Sie sehen, auch ich bin ein Optimist. Ich kann mich nicht entschließen, die Menschheit für eine so ganz hoffnungslose Kanaille zu halten, daß sie einem fremden Willen zuliebe sich in Not und Tod und so viel Kot begibt.

Der Optimist: Der erhöhte Zustand, den der Ruf des Vaterlandes herbeiführt, ist aber denn doch eine bessere Erklärung als Zwang oder Vorteil.

Der Nörgler: Das Vaterland? Wohl, dieser Rufer hat unter allen Regisseuren noch immer die stärkste Suggestion für sich. Aber der Rausch, der die allgemeine Wehrlosigkeit einlullt, würde seine Wirkung auf die wachere Intelligenz verfehlen, wenn nicht hier das Gefühl mitwirkte, daß ein Sieg gerade sie zum Herrn des Lebens erhebt.

Der Optimist: Aber noch nicht der Krieg.

Der Nörgler: Da erspart sie sich bloß Denkarbeit, da kann sie einmal ausspannen. Sie braucht sich den Kopf nicht zu zerbrechen, ehe der Feind es ihr besorgt, was sich vorzustellen sie nicht mehr genug Phantasie hat. Denn der Krieg verwandelt das Leben in eine Kinderstube, in der immer der andere angefangen hat, immer der eine sich der Verbrechen rühmt, die er dem andern vorwirft, und in der die Rauferei die Formen des Soldatenspiels annimmt. Wenn Krieg ist, lernt man das Soldatenspiel der Kinder gering schätzen. Es ist eine viel zu frühe Vorbereitung auf die Kinderei der Erwachsenen.

Der Optimist: Das Soldatenspiel der Kinder empfängt jetzt im Gegenteil neue Anregungen. Kennen Sie das Spiel »Wir spielen Weltkrieg«?

Der Nörgler: Es ist die ebenso gemeine Kehrseite des Ernstes: Wir spielen Kinderstube. Dieser Menschheit wäre zu wünschen, daß ihre Säuglinge mit Erfolg anfangen, einander auszuhungern oder mit Bomben zu belegen, jedenfalls den Ammen die Kundschaft abzutreiben.

Der Optimist: Wenns nach Ihnen ginge, wäre die Menschheit schon vor einem Weltkrieg auf den Aussterbeetat gesetzt. Aber Gott sei Dank ist sie rüstig –

Der Nörgler: Sie meinen: gerüstet-

Der Optimist: Sie entwickelt sich von Generation zu Generation. Sie haben von fünf Seiten bei Jean Paul gesprochen, die heute nicht mehr geschrieben werden können. Ich denke aber, daß die Erfindung des Grafen Zeppelin Deutschland keineswegs um die Möglichkeit gebracht hat, Dichter hervorzubringen. Es gibt auch heute noch Dichter, die nicht zu verachten sind.

Der Nörgler: Ich tue es dennoch.

Der Optimist: Und gerade jetzt, im Krieg, hat die deutsche Dichtung einen belebenden Impuls empfangen.

Der Nörgler: Sie hätte lieber Ohrfeigen empfangen sollen.

Der Optimist: Sie sagen Derbheiten, aber nicht Wahrheiten. Wie immer Sie über den Krieg denken mögen, die Schöpfungen unserer Dichter haben etwas von dem Feueratem übernommen, mit dem diese große Zeit nun einmal über den Alltag hinweggefegt ist.

Der Nörgler: Zwischen dem Feueratem und dem Alltag hat sich sofort eine Gemeinschaft ergeben – die Phrase, die unsere Dichter, anschmiegsam wie sie sind, sofort übernommen haben. Sie sind pünktlicher eingeschnappt, als es die verblüffte Kundschaft verlangt hätte. Die deutschen Dichter! Sie sind ein geübter Optimist, aber Ihr Optimismus würde schon in Frozzelei ausarten, wenn Sie mir diese Schöpfungen als einen Beweis für die Größe der Zeit rekommandieren wollten. Ich mache immerhin noch den Unterschied einiger sittlichen Grade zwischen armen Philistern, die der Zwang aus dem Büro in den Schützengraben ruft, und elenden Schmierern, die daheim mit Entsetzen Ärgeres treiben als Spott, nämlich Leitartikel oder Reime,indem sie eine Gebärde aus zehnter Hand, die schon in der ersten falsch war, und einen Feueratem aus dem Mund der Allgemeinheit zu einer schnöden Wirksamkeit verarbeiten. Ich habe in diesen Schöpfungen keine Zeile gefunden, von der ich mich nicht schon in Friedenszeiten mit einem Gesichtsausdruck abgewandt hätte, der mehr auf Brechreiz als auf das Gefühl schließen ließe, an einer Offenbarung teilzuhaben. Die einzige würdige Zeile, die ich zu Gesicht bekommen habe, steht im Manifest des Kaisers, die ein feinfühliger Stilist zustandegebracht haben muß, der sich in ein angenommenes Alterserlebnis versenkt hat. »Ich habe alles reiflich erwogen«. Die Zeit, die erst kommen wird, wird ja noch besser als die bereits mitgemachte zeigen, daß einer noch reiflicheren Erwägung die Abwendung dieses unaussprechlichen Grauens geglückt wäre. Aber so wie die Zeile dasteht, isoliert, wirkt sie wie ein Gedicht, und vielleicht erst recht, wenn man einen Gedankengang als ihren Hintergrund setzt. Schauen Sie, hier – von dieser Säule können Sie's noch auf sich wirken lassen.

Der Optimist: Wo?

Der Nörgler: – Ach schade, gerade der Teil des Manifestes, wo die Zeile steht, ist vom Gesicht des Wolf in Gersthof verdeckt. Sehn Sie, das ist der wahre Tyrtäus dieses Kriegs! Und nun erst ist's ein Gedicht.

Der Optimist: Ich kenne Ihre übertreibende Perspektive. Für Sie gibt es keinen Zufall. Und doch ist der Wolf in Gersthof, der mir ja selbst nicht ans Herz gewachsen ist –

Der Nörgler: Wirklich nicht?

Der Optimist: – und doch ist es nur ein Reklameplakat wie ein anderes, ein altes noch dazu, das eben vor dem Krieg angefertigt wurde. Der Raum ist nun einmal gemietet, kann sein, das Lokal ist auch noch im Betrieb, ich weiß das nicht, über Nacht kann sich das nicht ändern, das alles ist Oberfläche, aber ich bin überzeugt –

Der Nörgler: Natürlich sind Sie überzeugt.

Der Optimist: – jawohl, daß die Wiener, die ja doch wirklich über Nacht ein ernstes Volk geworden sind und wie die Presse so richtig gesagt hat, »weit entfernt von Hochmut und von Schwäche« den Ernst der Situation erfaßt haben, ich bin überzeugt, daß sie über ein Jahr nicht mehr Lust haben werden, solche Dinge mitzumachen, ob nun der Krieg bis dahin zu Ende sein wird oder nicht. Davon bin ich, jawohl, überzeugt!

Der Nörgler: Sehen Sie, ich habe gar keine Überzeugungen und ich halte es für ganz egal, ob es so sein wird oder nicht und ob man es billigt oder, wie Sie, tadelt, wenn eine Hetz fortginge. Eher würde ich es im Gegensatz zu Ihnen billigen.

Der Optimist: Dann verstehe ich Sie nicht.

Der Nörgler: Davon, sehen Sie, bin ich überzeugt, nur davon, daß es darauf nicht ankommt. Aber ich sage: Über ein Jahr wird der Wolf in Gersthof, der keine Singspielhalle, sondern ein Symbol ist, den Anforderungen der großen Zeit entsprechend noch größer geworden sein und wird an allen Straßenecken alles verdecken, die Zeile: »Ich habe alles reiflich erwogen« und alles andere, was sonst neben und unter ihm noch Platz hatte, und er wird die wahre Perspektive eines falschen Lebens herstellen. Und aber über ein Jahr werden, wenn draußen eine Million Menschen begraben ist, die Hinterbliebenen dem Wolf in Gersthof ins Auge schauen, und in diesem Antlitz wird ein blutiger Blick sein wie ein Riß der Welt, darin man lesen wird, daß die Zeit schwer ist und heute großes Doppelkonzert!

Der Optimist: Es schneidet einem ins Herz, Sie so sprechen zu hören – das heißt doch wirklich, eine Zeit, die selbst dem Kurzsichtigsten groß erscheinen muß, mit Absicht klein zu sehn. Wenn uns diese Zeit eines gebracht hat, so ist es die Erledigung Ihrer Perspektive.

Der Nörgler: Das walte Gott!

Der Optimist: Gebe er Ihnen größere Gedanken. Vielleicht wachsen sie Ihnen morgen, in Mozarts Requiem, gehn Sie mit mir hinein, der Reinertrag fließt der Kriegsfürsorge zu –

Der Nörgler: Nein, mir genügt das Plakat – da gleich neben dem Wolf in Gersthof! Aber was ist das für eine sonderbare Zeichnung? Ein Kirchenfenster? Wenn mich meine Kurzsichtigkeit nicht betrügt – ein Mörser! Ist es möglich? Ja, wem ist es denn gelungen, die beiden Welten unter einen Hut zu bringen? Mozart und Mörser! Welch ein Konzertarrangement! Wer verbindet so glücklich?! Nein, man muß darüber nicht weinen. Sagen Sie nur, ob in der Kultur der Senegalneger, die der Feind gegen uns zu Hilfe gerufen hat, solch ein Gottbetrug möglich wäre! Sehen Sie, das ist der Weltkrieg gegen uns.

Der Optimist (nach einer Pause): Ich denke, Sie haben recht. Aber weiß Gott, das sehen nur Sie. Unsereinem entgeht es und man sieht darum die Zukunft in rosigem Licht. Sie sehen es und darum ist es da. Ihr Auge ruft es herbei und sieht's dann.

Der Nörgler: Weil es kurzsichtig ist. Es gewahrt die Konturen, und Phantasie tut das übrige. Und mein Ohr hört Geräusche, die andere nicht hören, und sie stören mir die Musik der Sphären, die andere auch nicht hören. Denken Sie darüber nach, und wenn Sie dann noch nicht von selbst zu einem Schluß kommen, so rufen Sie mich. Ich unterhalte mich gern mit Ihnen, Sie sind ein Stichwortbringer für meine Monologe. Ich möchte mit Ihnen vor das Publikum. Jetzt kann ich diesem nur sagen, daß ich schweige, und wenn möglich, was ich schweige.

Der Optimist: Was etwa?

Der Nörgler: Etwa: Daß dieser Krieg, wenn er die Guten nicht tötet, wohl eine moralische Insel für die Guten herstellen mag, die auch ohne ihn gut waren. Daß er aber die ganze umgebende Welt in ein großes Hinterland des Betrugs, der Hinfälligkeit und des unmenschlichsten Gottverrats verwandeln wird indem das Schlechte über ihn hinaus und durch ihn fortwirkt, hinter vorgeschobenen Idealen fett wird und am Opfer wächst! Daß sich in diesem Krieg, dem Krieg von heute, die Kultur nicht erneuert, sondern sich durch Selbstmord vor dem Henker rettet. Daß er mehr war als Sünde: daß er Lüge war, tägliche Lüge, aus der Druckerschwärze floß wie Blut, eins das andere nährend, auseinanderströmend, ein Delta zum großen Wasser des Wahnsinns. Daß dieser Krieg von heute nichts ist als ein Ausbruch des Friedens, und daß er nicht durch Frieden zu beenden wäre, sondern durch den Krieg des Kosmos gegen diesen hundstollen Planeten! Daß Menschenopfer unerhört fallen mußten, nicht beklagenswert weil sie ein fremder Wille zur Schlachtbank trieb, sondern tragisch, weil sie eine unbekannte Schuld zu büßen hatten. Daß für einen, der das beispiellose Unrecht, welches sich noch die schlechteste Welt zufügt, als Tortur an ihm selbst empfindet – daß für ihn nur die eine letzte sittliche Aufgabe bleibt: mitleidslos diese bange Wartezeit zu verschlafen, bis ihn das Wort erlöst oder die Ungeduld Gottes.

Der Optimist: Sie sind ein Optimist. Sie glauben und hoffen, daß die Welt untergeht.

Der Nörgler: Nein, sie verläuft nur wie mein Angsttraum, und wenn ich sterbe, ist alles vorbei. Schlafen Sie wohl! (Ab.)

(Verwandlung.)

30. Szene

Nachts am Graben.

Zwei Kettenhändler (mit ihren Damen, alle Arm in Arm in angeheiterter Stimmung, trällernd): Sterngucker – Sterngucker nimm dich in acht –

Ein Zeitungsausrufer: Extraausgabee – 40 000 tote Russen vor Przemysl –!

Der eine Kettenhändler: – Sterngucker – Sterngucker –

Der andere: – nimm dich in acht – (ab.)

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