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Die letzte Partie

Ernst von Wildenbruch: Die letzte Partie - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorErnst von Wildenbruch
booktitleDie letzte Partie ? zwei Erzählungen
titleDie letzte Partie
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070610
projectid7bb6a669
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Ernst von Wildenbruch

Die letzte Partie

Eine sonderbare Geschichte

Alte Männer –

Wenn man solch einem alten Manne auf der Straße begegnet, mit langwallendem oder kurzgeschnittenem oder ganz ohne Bart, so daß er wie ein flechtenbehangener Baum aussieht, oder wie ein rauhes Roggenfeld, oder wie ein Brachland, auf dem nichts mehr wächst, dann macht man, um an ihm vorüberzukommen, unwillkürlich einen Bogen. »Da kommt etwas, das niemandem wohlwill,« sagt man sich, indem man seine Augen sieht, die sinnend in sich hinein, oder gleichgültig geradeaus, oder feindselig umherblicken. »Etwas Kaltes, woran man sich die Finger erfriert, etwas Hartes, woran man sich die Kleider zerreißt, wenn man zu nahe kommt.«

Denn so sind wir Menschen. Obschon alle Egoisten, verlangen wir unwillkürlich vom Nebenmenschen Teilnahme, und wenn nicht wirkliche Teilnahme, doch den Anschein davon, Freundlichkeit. Einen aber, der den Mangel an beiden offen vor sich herträgt, mögen wir nicht leiden, dem gehn wir aus dem Weg.

Arme alte Männer –

Tut man euch unrecht? Wenn man euch nur von außen ansieht, sicherlich nicht. Wenn man sich die Mühe nähme, in euch hineinzublicken, vielleicht.

Aber wer hat Zeit und gibt sich die Mühe, in den Nebenmenschen hineinzublicken? –

Wer sagt sich, wenn so ein Alter an ihm vorüberwandelt, daß da eine Last von Lebensjahren ihm vorübergeht, die zu schwer auf dem Genick liegen, als daß das Haupt sich noch zu einem jugendlichen »Guten Morgen« emporheben könnte? Daß da ein Meer von Erinnerungen und Vergangenheit an ihm vorüberrauscht, so tief und breit, daß die Augen nicht mehr daraus auftauchen können, der Gegenwart zu geben, was der Gegenwart gehört! Wer sagt sich, wenn in ihm selbst die Lebensflamme noch hell und lustig brennt, daß da ein Lämpchen an ihm vorübergetragen wird, das an seinem letzten Dochte zehrt, das mit seinen Strahlen sparen muß, wenn sie noch irgend jemandem leuchten, irgend noch jemanden erwärmen sollen? Und wer fragt danach, ob irgend solch ein Jemand vorhanden ist, für den es sich verlohnt, in dem alten vermorschten Menschengebäude dort noch einen Herd zu errichten voll Anteil, voll Wärme und Liebe? –

Berlin ist groß und die Zahl seiner Bewohner Legion, und unter diesen gibt es der beschriebenen alten Männer viele.

Man begegnet ihnen überall, wo man Menschen begegnet, mehr aber in den etwas abgelegenen, stilleren Straßen, als in den ganz großen, die wie die Pulsadern durch die Stadt ziehen, in denen die Trams einherrollen, und wo jedes Dammüberschreiten zu einem Wagnis wird, das man nicht ohne Führer unternehmen sollte.

Weil man aber in menschenleeren Straßen den einzelnen leichter wahrnimmt als in verkehrsreichen und sich seine Persönlichkeit, wenn man des nämlichen Weges öfters wiederkehrt, eher einprägt, so erklärt es sich, daß man – es sind jetzt ein paar Jahre her – da draußen im Westen von Berlin allmählich auf zwei alte Männer aufmerksam wurde, die dort, so ziemlich täglich, und so ziemlich immer zur nämlichen Stunde, in den stillen Straßen spazieren gingen.

Nicht daß sie zusammen gegangen wären. Jeder von beiden ging immer mutterseelenallein, immer griesgrämig vor sich hin, zur Winterszeit in einen dicken Überzieher eingeknöpft, der ihn so ein bißchen wie einen alten Maulwurf aussehen ließ, im Sommer, wenn es warm war, meistens mit dem Hute in der Hand, so daß man den kurzgeschorenen grauen Kopf sah.

Durch die Droschkenkutscher aber, die an den betreffenden Straßenecken ihren Standort hatten, durch die Jungen und Mädchen, die Kreisel spielend sich auf dem Damm umhertummelten, und durch die Ladenbesitzer, bei denen der eine Alte täglich vorbeikam, war es ruchbar geworden, daß in der durch einige Querstraßen getrennten Nachbarschaft ganz eben solch ein Alter ziemlich alle Tage, ziemlich immer zur nämlichen Zeit seinen einsamen Spaziergang machte wie dieser.

Und nachdem man dieses herausbekommen hatte, wurde noch etwas weiteres festgestellt. Die beiden Alten waren Brüder, der eine ein Oberst, der andere ein Geheimrat, beide schon seit langem außer Dienst.

Zwei Brüder, die miteinander nie gemeinsam zu Wein oder Bier gingen – was lag näher als die Schlußfolgerung: die beiden Alten konnten sich nicht leiden. Es waren feindliche Brüder. Nun aber kommt das Merkwürdigste: die Schlußfolgerung, die so einleuchtend schien, war falsch.

Einstmals – es war freilich schon lange her – waren die beiden Alten das gewesen, was jeder Mann einmal gewesen ist, Knaben; Söhne ihrer Eltern, die im elterlichen Hause gemeinsam aufwuchsen.

Der Geheimrat fünf Minuten älter als der Oberst: es waren Zwillinge.

Gemeinsam hatten sie die Schule durchgemacht, immer in der gleichen Klasse. Sitzengeblieben waren sie nicht, ausgezeichnet durch Begabung hatten sie sich auch nicht. Zwei Durchschnittsmenschen, denen der Durchschnittsweg durch das Leben wie mit dicker, gerader Linie vorgezeichnet war.

So kam es denn auch:

Nachdem die Schule erledigt war, ging der, welcher später Geheimrat wurde, auf die Universität; der andere wurde Soldat. Das brachte die erste Trennung. Und bei der Gelegenheit machten die beiden eine Entdeckung, die zugleich ihre erste Erfahrung war, eine Erfahrung, die sie ihr Leben lang nicht wieder vergaßen: sie fühlten, daß es ihnen furchtbar schwer wurde, voneinander zu gehn. Und daran erkannten sie, was sie bisher vielleicht noch gar nicht gewußt oder nicht der Mühe wert gehalten hatten, besonders zu bemerken, daß sie sich zärtlich lieb hatten.

Nicht, daß sie sich zum Abschied um den Hals gefallen wären oder etwas Besonderes zueinander gesprochen hätten. Im Gegenteil, sie standen ganz stumm, sahen sich nicht einmal an, sondern zur Erde, beinah als wenn sie sich schämten. Damals sagten die Eltern: »Es sind Jungen, die noch nicht sprechen können.« Aber sie lernten es auch später nicht, blieben immer Menschen, die nie zueinander »ich habe dich lieb« zu sagen vermochten, denen das Herz im Leibe schrie und der Mund stumm, immer stumm blieb. Menschen unter einer Last. Als sie sich trennen mußten, gaben sie sich die Hand. Dann klopfte der fünf Minuten Ältere dem anderen auf die Schulter. Und so gingen sie voneinander. Nachdem sie sich aber voneinander gewandt hatten, fing der andere, der fünf Minuten Jüngere, an zu weinen. Der Ältere hörte das, aber er ging weiter, kehrte nicht wieder um. Helfen konnte er ja doch nicht. Nachher aber, als er an einem Wasser entlang ging, kam ihm für einen Augenblick der Gedanke, ob er nicht hineinspringen sollte. Er konnte nicht weinen, aber das Herz in ihm war mächtiger als das in dem Bruder, und sein Herz brach in dem Augenblick.

Und nachdem sie so auseinander gegangen waren, blieben sie einander fern, der eine am einen, der andere am anderen Ende des Landes. Das Leben lang, das ganze lange, schwere Leben lang. Denn für keinen von beiden trug das Leben Rosen. Keiner von beiden brachte es zu etwas Besonderem; als ein regelrechter, pflichttreuer Beamter, als ein regelrechter, pflichttreuer Offizier rückten sie langsam von Stufe zu Stufe weiter. Keiner von beiden heiratete. Im Grunde hatte jeder von ihnen auf Gottes weiter Welt ja nur einen einzigen Menschen lieb – aber dem konnte er es nicht sagen. Und also, während sie fortwährend einer an den anderen dachten, fortwährend ganz genau wußten, wie es um den anderen stand, kamen sie niemals zusammen, schrieben sich fast nie.

Bis daß sie beide alte Männer geworden waren. Da nahmen sie fast gleichzeitig den Abschied und zogen nach Berlin, wo sie einstmals geboren waren.

Aber auch in Berlin nahmen sie keine gemeinschaftliche Wohnung. Daß jeder wußte: »Der andere ist auch da«, war ihnen genug. Zueinander sprechen hätten sie ja doch nicht können. Darum gingen sie auch nicht zusammen spazieren.

Jeder wohnte in seiner Junggesellenwohnung für sich, mit einer alten Wirtschafterin, die ihm das Leben besorgte.

Zweimal in jeder Woche aber kamen sie zusammen. Nicht in der Restauration, nicht beim Wein oder Bier, denn zum Wein oder Bier gingen sie nicht, weil sie beide alt und nicht mehr recht gesund waren. Der Geheimrat litt am Herzen, der Oberst am Magen.

Der Ort, wo sie zusammenkamen, war die Wohnung des Geheimrats. Zweimal in jeder Woche erschien daselbst der Oberst, und dann spielten sie auf einem Tafelbillard, das sich der Geheimrat angeschafft und in seinem Zimmer aufgestellt hatte. Das war eine gesunde Leibesbewegung. Es hatte daneben das Gute, daß man dabei nicht zu sprechen brauchte. In schweigender Leidenschaftlichkeit konnte man spielen. Denn leidenschaftlich waren sie beide bei der Sache. Nicht um Geld – das hätte keiner von beiden über das Herz gebracht, dem anderen auch nur fünf Pfennige abzunehmen – nur der Ehre des Sieges wegen.

An dem Morgen, wenn am Nachmittag der Oberst zu erwarten stand, erging an die alte Minna die Weisung: »Minna, heute kommt der Herr Oberst.« Minna wußte das natürlich ganz so gut wie der Herr Geheimrat, aber immer gab sie sich den Anschein, als erführe sie etwas Neues. Hörte sie ihm doch die Freude an, und der alte Mann hatte so wenig Freude.

Dann, eine halbe Stunde bevor der Oberst fällig war, wurde der alte Geheimrat unruhig, beinah aufgeregt. Von einem Zimmer ging er ins andere, hin und her, nahm die Decke vom Billard, setzte die Kugeln auf, brachte die Tafel in Ordnung, auf der die Points verzeichnet wurden. Zwischendurch kam er an die Küche:

»Minna – daß der Kaffee für den Herrn Oberst fertig wird.«

»Jawohl, Herr Geheimrat, jawohl.«

Minna paßte schon von selbst auf. Der Herr Oberst war immer so freundlich, und seine Wirtschafterin, die alte Marie, wußte nicht genug zu erzählen, was für ein guter Mann es war. Darum gab sie sich immer besondere Mühe mit dem Kaffee. Früher wenigstens; denn in der letzten Zeit, als es mit dem Magen des Herrn Obersten schlechter wurde, durfte es nicht Kaffee mehr sein, da bekam er Milch, ein großes Glas schöner, warmer Milch. Dazu Schrotbrot mit Butter oder ein paar Zwieback. Eine besondere Kiste mit besonders feinen Zigarren holte der Herr Geheimrat herbei, klappte sie auf und stellte sie für den Bruder zurecht. Denn der Herr Oberst rauchte gern etwas Feines. Früher wenigstens; denn in der letzten Zeit, als es mit seinem Magen schlechter wurde, rauchte er nicht mehr. Und das tat dem alten Geheimrat leid, sehr leid, weil er dem Bruder doch gern alles und alles angetan hätte, wovon er dachte, daß es ihm eine Annehmlichkeit bereiten könnte.

Pünktlich mit dem Glockenschlage kam sodann der Herr Oberst an. Denn ihn verlangte es nach dem Bruder und dem Billard ganz ebenso, wie den Geheimrat nach ihm.

Und während sie nacheinander verlangt und sich einer nach dem anderen gesehnt hatten, all die Tage lang, da sie fern voneinander gewesen, taten sie jetzt, wenn der Oberst hereintrat, nichts weiter, als daß sie sich die Hand reichten: »Na – wie geht's?« Und: »Na – so, so.« Das war die ganze Begrüßung und überhaupt alles, so daß ein Dritter, der dabei gestanden und das mit angehört hätte, gesagt haben würde: »Sind das aber ein paar Stockfische!« Denn von dem, was man ein schämiges Herz nennt, wissen ja die Menschen so selten etwas.

Alsdann, um doch etwas zu sagen, fragte regelmäßig der Geheimrat: »Na – wie ist's? Wollen wir eine Partie Billard spielen?«

Und obschon die Partie Billard doch der Zweck war, zu dem der Herr Oberst einmal wie das andere Mal kam, die Frage mithin eigentlich komisch war, blieb der Herr Oberst doch immer ganz ernsthaft und erwiderte eben so regelmäßig:

»Jawohl, sehr gern.«

Also zogen dann die beiden in das Zimmer nebenan, wo die Hängelampe über dem Billard bereits angezündet war und ihr warmes Licht auf das warme grüne Tuch hinunter goß, und wo es schon behaglich und gemütlich war. Und dort, in aller Weltabgeschiedenheit, begannen die beiden weltabgeschiedenen Brüder zu spielen.

Beim Spielen begab sich etwas Sonderbares, eigentlich Drolliges: die beiden alten Knaben verwandelten sich in das, was sie vor fünfzig oder sechzig Jahren einmal gewesen waren, in ganz junge Knaben. Aus lauter Eifer zu gewinnen. Nicht um des Geldes wegen – wie schon einmal gesagt –, sondern eben nur, weil jeder darauf erpicht war zu gewinnen.

Dabei kamen ihre beiderseitigen Naturanlagen, ihre etwas verschiedenen, heraus: der Geheimrat hitzig und cholerisch, der Oberst war auch hitzig, aber von weicherer Art.

Der Oberst, wenn ihm ein paar Karambolagen hintereinander gelangen, hüpfte wie ein vergnügter Spatz um das Billard. Unterdessen sah der Geheimrat, beinah berstend vor stummer Wut, wie ein Uhu auf der Krähenhütte zu. Von dem Bruder geschlagen werden? Nein – bei aller Liebe, das durfte unter keinen Umständen sein! In solchen Augenblicken haßte er den Oberst, und wenn es ihm geschah, daß er wirklich geschlagen wurde und die Partie verlor, dann empfand er das als ein Unglück, ein schweres, von dem es ihm fraglich schien, ob er sich jemals davon erholen würde. Für gewöhnlich aber gewann der Geheimrat. Das Billard stand in seiner Wohnung; er spielte alle Tage darauf allein für sich, hatte also mehr Übung als der Oberst. Außerdem war er von beiden die stärkere Natur und der Wille zu gewinnen bei ihm mächtiger als bei dem anderen.

Der Oberst, wenn er verlor, wurde nicht wütend wie der Geheimrat, sondern nur traurig. Er ließ den Kopf hängen und ging davon.

Wenn das nun wieder der Geheimrat sah, packte es ihn wie mit Krallen. Gewinnen lassen durfte er ja den Bruder nicht – aber ihn traurig sehn, das vertrug er auch wieder nicht, das war ihm schrecklich. Er griff dann nach seiner Hand:

»Du kommst doch wieder? Kommst doch bald wieder?« Der Oberst aber nickte, ja, ja, er würde schon bald wiederkommen.

Für sich allein saß alsdann der Geheimrat und überhäufte sich mit den gräßlichsten Selbstvorwürfen: er war neidisch auf den Bruder gewesen, hatte ihn geradezu gehaßt, ihm die Freude am Gewinn nicht gegönnt, ihm, der doch so wenig Freude hatte! Wieviel edler, sanfter, besser war doch der Bruder als er! Nie pfauchte, schimpfte und brauste er, wenn er verlor, wie er, der Geheimrat, das regelmäßig tat!

Jedesmal nahm er sich dann vor, beim nächstenmal ganz anders sein zu wollen, großmütig, sanft und neidlos, sich freuen zu wollen, wenn der Oberst gewinnen würde – und jedesmal, wenn der Oberst wieder da war, stürzte er sich wie ein Stoßvogel auf das Billard und hatte ein Gefühl, als hinge seine ewige Seligkeit davon ab, daß er gewönne.

Jedesmal – denn wenn er auch meistenteils verlor, der Oberst kam dennoch immer wieder. Der Geheimrat würde das wahrscheinlich gar nicht über sich gebracht haben. Darum machte es ihm solchen Eindruck. Darum sann er alles mögliche aus, womit er dem Bruder über das schwere Schicksal hinweghelfen konnte. Trostworte allerart: wenn der Oberst vorbeistieß, äußerte er seine Entrüstung über dessen »skandalöses Pech«, wenn der Oberst einen Point machte, erklärte er das für einen »famosen, einen wirklich ausgezeichneten Stoß!« Nachher allerdings bemühte er sich, noch viel famoser zu stoßen. Und so ging es also fort. Jahrelang.

Jahrelang kam der Bruder Oberst zu dem Bruder Geheimrat, Billard mit ihm zu spielen. Jahrelang sah man den alten Oberst in seinem Straßenviertel, den alten Geheimrat in dem seinigen erscheinen, spazieren gehen und wieder verschwinden.

Bis dann mit einemmal ein Tag kam, an dem man den alten Oberst nicht mehr sah.

Und am Tage, der auf diesen folgte, hatte es sich herumgesprochen: der alte Oberst war gestorben.

Mit demselben Augenblick verschwand auch der alte Geheimrat aus seinem Straßenviertel drüben. Acht Tage nach dem alten Oberst starb auch der Geheimrat. Beide Brüder waren dahin.

Das wäre ja nun an sich nichts gewesen, um großes Aufheben davon zu machen. Beides waren alte Leute gewesen, hatten nicht Kind noch Kegel, noch überhaupt jemanden hinterlassen, der ihnen nachweinte. Also – was weiter?

Aber es war doch noch etwas; und das war die alte Minna, die Wirtschafterin des alten Geheimrats, die wollte und wollte sich nicht zur Ruhe geben.

Ob sie in Sorge um ihre alten Tage wäre, wurde sie gefragt, weil doch nun ihr Brotherr gestorben war. Aber: »I Gott bewahre!« hatte sie gesagt. Sie und die Marie vom Herrn Oberst waren von ihren beiden alten Herren so reich bedacht worden, daß sie für zeit ihres Lebens genug hätten.

»Na – aber dann –«

Ja – in den letzten Tagen von dem Herrn Geheimrat, da wäre etwas geschehen – etwas Merkwürdiges – und da käme und käme sie nicht drüber hinweg.

Endlich nahm sich der Hauswirt, der ein gebildeter und vernünftiger Mann war, der Sache an. Er ging zu der Alten und ließ sich erzählen.

Und da erzählte sie ihm:

Gerade an dem Tage war es gewesen, als am Nachmittag nachher der Herr Oberst starb. Aber daß der Herr Oberst so krank gewesen war, das hatte am Tage vorher und auch noch an dem Tage selbst der Herr Geheimrat gar nicht gewußt, und sie, die Minna, hatte es auch nicht gewußt.

Daß es mit ihm nicht zum besten stand – na ja, das war ihnen wohl bekannt gewesen. Aber daran hatten sie sich mit der Zeit ja gewöhnt.

An dem Tage also hatte der Geheimrat ganz bestimmt gedacht, und sie, die Minna, hatte es auch gedacht, daß heute nachmittag, wie immer, der Herr Oberst kommen würde. Der Herr Geheimrat hatte alles schon zurecht gemacht, sie, die Minna, hatte schon die Milch warm gestellt und das Schrotbrot geschnitten. Dann aber war der Herr Oberst, der doch sonst immer so pünktlich war, doch nicht gekommen.

Der Geheimrat hatte schon einmal in die Küche gesehn.

›Ich wundere mich,‹ hatte er gesagt, ›wo heute der Herr Oberst bleibt. Es ist doch sein Tag.‹

Und die Minna hatte geantwortet: Ja, es wäre heute sein Tag, und sie wunderte sich auch.

Darauf aber, nach einiger Zeit, während sie in der Küche gesessen, hatte sie gehört, wie da vorn, wo das Billard stand, gespielt wurde; wie die Kugeln liefen und aneinander klappten, ganz so wie immer. Und da hatte sie so bei sich gedacht: ›Na ja – dem Herrn Geheimrat ist die Zeit lang geworden, und nun spielt er für sich allein, wie er das immer tat, wenn der Herr Oberst nicht da war.‹

Das hatte denn gedauert wie es immer dauerte. Und alsdann, nachdem das Spielen aufgehört hatte, war der Herr Geheimrat wieder an die Küche gekommen und hatte gesagt: ›Minna,‹ hatte er gesagt, ›warum sind Sie denn nicht gekommen und haben dem Herrn Oberst den Paletot anziehen helfen?‹ Das tat sie nämlich sonst immer, und sie tat es gern, weil ja doch der Herr Oberst immer solch ein freundlicher Mann war.

Wie nun der Herr Geheimrat das fragte, hatte sie nicht gewußt, was sie davon denken und dazu sagen sollte, denn der Herr Oberst war ja doch gar nicht dagewesen.

Also hatte sie gesagt: ›Aber Herr Geheimrat,‹ hatte sie gesagt, ›wie hätte ich dem Herrn Oberst denn den Paletot anziehen sollen, wenn er doch gar nicht dagewesen ist?‹

Darauf, wie er das gehört hatte, war der Herr Geheimrat ganz weiß im Gesicht geworden und hatte – mit einer so ganz schwachen Stimme, wissen Sie – geantwortet: ›Aber ich habe doch eben eine ganze, geschlagene Stunde mit ihm Billard gespielt!‹

Nun aber hatte sie, die Minna, doch vorhin, wo sie noch dachte, der Herr Oberst würde kommen, mit allen Ohren gehorcht, ob die Klingel anschlagen würde. Und die Klingel hatte nicht angeschlagen, und die Flurtür vorne hatte nicht geklappt, und niemand war über den Flur herein- und nachher über den Flur hinausgegangen. Und also war und war der Herr Oberst doch nicht gekommen! Und in dem Augenblick, wie sie noch den Herrn Geheimrat und der Herr Geheimrat sie ansah, hatte mit einem Male die Klingel angefangen zu läuten, ganz fürchterlich, so daß sie in aller Eile aufgesprungen war, nachzusehen, wer da draußen so klingelte. Wie sie aber die Tür aufmachte – wer hatte davorgestanden? – die Marie vom Herrn Oberst.

Und die Marie, wie sie den Herrn Geheimrat im Flur stehn gesehn, hatte angefangen zu weinen, und: ›Ach Herr Geheimrat,‹ hatte sie gesagt, ›Sie wissen es wohl noch gar nicht? Eben komme ich von ihm her. Vor einer Stunde ist der Herr Oberst, was Ihr Bruder ist, gestorben.‹

»Darauf,« so erzählte die alte Minna, »wie der Herr Geheimrat das gehört hatte, war er mit beiden Schultern und dem ganzen Rücken an die Wand gefallen, daß sie nicht anders gedacht hatte, als er schlägt hin, und hatte einen Ton von sich gegeben, ich weiß gar nicht, wie das war; nicht, daß er was gesagt oder geschrien hätte, sondern als wenn da drinnen in seiner Brust etwas gewesen wäre, wie ein Uhrwerk, und das riß mit einem Male entzwei – so ganz genau hatte sich das angehört.

Alsdann, so hatten sie, die Minna und die Marie, den Herrn Geheimrat untergefaßt und in sein Zimmer geführt. Da hatten sie ihn auf einen Stuhl gesetzt. Und auf dem Stuhl hatte er eine Zeitlang gesessen und immer vor sich hingesehen und kein Wort gesprochen. Dann aber hatte er der Marie zugenickt, was wohl soviel hatte heißen sollen, als daß er mit ihr wollte zu dem Herrn Oberst, seinem Bruder hin. Bevor er aber mit ihr ging, war er an die Tür von dem Zimmer gegangen, wo das Billard stand und hatte die Tür zugeschlossen und den Schlüssel abgezogen und den Schlüssel ihr, der Minna, gegeben und: ›Nie mehr aufmachen, solange ich lebe!‹ hatte er gesagt, mit einer ganz schrecklichen Stimme ›nie mehr aufmachen, solange ich lebe.‹

Und dann war er mit der Marie gegangen.

Etwa zwei Stunden danach war er wiedergekommen. Gleich in sein Zimmer war er gegangen, ohne sich umzusehen, und gleich an den Schreibtisch hatte er sich gesetzt und angefangen zu schreiben. Wie lange er da gesessen, das hatte die Minna nicht zu sagen gewußt, vielleicht die ganze Nacht.

Am nächsten Tage hatte er ausgesehen wie ein Geist.

Ausgegangen war er an dem Tag nicht mehr. Am nächsten Tage auch nicht, und dann überhaupt nicht mehr. Ins Zimmer, wo das Billard stand, war er nie mehr gekommen, fast nur auf seinem Stuhl noch hatte er gesessen vor seinem Schreibtisch. Gegessen hatte er so gut wie nichts mehr, gesprochen keinen Laut mehr. Dann, nach ein paar Tagen, hatte er sich gelegt, und dann wieder nach ein paar Tagen war es mit ihm aus gewesen. Damals, als er sich legte, hatte er das letzte gesagt: daß auf seinem Schreibtisch etwas läge, und das sollte man lesen, wenn er nicht mehr wäre.

Also ging man nun an seinen Schreibtisch, und dort mit der festen, klaren Handschrift geschrieben, die er sein Leben lang gehabt hatte, fand man folgende Aufzeichnung:

›Das, was ich heute am‹ – folgte das Datum – ›abends neun Uhr hier zu Berlin an meinem Schreibtisch schreibe, ist mein letztes. Ich werde hiernach keine Feder mehr anrühren, denn ich stehe am Ende meines Lebens.

Das, was ich hier mit klarem Bewußtsein und deutlicher Überlegung niederschreibe, ist die Darstellung von dem, was ich heute nachmittag in meiner Wohnung hier zu Berlin erlebt habe. Ob diejenigen, die es lesen, mir glauben oder nicht – ich erzähle es so, wie es gewesen ist:

Am Nachmittag des heutigen Tages, um vier Uhr, hatte ich meinen Bruder, den Oberst a. D. – folgte der Name – zum Billardspiel bei mir erwartet.

Mein Bruder kam in jeder Woche zweimal, an bestimmten Tagen, mit solcher Pünktlichkeit, daß, wenn er nicht vorher schrieb, ich mit Sicherheit auf sein Erscheinen rechnen durfte. Weil heute sein Tag war, er auch nicht vorher geschrieben hatte, zählte ich mit Gewißheit darauf, daß er kommen würde. Daß er schon seit lange nicht mehr recht wohl war, wußte ich; daß sein Zustand sich verschlimmert hatte, war mir nicht bekannt geworden.

Als es daher vier Uhr geworden war, machte ich, wie immer, alles zu seinem Empfange zurecht, setzte die Kugeln auf, zündete die Hängelampe über dem Billard an, zog die Gardinen zu – denn es war ein kalter Tag, und er liebte es, wenn es im Zimmer warm und behaglich war, so daß er beim Spielen den Rock ausziehen konnte.

Für gewöhnlich pflegte mein Bruder schon anzukommen, während ich noch mit diesen Vorbereitungen beschäftigt war. Darum erwartete ich, daß ich ihn jeden Augenblick würde eintreten sehen, und war einigermaßen verwundert, als ich mit allem fertig geworden und er noch nicht gekommen war.

Ich sah nach der Billarduhr, es war schon ein Viertel nach vier. Ich ging ein paarmal durch meine Wohnung auf und ab. Für mich allein zu spielen, wie ich das sonst tat, wenn mein Bruder nicht dabei war, fühlte ich keine Neigung. Ich wartete. Es wurde halb fünf, und er kam noch immer nicht.

Nun wurde ich etwas unruhig und fing an zu überlegen, ob ich nicht meine alte Wirtschafterin zu ihm schicken sollte, sich nach ihm zu erkundigen.

Indem ich so in Gedanken hinter dem Billard stand – die Lampe, die darüber hing, beleuchtete gerade nur dieses, während sie den übrigen ziemlich großen Raum im Halbdunkel ließ – blickte ich auf und erschrak beinahe, denn mit einem Male sah ich meinen Bruder mir gegenüber auf der anderen Seite des Billards stehn.

Er war so geräuschlos eingetreten, daß ich von seinem Kommen gar nichts gehört hatte. Das erklärte ich mir indessen mit meiner Schwerhörigkeit. In der Art aber, wie er dort stand, die Augen immerfort auf mich gerichtet, ohne ein Glied zu rühren, war etwas, was ich sonst nie an ihm bemerkt hatte, etwas ganz Fremdartiges. »Du kommst ja heute so spät,« sagte ich. – »Ich hatte schon geglaubt, du würdest gar nicht kommen.«

Damit war ich auf ihn zugetreten und reichte ihm die Hand. Er sah mich unablässig an, nickte mit dem Kopfe und bot mir auch seinerseits die Hand. Die Hand war kalt, sein Gesicht so blaß, wie ich es nie gesehen hatte; und die Art, wie er mit dem Kopfe nickte, hatte ganz merkwürdig ausgesehen.

Mir wurde – ich weiß es kaum zu beschreiben – so, daß ich mich beinahe zwingen mußte, einen gleichgültigen Ton zu bewahren.

»Na, wie ist's,« sagte ich, »wollen wir also eine Partie Billard spielen?«

Darauf nickte er wieder, ohne ein Wort zu sprechen, ging an die Ecke, wo die Billardqueues standen, nahm dasjenige heraus, mit dem er gewöhnlich zu spielen pflegte, und wir begannen unsere Partie.

Während wir spielten, sprachen wir nicht. Aber das war nichts Außergewöhnliches. Mein Bruder war wortkarg, redselig war ich auch nicht, wir waren das gewöhnt, daß keiner während des Spielens sprach.

Irgend etwas aber war heute doch anders als gewöhnlich. Er war nicht nur stumm, sondern ganz lautlos, eigentlich unhörbar. Sonst, wenn er gute Stöße machte, sah man ihm das Vergnügen am Gesichte an – heute blieb sein Gesicht unverändert. Seine Bewegungen waren, ich weiß kaum, wie ich es beschreiben soll – beinahe wie die eines Automaten, wie die einer Schachfigur, die Zug auf Zug tut, bis die Partie zu Ende ist. Dabei spielte er heute mit einer Sicherheit, wie ich das nimmer an ihm gesehn hatte. Ein Stoß nach dem anderen, ein Point nach dem anderen, bis daß er in kurzer Zeit gewonnen hatte.

Sonst, wenn er gewonnen hatte, machte er mir einen Diener und lachte dabei – heute machte er wieder einen Diener, aber einen ganz ernsthaften.

Darauf spielten wir die zweite Partie. Es erging wie bei der ersten: puff – puff – puff – ein Stoß nach dem anderen, und klapp – klapp – klapp – ein Point nach dem anderen. Nicht lange, so hatte er auch die zweite gewonnen. Und dabei war noch etwas: für gewöhnlich, wenn ich verlor, ärgerte ich mich – heute dachte ich gar nicht daran. Ich war wie in einem Bann und hatte ein Gefühl, als könnte es nicht anders sein.

Nachdem er auch die zweite Partie gewonnen hatte, stellte er sein Queue beiseite, dann machte er wieder einen Diener, diesmal einen beinahe feierlichen, und dann, bevor ich noch hatte fragen können: »Kommst du bald wieder?« war er hinaus.

So schnell war er hinaus, daß, als ich ihm nachgehend auf den Flur hinaustrat, er schon in der Ausgangstür stand, den Paletot angezogen, den Hut auf dem Kopf. Ich wollte ihm Adieu sagen, aber ich konnte nicht – zu merkwürdig, wie er da in der Tür stand: so lang aufgerichtet wie vorhin, als er mir plötzlich am Billard gegenüber gestanden hatte, die Augen wieder auf mich gerichtet, unablässig, ganz starr, und doch – mit einem Ausdruck – einem Ausdruck –

Plötzlich war er dann fort – ich weiß kaum wie. So geräuschlos, daß ich die Tür gar nicht hatte gehen hören.

Mir wurde – ich weiß nicht – daß ich ein Bedürfnis fühlte, nur einen Menschen zu sehen, einen Menschen sprechen zu hören. Darum ging ich in die Küche, wo meine alte Wirtschafterin saß und sprach mit ihr – ich weiß nicht mehr recht, was es war; aber ich glaube, die alte Frau behauptete, mein Bruder wäre gar nicht dagewesen.

Und indem wir noch sprachen, klingelte es. Und als wir aufmachten, stand die Wirtschafterin meines Bruders vor der Tür – und von der erfuhr ich – daß heute nachmittag – gerade vor einer Stunde – zu der Zeit – als er bei mir gewesen war und noch einmal mit mir spielte, daß da mein Bruder gestorben war. Ich bin dann mit der Marie dahin gefahren, wo mein Bruder wohnte. Unterwegs hatte sie mir alles erzählt:

Heute früh noch war mein Bruder verhältnismäßig ganz wohl und munter gewesen und hatte der Marie noch gesagt, daß sie ihm für heute nachmittag keine Milch warm zu machen brauchte, weil er zu seinem Bruder ginge, dem Herrn Geheimrat, um mit ihm Billard zu spielen.

Am Mittag aber hatte er sich unwohl gefühlt. Darum war er auch nicht zum Essen ausgegangen; und sie hatte ihm geraten, er sollte sich doch zu Bette legen. Das hatte er denn anfänglich nicht gewollt, weil doch sein Bruder auf ihn wartete. Weil aber die Marie ihm zugeredet, er könnte ja wieder aufstehen, wenn's so weit sein würde, hatte er endlich nachgegeben und sich hingelegt.

Aber von dem an, daß er sich gelegt hatte, war es immer schlimmer mit ihm geworden, so schlimm, daß die Marie auch gar nicht einen Augenblick mehr von ihm fort gekonnt und kaum mehr einen Arzt hatte rufen und niemandem, auch mir nicht, mehr Nachricht hatte geben können.

Zu fiebern hatte er angefangen, und dann wie der Nachmittag fortschritt, zu phantasieren, und durchaus hatte er aus dem Bette gewollt, daß die Marie ihn beinah mit Gewalt hatte festhalten müssen. Und immerfort: »Ich muß aufstehen!« hatte er gerufen, »mein Bruder wartet auf mich mit dem Billard, und wenn ich nicht komme, wird er böse.«

Das waren seine letzten Gedanken gewesen und seine letzten Worte. Bald darauf ist er still geworden und eingeschlafen. Und nun sitze ich hier und schreibe, und schreibe zum Schluß noch eines hinzu: »Ich bin dir nicht böse, Bruder! Bruder, mein Bruder, ich bin dir nicht böse! Und ich komme bald – ich weiß es, ich fühle es – komme sehr bald, da will ich dir sagen, daß ich dir nicht böse bin, sondern will dir sagen: ich habe dich lieb gehabt und will dich lieb haben, hüben und drüben, und immer in Ewigkeit!«








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