Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Artur Brausewetter >

Die letzte Karte in der Hand

Artur Brausewetter: Die letzte Karte in der Hand - Kapitel 8
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDie letzte Karte in der Hand
publisherOtto Janke, Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201610
projectid9ed5d492
Schließen

Navigation:

Quedlinburg!

An einem Abend kamen sie an. Ihr Gepäck ließen sie auf dem Bahnhof. Das mochte später der Pförtner besorgen! Durch diese altverträumte Herrlichkeit mußte man wandern, langsamen, zögernden Fußes wandern!

So hatten sie es in Goslar und Wernigerode gemacht. So sollte es auch hier sein – zum Abschied! Denn es war der letzte Aufenthalt ihrer gemeinsamen Reise. Morgen noch ein Tag des Sichumsehens, des Ausruhens ... dann ging es heimwärts.

Der Mond, der in klarkaltem Glanz am Himmel stand, zeichnete zitternde Schatten über die leer liegenden Straßen. Sterne zogen über den samtweichen Himmel, tauchten in seiner schwarzblauen Flut unter, waren wieder da ... neue kamen, zogen ihren flimmernden Weg, versteckten sich hinter grauen Schleiern, blinzelten mit sehnsuchtsvollen Augen durch sie hindurch.

»Wo werden wir wohnen? Im ›Bären‹, nicht wahr?«

»Nein, nicht im ›Bären‹! Das war einmal. Jetzt aber, wo sie das plumpe, geschmacklose Bankhaus ihm gerade vor die Nase gesetzt haben, daß es einem gleich beim Aufstehen, wenn man an das Fenster tritt, jede Poesie und Stimmung nimmt – in die ›Sonne‹ wollen wir gehen! Da grüßen die alten Giebel drüben vom Markt her, da wittert es noch nach Mittelalter und Romantik.«

Sie war oft gereist, war überall zu Hause. Er hatte es gleich gemerkt und fügte sich gern und ohne Widerspruch.

Dann war es wieder dasselbe wie in Schierke, in Halberstadt und überall: man hielt sie für ein junges Ehepaar auf der Hochzeitsreise, wollte ihnen das für solche Zwecke stets bereitgehaltene Staatszimmer einräumen, ihnen Blumen hinstellen.

Er hatte sich schon mit Humor dareingefunden. Ihr aber schien es weniger angenehm zu sein.

Dann kam das zweite: das Erstaunen und die in Wort und Haltung zum Ausdruck gebrachte Neueinstellung des ganzen Personals, sowie er ihren Namen auf dem Meldezettel vermerkte. Das war ihr schon angenehmer.

Sie liebte es, wie eine kleine Königin aufzutreten, als solche angesprochen und behandelt zu werden.

Er spielte dabei eine etwas untergeordnete Rolle, galt als ihr Reisemarschall, Kammerherr oder, wie ihn der Schierker Arzt damals kurzweg getauft, ihr »Begleiter«.

Aber er fand sich gern damit ab und ließ sie lächelnd gewähren.

Als sie am nächsten Morgen nach behaglich ausgedehntem Frühstück nach draußen kamen, hatte die Kälte, die noch in der Nacht geherrscht, nachgelassen. Ein eigener Duft lag über der Stadt, gab ihr einen Hauch von Vorfrühlingsstimmung.

Schnellen Schrittes wanderten sie dahin, verlangsamten ihn aber, als alte Gassen geheimnisvoll sich auftaten mit hohen, spitzen Giebeln und zierlich bunten Spitzweghäusern, die der Schnee mit allerlei wunderlichem Zierat geputzt hatte.

»Michael Alberti müßte das Herz im Leibe hüpfen«, meinte sie, »wenn er hier mit uns stünde.«

Und dann, die Hand erhebend und nach oben weisend, mit aufquellendem Entzücken: »Sehen Sie nur!«

Vor ihnen stieg es empor, baute sich über schräg abfallenden Dächern, über geduckten, eng sich kuschelnden Häusern auf grauer, rissiger Höhenplatte mit wuchtig kühner Phantasie auf, reckte das altersschwere und immer noch so aufrechte Haupt über alle Erdenkleine, alle Menschenenge in die wolkenlos blauenden Lüfte: das Schloß mit dem trutzig stolzen Dome!

»Zu Quedlinburg im Dome ertönet Glockenklang –« Wie aus einem Munde sprachen sie es vor sich hin, blieben andachtversunken stehen.

»In solch einer Stimmung und Beleuchtung habe ich das alles noch nie gesehen«, sagte sie. »Woran das wohl liegen mag?«

»An dem Schnee«, erwiderte er. »Der ist der große Winterkünstler, gibt allem eine ganz eigene Farbe und Gestalt.«

»Vielleicht auch an unseren Augen, die dasselbe immer ganz anders sehen ... je nach ihrer inneren Einstellung.«

»Gewiß ... es mag auch an ihnen liegen.«

Weiter gingen sie, jetzt ganz langsam, fast scheuen Fußes. Vorbei an Klopstocks stiller Wohnstätte, vorbei auch an sanft emporkletternden, behäbig bürgerlichen Häuschen mit Butzscheibenfenstern, hinter denen bunt blühende Blumen grüßten, am Finkenherd hinauf, waren hoch oben angelangt, ließen sich den frischen, lustigen Wind um den Kopf pfeifen, blickten auf durchlöcherte, abgerissene Mauernreste, blickten weiter ringsumher auf die in bläulich weichem Schimmer flimmernden, weithin sich streckenden Ausläufer des Gebirges, das hier, am Austritt der Bode, in steilen, manchmal schroffen Senkungen zum Tale abfiel.

Wie war die Welt so groß, so weit und schön! Man hätte beide Arme ausbreiten mögen, sie an sich zu ziehen und nicht mehr loszulassen.

Und doch – wenn er einmal, von all den bannenden Eindrücken fort, den Blick auf sie richtete, hatte er das Empfinden, als wäre ihre Stirn nicht mehr so frei, ihr Auge nicht mehr so klar, wie er es diese ganze Zeit hindurch gesehen.

Woran konnte es liegen?

Eine ältere Frau mit einem gewaltigen, in den dürren Händen rasselnden Schlüsselbund trat an sie heran: Ob sie sich einer Führung anschließen wollten, die gerade begänne?

Gewiß. Den alten Dom könnte man immer wieder sehen. Und wenn man ihn gar zum ersten Male sähe!

So wanderten sie durch düster sich öffnende Torbogen, durch Gewölbe, die uralte Staubäderungen erfüllten und muffiger Geruch durchdrang, durch bröcklige, zerfallene Galerien, stiegen steile, winklige Treppen hinauf, hinunter, standen an Sarkophagen und Gräbern, hörten geheimnisvoll graulige Sagen und Geschichten und atmeten erst auf, als sie wieder nach draußen traten, der Tag noch einmal so hell und die Sonne freundlicher lockte als je zuvor.

»Und jetzt werden wir in unseren behaglichen Gasthof gehen, ein gutes Mittagessen einnehmen und einen feurigen Burgunder dazu trinken!«

Freudig stimmte sie zu. »Suchen Sie nur das Allerbeste aus!« Und mit einem Hauch wehmütigen Humors setzte sie hinzu: »Es ist ja unser Henkersmahl.«

Sie saßen in dem alten Speisesaal, waren beide hungrig, auch ein wenig von dem Wandern und dem vielen Sehen ermüdet, ließen es sich trefflich munden –

Da trat ein Postbote ein, brachte ein dringendes, an Jobst Übinger gerichtetes Telegramm: »Erwarte Sie unter allen Umständen heute abend zurück. Rittland.«

Schweigend reichte er es ihr hinüber.

»Wenn der Vater in dieser Weise an Sie drahtet«, erwiderte sie nach einer nachdenklichen Pause, »muß etwas vorgefallen sein.«

»Es wird irgendeine geschäftliche Angelegenheit sein«, beruhigte er sie. »Vielleicht ein Auftrag, zu dessen Ausführung er mich notwendig braucht. Da will er sich meiner Rückkehr auf jeden Fall versichern.«

»Glauben Sie an Vorahnungen?« fragte sie, und ihr Auge war in ängstlicher Spannung auf ihn gerichtet. »Ich sonst auch nicht. Aber seltsam! Da oben auf dem Schlosse kam in all dem Schönen plötzlich eine ganz eigene Stimmung über mich. Beinahe war es wie eine ungewisse Angst –«

Deshalb also! dachte er bei sich, sagte aber nichts.

»Wir müssen so schnell wie möglich fahren!«

»Es hat keinen Zweck. Vor vier Uhr geht kein Zug. Wir haben also noch über zwei Stunden Zeit.«

»Könnten wir nicht einen Wagen nehmen?«

»Wir würden bei den schlechten Wegen nichts gewinnen, eher später eintreffen. Die Verbindung ist gut. Gegen Abend sind wir in Braunschweig.«

»Aber dies lange, quälende Warten!«

»Ich hätte Sie wirklich nicht für so furchtsam gehalten!«

Sein Wort schien sie zu verdrießen. Sie sagte aber nichts mehr.

Er bestellte Kaffee, und sie zündeten sich ihre Zigaretten an.

Nun ging seine Ruhe auch auf sie über. Sie unterhielten sich über ihre Reise, tauschten ihre Eindrücke, ja, lachten bei der Erinnerung an einige komische Erlebnisse mehrere Male hellauf.

Und doch merkte er, daß ihre Gedanken unentwegt bei der eben erhaltenen Drahtnachricht waren.

Er sagte es ihr.

Aber sie bestritt es. »Das war nur im ersten Augenblick. Jetzt bin ich völlig ruhig.«

Und doch geschah es kurz darauf, daß sie ihn ganz unvermittelt fragte:

»Im Werk ist doch alles in Ordnung, und Sie machen sich auch keine Sorgen?«

Er geriet in einige Verlegenheit. Gerade ihr gegenüber war er nicht gern unwahr.

Aber sie enthob ihn jeder Antwort.

»Wenn ich daran denke«, fuhr sie unbekümmert fort, »was der Vater geschaffen! Dies Riesenwerk, das sich den besten in Deutschland getrost an die Seite stellen kann! Und alles aus eigener Kraft, durch eigenen Willen! Daß er es jetzt in eine Aktiengesellschaft verwandelte, war mehr Klugheit als Vorsicht oder gar Notwendigkeit – glauben Sie das nicht auch?«

Und wieder ging sie über sein Schweigen hinweg.

»Schließlich ist es doch die Persönlichkeit, die alles schafft und hinter allem steht. Das andere ist nur Form, ist Nebenwerk. Sie aber ist die Seele.«

Er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Als hörte er Klaus Rittland selber sprechen.

Eine kurze Weile besann er sich.

»In einer Zeit wie dieser«, wandte er dann ein, »muß man für alles gerüstet sein. Und je größer heute ein Unternehmen ist, um so gefährdeter ist es.«

Sie horchte auf.

»Rittlands Werk steht fest«, sagte sie zuversichtlich.

»Nichts steht so fest, daß es nicht einmal wanken könnte.«

»Wenn das geschähe –« sie brach ab, »– so würde es der Vater nicht überleben«, setzte sie leise, aber sehr schnell hinzu. »Und ich auch nicht.«

»Soweit ich ihn kenne, wäre Fahnenflucht seine Sache nicht. Und die Ihre wohl auch kaum.«

»Nein ... nicht Fahnenflucht!« entgegnete sie. »Zusammengehörigkeitsgefühl mit ihm, Kameradschaft bis in den Tod!«

Jetzt erst erkannte er, wie sie ihren Vater liebte, wie sie seine Tochter blieb im Leben wie im Sterben.

Und ein Gedanke stieg in ihm auf, ein wunderlicher, absonderlicher Gedanke: Es mußte schön sein, so von ihr geliebt zu werden!

Gab es so etwas überhaupt?

Er hatte es nie gekannt, war unberührt von Leidenschaft und Liebe durch das Leben gegangen. Zitterte er in diesem Augenblick davor, es jemals kennenzulernen?

Da sah er, wie sie in der für sie bezeichnenden Bewegung den Kopf in den Nacken warf, als wollte sie etwas abweisen, mit ihm fertig werden.

»Wozu sprechen wir eigentlich von alledem? Das dumme Telegramm hat diese Gespenster geweckt. Dem Himmel sei Dank, daß es nur Gespenster sind. Denn Rittlands Werk steht fest!«

Sie wiederholte es mit einer merkbaren Absichtlichkeit, ja, mit einem gewissen Trotz, als wollte sie den letzten Widerspruch abschneiden.

»Die Mutter war sehr reich«, fuhr sie fort, »hat ihr ganzes großes Kapital in das Werk gesteckt. Deshalb hat es der Vater auch so weit ausbauen, so großzügig verwalten können. Und wenn, wie Sie vorhin wohl andeuten wollten, in dieser wirtschaftlich schweren Zeit wirklich einmal eine Hemmung eintreten sollte, dann – nun dann müßte der Vater wieder heiraten. Aber eine sehr reiche Frau, so reich, wie die Mutter war.«

Einigermaßen staunte er doch über diese gesund nüchterne Erwägung, diese wohldurchdachte Spekulation mit der Hand ihres Vaters.

»Solch eine Frau findet sich heute nicht so leicht«, erwiderte er lächelnd, »zumal Ihr Herr Vater doch auch, wie er mir selber einmal sagte, die Fünfzig erreicht hat.«

Aber da kam er schlecht bei ihr an.

»Den Vater nimmt jede! Das jüngste und das reichste Mädchen kann er heiraten. Nein, die Jahre machen es nicht ... besonders heute nicht, wo es ein Alter überhaupt nicht mehr gibt. Auf eins nur kommt es an: ein Mann zu sein. Und das ist der Vater. Und niemand wird es ihm abstreiten. Ich habe es jetzt ja erst erlebt, als Erika Mangold, die nicht nur jung und schön, sondern eine von allen gefeierte Sängerin ist –«

Mitten im Satz brach sie ab. Sie war zu offenherzig geworden. Schließlich war es ein Fremder, der ihr da gegenübersaß. Und es war ihre Art nicht, Geheimnisse ihres Hauses preiszugeben.

Er dachte nicht daran, sie zu fragen oder gar etwas aus ihr herauszuholen, was sie ihm nicht freiwillig anvertrauen wollte.

»Ich habe davon gehört«, sagte er deshalb kurz. »Und wenn es auch nur in Andeutungen geschah –«

Seine Offenheit änderte ihr Verhalten.

»Ich glaube es. Es ist ja kein Geheimnis mehr. Die ganze Stadt kennt und beredet es. Weshalb soll ich deshalb nicht zu Ihnen darüber sprechen. Der Vater liebt sie. Ich weiß es. Und sie liebt ihn ebenso ... heute noch. Auch das weiß ich. Er hatte vor, sie zu heiraten; es war sein voller Ernst. Er hatte es ihr bereits versprochen. Ich verhinderte es.«

»Ob Sie recht daran taten?«

Ein heißer Unwille stieg in ihren Augen auf, blitzte befremdet zu ihm hinüber.

»Ob ich recht daran tat? Ein Rittland, den die ganze Industrie, der ganze Landadel unserer Umgebung mit offenen Armen aufgenommen hätte, eine Theatersängerin, die Tochter eines im Bankerott gestorbenen Kaufmanns –!«

Das war ihm zuviel. Jede Äußerung ihres Hochmuts hatte er, als nun einmal zu ihr gehörig, willig, manchmal mit einer Geduld, die ihm nicht ganz leicht wurde, hingenommen, sie mit ihrer Art, den Verhältnissen, in denen sie aufgewachsen war, entschuldigt. Jetzt aber, wo sich dieser Hochmut gegen eine andere wandte, die er schätzte und die sich nicht verteidigen konnte, erwachte seine Ritterlichkeit.

»Ich finde, daß Sie lieblos urteilen.«

Und dann: »Ich kenne Fräulein Mangold jetzt beinahe ein Jahr und bin überzeugt, daß sie Ihres Vaters würdig gewesen und ihn glücklich gemacht hätte –«

»Als seine Geliebte – aber nicht als seine Frau!«

Hart und schneidend kam es von ihren Lippen. Sein Widerspruch hatte sie gereizt.

»Ich bezweifle, daß sich Fräulein Mangold zu einer solchen Rolle hergegeben hätte.«

»Nein, das hätte sie nicht getan. Weshalb aber weist sie andere Bewerber ab? Weshalb den jungen Alberti, der sie über alles liebt und sie zu seiner Frau machen will?«

»Vielleicht, weil sie noch zu sehr an Ihrem Vater hängt, sich innerlich noch nicht von ihm losmachen kann. Ich finde, auch das spricht nur für sie.«

»Aber es schürt den Konflikt und macht den jungen, feurigen Menschen zum Feind meines Vaters.«

Er wollte erwidern. Da trat der Wirt an ihren Tisch:

»Wenn die Herrschaften den Vieruhrzug benutzen wollen, wäre es Zeit. Der Wagen steht bereits vor der Tür.«

Es war etwas zwischen sie getreten. Der warme Ton, das Anklingen innerer Beziehungen, die diese Reise in ihnen erzeugt hatte, war einer kühlen Höflichkeit, einem lastenden Schweigen gewichen.

Sie empfanden es die ganze Heimfahrt hindurch und konnten es beide nicht ändern, wenn sie es vielleicht auch gern gewollt hätten.

* * *

 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.