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Die letzte Karte in der Hand

Artur Brausewetter: Die letzte Karte in der Hand - Kapitel 7
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDie letzte Karte in der Hand
publisherOtto Janke, Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201610
projectid9ed5d492
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Was, zum Donnerwetter! War er wirklich in das streng verwahrte Allerheiligste Klaus Rittlands eingedrungen?

Wie war ihm das nur gelungen? Wie hatte er es möglich gemacht?

Rittland mochte sich noch so geschickt verstecken, er sah ihn doch in seinem weiten weißen Mantel und der spitzen roten Mütze mit der hellgrünen Quaste auf dem mächtig gewölbten Schädel.

In der Hand aber hatte er ein brodelndes Gefäß, bis obenan mit Salzsäure gefüllt, dem weißgelbe Gase in dichten Dämpfen entstiegen und dem er so etwas wie Schwefelleber beimischte.

Nun holte er aus einer in die Erde gegrabenen Grube einen Brei von abgelöschtem Kalk herbei. Richtig! »Calcium hydroxyd«, hieß es nicht so in der Fachsprache? Das brachte er mit der dämpfedurchzogenen Luft in Berührung. Und aus der Kalksinterung sonderten sich feine kristallinische Häutchen aus, krochen in kleinen Faserungen wie Schlangen unter der Decke hin.

Da unten, tief in der Erde, aber öffnete sich wiederum eine geheimnisvolle Grube. Ein herrlich geformtes nacktes Weib von goldleuchtenden Farben entstieg ihr.

So wie Klaus Rittland sie sah, trat er raschen Schrittes hinzu, grüßte sie mit ehrfurchtsvoller Verneigung, nahm aus seinem Zaubergefäße allerlei seltsame Dinge: gelbe Ocker, rote Eisenoxyde, grüne Erden, buntschillernde Kupferglasschmelzen, auch ein wenig gebranntes, in Öl fein verriebenes Elfenbein, und das alles streute er in schnellen Mischungen über die auferstandene Frauenfigur.

Es mußte glutheiß sein, denn immer dichtere Dämpfe entstiegen dem aufzischenden Gefäß, erfüllten das ganze weite Gemach, schwebten in seltsamen Gebilden hin und her, ballten sich zusammen, lösten sich wieder, tanzten bald wie leichtbeschwingte Elfen, bald wie ungeheuerliche Riesen mit langwallenden Zottelbärten, dann wieder wie groteske, buschige Zwerge um das schöne nackte Weib.

Es war aus Stein oder aus Bronze, man konnte es bei diesen unaufhörlich hin und her wallenden Nebeln beim besten Willen nicht entscheiden.

Aber es war so lebensvoll und von so jugendlicher Frische und Anmut – und seine Züge ... ja, waren das nicht die goldbraunen Augen, das stolzübermütige Profil von Rittlands Tochter und ihre schlanke, schöne Gestalt?

Aber die pechschwarzen Haare mit dem roten Nelkenkranz, die gehörten einer andern, der lieblichen Sängerin – –

Ja ... wo war er denn?

Hell und heiß war es um ihn her. In den Heizungskörpern, an den schlicht gestrichenen Wänden tickte und gluckste es, und durch kleine, einfach gerahmte Fenster äugte eine matte Sonne.

Er rieb sich die Augen. In dem kleinen Touristenzimmer des Hotel Waldfrieden lag er im behaglichen Bette ausgestreckt und mußte prachtvoll geschlafen haben, denn es war bereits spät am Morgen, vielleicht schon gegen Mittag hin.

Und was für ein hirnverbranntes Zeug er geträumt hatte! Von dem Werk und Klaus Rittlands verschwiegenem Laboratorium.

Aber war es wirklich ein so hirnverbranntes Zeug? Ja, war es überhaupt ein Traum?

War es nicht vielmehr eine Art seltsamer Vision, wie man sie im halbwachen Dämmerzustand in noch nicht erwecktem Unterbewußtsein wohl empfindet?

Schließlich war es doch ein ganz übersichtlicher chemischer Prozeß gewesen, dessen Sinn und Zweck ihm zwar dunkel geblieben, den er aber doch unter allen phantastischen Verschnörkelungen klar und mit voller Deutlichkeit verfolgt hatte?

War diese seltsame Vereinigung von Phantasie und Wirklichkeit nicht auch eine Eigentümlichkeit des Traumes? Wo liegen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Erscheinung? Wer will sie trennen? Wer sagen: Hier ist Wahrheit, und dort ist Traum?

Zuletzt webt alles ineinander, vereint sich, scheidet sich, und wir stehen vor undurchdringlichen Schleiern, die weder unser Wissen noch unser Suchen lüftet.

Aber das von Rittlands Tochter?

Ja, sollte denn auch das ein Traum gewesen sein? Daß er gestern erst –?

Nein, jetzt war alles klar und licht in ihm. Die ganze Brockenwanderung mit ihren eisglitzernden Tannen und Pfaden, ihren brauenden Nebeln und groteskzottigen Wolkengebilden, das alles hatte sich im Traum wider ihn verschworen.

Aber nun war es Tag, und sein erster Gedanke galt seiner Reisegefährtin. Wie mochte es ihr gehen? Ob sie so gut geschlafen hatte wie er? Oder ob der Verband und der verletzte Fuß –?

Er war aufgesprungen und hatte die beiden Fensterflügel weit geöffnet, weil die Hitze in dem kleinen Zimmer allmählich unerträglich geworden war.

Draußen rieselte ein leichter Schnee, fiel langsam, von keinem Hauch getrieben, zur Erde nieder. Weich, fast schon warm schien die Sonne dazwischen. Ernst und gravitätisch hoben sich am Horizont die Linien der Hügel, Tannen, wie mit weißer Wolle betupft, als wären sie von Weihnachten stehengeblieben, reckten die Häupter. Die Winterstille eines wohltuenden, unzerstörbaren Friedens war um ihn, der lösend und erquickend gleichsam bis in die Seele drang.

Als er nach unten kam, standen auf der Diele bereits die Koffer von Fräulein Rittland, die eben eingetroffen waren. Der Pförtner begrüßte ihn mit fast ehrerbietiger Höflichkeit und sagte ihm, daß ein Zimmer für ihn im ersten Stock frei gemacht wäre, in nächster Nähe der Räume des gnädigen Fräuleins. Er aber lehnte ab: er könnte nirgends besser aufgehoben sein als in dem stillen Nebenhause und dem gemütlichen kleinen Touristenzimmer.

Dann kam das Schönste auf solchen Reisen: das erste Frühstück, das man, losgelöst von jeder Arbeit und Sorge des bevorstehenden Tages, in aller Muße und Behaglichkeit einnimmt, die unvergleichlichen Leckerbissen, die einem da von flinker Hand mundgerecht hingestellt werden.

Einen Augenblick schwankte er, ob er sich schon jetzt bei seiner kranken Reisegefährtin melden, sich nach ihrem Befinden erkundigen sollte. Aber sie lag vielleicht noch im Bett, und er würde sie stören.

So begnügte er sich damit, durch das Zimmermädchen Erkundigung nach ihrem Befinden einzuziehen, nahm, nachdem er günstigen Bescheid erhalten, Mantel, Hut und Stock und trat nach draußen.

Unvergleichlich schön war der Tag. Träge, träumerisch beinahe spielten große weiße Flocken durch die Luft, spiegelten sich im heller gewordenen Licht der Sonne, ließen sich in den Halden oder am Wegrand nieder wie kleine Vögel, die vom Himmel zur Erde niederfliegen, ihr schützendes Obdach suchend.

Da fiel ihm ein, daß es der letzte Tag des Jahres war. Eine seltene Stimmung kam über ihn.

So hatte er diesen Tag noch nie begangen. Hier, inmitten der schneeverhüllten Berge, der Mauern eisstarrender Tannen, die wie ein Bild der Ewigkeit anmuteten und deren schweres Rauschen die Melodie der Ewigkeit spielten: »Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist.«

Nun merkte er doch, daß er tüchtig gestiegen war. Aber das Gefühl, dem Körper einmal etwas zugemutet und ihn gut durchgearbeitet zu haben, hatte etwas Wohltuendes, und die Ermüdung war Erquickung.

Langsam schlenderte er dem Dorfe zu, sog in beglückten Atemzügen die balsamische Luft tief in sich hinein, freute sich der jugendlich geschmeidigen Gestalten aller möglichen Wintersportler, die ihm mit Skieren und Bobsleighschlitten entgegenkamen, fühlte sich in seinem gemächlichen Spaziergang fast als alter Herr unter ihnen und war auch mit dieser Rolle zufrieden.

Der Schneefall ließ nach, hörte ganz auf. Siegreich brach die Sonne durch die letzten milchigen Schleier, lag mit gleißendem Glanz über den granitenen Klippengebilden weit umher, deren phantastische Form unter der dichten Schneedecke wundervoll hervortrat.

Als er weiterschritt und das Dorf hinter sich hatte, sah er, wie eherne Wächter im pelzverbrämten Kleid, die Feuersteinklippe, Ahrentschlint und Königinkapelle in die klare, kalte Luft ragen.

Auf dem Heimweg trat er in einen Gärtnerladen, wählte einige verschiedenfarbige knospende Rosen aus, hieß sie mit Farnkraut zu einem duftigen Strauße binden, fügte seine Karte bei und gab Auftrag, sie unverzüglich ins Hotel an Fräulein Rittland zu senden.

Dabei wurde er inne, daß er sich während seiner einsamen Wanderung im Unterbewußtsein immer mit ihr beschäftigt hatte.

Nun gut! Auch das mochte in die wunderbare Ferienstimmung und die Winterpoesie dieses letzten Tages des Jahres passen! Dabei kam ihm das Gespräch in den Sinn, das er am Vorabend seiner Wanderung mit seinem Jugendfreunde Dietrich Rockert gehabt, und die Warnung, die ihm dieser mit auf den Weg gegeben hatte.

Er summte ein Liedchen vor sich hin und lächelte ... über sie, über sich selber. Es lag heute eben in allem ein eigener, unverstohlener Reiz.

*

Erst gegen Abend, als er von einem zweiten ausgiebigen Spaziergange zurückkehrte, ließ er sich bei Gerta Rittland melden.

»Es ist sehr freundlich, daß Sie sich nach mir umsehen«, empfing sie ihn und streckte ihm mit lässiger Bewegung die Hand entgegen.

Sofort merkte er, daß sie ihn früher erwartet hatte und verstimmt war, daß er jetzt erst kam.

Wie gestern lag sie auf ihrem Diwan, in derselben ungezwungenen, ein wenig müden Haltung, mit demselben blassen Gesicht, in dem ein Zug von Ungeduld war, wie ihn Menschen bald annehmen, die, an Leiden nicht gewöhnt, gerade durch die kleinsten um ihr Gleichgewicht gebracht werden.

Statt des Sportanzugs trug sie ein schwarzes, leicht fließendes Pyjama mit phantastisch eingewirkten Blumen, das sie den umherstehenden, weit geöffneten Koffern entnommen haben mochte.

Auf einem gepolsterten Hocker lag der Blumenstrauß, den er ihr geschickt hatte, und die kleinen, kaum entfalteten Rosen, die heute morgen noch so frisch geduftet, ließen traurig die Köpfchen sinken, weil man ihnen kein Wasser gegeben hatte.

Er ließ sich nicht das geringste merken, rechtfertigte sich auch nicht wegen seines späten Besuches, sondern fragte nur nach ihrem Befinden.

»Mit dem Fuß geht es einigermaßen. Der Streckverband scheint ihm gut getan zu haben, wenn er auch reichlich unbequem ist. Doch das wäre schon zu ertragen. Aber diese Öde und Langeweile! Und nicht einmal ein Buch, das einen ein bißchen zerstreuen könnte!«

»Sollte hier im Hause keins aufzutreiben sein?«

»Ich lese keine Bücher, die andere in Händen gehabt haben.«

»Ich kaufte mir eben ein paar Zeitungen. Wenn ich Ihnen damit dienen kann.«

Sie entfaltete die Blätter, die er ihr reichte. Gleichgültig flog ihr Auge über sie dahin, bis es von einer fettgedruckten Stelle gefesselt wurde.

»Wie interessant! Man hat in Florenz einen Donatello entdeckt! Und einen Mino da Fisole! Das wird etwas für Vater sein!«

Seltsam! Sowie sie das sagte, fiel ihm sein Traum ein. Und ihm war, als stünde Klaus Rittland vor ihm, leibhaftig, wie er ihn in der Nacht gesehen hatte in seinem weißen Mantel und dem roten Spitzhut.

Er wollte ihr davon erzählen. Ein unbestimmtes Gefühl hielt ihn zurück.

Nun las sie ihm den Artikel vor, schnell zuerst und ein wenig nebenhin, zwischen den tiefschattenden Wimpern ab und zu einen kurzen Blick zu ihm hinübersendend. Dann langsamer und hörbar aufmerksam.

»Sie interessieren sich auch für die antike Kunst?«

Er fragte es nur, um etwas zu sagen. Denn seine Gedanken gingen immer noch ihre eigene Bahn.

»Nein«, entgegnete sie in ihrer kühlen Offenherzigkeit, »an sich gar nicht. Aber alles Neue und Kühne macht mir Freude, wie es in solchen Entdeckungen immer enthalten ist. Auf welchem Gebiete sie liegen, ist mir gleichgültig. Aber mein Vater lebt in diesen Dingen. Daher ja auch seine Freundschaft mit Alberti, auf den er große Stücke hält.«

»Deshalb hat Ihr Herr Vater seine Skulpturen wohl auch öfter auf seinem Werk. Seine Ariadne wenigstens habe ich selber –«

Er vollendete den Satz nicht. Ohne daß er es wollte, war er ihm über die Lippen gekommen.

Oder vielleicht doch nicht? Lag ihm irgendeine Absicht zugrunde, die ihm erst in der Sekunde aufgestoßen war, als er ihn aussprach?

Ein plötzlich aufglimmender Argwohn? Ein Zweifel auch an ihr?

»Gewiß«, erwiderte sie nachsinnend. »Ich habe sie ja auch gesehen. An jenem Frühlingsabend, als ich mit dem jungen Alberti bei Ihnen war, das Werk zu besichtigen. Sie waren damals nicht allzu liebenswürdig. Wir kamen Ihnen wohl wenig zu paß. Das schadet aber nicht. Ich mag die allzu liebenswürdigen Menschen nicht. Ich habe genug von ihnen.«

In einer Unbefangenheit sagte sie es, die alles durcheinanderwirbelte und aussprach, wie es ihr gerade in den Sinn kam ... nein, sein Argwohn war unbegründet! Worauf in aller Welt baute er ihn noch? Wie kam er auf ihn?

»Der junge Alberti war damals ganz sonderbar«, fuhr sie fort, jetzt wieder ernst und nachdenklich. »Die Sache mit der Statue wollte ihm nicht aus dem Kopf. Er ist sonst ein netter und nicht uninteressanter Junge, der schon viel in der Welt herumgewesen ist und gut erzählen kann.«

»Für mich ist er zu jung, wohl auch ein zu großer Hitzkopf.«

»Sehen Sie, das gerade habe ich gern an ihm. Seine Feueraugen gefielen mir von der ersten Stunde an, da ich ihn kennenlernte. Wenn ich sie ansehe, dann denke ich: Betröge man ihn, er würde einen auf der Stelle ermorden – ja, das traue ich ihm zu. Das würde er tun.«

Er sah sie erstaunt an. Was waren das für seltsame Gedanken, die sie da aussprach?

»Zuzutrauen ist ihm alles«, entgegnete er.

»Und deshalb halten Sie sich als vorsichtiger Mann zurück. Ich aber suche die Gefahr. Sie ist das einzig Interessante am Leben. Ich habe das wohl vom Vater. Wir ähneln uns in vielen Stücken. Finden Sie das nicht auch?«

»Ich habe darüber kein Urteil.«

In ihren Augen zuckte es auf.

»Ihre Zurückhaltung mag ja an sich klug und männlich sein«, erwiderte sie, und ein gereizter Ton klang durch ihre Worte. »Allmählich aber, nehmen Sie es mir nicht übel, wird sie langweilig.«

»Und doch muß ich bei meinem Wort bleiben. Ihren Vater kenne ich als hochbefähigten Leiter eines großen Unternehmens und als klugen Geschäftsmann. Als Menschen kenne ich ihn nicht.«

»Wer kennt den anderen?« gab sie achselzuckend zurück. »Meistens will man ja auch gar nicht gekannt sein. Weder von sich selber noch von einem anderen. Und doch glaube ich Ihnen nicht. Ich bin fest überzeugt, daß Sie sich ein ziemlich genaues Bild von meinem Vater gemacht, daß Sie über ihn nachgedacht haben, sehr oft sogar, wie es jeder muß, der mit ihm in Berührung kommt. Und jetzt werden Sie mir auch sagen, offen und rückhaltlos sagen, was Sie von ihm halten.«

»Und weshalb sollte ich es tun?«

»Weil ich Ihr Urteil haben will – haben muß! Gerade das Ihre, Sie sind jeden Tag mit ihm zusammen. Und Sie haben etwas Durchschauendes. Ich habe es gemerkt an jenem Abend, als Sie mich durch das Werk führten. Was Sie mir da erklärten, war mir nichts Neues. Ich kannte es alles schon. Aber Sie waren mir etwas Neues. Ich war solch einem Manne bisher nicht begegnet.«

Sie stützte die beiden Ellenbogen auf den kleinen, vor ihr stehenden Tisch, grub den Kopf in ihre Hände und blinzelte mit den halbgeöffneten Augen zu ihm hinüber.

Er stutzte. Wieder fielen ihm Dietrich Rockerts Worte ein.

»Wenn Sie meinen, daß ich etwas Durchschauendes habe«, erwiderte er in fast abweisender Höflichkeit, »so kann ich darauf nur antworten, daß es Ihrem Vater gegenüber versagt. Es ist ein Etwas in ihm, hinter das man nicht kommen kann. Manchmal erscheint er mir wie die Verkörperung der Unruhe, die heute die ganze Welt erfüllt. Und die einzige Erklärung hat mir Ihr Wort gegeben, daß er die Gefahr sucht.«

Er sah, wie sie die Arme fester stützte, den Kopf tiefer grub.

»Ich liebe meinen Vater«, sagte sie leise, als spräche sie es gar nicht zu ihm, sondern zu sich selber hinein. »Ich liebe auch seine Schwächen, sein Spielen mit dem Leben und der Gefahr. Und deshalb ist eine Furcht in mir, eine unbestimmte, aber quälende Furcht –«

»Furcht? Wovor?«

»Vor etwas, das kommen kann, kommen wird ... ganz sicher und unaufhaltsam kommen wird!«

Jetzt sah auch er sie an ... voll und unbewußt vielleicht zum erstenmal während des ganzen Gesprächs, denn bis dahin hatte er es geflissentlich vermieden. Nun aber erblickte er einen Zug in ihrem Gesicht, den er noch nie bemerkt hatte. Ja, es war wirklich etwas wie Furcht in ihm ... die Furcht eines Kindes vor dem Dunkel.

»Herr Übinger!« sagte sie plötzlich. »Würden Sie mir in dieser Stunde versprechen, den Vater zu schützen, wenn – nun wenn irgend etwas an ihn herantreten sollte, das ihm Gefahr droht? Zu schützen unter Umständen – vor ihm selber?«

Er wußte nicht, was er ihr entgegnen sollte, wußte noch weniger, welch eine seltsame und unerwartete Wendung ihr Gespräch genommen. Aber in ihren Worten lag etwas, vor dem es ein Ausweichen nicht gab.

»Ich weiß zwar nicht«, erwiderte er, sich jetzt bereits zu einer Ruhe zwingend, die nicht mehr in ihm war, »wie ich in die Lage kommen sollte, mein Versprechen einzulösen. Jedenfalls gebe ich es Ihnen.«

»Ich danke Ihnen«, sagte sie und reichte ihm die Hand.

Weich und fest zugleich lag sie in der seinen. Ein warmer Blutstrom ging von ihr aus, teilte sich ihm mit, floß in ihn hinüber.

Da pochte es an die Tür. Das Zimmermädchen brachte auf einem großen Auftragebrett das appetitlich gerichtete Abendbrot.

Er stand auf und wollte sich empfehlen. Und es war ihm recht so.

Sie aber ließ ihn nicht gehen.

»Jetzt werden Sie mich verlassen?« fragte sie mit dem leicht schmollenden Tone eines Menschen, der nicht gewöhnt ist, daß man ihm etwas abschlägt. »Haben Sie vergessen, daß heute Silvester ist? Ich habe diesen Abend noch nie allein verlebt und gedenke, es heute am wenigsten zu tun. Wir werden zusammen zur Nacht essen und nachher ein wenig plaudern.«

Und ohne seine Antwort abzuwarten, zu dem Mädchen:

»Herr Übinger wird hier oben speisen. Bringen Sie noch ein Gedeck. Und nachher, wenn ich läute – Sie wissen, nicht wahr?«

»Jawohl, gnädige Frau!«

Mit schlichter Anmut machte sie die Wirtin, legte ihm von den verschiedenen Schüsseln auf, schenkte ihm den Tee ein.

»Und jetzt werden wir unseren Silvesterpunsch trinken! Lassen Sie nur! Es ist alles vorbereitet. Wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollen, auf den Knopf zu drücken!«

Kaum hatte er es getan, da erschien wiederum das Mädchen und brachte in einer alten Meißner Terrine, die man gewiß ihr zu Ehren dem Hausschatze entnommen hatte, einen dampfenden, wundervoll duftenden Punsch.

»Sie können ihn mit Vertrauen trinken«; sagte sie. »Er ist auf meine genaue Anweisung gemacht. Ich bereite ihn immer zu Hause. Der arme Vater! Wo wird er heute seinen Silvester feiern?«

Da war sie wieder bei dem einen Thema, das sie am heutigen Abend allein zu beschäftigen schien.

»Sie sprachen vorhin«, fuhr sie fort, jetzt wohl in dem Wunsche, abzulenken, »von der Unruhe, die heute die ganze Welt erfüllt. Da haben Sie eine treffende Bemerkung gemacht. Es ist wirklich eine Unruhe in der Welt, die alle ergriffen hat, die Alten – vielleicht noch mehr die Jungen. Auch ich kann mich von ihr nicht freisprechen, und die äußere Ruhe, die ich zeige, ist vielleicht nur dazu da, die innere zu verbergen.«

»Ganz ähnlich geht es mir«, erwiderte er, erfreut über ihre Offenherzigkeit. »Ja, ich bin der Ansicht, daß unsere ganze Entwicklung förmlich auf diese Unruhe hindrängt, daß wir alle mehr oder minder von ihr infiziert sind.«

»Aber woher kommt sie? Ich meine: wie soll man sie erklären?«

»Aus unserer Zeit heraus. Die letzten Jahrzehnte, die wir durchlebt, haben niemand befriedigt. Niemand weiß, was kommen soll. Wir haben keine Geduld mehr, und wir bilden uns ein, nirgends und für nichts mehr Zeit zu haben. Wir können nichts der langsamen Entwicklung, dem natürlichen Reifen überlassen. Aus dieser Unrast folgt ein Sensationshunger, der die ganze Kulturwelt ergriffen hat und der anfängt, sie aufzureiben.«

»Und dieser Sensationshunger, wie Sie ihn nennen?«

»Auch er kommt aus der Zerrissenheit aller Verhältnisse und aller Normen, die uns früher einmal feststehend erschienen und die jetzt ins Wanken geraten sind. Wir spüren die Gefahr, die uns überall umgibt. Aber wir sind ohnmächtig, sie zu beschwören –«

»Vielleicht, weil wir es gar nicht wollen!« unterbrach sie ihn lebhaft. »Denn wie? Wenn nun gerade dieser Zustand der Zerrissenheit aller Verhältnisse die alleingültige Lebensnorm wäre?«

»Die allein gültige Lebensnorm? Für wen? Für Sie?«

»Nun ja ... für die ganze heutige Jugend – und auch für mich!«

Es war wie eine Auflehnung in ihren Worten, die ihn erschrecken ließ. Zugleich erwachte der gesunde Sinn in ihm, forderte seinen Widerspruch heraus.

»Es mag sein, daß das neue Geschlecht bereits so in die Zerrissenheit unserer heutigen Verhältnisse hineingewachsen ist, daß diese ihm als die allein gültige Lebensnorm erscheint. Aber das ist doch wohl ein ungesunder Zustand –«

»Ob gesund oder ungesund, das ist gleichviel. Aber er ist der natürliche.«

»Auch das bezweifle ich.«

»Nun gut. Was würden Sie denn dem neuen Geschlecht als Lebensnorm verkünden?«

»Das Sichwiederfinden aus aller Zersplitterung und Zerrissenheit zu sich selber, zu der Pflicht und Arbeit, die einem verordnet ist. Sie ist, um mit einem Wort Ihres Vaters zu reden, die einzige Karte, die wir in der Hand halten werden, wenn alle anderen verspielt sind.«

Sie kräuselte die Lippen.

»Aber wenn man beides nicht hat? Weder Pflicht noch Arbeit?«

»So soll man es suchen.«

»Das kann man, wenn man alt und weise geworden ist. Vielleicht aber ist es gar nicht gut, weise zu sein. Denn mit der Weisheit allein kann man diesem Leben doch wirklich nicht beikommen. Dazu ist alles an ihm zu kraus und verworren.«

»So soll man um so mehr bemüht sein, es wieder in die alte Ordnung zurückzuführen.«

»Ich meine, man soll es nehmen, wie es ist ... ohne die vielen Skrupel und Fragen, bei denen doch nie etwas herauskommt. Soll es beim Schopfe fassen und es genießen, solange man jung ist.«

»Und worin bestünde dieses Genießen?«

»In der Rückkehr zum ursprünglichen Triebleben, das unsere Kultur ausgerottet hat. Aber in ihm allein, so dünkt mich, liegt die erhöhte Lebenskraft, die niemand so nötig braucht wie der Mensch unserer Tage – insbesondere die Frau.«

»Selbst auf die Gefahr hin, Ihnen altmodisch zu erscheinen, möchte ich dem entgegenhalten, daß nach meiner Meinung das Schicksal der Frau und auch ihr Wert in etwas anderem liegt: in der Beschränkung ihrer Natur.«

»Es gibt aber auch eine triebstarke, entschlossene Frauennatur, die aus der Gebundenheit ihres Geschlechtes herausstrebt, weil sie den elementaren Trieb nach erhöhter Bewegungsmöglichkeit in sich spürt. Sie wird keinen Augenblick zaudern, sich über unerträgliche Schranken zu erheben in den Bereich des höheren Menschentums.«

»Also eine Lichtsehnsucht!« warf er mit leichter Ironie ein.

»Die bei der Frau eine ganz bestimmte Gestalt annehmen wird.«

»Wonach, wenn ich fragen darf?«

»Nach dem Manne!«

Nun war er doch einigermaßen erstaunt.

»Eine solche Ansicht, ich muß es gestehen, hätte ich bei Ihnen nicht vermutet«, sagte er mit einem Lächeln.

»Und weshalb nicht?«

»Weil ich Gelegenheit hatte zu sehen, in welcher Art Sie mit den Männern umgehen, mit welcher Überlegenheit Sie ihnen begegnen.«

»Sind das Männer?« gab sie verächtlich zurück. »Liebe, nette Jungen sind's wie der kleine feurige Alberti oder Ihr wohlerzogener Freund Rockert. Nein, wenn ich von einer ursprünglichen Sehnsucht der Frau sprach, dann meinte ich etwas anderes: ein unbewußtes Verlangen in ihr nach etwas Größerem, Stärkerem als sie es selber besitzt, gleichviel als was es sich zeigt: als Kraft, Geist oder Sittlichkeit. Ihrer Natur nach wird sie es im Manne suchen.«

Ihre Ansichten kamen aus zwei verschiedenen Welten, prallten gegeneinander. Sie fühlten es. Doch niemand wollte die seine aufgeben.

»Aber ist das eine Silvesterunterhaltung?« fragte sie unvermittelt. »Kein Wunder. Wir haben beide nichts zu trinken.«

Er entschuldigte seine Unachtsamkeit und füllte die Gläser – da drang unten von der Diele her gedämpfte Jazzmusik zu ihnen empor. Man feierte den Abschied des alten Jahres mit einem Silvesterball.

Mit einem Male brach die Musik ab. Dumpf hallten irgendwo vom Dorfe her die Schläge einer Turmuhr durch die im langsam fallenden Schnee doppelt spürbare Stille.

Er war an das Fenster getreten, hatte es geöffnet.

Lauter pochten die Schläge, fluteten voll durch das tiefe, weiße Schweigen.

Es war wie ein Anklopfen aus weiten, verschlossenen Fernen, wie ein Rufen und Mahnen aus Gefilden, die jenseits der großen Menschensicherheit liegen.

Eine Stimme war vernehmbar. Es schien jemand eine Ansprache zu halten.

Dann setzte wiederum die Musik ein, lustiger, stärker als bisher. Helles Lachen, das Klingen von Gläsern schwirrte zu ihnen hinauf, mischte sich mit lauten Neujahrsgrüßen von der Straße her, schwoll an, brauste durch die feiernde Stille.

»Zwei Weltanschauungen, die sich in der Silvesternacht begegnen«, sagte er zwischen Ernst und Scherz.

Dann trat er mit dem gefüllten Glas an ihren Diwan, auf dem sie in unbeweglicher Stellung verharrte.

Ein nachdenklich sinnender Zug lag auf ihrem Gesicht, und um die halbgeöffneten Lippen schwebte ein verträumtes Lächeln.

Ihm war, als hätte er sie nie so schön gesehen.

Fast geriet er in Versuchung, es ihr zu sagen. Aber er drängte das Wort zurück, das ihm auf der Zunge lag, und stieß schweigend mit ihr an.

»Das hätte mir einer noch vor wenigen Tagen sagen sollen, daß ich diesen Abend hier auf der Höhe des Harzes verleben würde – und allein mit Ihnen!«

Ein leicht scherzender Ton war in ihren Worten, aber das verträumte Lächeln spielte noch immer um ihren Mund.

»Beim Jahreswechsel«, fuhr sie fort, »soll man sich wohl etwas wünschen. Was kann es für Sie sein? Nun, ich will mich kurz fassen: daß Sie weiter die Bejahung und den Zweck des Lebens, das mir manchmal ein wenig zwecklos erscheint, in Ihrer Arbeit finden möchten.«

War es ernsthaft gemeint? Oder mischte sich ein Hauch von Ironie in ihre Worte?

»Und nun Ihren Wunsch für mich!«

»Ich will ihn noch kürzer fassen: daß Sie im kommenden Jahre werden möchten, der Sie sind!«

»Daß ich werden möchte, der ich bin? Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Sie gar nicht sind, was Sie mich und andere glauben machen wollen.«

»Was bin ich denn?« fragte sie, und das Lächeln war auf ihren Lippen erstorben.

»Ein ganzer Mensch. Gerade so durchdrungen von der Nichtigkeit allen Scheins, gerade so suchend und verlangend wie wir anderen.«

Er hatte es mit einer Wärme gesagt, wie sie während ihres ganzen Zusammenseins nicht zwischen ihnen geherrscht hatte.

»Woher wissen Sie das denn?«

»Der eine Tag da draußen in den Bergen hat es mir gezeigt. In der Natur kann sich kein Schein behaupten, und möge man seine Hülle noch so dicht um sich ziehen. Wunderbar, daß man mit einem Menschen erst reisen muß, um zu erfahren, wer er ist.«

»Gut!« erwiderte sie, den humoristischen Ton wieder anschlagend, »so lassen Sie uns auf unsere neue Bekanntschaft anstoßen!«

»Und daß sie anhalten möge, auch wenn wir aus diesen luftigen Höhen wieder in die engen Niederungen herabsteigen und nach Hause müssen.«

»Nein ... noch nicht nach Hause!« unterbrach sie ihn, energisch den Kopf schüttelnd. »Morgen kommt der Arzt, legt mir den Heftpflasterverband an. Dann kann ich wieder laufen, sagt er. Und das will ich!«

Heller Übermut leuchtete aus ihren Augen.

»Wir werden reisen ... nach Wernigerode oder Quedlinburg oder in eine andere dieser altromantischen Städtchen und genießen ohne Pflicht und Arbeit die kurze Frist, die uns noch gegeben ist! Sind Sie einverstanden?«

»Ob ich's bin!«

»Nun ... dann gute Nacht! Und lassen Sie mich morgen nicht wieder bis in den sinkenden Abend auf Ihren Besuch warten!«

»Ich komme zur vorschriftsmäßigen Zeit, Sie zu einem kurzen Spaziergang abzuholen. Zur Vorübung für die große Reise!«

Ein kurzer Händedruck, dann trennten sie sich.

* * *

 

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