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Die letzte Karte in der Hand

Artur Brausewetter: Die letzte Karte in der Hand - Kapitel 5
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDie letzte Karte in der Hand
publisherOtto Janke, Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201610
projectid9ed5d492
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Die Zeichnungen liefen nicht so zahlreich ein, die Aktien waren nicht so leicht an den Mann zu bringen, wie es Klaus Rittland damals geglaubt und andere hatte glauben machen.

Die Ungunst der Zeit, das Brachliegen vieler einst stark beschäftigter Betriebe, der Tiefstand der gesamten Industrie, vornehmlich aber der einem Bankerott ähnliche Zusammenbruch der Landwirtschaft, alles das vereinte sich in gefahrdrohender Weise, um dem neugegründeten Aktienunternehmen Schwierigkeiten in den Weg zu werfen, die seine Begründer damals nicht vorausgesehen hatten.

Eines Tages mußte die großangelegte Fabrik für künstliche Düngemittel, die in der letzten Zeit bereits ein sieches Dasein gefristet hatte, ihre Pforten schließen.

Grau und tot streckte sich nun ihr Riesengebäude mit seinen Schuppen, seinen Vorratshallen und gewaltigen Krananlagen in den kalten, wolkenzerrissenen Himmel.

Denn es war inzwischen Winter geworden, und die Sonne schien in diesem Jahre spärlicher als in den vorigen.

Zu unerwünschter Muße verurteilt standen die Mühlen, die Rührgefäße und die mächtigen Kessel, für die es keine glühende Breimasse mehr zu erstarren gab. Kein Transportband regte sich zu hurtig frohem Laufe, und die einmal mit so behender Lust ihren Pfad ziehende Seilbahn trauerte unbeachtet und unbenutzt hoch oben in den öden Wölbungen der großen Lagerhalle über ihr jäh unterbrochenes Dasein. Unter ihr aber türmten sich die unübersehbaren Berge der Rohphosphate, die Klaus Rittland einmal auf Spekulation gekauft hatte und die jetzt eine gletscherartige Starre angenommen hatten.

Das Eingehen der Fabrik hatte einen beträchtlichen Abbau von Arbeitern zur Folge gehabt. Auch aus dem Verwaltungsapparat, der einmal fast üppig aufgezogen war, mußte eine Reihe von Angestellten entlassen werden. Das steigerte die Unzufriedenheit und den Unmut unter den Leuten. Auch die Zurückbehaltenen fühlten sich nicht mehr sicher. Denn unentbehrlich schien niemand mehr, und keiner wußte, wie bald ihn seine Stunde ereilen würde.

Mitglieder des Aufsichtsrats erschienen häufiger als je, schnüffelten hier und da herum, machten ihre Ausstellungen und Vorschläge, steckten ihre Nasen in alles mögliche hinein und verschlechterten die Lage, anstatt sie zu verbessern. Der Geist der Unruhe und Unsicherheit schritt auf unhörbaren, aber deutlich spürbaren Füßen durch das Werk, und die ihm begegneten, fühlten sich von seinem eisigen Hauch angeweht und vermochten ihn sobald nicht von sich abzustreifen.

Nur einer blieb von alledem unberührt. Der trug den Kopf gerade so hoch wie in den besten Tagen, gab seine Anordnungen mit derselben Bestimmtheit, derselben gleichmütig harten Stimme, war überall und zu jeder Tageszeit auf seinem Posten und hatte dazwischen noch Muße für eine, manchmal für mehrere Stunden auf sein Jagdgebiet zu fahren, nahm an den Sonntagen wohl Jobst Übinger und mit einer gewissen Absicht auch den jungen Alberti mit, die beide seine Liebhaberei teilten, wenn sie auch weniger geübte Schützen waren als er.

Niemals hatte sich das Herrenbewußtsein und die Herrengröße Klaus Rittlands in so hellem Lichte gezeigt wie in dieser krisenschwangeren Zeit. Und was anderen, auch den gewitztesten Mitgliedern des Aufsichtsrats bei all ihrer Beflissenheit und aufgestachelten Tätigkeit versagt blieb, ihm gelang es.

Indem er die Technik seines Betriebes, um die er sich früher gern und viel gekümmert hatte, ganz und gar in Jobst Übingers Hände legte, widmete er sich ausschließlich mit seinem überall bewährten kaufmännischen Geschick der geschäftlichen Leitung, machte in seiner Limousine ausgedehnte Reisen, befestigte die alten, knüpfte neue Verbindungen an und brachte Aufträge heim, die das stockende Blut des Werkes wieder in Wallung brachten, ihm neuen Pulsschlag und neues Leben gaben.

Und doch wußte keiner es so gut wie er und gab sich auch nicht eine Sekunde irgendeiner leeren Täuschung hin, daß, was er tat und trieb, den unfehlbar drohenden Verfall nur für eine gewisse Zeit verzögern, ihn aber niemals verhindern konnte.

Er war wie ein Kapitän auf einem Schiff, das an einer verborgenen Stelle leck geworden. Die Fahrgäste, ja, die meisten der Mannschaft ahnen es nicht. Er aber weiß, daß seinem Schiff nur eine kurze, bestimmt begrenzte Frist gegeben ist. Um so rastloser arbeitet er, zu retten, was noch zu retten ist. Gerade so schaffte und wirkte mit dem letzten Mut des Ertrinkenden Klaus Rittland, fest entschlossen, lieber mit seinem todgeweihten Schiff in die Tiefe zu sinken, als es in der Not zu verlassen.

»Es ist etwas in mir, das sich gegen ihn wehrt«, meinte Jobst Übinger zu Musa, als er eines Sonntags in dem Hause ihrer Eltern zu Gast war, »etwas Unbegreifliches, fast möchte ich sagen: Warnendes. Deshalb werde ich ihm nie näher kommen und möchte es auch gar nicht. Aber eins muß man von ihm sagen, daß er ein Mann ist und bleiben wird, möge kommen, was da will!«

»Es geht mir ähnlich mit ihm«, entgegnete Gabriel Alberti. »Auch ich verkenne die Bedeutung seines Schaffens nicht. Er ist eine Persönlichkeit, zu der man seine Stellung nehmen, den man lieben oder hassen muß. Was mich betrifft, so könnte ich mir nicht vorstellen, daß ich ihn je lieben, wohl aber, daß ich ihn von ganzer Seele hassen könnte –«

Ein Wink seines Vaters hieß ihn seine Worte abbrechen.

»Du gehst zu weit, mein lieber Junge«, sagte er in seiner begütigenden Art. »Das liegt nun einmal an deiner Feuerseele. Ein Mittelding gibt es für die nicht. Alles ist ihr gleich, glühender Haß oder glühende Liebe. Was mich zum Rittland, den ich gut zu kennen glaube, immer aufs neue hinzieht, das ist der große Zug seines Lebens. Großzügige Menschen sind in unseren Tagen sehr sparsam gesät. Sie können irren und fehlen. Aber schlecht und niedrig können sie nicht handeln.«

Es geschah selten und wohl nur an einem Sonntag, daß Michael Alberti die Stille seines Ateliers verließ, um sich in leichter Unterhaltung den Seinigen zuzugesellen. Sonst war sein Leben ausschließlich Schaffen und Gestalten.

Das neue Werk, dessen Keimgedanke an jenem späten Maiabend, unmittelbar nach Klaus Rittlands Besuch, in ihm entstanden war, hatte ihn ganz und gar in Anspruch genommen.

Wieder war es eine weibliche Gestalt, die ihm vorschwebte. Die »Phantasie« hatte er sie getauft. Alle Phasen des großen Werdeprozesses hatte sie durchlaufen, vom ersten Aufbau des mit einer dicken Lehmschicht bestrichenen Holzgerüstes, an dem er wochenlang mit dem Pantographen herumgemessen hatte, um auf das genaueste die Dimensionen des kleinen entworfenen Modells festzustellen, bis zur Zerstörung der Lehmform und den Übergüssen der dünnen und später der schwereren Gipslösung. Nun machte er sich daran, auch diese in Teilen abzubrechen und das Modell in langsam mühevoller Arbeit wieder zusammenzustellen, damit Klaus Rittland, der schon sehnsüchtig darauf wartete, es nach Berlin schicken konnte.

Das Weihnachtsfest brachte den ersehnten Witterungsumschlag, machte den Nebelgespinsten und dem lastenden Dunkel, das so lange alle Freudigkeit des Winters und der Arbeit gehemmt hatte, den Garaus. Ein frischer, freudig begrüßter Frost setzte ein, putzte die todstarren Bäume mit glitzernden Reifgebilden, daß sie wie lauter Weihnachtsbäume anzusehen waren, verbrämte mit schöpferischer Hand die alten Giebel und Häuser, flocht einen üppigen Kranz weißer Rosen um das stolze Haupt von St. Ägidien, hüllte auch St. Michael und Martin in dicke Silberpelze und setzte dem hochragenden Dom eine kunstvoll gestutzte, mit funkelnden Edelsteinen geschmückte Kapuze auf das ehrwürdige Haupt.

Nein, war die Stadt jetzt schön! Viel schöner als an jenem Sonntagabend des eben erwachten Frühlings, da Jobst Übinger zum ersten Male durch ihre Straßen geschritten war. Und wenn der Schnee wie ein weißer Traum vom Himmel auf die Erde sich senkte und die Welt anzusehen war wie ein still und langsam hin und her wogendes Flockenmeer, dann schlenderte er wohl wie ein behaglicher Müßiggänger durch die schlummernden Gassen, über die schweigenden Märkte. Oder flog mit dem Schlittschuh die kristallklare Brücke dahin, die der Frost mit schneller Hand über die Oker gebaut hatte, spürte Winterfrische und Winterkraft in den von der langen Feuchtigkeit müde und träg gewordenen Gliedern.

Bis ihm auch das nicht mehr genügte und etwas in ihm wach wurde, das ihm eingeboren war von frühester Jugend an: der stürmende Grundtrieb seiner Seele nach Freiheit, nach einem Aufgehen in der Schönheit und Wildheit der weiten Welt, einem Einswerden mit dem in ungehemmter Kraft und Größe webenden Mächten des ewig wirkenden, ewig sich erneuernden Alls, das keine Schranken und Grenzen kennt, wie sie dem Menschen überall gezogen sind.

Und dann kam der Tag, wo diese Sehnsucht bestimmte Gestalt gewann: der Harz! Die eisbehangenen Tannen! Die im bläulichen Schneedunst dämmernden Berge!

Nein, nicht mit Skiern! Die ließ er diesmal zu Hause. Zu Fuß wandern und allein durch diese winterhelle Natur, tief in die Seele einsaugen diese Welt geheimnisvoller Märchen, stillwebenden Zaubers!

So begab er sich an einem der letzten Dezembertage unmittelbar vom Werke aus in flottem Sportanzug, den straff gepackten Rucksack und Lodenmantel auf dem Rücken, zur Bahnstation in Vienenburg.

Als er nach kurzer Fahrt in Harzburg anlangte, stand ein Autobus bereit, der über das Torfhaus nach Braunlage fuhr.

Einen Augenblick schwankte er. Der Weg nach Braunlage war weit und bei dem frischgefallenen Schnee vielleicht nicht einfach.

Aber sich in den Kasten dort zwängen! Mit schwatzenden Menschen durch diese Herrlichkeit fahren! Und wenn er bis zum Abend wanderte, er würde sich schon eingehen, und der Schnee würde ihm Leuchte auch durch das Dunkel sein.

Eine ganze Strecke hatte er bereits voraus, als der dichtgefüllte Wagen ihn einholte. »Gute Fahrt!« rief er ihm im Übermute seines Glückes nach und setzte seine Wanderung fort.

Der Weg war besser, als er gedacht. Der Schnee fiel nur noch spärlich, und der Boden war hartgefroren, hier und da vielleicht ein wenig glatt, zumal er bei dem plötzlichen Entschluß und der schnellen Vorbereitung seiner Reise keine Bergschuhe mitgenommen hatte. Aber mit Hilfe seines Stockes kam er gut vorwärts.

Ein wundervolles Gefühl der Freiheit und Geborgenheit war in ihm, wuchs mit jedem Schritte, den er bergauf machte.

Dort unter ihm lag die Welt, in der er bis dahin gelebt und geschaffen hatte, lag Rittlands Werk mit seinen Schuppen und Hallen, seinen Röstöfen und Bleikammern, mit dem nie verstummenden Surren und Rascheln seiner Transportbänder, dem Brodeln und Erstarren überhitzter Kessel. Und mit seinem erbitterten Konkurrenzkampf um Dasein und Fortbestand, seinen undurchdringlichen Geheimnissen und seinem versteckten Trug.

Er aber war dem allen wie mit einem Zauberschlag enthoben. Klein und wesenlos lag es unter ihm, berührte ihn gar nicht mehr. Wie ein Gott kam er sich vor, frei von jedem letzten Rest des Erdenstaubes und der Niederung!

Aber nein – das wollte er ja gar nicht. Kein Gott! Sondern ein Mensch! Ein suchender, sehnsuchterfüllter Mensch, der durch eine Welt eisstarrender Tannen, durch die reine dünne Luft und Düfte würziger, unbeschreiblicher Wohlgerüche dem Gott, den er im Herzen trägt, entgegenwandert, den Atem seiner Nähe empfindet, seines Gewandes Saum im bläulich schimmernden Schein des Waldrandes, im rötlich sich färbenden Streifen des die Erde berührenden Horizontes ehrfürchtiger Schauer voll zu fassen meint.

Nun aber forderte auch der materielle Mensch seine Rechte. Er spürte Hunger und nahm im Torfhaus ein einfaches Mittagessen zu sich.

Einen Augenblick erwog er wohl den Gedanken, hier zu übernachten und des Morgens auf dem Goetheweg den Brocken zu besteigen. Aber für die gegenwärtigen Schneeverhältnisse war er nicht genügend ausgerüstet, und die Leute im Torfhause hatten ihn gewarnt. So machte er sich auf den Weg nach Braunlage.

Als er nach draußen kam, begann es bereits zu dämmern. Eine wundervolle Stimmung lag über dem Walde, dessen schöne Wildheit einer marmorenen, aber nicht minder schönen Starre gewichen war. Ein zarter, bläulichgrauer Dunst zog seine feinen Maschen über die vom Kopf bis zum Fuß wohleingehüllten, in tiefem Winterschlaf träumenden Tannen.

Dann wurde es Abend. Ein Dach stieg aus der milchweißen Nacht empor, ein zweites, drittes. Zinnen schimmerten auf, große Hotels, in sanft ansteigende Hügel steiler aufragender Berge eingebettet, unter denen er die nebelhaften, im Schnee verschleierten Linien der Achtermannshöhe und des Wurmbergs zu erkennen oder wenigstens zu ahnen glaubte, warfen ihren elektrischen Schein in die Tiefe.

Er war am Ziel.

Reges Leben war noch auf den Straßen. Die Skier geschultert, kehrten junge rotbäckige Menschen von ihren Ausflügen zurück, Schlittengeläute klang melodisch durch die Stille. Vor dem Braunen Hirsch hielt eine Kette von Autos. Die Wintersaison war in vollem Gange.

Sie war es nicht, die er suchte. Aber gleichviel – ein wenig Leben hatte nach der langen einsamen Wanderung auch seinen Reiz.

Planlos schlenderte er zwischen den plaudernden und lachenden Scharen die Straße hinauf, ein passendes Nachtquartier zu suchen.

»Herr Übinger!«

Zwei kecklustige Augen leuchteten zu ihm hinüber, und vor ihm stand mit rotglühenden Wangen Erika Mangold.

»Sind Sie es wirklich?« rief sie in froh erregter Überraschung. »Oder ist es ein Kobold von Berggeist, der Ihre Gestalt angenommen hat, harmlose Skiläufer zu narren?«

»Ich möchte Sie dasselbe fragen«, gab er, auf ihren Ton eingehend, zurück, »nur daß Sie mehr einer Waldelfe als einem Kobold gleichen.«

In der Tat, in dem schicken dunkelblauen Skianzug mit der flotten weißen Mütze auf dem rabenschwarzen Haar sah sie eher nach einem lustigen Sportsmädel als nach der gefeierten Sängerin der Braunschweiger Oper aus.

»Und nun wollten Sie allein sein, fern vom Getriebe der Menschen, von denen Sie gerade genug hatten, und finden sie alle hier versammelt, ja, alle, die Sie schon seit Monaten fliehen und die sich zur wohlgeplanten Rache hier eigens für Sie ein Stelldichein gegeben. Das wird eine Überraschung sein! Der Schlußeffekt des ersten Aktes, der leider auch der letzte sein wird. Denn morgen in der Frühe müssen wir alle nach Hause. Aber nun kommen Sie in den ›Braunen Hirsch‹!«

»Sie machen mich neugierig. Wer ist denn hier?«

»Der ganze liebe, vertraute Kreis: Ihre Freundin Musa, die mir heute noch auf unserer Skifahrt klagte, wie sehr sie sich durch Sie vernachlässigt fühlt, ihr Bruder Gabriel, der, wie ich, zur Auffrischung seiner Nerven einige Tage Urlaub genommen hat, Herr Rockert, der als beneidenswerter Bräutigam der entzückenden kleinen Musa von anderen Banden immer noch nicht ganz gelöst zu sein scheint, und auch sie, Rittlands vielumworbene Tochter –«

»Dann fehlt er ja selber nur, oder ist er am Ende –

Er sah einen Schatten über ihre helle Stirn gleiten. Nein, das hatte er nicht beabsichtigt! Schnell unterdrückte er seine unbedachte Frage, leitete zu etwas anderem über:

»Und wie sind Sie alle hier zusammengekommen?«

»Am zweiten Weihnachtstage, auf einem musikalischen Abend bei Alberti, zu dem Sie ja abgesagt hatten, obwohl ich Weihnachtslieder zur Laute sang – Sie haben es nicht gewußt? Dann hätte Musa, die es Ihnen als besonderes Lockmittel auf die Karte geschrieben hatte – nun gut, ich sehe es Ihnen an, daß Sie sich als überführt bekennen, und vergebe. Auf diesem Abend also wurde der Plan einer kleinen gemeinsamen Skitour in den Harz geplant und gleich ins Werk gesetzt. Und wissen Sie – von wem? Von Rittlands Tochter, die, der unausgesetzten Empfänge und Tanzabende überdrüssig, nach Freiheit und Natur unwiderstehliches Verlangen trug. Doch nun genug. Ich darf Sie den anderen nicht so lange entziehen und kann die Freude gar nicht mehr abwarten, diese Gesichter zu sehen. Kommen Sie!«

»Werden Sie uns auch wieder Lieder zur Laute singen?«

»Seien Sie ohne Sorge! Ich bin in den Ferien und ganz ungefährlich. Sehen Sie, da kommt schon mein Ritter, zu sehen, wo ich so lange bleibe.«

Sie streckte dem jungen Alberti die Hand entgegen, der, gleichfalls im vorschriftsmäßigen Skianzug, eben um die Straßenecke bog und sehr verwundert erschien, sie in lebhafter Unterhaltung mit einem fremden Herrn zu sehen.

Man erkannte sich, begrüßte sich, kühl, förmlich, zurückhaltend, wie es zwischen ihnen beiden Gepflogenheit war.

Dann traten sie in ein kleines Zimmer im Braunen Hirsch.

Und Erika Mangold kam auf ihre Rechnung: die Überraschung, die Jobst Übingers Eintritt auslöste, war groß. Insbesondere bei Musa, die sich sofort von ihrem Stuhl erhob, ihm in ihrer natürlich frischen Art einige Schritte entgegenging, ihn wie einen alten Freund begrüßte.

Auch Dietrich Rockert war erfreut oder stellte sich wenigstens so. Denn nach jener ernsten Unterredung, die sie damals im Rittlandschen Werk gehabt, war eine Spannung zwischen ihnen zurückgeblieben, die der Unbefangenheit ihrer Jugendfreundschaft spürbaren Abbruch getan hatte.

Rittlands Tochter aber veränderte ihre Haltung nicht eine Sekunde. Mit jener kühl gemessenen Ruhe, die bereits in ihr ganzes Wesen übergegangen zu sein schien, reichte sie ihm über dem Tische die Hand, sagte einige gleichgültig freundliche Worte, als träfe man sich in irgendeiner Gesellschaft und nicht in der Freiheit und Einsamkeit der Berge, wurde dann aber lebhafter, als das Gespräch auf die wohlgelungene Skifahrt kam, von der man eben heimgekehrt war.

Als man gegessen hatte, winkte sie den jungen Alberti zu sich und flüsterte ihm einen kurzen Auftrag ins Ohr. Gleich darauf brachte der Kellner zwei Flaschen Sekt, die dieser in die Kelche goß.

»Auf das Wohl der gütigen Spenderin!« Und Dietrich Rockert hob das Glas gegen sie.

Es schien ihr nicht recht zu sein.

»Ich bin nicht die Spenderin«, wehrte sie ab. »Der Vater hat es mir zur Pflicht gemacht –«

Und dann fast entschuldigend zu Jobst Übinger hinüber: »Wir feiern heute Abschied. Denn morgen hat die schöne Harzreise ihr Ende. Das einzige, was mir leid tut, ist, daß ich wieder nicht auf den Brocken gekommen bin. Aber es ist wie ein Unstern. Jedesmal, wenn ich im Harz bin, tritt etwas dazwischen. Mal ist es das Wetter, mal ein anderer geringfügiger Umstand.«

»Die Bahn fährt nicht mehr, und auf Skiern ist es jetzt unmöglich«, wandte der junge Alberti ein.

»Mit der Bahn würde ich nie fahren. Nur zu Fuß würde es mir Freude machen.«

»Ich dachte eben noch daran«, sagte Jobst Übinger, »als ich im Torfhause abstieg. Der Goetheweg würde mich gereizt haben. Aber die Schneeverhältnisse hätten den Aufstieg erschwert.«

»Solche Bedenken würden mich nicht abhalten.«

»Sind Sie so gut zu Fuß?«

»Zweifeln Sie daran? Ich habe, wenn ich mit meinem Vater, der ein geübter Bergsteiger ist, in der Schweiz war, die höchsten Gipfel erstiegen.«

»Die, mit einem guten Führer und zur rechten Jahreszeit, vielleicht kaum so schwierig waren wie bei diesem denkbar ungünstigsten Wetter der Brocken. Wenigstens redete man mir im Torfhaus entschieden ab. Und vollends für eine Dame –«

Sie erwiderte nichts. Laut schwirrte die lustige Unterhaltung der anderen über die Tafel.

»Wie wäre es, Herr Übinger«, sagte sie dann plötzlich, »würden Sie den Aufstieg mit mir wagen? In Ihrer Begleitung hätte ich Mut und Lust zu ihm.«

Etwas impulsiv Entschlossenes war in ihrer Frage. Zugleich eine leichte Herausforderung.

Die Unterhaltung um sie her wurde unterbrochen. Alle hatten ihre Frage gehört und blickten mit schlecht verhohlener Spannung auf Jobst Übinger.

Dem kam ihre Aufforderung so unvermutet, daß er nicht recht wußte, was er antworten sollte.

»Die anderen müssen morgen zurück«, fügte sie gleichsam erklärend hinzu, »Fräulein Mangold singt in der Oper, Herr Alberti hat seinen Urlaub beendet, und Herr Rockert –«

»Ich würde von der Partie sein«, unterbrach dieser, der dem Gespräch mit einer Aufmerksamkeit gefolgt war, die deutlich in seinem Gesicht zu lesen war. »Und du, Musa, nicht wahr, du würdest uns begleiten?«

Aber sie enthob diese der Antwort.

»Das würde nicht gehen. Der Vater hat mir noch beim Abschied gesagt, daß er Sie morgen abend zu einer wichtigen Besprechung erwarte, und Sie dürfen ihn unter keinen Umständen im Stich lassen.«

»Ich stehe gern zu Ihrer Verfügung«, sagte Jobst Übinger. »Wann wünschen Sie aufzubrechen?«

»Wenn es Ihnen recht ist, treffen wir uns morgen um acht Uhr hier am Frühstückstisch. Eine halbe Stunde später fährt der Autobus mit den anderen nach Harzburg. Ich schlage vor, daß wir sie bis zum Torfhaus begleiten und von dort den Aufstieg machen. Dann kann ich, wenn ich mir den Wagen nach Harzburg bestelle, bis Abend noch zu Hause sein. Das möchte ich schon des Vaters wegen, der nicht gern allein ist. Und nun wünsche ich eine gute Nacht. Ich möchte mich zu dem großen Unternehmen genügend ausschlafen.«

Sie sagte es mit einer leicht mitschwingenden Ironie, reichte allen die Hand und begab sich auf ihr Zimmer.

Dann brachen auch die anderen auf. Dietrich Rockert aber verabschiedete sich an der Tür von seiner Braut und kehrte zu Jobst Übinger zurück.

»Vielleicht können wir noch eine halbe Stunde zusammensein?«

»Wenn du es wünschest, gern.«

Sie ließen sich Bier bringen und waren allein.

»Was sagst du jetzt?«

Dietrich Rockert richtete das Auge, in dem noch die Spur seiner Erregung glimmte, auf den Freund.

»Was soll ich sagen? Und wozu?«

»Nun, daß sie dich so ohne weiteres auf den Gang zum Brocken befahl.«

»Sie befahl nicht. Sie fragte.«

»Und du wirst mit ihr gehen?«

»Du hast es gehört. Hast du etwas dagegen?«

»Was sollte ich dagegen haben? Aber die Absicht ist klar.«

»Welche Absicht?«

»Die sie mit dir hat. Sie zieht dich gerade so zu sich heran wie uns alle. Jeden auf seine Weise. Bei dir, das muß ich bekennen, hat sie es mit einem Geschick angestellt, das ihrer Kunst alle Ehre macht.«

»Ich verstehe dich nicht –« unterbrach ihn Jobst Übinger, bereits ungeduldig. »Es war ihr Wunsch, den Brocken zu besteigen. Allein wagte sie es bei diesem Wetter nicht. Deshalb bat sie mich.«

Ein spöttisches Lächeln zuckte um Dietrich Rockerts großen, blassen Mund.

»Eine so kindliche Gläubigkeit hätte ich dir kaum zugetraut. Das alles war doch nur Vorwand. Der Brocken war ihr gleichgültig, war nur Mittel zum Zweck. Dich wollte sie.«

»Was sollte sie von mir wollen?«

»Was sie mit uns allen will. Ein wenig mit uns spielen und uns dann laufen lassen!«

»Bei mir möchte ihr weder das eine noch das andere gelingen.«

»Wer kann es wissen? Dieses Mädchen übt einen Zauber, es geht, möchte ich sagen, etwas Bezwingendes von ihr aus –«

»Du bist eifersüchtig, mein Lieber!«

Dietrich Rockert, ganz in seinen Gegenstand verrannt, überhörte seine Worte.

»Und sie weiß es und braucht ihre Macht. Ohne Leidenschaft und Wärme. Ich habe sie nie anders als ruhig und kalt gesehen.«

»Turandot!« flüsterte Jobst Übinger und lächelte vor sich hin.

»Was meinst du?«

»Nichts. Eine kleine Erinnerung.«

»Und so den ganzen Tag allein mit ihr in der Einsamkeit der Berge!«

Und dann wie aus einer plötzlichen Eingebung heraus: »Du wirst sie lieben!«

Da hatte Jobst Übinger seine gute Laune wiedergefunden.

»Wenn ich eine liebte, dann wäre es deine Braut. Das kann ich dir sagen. Also sei auf deiner Hut! Was aber Fräulein Rittland betrifft, wenn wir noch auf der Prima säßen, dann würde ich dir mein Ehrenwort geben, daß deine Prophezeiung niemals eintreffen wird. Aber auch so magst du es haben, wenn ich dir dadurch eine ruhige Nacht bereiten kann. Denn ich denke, wir verlassen jetzt diesen Gegenstand. Er hat für mich wirklich nicht das Interesse, das du ihm immer noch entgegenbringst. Und meine freundschaftlichen Mahnungen scheinen auf wenig fruchtbaren Boden gefallen zu sein.«

»Du irrst«, erwiderte Dietrich Rockert, ruhiger geworden. »Es hat sich manches geändert. Und nur der neue Vorstoß dieser Circe gegen dich hat mich in Wallung gebracht.«

»Du könntest ihn meine Sorge sein lassen. Dir aber möchte ich, bevor wir auseinandergehen, noch das eine sagen: Mit Fräulein Rittland magst du anstellen, was du willst. Wenn deine Musa aber eines Tages unter deiner Rücksichtslosigkeit zerbricht, dann hast du es mit mir zu tun. Denn dazu ist sie zu schade. Und nun guten Abend. Ich bin von dem langen Marsch todmüde und habe morgen einen neuen vor mir, der auch nicht ganz ohne Anstrengung sein wird.«

»Guten Abend und guten Weg!«

*

Am nächsten Morgen traf man sich zur festgesetzten Stunde an demselben Tisch zusammen, auf dem jetzt ein reich gedecktes Frühstück stand.

Nur eine fehlte: Rittlands Tochter.

»Sie findet sich immer nicht aus dem Bett«, sagte Erika Mangold.

»Aber der Autobus steht schon vor der Tür, und es wird höchste Zeit!« drängte der junge Alberti. »Jedenfalls können wir nicht auf sie warten.«

Da erschien sie, langsam, gemessenen Schrittes, frühstückte in aller Seelenruhe, gab Dietrich Rockert, der sie dem Vater bestellen sollte, ihre bestimmten Anweisungen: daß sie sich vom Torfhaus einen Schlitten nehmen, mit ihm nach Harzburg fahren würde und dort abends um neun Uhr die Limousine erwarte, die sie direkt nach Hause bringen solle. Ja, sie fand noch Muße, einige belegte Schnitten zurechtzumachen und in ihrem Rucksack zu verstauen.

Dann war es aber wirklich Zeit. Die anderen saßen bereits auf ihren Plätzen. Auch das nicht geringe Gepäck, Skier und Rodelschlitten waren verladen.

Mit Dietrich Rockert stieg sie als die Letzte ein.

Ein kurzer Abschied im Torfhause, dann saß sie mit Jobst Übinger in dem großen Speisezimmer, in dem sie die einzigen Gäste waren.

»Ich nehme nur ein paar notwendige Sachen mit«, sagte sie, »und rate Ihnen, Ihren Rucksack ebenfalls bedeutend zu erleichtern, da wir des Abends ja doch hierher zurückkommen. In einem meiner Koffer ist Platz genug, da können Sie alles, was Sie nicht brauchen, gut unterbringen.«

»Ich bin gern einverstanden«, erwiderte er, indem er sich gleich an die Arbeit machte, »möchte Sie aber bitten, mir zum Entgelt Ihre Sachen zu geben.«

»Ich danke Ihnen, aber ich wandere nie ohne meinen Rucksack. Von dem Augenblicke an, wo ich ihn auf dem Rücken habe, vollzieht sich in mir so eine Art von Wandlung. Da bin ich ein anderer Mensch. Verstehen Sie das?«

»Ob ich es verstehe?«

»So wollen wir uns auf den Weg machen. Allzuviel Zeit haben wir nicht zu verlieren, wenn wir den Abend wieder zurücksein wollen. – Wie? Den schweren Lodenmantel wollen Sie mitnehmen?«

»Man kann nie wissen, wozu man ihn brauchen wird, zumal bei diesem ungewissen Wetter.«

»Ich bleibe wie ich bin. So wandere ich am leichtesten.«

Er unterbrach das eifrige Umpacken für eine Minute und sah sie an, eigentlich zum erstenmal während des ganzen Morgens.

Wirklich ... praktischer und zugleich kleidsamer konnte sie nicht angezogen sein: ein karrierter Rock aus derbem Wollstoff, dazu ein rostbrauner Pullover, der sich weich um den elastischen Körper schmiegte, mit dunkelgrünem Besatz an Taschen und Ärmeln, eine fesche Kappe und Wollstrümpfe, die in bequemen Bergschuhen steckten. Keine Turandot mehr, sondern ein frisches Kind der Natur, das in Wald- und Schneeabhängen seine Heimat hat.

Bald lag das Torfhaus hinter ihnen. Nur die Umrisse der Luisenklippe und des Magdbettes waren, wenn man zurückblickte, schneedämmernd noch sichtbar.

Rüstig, mit schnellausschreitendem Schritt wanderte sie voran, sprach nicht, hatte aber den Blick überall. Nur, wenn sie an einer in ihrem weißglitzernden Gewand besonders schön geformten Tanne oder an einem malerisch vereisten Strauch vorüberkam, wies sie mit dem in eine eiserne Spitze auslaufenden Bergstock auf ihn, und die Freude an den wundervollen Gebilden der Natur leuchtete aus ihren Augen.

Er kam aus der Verwunderung nicht heraus. War es denkbar, daß sich jemand in wenigen Stunden so von Grund aus wandeln konnte? »Da bin ich ein anderer Mensch!« klang ihm ihr Wort durch das Ohr.

Ganz gleichmäßig ging sie, niemals schneller oder langsamer.

Den ersten Teil des Weges war er ihr auf dem Fuße gefolgt. Dann mußte er sich zu seinem Verdruß gestehen, daß es ihn Mühe kostete, ihr zu folgen. Es lag an seinen Schuhen, die wohl für eine einfache Wanderung, aber nicht für diesen immerhin beschwerlichen Bergaufstieg geeignet waren. Dazu waren die ungenagelten Sohlen auf dem eisigen Pfade bereits glatt geworden. Das erhöhte die Schwierigkeit. Alle Augenblicke glitt er aus, hatte vollauf zu tun, das Gleichgewicht zu behalten, fiel auch einige Male, war aber stets auf das ängstlichste bedacht, es sie nicht merken zu lassen.

Nur vor ihr sich keine Blöße geben! Dann wäre man verloren!

Gut, daß sie den Grundsatz zu haben schien, beim Aufstieg nicht zu sprechen. So blickte sie sich auch niemals nach ihm um. Nichts Lieberes konnte sie ihm tun. Vorwärts – nur vorwärts!

Mächtige alte Fichten mit weitausholenden Ästen, die in ihrem Schneebehang grotesk wirkten; Steinblöcke, deren rissige Formen vom Schnee nur teilweise bedeckt waren, wuchsen aus der weißen Dämmerung hervor.

Als sie eine gute Stunde gestiegen waren, setzte ein leichter Schneefall ein, verdichtete sich, je höher sie kamen, machte den Weg schwieriger und mühsamer, besonders für ihn.

Mehrere Male sank er in die Schneemulden bis an die Knie ein, raffte sich aber mit aller Energie wieder empor.

Ob sie es noch nicht merkte? Vielleicht nicht merken wollte? Das wäre noch schlimmer gewesen.

Da, als sie gerade eine recht steile und glatte Stelle zu überwinden hatten und er sich mit den völlig abgeglätteten Schuhsohlen nur vermöge der geschicktesten Balancierkünste aufrecht halten konnte, wandte sie sich um.

»Es geht wohl nicht recht?« fragte sie, und ein Lächeln spielte um ihre roten Lippen.

Er antwortete nicht, trat nur um so fester auf.

»Es ist ja auch kein Wunder«, fuhr sie fort, »mit solchen Schuhen kann man wohl auf der Wolfenbüttler Promenade spazierengehen, aber bei diesem Wetter nicht den Brocken besteigen.«

Es war gar nicht ironisch gesagt, eher teilnehmend. Aber ihn verdroß es. Und wieder antwortete er nicht.

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein? Oder wollen wir lieber umkehren?«

Das war ihm denn doch zuviel.

»Wenn Sie es wünschen, sofort!« gab er mit verbissenem Unwillen zurück. »Ich für meinen Teil würde, nachdem wir soweit gekommen, gern den Gipfel erreichen.«

»Um so besser!« sagte sie kurz und setzte den Weg fort.

Nicht die leiseste Ermüdung war in ihrem Schritt, nur um so sicherer und elastischer war er geworden.

In dem Blick, den er ihr nachsandte, lag Bewunderung.

Immer kleiner wurden die Tannen, manchmal war es nur noch Gestrüpp und Knüppel- oder Strauchwerk, das kahl und tot dastand, weil der Wind, der hier oben zunahm, den Schnee nicht zum Lagern kommen ließ, ihn mit harter Hand, sowie er die leiseste Anstalt machte, sich zu ruhen, rastlos weitertrieb.

Die Vegetation schien hier vollends aufzuhören. Tiefe, leere, wilde Öde umgab sie. Bleiche Nebel umhüllten ihre Füße, stiegen höher, brauten talwärts, brodelten tief unten im eingeschlossenen Kessel.

Stärker wurde der Wind, pfiff und heulte über Schroffen und Felsen, zerrte an den kahlen Zweigen und Sträuchern, denen schon ohnehin nichts mehr zu entreißen war, jagte die ziellos treibenden Flocken in dichten, wachsenden Massen über den Berg, nahm auch den letzten Rest von Aussicht. Der Hexensabbath war im Gange.

»Eigentlich sollen die Hexen ja nur in der Walpurgisnacht über den Brocken tanzen!« meinte sie scherzend, indem sie sich halb zu ihm umwandte.

Er verstand ihre Worte kaum, weil der Wind sie zerschnitt und er genug mit sich zu tun hatte.

Ruhigen Fußes schritt sie voran. Namenlose Einsamkeit war um sie. Kein Mensch weit und breit zu sehen. Wer würde auch auf den Gedanken kommen, in diesem Wetter den Brocken zu ersteigen?

An einer von dichter Schneemasse geduckten Schutzhütte vorbei, die sie erst sahen, als sie dicht vor ihr standen, klommen sie über allerlei Geröll, jetzt ohne jeden Pfad, den sie verloren hatten, aufwärts, mal sanft, mal steiler ansteigend, weiter, immer weiter, höher, immer höher.

Schwarzzottige Wolken wälzten sich am Himmel, hüllten ihn wie in ein dunkles, schweres Sacktuch, aus dem gelbflimmernde Fäden hinabhingen.

Da lichteten sich die undurchdringlichen Schleier. Nur für eine Sekunde ein ganz wenig. Aber genug für sie, um aus dem Wirrwarr der Finsternis in schwachen, gespenstigen Umrissen ein Haus auftauchen zu sehen.

Ein Seufzer wundervoll befreiten Lustempfindens entrang sich seiner Brust. Gott sei Lob und Dank! Sie waren am Ziel!

Hoch oben standen sie auf dem Gipfel des Brocken. Aber unter ihnen, um sie weit herum ... nichts als ein langsam und bleiern hinwogendes Nebelmeer, von dem sich dann und wann einige Stücke losmachten, ihren eigenen Weg gingen, um schließlich wieder hilflos im brodelnden All unterzutauchen.

»Sehr zweckvoll war der mühsame Aufstieg nicht«, meinte er, von der anstrengenden Wanderung doch mehr ermüdet, als er ihr gegenüber zeigen durfte.

»Warum nicht zweckvoll? Man ist oben gewesen und hat seine Kräfte erprobt. Das ist auch schon etwas wert. Aber nun wollen wir uns ins Haus begeben, um ein wenig aufzutauen.«

»Es wird bei diesem Wetter kaum geöffnet sein.«

»Doch! Ich sah bei einem kurzen Lichtblick Rauch aus dem Schornstein steigen.«

Sie fanden ein mollig geheiztes Zimmer, bekamen auch Tee und aßen dazu die Schnitten, die sie heute morgen beim Frühstück zurechtgemacht hatte und die ihnen herrlich mundeten.

Dann war sie es wieder, die zum Aufbruch trieb. Es würde dunkel werden, und man könnte den Weg verlieren.

Da wäre keine Gefahr, wandte er ein, weil er gern noch geblieben wäre. Der Schnee würde leuchten, außerdem hätte man Mondlicht.

Aber sie blieb bei ihrem Vorhaben.

Als sie nach draußen traten, begann der Nebel sich zu zerteilen, langsam, zuerst fast widerwillig. Einige gelbbraune Schwaden lösten sich von der dichten Masse, flatterten auf, gingen wieder nieder wie ausschwärmende Vögel, die die Bahn sich suchen, senkten sich flügellahm ins Tal.

Eine Fernsicht hatten sie auch jetzt nicht. Aber der Weg lag klar und hell vor ihnen, und nur aus der Tiefe quirlten grau und feucht die Nebel.

Und wieder war es wie ein Hexensabbat um sie her. Aber diesmal schon ein milderer, fast lustiger. Und wie durch eine veränderte Welt wanderten sie auf leichten Schwingen bergab.

Da teilte sich über ihnen der so lange dumpf verschlossene Himmel. Wolken, noch fest geformt, aber zarter gebildet und sich allmählich in weißbläuliche Schleier lösend, zogen in schnellem Zuge dahin, streiften mit den wallenden Gewändern den Saum der Berge.

Und mit einemmal – oh, ungeahntes, unaussprechliches Wunder! – trat die Sonne hervor. Und hing sie bereits tief im Westen, war ihr Antlitz müde, ein wenig schläfrig fast – sie war doch da, blickte durch die hin und her schwebenden Schleier wie durch matte Glasfenster hindurch, wob einen leichten Schimmer von Gelbrosa über die Bäume und den hartglitzernden Schnee, gab allem ein fröhliches Gesicht.

Gerta Rittland hob die Arme, breitete sie aus, als wollte sie den Strom des neugeborenen Lichtes an sich ziehen, in ihm die frei gewordene Seele baden. Ein großes Glück war in ihr, lieh ihrer ganzen Gestalt einen Schwung und eine Kraft, daß sie unwillkürlich den Schritt beschleunigte und alles an ihr Leben und Lust war.

Er wollte ihr in derselben Geschwindigkeit folgen – da geriet er auf einen vereisten Steinblock, kam ins Gleiten, konnte sein Gleichgewicht nicht halten, stürzte jählings hintenüber zu Boden.

Sie war ihm ein ganzes Stück voraus, mußte aber seinen Fall vernommen haben.

Sofort machte sie kehrt, eilte, so schnell ihre Füße sie trugen, den steilen, glatten Pfad zurück, auf ihn zu.

In demselben Augenblick aber, als sie sich zu ihm niederbeugen wollte, stieß sie einen unterdrückten Schmerzensschrei aus, und die Hand, die sie ihm aufrichtend reichen wollte, griff unwillkürlich nach dem eigenen Fuß.

Schon hatte er sich mit einiger Anstrengung erhoben, spürte wohl noch einen durch den heftigen Aufprall erklärlichen Schmerz im Rücken, empfand aber mit beglückendem Bewußtsein, daß er sich keinerlei Verletzungen zugezogen hatte.

Mit einem Lächeln, das beruhigend wirken sollte, aber nicht frei von Verlegenheit war, wollte er ihre Hilfe ablehnen – da sah er, daß sie den linken Fuß vom Boden erhoben hatte, sah zugleich den Schmerzenszug in ihren Mienen, den sie ihm, so große Mühe sie sich auch gab, nicht mehr verbergen konnte.

»Aber Sie« – brach er gleich bei den ersten Worten ab – »Sie haben sich etwas angetan!«

»Nichts Schlimmes ... vielleicht den Fuß ein wenig verletzt ... gerade in dem Augenblick –«

»Als Sie mir als barmherzige Samariterin nahten«, suchte er zu scherzen.

»Mir muß diese Rolle wenig liegen«, gab sie, auf seinen Ton eingehend, zurück, »und man sollte nie etwas tun, was einem nicht liegt, zumal Sie auch ohne meine Hilfe sehr schnell wieder auf den Beinen waren. Doch was hilft es, wir müssen vorwärts!«

»Ja ... werden Sie denn überhaupt gehen können?«

»Mir wird nichts anderes übrigbleiben. Denn hier die Nacht zu verbringen, möchte wenig verlockend sein.«

Sie setzte den Fuß auf, stützte sich auf ihren Stock, wanderte mutig voran. Aber er sah, daß es ihr nicht leicht wurde und daß sie bei jedem Schritt Schmerzen empfand.

Nein, so war es nicht möglich! Er bot ihr den Arm, aber sie nahm ihn nicht, begegnete überhaupt jedem seiner Versuche, sie zu stützen oder ihr irgendwie zu helfen, mit fast eigenwilliger Ablehnung.

»Seien Sie nicht böse«, sagte sie. »Aber ich muß an das Wort von dem Blinden denken, der einen Lahmen führen will. ›Werden sie nicht beide in die Grube fallen?‹ heißt es nicht so? Nein, wir müssen es schon lieber auf eigene Faust versuchen.«

Er ärgerte sich, daß sie ihm so wenig vertraute, mehr noch, daß er ihr recht geben mußte. Denn der Pfad, der sich eng und kaum wegbar zwischen den schneebeladenen Tannen durchschlängelte, wurde steiler und glatter, und er fühlte sich nach seinem Falle noch weniger sicher.

»Wir kamen beim Aufstieg an einer Schutzhütte vorbei. Die muß in nächster Nähe sein!« tröstete er sie und sich selber.

Hinter grau verhangenem Horizont sank die Sonne, wie zugedeckt von dunklen, an mehreren Stellen durchlöcherten Tüchern. Flocken begannen wieder zu fallen, nicht mehr so groß wie beim Aufstieg, kleinere, dichtere, die planlos durcheinanderwirbelten. Auch der Wind, der kurze Zeit hinter den Bergen geruht hatte, war wieder wach geworden, trieb den wirbelnden Schnee mit vollen Backen vor sich hin.

Über Wurzelwerk und dürre Äste, die die weiße Decke verbarg, stolperte der Fuß. Hier und da tauchte ein Felsblock auf, der den Weg sperrte und umgangen werden mußte.

Für ihn war es hier erträglicher, denn es war nicht mehr glatt und eisig.

Aber für sie?

Er hatte jetzt die Führung. Sie ging hinter ihm, und wenn er sich umblickte, sah er, wie sie die weißen Zähne in die Lippen grub, wie blaß und von Schmerz verzerrt ihr Antlitz war.

Fester stützte sie sich auf ihren Stock, kam nur ganz langsam vorwärts.

Für sein Leben gern hätte er ihr geholfen, wußte aber, daß sie es sich nicht gefallen lassen würde, und wollte sie nicht durch ein erneutes Anerbieten verletzen.

Ein Kobold mußte sie genarrt und auf falsche Fährte gelockt haben! So oft sie auch stehenblieben und den Blick schweifen ließen – von der Schutzhütte war nichts zu sehen!

Schweigend setzten sie ihren Weg fort, erzwangen keine Scherze mehr, tauschten nicht ein einziges Wort, machten wieder und wieder halt.

Die Nacht brach ein, hing fahl und schwer in den Tannen, die düster, bleich, eine gespensterhaft starrende Mauer, standen.

Drohender wurde die Lage. Angsterfüllte Bedenken stiegen auf. Sie teilten sie sich nicht mit, sie verbargen sie einer dem anderen, trugen sie, ein jeder ernst und stumm für sich.

Was sollte werden? fragte er sich, wenn die bis zum äußersten aufgepeitschten Kräfte sie verließen, wenn sie trotz aller Energie nicht weiterkonnte? Sollte sie hier rettungslos erfrieren?

Er löste seinen Lodenmantel aus dem Rucksack, hüllte sie fest und dicht in ihn hinein.

Ohne den leisesten Widerspruch ließ sie es sich gefallen.

Am Himmel stieg der Mond auf, zeichnete dünne scharfe Schatten auf den Weg, die ihn wohl ein wenig heller machten, aber zugleich etwas Verwirrendes hatten und die Lage wenig besserten.

Eine ganze Weile hatten sie dicht nebeneinandergestanden. Sterne tauchten auf, leuchteten matt hinter graudunstigen Schleiern, ein ungewisses Flimmern war in der Luft.

Nun hatte sie doch seinen Arm genommen, ganz von selbst, ohne ein Wort zu sagen, schweigend und ergeben.

Er fühlte, wie sie sich bei einem erneuten Versuch, vorwärtszukommen, auf ihn stützte. Ein beglückendes Empfinden war in ihm. Aber die furchterfüllten Fragen wollten nicht zur Ruhe kommen.

Da – er horcht auf. Ein Ton dringt durch die lastende Stille, kommt näher, wird deutlicher.

Ist es ein Menschenlaut? Das wäre Rettung!

Nun ist ihm, als vernähme er noch etwas anderes. Ein Schlürfen, ein Schnauben, ein Knirschen über hartgefrorenen Boden.

Irrt er sich? Ist es narrende Täuschung erwartungsvoll gespannter Sinne?

Nein, auch sie hat es vernommen! Ihre erschlafften Züge beginnen sich zu beleben.

»Hören Sie?« fragt sie mit aufleuchtenden Augen. »Sind es vielleicht Skiläufer?«

»Nein, Skiläufer nicht. Etwas anderes, etwas Besseres!«

Näher kommt das Geräusch. Deutlich hört man ein langgezogenes Hüh – Hüh.

Hinter einer Kurve taucht aus der silbergrau dämmernden Tannenwand ein Pferdekopf auf ... ein kleiner, wohl für Lasten bestimmter Bergschlitten, der jetzt aber leer ist, folgt. Ein Mann, der die Peitsche schwingt, schlendert hinterher. Und hüh ... hüh ... dringt es noch einmal durch die Stille.

Sie sind stehengeblieben – nein, es ist kein Pferde-, es ist ein Mauleselkopf, der da, mit hellblinkendem Blechbeschlag versehen, behäbig voranwackelt.

Freundlich lüftet sein Führer die Mütze.

»Verirrt?« fragt er.

»Wo sind wir denn?«

»Jetzt auf gutem Weg nach Schierke 'runter.«

»Nach Schierke? Und wir wollten zum Torfhaus.«

»Sind Sie abgekommen – längst abgekommen. Zum Torfhaus geht's da drüben, oberhalb der Schutzhütte.«

Und die erhobene Peitsche macht einen großen Bogen, der die verfehlte Richtung andeuten soll.

»Und wohin fahren Sie jetzt mit Ihrem Schlitten?«

»Ich habe Lebensmittel zum Brocken heraufgebracht. Jetzt bin ich auf dem Heimwege.«

»Da sind Sie uns wie ein rettender Engel gekommen. Die Dame hier hat sich den Fuß verletzt. Sie konnte beim besten Willen nicht mehr vorwärts. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, wenn der Himmel Sie nicht gesandt hätte.«

Ein geschmeicheltes Schmunzeln läuft über des biederen Schierkers wetterharte Züge. Als Himmelsgesandter ist er bisher noch nicht angeredet worden.

»Und nun werden Sie die Dame freundlichst auf Ihren Schlitten nehmen. Und Ihr braver Maulesel wird sie nach Schierke bringen.«

»Hm ... gern ... doch 's wird 'n schlechtes Fahren für so 'ne Dame sein!«

Gerta Rittland aber hat, die Hilfe ihres Begleiters wieder mit energischer Handbewegung ablehnend, bereits auf dem kleinen Schlitten Platz genommen. Den kranken Fuß von sich gestreckt, so daß er über das Sitzbrett hinaushängt, kauert, liegt sie halb auf dem schmalen Gefährt. Nichts spürt sie von dem Unbequemen ihrer Stellung. Nur eines empfindet sie mit wachsendem Wohlgefallen: Wie herrlich und erquickend es ist, nach dem maßlos anstrengenden, ihre Willenskraft bis zum äußersten beanspruchenden Marsch den übermüdeten Körper und den schmerzenden Fuß jetzt ausruhen zu dürfen.

Er hat eine Decke, die auf dem Schlitten befestigt war, gelöst, sie ihr um die Füße gewickelt, ihren Oberkörper dichter in den flauschigen Lodenmantel gehüllt.

»Hüh!« ruft wiederum der Schierker, klopft dem trägen Maulesel auf den fleischigen Rücken, und die Karawane setzt sich in Bewegung.

Durch das starkverschneite Eckerloch geht's im mäßigen Abstiege talwärts. Voll und froh blickt der Mond vom Himmel auf sie hinab, webt magisch flimmernde Silberstreifen in die Gänge, die sich in geheimnisvollem Schweigen zwischen hochragenden Bäumen hinziehen.

Da klingt ein helles Lachen durch die Stille. Gerta Rittland hat ihren Humor wiedergefunden. Mag der Fuß noch schmerzen, ihre Lage bei der Unebenmäßigkeit des Weges immer schwieriger und unbequemer werden, diese Fahrt auf dem seltsamen Gefährt mit dem Maulesel, der manchmal stehenbleibt und sich nicht vom Fleck rührt, dann plötzlich unerwartet wieder anruckt, hat einen gar zu komischen Anstrich ... nein, man kann bei ihr nicht ernst bleiben! Sie in der Mitte, halb rittlings, halb liegend, immer bemüht, ihr Gleichgewicht zu behaupten, damit eine unerwartete Wendung sie nicht in den Schnee stürzt, zu ihrer einen Seite Jobst Übinger, manchmal besorgt zu ihr hinabblickend, dann wieder ängstlich auf seinen Weg achtend, damit er nicht zum zweitenmal in unliebsame Berührung mit dem hartgefrorenen Boden kommt, zu ihrer anderen der Besitzer des Fuhrwerks mit den bis über die Knie reichenden Stiefeln in bedächtiger Sicherheit dahinstapfend, so geht es talabwärts dem Orte zu.

Freier wird der Blick, breiter der Weg. Unter ihnen blitzen Lichter auf, werden zahlreicher, bilden eine weithin leuchtende Kette.

Eine ganze Strecke gleitet der Schlitten über langsam sich senkende, manchmal fast ebene Bahn. Der Wald hat aufgehört. Ein weites, im Mondlicht bläulich verschwimmendes, von Hügeln eingefaßtes Gelände tut sich auf.

Dann wird es lebendiger. Skiläufer kehren von froher, spät ausgedehnter Fahrt zurück, hier und da zieht ein Pferd eine ganze Reihe von ihnen. Von irgendwoher tönt Musik.

Der Maulesel macht halt, fest entschlossen, nun auch keinen Schritt weiter zu gehen.

Gerta richtet sich im Schlitten auf, läßt sich auch von Jobst Übinger nicht zurückhalten.

»Der Maulesel hat ganz recht«, schneidet sie lachend seinen Einspruch ab. »Ich kann doch unmöglich in diesem Aufzug an einem Hotel vorbeifahren.«

Dankend verabschiedet sie sich von ihrem Retter, streicht dem Maulesel mit der Hand über Stirn und Ohren.

Der Fuß, durch das lange Ausruhen verwöhnt, macht Schwierigkeiten, will überhaupt nicht vorwärts. Aber auch diesmal besiegt ihr Wille seinen Widerstand und humpelt, auf Jobst Übingers Arm sich stützend, den Weg entlang, der in eine regelrechte Straße übergeht.

»Aber wo bleiben wir jetzt?« fragt sie, und aus ihren Worten pocht die Sehnsucht, nun endlich zur schwerverdienten Ruhe zu kommen.

»Im ersten besten Hotel, das wir finden.«

»Sagen Sie lieber nur: im besten«, wendet sie ein. »Denn ein bißchen behaglich muß es sein. Ich habe noch nie im Leben gewußt, was Hunger ist. Heute aber spüre ich einen Wolfshunger und freue mich auf ein lecker bereitetes Mahl und ein gutes Glas Wein. Ich glaube, wir haben es beide not.«

Die roten Lippen schürzen sich, und in die erschlafften Züge kehren Farbe und Spannung zurück.

Da flammen die elektrischen Lichter einer hohen Bogenlampe vor ihnen auf. »Hotel Waldfrieden« lesen sie auf einem Schilde in goldenen, weithin leuchtenden Buchstaben.

»Das erste Hotel ist es«, meint er, »hoffen wir, auch das beste.«

»Jedenfalls müssen wir es versuchen.«

Sie treten in eine teppichbelegte Eingangshalle. Gedämpftes Licht fällt von der Decke herab. Durch die Tür, die gerade ein Kellner öffnet, erblicken sie festlich gekleidete Menschen an kleinen Tischen mit verschleierten Stehlampen beim Abendessen.

Ein vornehmer Pförtner erscheint, wägt mit kritischem Blick die späten Gäste im Sportanzug, auf dem die lange Wanderung in Schnee und Sturm ihre deutlichen Spuren zurückgelassen.

»Haben die Herrschaften bestellt?« fragt er mit geschäftlicher Höflichkeit. »Nein? Dann bedauere ich. Es ist alles besetzt. Wir sind in der Hochsaison. Höchstens zwei kleine Touristenzimmer im Nebenhause.«

»Ich wünsche den Direktor des Hotels«, unterbricht ihn Jobst Übinger.

Einen Augenblick müssen sie warten. Dann kommt aus dem Speisesaal ein kleiner, geschmeidiger Herr im tadellosen Cut, fragt mit leichter Herablassung, womit er dienen könne.

»Die Dame hat sich auf einer Brockenbesteigung eine Fußverletzung zugezogen. Wir können unmöglich hier in der Nacht im fremden Ort weiter suchen. Sie müssen uns aufnehmen. Mit kleinen Touristenzimmern können wir uns nicht begnügen. Die Dame braucht ihre Bequemlichkeit und muß auch sofort einen Arzt haben.«

Er sagt es mit so ruhiger Bestimmtheit, daß der kleine Herr anfängt, nachzudenken.

»Wir hätten wohl noch ein Zimmer im ersten Stock«, erwidert er schließlich. »Oder vielmehr zwei, die ich nur zusammen abgeben kann, ein Empfangssalon mit anschließendem Schlafzimmer und Bad. Wenn die gnädige Frau sie sich ansehen wollen. Oder vielleicht, wenn es ihr beschwerlich fällt, der Herr Gemahl?«

»Die Dame nimmt die beiden Zimmer«, entscheidet Jobst Übinger kurz, »mir geben Sie eines von Ihren Touristenzimmern.«

»Sehr wohl. Dann möchte ich bitten, sich auf diesen Zetteln einzutragen.«

»Ist das so eilig? Gut, so werde ich es machen. Lassen Sie indes die Dame auf ihre Zimmer führen!«

Ein Boy öffnet die Tür zum Fahrstuhl.

»Und Ihr Gepäck?« fragt der Portier, »darf ich es besorgen lassen?«

Ein leises Erschrecken zuckt über Gerta Rittlands Antlitz. Jetzt erst scheint ihr einzufallen, daß sie ihre Koffer im Torfhause zurückgelassen.

»Wir haben kein Gepäck.«

Sie sieht das seltsame Lächeln auf den glatten Lippen des Direktors. Eine Befangenheit malt sich auf ihrem Gesicht, das jetzt wieder ganz blaß geworden ist.

»Über unser Gepäck werden wir Ihnen unseren Auftrag zukommen lassen«, vernimmt sie da Jobst Übingers Stimme neben sich. »Die Hauptsache ist, daß Sie uns so schnell wie möglich einen tüchtigen Arzt zur Stelle schaffen. »Sie aber, gnädiges Fräulein«, wendet er sich dann zu Gerta, »muß ich bitten, sich auf Ihr Zimmer zu begeben.«

Zwischen den seidenen Wimpern gleitet ein erstaunter Blick zu ihm hinüber. Nun spricht er in derselben Bestimmtheit zu ihr; fast wie ein Befehl klingt es. So hat eigentlich noch nie ein Mensch mit ihr geredet.

»Aber mein Vater«, wendet sie ein. »Er hat mir den Wagen nach Harzburg geschickt. Und wenn er leer zurückkommt –«

»Ihren Herrn Vater werde ich unverzüglich benachrichtigen und Sie, sowie ich hier alles erledigt habe, zum Essen abholen.«

Einen Augenblick scheint es, als wolle sie sich auflehnen. Dann fügt sie sich und betritt den Fahrstuhl, der sie in die Höhe führt.

Nun reicht man ihm die Meldezettel.

»Sie eilen nicht«, sagt er und schiebt sie mit der Hand zurück. »Ich wünsche zuerst ein Telegramm aufzugeben.«

Und er diktiert: »Rittland. Braunschweig. Dringend.«

Der Pförtner läßt den Stift sinken, sieht von seinem Blatt auf.

»Rittland, Braunschweig«, wiederholt er, schreibt weiter, wie ihm Jobst Übinger diktiert.

»Dag Telegramm wird sofort besorgt werden!« sagt der Direktor mit völlig anderer Stimme. »Es ist in spätestens einer halben Stunde in Herrn Rittlands Hand.«

»Gut. Jetzt aber wünsche ich den Arzt. Und zwar, wenn möglich, auf ebenso schnellem Wege.«

»Ich werde sofort anrufen.«

Und dann: »Verzeihen Sie eine Frage, mein Herr – das gnädige Fräulein –«

»Ist die Tochter des Herrn Rittland. Damit Sie es für Ihre Meldezettel wissen, die Sie mir beim Essen vorlegen können. Denn wir werden jetzt zur Nacht speisen. Und ich bitte, uns einen guten Rotwein und zum Nachtisch eine halbe Flasche Sekt reichen zu lassen.«

Als sie beide mit ihren Touristenanzügen in den hellerleuchteten Speisesaal unter die festlich gekleideten Menschen treten, richten sich halb neugierige, halb befremdete Blicke auf sie.

Aber die schlanke, hochgeballte Gestalt Übingers, sein ruhig sicheres Auftreten, mehr noch die rassige Erscheinung seiner Begleiterin und die Anmut ihrer Bewegungen, die in dem leisen Nachziehen des linken Fußes nur um so sichtbarer wird, lösen deutliches Wohlgefallen aus.

Er kümmert sich weder um das eine noch um das andere. Ihr jedoch scheint es weniger angenehm zu sein.

Als sie sich an den ihnen vorbehaltenen Tisch niedergelassen haben, tritt der Direktor an sie heran:

»Herr Doktor Stephan ist über Land gefahren, wird aber bestimmt bis heute abend um neun Uhr zurückerwartet und wird sich dann sofort zur Gnädigsten begeben.«

»Um so besser!« meint Jobst Übinger froh gelaunt. So können wir es uns in aller Ruhe schmecken lassen.

Sie ißt mit sichtbarer Lust, schlürft mit durstigen Lippen den perlenden Sekt.

Er sieht sie vor sich, wie sie auf dem großen Fest in ihres Vaters Hause von den üppig angerichteten Schüsseln nur zum Schein nahm, von den kostbaren Getränken nur nippte, sieht ihren müden Blick über die blumenbedeckte Tafel schweifen, die aufgähnende Langeweile mühsam unterdrückend, und kann eine stille Freude nicht verbergen.

Dann aber – ob der Fuß sie wieder schmerzt? Ob etwas anderes –?

Als man abgegessen und sie sich in ihren Stuhl zurücklehnt, hat ihr Gesicht wieder jenen leichterstarrten Ausdruck, und in den goldbraunen Augen dämmert geheimnisvolle Kühle auf. Auch ihre Stimmung ist nicht mehr so frei und angebunden, ihre Rede nicht so froh und leichtbeschwingt wie vorhin da draußen beim Rauschen der Tannen, beim Rieseln des Schnees.

Ein Herr erscheint im Saal, begibt sich, vom Direktor begleitet, unmittelbar auf ihren Tisch zu:

»Doktor Stephan. Ich komme eben von einer Fahrt über Land nach Hause und höre, daß der gnädigen Fran ein Unglück zugestoßen ist. Sehr bedauerlich – nun, wir werden sehen, wird schon wieder werden! Fürs erste muß ich die Herrschaften bitten, sich mit mir nach oben zu begeben, damit ich dort die Untersuchung vornehmen kann.«

Sie erhebt sich, reicht Jobst Übinger die Hand.

»Nein, der Herr Gemahl kann mitkommen.«

»Der Herr ist nicht mein Mann«, sagt sie kurz, in fast schroffer Ablehnung.

»Macht nichts. So ist er ein Herr, der Ihnen nahesteht.«

»Auch das nicht.«

»Macht nichts!« wiederholt Doktor Stephan unbeirrt. »Es ist mir lieb, wenn er der Untersuchung beiwohnt, weil ich voraussichtlich eine Reihe von Verordnungen und Verhaltungsmaßregeln werde geben müssen, die er sich dann gleich merken und später ausführen kann.«

So treten sie zu dreien in das mit weichem Behagen ausgestattete Empfangszimmer, das man Rittlands Tochter im ersten Stockwerk eingeräumt hat.

»Nicht übel!« meint Doktor Stephan. »Vielleicht kommen wir bei diesen Räumlichkeiten um das Krankenhaus herum.«

»Krankenhaus?« fragt sie voller Entsetzen.

»Nur Ruhe! Gnädigste sehen doch nicht aus, als ob sie sich so leicht aus der Fassung bringen lassen. Und wenn der Herr Gemahl – Verzeihung, wenn der Herr Begleiter sich ein wenig zum Krankenwärter eignet –«

Sie scheint das Gespräch abkürzen zu wollen. Sie hat sich auf den Diwan gelegt, den kranken Fuß von Schuh und Strumpf befreit.

Der Arzt beginnt seine Untersuchung, streicht mit der gewandten Hand hin und her, faßt hier und dort an, packt einmal auch ein wenig zu, daß ihr die Tränen in die Augen kommen. Aber nicht der leiseste Laut entringt sich ihren Lippen.

»Ich danke«, sagt Doktor Stephan. »Eine Verstauchung im Fußgelenk mit nicht unerheblichem Bluterguß!« wendet er sich dann mehr an Jobst Übinger als an sie. »Erstaunlich, im höchsten Grade erstaunlich, wie die Patientin in diesem Zustand fast eine Stunde, nicht wahr, so sagten Sie, einen solchen Abstieg machen konnte. Läßt auf eine fabelhaft entwickelte Energie schließen. In meiner guteingerichteten Klinik hätten wir alles beisammen, was wir brauchen.«

»In eine Klinik gehe ich unter keinen Umständen.«

Bestimmt, jeden Widerspruch abschneidend, kommt es von ihren Lippen.

»Gut. Dann können wir die an sich einfache Behandlung auch hier vornehmen. Wir werden vierundzwanzig Stunden lang fest bandagieren. Ich habe einen Druckverband auf jeden Fall mitgebracht und werde ihn selber anlegen. Morgen schicke ich meine Masseuse. Dann werden wir weiter sehen!«

»Und wie lange –?«

Bange Erwartung liegt in ihrer Frage.

»Nun ... auf drei bis vier Tage müssen sich gnädige Frau schon gefaßt machen. Die Hauptsache ist unbedingte Ruhe für den kranken Fuß. Die Patientin darf ihr Zimmer deshalb vorläufig nicht verlassen. Ich werde täglich kommen und nach dem Rechten sehen. Später lege ich einen Heftpflasterverband an, und dann kann die Patientin, wenn es ihr Spaß macht, noch einmal auf den Brocken kraxeln.«

Jobst Übinger holt auf seine Weisung die Tasche, die er unten beim Pförtner gelassen hat, begibt sich dann nach draußen, bis der Verband angelegt ist und der Arzt sich entfernt hat.

Als er wieder in das Zimmer tritt, findet er Gerta in genau derselben Stellung, in der er sie verlassen, auf dem Diwan liegend. Aber ihr Gesicht ist einen Schatten blasser, und die schlanken, weißen Hände ruhen müde auf der Decke.

»Und nun danke ich Ihnen, Herr Übinger«, sagt sie mit merkbar matter Stimme, »für Ihre treue Hilfe und die Geduld, die Sie mit mir gehabt haben. Es war mir nicht ganz leicht, beide auf eine so harte Probe gestellt zu haben.«

»Ich wünschte von Herzen, daß sie nie eine härtere zu bestehen hätten.«

»Hoffentlich finden Sie noch die nötige Erholung in den Bergen –«

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Aber das klingt ja fast wie ein Abschied.«

»Nun ja. Sie erzählten mir doch, daß Sie noch acht Tage Urlaub hätten und einmal tüchtig ausspannen wollten –«

»Ganz recht. Und wo sollte ich es besser können, als hier in diesem wundervoll hochgelegenen Ort, der zu einer Luftkur wie geschaffen ist? Und in diesem behaglichen Hotel, in dem es mir so ausgezeichnet gefällt, daß ich gar nicht daran denke, mir ein anderes auszusuchen. Denn daß ich jetzt meine Straße fürbaß ziehen und Sie Ihrem Schicksal überlassen würde, nicht wahr, das glauben Sie selber nicht?«

»Sie werden auf keinen Fall hierbleiben. Sie werden Ihre geplante Reise fortsetzen.«

»Gewiß ... mit Ihnen zusammen, wenn Sie Ihren Heftpflasterverband um den Fuß haben«, scherzt er, »so eine kleine Genesungsfahrt! Vorläufig aber müssen Sie mir schon gestatten, zu tun, was ich für gut befinde, und zu bleiben, wo es mir gefällt. Und nun gute Nacht! Sie müssen todmüde sein, und auch ich freue mich nach dieser immerhin etwas anstrengenden Kletter- oder vielmehr Glitschpartie auf einen gesunden Schlaf da oben in meinem kleinen Touristenzimmer.«

Er reicht ihr die Hand und hat, ehe sie ein Wort erwidern kann, die Tür hinter sich geschlossen.

* * *

 

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