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Die letzte Karte in der Hand

Artur Brausewetter: Die letzte Karte in der Hand - Kapitel 3
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDie letzte Karte in der Hand
publisherOtto Janke, Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201610
projectid9ed5d492
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Rittland drahtete aus Hamburg, daß sich seine Rückkehr infolge dringender Angelegenheiten verzögern würde. Der Empfangsabend in seinem Hause wurde um acht Tage verschoben.

Jobst Übinger, der die Arbeit und Verantwortung eines Betriebes, in den er kaum eingetreten war, jetzt allein auf seinen Schultern ruhen fühlte, hatte alle Hände voll zu tun. Des Morgens in der ersten Frühe war er bereits draußen in den Werken, verweilte dort den ganzen Tag, manchmal auch, da die ganze Einstellung des Betriebes, vor allem die Notwendigkeit, das Feuer in den großen Schmelzöfen nicht ausgehen zu lassen, ununterbrochene Tätigkeit erforderte, bis in die tiefe Nacht hinein.

Man arbeitete in drei Schichten zu je acht Stunden. Die eine löste die folgende ab, ein Werkmeister den andern – Jobst löste niemand ab. Nicht, weil er sich in seinen beruflichen Obliegenheiten nicht einen Vertreter hätte schaffen oder erziehen können. Sondern weil ihm mit jeder Stunde klarer wurde, daß er auf gefährdetem Posten stand und daß ihn ein anderer ebensowenig ersetzen konnte wie den Steuermann auf einem Schiffe, das mit der Brandung kämpft.

Eines Morgens, als er eben seinen Revisionsgang durch die Bleikammern beendet hatte, kam Dietrich Rockert zu ihm.

»Ich muß dich einen Augenblick allein sprechen«, sagte er in merkbarer Erregtheit, als sie sich in das Beratungszimmer zurückgezogen hatten. »Ich habe dir versprochen, dir Mitteilung zu machen, bevor ich mich zu einem entscheidenden Schritt Rittland gegenüber entschließe. Also: Knappe rief mich an den Apparat: Der Chef – ein dringendes Gespräch.«

»Was wollte er?«

»Mich ersuchen, unverzüglich mit einem seiner Wagen zu ihm nach Berlin zu kommen. Es wären große Dinge im Gange, und er wünschte in meinem eigenen Interesse meine Anwesenheit. Was soll ich tun?«

»Nicht reisen!«

»Unter welchem Vorwand?«

»Unter irgendeinem: daß du krank wärest oder was du sonst willst.«

»Das wird er mir nicht glauben. Er hat mich ja eben am Apparat gesprochen.«

»So kündige ihm deine Stellung. Eine andere findest du stets. Und wenn sie dir nur die Hälfte einträgt, so ist es immer besser als gar nichts.«

»Als gar nichts?«

»Nun ja, wenn dein Vermögen flöten geht.«

»Darum, meinst du, handelt es sich?«

»Worum sonst? Vielleicht um deinen kaufmännischen Rat, den er einholen will?« gab Jobst Übinger mit leichtem Hohn zurück. »Siehst du denn wirklich nicht, wie der Hase läuft? Er hat diese Reise gemacht, weil er Geld braucht. Er verlängert sie von Tag zu Tag, weil es natürlich nicht so einfach ist, die Mittel aufzutreiben, die er benötigt, will er seinen Betrieb vor einer Krise bewahren.«

»Soweit wäre es schon gekommen?«

»Es ist zum mindesten zu befürchten. Jedenfalls weiß er, daß du über ein stattliches Vermögen verfügst und will dich beteiligen. Ich habe dir meine Meinung gesagt. Jetzt tue, was du für gut befindest.«

Ihr Gespräch wurde unterbrochen. Im Kesselhause war eine Störung entstanden.

John Helferding benötigte der Hilfe seines Direktors.

Als Dietrich Rockert von ihm ging, wußte Jobst Übinger, daß er nach Berlin fahren würde.

*

Es war an einem späten Nachmittag. Draußen dämmerte bereits der Abend auf.

Jobst Übinger war im Laboratorium mit der Untersuchung einiger eben eingelieferter Zwischenprodukte beschäftigt, als mehrere Male hintereinander das Haustelephon ertönte: Fräulein Steinmich wünschte den Herrn Betriebsleiter persönlich.

Und als er sich meldete: Man habe ihn im ganzen Betriebe gesucht. Herr Rittland bäte ihn zu einer dringenden Besprechung.

»Herr Rittland? Ist er denn schon von seiner Reise zurück?«

Er sei eben angekommen, müsse aber heute abend wieder nach Berlin. Der Herr Betriebsleiter möchte sich daher unverzüglich zu ihm bemühen.

Als Jobst Übinger in Rittlands Privatkontor trat, erhob sich dieser von seinem Schreibtisch, ging ihm einige Schritte entgegen, was er sonst niemals tat. Heller Triumph leuchtete auf seinen Zügen, und das Lächeln, das um seine bartlosen Lippen spielte, war von herausfordernder Überlegenheit.

»Sieg auf allen Linien!«

Seine Stimme hatte den gewohnten Gleichmut abgestreift, war auch nicht hart und spröde wie sonst, sondern klang froh und stolz.

»Sehen Sie, das hätten Sie nicht gedacht. Nein, Sie nicht! Oder glauben Sie, ich hätte es nicht gemerkt, daß Ihnen gleich bei unserer ersten Besichtigung allerlei Bedenken aufstiegen, daß Ihnen meine Spekulationseinkäufe der Rohstoffe Kopfschmerzen verursachten? Nun, Sie können ruhig sein, es ist alles in Ordnung!«

Er reichte ihm die Kiste schwerer Importen, die er bei der Arbeit zu rauchen liebte, zündete sich selber eine an, war von fast kordialer Verbindlichkeit, wie er sie im Dienste sonst niemals zeigte.

»Also, ich war in Hamburg und Berlin. Die Reise war lange vorbereitet. Ich hielt sie geheim. Denn ich brachte große Pläne und Absichten mit, die hier zur Ausführung kommen sollten. Deshalb verzögerte sich meine Rückkehr. Nun aber ist alles unter Dach und Fach. Kurz und gut: Rittland wird Aktiengesellschaft. Die Banken haben weitestes Entgegenkommen gezeigt. Die Unterstützung der ersten Finanzkräfte ist zugesagt. Die Prospekte liegen aus. Die Zeichnungen sind gesichert. Ihr Freund Rockert hat sich mit einem namhaften Beitrag beteiligt. Es wird sein Schade nicht sein.«

Er machte einige Schritte durch den mit Teppichen belegten Raum. Selbstbewußtes Wohlgefallen an sich, an seiner Tat, prägte sich in seinem Gange, seiner Haltung aus.

»Ich bleibe in meinem Werke, was ich bin«, fuhr er fort. »Die ganze Leitung habe ich unverändert in meinen Händen. Und der Aufsichtsrat ... nun, der ist, wie immer in solchen Fällen, mehr repräsentativ. Auch an Ihrer Stellung ist nicht gerüttelt worden. Dafür trat ich schon ein. Ich werde viel auf Reisen sein, da brauche ich einen vollwertigen Vertreter. Jetzt werde ich eine Stunde auf Anstand gehen, um den Wust von Gedanken abzuschütteln. Dann muß ich nach Berlin zurück. Ich bin nur hergekommen, einige wesentliche Anordnungen zu treffen, die ich dem Knappe nicht telephonisch übermitteln konnte, vor allem, um notwendige Akten abzuholen. Auf Wiedersehen bis übermorgen!«

Jobst Übinger sollte heute nicht zur Ruhe kommen.

Eben hatte er sich in das Laboratorium zurückbegeben, um die unterbrochenen Untersuchungen zu Ende zu führen, als ein Diener eiligst zu ihm herantrat: Draußen wäre das gnädige Fräulein mit einem Herrn vorgefahren und hätte nach dem Herrn Direktor gefragt.

»Welches gnädige Fräulein?« gab er zurück, noch ganz in seine Untersuchungen versunken.

»Das gnädige Fräulein vom Hause, Herrn Rittlands Tochter. Soll ich sie hierher bitten?«

»Nein ... nicht hierher. Führen Sie sie in das Beratungszimmer. Ich werde kommen, wenn ich fertig bin.«

Was mag sie wollen? dachte er bei sich, indem er zu seiner Arbeit zurückkehrte. Dann legte er den weißen Kittel ab, den er im Werke zu tragen pflegte, und begab sich zu ihr.

»Ich bedaure, den Herrn Direktor in wichtiger Arbeit stören zu müssen.«

Eine Stimme sagte es, aus der die lässige Gleichmütigkeit des Vaters klang, zugleich aber eine gewisse Gereiztheit, als wäre Rittlands Tochter nicht gewohnt, zu warten – am wenigsten auf einen Angestellten ihres Vaters.

Er merkte es sehr wohl, sagte aber kein Wort der Entschuldigung. Der Dienst ging eben vor. Daran konnte auch Rittlands Tochter nichts ändern.

»Wir haben uns noch nicht kennengelernt, obwohl Sie bereits in unserem Hause waren«, lenkte sie zu gemessener Höflichkeit über. »Und jetzt bin ich es, die Ihnen den ersten Besuch macht.«

»Und womit kann ich Ihnen zu Diensten stehen?«

»Herr Doktor Alberti, der Sohn unseres alten Freundes, den ich Ihnen hier vorstellen möchte, hat den Wunsch, unsere Werke zu besichtigen. Auch ich war längere Zeit nicht in dem Betriebe und erklärte mich bereit, ihn zu begleiten. Da der Vater, wie ich eben hörte, zur Jagd gefahren ist, wäre es mir lieb, wenn Sie unsere Führung übernehmen wollten.«

»An sich täte ich es gern. Aber ich weiß nicht, ob ich es darf.«

Ein Zaudern lag in seinen Worten ... eine Bedenklichkeit.

»Sie wissen es nicht? Wenn ich Sie darum bitte?«

Ihr Auge glitt mit einem kurzen Blick über ihn hinweg. Es war ein seltsames Auge; dunkelbraun, mit einer leichten Tönung von Gold lag es unter feingezogenen Brauen. Eine geheimnisvolle Kühle war in ihm. Aber unter dem leichten Schleier, der es deckte, dämmerte die Ahnung einer Kraft, die Widerstand nicht duldete.

»Es ist selbstverständlich«, entgegnete er mit derselben ruhigen Verbindlichkeit, »daß ich das gnädige Fräulein gern führen würde. Ob ich aber berechtigt bin, einem fremden Herrn unser Werk zu zeigen –«

»Ich sagte Ihnen, daß er ein Freund unseres Hauses ist. Herr Doktor Alberti ist zudem selbst Ingenieur und hat in einer dem Vater nahestehenden Fabrik unserer Stadt eine Anstellung gefunden, die er morgen antreten wird.«

»Das erhöht meine Bedenken.«

Diesmal sah sie nicht über ihn hinweg. Voll und nicht ohne den Ausdruck einer leichten Herausforderung ruhte ihr Auge auf ihm.

»Und wenn ich die Verantwortung übernehme?«

»Die pflege ich in meinem Betriebe selbst zu tragen.«

Ihr Kopf zuckte empor, die dünnen Flügel der leichtgebogenen Nase bebten. Das war das Zeichen einer bei ihr seltenen Erregung. Und mochte sie diese noch so geschickt verbergen, die zitternden Nasenflügel verrieten sie.

»Wenn ich hier den Stein des Anstoßes bilde, so trete ich gern zurück.«

Der junge Mann sagte es, zum ersten Male in die Unterredung eingreifend.

Ein flüchtiger Blick aus Jobst Übingers ruhigen Augen streifte ihn. Er war eine stattliche, aber knabenhaft hagere Erscheinung. Wie in seinem ganzen Wesen, in seiner Art, sich zu geben, etwas Knabenhaftes, Unfertiges lag. Aber das freie, offene Gesicht mit den frischen Zügen und den vertrauensvollen Augen übte eine Anziehungskraft aus, der man sich schwer entziehen konnte.

Rittlands Tochter beachtete seinen Einwurf nicht.

»Wir wollen zum Schluß kommen«, sagte sie über ihn hinweg, und in ihren Worten war jetzt jenes von dem Obenherab des Vaters, an den sie unwillkürlich erinnerte.

»Werden Sie die Freundlichkeit haben uns zu führen? Oder soll ich einen anderen Herrn darum bitten?«

»In meinem Betriebe darf niemand ohne meine Erlaubnis führen.«

Das war ihr zu viel. Der bis dahin zurückgekämpfte Unwille brach sich Bahn.

»Ich glaube, Herr Übinger, Sie vergessen –«

»Weder meine Stellung noch meine Pflichten«, ergänzte er mit unerschütterter Ruhe. »Aber da Sie wünschen, zu einem Schlusse zu kommen, so werde ich Herrn Knappe fragen, der die offizielle Vertretung Ihres Vaters und seine Verantwortung hat. Gestattet er die Führung, so wird es mir eine Freude sein, sie zu übernehmen.«

Sie sagte nichts mehr. Wille stand gegen Wille, und sie sah, daß sie den seinen nicht brechen würde. So fügte sie sich.

Moritz Knappe, vorsichtig und ängstlich in seinen Entschließungen, besonders wenn es galt, eine Verantwortung zu übernehmen, machte es diesmal, wie er es in solchen Fällen zu machen pflegte: er sagte nicht ja, nicht nein, meinte, es läge kaum ein Grund vor, die Besichtigung zu verweigern, äußerte aber in demselben Atemzug seine Bedenken gegen die Führung eines Fachmannes, der, wenn auch nicht in einem ausgesprochenen Konkurrenzunternehmen, so doch immerhin in einem verwandten Betriebe tätig wäre, obwohl wiederum der Umstand, daß es Rittlands Tochter wäre – da unterbrach ihn Jobst Übinger, dem alles Halbe, Schwankende unerträglich war: »Gut, also. Ich nehme es auf meine Kappe.«

Über das mit einem ganzen Block von Tourills, Steinzeuggefäßen und anderen Geräten angefüllte Gelände begaben sie sich in das Innere der Schwefelfabrik, zuerst in die zu ebener Erde gelegenen Räume, in der große Wasser- und Luftpumpen ihre mechanische Arbeit verrichteten.

Er hatte seine Führung von vornherein so eingerichtet, daß er sie seinem täglichen Revisionsgange einordnete. So überzeugte er sich auch jetzt, indem er seine klaren, knappen Erläuterungen gab, mit kurzem Blicke, ob der Luftdruck die genügende Stärke hatte und die Anzeiger für die Ampere-Voltspannung normale Zahlen zeigten.

Der junge Alberti streute hier und da eine kurze Bemerkung ein, stellte auch einige Fragen, die ihm sachlich, aber stets mit merkbarer Zurückhaltung beantwortet wurden.

Rittlands Tochter hingegen verhielt sich schweigend.

Nun lenkten sie in das Kesselhaus über, standen vor den beiden Riesengefäßen, in denen der Dampf zum Betriebe der Maschinen erzeugt wurde. Auch hier stellte er nach den Zählern der verschiedenen Stromkreise schnell den Verbrauch fest, gab jedoch, da ihm einiges nicht ganz nach Wunsch erschien, seine Erklärungen bereits ein wenig flüchtig und nebenhin.

»Ein Betriebsleiter ist eigentlich kein guter Führer«, sagte da zum ersten Male Gerta Rittland. »Er hat seine Gedanken immer bei seiner Arbeit und betrachtet solch eine Führung als eine recht überflüssige Sache, die man füglich einem anderen überlassen sollte.«

Und nun über ihn hinweg an ihren jungen Begleiter sich wendend:

»Mit wie wundervoller Zweckmäßigkeit in solchem Werke doch alles eingerichtet ist! Wie selbstverständlich es einem erscheint und mit welcher unfehlbaren Sicherheit eins in das andere greift! Wirklich, Vater ist ein Genie! Ich muß ihn immer aufs neue bewundern, wenn ich einmal in das Werk komme.«

Ihre Stimme hatte einen wärmeren Klang, und in ihren Augen war ein hellerer Ton.

»Sehen Sie, dieser Strom, den Sie da eben in den beiden Dampfkesseln gesehen, geht nun in die Schalttafel dort hinein und wird von dieser wie von unsichtbaren Händen durch die einzelnen elektrischen Kreise den verschiedenen Betrieben zugeführt. Herr Übinger braucht nur einen flüchtigen Blick auf den Zähler zu werfen, mit dem jeder Stromkreis versehen ist, und ist sofort über den Gang seines Werkes unterrichtet.«

»Ich hätte nicht gedacht«, sagte Jobst Übinger, »daß Sie so in das Werk Ihres Vaters eingeweiht wären. Diese Erklärung hätte ich nicht besser geben können.«

»Das lernt man bald«, erwiderte sie, und der kühle Gleichmut war wieder in ihren Worten. »Und schließlich hat mein Vater ja auch keinen Sohn, der einmal sein Werk fortführen könnte.«

Jetzt wünschte sie, einen Gang durch die Bleikammern zu machen.

»Gewiß«, schnitt sie seinen Einwand bei den ersten Worten ab, »drüben sind auch Bleikammern, das weiß ich. Diese aber sind neuer angelegt, und Herr Alberti empfängt von ihnen ein besseres Bild.«

»Das war es auch gar nicht, was ich einwenden wollte. Ich hatte ein anderes Bedenken.«

»Und das wäre?«

»Ihre Nerzjacke.«

Nun spielte doch ein Lächeln über ihre Lippen.

»Ich halte es nicht für ganz ratsam«, fuhr er in seinem ruhigen Ton fort, »daß Sie mit ihr die Bleikammern betreten. Die Gänge sind sehr schmal, und die Schwefelsäure, die an den Wänden sich ablagert, möchte nicht die gebührende Rücksicht auf sie nehmen.«

»Wie Sie«, ergänzte sie, und das Lächeln schwebte immer noch um ihre Lippen. »Aber es ist sehr liebenswürdig, daß sich ein so vielbeschäftigter Mann wegen einer Nerzjacke Gedanken macht. Sehen Sie, das ist ein Zug, den ich nicht an Ihnen vermutet hätte. Aber Sie können ohne Sorge sein. Ich bin so manches Mal durch diese Gänge gewandert und habe niemals einen Schaden in ihnen genommen.«

In die Bleikammern war bereits ein Frühlingshauch eingedrungen. Sie lüftete ihre Jacke, war ganz bei der Sache.

In lebhafter Unterhaltung tauschte sie ihre Beobachtungen mit dem jungen Ingenieur. Der hörte ihr mit sichtbarem Entzücken zu. Eine stolze Genugtuung breitete sich über seine knabenhaften Züge, daß sie, die Vielverwöhnte auch hier, wohin sie kam, von allen mit Ehrerbietung begrüßte, ihn, den Neuling, in dieser Weise auszeichnete.

Er ist natürlich auch in ihrem Banne, dachte Jobst Übinger. Kein Wunder bei solcher Jugend. Von der Schwester hat er eigentlich gar nichts. Sie ist fraglos die Reifere, die Ausgeglichenere.

Als sie die Bleikammern verließen, trat ein Arbeiter auf Jobst Übinger zu: Meister Helferding schicke ihn. Er möchte doch so gut sein, gleich einmal an die Verladestelle zu kommen.

Aber als er von ihm wissen wollte, um was es sich handelte, vermochte der Mann ihm keine Auskunft zu geben. Der Meister hätte ihn nur beauftragt, den Herrn Direktor zu suchen und, wenn möglich, gleich mitzubringen.

»Wir danken Ihnen, Herr Übinger«, wandte sie sich zu ihm. »Jetzt, wo die Pflicht Sie ruft –«

Er ließ sie nicht zu Ende reden. »Du lieber Himmel!« rief er aus, die Hände mit dem Ausdruck eines komischen Entsetzens zusammenschlagend. »Nun ist das Unglück doch geschehen ... trotz all Ihrer Übung und Erfahrung in den Bleikammern.«

Sie folgte seinem Blick, sah auf ihre noch immer aufgeschlagene Jacke. Ein verräterischer Fleck, den sie nur zu genau kannte ... groß, grünlichgrau, schillerte ihr entgegen.

»Wahrhaftig!« sagte sie.

»Bei all dem Unglück ist es noch ein Glück, daß wir den Schaden gleich bemerkten. Ein wenig später, und Ihre kostbare Jacke wäre für alle Zeiten verloren gewesen. Denn die Schwefelsäure frißt mit unheimlicher Geschwindigkeit.«

»Ja, das tut sie. Und ich muß dem geübten Auge des Fachmannes dankbar sein.«

Sie suchte in seinen scherzenden Ton einzustimmen. Nur vor ihm sich keine Blöße geben! dachte sie bei sich. Aber im Innern war ihr gar nicht scherzhaft zumute. Im Gegenteil, sie ärgerte sich über ihre Ungeschicklichkeit. Aber mehr noch, daß er es gewesen, der sie bemerkt hatte. Auch die ironische Art, mit der er die ganze Angelegenheit behandelte, paßte ihr gar nicht. Zudem war sie doch zu sehr Frau, um von der Gefahr, die ihrer wertvollen Jacke drohte, nicht berührt zu werden.

»Nun, wir werden den Schaden bald beheben!« fuhr er fort. »Wenn Sie mir freundlichst in das Laboratorium folgen wollen.«

»Herr Doktor Alberti wird mich dorthin begleiten«, wehrte sie ab. »Sie haben Wichtigeres zu tun.«

»Nichts Wichtigeres in der Welt!« beteuerte er ritterlich, aber noch immer mit dem leicht ironischen Unterton.

Im Laboratorium war starke Geschäftigkeit. Eine Anzahl von Produkten war eben eingeliefert, und mehrere Chemiker waren dabei, ihren Gehalt zu prüfen. Er störte sie nicht in ihrer Arbeit, ging an einen großen Schrank, entnahm ihm eine Flasche mit Salmiak, begann achtsam und mit Sorgfalt ihre Pelzjacke zu betupfen und mit einem weichen Tuche abzureiben.

»So – nun wäre die Jacke gerettet. Es wäre auch schade um sie gewesen.«

»Wenn die erste Kraft in den Werken meines Vaters ihre Mühe einer so kleinen Angelegenheit zuwendet, braucht man wegen des Erfolges nicht bange zu sein.«

Um ihre Lippen spielte wieder das stille Lächeln. Aber es war nicht das erkünstelte von vorhin. Ein weiches, verführerisches Lächeln war es, wie man es den herben Lippen kaum zugetraut hätte.

»Sie haben in Ihrer Tätigkeit gewiß schon oft Gelegenheit gehabt, Damen vor dem Verbrennen ihrer Kostbarkeiten zu retten?«

»Es war heute das erstemal.«

»Um so anerkennenswerter die Geschicklichkeit, mit der Sie es taten. Ich hätte eine so weibliche Hand nicht bei Ihnen vermutet – doch nun darf ich Ihre Zeit wirklich nicht länger in Anspruch nehmen. Auf Wiedersehen am Mittwoch!«

Er fühlte den leisen Druck ihrer Hand. Dann stand er draußen.

Es war Abend geworden. Ein für die frühe Jahreszeit schwerer, drückender Abend. Die Sonne war hinter den Hügeln, die, am Horizont verschwindend, das große Gelände schattengleich umsäumten, zur Ruhe gegangen. Sterne waren nicht zu sehen. Die Schwüle, die beängstigend in der Luft lag, und die Ahnung von einem aufsteigenden Wetter, die sich in einer über den Himmel zuckenden Helle ankündigte, mochte sie ausgelöscht haben.

Die Arbeit draußen war beendet; nur im Inneren der hochragenden Gebäude setzte sie hinter matterleuchteten Fenstern ihr nie unterbrochenes Spiel fort. Bogenlampen flammten auf, aber sie erhellten nur die Teile des Geländes, auf denen sie angebracht waren. Das übrige lag in stetig zunehmender Dunkelheit.

Eine Gestalt tauchte aus ihr auf, ein untersetztes Männchen, schiefschulterig, wohl auch ein wenig hüftlahm, denn die langsam ausschreitenden Beine trugen den unebenen, dabei behäbigen Körper mit sichtbarer Unlust vorwärts: John Helferding, der Meister in der Säureabteilung.

Jobst Übinger kannte seine geringe Vorliebe für jede unnötige Bewegung und war verwundert, daß er ihm auf halbem Wege entgegenkam.

»Hm ... tja ... das sin' so Verhältnisse ...« erwiderte der kleine Mann mit seiner Lieblingsredensart auf die erstaunte Frage seines Direktors. »Kommt da heut nachmittag, jrad als der Herr Rittland das Werk verlassen haben, die Weisung an mich, ich sollt 'n paar geschickte Leute bereithalten, 'ne Kist in Empfang zu nehmen und hier aufzustell'n –«

»Eine Kiste?«

»Ja. In de Kist' is nämlich 'ne Figur drinne ... so groß vielleicht wie der Herr Direktor und schwer wie Blei. Und ich möcht's nich allein auf mich nehme. Deshalb bat ich den Herrn Direktor.«

»Dann sagen Sie mir zuerst einmal, worum es sich handelt. Denn bis jetzt verstehe ich so gut wie gar nichts von der ganzen Sache.«

Der kleine Meister kraulte mit den dünnen Fingern in den dichten grauen Haaren.

»Hm ... tja ... das sin' so Verhältnisse ... 's is schon mal jewese. Da schickt uns der Herr auch so 'ne Kist auf den Hals. Damals war's 'n Mann. Diesmal soll's 'ne Frau sein. Und immer sin' se splitternackt – bis auf die Knochen.«

»Und was will der Herr denn mit diesen Dingern?«

»Hm ... tja ... das weiß niemand. Die wär'n hier gut aufgestellt, sagt' er mal bei so 'ne Gelegenheit zu mir.«

»Behielt er sie denn hier?«

»Nee. Nach kurze Zeit wurden sie von hier direkt auf den Waggon geladen. Aber niemand wußt', wohin. Und immer nur, wenn's da draußen dunkel war ... bei Nacht und Nebel. So komme sie auch immer an ... wie ebe jetzt.«

Jobst Übinger, der den Worten des Meistert bisher nur mit geringer Teilnahme gefolgt war, wurde aufmerksam.

»Eben also lief die Kiste ein?«

»Ja ... jrad, als 's schummrig wurde, 's muß aber diesmal 'n Verseh'n sein. Sonst war der Herr immer bei de Ankunft und dem Transport. Außer mir durft niemand dabei sein.«

»Auch nicht Herr Alberti, der Bildhauer? Denn von dem kommen die Figuren doch?«

»Hm ... tja. Jemacht hat er sie woll. Aber sie kommen aus Berlin. Und der Herr Alberti durft auch nicht dabei sein. Der is sein Lebtag noch nich im Werk jewese. Ich mein' so: Der Herr hat wohl den Transport für heut abend angeordnet. Dann hat er's über all dem, was er jetzt zu tun hat, vergessen und is wieder abjefahre. Und nu weiß ich nich, wohin damit.«

»Wo wurden denn die anderen untergebracht?«

»In des Herrn Privatlaboratorium.«

»Er hat hier ein Privatlaboratorium?« fragte Jobst Übinger, und sein Erstaunen stieg. »Und ich habe bisher nichts von einem solchen gewußt?«

»Das will ich woll glaube«, erwiderte der kleine Meister, und ein geheimnisvolles Schmunzeln lief über seine wulstigen Lippen. »Es liegt auch versteckt jenug.«

»Und wo –?«

»Hm ... tja ... eig'ntlich soll's keiner wissen. Dem Herrn Direktor aber kann ich es woll sagen: Da drübe liegt's ... in de Fabrik ... hinter den Rohphosphaten, die er unten in der großen Halle aufgetürmt hat –«

Eine seltsame Erinnerung flog durch Jobst Übingers Kopf ... damals, als er zum ersten Male mit Rittland durch sein Werk gegangen war und staunend vor diesen Bergen von Rohstoffen gestanden hatte. Dort also – wurden die Geheimnisse, die ihn hier auf Schritt und Tritt umgaben, immer größer, immer undurchdringlicher?

»Er sagt, da drüben wär die einz'ge Stell im janzen Werk, wo ihn niemand erreichen und in seiner Arbeit stör'n könnt. Deshalb liebt er's nich, daß man was von ihr weiß. Aber natürlich hat's sich längst durchgesprochen ... schon durch die Leut, die er bei der Aufstellung der schweren Puppen braucht –«

»Ja, was in aller Welt treibt er denn da in seinem Privatlaboratorium?«

Der kleine Meister wiegte den eckigen Kopf einige Male hin und her. In dem hellen Lichte der beiden mächtigen Bogenlampen, unter denen sie gerade standen, erhielt dieser Kopf mit den verschrumpelten Zügen etwas eigenartig Grelles.

»Hm ... tja ... das sin so Verhältniss'. Ich laß mich nich gern über sie aus. Man munkelt allerlei –«

»Was munkelt man?« fragte Jobst Übinger, ungeduldig geworden.

»Daß er jeheimnisvolle Dinge dort treibe, seltsame Mittel herstelle – kurz, daß 's nich mit rechten Dingen da zujehe –«

»Und daß er ein Zauberer ist und mit den bösen Geistern im Bunde steht!« lachte ihm Jobst Übinger entgegen.

Der kleine Meister aber blieb ganz ernsthaft.

»Man soll darüber nich lache. Nee ... das soll man nich!«

»Nun denn ohne jeden Scherz: Was macht er da?«

»Ich weiß 's nich. Aber als ich mich mal in die Näh' seines Laboratoriums wagt', kurz nachdem er's verlassen, und durch 'ne kleine Ritze der dichten Holzwand guckt', da war's von lauter bläulichen Dämpfen erfüllt. Und durch sie hindurch tanzten sprühende Funken –«

»Und es roch nach Schwefel und dem Teufel?«

»Nee, aber nach Schwefelleber und Salzsäure und Kalksinter und ... was weiß ich –«

»Er wird eine Untersuchung angestellt haben, wie wir alle es tun.«

Aber John Helferding ließ sich nicht so einfach abspeisen.

»Nee, das war's nich. Das kenn' ich ja schließlich auch und weiß, wie's dabei zujeht.«

Eine Weile schwieg er, sah vor sich hin, die kleinen blinzelnden Augen nachdenklich, abwesend fast auf den Boden gerichtet.

»Einmal«, sagte er dann mit geheimnisvoll ins Weite sprechender Stimme, »wird der große Tag der Abrechnung komme. Ob die Menschen 's jlaube oder nich. Sie sin im Wahn der Welt befange, sie leb'n und sünd'jen, als jing's ewig so fort. Aber im Neue Testament steht's jeschriebe, und wir Adventisten, wir jlauben dran. Ja, wir wissen's. Denn der Herr Jesus hat's selber jesagt.«

In den schmalen, geschlitzten Augen stieg eine Flamme auf, gab dem ganzen Gesicht einen hellsehenden, visionären Ausdruck.

Jobst Übinger aber konnte wiederum ein Lächeln nicht unterdrücken. Der blinde Fanatismus und die ganze Überhebung des Sektierers kamen in diesen zwischen den stumpfen Zähnen schwärmerisch und zugleich leidenschaftlich hervorgestoßenen Worten zum Ausdruck.

»Dann wird er selber komme ... vielleicht morge schon, vielleicht erst im Jahr ... vielleicht noch später. Das is jleich. Jenug, daß 's jeschieht. Und dann wird auch 'n andrer komme: der große Widersacher, von dem jeschriebe steht. Und wissen Sie, wie ich mir den immer vorstell'? Leibhaftig wie den Rittland.«

Etwas so Überzeugtes, so Durchdrungenes lag in seinen Worten, daß Jobst Übinger nicht mehr lächelte, sondern ganz ernsthaft zuhörte, so fern seiner auf das praktisch Weltliche gerichteten Natur auch eine so schwärmerische Inbrunst lag. Aber es mußte jeder seinen eigenen Glauben haben, und er war der letzte, ihn jemandem rauben zu wollen.

Nun aber schienen ihm der Worte genug zu sein, und er drängte zur Tat.

»Es wird immer dunkler«, sagte er, »und wir müssen für die Ausladung der Statue Sorge tragen.«

»Hm ... tja ... aber wohin mit ihr?«

»Nun, wo sie immer hinkommt: in das Privatlaboratorium drüben.«

Da lachte der kleine Meister laut auf.

»Wo denke Sie hin? Das is verschlossen ... zwei-, dreifach verschlossen und mit 'ne Sich'rung versehn. Und die Schlüssel hat noch nieman jesehn. Die trägt er immer bei sich.«

»So stellen wir sie vorläufig in die Halle. Der Herr will morgen früh im Werke sein. Da wird er seine weiteren Anordnungen selber treffen.«

»'s wird ihm wenig recht sein, daß er nich dabei jewese und daß auch der Herr Direkter um de Sach weiß.«

»Wir können es nicht ändern.«

Sie waren, so schnell wie es John Helferdings schwächlichen Füßen möglich war, weiterzuschreiten, an das Tor der Fabrik für künstliche Düngemittel gekommen.

Unmittelbar vor ihm stand auf den Schienen ein Eisenbahnwaggon, auch die von Meister Helferding ausgewählten Leute waren bereits zur Stelle.

Als sie eben ihre Last auf ein zweckmäßig hier angebrachtes Transportband gesetzt hatten, um es an den von Jobst Übinger ausgewählten Platz zu schaffen, kam Gerta Rittland, die ihre Besichtigung auf eigene Faust fortgesetzt und bis zu dieser späten Stunde ausgedehnt hatte, mit ihrem jungen Begleiter vorüber.

»Was für ein geheimnisvolles Werk geht denn hier in später Nacht vor sich?« fragte sie, indem sie näher trat.

Nur einen kurzen Blick warf der junge Alberti auf die Statue. Dann stutzte er, fuhr mit der Hand über die Stirn.

»Das ist ja ...«, sagte er mit dem Ausdruck eines fast starren Erstaunens, »ja ... ist das nicht Vaters Ariadne? Wie in aller Welt kommt denn die hierher?«

»Ich glaube«, erwiderte Gerta, der seine Veränderung nicht entgangen war, »mein Vater läßt in neuerer Zeit diese Plastiken nach ihrer Vollendung immer hierherbringen –«

»Hierherbringen? Und wozu?«

»Weil er sie wohl vermöge unserer Einrichtungen von hier aus am besten in die Museen und zu den Kunsthändlern schicken kann.«

Dem jungen Ingenieur schien ihre Antwort nicht ganz einleuchtend, wenigstens beruhigte sie ihn nicht.

»Aber die Ariadne war doch nach Berlin zum Bronzeguß geschickt worden. Mein Vater schrieb es mir damals. Und nach einiger Zeit teilte er mir mit, daß sie durch Bettelheim glänzend verkauft wäre –«

»Das schließt doch nicht aus«, gab sie immer in derselben gleichmäßigen Ruhe zurück, »daß er sie noch einmal hierher zurücknimmt, um sie am zweckmäßigsten an ihren Bestimmungsort zu schicken. Übrigens ist ja auch Bettelheim oft hier.«

»Wunderbar ist es doch!« entgegnete er kopfschüttelnd.

Dann nahm sie ihn, auf einen anderen Gegenstand überlenkend, wieder in Beschlag.

Am Ausgang wartete ihr Wagen. Jobst Übinger hörte das Rasseln des Motors, dann den wohlbekannten Laut der Hupe, der jedem Rittlandschen Privatgefährt eigen war, durch die Stille des Abends schrillen.

*

Es war doch ein weit größerer Kreis, der sich am Mittwoch im Rittlandschen Hause eingefunden hatte, als er nach der gelegentlichen Art seiner Einladung hätte vermuten können, und es war Jobst Übinger lieb, daß er noch im letzten Augenblick den Frack gewählt hatte. Denn die Geladenen waren ausnahmslos für großen Empfang angezogen.

Die Stadt und ihre Umgebung stellten den größeren Teil der Gesellschaft. Aber auch aus Berlin waren einige Herren erschienen: in Aussicht genommene Mitglieder des Aufsichtsrats der neuzubildenden Aktiengesellschaft, die morgen das Werk einer genauen Besichtigung unterziehen wollten.

Es schien, als wollte Klaus Rittland die mit vielem Geschick eingeleitete Neugestaltung seines Unternehmens durch ein glänzendes Fest feierlich begehen. Mit erhobenem Haupte schritt er durch die Reihen der umherstehenden Herren, durch den bunten Flor der jungen und älteren Damen, die in den goldgetönten Sesseln saßen, hatte für alle eine höflich lässige Begrüßung, ließ sich diesem oder jenem gegenüber auch zu einem längeren Gespräch herab und machte den Damen Komplimente, die ein wenig gezwungen anmuteten.

Nur die Herren, die aus Berlin gekommen waren, zeichnete er durch größere Liebenswürdigkeit aus, als wüßte er genau, wie er sich hier einzustellen hätte. Wie überhaupt der ganzen Gesellschaft eine Absichtlichkeit zugrunde lag, deren deutliche Prägung etwas Erkältendes hatte.

»Sie sind hier wenig bekannt, lieber Herr Kollege«, wandte er sich an Jobst Übinger, als er ihn etwas abseits stehen sah. »Aber das wird bald anders werden. Kommen Sie, ich werde Sie vorstellen!«

Und ihn am Arme nehmend, ging er mit ihm von Gruppe zu Gruppe:

»Gestatten Sie, meine Damen und Herren, Herr Übinger, mein neuer Direktor und Mitarbeiter – hier die verehrte Freundin unseres Hauses, meine besondere Gönnerin, Frau Alberti – dort ihr Sohn, der frischgebackene Doktor, die Leuchte und Zukunft der Technik – aber richtig, den kennen Sie ja von seinem Besuche in unserem Werke, wo Sie die Freundlichkeit hatten, ihn zu führen, wenngleich er heute in seinem tadellos gebauten Frack so verändert aussieht, daß nur der geübte Blick ihn wiedererkennen kann. Aber den haben Sie! Glauben Sie, das hätte ich nicht längst gemerkt?«

Es war neuerdings seine Art, mitten in einer gleichgültigen Rede oder einem belanglosen Gespräch so ganz nebenhin eine Bemerkung einfließen zu lassen, die seinem Betriebsleiter zeigen sollte, daß er ihn durchschaute, ihn wenigstens zu durchschauen beflissen war.

Oder sollte sie vielleicht mehr sein? Eine versteckte Warnung –?

Jobst Übinger focht sie nicht an. Wenn er auch einer gewissen Bewunderung nicht gebieten konnte, die er für seinen Chef in seinem Innern spürte, niemals legte er ihm gegenüber seine absichtlich und streng gewahrte Zurückhaltung ab, vergab sich nie das geringste, war sich stets des Unterschiedes ihrer gegenseitigen Stellung bewußt, hielt dabei aber auf die unbedingte Selbständigkeit der seinen und war, wo er auch mit ihm zusammentraf, auf seiner Hut.

Dabei war ein seltsam unbestimmtes Warten in ihm. Worauf? Das war ihm selber nicht klar. Vielleicht auf den Augenblick, der einmal kommen würde, kommen mußte – und für den er gewappnet sein wollte.

Indessen waren sie von Gruppe zu Gruppe gewandert und er war froh, dies Spießrutenlaufen, das so gar nicht nach seinem Geschmack war, beendet zu haben, als sein Gastgeber ihn zu einem älteren Herrn führte, der sich in eine Mappe alter Stiche vertieft hatte: »Herr Bettelheim, einer unserer ersten Kunstkenner aus Berlin, eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete der Plastik. Und nun entschuldigen mich die Herren. Sie sind in bester Gesellschaft, und ich muß mich meinen neuen Gästen widmen.«

Unaufhörlich öffneten die beiden, in goldstrotzende Tressenröcke gesteckten Diener die großen, weißlackierten Flügeltüren, die den Blick hinuntergleiten ließen in das lichtdurchströmte, mit allerlei Geweben durchsetzte Treppenhaus.

Und ohne Aufhören wuchs der Kreis. Bis ganze Wellen von duftdurchhauchten Farben in Rot und Creme, in Blau und Lila, vom hellsten Rosa bis zum spitzendurchwirkten Champagnergelb, von tiefentblößten Nacken und Schultern durchschimmert und wieder ausgelöst vom Schwarzweiß der Herrenanzüge, den weiten Saal durchfluteten. Lauter schwirrte das bald steigende, bald abebbende Gewirr der Unterhaltung.

›Also es gibt einen Kunsthändler, der Bettelheim heißt! Und es war kein ausgedachter Name, den er damals dem Bildhauer sagte! Es waren zwei verschiedene Menschen. Der eine, der Italiener, mit dem er fast zwei Stunden lang in ununterbrochenem Gespräch verweilte, und der andere, den er dann dem ahnungslosen Alberti gegenüber als seinen Berliner Besucher ausspielte. Warum verheimlichte er den anderen? Was in aller Welt –?‹

»Guten Abend, Herr Übinger!«

Ein junges Mädchen stand vor ihm, streckte ihm die Hand entgegen: Musa.

Wie wohl es tat, in einem großen Kreise, in dem einem jedes Gesicht fremd war, so begrüßt und angesprochen zu werden! Und wie unbefangen und fern von allem gesellschaftlichen Wortgeklingel, wie er es bisher hatte über sich ergehen lassen müssen, sie zu plaudern wußte! Als wären sie alte Bekannte, die eine Weile getrennt waren und sich nun alles mögliche zu erzählen und zu fragen hatten!

Ob er immer noch im Deutschen Haus wohnte oder ob er schon eine Wohnung hätte? Und wie ihm seine Arbeit zusagte, die gewiß nicht leicht wäre, und was er des Abends machte? Ob er da auch einmal zu ihnen kommen wollte, ohne Förmlichkeit und Zwang, wenn Dietrich bei ihnen wäre?

Und dann, indem sie ihn unwillkürlich veranlaßte, abseits von dem sie umtosenden Gewoge und Gewirr, einen Augenblick mit ihr in eine der kleinen Nischen zu treten, die den Saal umschlossen:

»Sie haben mit ihm gesprochen. Ich weiß es. Er hat es mir selber erzählt. Aber ich habe Sie doch nicht das geringste merken lassen, Ihnen kein Wort gesagt!«

»Hat das Dietrich etwa geglaubt –?«

»Nein, das hat er nicht.«

»Aber Sie? Sie sind mir böse, daß ich es getan habe –«

»Auch das nicht. Ich verstehe nur nicht, woher Sie es gewußt haben – gleich am ersten Abend, als wir uns sahen?«

»Ihr Gesicht war damals nicht so klar wie heute abend.«

»So ... Also vermögen Sie in den Seelen zu lesen?«

»Nicht in allen. Aber in einer, die so aufgeschlagen vor mir liegt wie ein reines, gutes Buch.«

Sie nahm seine Worte für eine Artigkeit, die sie nicht gewohnt war und die sie auch nicht liebte. Ein leichtes Rot stieg in ihr Gesicht, pflanzte sich fort auf die vom welligen Haar umschmiegte Stirn, hinter der mehr Träume als Gedanken, mehr verborgene Sehnsucht als offene Wünsche zu wohnen schienen.

Nichts hatte ihm ferner gelegen, als ihr eine Schmeichelei sagen zu wollen. Aber etwas Gutes und Liebes wollte er ihr sagen. Denn sie verkörperte das ausgesprochen Weibliche für ihn, das er in der Frau suchte und liebte. Ein Hauch vom Frühling lag über ihr, der mit seinen Düften unten vom Garten her durch die Fenster und die wegen der zunehmenden Hitze geöffneten Balkontüren zu ihnen empordrang. Und doch war nichts Weichliches in ihr. Im Gegenteil: etwas Reifes, fast Herbstliches, etwas Insichgeborgenes und Verschlossenes, das sich nicht leicht und nicht jedem öffnete. So müßte das Mädchen aussehen, das – – –

Da stand eine andere zwischen ihnen, reichte ihm die Hand zum Kusse.

»Ich freue mich, Sie in meinem Hause willkommen zu heißen.«

Mit kühler Höflichkeit sagte sie es, als sähe sie ihn heute zum erstenmal und erfüllte lediglich die Pflichten der Wirtin einem fremden Gast gegenüber. Jetzt wandte sie sich zu Musa und einigen anderen jungen Mädchen, die sich um sie gesammelt hatten.

Aber sie überragte sie alle. Etwas Beherrschendes war in ihrer Erscheinung, ihrer Haltung und nicht zum mindesten in ihrer einfach vornehmen Art, sich anzuziehen: ein stilreines Kleid, lang und in malerisch fließender Linie auf die sandgrauen Seidenschuhe fallend. Einfach auch in seinem Schnitt, ohne jeden Überwurf, nur mit seitlich verlängerten, etwas kühnen Bogenbahnen aus duftigem Georgette, mit langen weiten Ärmeln, durch die die kühle Haut schimmerte. Der einzige Schmuck war eine mehrfach geringelte Kette mit goldgetriebenen Schuppen und zwei kostbaren, wie Augen funkelnden Edelsteinen, ein altes Erbstück, das sich wie eine kleine Natter um den schöngewachsenen Hals schlängelte.

Mehrere junge Herren traten auf sie zu, nahmen sie in Beschlag.

Er war wieder auf Musa angewiesen, und es war ihm recht so. Dann und wann glitt sein Blick aber doch zu Rittlands Tochter hinüber, zu der sich nun auch einige ältere Herren gesellten, so daß der Kreis um sie zusehends wuchs.

Sie stand in seiner Mitte, nahm die Huldigungen, die ihr von allen Seiten entgegengebracht wurden, als etwas Selbstverständliches, ihr Zugehöriges hin, erwiderte sie hier und da mit einem leicht hingeworfenen Wort, einem leisen Lächeln, das manchmal fast verächtlich um die herben Lippen zuckte.

Ein Diener trat auf sie zu, meldete, daß angerichtet sei.

Am Eingang des von unzähligen Wachskerzen warm und wohlig durchschimmerten Speisesaales stand Fräulein Zobelmann, die sich bis dahin nicht hatte sehen lassen und in dem grauseidenen Kleide mit dem etwas altertümlichen Schmelz und dem steifschüchternen Zeremoniell, mit dem sie einigen Herren, die sich nicht sogleich zurechtfinden konnten, die Plätze wies, wie eine Oberhofmeisterin aus verklungenen Zeiten anmutete.

»Sie müssen sich vorläufig ohne Dame begnügen«, zirpte ihre dünne Stimme zu Jobst Übinger hinüber, »Ihre Tischnachbarin, Fräulein Mangold, singt heute die Aida und kommt erst nach Schluß der Oper.«

›Also ist sie eingeladen, sie kommt, sie sitzt neben dir!‹

Jedenfalls beschäftigte die Aussicht auf dieses Wiedersehen ihm mehr als die Unterhaltung mit seiner Nachbarin zur Linken, die er nach den erforderlichen Anläufen auf das geringste Maß beschränkte und dadurch die Freiheit gewann, sich ungestört an der mit Chrysanthemen und antiken Silbergeräten geschmückten Tafel umzusehen.

In seiner nächsten Nähe saß Michael Alberti, der Bildhauer, dessen schmächtiges Haupt mit den bleichblonden, auf die elfenbeinerne Stirn herabfallenden Haarsträhnen mit grotesker Gravität aus dem einengenden, unmöglich hohen Kragen hervorwuchs. Man sah es ihm an, wie wenig wohl er sich an dieser Tafel, inmitten dieser ihm völlig wesensfremden geputzten Menschen fühlte. Aber keine Mißstimmung war in seinem gütigen Kindergesicht, eher eine stille Traurigkeit, ein Bewußtsein seiner Fremdheit und Abgeschiedenheit, das den verträumten Augen einen melancholischen Ausdruck gab.

Sein Freund, dachte er bei sich, der einzige Mensch, den dieser seltsame Mensch liebt! Nur ihm gegenüber taut sein hartes Gesicht einmal auf. Was er an ihm haben mag? Ob es die alte Wahrheit ist, daß Gegensätze sich anziehen? Oder ob auch diese Freundschaft so selbstlos am Ende gar nicht ist? Ob er mit ihr wie mit allem seine Zwecke verfolgt?

Da sah er, wie sich von der anderen Seite der Tafel Klaus Rittland erhob, auf den Bildhauer zutrat, mit ihm anstieß. »Auf deinen Joseph, Meisterchen!« sagte er herzlich, aber so verstohlen, so absichtlich leise, daß es außer ihm wohl keiner der Umsitzenden vernommen hatte.

Warum?

Wieder wurde er in seinen Gedanken unterbrochen. Ein Blick ruhte auf ihm, und als er aufsah, begegnete sein Auge dem Gerta Rittlands.

Sie saß ihm schräg gegenüber und unterhielt sich in ihrer nichtssagenden und doch gewandten Art mit Friedrich Maker, dem Jagdfreund ihres Vaters, für den des Lebens Sinn und Freude in einer Dreiheit bestand: einem wogenden Feld strotzender Roggenähren, einer lustigen Treibjagd im wirbelnden Schnee und einem guten Tropfen. Da er nur den letzteren hier fand, so sprach er ihm mit schmunzelndem Behagen zu, zeigte sich aber für die übrigen Reize dieser Tafel, für schöne Frauen und prickelnde Unterhaltung, weniger empfänglich, saß prall und behäbig in seinem Stuhl, ließ seine Nachbarin, die ihres Vaters wegen mehr Liebenswürdigkeit aufbot, als sie es sonst zu tun pflegte, freundlich auf sich einreden und beschränkte sich darauf, mit einem zustimmenden Kopfnicken oder einem breiten Lächeln zu antworten.

Deshalb gab sie auch bald so vergebliche Versuche auf und teilte ihr Wort zwischen ihm und dem jungen Alberti, der ihr eigentlicher Tischnachbar war.

Warum sie gerade ihm diesen Platz ausersehen hatte? Er war der jüngste der Herren, und es waren andere, die größeren Anspruch auf solch eine Ehrung hatten. Vielleicht, weil sie ihn gern hatte? Unsinn! Solche gefühlsmäßige Erwägungen gab es für Rittlands Tochter nicht! Vielleicht, weil sie seine Eltern versöhnen wollte, die ihr wegen ihres Verhaltens zu Musas Bräutigam gram waren?

In einer Haltung, die ausgeglichene, fast starre Ruhe war, thronte sie in der Mitte der Tafel, ließ die meisten Speisen an sich vorübergehen oder nahm, mehr zum Schein, ein wenig von ihnen, nippte nur, wenn jemand zu ihr das Glas erhob, aus einem der kostbar geschliffenen Kelche, die in reicher Auswahl vor ihr standen.

Bewegungslos wie ihre Haltung, war auch ihr perlzartes, blasses Gesicht mit den großen feuchten Augen, über die sich wie zwei dunkelblau glänzende Striche die dichten, mit kunstgerechtem Stifte nachgezogenen Brauen wölbten. Nur wenn sie auf den Vater blickte oder ihm, was öfter geschah, über die Tafel hin zuwinkte, leuchtete ein wärmerer Ton in ihnen auf.

Die bisher lebhaft geführte Unterhaltung wurde plötzlich von einer merkbaren Stille abgelöst, und die Blicke richteten sich zu der großen Flügeltür, in deren Rahmen, zaudernd, wohin sie den Fuß wenden sollte, eine Dame erschien.

Von bestrickender Anmut war ihre jugendliche, nicht nach einer bestimmten Mode, sondern mit frei phantastischem Geschmack gekleidete Gestalt. Ein reich mit Spitzen besetztes erdbeerfarbenes Abendgewand, in mehrere glockige Stufen aufgelöst und in bunter Blütenverzierung den tiefen Rückenausschnitt malerisch abschließend. Zwei dunkelrote, duftende Rosen schmückten das pechschwarze Haar, und in den feingezeichneten, dabei ausdrucksvollen Zügen war eine Befangenheit sichtbar, die ihr entzückend stand.

Auf den ersten Blick hatte Jobst sie wiedererkannt: Erika Mangold! Nur viel reifer und ausgeglichener erschien sie ihm heute.

Aber nur eine Sekunde weilte sein Auge bei ihr. Dann glitt es zu der gegenüberliegenden Seite der Tafel hinüber, an der Klaus Rittland saß.

Ob er aufstehen wird? Sie begrüßen? Sie auf ihren Platz geleiten, wie es seine Pflicht als Wirt gewesen wäre?

Eine gewisse Unruhe schien über diesen gekommen zu sein, als wäre er mit sich uneins, was er tun sollte. Einige Male glitt sein Blick zu seiner Tochter hinüber. Ob sie vielleicht –?

Aber auch die rührte sich nicht.

So überließen sie es ihm, und es war ihm recht so.

Schon hatte er sich erhoben, war an die Tür geeilt, hatte ihr seinen Arm gereicht.

»Nein, Sie brauchen nicht vorzustellen«, schnitt er der verdutzten Zobelmann das Wort von den Lippen. »Wir sind gute alte Bekannte. Aber nein, das stimmt ja nicht«, wandte er sich jetzt zu ihr allein, nachdem sie sich gesetzt, der Diener ihren Kelch gefüllt und eine Platte mit Austern vor sie hingestellt hatte. »Wir sehen uns heute erst zum zweiten Male. Und doch habe ich Sie oft gesehen.«

»Sie ... mich? Vielleicht im Theater?«

»In meines Geistes Aug', Horatio! Nein, das ahnen Sie nicht, daß ich mich seit jenem Abend in unserem alten Theater oft und recht eingehend mit Ihnen beschäftigt habe.«

»Wunderbar!« erwiderte sie, und ihr Auge streifte ihn mit flüchtigem Blick. »Als Sie mich damals in meiner Garderobe besuchten, hielt ich Sie für einen ernsthaften Mann, und heute zeigen Sie sich von der scherzhaften Seite. Wer ist denn der wahre Mensch in Ihnen?«

»Und wer in Ihnen? Die männermordende Turandot von damals, zu der ich mich nur mit der geheimen Furcht hinwagte, Kopf und Herz bei ihr zu verlieren wie der arme Prinz aus dem Perserland? Oder die blumengeschmückte Maid, die aus reizender Verwirrung zu retten, mir Ritterpflicht erschien und die hier ihre kleinen Seetiere mit einer Kunstfertigkeit über die Zunge gleiten läßt, um die der geübteste Feinschmecker sie beneiden könnte.«

Hell flatterte ihr Lachen über die Tafel.

Der da drüben zu Gerta Rittlands Linken sah auf, ließ die jungen Augen auf ihr ruhen.

»Wer ist die Dame?« fragte er seine Nachbarin.

Kurz und knapp war die Antwort.

Sie schien ihm nicht zu genügen. Immer noch weilte sein Auge auf ihr, forschte mit verstohlen leuchtender Glut zu ihr hinüber, sah nicht mehr seine schöne Nachbarin, sah niemand mehr an der großen, dichtbesetzten Tafel, sah und suchte nur sie.

Da erhob sich Klaus Rittland von seinem Platze, trat mit dem Sektglas in der Hand zu ihrem Stuhl.

Die Blicke der Tafel folgten ihm, weilten, indes man die Unterhaltung scheinbar lebhaft fortsetzte, mit schwer zu zähmender Neugier auf den beiden.

Er wußte es. Aber er kümmerte sich nicht darum. Um so unbefangener war seine Miene, um so kühl verbindlicher sein Wort.

»Sie haben einen schweren Abend hinter sich. Die Aida ist keine leichte Partie. Aber wie schön, daß Sie trotzdem gekommen sind!«

Sie hatte sich nicht so in der Gewalt. Eine leichte Röte färbte ihr Antlitz, und in dem Anflug oder vielleicht in der Erinnerung jener kindlichen Ehrfurcht, die sie ihm einmal entgegengebracht hatte, stand sie von ihrem Stuhle auf.

Wie es dem Mäzen und Wohltäter gegenüber geziemt, dachte Jobst Übinger.

»Wir werden die Tafel gleich aufheben«, setzte Klaus Rittland sein Gespräch fort und konnte es nicht verhindern, daß ein unbewachter Blick mit heißer Sehnsucht über ihre anmutige Erscheinung glitt. »Wenn Sie uns dann noch ein wenig durch Ihren Gesang erfreuen wollten – meine Tochter hat bereits die entsprechenden Anweisungen gegeben, und der junge Alberti wird es als ein Glück betrachten, Sie begleiten zu dürfen. Nein, Sie sollen sich nicht anstrengen. Sie haben heute genug geleistet. Aber vielleicht ein paar kurze Lieder?«

»Es tut mir leid. Ich werde heute abend nicht singen.«

»Die Leidtragenden in diesem Falle wären wir ... insbesondere ich. Darf ich deshalb vielleicht fragen, weshalb Sie mich um etwas bringen wollen, worauf ich mich den ganzen Tag gefreut habe?«

Es war nicht mehr der gesellschaftlich verbindliche Ton, den er bisher mit hörbarer Beflissenheit angeschlagen hatte. Etwas Gereiztes, wie es ihm sonst nicht zu eigen war, klang durch seine Worte, erheischte Antwort.

»Weil ich heute abend nicht singen kann, beim besten Willen nicht kann. Ja, verstehen Sie das denn nicht? Gerade Sie?«

Auch ihre Stimme war verändert, war, so leise sie sprach, durchzuckt von schmerzlicher, nicht mehr zu unterdrückender Leidenschaft.

Er erwiderte nichts, neigte stumm den Kopf und begab sich auf seinen Platz zurück, indes sie sich wieder an Jobst Übingers Seite niederließ.

Aber die leichte, harmlose Unterhaltung von vorhin wollte sich nicht wieder herstellen lassen, und, je aufrichtigere Mühe er sich gab, um so mehr empfand er, daß er neben einer ganz anderen saß.

Gerta Rittland winkte ihrem Vater zu, hob die Tafel auf.

Im Empfangssaal klangen den Einziehenden die Töne eines Trios entgegen, das, aus ersten Musikern der Oper zusammengestellt, mit Schwung und prickelnder Grazie zum Tanzen lockte.

Dennoch dauerte es eine geraume Zeit, bis dieser in Fluß kam. Es hatte eben alles an dieser Gesellschaft einen mehr offiziellen Anstrich.

Nur die Tochter des Hauses und die beliebte Sängerin wurden ohne Aufhören begehrt, während Musa ziemlich unbeachtet im Hintergrunde des Saales zwischen ihrer Mutter und ihrem Verlobten saß.

Jobst Übinger aber tanzte nur mit ihr.

Wenn er sie dann zu ihrem Platz zurückführte, sah er Rittlands Tochter schweigend und kühl von einem Arm in den andern gleiten. Bis sie des Spieles überdrüssig schien, die Pflichten der Wirtin vorschützte und sich zu den älteren Damen begab.

Die hübsche Sängerin jedoch tanzte fast ohne Aufhören. Mehr als alle forderte sie Gabriel Alberti auf, nahm, wenn eine Pause eintrat, den Stuhl zu ihrer Seite ein, unterhielt sie mit sprühender Lebhaftigkeit und gab sich in jugendlicher Unbekümmertheit kaum Mühe, den Unmut zu unterdrücken, wenn ein anderer sie ihm entführte.

Nur wenn Jobst Übinger sich eine Weile zu ihnen setzte, schien es ihm angenehm zu sein. Es war etwas in ihm, das ihn zu dem klugen und gereiften Manne hinzog, ein innerer Zug seines streng wählerischen und zugleich leicht verletzbaren Wesens. So fühlte er auch diesmal, daß der Ältere, so höflich er ihm begegnete, sich dennoch ablehnend verhielt und seine verschiedenen Versuche, sich ihm zu nähern, an der weltmännisch gewandten Weise des andern scheiterten, die gewiß nicht wehtun wollte, aber über das gesellschaftlich gebotene Maß niemals hinausging.

Leerer wurde der Saal, spärlicher die Zahl der Tanzenden. Auch Gabriel Alberti war mit Musa und den Eltern, da der Vater zum Aufbruch drängte, bereits gegangen.

Ermattet von der großen Anstrengung heute in der Oper und dem unausgesetzten Tanz, hatte sich Erika Mangold in das in den Tanzsaal anstoßende Bücherzimmer zurückgezogen, lehnte den müden Körper an einen kleinen, mit einer kostbaren Bernsteinsammlung gefüllten Glasschrank, ließ die dunklen Augen in die Leere schweifen.

Da trat Klaus Rittland zu ihr.

»Sie haben Ihren vielen Verehrern heute einen neuen zugefügt«, sagte er mit dem wenig geglückten Versuch, einen scherzenden Ton anzuschlagen.

Sie erwiderte nicht, zuckte nur leicht die Achseln, ihr Gesicht war bleich.

Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander.

»Es war ein schönes Fest«, meinte sie dann, gleichsam ablenkend.

»Schön und unerträglich«, gab er zurück.

»Weshalb unerträglich?«

»Weil einen die Menschen, die es blind zusammenwürfelt, unsäglich langweilen und man sich von den wenigen, die einem etwas sein könnten, nur um so fühlbarer getrennt weiß.«

Sie hatte ihn verstanden.

»Sie haben es gewollt!« erwiderte sie langsam und so leise, daß es nur wie ein Hauch zu ihm hinüberwehte.

»Gewollt?« gab er leidenschaftlich zurück. »Sie wissen, daß ich damals nicht anders konnte, daß es einen Bruch mit meiner Tochter, mit meiner ganzen Familie bedeutet hätte –«

»Die Ihnen wertvoller war –«

»Lassen Sie das!« unterbrach er sie und hatte Mühe, die Flammen zu zügeln, die durch seine Worte brannten. »Es war das Schönste meines Lebens, das Einzige, was überhaupt lebenswert war. Was ich jetzt tue –«

Die Musik drüben im Tanzsaal war verstummt, die letzten Paare hatten sich in die neben gelegenen Zimmer begeben. Es war still und leer um sie geworden.

Er trat einen Schritt näher an sie heran, nahm ihre Hand, die bewegungslos an ihrem Körper hinabhing, in die seine.

»Kann es niemals wieder zwischen uns werden, wie es einmal war? Niemals wieder, Erika?«

Sie sah sich mit einem scheuen Furchtempfinden um, blickte dann auf ihn. Ein schmerzlicher Zug war in ihrem jugendlichen Antlitz, gab ihm einen reiferen, älteren Ausdruck.

»Du hast zu viel in mir getötet, Klaus Rittland!«

Langsam preßte sie es zwischen den blutlosen Lippen hervor.

»Und kann ich es nie wieder lebendig machen?«

»Frage mich nicht!« rief sie in aufsteigender Angst. Zugleich war etwas anderes in ihren Worten, etwas Flehendes, Beschwörendes, das ergreifend zu ihm hinüberdrang.

»Gut!« erwiderte er mit kurzem Entschluß. »So bleibt mir nichts als meine Arbeit. Und – etwas anderes. Es birgt Gefahr in sich. Aber gerade deshalb brauche ich es. Dann aber wird die Stunde kommen, in der ich wieder vor dich treten, dich aufs neue –«

Er mußte abbrechen. Drüben im Saal empfahlen sich die Berliner Herren, die morgen bereits in der Frühe ihre Besichtigung beginnen wollten.

* * *

 

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