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Die letzte Karte in der Hand

Artur Brausewetter: Die letzte Karte in der Hand - Kapitel 2
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDie letzte Karte in der Hand
publisherOtto Janke, Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201610
projectid9ed5d492
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Drüben auf der Bühne führt man gerade den jungen Prinzen von Persien, der Turandots Rätsel nicht zu lösen vermochte, zum Tode, als Jobst Übinger etwas verspätet den ersten Rang des alten verbauten Theaters betritt.

Das eisige Silber des Abendhimmels, das sich mit dem stählernen Weiß des Mondes zu bläulich-fahler Dämmerung vereint, die Zinnen der »violetten Stadt«, an deren Spitzen die Schädel der hingerichteten Freier geheftet sind, der in feierlichem Rhythmus sich bewegende Todeszug, in dessen Mitte der ungeheuer große Henker dahinschreitet, alles das nimmt ihn in Bann, befreit ihn von Fragen und Gedanken, die heute heftiger als je auf ihn eingestürmt sind.

Da erscheint oben in der Kaiserlaube, vom weißen Mondlicht umgossen, die Prinzessin Turandot, bricht mit gebieterisch abweisender Geste den Stab über den unseligen Prinzen.

Er richtet das Opernglas auf sie. Ihretwegen ist er heute ins Theater gegangen. Nicht als ob er sie kennen würde oder ein persönliches Interesse für sie hätte.

Aber sie kommt vom Landestheater in Braunschweig, gastiert hier »auf Anstellung«, wie der Theaterzettel sagt.

Und nach Braunschweig wird er in den nächsten Tagen übersiedeln.

Eine Erscheinung, über der eine eigene Starre liegt. In dem bleichgeschminkten Gesicht ein Zug von lüsterner Grausamkeit, die mandelförmigen Augen unter den tiefschattenden Wimpern weit offen und doch so leer, so teilnahmslos abwesend, als hätten sie gar nicht die Gabe, zu sehen.

»Donnerwetter, eine Turandot!« sagt, sowie der Vorhang gefallen, Herr Viereck zu ihm, ein reich gewordener Schokoladenfabrikant, der freigebig für Wohltätigkeitsveranstaltungen spendet und den man solcher Verdienste halber zum Konsul von Nikaragua gemacht und zugleich in die Theaterkommission gewählt hat, obwohl er vom Theater nicht mehr weiß als von dem seiner Obhut anvertrauten Nikaragua.

»Vielleicht schon ein bißchen verblüht«, gibt Jobst Übinger zurück. »Sie würde sonst nicht von Braunschweig zu uns kommen.«

»Sie irren! Ganz jung! Anfang der Zwanzig, wie mir eben der Intendant sagt.«

»Da hat er Ihnen einen guten Bären aufgebunden.«

Der Logendiener tritt an ihn heran, überreicht ihm einen zusammengefalteten Zettel:

»Ich habe sehr bedauert, Sie heute in meinem Hotel, als Sie die Freundlichkeit hatten, mir Ihren Besuch zu machen, nicht angetroffen zu haben. Wenn es Ihnen angenehm ist, mich in der großen Pause nach dem zweiten Akt in der Garderobe zu besuchen, würden Sie mir eine Freude bereiten. Erika Mangold.«

»Wir treten nach dem zweiten Akt zu einer Sitzung zusammen«, sagt Herr Viereck. »Ich werde mich für sie ins Zeug legen.«

Das Gong ertönt. Das Orchester setzt ein.

Auf goldenem Sessel thront Prinzessin Turandot. Fließend ist ihr Gewand von kostbarer Seide, eisiger noch und starrer das fahlbleich geschminkte Antlitz mit den grün schillernden Augen, den lüsternen, gewölbten Lippen.

»Oh, Sohn des Himmels, laß mich bestehen diese Probe!« antwortet der unbekannte Prinz dreimal auf die Beschwörungen des greisen Kaisers Altoum.

Dann ist auch der zweite Akt zu Ende, und Jobst Übinger begibt sich auf die Bühne, tritt in die einfache Gastgarderobe –

Wirklich, der Schokoladenfabrikant hatte recht!

Einer ganz jugendlichen, fast mädchenhaften Erscheinung sieht er sich gegenüber, deren natürlicher Anmut weder die starre Maske noch die stark aufgetragene weiße Schminke etwas anzuhaben vermögen. Und das sollte –?

»Ich habe das rechte Kabinett verfehlt! sagt Carlos nicht so, als er zur Königin will und zur Eboli kommt? Sie wären die Turandot von da draußen?«

Sie lächelt, fährt mit der kindlich schlanken, mit ganzen Reihen falscher Steine besäten Hand an den Mund, als wolle sie ein aufsteigendes Hüsteln abtupfen.

»Als Sie mich freundlichst hier in Ihre Garderobe baten«, fährt er fort, ihren schweigenden Wunsch, ihre Stimme zu schonen, ritterlich achtend, »da fürchtete ich mich, einer Hydra ins Auge zu sehen – und finde eine entzückende Frau.«

Er sagt es aus aufrichtiger Bewunderung heraus, ohne die Absicht, Eindruck zu machen oder gar zu schmeicheln.

Gerade das scheint ihr zu gefallen.

»Man braucht nicht immer aus dem Eigenen zu schöpfen«, erwidert sie. »Man kann seine Modelle haben. Und ich habe meins gehabt.«

»Sie waren in Persien?« scherzt er.

»Man braucht nicht bis Persien zu reisen. Es gibt Turandots auch in Deutschland.«

»Und die Ihre lebt in Braunschweig!« sagt er bestimmt.

»Ja – sie lebt in Braunschweig.«

»Diese Stadt war der Anlaß für mich, heute abend ins Theater zu gehen. Denn schon in den nächsten Tagen siedele ich dahin über. – Sie wissen es?« fragt er verwundert. »Von wem?«

»Von Herrn Rittland.«

»Meinem künftigen Chef? Sie kennen ihn?«

»Ob ich ihn kenne!«

Einen Augenblick hält sie inne.

»Ich habe ihm viel zu danken«, fährt sie dann in einem Tone fort, der mit dem Sinn der Worte so wenig in Einklang zu bringen ist, daß er stutzig wird, etwas fragen will.

Aber sie ist schweigsam geworden.

Da tritt ein auffallend hagerer Herr mit langem Hals und lebhaft blitzenden Augen in die Garderobe: der Intendant.

»Man hat Sie angestellt! Einstimmig und begeistert angestellt, wie ich es bei dieser Kommission noch nie erlebt habe.«

»Herr Viereck war ja auch ein sehr beredter Fürsprecher«, wirft Jobst Übinger ein.

»Er hat mich beauftragt, der göttlichen Turandot – es waren seine Worte, nicht die meinen, ein Theaterintendant wird so etwas nie sagen, auch wenn er es fühlt – dies Zeichen seiner Bewunderung zu Füßen zu legen –«

»Das hoffentlich nicht aus seiner Fabrik stammt«, ergänzt Jobst Übinger boshaft, als der Intendant ein mit duftenden Nelken geschmücktes Päckchen überreicht.

»Aber es wird Zeit, sich umzukleiden. Die Pause war infolge unserer Sitzung lang genug, und das Publikum wird ungeduldig.«

Als er die Tür öffnet, hört man von draußen den gedämpften Lärm der Arbeiter und Maschinisten, die mit dem Umbau beschäftigt sind. Dazu das Summen und Stimmengewirr der Künstler und Choristen, die sich zu ihrem Auftritt sammeln.

»Eine Verbesserung kann der Wechsel von Braunschweig an unser viel kleineres Theater wohl kaum bedeuten«, sagt Jobst Übinger, als sie wieder allein sind.

»Nein – eine Verbesserung nicht.«

Die Garderobefrau erscheint mit dem anzugsfertigen Kleid. Das Streichen der Musikinstrumente tönt aus der Tiefe empor.

Er küßt die ihm dargebotene Hand.

»Sie werden verstehen, daß ich unser kurz abgebrochenes Gespräch gern weiterführen würde. Wenn ich mir deshalb gestatten darf, Sie zum Abendbrot einzuladen, so wird mein Wagen vor dem Ausgang des Theaters auf Sie warten.«

Dann sitzt er wieder auf seinem Platz im ersten Rang.

»Was sie mit dem Rittland gehabt haben mag? Sie war so merkwürdig und abweisend, als ich nach ihm fragte. Und auch nachher –«

*

Es war spät in der Nacht, als er in seine Wohnung zurückkehrte. Ein Brief lag auf seinem Schreibtisch.

»Sehr verehrter Herr Übinger! Aus der Zeitung ersehe ich, daß Sie zum Leiter eines industriellen Unternehmens in der Nähe Braunschweigs berufen sind und in den nächsten Tagen dorthin übersiedeln werden. Obwohl Ihre Zeit jetzt sehr in Anspruch genommen sein wird, so wären meine Frau und ich Ihnen dankbar, wenn Sie uns den morgigen Abend schenken würden. Ich kann nicht leugnen, daß uns nicht nur der Wunsch, vor Ihrem Scheiden noch einmal in der alten freundschaftlichen Weise mit Ihnen zusammen zu sein, zu dieser Bitte bestimmt, sondern daß sich inzwischen etwas ereignet hat, das uns schwer auf dem Herzen liegt und das wir um so lieber mit Ihnen besprechen würden, als Sie der einzige sind, der uns vielleicht dabei helfen könnte. Ich darf wohl morgen im Laufe des Vormittags Ihre telephonische Antwort erwarten und grüße Sie bis dahin

Ihr herzlich ergebener
Friedrich Rockert.«

Obwohl er der einzige Gast war, hatte man ein auserlesenes Mahl gegessen und sich in bald ernster, bald scherzender Weise über allerlei Tagesfragen unterhalten.

Nun trank man den Deidesheimer Herrgottsacker, von dem man wußte, daß er Jobst Übingers Lieblingswein war, in dem Arbeitszimmer des Hausherrn.

»Von Dietrich haben Sie in neuerer Zeit nichts gehört?« fragte dieser, nachdem man es sich in den behaglichen Klubsesseln bequem gemacht. Und an dem Tone seiner Worte merkte Jobst Übinger, daß das Gespräch seine unbefangene Bahn verlassen und sich den Dingen zuwenden sollte, von denen ihm sein Gastgeber geschrieben, daß sie ihm schwer auf dem Herzen lägen.

»Ich bekam seinen letzten Brief einige Tage, nachdem er seine Stellung in Braunschweig angetreten hatte. Kurz darauf folgte seine Verlobungsanzeige. Seitdem blieb jede Nachricht aus.«

»Es ist kein Wunder. Auch uns schrieb er selten«

Und dann: »Sie wissen, daß wir damals mit seiner Verlobung wenig einverstanden waren.«

»Ich besinne mich. Es handelte sich um die Tochter eines mittellosen und weltfremden Bildhauers, der antike Statuen schuf, die niemand kaufte. Aber das soll jetzt doch anders geworden sein.«

»Ja – seitdem der Rittland in sein Leben eintrat und ihm seine Hilfe angedeihen ließ.«

»Also hier auch?«

»Was meinen Sie mit Ihrer Frage?«

»Nichts Besonderes. Ich lernte gestern im Theater eine junge Sängerin aus Braunschweig kennen, deren Mäzen und Wohltäter ebenfalls Herr Rittland war.«

»Er soll ein vielseitiger und außergewöhnlicher Mensch sein.«

Da wurde Jobst Übingers Interesse wach.

»Erzählen Sie mir von ihm!« bat er.

»Ich weiß nur von ihm, daß er aus alt eingesessener märkischer Familie stammt, der älteste einer großen Kinderschar war, sich früh sein Brot verdienen mußte, in eine chemische Fabrik in die Lehre trat und dort eine Erfindung machte – ich glaube, es handelte sich um eine künstliche Patina, die er durch Anwendung von besonderen Chemikalien täuschend ähnlich erzeugte. Jedenfalls setzte sie ihn in die Lage, sich nach manchem harten Kampf selber eine kleine Fabrik in der Nähe von Braunschweig aufzubauen, in der er Schwefelsäure erzeugte.«

»Und die jetzt ein ansehnliches Werk geworden ist.«

»Ja, durch seine beispiellose Tatkraft. Viel half ihm wohl auch, daß er die Tochter eines reichen Großindustriellen aus dem Rheinland heiratete und mit ihrem Gelde sein anfänglich kleines Unternehmen immer weiter ausbaute. Nun konnte er sich seinen künstlerischen Liebhabereien hingeben, die vor allem auf dem Gebiet der Plastik lagen. Jedenfalls hat er aus Michael Alberti, über dessen antike Bestrebungen die Leute anfangs lächelten, einen bekannten Bildhauer gemacht, der viel verkauft. Freilich, ob er immer skrupellos zu Werke geht, das möchte ich bezweifeln. Denn in das Leben meines Sohnes hat er in einer Weise eingegriffen, die mich bedenklich stimmt.«

»In Dietrichs Leben? Sie machen mich gespannt.«

»Sie wissen, daß er das Glück hatte, eine Prokuristenstelle in einer der ersten Zuckerraffinerien zu bekommen. In einigen Sitzungen, die er als Aufsichtsratmitglied mitmachte, lernte Rittland den Jungen kennen, fand an seiner frischen und geschickten Art und Arbeit Gefallen und machte ihm eines Tages den Vorschlag, seine Stellung aufzugeben und zu ihm überzutreten.«

»Und Dietrich?«

»Kündigte und ist seit einigen Monaten in den Rittlandschen Werken angestellt.«

»So kann man ihn und Sie beglückwünschen.«

»Doch nicht.« Herr Rockert machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Es ist Ihnen als Dietrichs Freund bekannt, daß er seit seiner Mündigkeit über ein nicht unbeträchtliches Vermögen verfügt, das ihm von meiner ersten Frau, seiner Mutter, hinterlassen wurde.«

»Und Sie fürchten nun, daß er es am Ende mit dem Rittlandschen Werk verschmelzen würde?«

»Der Gedanke liegt nicht fern. Man munkelt in Braunschweig, daß die Schwere der Zeit und die Unhaltbarkeit aller wirtschaftlichen Verhältnisse auch an dem Rittlandschen Werk nicht spurlos vorübergegangen ist. Aber das ist nicht die einzige Sorge, die wir haben.«

Er warf einen kurzen Blick zu seiner Frau hinüber, die dem Gespräch bis dahin schweigend gefolgt war: »Bei seinen Besuchen im Hause lernte Dietrich Rittlands Tochter kennen, trat ihr im täglichen Verkehr näher, vernachlässigte seine Braut, die er bis dahin sehr zu lieben schien –«

»Und diese Tochter?« unterbrach Jobst Übinger schneller, als es seine Art war.

»Auch von ihr wissen wir nur, was eine Schwester von mir, die in Braunschweig verheiratet ist, uns geschrieben hat: daß sie einen unwiderstehlichen Einfluß auf die Männer ausübt, der jeden, der sich gegen diesen Einfluß wehrt, wie es unser Dietrich gewiß getan hat, um so sicherer in ihren Bann zieht, um ihm dann –«

»Den Kopf abzuhauen und zur Warnung für alle Nachfolger auf Pekings Mauern aufstecken zu lassen«, warf Jobst Übinger lachend ein. Und in diesem Augenblicke war ihm klar, wer das Braunschweiger Modell gewesen, nach dem die schöne Sängerin gestern die ihr fraglos wesensfremde Turandot so lebenswahr gebildet hatte.

Herr Rockert sah seinen Gast mit merkbarem Befremden an.

»Es ist wohltuend für uns«, erwiderte er nicht ohne eine gewisse Empfindlichkeit, »daß Sie der Angelegenheit, die uns immerhin einige unruhige Stunden bereitet hat, eine heitere Seite abzugewinnen versuchen.«

»Ich werde sie ja bald selber kennenlernen und Dietrich aus ihren Klauen retten – es sei denn, daß ich ihnen selbst verfalle.«

Es scheinen ja ganz wunderliche Dinge zu sein, in die du da hineinkommst! dachte er bei sich selbst, als er ein Liedchen vor sich hinträllernd, die menschenleeren Wege seiner Wohnung entgegenschlenderte.

Gestern abend die reizende Sängerin mit ihren verstohlenen Andeutungen, aus der auch nicht einmal der gute Sekt das geringste herauszuholen vermochte. Jetzt die braven, aber doch sehr altmodischen Rockerts, die für das Seelenheil ihres Sohnes zittern, weil – qui vivra, verra! Und ein neues Ufer und ein neuer Tag, sie haben auch ihre Reize, besonders nachdem einem hier in diesen engspießerlichen Verhältnissen die Luft manchmal schon ein wenig knapp geworden.

»Die Barbara mit dem Turm,
Die Margret mit dem Wurm,
Die Kathrein mit dem Radel,
Das sind drei schöne Madel!«

Diese Verse, die er früher einmal gehört und behalten, lebten in Jobst Übingers Herzen auf, als er an dem späten Nachmittag eines linden Frühlingstages durch die Steinstraße schlenderte und vor dem Hause haltmachte, an dem diese drei im Mittelalter besonders geliebten Heiligen angebracht waren.

Vor einer Stunde war er auf dem Bahnhof eingetroffen, im Deutschen Hause abgestiegen und benutzte den schönen Tag, noch einen kurzen Bummel durch die Stadt zu machen, die nun seine Heimat werden sollte.

Vor jedem dritten Hause der stillen Straße blieb er stehen. Jedes sprach zu ihm seine eigene Sprache. Vergangene Zeiten lebten auf, Geheimnisse webten hin und her, flüsterten durch die gestorbenen Straßen. Denn es war Sonntag, und er empfand die drückende Melancholie, die dieser Tag über jede Stadt breitet und die sich dem, der keine Stätte in ihr hat, am fühlbarsten mitteilt.

Langsamen Fußes setzte er seinen Weg fort. Tiefer senkte sich die Sonne, umschmiegte mit der satten Glut dunkelroter Rosen die im weichen Duft des Abends träumenden Gassen, flocht eine Krone glitzernder Edelsteine um das königliche Haupt der Ägidienkirche. Weiter glitt sie mit zärtlich tastenden Händen über St. Peter, Michael und Martin, tauchte den mächtigen Dom, den man gleichermaßen nur als mattdämmernde Silhouette aus dem dichtgedrängten Häusermeer emporragen sah, in rosige Schleier, spannte ihr dunstdurchflossenes Licht über die malerischen Türme der Katharinen- und Andreaskirche, baute von Turm zu Turm hinüber ihre goldschillernde Brücke. Durch die schmalen Straßen aber, die sich zwischen den Giebeln wie dunkle Striche hinzogen, spielten samtweiche Schatten.

Es war doch ein eigenartiges Gefühl, fremd und unbekannt in eine Stadt zu kommen, von deren Schönheit man in Büchern gelesen, die man in Bildern geschaut, auf der Durchreise vielleicht einmal flüchtig besucht hatte, und in der man nun mit seiner Tat und Seele wurzeln sollte!

Aber das war nur ein vorübergehendes Empfinden. Ein stärkeres löste es ab: Mit dem nächsten Morgen würde er in den Kreis von Menschen treten, die er niemals gesehen und mit denen er sich fortan zu gemeinsamem Werk zusammenschließen sollte. Würde er zu ihnen passen? Und sie zu ihm? So ohne weiteres war er nicht zu haben, war vielleicht eine nicht leicht umgängliche Natur. Es war ihm nicht unähnlich wie dem Rittland gegangen. Eine harte Schule im Elternhause, das, auf schweren Daseinskampf gebaut, von Enttäuschungen und unerfüllten Wünschen lebte, ein langwieriges Studium, das sich von Stipendien und Stundengeben fristete, dann eine Stellung, in der er vermöge seiner Begabung und seines eisernen Willens verhältnismäßig schnell von Stufe zu Stufe emporstieg, hatten ihn früh selbständig gemacht, und nur auf selbständigem Posten konnte er schaffen. Den hatte man ihm in den Rittlandschen Werken zugesagt; er sollte der eigentliche technische Leiter dieser Unternehmungen werden. Aber Rittland selber blieb sein unbeschränkter Chef.

Und nun hatte ihn der wunderliche Zufall zweier Abende mit diesem Manne ungesucht und ungewollt in nähere Beziehungen gebracht. Und wenn es auch nur Andeutungen waren oder geheimnisvolles Schweigen – morgen also!

Vielleicht heute schon? Plötzlich durchzuckte ihn der Gedanke. Er kehrte in sein Hotel zurück, rief die Rittlandsche Villa an, meldete seine Ankunft.

»Herr Rittland ließen den Herrn Doktor bitten, gleich zum Abendessen herauszukommen. Es wären einige nähere Freunde da. Der Wagen würde in wenigen Minuten vor dem Hotel sein.«

Das Abendrot war erblaßt. Die Dämmerung breitete ihre grauen Schleier über die alten Gassen, die er in schneller Fahrt durchquerte, hüllte die verschnörkelten Häuser und die hochragenden Giebel in unbestimmt bläulich webende Dünste. Als der Wagen in die Wolfenbüttler Straße einbog, flackerten hinter den Fensterscheiben der Villen, die zu beiden Seiten der breiten Straße vorüberflogen, bereits mattgelbe Lichter auf.

»Sie sind in meinem Hause willkommen!«

Klaus Rittland, der mit Michael Alberti, dem Bildhauer, und Moritz Knappe, seinem ersten Prokuristen, am viereckigen Tisch bei einer Partie Skat saß, war seinem Gaste mit federndem Gang, den man der starken, fast robusten Gestalt kaum zugetraut hätte, entgegengeschritten, hatte ihn mit einer Stimme, die bei hörbarem Selbstbewußtsein eintönig und ein wenig hart klang, begrüßt und ihn den beiden Herren vorgestellt. Dann hatte er sich wieder an den Spieltisch gesetzt, die Karten in die Hand genommen, die unterbrochene Runde fortgesetzt.

»Sie können eintreten!« sagte er gönnerhaft. »So gut wie mein Freund Alberti, der Treff-Solo spielt, wenn er acht Herzen hat, und aufgedeckte Null, wenn er einen unnehmbaren Grand in den Händen hat, werden Sie es immer noch machen – Sie spielen gar nicht? Wenn das Ihr einziger Fehler ist, so ist er immerhin groß genug, um ihn baldigst abzulegen. Das Spiel, ein bißchen Kunst und die Jagd, das sind die Erholungen, die ich mir gönne. Das eine erhält den Körper, das andere die Seele frisch. Du hast falsch gegeben, Meisterchen! Nein, du mußt noch einmal von vorne anfangen. Es hilft dir nichts, mein Lieber!«

Mit einer Schnelligkeit, die dem wenig geübten Bildhauer manchen Seufzer kostete und gegen die sich aufzulehnen er dennoch nicht wagte, folgte Spiel auf Spiel.

Untätig saß Jobst Übinger unter den Spielenden, von denen nur Klaus Rittland ein gelegentliches Wort hinwarf, während die beiden anderen sich in Schweigen hüllten.

Aber die Zeit wurde ihm nicht lang, denn sie gab ihm die gewünschte Gelegenheit zur ruhigen und ungestörten Beobachtung.

Mit Knappe, dem Prokuristen, war er bald fertig. Menschen, die nichts in sich spiegeln als den Typ ihres Berufes und ihrer Beschäftigung, geben keine Rätsel auf.

Auch Michael Alberti, der Bildhauer, war in gewisser Weise Typus. Der schmale Kopf mit dem feingezeichneten, blassen Gesicht, in dem zwei große dunkelblaue Augen träumten, das mattblonde, hier und da schon ausgebleichte Haar, das in kühnen Strähnen über die elfenbeinerne Stirn fiel, das alles zeigte auf den ersten Blick den Künstler. Aber dann war es doch etwas mehr, etwas, das man lieben mußte, das ungewollt anzog und mit stiller Sympathie erfüllte: eine Weltabgewandtheit, die einen wehmütigen, fast schmerzlichen Hauch in diese verträumten Züge wob, und mit ihr wunderbar vereint: ein ausgesprochen kindlicher Ausdruck, der in seiner Unbefangenheit und seiner harmlosen Vertrauensseligkeit etwas fast Ergreifendes hatte.

Aber auch bei ihm verweilte Jobsts forschender Blick nicht lange. Ein anderer nahm ihn ganz gefangen, ließ ihn nicht mehr frei.

Breitschulterig und die beiden anderen an Größe weit überragend, saß er in seinem Sessel, ließ die Karten durch die starkknochigen, aber gelenkigen Finger gleiten, ordnete sie schnell und flüchtig und hatte mit einem kurz zufassenden Blick sofort das Spiel erkannt, das er mit lässiger Stimme und mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders ansagte und stets gewann.

Es war ein eigenartiger Reiz, auch für den, der es gar nicht kannte, seinem Spiele zuzusehen. Etwas Bannendes ging von ihm aus. Manchmal war es, als hielte er nicht nur die seinen, sondern die Karten aller Mitspielenden in der Hand. Dann wieder schienen es gar keine Karten, sondern lebende Wesen zu sein, denen er mit den beweglichen Fingern ihren Platz anwies, sie mit ruhiger Überlegenheit lenkte und führte, wie er wollte.

Auch in seiner Unterhaltung war diese kühle Überlegenheit, prägte sich in den zusammengewachsenen buschigen Augenbrauen über der knorpligen, energischen Nase, in den schwarzen, funkelnden Augen, die, meist zusammengekniffen, den anderen nie ansahen, sondern über ihn hinwegschauten in weite, unbestimmte Fernen. Nur wenn er mit Michael Alberti sprach, kam ein wärmerer Ton in sein Gesicht und seine Worte.

Eben hatte er ein Großspiel angesagt, als der Diener mit einer Besuchskarte auf ihn zutrat.

»Sie wissen, daß ich in meiner Privatwohnung nicht empfange, noch dazu an einem Sonntagabend!«

»Er sagte, daß er den Herrn unter allen Umständen sprechen müßte.«

Jetzt erst warf Klaus Rittland einen Blick auf die Karte, legte sein Spiel auf den Tisch, stand eilig, ohne jedes Wort der Entschuldigung auf.

»Bitten Sie den Herrn in mein Arbeitszimmer!«

Aber, fast schon an der Tür, kehrte er noch einmal zurück, nahm die Karte, die er achtlos auf den Tisch geworfen, steckte sie in seine Brusttasche.

Doch Jobst Übinger, vor dem sie gelegen, hatte unwillkürlich den Namen schon gelesen: »Benedetto Angliani, Florenz.«

Jetzt war er mit den beiden anderen allein. Herr Knappe erkundigte sich mit ruhig wägendem Wort nach seiner bisherigen Tätigkeit, kannte die große chemische Fabrik, in der er bisher gearbeitet und die, wie Rittlands Werk, ebenfalls Schwefelsäure und künstliche Düngemittel erzeugte, wußte, daß sie seit der Inflation, weil die Inhaber sie nicht halten konnten, in eine Aktiengesellschaft umgewandelt war, was heutzutage das beste und oft die einzige Rettung für große Werke wäre, kannte auch den technischen Leiter, glaubte dann aber, der ihm wenig liegenden Pflicht der Unterhaltung genügt zu haben und versank in seine geschäftlichen Grübeleien.

Nun trat der Bildhauer an seine Stelle, redete in seiner freundlichen Weise auf ihn ein, die Worte nicht wählend und sorgsam wägend wie der andere, ihnen vielmehr unbefangenen Fluß lassend. Von seinem jahrelangen Aufenthalt in Florenz erzählte er, in Cremona und Venedig, von der Antike, die er dort studiert, die dann die Richtschnur seines Schaffens geworden. Wie die Leute nichts davon hätten wissen wollen und seine Skulpturen unbeachtet von Ausstellung zu Ausstellung, von Händler zu Händler gewandert wären, wie er mit Frau und Tochter gehungert hätte und sicher an den Bettelstab gekommen wäre, wenn nicht der Rittland – –

Es war alles unterhaltend, ja, auch lehrreich, was er da erzählte, und die leise Wehmut, die durch seine Worte klang, gab ihnen einen eigenen Reiz.

Aber Jobst Übinger folgte ihnen nur noch mit geteilter Aufmerksamkeit. Erst als der Name Rittland fiel, horchte er auf und empfand, daß er die ganze Zeit nur bei diesem gewesen war. Unwillkürlich blickte er auf die wundervolle Renaissanceuhr, die auf einem antiken Schrank aufgestellt war.

Aber er sah nicht ihr herrlich gemeißeltes Gehäuse, sah nicht die schwunghaft gezogenen Bogen, die entzückenden Alabasterpfeiler, die sie trugen, oder die anmutigen Kunstgebilde der Figuren, die sie zu beiden Seiten schmückten. Nur das eine sah er: daß die Zeiger bereits über eine Stunde vorgerückt waren, seitdem Rittland das Zimmer verlassen hatte.

Wunderbar! dachte er. Erst wollte er den Mann überhaupt nicht annehmen – und jetzt – –

»Ja, der Rittland!« hörte er Michael Alberti sein Gespräch aufnehmen. »Sitz' ich da in meinem Atelier, weiß nicht mehr, wie ich die Miete schaffen soll, die am nächsten Tage fällig ist, bin verkümmert, erbittert – da erscheint er: Er hätte meinen Merkur in der Ausstellung gesehen! Er versteht etwas von den Dingen. Ich merkte es bei seinen ersten Worten. Der Merkur hätte ihm gefallen, er wollte sich für ihn bemühen. Und er tat's! Und ich erhielt einen Preis, wie ich ihn nie bekommen. Aber damit nicht genug. Von dem Tage an wurde er mein Mäzen, mein Retter, empfahl mich überall, ließ mir Aufträge zukommen, schickte mir Käufer und riß mich mit seiner starken Hand aus dem Elend und der Not heraus.«

Der Zeiger an der Alabasteruhr rückte vor. Der Diener erschien mehrere Male, zum Essen zu bitten – von seinem Herrn war nichts zu sehen.

»Und das macht er nicht nur mit mir so«, fuhr Michael Alberti unbekümmert fort. »Wo er ehrliches Streben sieht, da ist er auf dem Plan. Meinem Sohn, der Ingenieur in Süddeutschland ist, hat er eine Stelle hier bei einem befreundeten Werke verschafft. Nun erwarten wir ihn in wenigen Tagen, und dann bleibt er vielleicht für immer bei uns. Denn der Rittland wird schon weiter für ihn sorgen. Ich könnte Ihnen noch viel mehr erzählen. Hier ist eine junge Sängerin, Erika Mangold heißt sie. Sie kennen Sie? Sie war die Tochter eines Geschäftsfreundes von ihm, der in Zahlungsschwierigkeiten geriet und als armer Mann starb. Sofort übernahm er ihre ganze Ausbildung –«

Ein schneller Schritt nahte vom Korridor. Mit aufgeräumter Miene trat Klaus Rittland in das Zimmer.

»Hat ein bißchen lange gedauert!« sagte er mit leicht entschuldigender Geste. »Aber wenn ich mal bei meinen Liebhabereien bin, bekommt man mich sobald nicht fort.«

Dann aber wandte er sich, ohne die beiden anderen weiter zu beachten, an den Bildhauer: »Weißt du, Meisterchen, wer bei mir war? Der Bettelheim ... ja, ja, der Berliner, der deine Ariadne eben so gut unterbrachte. Ich erzählte ihm, daß du deinen Joseph vollendet hättest und daß er sicher das Größte wäre, was du je geschaffen. Na, und er! Wie wild war er darauf. Will ihn sehen, womöglich gleich kaufen. Nun, er wird ja bald Gelegenheit dazu haben –«

Ein Freudenschimmer glitt über Michael Albertis Züge, sein Blick suchte den Übingers: »Habe ich zuviel gesagt? Ja, so ist er!«

Der sah ihn nicht ... sah nichts mehr um sich her.

»Benedetto Angliani, Florenz« – nein, er irrte nicht! Genau so hatte er auf der vor ihm liegenden Besuchskarte gelesen. Er hatte sich den Namen wegen seines italienischen Klanges wohl gemerkt. Und jetzt nannte der da vor ihm einen ganz anderen. Was bezweckte er damit? Was ging hier vor?

Rittland war so ausschließlich mit dem Bildhauer und seiner neuen Schöpfung beschäftigt, daß er nicht das geringste von der Veränderung merkte, die mit seinem Gaste vorgegangen war.

»Der Joseph ist schon transportfertig?« fragte er mit geheimnisvoll gedämpfter Stimme, nachdem sich der Prokurist, der fühlen mochte, daß er hier überflüssig war, zu Jobst Übinger auf die andere Seite des Zimmers begeben hatte.

»Einige Feilen möchte ich doch noch anlegen.«

»Gut. Das sollst du! Wir haben die Ariadne ja eben erst verkauft und haben jetzt Zeit. Jedenfalls will ich ihn dann wieder zum Bronzeguß zu Noack nach Berlin schicken wie deine Ariadne.«

»Diesmal werde ich aber zu den Kosten beitragen«, erwiderte Michael Alberti mit dem Stolz des Künstlers.

»Nur nicht gleich üppig werden, Meisterchen! Laß das, bitte, meine Sorge sein. Doch nun, meine Herren«, wandte er sich dann zu den beiden anderen, »schieben Sie Ihre Unterhaltung, so interessant sie sein mag, bis nachher auf. Wir wollen zum Essen gehen! Ich habe einen Mordshunger und darf dasselbe wohl bei Ihnen voraussetzen.«

Sie traten in den getäfelten Speisesaal mit dem warm von der Decke einfallenden Licht und dem von blühenden Frühlingsblumen geschmückten Abendbrottisch, wurden zwei Damen vorgestellt, die die Herren hier erwarteten. Fräulein Zobelmann, ein älteres Mädchen von zurückhaltendem, fast schüchternem Wesen, verschwommenen Zügen und einem kecken Bartansatz über den welken Lippen. Rittland hatte sie vor einigen Jahren, als ihm seine Frau nach einer langwierigen Krankheit gestorben war, für sein Hauswesen angestellt.

Die andere aber war Musa, Michael Albertis Tochter, die Jobsts Aufmerksamkeit in höherem Grade erregte, einmal, weil ihm an jenem Abend die Eltern seines Freundes von ihr erzählt hatten, zum anderen, weil in ihrer mädchenhaften Erscheinung etwas lag, das ihn anzog. Dabei war sie keineswegs hübsch. Eine schmale, aber gesunde, fast kräftig gebaute Gestalt, in jeder ihrer Bewegungen ein sanft mitschwingender Rhythmus, in dem runden, von einem südländischen Hauch durchzogenen Gesicht die Kindlichkeit des Vaters, dabei aber etwas Klares, in sich Gefestigtes.

Er hatte den Platz neben ihr. Aber, so unbefangen sie zu plaudern wußte, bei der Sache war er auch jetzt nicht. Vielleicht war es das Ungewohnte, das Fremde, das ihn hier umgab, vielleicht –

»Wenn Sie noch ein wenig länger bleiben«, hörte er Rittlands gleichmütig harte Stimme über die breite Tafel zu ihm sich wenden, »dann werden Sie noch Ihren alten Jugendfreund, den Rockert, begrüßen können. Er ist mit meiner Tochter in der Oper. Was spielt man heute eigentlich?« fragte er seine Hausdame. »Ach richtig! ›Tristan und Isolde!‹ Da wird es freilich noch eine Weile dauern.«

»Die Isolde singt die Mangold, nicht wahr?« wandte sich Michael Alberti an Fräulein Zobelmann.

Die warf einen kurzen Blick auf den Hausherrn und tat, als hätte sie die Frage gar nicht gehört.

»Es soll ihre beste Rolle sein«, fuhr der Bildhauer fort. »Ich habe sie noch nicht gesehen. Aber das nächste Mal gehe ich hin. Es liegt eine so wundervolle Plastik in ihren Bewegungen. Sie muß mir Modell stehen, bevor sie fortgeht. Was meinst du, Rittland?«

Aber diesmal bekam selbst er keine Antwort, ließ sich jedoch nicht beirren.

»Weshalb geht sie eigentlich, wo ganz Braunschweig sie vergöttert?«

»Es ist ihre Sache.«

Eisiges Schweigen herrschte an der Tafel.

Bald, nachdem man aufgestanden war, verabschiedete sich Jobst Übinger.

Nein, er wollte nicht länger warten. Er mußte morgen in der Frühe sein Amt antreten und war von der langen Eisenbahnfahrt ermüdet.

Man nötigte ihn nicht zum Bleiben.

»Ich hole Sie morgen um sieben Uhr von Ihrem Hotel ab«, sagte Klaus Rittland, »meine Werke liegen gegen Vienenburg zu. Eine halbe Stunde müssen wir selbst bei schneller Fahrt rechnen. Also bis auf Wiedersehen!«

Jobst schlenderte durch die Wolfenbüttler Straße. Ein weicher Duft war in der Luft, strömte von den Blumenbeeten der umliegenden Landhäuser zu ihm herüber. Der Mond war nicht mehr sichtbar. Aber die Sterne waren da, schimmerten durch den Wolkenflor, der zugenommen hatte.

Er hatte das Ende der Straße erreicht. Eine Kette von Autos kam ihm entgegen. Laut schrillten ihre Hupen durch die Stille der Nacht. Das Theater mußte zu Ende sein.

Da stand er bereits vor dem »Deutschen Haus«.

Es war ihm noch nicht möglich, schlafen zu gehen! Er setzte sich in die völlig vereinsamte Gaststube, ließ sich eine halbe Flasche Burgunder geben.

Und plötzlich packte ihn, alle müßigen Gedanken mit einem Schlage hinwegräumend, eine unwiderstehliche Sehnsucht nach Arbeit und nach der Tat.

Die würde er morgen finden – dem Himmel sei Dank! Und wollte sie an sich reißen mit Lust, daß sie ihm die Seele wieder frei und leicht machte.

Dreißig Minuten mochten sie in Rittlands nach dem neuesten Typ gebauten Limousine auf der Chaussee nach Vienenburg gefahren sein, als im Dunst des stillen Frühlingsmorgens ein Komplex verschiedener Gebäude silhouettenhaft vor ihnen auftauchte: die Rittlandschen Werke.

Vor einem mit massiver Ornamentik geschmückten Portal hielt der Wagen. Ein dienstbeflissener Pförtner öffnete das Tor, beantwortete einige Fragen, die sein Herr an ihn stellte.

Jobst Übingers Herz schlug höher. Der im nüchternen Grau sich streckende, von hohem Zementzaun eingefaßte Häuserblock, die riesigen Schlote und Schornsteine, aus denen der Dampf in dichten dunkelgrauen, dann wieder in dünneren gelblichen oder hellgrünen Gebilden in den blassen Morgenhimmel stieg ... wie verheißungumsponnenes Land erschien es ihm, in das er den tatensuchenden Schritt jetzt lenken sollte. Das dumpf vernehmbare Rollen der Eisenbahnwagen, das Bohren, Quietschen und Pfeifen der Maschinen, wie Musik der Sphären klang es ihm, an die sein Ohr von Jugend an gewöhnt war und die es jetzt nach kurzem Feiern voller Entzücken in sich sog. Arbeit ist der Rhythmus des Lebens für den Mann; es war auch der seine.

Über weit sich dehnendes, von einem Netz von Eisenbahnschienen durchsetztes, von Wasser durchzogenes Gelände gingen sie dahin. Schwarzfunkelnde Kohlenlagen, Haufen alten rostigen Eisengerätes, gläserne Ballons und Tausendlitergefäße aus Glas und Steinzeug, dann wieder eine Wand von Kesselwaggons, hochaufgerichtete Haufen von Rohstoffen, grünlich schimmernden Schwefelkieses, der aus Portugal kam, oder goldgelben, dessen Heimat Norwegen war, säumten ihren Weg. Und eingefaßt das Ganze von hallenartig aufgeführten Holzschuppen, eintönig, aber freundlich einheitlich gebauten Beamten- und Arbeiterwohnungen und einigen Verwaltungsgebäuden. Hoch über ihnen aber mächtige Krananlagen, Seil- und Hängebahnen auf schwindlig steilem Gerüst – eine Welt im kleinen, die Jobst Übinger vertraut und doch wieder ganz neu war.

Gewiß, er hatte größere Werke gesehen, auch in größeren gearbeitet. Aber sie gehörten Konzernen oder Aktiengesellschaften. Daß ein einzelner dies alles aufgebaut und allein in Händen hielt, war in einer Zeit so schwerer wirtschaftlicher Sorgen eine Tat.

Unwillkürlich richtete er den Blick auf seinen Begleiter.

Wie ein König wanderte der mit weitausholendem Schritt durch sein Reich, das scharfspähende Auge dennoch auf jeden großen und kleinsten Gegenstand gerichtet. Nichts, auch nicht das geringste entging ihm. Hier rief er einen Aufseher, dort einen Arbeiter oder Werkmeister zu sich heran, tat seine knappen Fragen, traf seine schnellen Anordnungen, machte auf Fehler aufmerksam, gab seine gemessenen Befehle.

Niemand widersprach ihm, sagte überhaupt nur ein Wort. Die Mütze in der Hand standen sie vor ihm, führten seine Weisungen auf der Stelle aus. Als hätte die neue Zeit in diese Betriebe noch keinen Einzug gehalten, als herrschte hier der alte Ton, die alte Art, die in früheren Tagen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Geltung hatten.

Sie waren an das große, hart am Wege gelegene Gebäude gelangt, das der Herstellung von Schwefelsäure diente, und betraten zuerst das Ofenhaus.

Rittland schritt die Apparate ab, umspannte mit prüfendem Blick die sechs mechanisch betriebenen Ungetüme von Öfen, die alle in Tätigkeit waren, die Rohstoffe abzurösten, sah durch kleine Gucklöcher in ihr Inneres, beobachtete genau die Temperaturen, machte seine Ausstellungen, gab seine Anordnungen.

Und hier schon wußte Jobst Übinger, daß dieser Mann in der Technik seiner Fabrik genau so bewandert und eingespielt war wie in ihren kaufmännischen Betrieb, dessen Leitung er ausschließlich in seinen Händen hielt.

Weiter ging es durch das Turmhaus in die Bleikammern, in denen, wie alles in diesem Betriebe, organisch ineinandergriff, die in den Röstöfen gewonnenen schwefelsauren Gase durch Zuführung von Wasserstaub und Salpeter in Schwefelsäure verwandelt wurden.

Nur im Vorüberschreiten unterrichtete sich Klaus Rittland über die Stärke der Säuren und die Grade der Temperaturen.

»Ich habe zuverlässige Wärter hier, sowohl für den Tag wie für die Nacht«, sagte er. »Sie machen ihre Aufzeichnungen auf die Minute, und ihnen entgeht nichts. Deshalb werden Sie es hier leicht haben. Auch die Schauglocken«, fuhr er nach kurzer Einsicht fort, »sind in bester Ordnung. Haben Sie auf die typisch milchig weiße Farbe im Anfang achtgegeben? Und sehen Sie jetzt das tadellose Gelb?«

Nun unterzog er die Farben der aus dem Säuresystem ausgehenden Endgase einer genauen Prüfung, machte aus ihnen seine Schlüsse auf den Gang des Betriebes, besprach sie nebenhin mit Jobst Übinger.

»In meine anderen Werke kann ich Sie heute nicht mehr begleiten«, sagte er dann, indem er einen Blick auf seine Armbanduhr warf. »Vielleicht ist es überhaupt besser, Sie machen, nachdem ich Sie flüchtig eingeführt, alles andere allein. Ich bin gerade in diesen Tagen stark beschäftigt, und die Leute sehen Ihre unbedingte Selbständigkeit, auf die Sie ja von vornherein großes Gewicht legten.«

Er gab den letzten Worten einen leicht ironischen Ton und fuhr dann fort: »Ich muß jetzt in das Verwaltungshaus, meine Korrespondenz einzusehen. Wir können einen Umweg über die Düngemittelfabrik machen, in der ich Ihnen wenigstens meine Rohmaterialien zeigen möchte.«

Da trat ein Bote an ihn heran, überreichte ihm ein eben eingelaufenes dringendes Telegramm.

Er überflog es und steckte es in die Tasche.

Aber über seine granitene Stirn huschte eine Wolke, und nach einer kurzen Weile nahm er das Telegramm noch einmal hervor und las es, diesmal langsamer und aufmerksamer als vorhin. Und die Wolke auf seiner Stirn verdichtete sich.

Wieder schritt man über weit sich dehnendes Gelände, ließ das Auge über unmittelbar daran sich schließende Wiesen und Felder schweifen, über dichte Striche bläulich dämmernder Wälder, die den Horizont säumten.

Das war Klaus Rittlands Jagdgebiet. Er hatte es seit Jahrzehnten gepachtet und fuhr fast täglich, war es auch nur für eine Stunde, dorthin, mitten aus der rastlosen Tätigkeit heraus, um Körper und Geist aufzufrischen, gleichviel ob er Beute heimbrachte oder nicht.

Diesmal gingen sie einen längeren Weg. Elektrohängebahnen mit unfehlbar arbeitendem Windwerk waren dabei, den von dem Schwefelkies erhaltenen Abbrand aus den Silos in Eisenbahnwaggons abzulassen, die ihn auf direktem Wege zum Bahnhof und von dort in die Hütten führten.

Weiter ging es, vorbei an vollbeladenen Waggons, die auf eigenen mechanischen Vorrichtungen gewogen und denen Proben für das Laboratorium entnommen wurden, damit man ihren Gehalt feststellte. An einer anderen Stelle war man beschäftigt, die Säuren in eigenen oder gemieteten Kesselwaggons zu verladen. Und wohin sie gingen oder wo sie einen Augenblick haltmachten, sich zu unterrichten oder irgendwie einzugreifen, überall umbrauste sie in nie verstummenden Tönen die wundervolle Symphonie der Arbeit.

Klaus Rittland hörte sie nicht mehr. Sie war seine gewohnte Umgebung, die Begleitmusik seiner Dispositionen und Pläne, ohne die er nicht denken oder schaffen konnte. Der andere aber, Jobst Übinger, vernahm sie auch diesmal wieder mit neuem Entzücken. Und was er gestern abend von ganzer Seele ersehnt hatte, das war heute morgen Erfüllung geworden: die Nebel waren gewichen. Der Ballast müßigen Grübelns war über Bord geworfen. Sein Kopf war frei, sein Herz stark geworden. Er hatte die alte Sicherheit, die ruhig klare Überlegenheit, mit der er bis dahin das Leben gemeistert, wiedergewonnen. Mochte jetzt kommen, was da wollte, er wußte, daß er seinen Mann stehen würde. Und wenn es sein mußte: auch gegen den, der da so stolz im Bewußtsein seines Herrentums und Herrenwillens neben ihm einherschritt und hinter dem er doch wie in plötzlich aufsteigender ahnungsvoller Vision dunkle Schatten gleiten sah.

Ein neuer Komplex tauchte auf: die Fabrik für künstliche Düngemittel.

Aber, was ihm sofort auffiel: daß hier nicht derselbe rege Betrieb war, nicht dieselbe angespannte Tätigkeit herrschte, wenigstens keine, die zu den neu und aufs Große angelegten Einrichtungen in das entsprechende Verhältnis zu bringen gewesen wäre.

Hatte Klaus Rittland seine Gedanken erraten?

»Es ist keine gute Zeit für künstliche Düngemittel. Die Verhältnisse auf dem Lande sind trostlos, werden mit jedem Tage unhaltbarer. Das zieht alles andere naturgemäß in Mitleidenschaft. In Ihrem Freistaate gewiß auch. Hier wenigstens liegt alles darnieder. Ich habe Betriebe, die einmal auf höchster Höhe standen, ihre Tätigkeit einstellen sehen, habe auch meine Düngemittelabteilung verkleinern und manchen tüchtigen Arbeiter entlassen müssen.«

Als er das sagte, standen sie bereits in einem der ungewöhnlich großen Schuppen. Da lagen die Rohphosphate in ungeheuren Mengen, türmten sich bis an die Balkendecke, waren in ihrer Gruppierung anzusehen wie richtige Gebirgsformationen, gerade so wie das in hellem Weiß schimmernde Glaubersalz, das als Rückstand vom erhitzten Steinsalz und von der Salzsäure verblieben war.

Mit wachsendem Erstaunen blickte Jobst Übinger auf diese aufgestapelten Wälle.

»Ich kaufte das alles zu günstigen Preisen, auf Spekulation gewissermaßen.«

»Aber war es nicht etwas viel? Gerade für die heutige Zeit –«

»Die niemand voraussehen konnte. Ja einem Betriebe, wie dem meinen, heißt es: ›Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!‹ Sie werden hier noch manches zu wagen lernen!«

»Aber nie mehr, als ich verantworten kann.«

Rittland schien seine Antwort nicht zu behagen. Über der knorpeligen Nase sprang eine Falte auf, wetterleuchtete über die stark gewölbte Stirn. Aber die straffe Zucht, die er über sich selber hatte, siegte auch diesmal, und, gewohnt, sich niemals gehen zu lassen, lenkte er auf etwas anderes, Gleichgültiges über: »Wenn diese Phosphate erzählen könnten«, meinte er, einen völlig veränderten Ton annehmend. »Aus aller Welt kommen sie zu uns. Aus Afrika schickt sie Marokko, Tunis, Algier, Ägypten und aus Amerika Florida. Ja, jetzt sind wir leider ganz auf das Ausland angewiesen. Vor dem Kriege hatten wir selber vorzügliche Phosphatlagen, vielleicht die besten der Welt, auf einzelnen Inseln im Stillen Ozean, wie Nauru –«

»Die dann an die Japaner übergingen. Die waren schneller als die Australier zur Stelle und heimsten sie ihnen vor der Nase als bequeme Beute fort.«

Die zusammengekniffenen Mausaugen öffneten sich ein wenig, schossen einen kurzen Blick zu dem andern hinüber. »Sapperlot«, schien dieser Blick zu sagen, »willst du mir mit deiner gleich an den Mann gebrachten Weisheit andeuten, daß ich dir Geschichten auftischte, die sich jeder neugebackene Diplomingenieur an den Schuhsohlen abgelaufen hat? Nun, wir werden sehen!«

Und in dieser Sekunde, wie aus unerforschten Gründen steigend, erwachte in ihm etwas wie Argwohn gegen diesen Mann mit den klaren, hellsehenden Augen, der glatten Stirn und dem unbestechlich scharfen Verstande, den er sich zu seinem Betriebsleiter ausersehen. »Dein schnell bereites Urteil wirst du dir abgewöhnen müssen, wenn wir miteinander auskommen wollen! Das ist nichts für mich, und ich bin es nicht gewohnt!«

Sie stiegen eine steile Treppe empor. Über ihnen und um sie herum schwirrte und surrte, gar nicht laut, still, sicher vielmehr, wie von unsichtbaren Händen getragen, geheimnisvoller Mechanismus. Krananlagen reckten die starken Fangarme nach den Rohmaterialien, sie in die Höhe zu befördern, Seilbahnen flitzten dahin, sie an ihre Lagerplätze zu führen, hurtig sich regende Mühlen mahlten den Phosphat zu feinem Staub, den man in Rührgefäßen mit Schwefelsäure mischte, um ihn als lehmige Breimasse in Riesenkesseln abzulassen, damit er in ihnen erstarrte.

Die Einrichtungen und Apparate waren gut, besonders die mechanischen, die jetzt die zum Superphosphat erstarrte Ware aus dem Kessel entleerten, durch Transportbänder weiterbeförderten und wiederum mittels einer Seilbahn ins Lager brachten.

Aber so ruhig und scheinbar eifrig die Arbeit auch vonstatten ging, Jobst Übingers geschärften Augen blieb es nicht verborgen, daß es ein müder, langsamer, vielleicht mehr ein Scheinbetrieb als wirklich pulsierende Tätigkeit war, die sich hier nur noch fristete.

Diesmal sagte er nichts. Er wäre auch nicht dazu gekommen. Denn als sie die Treppe hinunterstiegen, stand auf ihrem letzten Absatz wiederum ein Bote mit einem dringenden Telegramm.

»Herr Knappe lassen den Herrn sehr bitten, doch gütigst sofort in das Kontor zu kommen.«

Klaus Rittland erbrach das Telegramm, wandte sich zu seinem Begleiter:

»Ich muß heute noch nach Hamburg, wahrscheinlich auch nach Berlin reisen, kommen Sie!«

Kurz und hart, fast wie ein Befehl, klang es.

Als sie nach unten gelangten, war man dabei, die zerkleinerte Ware abzuwiegen und in Säcke zu füllen.

Jobst Übinger wollte ihr einige Muster entnehmen, wie er das vor dem Versand gewohnt war.

Aber Rittland trat ihm entgegen: »Ich sagte Ihnen, daß ich heute verreisen und manches noch erledigen muß. Wollen Sie einen Einblick auch in meinen kaufmännischen Betrieb tun, so begleiten Sie mich.«

Schweigend setzten sie ihren Weg fort.

Im Verwaltungsgebäude fanden gerade die Parallelberatungen statt: die kaufmännischen, in denen die eingegangene Post durchgesehen und verteilt wurde, und die technischen, in denen die Betriebsbeamten über ihre Gebiete und Obliegenheiten Bericht erstatteten, Beobachtungen tauschten und Weisungen empfingen.

Rittland nahm von ihnen keine Notiz; um täglich wiederkehrende Sachen kümmerte er sich nicht. Dazu hatte er sein gutgeschultes Personal. Der wahre Herr scheint immer untätig, wenn er der tätigste von allen ist.

Solch ein Herr war Klaus Rittland. Man sagte von ihm, daß ihn weder Skrupel noch Zweifel plagten. Jedenfalls war er nicht skrupulös in den Mitteln, die den Zweck heiligen mußten, insbesondere, wenn es einen großen Schlag galt. John Helferding, der kleine, schiefschulterige Meister in der Säureabteilung, ein überzeugter Adventist und Sektenfanatiker, meinte von ihm, daß er nur einen Herrn über sich erkenne: den Teufel.

Durch eine Reihe von Vorzimmern, in denen Maschinen klapperten, Mustertafeln angefertigt, Präparate, die aus dem Laboratorium hinübergesandt waren, aufgestellt und geprüft wurden, war man in das geräumige, mit fast üppigem Behagen, zugleich aber mit strikter Zweckmäßigkeit eingerichtete Privatkontor des Chefs gelangt.

Nur denen, die unbedingt hier zu tun hatten oder die der Chef zu sich entbot, war der Zutritt zu ihnen gestattet. Bei der Arbeit war Klaus Rittland stets allein. Nur Agathe Steinmich, seine Sekretärin, war um ihn, die, wie man behauptete, in alle Geheimnisse des Betriebes eingeweiht war, sie aber streng hütete. Nicht nur aus weiblicher Gewissenhaftigkeit, weil sie sich ihres Vertrauenspostens bewußt war, sondern weil sie vor ihrem Herrn zitterte wie alle, die unter ihm arbeiteten.

»Herr Knappe und Herr Rockert möchten sich zu mir bemühen. Herr Knappe sogleich, Herr Rockert zehn Minuten später.«

Er pflegte nie mit zweien seiner Angestellten zugleich zu verhandeln. Jeder erstattete allein seine Berichte, erhielt allein seine Aufträge. Er liebte auch nicht, daß einer auf den anderen wartete. Genau zu der Zeit, zu der er gerufen, war die Besprechung mit seinem Vordermann beendet.

»Herr Rockert!« rief er in das Vorzimmer, als er den Prokuristen entlassen hatte.

Jobst Übinger ließ die Fachzeitschrift, in die er sich vertieft hatte, auf den Schoß gleiten und blickte voller Spannung auf die Tür.

Da trat Dietrich Rockert bereits ein, begrüßte ihn mit flüchtiger Freundlichkeit.

»Herr Burggraf, der der Einkaufsabteilung vorsteht, schickt mir ein ärztliches Zeugnis, nach dem er für einige Wochen dem Werk fernbleiben muß. Ich habe Herrn Knappe soeben Auftrag erteilt, Sie bis auf weiteres von Ihrer jetzigen Tätigkeit zu befreien und in die Einkaufsabteilung zu versetzen. Es ist für Sie nützlich und mir erwünscht, daß Sie unsere verschiedenen Abteilungen kennenlernen, sich in ihnen einarbeiten. Das Nähere wird Ihnen Herr Knappe mitteilen.«

Draußen ertönte der gellende Ruf der Dampfpfeife, den Mittag anzukünden.

»Mein Wagen wartet bereits«, brach er ab. »Die Herren sind ja wohl Jugendfreunde und werden sich manches zu sagen haben. Da trifft es sich gut, daß wir jetzt die große Pause haben. Sie sind im Beratungszimmer ungestört.«

Aber an der Tür kehrte er noch einmal um: »Wir sehen am Mittwoch einige Freunde bei uns. Ich würde mich freuen, die beiden Herren gleichfalls begrüßen zu können, sieben Uhr, Abendanzug.«

»So ein bißchen anders hatte ich mir deine Stellung hier doch gedacht!« sagte Jobst Übinger in scherzendem Ton, als sie sich eine Zigarette angezündet und in den behaglichen Klubsesseln des Beratungszimmers niedergelassen hatten.

»In welcher Beziehung meinst du?«

»Nun, die Weisungen, die dir dein Chef eben erteilte, klangen so 'n bißchen nach einem Volontär, den man von einer Abteilung in die andere schickt, damit er was Ordentliches lernt.«

»Das will ich ja auch«, entgegnete Dietrich Rockert, seine Empfindlichkeit unterdrückend.

»Aber dafür eine Prokuristenstellung in einer der ersten Zuckerraffinerien aufzugeben –«

»Ich tat es auf Rittlands dringenden Wunsch.«

»Glaube ich, mein Lieber. Er wird seine Gründe gehabt haben.«

»Was für Gründe sollten das wohl gewesen sein?«

Ein leichtes Lächeln flog über Jobst Übingers Gesicht.

»Ja, meinst du wirklich, daß dieser Mann irgend etwas tun wird, ohne seine Gründe dafür zu haben?«

Ein Schatten glitt über Dietrich Rockerts sympathische Züge, zuckte um seinen großen blassen Mund.

»Du kennst ihn seit heute morgen.«

»Verzeih, seit gestern abend.«

»Wo du keine Gelegenheit hattest, ihn näher zu beobachten.«

»Doch. Ich sah ihn beim Spiel.«

»Willst du scherzen?«

»Durchaus nicht. Man kann einen Menschen nie besser kennenlernen, als wenn man ihn spielen sieht. Ich habe nie einen Menschen so spielen sehen wie diesen. Er hätte hundert Karten in der Hand haben können und hätte sie alle mit einem Blicke gemeistert.«

»Und was willst du daraus schließen?«

»Daß er mit den Menschen spielt wie mit seinen Karten, sie ordnet nach seinem Gefallen, sie braucht, wie es seine Zwecke erfordern, sie ausspielt, wenn ihre Stunde gekommen ist.«

»Und was soll das in bezug auf mich und meine Stellung zu ihm?«

»Daß du am Ende auch nichts anderes bist als so eine Karte in seiner Hand.«

»Ein liebenswürdiger Vergleich!«

»Aber ein treffender. Die Menschen sind alle entweder Karte oder Hand. Die meisten sind die Karten. Nur wenige die Hand.«

»Und du, wenn ich fragen darf?«

Da trutzte es in Jobst Übingers dunklen Augen auf.

»Ich werde nicht die Karte sein, mit der er spielt. Darauf kannst du dich verlassen. Auch ich werde Hand sein – wenn es sein muß: die Gegenhand – aber von mir wollte ich nun wirklich nicht sprechen.«

Er zündete sich eine neue Zigarette an, ließ langsam und bedächtig den Rauch durch die Nase, fuhr dann fort:

»Ich hatte gestern abend gehofft, auch dich in seinem Hause anzutreffen. Aber meine Hoffnung wurde enttäuscht. Du warst mit Fräulein Rittland in die Oper gefahren.«

»Hast du vielleicht auch dagegen etwas einzuwenden?«

»Durchaus nicht. Ein jeder treibe es, wie es ihm gefällt. Ob es unter diesen Umständen sehr geschmackvoll war, das muß ich dir überlassen.«

Dietrich Rockert zuckte die Achseln. »Ich merke schon, meine besorgten Eltern haben dir diesen Floh ins Ohr gesetzt.«

»Genau dasselbe dachte auch ich. Bis mich der gestrige Abend eines anderen belehrte.«

Und ohne seine Entgegnung abzuwarten: »Ich lernte deine Braut kennen. Ein entzückendes Mädchen, in das ich mich auf der Stelle verliebt hätte – doch lassen wir den Scherz! Warum ziehst du deine Folgerungen nicht, mein Junge? Das muß der Mensch immer, wenn er nicht als ein Schwächling dastehen will. Du bist verlobt! Gut. Aber was ist eine Verlobung? Etwas reichlich Unmodernes, etwas Spießerliches, möcht' ich sagen, das in unsere Zeit kaum noch paßt, findest du nicht? Also sprich mit deiner Braut. Sie ist ein verständiges Mädchen. Irren kann jeder einmal.«

»Und dann?«

»Dann nimm einige Wochen Urlaub. Entbehrlich wirst du hier ja ebenfalls sein. Und wenn du wiederkommst, geh zu deinem Chef und halte um die Hand seiner Tochter an. Ich vermute fast, daß er bereits dabei ist, die Karten nach dieser Beziehung zu mischen.«

Da lachte Dietrich Rockert hellauf. »Deine Vermutungen treffen wirklich ins Schwarze. Was sollte ein Mann wie Rittland von solch einem Schwiegersohn haben?«

»Sein Geld!« gab Jobst Übinger zurück, kurz und trocken.

»Das hat er selber!«

»Heute vielleicht noch. Obwohl ich auch das bezweifle. Morgen gewiß nicht mehr.«

»Und woraus folgerst du so kühne Schlüsse?«

»Weil er sein Werk von der Spekulation fristet. Aber nichts vertragen so solide, ja, hausbackene Betriebe wie Schwefelsäure- und künstliche Düngemittelfabriken auf die Dauer so schlecht wie Spekulation. Früher oder später brechen sie unter ihr zusammen. Und so wirst du es vielleicht verstehen, wenn ich dir heute ein Versprechen abnehmen möchte.«

»Und das wäre?«

Einen Augenblick überlegte Jobst Übinger.

»Daß du nichts unternehmen wirst«, erwiderte er dann bestimmt, »wenigstens nichts Entscheidendes, ohne es mir vorher mitzuteilen. Ich sage mit Absicht nur: mir mitzuteilen. Wie du nachher handelst, das ist deine Sache.«

Ein kurzes Zögern. Dann reichte ihm Dietrich Rockert die Hand.

»Gut. Das will ich dir versprechen.«

Aber seine Gedanken waren bereits woanders.

»Wenn du meinst«, begann er nach einer kurzen Pause, und es hatte den Anschein, als entspränge jedes Wort einer längeren, ruhigen Erwägung, »daß der Rittland derartige Absichten und Pläne mit mir hätte – wie glaubst du, würde sich dann seine Tochter dazu stellen?«

»Vielleicht spielt sie die Rolle, die ihr der Vater zuerteilt hat.«

»Da irrst du. Sie liebt ihren Vater. Wahrscheinlich deshalb, weil sie genau denselben starken Willen hat wie er. Aber sie ist selbständig und die einzige, die auf ihn Einfluß hat.«

»Ich kenne sie nicht«, erwiderte Jobst Übinger ablehnend.

* * *

 

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