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Die letzte Karte in der Hand

Artur Brausewetter: Die letzte Karte in der Hand - Kapitel 11
Quellenangabe
authorArtur Brausewetter
titleDie letzte Karte in der Hand
publisherOtto Janke, Verlag
year1932
firstpub1932
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201610
projectid9ed5d492
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Die Kälte hatte nachgelassen, auch der Schnee fiel nicht mehr.

Grau und trübe stieg der nächste Tag empor, andere folgten, die noch dunkler und feuchter waren. In dichten, dumpfen Schwaden zog der Nebel zu Tal, schleifte über Straßen und Märkte, löste sich gegen Mittag, wenn der Sonne, die hinter hochgetürmten Wolkenmauern gefangensaß, ein kurzer Durchbruch gelang, in tanzende Fetzen, die eine Weile auseinanderflatterten, sich dann aber um so unzerreißbarer wieder zusammenballten.

Es war das einzige Wetter, das auf Gerta Rittlands sonst von der Witterung unabhängiges Gemüt Einfluß übte.

Sie fühlte sich bei ihm körperlich und seelisch nicht wohl, hielt sich, da der Vater eine seiner längeren Geschäftsreisen nach Hamburg und anderen Städten angetreten hatte, am liebsten zu Hause und nahm nur die Einladungen an, deren Befolgung ihr unumgänglich notwendig erschien.

Wunderbar, manchmal hatte sie die Empfindung, als begegnete man ihr nicht mehr in der alten Weise. Auch auf dem Ball des Oberbürgermeisters, den sie in letzter Stunde noch absagen wollte, war ihr manchmal, als hielten sich Menschen, die sie sonst mit liebevollem Eifer gesucht hatten, mit einer gewissen Geflissenheit von ihr fern. Ja, es gab Augenblicke, in denen sie, die sonst überall Umworbene, allein war.

War es eine Einbildung von ihr?

Von ihrem Vater hörte sie gar nichts. Und auch sie konnte ihm nicht schreiben, da er seinen Aufenthalt ständig wechselte und ihn ihr diesmal nicht mitteilte, wie er es sonst getan hatte.

Zuerst schob sie es seiner großen Geschäftigkeit zu. Dann begann sie sein andauerndes Schweigen zu beunruhigen.

Endlich!

An einem stillen Sonntagmorgen, als sie nach halbdurchwachter Nacht noch in ihrem Bette lag, brachte man ihr einen Eilbrief.

Sie sah sofort, daß er von ihrem Vater kam, öffnete ihn mit plötzlich aufsteigender quälender Ahnung.

Er war an Bord eines Überseedampfers geschrieben und lautete:

»Mein geliebtes Kind!

Ich weiß nicht, wann dieser Brief in Deine Hände gelangen wird. Jedenfalls bin ich dann dem Ziele meiner weiten Reise bereits ein Stück näher gerückt.

Welches dieses Ziel ist, kann ich Dir heute noch nicht sagen. Ich muß darüber, wie über meine ganze Fahrt, die Flucht ist, das tiefste Geheimnis breiten. Sowie ich in Sicherheit bin, erfährst Du alles.

Heute kann ich Dir nur sagen, daß das Werk meines Lebens zusammengebrochen ist, daß man vielleicht schon, wenn Du diesen Brief erhältst, meine Fabrik schließen wird. Ich weiß, wie tief es Dich treffen wird. Deshalb habe ich mich so lange gesträubt, es Dir zu sagen.

Aber ich weiß, daß Du meine Tochter bist und tapfer und stark auf Dich nehmen wirst, was Dir verordnet ist.

Ich bin unschuldig an diesem Zusammenbruch, den die furchtbare wirtschaftliche Lage und die Zerrissenheit aller unserer Verhältnisse herbeigeführt haben.

Er ist auch keineswegs der Anlaß, der mich forttreibt. Dieser liegt auf einem ganz anderen Gebiete. Und hier wäre ich schuld – in den Augen der Gesellschaft und des Gesetzes, nicht in den meinen.

Gewiß, ich habe ein Spiel getrieben mit der Torheit der Menschen. Und das ist es, was sie am wenigsten verzeihen. Die Welt will eben betrogen werden. Ich habe sie betrogen, habe ihr ihre Narrheit handgreiflich vor die Augen geführt. Wie manches Mal habe ich es Dir gesagt: Wer über alles lacht, der wird die Welt beherrschen.

Und wenn es mit dieser Beherrschung augenblicklich auch nicht gut aussieht, ein Mann findet überall sein Fortkommen.

Ich baue zu fest auf mein Glück, als daß ich glauben könnte, daß aus der ganzen Sache, die ich geschickt eingefädelt habe, etwas herauskommen wird. In diesem Falle würde ich nach einiger Zeit zu Dir zurückkehren, was mein größter Wunsch wäre.

Das Vermögen, das Dir von Deiner verstorbenen Mutter gehört, ist unversehrt mit Zinseszinsen auf der Dresdner Bank angelegt und steht jederzeit zu Deiner Verfügung. Es ist auch dafür gesorgt, daß es niemand antasten kann, mögen sich die Verhältnisse auf meinem Werk entwickeln wie sie wollen. Herr Übinger wird Dir, sowie Du seiner bedarfst, zur Seite stehen. Des bin ich gewiß.

Und nun lebe wohl, mein geliebtes Kind. Und sei, wenn Du ihn zum erstenmal in Deinem Leben vielleicht auch nicht verstehen wirst, der unwandelbaren Liebe und Treue Deines Vaters gewiß, der Dich bald wiederzusehen hofft.«

Mit Aufbietung der letzten Kraft hatte sie den Brief zu Ende gelesen. Jetzt entglitt er ihrer Hand, fiel auf die Bettdecke und von dort auf den Boden.

Sie merkte es nicht. Aufrecht saß sie in ihren Kissen, das leblose Auge immer auf denselben Punkt gerichtet.

Das also war geschehen!

Ihr Vater, der ihr der Inbegriff aller männlichen Größe gewesen, dessen Ansehen ihr königlich erschienen, ein bankrotter Mann, der Schlimmeres noch mit sich trug!

Und sie, die sich so hoch gedünkt, mit demselben Stolze auf die anderen herabgesehen wie er!

Jetzt verstand sie das wunderbare Verhalten, die geflissentliche Zurückhaltung der Gesellschaft. Natürlich wußten sie alle es längst. Sie allein war ahnungslos gewesen.

Nun würden sie kommen, sie zu bedauern, sie ihrer Teilnahme zu versichern, sich freundlich zur Verfügung stellen, wenn sie ihrer bedürfte! Dieser Gedanke war es, der sie aus ihrer Starrheit weckte. Denn er war ihr unerträglich, und alles andere trat gegen ihn in den Hintergrund. Sie wollte niemand sehen! Nicht einen Einzigen! Auch Jobst Übinger nicht, der sich womöglich noch verpflichtet fühlte, sich ihrer anzunehmen.

Was auch geschehen war – ihr Vater hatte recht: Sie blieb Rittlands Tochter!

Sie hob den Brief vom Boden auf, las ihn noch einmal. Jetzt gefaßter und mit andern Augen.

War das die Sprache eines Unterlegenen? Schrieb so ein Gedemütigter?

Sie verurteilte ihn nicht. Sie bemitleidete ihn nicht einmal.

In seiner ungebrochenen Kraft, der kein Schicksal und keine Schuld etwas anzuhaben vermochten, stand er vor ihr.

Sie wußte, daß er den neuen Weg finden und gehen würde.

Eine wunderbare Ruhe kam über sie und mit ihr eine ungeahnte Stärke.

Nur kein Mitleid! Nur keine Hilfe!

Und jetzt war ihr auch klar, was sie zu tun hatte:

Fort von hier! Heute noch! Gleichviel wohin!

Auf sich selbst wollte sie sich stellen, ihren Weg suchen und wandern wie er! Wieviel leichter konnte sie es, da keine Schuld ihn begleitete. Er aber war stark genug, auch seine Schuld auf sich zu nehmen.

Obwohl ihr Kopf schmerzte, stand sie schnell auf, läutete ihrer Zofe, gab ihr Auftrag, sofort ihre Koffer zu packen und nach unten zu bringen. Der Chauffeur sollte sich bereithalten.

Nun begab sie sich in das Eßzimmer, ließ sich das Frühstück auftragen, legte das Kursbuch neben sich.

In zwei Stunden ging der D-Zug nach Berlin. Dort wohnte ein Bruder ihrer verstorbenen Mutter, der mitten im Leben stand. Zuerst also zu ihm, und das Weitere mit ihm beraten!

Sie wunderte sich über sich selber, wie ruhig und umsichtig sie alles schon überdenken und bestimmen konnte.

Draußen läutete es.

»Sie wissen, daß ich für niemand zu Hause bin. Hören Sie: für niemand!« rief sie ihrer Zofe zu.

Aber schon kehrte diese zurück.

»Herr Übinger ist da und will sich unter keinen Umständen abweisen lassen.«

»Sagen Sie, was Sie wollen! Ich kann ihn nicht empfangen.«

Da stand Jobst Übinger vor ihr.

Doch so ganz anders, als sie erwartet hatte. Nichts von dem, was sie gefürchtet hatte: kein feierlicher Besuchsanzug, keine auf Beileid eingestellte Miene, kein teilnehmendes oder gar tröstendes Wort.

Im flottgeschnittenen Jackettanzug, den einen Handschuh abgestreift, das Gesicht von der Luft draußen frisch gerötet, trat er auf sie zu, küßte ihre Hand, sah dann die beiden Koffer vor ihrem Stuhl.

»Ach, gnädiges Fräulein wollen verreisen und konnten daher nicht empfangen. Nun, für einen Freund des Hauses, der ich mich ja wohl nennen darf, gelten so strenge Vorschriften gewiß nicht.«

Sein gelassen männliches Auftreten, seine Art, mit ihr zu sprechen, taten ihr wohl, gaben ihr die innere Sicherheit wieder, die sie jetzt so nötig brauchte.

»Sie haben recht. Für Sie gelten solche Vorschriften nicht. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir! Eine kurze Zeit bleibt mir noch.«

Sein Auge fiel auf den Brief, der neben ihrem Gedecke lag.

»Es traf Sie ganz unvorbereitet?«

»Vollkommen unvorbereitet!«

»Und hat Sie hart getroffen?«

»Fragen Sie nicht!«

Heftig, fast leidenschaftslos stieß sie es hervor. Wie konnte er es auch fragen? Er begriff sich selber nicht. Nur nicht an der Sache rühren, wie er es sich auch vorgenommen hatte! Ihr Stolz ertrug es nicht, und das geringste Wort darüber verursachte ihr Qualen.

»Wohin soll die Reise denn gehen?« lenkte er ab. »Da Sie vorhin äußerten, daß Ihnen nur noch kurze Zeit bliebe, nehme ich an, nach Berlin.«

»Ja ... nach Berlin.«

»Das trifft sich ausgezeichnet! Nach Berlin will ich nämlich auch.«

»Was wollen Sie dort?«

»Dasselbe wie Sie: Ein neues Leben mir bauen.«

Sie blickte auf das weiße Linnen des Tisches. In der Tat, er war in gleicher Lage wie sie. Auch er war aus seiner Tätigkeit gerissen, auch er mußte eine andere suchen. Daß sie daran noch gar nicht gedacht hatte!

»So sind wir Leidensgenossen!« erwiderte sie.

»Und werden zusammenhalten, wie es solchen geziemt, nicht wahr? Vorläufig werden wir uns also einmal auf die Wanderschaft begeben. Was meinen Sie? Sie werden doch nicht ohne mich reisen? Nein, daran denken Sie gar nicht.«

»Ich habe stark daran gedacht.«

»Das glaube ich Ihnen nicht«, erwiderte er in leichtem Scherz. »Zu zweien trägt sich alles leichter und angenehmer. Stellen Sie sich doch nur einmal vor, was aus Ihnen geworden wäre, damals auf dem Brocken, als Sie sich den Fuß verstauchten, wenn ich nicht – aber nein, ich will mich nicht selber loben. Doch das darf ich wohl von mir behaupten: Ein ganz guter Reisegefährte bin ich. Davon können Sie überzeugt sein.«

»Ich weiß es.«

Aber zu dem Humor, den er während des ganzen Gesprächs mit einer spürbaren Absicht zeigte, konnte sie sich nicht verstehn.

»Nun also! Dann sind wir ja einig und können den Reiseplan gleich gemeinsam aufstellen. Aber dazu wird jetzt kaum noch die Zeit reichen.«

»Ist es wirklich Ihr Ernst, mit nach Berlin zu kommen?«

»Mein voller Ernst. Auf die Bärenhaut kann ich mich doch nicht legen. Dazu bin ich am Ende noch nicht alt genug. Sehen Sie, was ich Ihnen damals in Schierke entgegenhielt, das hat sich jetzt bestätigt: Das Einzige, was uns bleibt, ist ein bißchen ehrliche Arbeit. Sie ist, um mit einem Ausdruck Ihres Herrn Vaters zu reden, die letzte Karte, die wir in der Hand behalten, wenn wir alle anderen verspielt haben.«

Von draußen hörte man die Hupe des vorfahrenden Autos.

Die Zofe erschien: »Der Chauffeur läßt sagen: Wenn das gnädige Fräulein den D-Zug benutzen wollten, so wäre es Zeit.«

»Ich werde kommen.«

Sie stand auf, nahm den bereitliegenden Mantel, setzte den Hut auf.

Aber er trat ihr entgegen.

»Glauben Sie etwa, daß ich Ihnen zusehen werde, wenn Sie in dieser Verfassung allein in die Welt fahren? Ist es nicht, als gehörten wir von dieser Stunde an zusammen? Wir haben uns beide genug gewehrt und wissen doch, daß es uns nichts mehr hilft.«

»Lassen Sie mich ... ich bitte Sie! Es ist zuviel gewesen, was über mich hereingebrochen ist. Nur mit mir allein kann ich es abmachen.«

»Gut!« erwiderte er fest und bestimmt. »Wenn es Ihr unabänderlicher Entschluß ist, heute noch zu reisen, dann führen Sie ihn aus! Ich erledige hier inzwischen alles und dann –«

»Und dann –?« Eine merkbare Angst zitterte durch ihre Frage.

»Dann komme ich eben nach, hole Sie ab, und wir machen uns auf die große Wanderung, in das neue Leben, in das neue Schaffen. Wenn Sie mich begleiten, habe ich doppelten Mut und doppelte Kraft.«

Sie entgegnete nichts. Ihr Gesicht war bleich, und ihre schmalen Nasenflügel bebten.

Er kannte sie schon genug, um zu wissen, daß dies das Zeichen einer starken Erregung in ihr war. Darum sagte er nichts mehr.

»Leben Sie wohl!« hörte er ihre klanglose, müde Stimme neben sich.

Mit schnellem Entschluß schritt sie zur Tür.

In demselben Augenblick aber fühlte sie sich von seinen Armen umschlossen, fühlte seine heißen Lippen auf den ihren brennen, hörte seine zärtlichen, leidenschaftlichen Worte.

Noch wehrte sie sich mit letzter Kraft.

Dann gab sie den Widerstand auf, trank, ihrer selbst kaum bewußt, das nie gekannte Glück einer kurzen seligen Minute.

Bis sie sich mit sanfter Gewalt aus seinem Arm befreite.

Einmal noch küßte er ihren herben Mund, von dem es ihm früher nicht auszudenken erschien, daß ein Mensch einen solchen Mund je küssen könnte.

Dann geleitete er sie an den Wagen, stand wie festgewurzelt, indes dieser in den regenschweren Tag hineinfuhr und in dem Nebelmeer, das die breite Straße bald ganz verschloß, seinen Blicken entschwand.

Eine kurze Zeit verharrte er noch, winkte dann seinem Wagen, der auf ihn gewartet hatte, und fuhr in Rittlands Werk.

 

* * *

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