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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

Doktor Lamm hält die schöne Amalie für eine Hebamme. Einem Burschen läuft ein Huhn über den Weg. Zwei alte Geschütze nehmen das Feuer wieder auf.

Wir treffen die hübsche Amalie mit ihrer Amme auf dem Gut ihres Oheims, Hans von Münchhausen, der sich Rausch von Traubenberg nannte. Seine Mutter war eine geborene Rausch von Traubenberg, so sollte der fröhliche Name in ihm fortleben zu seiner ureigensten Freude in großer Öde unter Tannen und Fichten, eine muntere Gloriole, die ihn sonnte.

Das Gut liegt auf einer Hochebene des Thüringerwaldes.

Ein Ende Augustabend. Rauh weht es schon über die endlosen Tannenwälder und über das schindelgedeckte Gutshaus, das in seinem silbergrauen Bretterrock gerüstet gegen Wetter und Sturm steht, grau und geduckt die Wirtschaftsgebäude um dasselbe her.

Der Gutshof, als wäre er aus dem Boden gewachsen wie ein Nest Pilze.

Die Felssteine, die hie und da verstreut liegen, die Tannenwälder, die rings sich erheben, wie ein Wall 168 getürmt und dräuend in ihrer Dunkelheit. Alles weit – der bunten Menschenwelt entrückt. Die Grasfläche auf dieser Höhe samten, ein kurzer, fester Graswuchs, der sich gleichmäßig ausbreitet. Wohlgestimmte Kuhglocken läuten in der Einsamkeit durch die klare Luft, in der die Töne kristallhell aus weiter Ferne klingen.

Schmale Pfade führen durch die weite Grasfläche.

Nichts stört die große Schlichtheit und Einheit hier oben.

Fern vom Gutshof das Dörfchen, wenige Hütten auch grau dem Boden angeduckt und ein Kirchlein mit seinem grausilbergetönten Bretterturm, der sich ein wenig höher hebt, wie einer, dem der Mut nicht ganz ausgegangen ist, mitten zwischen einem Häuflein Verkrochener und Geduckter, die von den ungeheuren Schneelasten des langen Winters sich auch im kühlen Sommer hier oben nicht recht aufrichten können. Alles hat sich hier der Schneelast angepaßt, die es immer wieder von neuem geduldig erwartet – auch die Tannen, die im Winter zu weißen Säulen werden und ihre grünen Äste dem mächtigen Stamm anschmiegen, stehen nur für kurze Zeit frank und frei im Winde rauschend; und die Tannenjugend die Kinder mit den grünen Röckchen und den zarten grünen Fingerchen können sich kaum aus ihrem gebückten Hocken unter der schweren weißen Winterdecke erholen, bis sie wieder unterkriechen müssen.

169 Der Hof des Herrn von Münchhausen, des trinkfreudigen Rausch von Traubenberg, der bis in die höchste Stille und Einsamkeit des Thüringerwaldes hinaufgestiegen war, sie haben ihn die »Schmücke« genannt – ist ein Wald- und Weidlandgut derer von Münchhausen, die einst reich an Besitzungen waren und auf der weltverlorenen Höhe nur einen Pächter hatten.

Mit den Jahren und den Generationen war ihnen allerhand abgebröckelt, so daß der jetzige Herr sich in die Unwirtlichkeit hatte begeben müssen; doch mochte dies für ihn ganz recht gewesen sein. Das, was das Schicksal ihm als einzigen Hupf und Sprung aufbehalten, war wie für ihn geschaffen. – Er selbst ein grauer, borstiger Kerl, solange man ihn da oben nun schon kannte, und das mochte eine stattliche Reihe von Jahren her sein, verwittert und verwettert wie alles hier, ganz entfremdet der bunten Welt, ein Jäger und Trinker, Holzhändler und Viehzüchter, der da in seinem Reiche lebte, trank und pirschte, dem die ganze Welt auf den Buckel kriechen konnte, wie er sich ausdrückte. Um Geschäftsfreunde aufzusuchen und seinen Weinkeller neu zu versorgen, reiste er hin und wieder nach Erfurt; er lagerte auch Jenenser Wein in einem Madeirafaß und behauptete, für gewisse Zustände und Stimmungen sei der ganz das Rechte. Sonst aber lobte er sich einen rechtschaffenen Wein, und den trank er mit dem ehrengeachteten alten 170 Kameraden, Doktor Lamm, der im Dorfe seine einsame Junggesellenbehausung hatte und auf seinem Schimmel im roten Rockelor, schwarzen Kniehosen, fest bestrumpft und beschuht und Winters im uralten Schafspelz in den Bergen auf und nieder ritt und allerhand Heil und Unheil verrichtete. Ihm hatte sich seine Wissenschaft in der Länge der Zeit gar wunderlich abgelagert und kristallisiert, den Flüssen aller Art, hitzigen und kalten, war er durchaus feindlich gesinnt und spürte sie überall auf. Seiner Meinung nach lauerten sie beständig auf Mann und Weib, auf Greis und Kind. Einfach ist die Natur und leicht zu erfassen, ganz im Gegensatz zu den Weitläufigkeiten, die in Jena, wo er seine Kunst erlernt hatte, zu seiner Zeit im Schwange waren und womit die Burschen gewaltig bedrängt wurden, um später zumeist wie Doktor Lamm in Schlichtheit und Einfalt zurückzusinken.

In diesen hochgelegenen Zufluchtsort und zu diesen Menschen hatte der eheliche Überdruß den hübschen bunten Sommervogel getrieben.

Sie war in allererster Jugend einmal oben auf der Schmücke gewesen bei Onkel Münchhausen, ihrem nächsten Verwandten, dem sie sich hatte in Erinnerung bringen sollen, da sie voraussichtlich seine Erbin sein würde.

So schien ihr die Schmücke inmitten des bunten Lebens als etwas geblieben zu sein, wohin man sich verkriechen konnte, so wie ihr Onkel, der Rausch von 171 Traubenberg, sich hier hatte verkriechen müssen, und hatte nur den fröhlichen Namen seiner Mutter mit hinaufgenommen aus der vielgestalteten, fröhlichen Welt, die ihn sein Geld und Gut gekostet hatte.

Die Schweigsamkeit ihres Stallmeisters war zur Verzweiflung in dem Weibchen geworden. Der lebhafte Einsiedel mochte keine gute Folie für den Ehemann abgegeben haben. Öfter schon, wenn eine neue Neigung in dem veränderungsbedürftigen Herzen dieses Frauenwesens aufgetaucht war, hatte es bedenklich um die Hausruhe des stilisierten Mannes gestanden – aber diesmal in aller Stille war es zum Ausbruch gekommen. In anderen Fällen hatte neue Liebe und Neigung die Unstete gut unterhalten, aber jetzt war sie zwischen zwei geraten, die sie außer sich selbst gebracht hatten. Auch Einsiedel, an dessen Liebe sie nicht zweifelte, denn weshalb sonst hatte er aller Nasen lang bei ihr gehockt, hatte sie durch seine Rätselhaftigkeit in Verwirrung gesetzt. Was hatte ihn zurückgehalten, sich ihr zu offenbaren, da die vollkommene Gleichgültigkeit des Ehemannes auf der Hand lag? – Von ihm kam ihr Hilfe, von ihm allein, das sagte ihr das leichtsinnige, so bedrückte Herz.

So war sie eines Abends im Kütschchen, das sie sich in Gotha gemietet hatte, mit Frau Fiedlern und vielen Schachteln auf halsbrecherischen Wegen unangemeldet in die große Verträumtheit hier oben angekommen.

172 Vor dem verschlafenen, grauen Gutshaus stand das elende Gefährt, die beiden gedankenlosen Weiber mit ihren vielen Kleinigkeiten und dem großen Koffer und ein alter Kerl, der sie heraufgefahren. Aus den Ställen klang hie und da der Anschlag einer Kuhglocke, die kein Thüringerwaldherz ungerührt vernimmt. In der hübschen Amalie stieg das Weh der Heimatlosigkeit auf. Aus dem warmen Stall klang es so wohlgeborgen, so etwa: Da bin ich zu Haus, ich hübsche Kuh und läute und bimmle mich in Schlaf – Eia – Eia – Eia – Popeia.

Und sie selbst war ohne Stall – ohne Wärme – ohne liebliches Geläut – und gerade sie – gerade sie! – verlaufen – davongelaufen – hinausgetrieben. Einsiedel hatte gesagt: Sie sollten Humor haben, vielleicht hätte dann »Ofen« Ihnen geklungen wie der Gesang aller himmlischen Heerscharen! – Himmel, Humor, dachte die Frau, Humor ist Unsinn! – Erstens habe ich keinen und zweitens gehört Humor einfach nicht zur Liebe, ja verträgt sich mit Liebe sehr schlecht, denn so etwas macht Liebe komisch. Bin froh, daß ich keinen habe! Aber dicke Tränen hatte sie im Auge.

»Na, kommt denn keins?« fragte Frau Fiedlern in den Abend hinein.

»Ach, mei gutes Kind, wenn de nur nich eene rechte Dummheit gemacht hast. Hibsch war's doch in Weimer un so ne hibsche, ibbge Frau is noch allemal Herre 173 gebliem. – Wer seinen Platz verläßt, verliert'n – und mit Herrn Stallmeister is nich zu schpassen, der is un bleibt ä alter Junggeselle, dem liegt der Ehmann nich. Wenn der sein Weinchen hat, aufs Weibchen schaut der nich extrig, die muß sehn, wo se bleibt, nachlaufen tut der emal nich! Ich hab's gleich gesagt, awer –«

»Awer! Sei du nur still! Ein Alte ist keine Junge!«

»War ich denn immer ne Alte?« fragte die Amme verschmitzt.

»Vielleicht nicht. – Jetzt bist du eine, und jetzt ist allemal die Hauptsache.«

Der Fuhrmann klatschte gewaltig mit der Peitsche und schrie: »Ho, ho! Frauensleit sin do!«

Da tat sich nach einem Weilchen die graue Türe auf, die einen kleinen steinernen Vorbau hatte, von dem aus von beiden Seiten steinerne Stufen herabführten.

Auf diesem Vorbau standen jetzt zwei Gestalten, eine im roten Rockelor, kurz, dick, weich, mit rotem Gesicht und grauem Zopf. Die andere lang, gelenk, wettergrau und borstig mit abenteuerlichem Profil, in dem viel Sonderbarkeit lag, und hinaufgezwirbeltem fahlem Schnurrbart.

Beide verdutzt wie zwei Krähen, die im alten Gemäuer aufgejagt wurden. – Beide Ehrenmänner nicht ganz sicher auf den Beinen.

Der Fuhrmann, der einen tiefen Blick für ihre Erscheinung und den Zustand ihrer Unsicherheit hatte, 174 knallte wieder verschmitzt mit der Peitsche und rief noch einmal: »Ho, ho! Frauenzimmer sein do!«

»Frauenzimmer!« antwortete eine trockene Stimme, die dem angehörte, der sich den Namen Rausch von Traubenberg zugelegt hatte.

Und eine andere weiche, dicke Stimme wiederholte sehr verdutzt: »Frauenzimmer? – Das geht mich an. – Die Hebamme aus Winterfeld schickt wen. No –« lachte er, »isse mit ihrer Kunst zu Ende, muß der Alte her? Das Rindvieh – was hat se denn verpatzt?«

Keine Antwort.

»Onkel Münchhausen!« eine befangene, kleinlaute Stimme.

Der Doktor war aber noch mit der Hebamme beschäftigt, schrie weiter und hielt sich am Geländer vorsichtig fest: »So ne Gans – himmelschreiende! Den Alten hinauszupreschen bei Nacht un Nebel für nix und wieder nix! – Wie sagt die Heilige Schrift? Und mutig waren die Weiber der Judäer, und bedurften einer Wehmutter nicht.

Ihr aber wollt auch noch, daß der ehrengeachtete Doktor Lamm nächtlicherweile, wenn's dunkel ist, sich aufmacht, um euch beizuspringen in der Not, die Gott selbst euch auferlegte, als der Engel sprach: Und mit Schmerzen sollst du deine Kinder gebären. – Laßt mich in Frieden!«

175 So predigte der im roten Rockelor in der Dämmerung, die der Wein in sein Hirn gegossen, und ließ sich nicht stören.

Auch der andere, der graue Borstige, wurde begreiflicherweise nicht sogleich Herr der Situation, sondern neigte sich mehr der Auffassung seines Freundes zu, hörte auf diesen und nicht auf die Stimme seines Blutes, die wieder begann.

»Aber Onkel Münchhausen – ich bin's, die Amalie von Werthern.«

»Mir unbekannt.« Er hatte sich noch nicht zurechtgefunden.

»Onkel Rausch von Traubenberg – hör doch! Ich war doch einmal bei dir, hab' hier schon gewohnt.«

»Das könnte jeder sagen – Gott verdimm mich, im Hause eines ehrengeachteten Junggesellen hat kein wanderndes Frauenzimmer zu wohnen –. Schamlose! – und rühmst dich dessen!« Er schien angesteckt von der Ausdrucksweise seines Partners und wurde seinem Zustand gemäß auch hochtrabend.

So plauderten sie auf das angenehmste in ihrer gegenseitigen Verwirrung, die sie zu nichts Reellem kommen ließ, bis der Fuhrmann wiederum mit der Peitsche knallte, um sich und seinen Fahrgästen Nachdruck zu geben, und rief: »Herrgottsakrament nochemal – die Frauenzimmer sin die Anverwandten von Eier 176 Gnaden. Was die wollen, weeß ich nich; aber was ich bin, ich un mei Gaul, mir wolln Unterkunft un morgen in der Frih zurick nach Gotha machen.«

Das verstand man.

»So – so,« sagte der Borstige, »das läßt sich hören – das ist schlicht und recht!«

»Ihr aber – was wollt ihr?«

Das war nun bei weitem schwieriger auseinanderzusetzen.

Da legte sich aber Frau Fiedlern ins Mittel: »Was meine Dame is, die is näämlich mit ihrem Gemahl, dem Herrn Stallmeister von Werthern, nich zum Besten gefahren un da ham sich die Herrschaften getrennt, was mer so sagt von Disch un Bett. Un da Sie ihr einziger Verwandter sin, is se mit mir raufgemacht un bittet um gitiges Obdach in sehr bedrängter Lage.«

»Unsinn!« rief der Borstige erbost, genau so erbost, wie der Doktor sich gegen die Hebamme verbarrikadiert hatte, von der er glaubte, daß sie ihn zu einer Amtspflicht holen ließ.

Diese beiden Kämpen verteidigten ihr graues Haus und sich selbst gegen weiblichen Überfall auf das tapferste und ritterlichste und ließen sich nicht beirren.

Rausch von Traubenberg wetterte und rief erbost: »Bedrängte Lage! Was hat er denn getan, der Werthern, daß seine Gans davonläuft? –« Er hielt seine etwas 177 unsichere Hand vor die Augen, spreizte die Finger und begann mit der Hand zu zählen, den kleinen Finger zuerst: »Ehebruch? von seiner Seite?«

»Nein, bewahre!« rief Frau Fiedlern.

»Nun in Gottes Namen, von ihrer Seite?« den Goldfinger hatte er jetzt fest.

»Bewahre.«

»Also aus Eselei?« der dritte zitternde Finger.

»Sozusagen, gnädiger Herr, wenn es Ihnen so beliebt? Der gnädige Herr Stallmeister geruhten ein etwas unzärtlicher Gatte zu sein un is iberhaupt ein sonderbarer Herre.«

»Und da leift sie davon, so ohne weiteres?«

Hier fiel der Doktor ein: »Mache es einer den Weibern recht! Nicht zärtlich – wie Exempel statuiert, zu zärtlich –: schicken sie nach dem ehrengeachteten Doktor Lamm, um zu stören, wie wir soeben erlebten.« Er hatte sich im Satz und in dem, was er sagen wollte, verwickelt und fand sich nicht mehr zurecht.

Das gab einen Stillstand, eine Pause, in der Münchhausen Rausch von Traubenberg, seiner nicht ganz mächtig zur Amme sagte: »Du bist also Amalie von Werthern, meine Nichte?«

Da nahm sich die junge Frau den Mut, schritt die paar Stufen hinauf zu ihrem Oheim: »Ich bin's,« sagte sie weich und faßte seine Hand mit ihren beiden Händchen.

178 Sei es, daß er seit lange keine zarte Hand berührt, es schüttelte ihn wunderlich.

»Du auch?« fragte er.

Da lachte sie: »Ich bin's allein – die andere ist Frau Fiedlern. Darf ich ein wenig bei dir bleiben?«

Sei es, daß ihm Erinnerungen einer fernen Welt, die ihm längst versank, in seinem vom Wein betäubten Hirn wieder auftauchten, er tat einen fast hörbaren Ruck und wurde zu einem grotesken Kavalier, der sich nicht sogleich wieder so einrenken konnte, wie er vor etwa zwanzig Jahren vielleicht gewesen.

Der Doktor schaute dieser Verwandlung mit runden, erstaunt aufgerissenen Augen zu, und Rausch von Traubenberg führte seine Nichte galant und zärtlich in sein graues Haus ein in den Raum, in dem die beiden unverdrossenen Zecher durch den Peitschenknall des Fuhrmanns aufgescheucht worden waren. Die beiden Frauen erblickten in der späten Abenddämmerung, wie es sich zwei waschechte alte Junggesellen behaglich zu machen wußten auf ihre Art und mit Hilfe einer Wirtschafterin, die nun auch zur Stelle war und mit Staunen die Ankömmlinge musterte; auch der Oberknecht kam aus der schwarzverräucherten Küche auf Holzpantoffeln geschlürft.

Im großen Wohnzimmer, in dem die beiden Wahlbrüder zumeist hausten, war der Tabaksqualm noch so 179 dicht, als säßen noch einmal zwei solche und pafften, während die beiden anderen hinausgegangen waren.

Einen kräftigen Tabak mußten diese ausgepichten Brüder rauchen. Er beizte die Augen der reisenden Frauen und reizte zum Husten, verhüllte aber einigermaßen die große ländliche Unordnung des Zimmers.

Auf dem Riesentisch, der in der Mitte des breiten Raumes stand, lagen Haufen von allerhand, Stricken, Säcken, Peitschen, Stöcken, Papiere, Kästen mit Nägeln, Kalender und Gott weiß was; der große Steinweinkrug, ansehnliche Gläser und die Karten. Sie waren mitten im Spiel unterbrochen worden.

Die beiden Schlote hatten ihre Stube gewaltig verräuchert und ein großer, altmodischer Ofen war ihnen dabei behilflich gewesen.

Die Wirtschafterin schob mit strammen, roten Armen das Durcheinander auf dem Tisch, so weit es möglich war, zusammen, um freien Raum zu gewinnen, und der Knecht brachte aus der Küche einen vierten Stuhl.

Und so saßen sie nun um den Tisch des Hauses, die Ablagerungsstelle aller Erdenklichkeiten – und schauten einander an, alle vier wie im Traum befangen.

Das stattlichste Abendessen wurde aufgetragen und auf einem sauberen Tischtuch serviert, das sich wie ein Schneefall über den freien Teil des Tisches und das zusammengeschobene Gebirg breitete.

180 Ein Rehziemer duftete und war gar köstlich zubereitet; die Herren schienen sich liebevoll und reichlich zu versorgen, so daß zwei hereingeschneite Frauenzimmer in dieser Einöde nicht den geringsten Aufstand, die Bewirtung betreffend, verursachten. Bedenklicher sah es mit der Wohn- und Schlafgelegenheit aus, doch auch dies kam zu einer ganz erträglichen Lösung.

Zwei rohe, buntbemalte Betten im einstigen Pächterhause in einer niederen Stube, die wohl manchen Geschäftsfreund und Zechgenossen in später Nacht hatten aufnehmen müssen, wurden für die vom Himmel Gefallenen hergerichtet.

Inzwischen aber suchte man sich auf irgendeine Weise, in der verräucherten Stube näherzukommen.

Die Amme hatte sich mit der Wirtschafterin zusammengetan, um für ihre Dame zu sorgen.

Die Dame aber spielte die Liebenswürdige nach alten bewährten Rezepten, die immer gut waren.

Der Onkel Rausch von Traubenberg ließ mit Anstrengung den längst zur Ruhe gegangenen schwerenöterischen Kavalier die Oberhand gewinnen und der Doktor schmolz einfach hin. Die Temperamente der beiden Ritter mochten nicht übel angeheizt sein, denn der steinerne Weinkrug faßte ein gehöriges Quantum, und so zahlten sie der freiwilligen Strohwitwe ihr sehr freundliches Benehmen ganz ordentlich heim mit 181 Liebenswürdigkeiten aller Art, die wie aus schweren Geschützen aus ihnen herausrumpelten.

Die hübsche Amalie, die sich auf alle weiblichen Künste vortrefflich verstand, die in Weimar in steter Übung gewesen, der kein männlicher Geist im Grunde je imponiert hatte, die ihn immer geschickt beiseite zu schieben verstanden hatte, um auf ihre eigenen Interessen zu kommen, wußte auch hier mit der ländlichen Rapauzigkeit und der Eingeschlafenheit der beiden Satten fertig zu werden und das zu wecken, was ihr diente.

Als die Amme ihre Dame holte, um ihr beim Schlafengehen behilflich zu sein, erstaunte sie, einen außerordentlich lebhaften Betrieb zwischen den Dreien vorzufinden.

*

Als sich die beiden sehr Überraschten wieder allein befanden, war es ihnen zumute, als wäre ihnen Hören und Sehen vergangen. Solch ein unvorhergesehener Überfall auf zwei verrostete, schon längst zur Ruhe gesetzte Geschütze war außer allem Spaß.

Sie hockten sich fast atemlos gegenüber, griffen von neuem zu ihren Karten und Gläsern, stießen stumm miteinander an und schienen tun zu wollen, als wäre nichts vorgefallen.

»Weiber – Weiber – Weiberchen!« brummte der Doktor gefühlvoll und dickweich nach einer Weile.

182 »Hör auf!« Rausch von Traubenberg schnarrte. »Laß sie reden – laß sie tun – dieses verflogene Huhn!

Hol sie alle der Teufel!

Unschuldig schaut die Natur aus, wenn einer so vor sich hin geht!

So ein Bursch, – es geht ihm wohl – ja – weshalb soll's ihm nicht wohl gehen! – Er hat – na – sagen wir, er hat zu leben – hat gerade Glieder – Appetit – Gesundheit – ist sein eigener Herr – frei – weißt du – frei!« – Rausch von Traubenberg machte mit gespreizten Fingern unsichere Bewegungen in der Luft, um die Freiheit des Burschen anzudeuten.

»– Es geht ihm wohl, – er hat gerade Glieder, Appetit –«

»Ja, ja,« sagte der Doktor und unterbrach die weitere Wiederholung unbewußt.

»Er hat Appetit – es geht ihm wohl – was will er mehr? – Es geht ihm gut –«

Der Doktor hörte gespannt zu und machte runde Augen.

»Da kommt so ein Huhn gegackert, dreht sich – ist liebenswürdig – sagt allerlei – tut allerlei – macht Äugelchen – und der Bursch, dem es wohl geht, zeugt – seinen Feind! – den schlimmsten Feind, der sich erdenken läßt.«

»I – wo?« meinte der Doktor, doch nicht sogleich.

»I – wo? – Freilich – keine Ruh gibt er, bis er seinen Feind hat – dann zieht er ihn auf mit der größten Müh – 183 und stopft ihn voll, und je mehr der Bursch sich selbst liebt – je mehr liebt er seinen Feind. – Eine Tücke sondergleichen.

Stopft je einer seinen Feind voll?«

»Ne,« meinte der Doktor, »daß ich nicht wüßte!«

»Na also! – Der Bursch aber stopft seinen Feind voll – nicht nur das – er schützt ihn mit Lebensgefahr – er hungert für ihn – häuft für ihn auf – ist rein des Kuckucks – und der Feind wächst – gedeiht – nimmt, was er kriegen kann – ohne Dank so ganz einfach. – Was der Bursch erwirbt, gehört dem Feind, den er sich mit Vergnügen gezeugt. – Der Feind wächst – er aber welkt – der Feind frißt ihm unter der Nase alles fort, was sein ist – der Bursch lacht dazu und freut sich. – Er, der keinem von einem anderen Gezeugten einen Bissen gönnen würde –! Seinen eigenen Feind aber stopft er voll – stopft er voll – stopft er voll! – muß das tun. Er stirbt. Der Feind lebt, nimmt alles. – Und da sagt unser Herr und Meister: Liebet eure Feinde! Als ob wir es nicht tun in der großen Verwirrung unserer Sinne –. O Natur – komme einer hinter deine Schliche! – Sie macht uns zu tollen Heiligen, ohne daß wir es mitten in der wilden Welt ahnen. – Teufel auch, – mir sind die Weiber fatal. – Mit dem Äugelchenverdrehn fängt's an – die große Verdrehung und der große Raub an uns und unserer Ruhe.«

»Ach! – so schlimm ist das nicht« – lachte der Doktor und schwappelte mit der Hand. »Ne, ne! Ein scharmantes 184 Weibchen! – so nen Feind ließ ich mir schon gefallen, mein Lieber.«

»Rindvieh!« Sie standen sich sehr gut, obwohl sie sich nicht verstanden. Und der Herr des Hauses konnte sich solch eine Bezeichnung ruhig erlauben.

Der Doktor wanderte umnebelt, wie stets am Abend, spät durch die Dunkelheit auf schmalem Wiesenpfad dem Dörfchen zu – und schmunzelte nach dem Licht hin, das aus der Pächterswohnung leuchtete.

Und dieses Licht brannte als Lichtquelle, die in die Nacht hinausfloß, vor dem Bett der kleinen, preziösen weimarischen Dame, die so vielgestaltet war, daß die Redensarten, Gedankenblitze, Torheiten und Weisheiten der ganzen weimarischen Gesellschaft in ihrem Hirnchen hängen geblieben waren, die kleine Dame hatte sich in allerlei Herzen verkrochen, um dem Besitzer solch eines Herzens angenehm zu sein, nur hatte sie versäumt, in das Herz des stilisierten Mannes zu kriechen, der von Rechts wegen ihr Eheliebster hätte sein sollen und der auch nicht übler war als andere.

Jetzt schien sie ihm aber davongelaufen zu sein und lag im Bett und weinte und guckte ins Licht und spielte mit den Tropfen, die von der Kerze herabrannen.

Und die Amme, die vor dem Bett mit einem Strickstrumpf saß, brummelte: »Mei liebes Kind – mei Saudeffchen – noch kannste ja immer zurück. – Was 185 wirste denn nur machen? In Weimer war's doch so hibsch?«

Gar wunderlich scheint es, daß die elegante, hübsche Frau sich von der Alten »Saudeffchen« nennen ließ und selbst vor Herrn von Einsiedel. – Vielleicht deutete diese sonderbare Duldung, da Amalie von Werthern keinen Humor besaß, auf etwas hin, was ihr außer dem Humor mangelte. Humor kann man nicht von jedermann verlangen; – aber es gibt noch andere Dinge, die man verlangen kann.

Es mochte eine große Selbstverzogenheit sein, die sich aussprach, eine Selbstliebe, die auch das Unschöne an sich mochte, – ein sonderbarer Zärtlichkeitstrieb. Es konnte auch eine zu lange getragene Kindlichkeit sein, die an dem alten Ammenworte hing, das in trüber Liebesduselei ausgebrütet worden war – und die nach Zärtlichkeit Hungernde heute noch wärmte. 186

 

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