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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel

Viele kleine Mühlen klappern an einem mächtigen Strom. Eine Verhöhnung. Petrus, der heiligste Philister. Der »Ein–wort–mann«. Frau von Werthern macht gefährliche Welle. »Ich warne Sie, Einsiedel, sagen Sie jetzt nicht ›Ofen‹.«

In Weimar geriet der Freiherr in ein gar wunderlich ungeahntes Leben, und er gedachte seines kleinen, schmalen Freundes Emanuel Karger, der ihn auf Reisen geschickt, der ihn gewissermaßen aus sich selbst hinausgejagt hatte, ehe er sich ganz verpuppte und verkapselte, denn Freiberg, wo er im Bergamt gesteckt, und Schloß Lumpzig waren Brutnester seiner Verkrochenheit, Sonderbarkeit und Vereinsamung gewesen.

Und daß der gute Mensch ihn zuallererst auf einen Turm geschickt hatte! – Welche Weisheit steckte im kleinen, feinen Spießer Emanuel. So hatte er ihn gewissermaßen aus sich selbst hinausgehoben und hatte ihn gelehrt, in der steinernen Blume, die Menschenhand und heißes Menschenverlangen in den ewigen Raum gezwungen hatte, zu stehen, über der Erde zu schweben, sich von ihr und sich selbst symbolisch loszulösen. Dann waren die Wunder geschehen. Aus der 126 steinernen Blume im ewigen Raum war er in das zentifolienfarbene Haus gefallen, war zum erstenmal im Leben von Glück, Liebe und schöner Wärme überschüttet. Das Herz, das still und kümmerlich ihm im Busen gelegen, hatte zu blühen und zu leben begonnen – und nun war er wie auf einer wundersamen Pilgerreise –, schien da angekommen, wo das Leben Wellen schlug, heitere, klingende Wellen, fern aller Einförmigkeit und Verkrochenheit.

Wie im uralten Märchen ist er ausgezogen und in ein Reich gekommen, in dem ein Königsohn das Leben mit beiden Armen fest umfaßt hielt; ganz wach, ganz lebendig, von keiner Rücksicht seines Standes bewegt, und sich seiner Macht freute, nach Menschen griff, die ihm wert zu sein schienen Freund zu heißen, der seine Jugend mit dem erwählten Freund seines Herzens genoß, eine wirkliche Jugend, allen alten Ratgebern zum Trotz, die ihren jungen Herzog ältlich, voller Würde, ihnen gleichend haben wollte, eine brausende Jugend, genährt von Geist und lebendigen Kräften. Eine tapfere Jugend, die kühn tat, was sie wollte, und damit Großes tat.

Des Herzogs Freund hatte Gefallen an dem jüngern Bruder Einsiedel gefunden, den der Sterbende ihm nah und zugleich fern gerückt hatte.

Sie machten manchen nächtlichen Gang im Ilmtal miteinander.

127 Er ritt mit dem Herzog und dem jungen Goethe nach Dornburg und in Weimars Umgegend. – Auf solch einem Ritt fand Einsiedel den Mut, seinen Gedanken über Menschenbeglückung freien Lauf zu lassen.

Der Herzog hörte mit offenem Herzen, das jeder freimütigen Lebensäußerung eines klugen Menschen sich nicht verschloß. Er, der Jüngling, der das Tyrannenlied vom zwanzigsten Jahrhundert des Grafen Stollberg bei Wein und Lachen begeistert mitsang, hörte gelassen und oft zustimmend auf Einsiedels Erdenparadies, in dem die Wissenschaft zu unerhörter Macht gedieh, der Menschengeist alle Erdennot überwand. Er sprach von Möglichkeiten in der Entwicklung der Chemie, der Medizin, überhaupt der Naturwissenschaften, sprach von einer Umwälzung aller menschlichen Verhältnisse – von einem Verschwinden der Krankheit, der Armut, einer Befriedigung aller, einem Verschwinden der Religion, der er die größte Schuld an der Verweichlichung, Erdenfremdheit, Unentwickeltheit der Menschheit gab.

»Eine Menschheit ohne diese Krücke, wie wird sie wandeln, wie wird sie schreiten. Eine neue, erdensichere Menschheit! Was wird sie leisten!« rief er einmal leidenschaftlich, jung und stark. Auch seine Jugend war ganz erwacht.

»Und der Gegensätze Kräfte, die bisher die größte Arbeit an uns taten?« fragte des Herzogs Freund.

128 »Die mag der Reiche, der Gebundene, der Starke, Frohe beklagen – der Arme und Elende sicherlich nicht!« rief lebhaft Einsiedel.

»Und den Segen der Armut – der Gelassenheit, des Alters – des Leides?«

»Ich gebe diesen Segen daran, wie Tausende und Abertausende es tun würden, denn auch das Alter wird einst dahingehn, es wird kein Schreckgespenst des Alters mehr geben. Schön, stark und erdenfroh werden die Menschen sich bis zur höchsten Grenze des Lebens erhalten!«

»Unser Leben währet siebenzig Jahre und wenn es hoch kommt, sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, ist es Mühe und Arbeit gewesen.«

»Diese erdrückenden Sprüche schwinden mit dem, was die Menschen Religion nennen – und Neues entsteht! Kraftvoll wie die Siegeslieder derer, die jung auf dem Feld der Ehre fallen – so werden die Alten künftig sterben. Ohne geistige Krücke werden sie zu dem schönen Ziel des gelassenen Vergehens kommen.«

Der junge Herzog fand diesen Ausblick schön und groß und stark. – Ganz nur Natur! Ganz der Natur hingegeben und dem Wissen von dieser unerschöpflichen Kraft.

»Doch ohne Geheimnis – ohne das liebe verborgene Ding, das wir so gerne spüren – wie die ureigenste Heimat.« – Und so gedachte der frohe, ernste Freund des Herzogs jener dämmernden Schicksalstunden im 129 Baumgarten und der Worte des Sterbenden, die wie Geisterodem aus der Ewigkeit verweht waren: »Du bist der Anfang einer langen, langen Kette von Leid und Verwirrnis.«

*

Einsiedel, der wenig von Jugendlust in seinem Leben erfahren hatte, kam jetzt vor Festlichkeiten kaum zu sich, Tanz, Ausfahrten, Geselligkeiten aller Art, Komödienspiel, Musik; und immer in einem frohen Kreis junger lebendiger Menschen. Sein Bruder Friedrich Hildebrand gehörte zum alten Hof, der sich der Neugestaltung des weimarischen Hofes durch den jungen Herzog weit mehr zuneigte als der junge Hof, der mehr auf seiten der Herzogin stand, der die Leichtigkeit, mit der ihr Gemahl mit Etikette und althergebrachten Traditionen umsprang, Kummer und Befremdung verursachte; ihr zartes, ganz in sich verschlossenes Wesen, das sich im Schutze einer wohlorganisierten Hofhaltung gebildet hatte, kam sich wie preisgegeben, wie in einen Wirbelwind geraten vor. Der weimarische Hof hatte, wie es ihr schien, die Würde verloren, die für eine Hofhaltung unersetzlich war. So sehr sie mit der Mutter ihres jungen Gemahls darin übereinstimmte, Schönes zu lieben, geistige Menschen um sich zu versammeln, so wenig konnte sie mit ihr übereinstimmen, daß dies ihrer Meinung nach so auffällig geschähe, wie es hier 130 geschah. Sie hatte deshalb viel zu leiden und wurde beunruhigt durch das untertänige Vertrauen, das ihr jene von Ärger und Sorge geplagten alten Würdenträger entgegenbrachten.

Sie war einem Herzog als Gattin gefolgt und nicht einem jungen Burschen, der wie ein Fohlen nach allen Seiten ausschlug vor unbändiger Kraft und Genie.

Der Fremde, der Nicht-Aristokrat, war wie ein Strom, an dem manche sich niedergelassen hatten, Mühlen und Stampfen aller Art. Jeder kleine Betrieb hatte seinen Wassergraben sich abgestochen und der Strom füllte alle. Die Wasserräder rauschten, die Steine drehten sich und mahlten ihr Korn.

Der ganze kleine Hof, der alte wie der junge, der ohne seinen Strom in gediegenster Langweile, wie es sich gehörte, dahingelebt hätte, klapperte und rauschte, die Kammerherrn genierten sich nicht, zu dichten, zu komponieren, wer das nicht konnte, versuchte als Tänzer sich zu produzieren; auch die Weiblein dichteten, schöngeisterten unternehmend mit. Jeder war Schauspieler, jeder tat, was er konnte, ja, sie hörten höchst ernste Kunstwerke geduldig mit an, und ihrer Natur nach wäre ihnen doch Minderwertiges viel lieber gewesen und ihnen näher; aber der Strom, an dem sie sich nun einmal angebaut hatten, füllte die schmalen Wassergräben ihrer Mühlen an, da war nichts mehr dagegen zu tun.

131 Und es ging sehr gut. In jedem ruht irgendein Kräftlein, das zu nähren und zu wecken ist, wenn es auch nicht gerade höfische Etikette fordert, daß es geweckt wird.

Alle befanden sich im Grunde sehr wohl dabei. Sie begannen sich nicht nur als Aristokraten und Fürstlichkeiten zu fühlen, sondern gaben Gastrollen in einer anderen Art Leben, das sie wohl bisher als dem ihren nicht recht ebenbürtig angesehen hatten, das aber allerliebst war, und man konnte es sich gefallen lassen ohne sich zu »ridiculisieren«.

Eins der allerlebendigsten Weiblein der Hofgesellschaft war die junge Frau des zweiten Stallmeisters, Amalie von Werthern, die damals dem ernsten Kammerherrn von Seckendorf im Eifer der Unterhaltung fast den Knopf seiner Galauniform abgedreht hätte.

Der Herr Stallmeister war ein ältlicher Mann, der über außerordentliche Wortkargheit verfügte, die er aber stilisiert hatte, so daß sie fast als ein Kunstwerk gelten konnte. Wahrscheinlich war auch sein Gefühlsleben ganz ähnlich stilisiert.

Sich zum Gegensatz jedenfalls, hatte er das lebendigste Figürchen zur Gattin genommen oder aus irgendeinem anderen Grunde. Weshalb sich dies Paar zusammengefunden hatte, war niemandem recht ersichtlich.

Aber die kleine Frau hatte Glück gehabt, daß ihr Schicksal sie gerade nach Weimar verschlagen hatte, denn wo sonst auf der Welt hätte sie ihrem Enthusiasmus, ihrem 132 Hang zum Schöngeistigen, zu interessanten Männern mehr befriedigen können wie hier? An irgendeinem Hofe sicher nicht und auf Graf Wertherns Gut als Landedelfrau sitzen! Weimar war das einzig Richtige und in Weimar war der Stallmeister von Werthern der einzig beste Ehemann.

Als Stallmeister war er mit ganzer Vorliebe beschäftigt, als zweite Beschäftigung hatte er den eigenen Weinkeller, und fast immer wurde er zur herzoglichen Tafel befohlen; so lebte die hübsche, gewandte, liebenswürdige Amalie ein Leben ganz nach ihrem Wunsche.

Sie hatte für ihr Mühlchen den großen Strom gehörig angezapft, ihr kleiner Wassergraben floß und sprudelte über, ihr Rad drehte sich, sprühte und spritzte, und wenn sie gerade kein Korn zum Mahlen hatte, tat sie allerhand Zeugs in ihre Mühle. Das Mühlchen klapperte wie kein anderes. Nach dem Mehl der Hofgesellschaft fragte selbstverständlich niemand, sie hatten alle im Überfluß Mehl – und richtiges Mehl mahlten sie überhaupt nicht, es war nur so ein Spielmehl – so vornehmes Mehl.

Der Strom, an dem sie wohnten und spielten, floß aber gewaltig.

Mit allen stand sich Amalie von Werthern gut. Sie war als Schauspielerin gesucht, sie las gut, sie sang gut, sie sprach verschiedene Sprachen. Sie hatte auch mit Frau von Stein, als der Dichter der »Leiden des jungen 133 Werther« die erste Zeit in Weimar lebte, eine Art Spottgedicht gemacht, das also begann:

Sind da eine Menge Gesichter herum
Scheinen alle recht adlige Gänse dumm.
Wir haben dich längst bei uns erwart't,
Du einziges Geschöpf in deiner Art.

Überall, wo es sich regte, war auch die hübsche Frau von Werthern mitten darin.

»Sie macht Welle,« sagte dann der Stallmeister.

»Sie macht Welle,« meinte er auch, wenn sie sich bald von diesem, bald von jenem den Hof machen ließ. Er war ein beruhigter Ehemann. Und wenn sie, geschmückt und im Gefühl, eine köstliche, beliebte und reizende Frau zu sein, zu einer Aufführung nach Ettersburg fuhr, wo sie etwa eine Rolle zu tragieren hatte, und sich so ganz als allerliebste kleine Person fühlte und huldvoll und von ihrem Werte selbst bewegt sich von ihrem Herrn und Gemahl verabschiedete, der vielleicht gemütlich bei seinem Glase Wein saß, allein oder mit einem, der ihm Gesellschaft leistete. Sie war dann schon im Gefühlsstrudel des triumphierenden Weibchens, gebauscht, alamodisch umflort, gepudert und beklebt, nahm aus dem Reichtum ihrer liebenswürdigen Phrasen eine jener schmollenden, liebreizenden Albernheiten und zwitscherte: »Du Beser, Beser läßt mich 134 allein gehn und hast auch nicht ein warmes Wertchen für mich.«

»Ofen – Ofen,« bekam sie dann beruhigend etwas geheimnisvoll als Antwort. Des faltigen Stallmeisters schmallippiger, geschwungener Mund lächelte, kühl blickten die klaren Augen. Amüsiert schaute er auf die Eheliebste, die köstlich ausstaffiert und schon in vollem Betrieb vor ihm tänzelte.

So eine ein wenig albern gescheite Frau wurde zu jener Zeit wie auch heute nicht ungern gesehen.

Ihr kleiner Salon war immer belebt. Sie war das verwöhnte Kind bei Hofe, etwas Enfant terrible, was ja verwöhnte Kinder leicht werden. Immer hatte sie allerlei Schöngeistiges im Treiben.

Jetzt nahm sie sich des jüngeren Bruders des Kammerherrn von Einsiedel an. Sie nannte ihn das interessante Untier, und in ihrer Gegenwart war er mit allerhand Paradoxen besonders freigebig, die sie außerordentlich bewunderte und die sie belustigten. »Eine Nixe,« sagte er, »ein niedlicher Waldschratt.«

Und er schrieb Amarellen über sie, über alles, was er erlebte. Amarelle antwortete ihm, daß sie sich freue, ließ sich von des Herzogs Freund berichten, fragte, ob der gut zu ihrem Lieben sei, ob sie miteinander plauderten.

Der Freiherr beschrieb ihn ihr und sagte: »Du und er, ihr beide seid wirkliche Menschen, wie sie sein sollen, 135 wenn sie nicht alle so total verschnitzelt wären. Von Dir glaube ich jede Schönheit der Seele und jede Güte des Herzens, von ihm staunt mich nichts, keine Tollheit, keine Reinheit, kein großes Werk, welcher Art es sei; aber am schönsten ist die königliche Unschuld dieses Menschen. Wäre er zu einer anderen Zeit geboren, hätte er vielleicht ein Wesen wie Christus werden können, in unserer Zeit ist er weit ausgebreitet, umfassend, viel durchdringend; aber immer königlich unschuldig wie Christus.

Bin ich bei Dir oder ihm, werde ich gläubig, kommt mir der Gedanke, daß ein Gott ist, so natürlich, notwendig und heimatlich vor – bin ich allein, fühle ich mich gleich ganz verwaist und gottlos. Meine Sehnsucht nach Dir ist die Sehnsucht nach allem, was die Menschen in ihrer schweren Lage und Not suchen.

Verlaß mich nicht! Ich habe mich mit jener Schleife, die ich Dir einst band, in Dich hinein verknotet, verbunden und verstrickt.

Deine Silhouette, der Trost in meiner Einsamkeit, soll am festlichsten Ort meiner Stube, das heißt meinem gewöhnlichen Sitz gegenüber, ihren Platz finden, wenn ich sie nicht in meiner Brieftasche auf dem Herzen trage. – Man will vor sich sehen, was man liebt, ganz in Anschauung und Erinnerung und Hoffnung versunken.

Es ist hier ein lebendiges Leben! – Aber denke ich Dich von mir fort, so wäre mir beim Schlafengehen 136 der Gedanke, nicht wieder zu erwachen, der größte, unhoffbare Wunsch. Freiwillig blieb ich dann nicht, so tief wird mich mein Genius nicht fallen lassen. – Sieh', Liebste, ohne Dich gibt's nur so eine isolierte Existenz, daraus denn, wenn's lange währt, eine fatale Verschlossenheit wird, die zwar zum praktischen Leben sehr nützlich ist, aber einen zu aller Wärme zeitlebens unfähig macht. Und was ist Moralität, Empfindungswärme und Eindringen in jedermanns Vorstellungsart.

Ehe ich Dich kannte, ehe mich mein kleiner Spießer in die steinerne Blume schickte, die Menschenkraft hinauf in den ewigen Raum gewürgt hat, in der ich mich als Menschenwesen erkannte, verbunden mit der Kraft der Menschheit, die Unmögliches will und tut, die sich mit Steinmassen hinauf in den Raum zu Gott ringt – aus Sehnsucht. Vordem da war mein stärkster Trieb, fort von den Menschen. Du kennst unseren Achmet, den seltsamen Buckel, Du weißt, wie gut der zu mir war in meiner einsamen Kindheit, wie er in mich sein ganzes Verlangen nach Sonnenheimat, nach seinen Sonnenmenschen geschüttet hat. So schien mir die letzte Rettung – fort aus unseren kultivierten Ländern, zu denen ich nicht gehöre, so wollte ich meinen Weg über Ägypten nehmen, von da nach Äthiopien; so toll es scheinen mochte, sah ich keine größeren 137 Schwierigkeiten, die nicht zu überwinden wären in Ländern, wo die Natur alle Güter so reichlich gibt.

Und nun bin ich daheim zum erstenmal im Leben, bin seßhaft ohne Sehnsucht – Sehnsucht einzig und allein nach Dir. –

Außer Dir niemand, der mit meinen Empfindungen und Spekulationen sympathisiert. Schon die Wetterfragen werden durch mich undeutlich, weil keiner mit mir ähnliche Nerven hat.

Was ist alle Festlichkeit hier, alles Neue, was alles gegen unsere lieben Feste gehalten – die weiße Birkenbank – der ausgestirnte Himmel darüber – das Faunchen – die kleine Heilige – und Du! Du! – und wir spielten miteinander mit den Sternen, suchten sie – verloren sie, schenkten sie einander – tauschten sie aus – und waren glückselig. – Verlaß mich nicht – verlaß mich nicht!

Meinen Bruder Friedrich Hildebrand hab' ich hier eigentlich erst kennen gelernt. Kühl, ein kluges Männchen, Höfling, hat wirklich die Kunst und Wissenschaft der Devotion mit auf die Welt gebracht, dichtet, musiziert, tanzt auch.

Hier dichten sie alle ganz ungeniert – und rechnen sich somit zum Wundermann, als läge kein Abgrund zwischen ihm und ihnen. – Mein Bruder hat etwas, was mir nicht gefällt – er kann einen so hinterhältig 138 ansehen, habe von je das Gefühl, daß er sehr auf seinen Vorteil bedacht ist – er ist auch der Liebling der Freifrau von Einsiedel. – Oft lag es mir auf der Zunge, ihm alles zu sagen, was zwischen Dir und mir so selig besteht – aber da sah ich ihn an und schwieg. Ich glaube, im Grund ist's ihm auch nicht angenehm, daß ich so mitten im Getriebe hier stecke. Er hat so sein eigenes Gedreh mit allem. – Einsiedel heißen wir – und sind's jeder auf seine Weise.«

So schrieb er an Amarellen mitten in den Eindrücken, die ihn hier stark bewegten.

Der wunderliche Bruder Einsiedel war für die menschenhungerige Hofgesellschaft in Weimar ein ganz guter Bissen. Man hatte sich gewöhnt, auch manche außerhalb der Adelskaste als Menschen anzusehen. Das hatte die Sinne für das Menschliche überhaupt geweckt. So eine ungestörte, eingesessene Hofgesellschaft eines ganz wohlorganisierten Hofes ist das Abgeschlossenste auf Erden. Samtene und seidene Wesen bewegen sich in ausgebildetem Zeremoniell um ihr Zentrum und tun ihre Pflicht.

Kein Erdgeruch dringt ein, kein wirklicher Erdenwind. In parfümierter, künstlicher Atmosphäre wird geatmet. Auch die Gedanken parfümiert und ganz der Wissenschaft und Kunst der Devotion untergeordnet, die Gefühle im festesten Gewahrsam gehalten, zustimmendes 139 Lächeln zu schönster Entfaltung gebracht. Eine äußere Welt des Einverständnisses statt der Welt der Gegensätze und des Widerstreits. Alles Lebendige, Streitbare in die seideverhüllten Herzen verbannt, da mag es toben, wühlen und schmerzen.

Von je haben die höchste und die niederste Kaste die Gegensätze des Lebens vernichten wollen, die ewigen Gegensätze, die das Leben selbst sind.

Die Hofetiketten und Zeremonien haben nur den einen Sinn, ein Erdenparadies zu schaffen, nur das Schöne, nur das Einverständnis, eine Welt ohne Gegensätze.

Alle Revolutionen der niedersten Klasse wollen ganz dasselbe, dasselbe Paradies ohne Gegensätze, wie es auch die Hofgesellschaft will, ohne Widerstreit mit ihren Wünschen, und die Wünsche sind: Eine Welt ohne Gegensätze – also keine Welt – also Vernichtung der Welt. – Doch ahnen sie das nicht.

Und deshalb ist Vernichtung das Ergebnis der Paradiesesschaffung hier auf Erden in allen Revolutionen, solange die Erde sich drehen wird.

So ein junger Urweltskerl, wie der weimarische Herzog es war, der spürte diese Weltvernichtung, in seinem wohlorganisiertem Hof erstickte der wie der Mann in der Flasche in der Atmosphäre, die kaum eine war.

140 Und so hatte er die Flasche zersprengt und war hinaus in die Welt mit ihrem lebendigen Odem gefahren, um sich zu retten, und hatte alle mit sich gerissen. In der Flasche war ein gehöriger Luftzug entstanden, der vielen nicht recht war. Und außerhalb der Flasche die große Atmosphäre!

So waren gar manche trunken geworden in ungeahnter Freiheit, und die wirklichen Höflinge hatten etwas auszustehen.

Den jungen Lebendigen aber mochte es im Grunde wohl wie ihrem Herrn zumute sein.

*

So saßen sie an einem Abend im Salon der hübschen Frau von Werthern, eine ganze Gesellschaft, um ihren Herrn versammelt. Der Stallmeister war dienstlich verhindert.

Das »Nixenweibchen«, wie August von Einsiedel die hübsche Frau nannte, gehörte zu denen, die einen gehörigen Schluck Weltluft zu sich genommen hatten, als die große Flasche sprang.

Es war behaglich, und sie fühlten sich alle erdensicher und wohl. Der Weinkeller des guten Stallmeisters hat das Seine dazu, und so gab der Mann mit der stilisierten Wortkargheit seine beiden lebendigsten Besitztümer in seiner Abwesenheit zum Besten, den guten Wein und das Weibchen.

141 Friedrich Hildebrand Einsiedel hatte viel für die hübsche, unternehmende Frau von Werthern übrig und suchte ihre Nähe, wo er konnte, sie aber fühlte sich, wie es schien, jetzt mehr zu seinem Bruder August hingezogen, und dieser unterhielt sie und hin und wieder die ganze Gesellschaft mit allerhand wunderlichen Paradoxen, denen der Wein besonders zuträglich zu sein schien.

Des Herzogs Freund verbrachte seinen Abend in seinem Gartenhaus.

»Ich will mich an der Nachtdämmerung letzen,« hatte er dem Herzog geschrieben.

So zog der große Stern seinen stillen, nächtlichen Weg und die Mühlen klapperten.

Eine unendlich wohlige Stimmung im Raum. Man war so ganz wieder einmal unter sich.

Die Damen schwätzten nach Herzenslust, die Herren tranken. August Einsiedel hatte mancherlei gesagt, was dem Herzog gefallen hatte, und jetzt sprach man über die Entwicklung der Menschheit. Karl August ging der Fortschritt zu langsam. »Unerträglich, wie alles sich stemmt, zu bleiben wie es ist.«

»Wenn's möglich wäre, einen Maßstab für die Menschen zu machen,« meinte Einsiedel, »und sie nach diesem, anstatt der jetzt leidigen Methode nach Geburt, Vermögen und Ämtern, jeden in sein Verhältnis zu ordnen, so wäre viel Übel gehoben. Durch Physiognomik und 142 durch diätische Verordnung müßte es möglich sein, jeden an den Platz zu stellen, der ihm zukäme.

Diätische Verordnungen, nach den Ständen der Menschen eingerichtet, sollten Großes erreichen. Die alten Ägypter haben das gewußt und ernstlich angewendet, die für ihre Könige und Priester die Diät, im weitesten Verhältnis genommen, genau bestimmt hatten, wie auch von einem äthiopischen Volke erzählt wird, das seine Könige nach der Physiognomik wählte.

Aber die Weisheit der Alten ging verloren, die Weisheit, die aus dem heiligen Zusammenhang mit der Natur im Menschen lebt. – Wir werden's nicht erleben, daß die Tiere ihre Instinkte verlieren und geradeso im Dunkel tappen wie wir; die es aber erleben, werden begreifen, was auch wir einst verloren, die heiligen Weisheiten und Instinkte der Alten.«

»So interessant es mir ist, was Sie da sagen, liebster Einsiedel,« meinte der Herzog, »aber eine Rostbratwurst wäre sicherlich nichts für Könige und Priester – und ich fürchte, daß man ihnen Grießbrei verordnen würde als die Quelle wahrer Vorzüglichkeit. – Stimmen Sie mir nicht bei?« wendete er sich an Frau von Werthern.

»Gar nicht, Durchlaucht, Grießbrei wäre ausgezeichnet für sie. Ich sehe Durchlaucht schon dabei sitzen – und Kamillentee dazu! Da würde alles bald gut 143 geregelt sein zur Zufriedenheit aller. Es kommt doch nicht darauf an, daß es den Königen und Priestern schmeckt, sondern daß alles wie am Schnürchen geht.«

Der Herzog lachte: »Da haben wir's! Amalie hat sich Einsiedels Tiefsinnigkeiten ergeben! – Möge daraus kein Unheil entstehen! Tiefe Wasser sind still – und stille Wasser sind tief – ich erinnere nur. Unser verehrter Stallmeister!« damit hob der Herzog sein Glas.

Frau von Werthern hatte mit noch einigen Damen der Gesellschaft eine Aufführung vor, in der Engel von allen Stilarten vorgestellt werden sollten: die schlanken, musizierenden Fiesole-Himmelsboten, Dürersche Engel mit ihren weiten Gewändern und dem großen Ernst ihres Wesens, was man so in Weimar an Engeln habhaft werden konnte, war zusammengesucht worden, und im Wittumspalais sollten sie in lebenden Bildern zur Erscheinung kommen. Die Damen waren eifrig dabei, zu proben, zu schneidern, zu kleben, und bei Amalie von Werthern war die Werkstatt errichtet. Da lag in ihrer Wirtschaftsstube die ganze Engelgarderobe, die himmlischen Gewänder, die Flügel, die goldpapiernen Instrumente, die wolkigen Hintergründe, an denen Seckendorf, Einsiedel und Frau von Stein ihre Kunst geoffenbart hatten. Die Werthern aber war die eifrige Seele vom Ganzen.

144 Die Damen plauderten, da tat sich die Tür auf, der Kammerherr Einsiedel trat mit einem ganzen Arm voll Heiligenscheinen ins Zimmer, die er sich aus dem Depot himmlischer Garderobe geholt hatte.

Ein Schrei der Entrüstung! Der Kammerherr aber ließ sich in seinem Vorhaben nicht stören, setzte jedem und jeder einen seiner geraubten Heiligenscheine sorgsam auf, und so saßen sie nun in aller Herrlichkeit und Heiligkeit und schauten einander an.

Manchen stand der Heiligenschein ganz allerliebst zum gepuderten Haar, dem eleganten, silbergestickten Frack, auch den gebauschten Damen in ihren Pfingstrosenröcken, den zierlichen Taillen und zart umhüllten Busen, die Gesichter von Lockenwolken umspielt, sahen vorzüglich in ihrer Heiligkeit aus, am reizendsten Frau von Werthern, die ihren Schein schon oftmals in der Stille aufprobiert und ihn besonders kleidsam zu biegen verstand.

Es währte nicht lange, so tanzte man ein gediegenes, heiliges Menuett, von dem Tanzmeister Aulhorn hingerissen hätte sein können.

Jeder und jede wußte, worauf es ankam, Heiligkeit und Verliebtheit ins rechte Licht zu setzen. – Einstimmig schienen sie diese beiden Eigenschaften für nahe verwandt zu halten. Gravitätisch schritten und schwebten sie, äugelten aber gar liebreich verlangend und zart 145 verheißend unter ihren Scheinen hervor. Die rosigen Händlein wurden respektvoll, doch zärtlich geküßt.

»So tun Sie doch mit, mein steifer Kavalier,« lachte Amalie Werthern ihrem Partner zu, der möglichst gelangweilt seine Pas machte, als ginge ihn das alles nichts an.

»Machen Sie Welle!« rief der junge Herzog à la Stallmeister ihm zu, »Welle muß sein!«

»Eine Matinee!« rief Hildebrand von Einsiedel, als das Menuett beendet war, so nannten sie damals in der Gesellschaft kleine Spottverse und Reime, die einer auf den anderen dichtete, die sehr en vogue waren, und tanzend und schrittelnd im Heiligenschein, mit großer Fertigkeit und Anmut sang Friedrich Hildebrand von Einsiedel:

»War mal ein Herr von Tunichtgut,
Ein ganz famoser Herr,
Gescheit und scharf, von edlem Blut,
Dem schien sein Amt zu schwer.
Im Städtchen war er Bergesrat,
Der Titel zierte ihn,
Doch statt zu schaffen früh und spat,
Dem Grübeln gab er sich hin.
Und grübelte eine Welt zurecht
Wie 'ne Torte zu teilen zum Heil;
Ein jeder bekam nun ganz gerecht 146
Sein schönes, süßes Teil.
Braucht wenig zu schaffen und zu tun,
Sein Stückchen lag ihm bereit,
Konnt' faulenzen, lieben, essen und ruhn,
Sein Rock wurde nie ihm zu weit.
Zart blieben die Finger ohn' Arbeitsnot,
Ein Liebchen war auch immer da,
Zergrübelt hatt' er den lieben Gott,
So war auch kein Aufpasser nah.
Das war alles schön und recht und fein;
Wo aber blieb nun das Geld?
Für solch eine Erde aus Torte und Wein,
Wer zahlte denn diese Welt?
Ja, zahlen, mein Lieber, dran dachtest du nicht
Eine Tante war aber schon da,
Eine kostbare Tante mit Geld und Gut,
Da schlug nun sein Herz ein Falera.
Und der Tante behagte das junge Blut;
Ei wie – ei wo – kann schon sein!
Der Weltenverbess'rer kriegt frohen Mut,
Schuf die Welt nun für sich ganz allein.«

Die letzte Zeile war ein Triller und der Kammerherr schlug eine Pirouette.

»Bravo!« erscholl es von allen Seiten. Etwas besorgte Blicke aber fielen von manchen auf August von Einsiedel.

147 Der saß gleichgültig, als ginge ihn die Unverschämtheit seines Bruders ganz und gar nichts an, und sprach jetzt angelegentlich mit Amalie von Werthern, die, beglückt, daß er von ihr so energisch Notiz nahm, sich der Unterhaltung mit Leib und Seele hingab.

Serenissimus war zugegen, so wußte Friedrich Hildebrand, daß er von seinem Bruder augenblicklich nichts zu befürchten hatte. Sein Genius und Pegasus waren unbezähmbar, wenn er mit reichlich Wein gefüttert wurde – und weshalb hatte August so verrückte Ansichten – Gott weiß, was mit Tante Amarelle los sein mochte. Hübsch und elegant sollte sie ja sein, sagten auch die rosa Elefanten.

Nun, es war einmal geschehen, und wer von allen hier konnte sich rühmen, daß er noch nicht in einer Matinee gefeiert worden war.

»Lieber Einsiedel,« wendete sich der Herzog an ihn: »Gratuliere zur weimarischen Taufe. Von nun an gehören Sie zu uns! Wer seine Matinee bekommen hat, ist echt weimarsch geworden. Jetzt sind Sie der Unsere! – Und die Tante! – Die gute alte Dame wird es uns nicht verübeln. Alte Damen sind Damen, aber keine Frauen. Sie wird auch keinen Anspruch darauf machen, und wenn sie Geist hat, was anzunehmen ist, wird sie mit uns lachen.«

In August von Einsiedel ging etwas ganz Wunderliches vor sich, Amarelle verschwand, er konnte sich ihrer mit einem Male nicht mehr entsinnen.

148 Es war ihm, als hätte der Herzog ihr Bild mit seinen Worten wie mit einem Tuche fortgewischt. Und er hatte nur ein Lächeln, einen dummen Witz als Antwort.

Hatte der Wein ihn gelähmt? Der süße Begriff Amarelle war in diesem Augenblick wie aus seiner Seele verschwunden. – Seine Liebe! – Seine Seligkeiten! – Verhext! – durch ein Wort eines jungen Menschen, der es ahnungslos ausgesprochen.

Der Wortzauber hatte ihn getroffen . . . schwer getroffen.

Und er hörte eine Stimme: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben. Hatte das Amarelle nicht einmal lächelnd gesagt?

*

Und wie er dann einsam durch die stockfinsteren Gassen ging, war er wie ein verwunschner Mann, hilflos, verwirrt, einer Macht, die wie ein Gebirge sich vor ihm auftürmte, untertan und nicht klar und nicht faßbar untertan, daß er dagegen hätte kämpfen können, gelähmt, krank, schwach wie die Philister dieser Erde, die ein Wort umwerfen kann.

Hatte Petrus, der heiligste Philister, nicht die Liebe seines göttlichen Herrn vor allen Ungezählten, die vor ihm und nach ihm kamen, genossen – und das Wort einer einfältigen Magd ließ ihn des Höchsten und 149 Geliebtesten vergessen! Einsiedel mit dem scharf geschnittenen Mund, den Flügellocken an den Schläfen, den Paradoxen und Gedankensprüngen hatte wie Petrus die Gewalt des Wortes gespürt.

Petrus fürchtete Hohn und Lebensgefahr, als er seinen Herrn verriet – und was fürchtete er? – Ein Lächeln – ein Aha – ein irgend etwas für sich, mehr noch für sie, die geliebte Frau. – Jeder hat das Recht. – Was für ein Recht? – Er gab sich selbst keine Antwort mehr auf seine Fragen, blieb in dumpfer Wortverzauberung, ganz zurückgefallen in alter Lebensferne, Kühle, Traurigkeit und Verkrochenheit.

In diesem bedrückten, fast bewußtlosen Zustand tat ihm die Allerweltsfreundlichkeit und enthusiastische Liebenswürdigkeit der Gattin des Stallmeisters von Werthern wohl.

Er hörte ihrem Plaudern zu wie dem Plätschern eines Brünnleins – und ihr unbeschäftigtes Herz spürte gar bald die Fügsamkeit und Zerrissenheit des ihr nicht uninteressanten Mannes.

Gerade solch eine Übung war ihrem weiblichen Behilflichkeitstrieb sehr zuträglich.

Augenblicklich befanden sich alle in Weimar wohl, jeder hatte seine Liebe oder kleine Liaison, irgendeine Geschichte oder ein Geschichtchen. Sie selbst mochte augenblicklich frei und ledig sein, der Stallmeister und 150 Ehemann ging seinen Trott im allertiefsten Frieden. Der Wein und die Pflicht hatten längst alle übrigen Lebensäußerungen bei ihm verdrängt – und auch sonst war augenblicklich Ruhe. Das bewegliche Herz der jungen Frau hatte kleinere und größere Liebesaffären überwunden, hatte sie vergessen, und die hübsche Amalie war dabei, sich für eine angehende Heilige zu halten.

Wie gut schien es nun, daß sich auch ein armer Sünder zur Heiligen fand.

Und so lernte er wirklich in ihr ein feinfühliges Wesen kennen, das ahnungsvoll sich ihm anzupassen suchte, das mit ihm fühlte, ohne zu wissen was.

Seine Schwesterseele hatte schon mancher in Amalie von Werthern wohlig gefunden. Ihr Enthusiasmus, dem zu gleichen, dem sie sich gerade zuneigte, war unerschöpflich.

So hatten sich allerlei Erinnerungsreste einstiger Umwandlungen in ihr zusammengefunden und sich zu einem wohlschmeckenden Ragout vereinigt.

Redensarten und Ansichten untadelhafter Kammerherren, Ausdrücke der Herzoginmutter, der jungen Herzogin, der kleinen von Göchhausen, Ansichten des ganz vortrefflichen Prinzenerziehers von Knebel, auch Wieland war schelmisch vertreten, auch der Herzog und dazwischen die ungezügelten Aufbrausungen der Genies, die wie Pfefferkörner würzten.

151 Erstaunlich unmittelbar Empfundenes war wunderlicherweise auch zu schmecken. Und wer das erfaßte, mußte auf den zierlichen Mund mit Verwunderung blicken. Das Verschiedenartigste schien so gut miteinander verrührt und war mit einer pikanten, alles auf das glücklichste vereinigenden Sauce à la femme aimable et spirituelle angerichtet.

Weimar war ohne diese Zusammenfassung aller Kräfte kaum zu denken. Und wer so glücklich war, dies auserwählte Ragout zu sich nehmen zu dürfen, hatte ein vorzügliches Ragout seiner Zeit genossen.

So war es nicht zu verwundern, daß der Freiherr, den der Geist der Verwirrung in Herzensöden getrieben hatte, müde gewandert von Gedanken und Gefühlstreibereien, es sich ein wenig schmecken ließ.

Ausgeritten war er aus dem Tor mit den liebend ausgebreiteten Flügeln als künftiger seliger Ehemann einer Frau, deren Liebe ihn wie ein überschwenglicher Duft ganz erfüllte.

Nie war zwischen Amarelle und ihm von Ehe die Rede gewesen. Und doch war nur diese eine Möglichkeit für ihn da, diese eine Sicherheit, dies Einzige, ihr in Frieden anzugehören. Nichts durfte zwischen ihn und sie sich drängen – keine Unsicherheit – kein Hauch von Fremde.

Und nun, welche Zerstörung – die ganze Menschenwelt eingedrungen mit aller Kälte – und ihrem Witz.

152 Er, der Freie, der Ungebundene und Junge, als Berechnender in den Augen der Welt, der eine reiche, ältere Frau nahm, um besser zu leben, der verfressen und so weiter seine Weltanschauung daran gab.

»Ei wie – ei wo – kann schon sein!« Die dummen Verse waren ihm ins Blut gedrungen, ein ekelhaftes Gift, das ihn innerlich quälte.

Welche Feigheit spürte er in sich. – War es Feigheit? War man feige, wenn man sein Bestes der Welt nicht preisgeben wollte?

Das zentifolienfarbene Haus mit allem Licht und Maienherrlichkeiten, dem zarten Von-der-Welt-Wissen seiner Herrin versank als die einzige Heimat auf Erden. Er blieb zurück ärmer wie je zuvor.

Und wie schon oft trat ihm der Gedanke nahe, Europa zu verlassen, der Sonne zuzuwandern, etwa über Ägypten, was ihn von jeher angezogen hatte, das Land, in dem uralte Steinbilder in die Ewigkeit schauen, in dem die Geheimnisse jener Menschen ruhen, die Weisheit und Allwissenheit der Natur in sich trugen.

Sein Ausritt von Schloß Lumpzig erschien ihm immer bedeutungsvoller. Das feine Spießerchen hatte ihn auf Reisen geschickt, die nicht zu ermessen waren.

Er wollte jetzt, leidgetrieben, das zu erreichen suchen, was ihm vielleicht den Sinn seines eigenen Wesens erschlöße, das nach kurzem seligem 153 Sich-seiner-selbst-bewußt-Werden, in dem er sich als guter, höchst einfacher Mensch gefühlt hatte, sich wieder verkroch.

Was war des Herzogs Freund für ein seltsamer Mensch! Welche Macht lag in ihm! Wenn er sich vergegenwärtigte, was er mit diesem Menschen erlebt hatte und was sie miteinander gesprochen, so erschienen die Eindrücke, die er von ihm hatte, einfacher Art. Reiner wie irgendein anderer Mensch war er ihm vorgekommen, unschuldiger und eines schönen, unbestrittenen Glückes voll, auch sein Ernst von hoher Reinheit.

Doch sprach man von ihm in Ausdrücken als von einem Genialen. Der sterbende Alte hatte von ihm geweissagt, als wenn seinesgleichen nicht wieder auf Erden erscheinen würde. Ja, war denn auf dieser Erde ein in Glück und Leid ganz reiner und ganz lebendiger Mensch solch ein Wunder?

Er hatte sich die irdischen Wunder nicht so natureingewoben vorgestellt – und eine Sehnsucht sondergleichen befiel ihn.

Sein Schecke stand im Gasthof zum Elefanten. Er hätte ihn nur satteln lassen müssen und wäre seligen Herzens seinem so ganz auch Natur eingewobenen Glücke entgegengeritten.

Dem Schecken würde seines Herrn Frohmütigkeit – wie einst mit in das Blut geronnen sein und sie wären glücklich und aufeinandergetürmt dahingezogen. Verranntheit, 154 Tücke der Nerven, Bann uralten Wortzaubers, Wortschöpfer- und Wortzerstörungskraft hielt ihn, lagen in ihm selbst, ließen ihm das Herz in fremdem Rhythmus schlagen, der ihn bedrückte, ihn sich selbst unbekannt machte und betäubte.

Und so blieb er ohne Sinn und Verstand, wie es uns ergeht, wenn wir in die magischen Kräfte dieser Erde und dieses Lebens geraten sind.

*

Seine kleine Trostheimat im Hause des Stallmeisters von Werthern tat der Verranntheit wohl, er fand sich dort als ganz vernünftiges Mannsbild wieder, was er sprach wurde ausgezeichnet, bewunderungswürdig gefunden, das kleine Frauenwesen huschte um ihn her. Sie liebte es, im Zimmer auf und ab zu gehen, im Eifer ihres freudigen Enthusiasmus in die Hände zu schlagen und silberhell gespannt wie eine straffe Saite zu rufen: »Schau – köstlich! – Oh, daß es so was gibt! – Wie gut – wie schön.«

Zu jeder Tageszeit gab es Tee mit zierlichem Gebäck, den ein wunderliches, altes Frauenzimmer auftrug, die von Frau von Werthern »meine Amme« genannt wurde und mit der sie ganz ungemein zärtlich war wie ein kleines Mädchen. Und die Amme saß zuweilen mit im Zimmer und spann.

155 Die hübsche Frau ließ sich in ihrem Benehmen von dieser Person sowenig stören wie von einem Möbelstück.

Dem Freiherrn aber war die schnurrende, spinnende Alte unbehaglich. Es gefiel ihm nicht, daß eine untergeordnete Person jedes Wort mit anhörte, und wie erstaunte er, als mitten im eifrigen Gespräch, als er meinte, der Enthusiasmus seiner Zuhörerin könnte kaum höher steigen, die junge Frau aufstand, sich niederhockte, ihren Kopf der Alten auf die Knie legte und sich in deren faltige, schwarze Schürze wühlte und wie ein kleines Kind anäugelte: »Is bin so traurig. – Geh, sag Saudeffchen zu mir!«

»Ach, allergnädigstes Frauchen, mei allerliebstes Saudeffchen, wer wärd 'n draurig sein! – nee gucke –!«

Der Freiherr hatte dem hübschen Frauchen von dem alten Ägypten erzählt, über das er so wohl unterrichtet war und das mehr wie je jetzt seine Phantasie beschäftigte; denn in ihm wurde der Plan immer fester, wirklich zu reisen. Über Ägypten hinaus ins Unermeßliche . . .

So saß er erstaunt und blickte auf das graziöse Weibchen, das ihm entwischt war mitten in voller Begeisterung und tiefstem Verständnis.

»Macht nix,« sagte die Zierliche jetzt, nahm vom Teebrett ein Zuckerkringelchen und hielt es dem Freiherrn hin – und nahm selbst eins.

Und nun konnte es weiter gehen.

156 Sie saß so gläubig, so ganz ihm sich zuneigend da, knabberte ihren kleinen Kuchen und ihre Augen hingen an seinen Lippen.

»Unerträglich,« sagte sie, »wie alles sich stemmt, zu bleiben, wie es ist. – Ob das immer so war?«

Der Freiherr blickte auf ihren feinen Mund. – Ja, wer hatte das denn neulich gesagt – was war denn das? – Der Herzog? – Freilich! und über August von Einsiedels Lippen spielte ein amüsiertes Lächeln.

Er sah des Herzogs festes, junges Maul vor sich, aus dem dieser Ausdruck seiner Ungeduld so natürlich und frisch gesprungen kam, und über die feuchten Lippen Amaliens hüpfte er wie ein Fröschchen.

»Oho!« rief der Freiherr – »nach berühmten Vorbildern!«

»Wieso?« Sie lachte und war errötet: »Herr Wortklauber! Wieso??«

»Serenissimus geruhten sich so auszudrücken.«

»Wir leben hier wie die ersten Christen, Verehrtester. Aller Besitz ist Gemeingut. Und mir ist es ekelhaft, daß immer dasselbe bleibt, nichts sich ändert, drum fiel mir's so ein.«

Der Freiherr war versöhnt und beruhigt, denn nicht ohne Geist hatte sie sich jetzt hinausgeredet, und es war unhöflich von ihm gewesen, sie auf dieser kleinen Spitzbüberei ertappt zu haben.

157 So kam er wieder ins Geleise und hatte die dankbarste Zuhörerin, die er sich wünschen konnte.

Als er sich verabschiedete, nahm sie seine beiden Hände und sah ihn schelmisch an: »Wenn Sie reisen, nehmen Sie mich einfach mit, Herr von Einsiedel.« Und sie sprach wieder wie ein Kind: »Ich bin so traurig.«

Ihm schien es, als blinkten Tränen in ihren Augen.

Er küßte die zarte Hand und lachte: »Das wäre sehr scharmant – aber doch schwierig.«

»Gar nicht schwierig! – Fiedlern,« rief sie der Amme zu, »sag du, er soll mich mitnehmen, ich hab's gründlich satt!« – Dazu lachte sie hell auf; wie der niedlichste Waldschratt und Kindskopf, dachte der Freiherr, schüttelte ihr die Hand und empfahl sich.

*

Der Stallmeister begegnete dem Freiherrn eines Tages, als der grüblerisch und versonnen unter einem großen blauseidenen Regenschirm durch die nassen Straßen ging. Von den Dächern goß es in Strömen, durch die offenen Straßenrinnen rauschten die Wasser, der kalte Thüringerwaldwind strich an den Häusern hin. Es hatte sich seit Tagen eingeregnet und tat dies, wie es nur in Weimar möglich ist. Die Strohdächer sogen die Wasser wie Schwämme ein. Das Städtchen sah arm und bedauernswert aus.

158 Der ältliche Stallmeister von Werthern sprang von Stein zu Stein und hielt auch ein mächtiges Regendach über sich.

So kamen beide aufeinander zu.

Der Stallmeister machte die seltsame Bemerkung: »Es regnet, Einsiedel.«

»Ja, gewiß,« antwortete dieser.

»Gehen Sie mit dahin, wo es nicht regnet?«

»Mit dem größten Vergnügen.«

»Ja – oder nein hätte genügt, Einsiedel; die Leute bedienen sich dieser einfachen Form selten, außer am Altar, wo in allen Fällen »nein« am Platze wäre, zum mindesten ein längerer, heftiger Widerspruch und -stand. – Kommen Sie.«

Der Stallmeister sprang wortlos weiter vor seinem Begleiter her von Stein zu Stein und über manche ausgedehnte Pfütze. Die Regendächer schaukelten wie Schiffe auf ihren Wogen, und so kamen sie hüpfend und spritzend bis zum Marstall.

»Aha,« sagte Herr von Einsiedel, dem es angenehm war, daß er sich hier nicht ausführlicher auszudrücken brauchte.

»Jawohl,« antwortete Herr von Werthern einverständlich.

Mit tiefster Reverenz wurden beide von dem diensthabenden ersten Pferdewärter empfangen. Ein unverständliches Grunzen schien zwischen Herrn von Werthern 159 und seinen Untergebenen die Form zu sein, die ihnen zur Verständigung genügte. – Frage, Antwort wurde auf die kürzeste Weise so erledigt. Ein Räuspern mochte hier bedeutungsvoll sein und durfte nicht überhört werden.

Noch befand man sich im Vorraum, Haferkisten, Pferdegeschirr – allerhand notwendige Geräte, alles in fast geheiligter Ordnung und Weihe.

Nun aber traten sie ein. Warmer, wohliger Dunst schlug ihnen nach dem traurigen Hüpfen durch die regengepeitschten Gassen entgegen, ein großer gewölbter Raum und Sonne an Sonne! – Goldener Schimmer, wohin man sah – gelbes Wogen.

Wie der Freiherr nach dem Ritt durch Weimars ärmliche Gassen ganz berückt war von Anna Amaliens Türkissalon, in dem diese beseligendste aller Farben wie ein wohliges Wasser einer anderen Welt, das sich atmen ließ, alle umfing – so war hier ein goldenes Bewegen.

Recht hatte der Stallmeister, »hier regnete es nicht«, die herrlichen Leiber von zwanzig goldfarbenen Isabellen standen wie lauter Königswesen und strahlten Licht und Wärme aus und ihren starken, lebendigen Duft. Ihre mächtigen Mähnen schimmerten wie das Blondhaar schöner Frauen und die goldenen Schweife schwangen in unaussprechlicher Schönheit, bis auf den Boden hinabgegossen.

Der Freiherr verstummte vor solcher Herrlichkeit. Die Isabellen standen auf goldenem Stroh, und wenn sie 160 die edlen Häupter den Eintretenden zuwandten, kam zwischen die goldene Flut ihres ganzen Wesens ein rosiger Schimmer. – Die kostbaren Glieder tänzelten.

»Ich bin gefeit,« sagte Herr von Werthern. »Alles andere Nichts!«

Diese kapitalen Sätze, langsam gesprochen, stellten den Mann in den Augen des Freiherrn auf einen ganz ausgezeichneten Platz im Weltall.

Ein Hüter der Sterne etwa mochte so reden. Der Freiherr konnte nicht an sich halten, machte eine Reverenz vor dem Manne.

»Araber,« sagte dieser.

Dem Freiherrn aber war's, als ob er damit meinte: Beeile dich – fort! Hinein in die Sonne, zu Menschen und Tieren, die längst dich schon lockten – und der Entschluß, seine Ausreise zu wagen, stand in dieser Stunde fest in ihm, als hätte ein Gott gesprochen.

Für den Stallmeister von Werthern hatte Einsiedel von diesem Augenblick an Zuneigung und Achtung. Was dieser Mann mit einem kurzen Satz oder noch besser mit einem Worte aussprach, das war gesprochen und durchaus nicht zu übersehen. Er war gefeit . . . das war er – an den rührte nichts mehr – der war durch.

Und der Stallmeister spürte das Verständnis und lud den Freiherrn öfter ein, mit ihm eine Flasche Wein zu trinken, und da erfuhr dieser wiederum, daß es sehr 161 ernstlich etwas bedeutete, wenn Herr von Werthern sagte: »Da regnet's nicht« oder »Es regnet« oder einfach: »Gut.«

Sein Wein war so gut wie seine Isabellen. So saßen sie öfter beisammen in dem hübschen Wohnzimmer der Wertherns, die beiden Weingenießer, auch die junge Frau trank ihr Gläschen und die Amme drehte ihr Rad, und ließ es schnurren.

Manchmal verließ der Stallmeister auch die Frau, den Freund und die Amme und ging schlafen.

»Macht Welle« – sagte er dann.

Und die Nixe machte Welle – und der Freiherr versank in seine Pläne, besprach alles mit der hübschen, aufmerksamen Frau, die hörte ihm sehnsüchtig zu, wenn es ihr so einfiel, lief sie mitten im lebhaftesten Sprechen und Hören zu der spinnenden Amme, anäugelte und schmunzelte mit ihr. – »Alles is traurig – traurig – traurig,« sagte sie dann. Der Freiherr hörte mit Staunen, wie sie sich Saudeffchen nennen ließ – und die Amme sagte: »Er is nu mal ä Drämel un weeß d'r nich, was fir ä Engelchen er hat. Bis schtille –. Gucke – kemmt Zeit, kemmt Rat. – Bis nur schtille.«

Des Freiherrn Herz gehörte Amarellen, so liebreizend Frau von Werthern auch sein mochte. Sie hatte aber an ihm einen wahren, guten Freund gewonnen, und das spürte sie und noch mehr.

*

162 So schrieb er an Amarellen, daß er noch weiter reisen würde, daß sein Herz voll Sehnsucht sei – daß er im zentifolienfarbenen Haus als ein Geist aus- und einginge, daß Weimar ihn nicht mehr lange halten würde, trotz alledem, was hier zu finden sei. »Ich bin kein Literator und passe hier nicht her. So manches ist mir hier wie Fiebertraum – bei uns war's wacher – heimischer, einzig, einzig! und nie wieder so auf Erden zu finden! Sag, daß Du mein bist. – Auch wenn wunderliche Zeiten kämen.«

*

Ein Erlebnis beschleunigte seinen Abschied von Weimar.

Zwei Wachskerzen brannten im Werthernschen Wohnzimmer. Der Stallmeister war aus dem Marstall zurückgekehrt, wo er der Geburt eines Fohlens beigewohnt hatte, die unter schwierigen Umständen vor sich gegangen war und einer der edlen Stuten das Leben gekostet hatte.

Der Stallmeister ließ Wein bringen und war dann stumm, die Hand um das Glas gelegt, versunken dagesessen, als Einsiedel gemeldet wurde, der Frau von Werthern zu einem Hofkonzert abholen wollte, so war es verabredet.

Er wurde von Herrn von Werthern stumm begrüßt, der wie ein Blinder seinen Arm in den Raum reckte, ob sich etwas daran fangen würde.

163 Einsiedel ergriff die Hand, wußte aber nicht recht, was damit beginnen, da der gestreckte Arm nicht wieder eingezogen wurde.

»Nun?« fragte Einsiedel lächelnd und ein schwermütiger Blick richtete sich langsam auf ihn, der von einem Leid des wunderlichen Mannes berichtete. Einsiedel schaute um sich – Amalie fehlte.

»Ist Frau von Werthern krank?«

»Wieso?« kam es wie ein Felsblock von Wort aus dem großen, schmalen Mund.

»Wo aber fehlt's denn, Verehrtester?«

»Im Stall,« wieder ein schwerbeladenes Wort, wie andere Sterbliche ihre Worte nicht zu beladen pflegen.

In diesem Augenblick trat Frau von Werthern ein – strahlend, liebreizend, gebauscht und eingeschnürt, lockenumwogt, puderumduftet wie eine stäubende Blüte. Einsiedel stand zwischen dem Paar und schaute von einem zum andern.

»Ihr Herr Gemahl ist in Sorge, wie ich sehe?«

»In Sorge, wieso?« zwitscherte es gedankenlos und heiter. – »Was ist los?« Amalie von Werthern schlüpfte in einen neuen, wie es schien sehr engen Handschuh und bekam keine Antwort. Der Mann rührte sich nicht. Da ihr Herr und Gemahl stumm blieb, wurde Einsiedel befangen und wußte nicht recht, was tun, denn Antwort geben statt des Ehemannes, war eine mißliche Sache; 164 schließlich aber, da es in Amaliens Augen zu blitzen und zu funkeln begann, antwortete er unsicher und ganz in Herrn von Wertherns Einwortsystem verfallend, auch wie dieser: »Im Stall.«

»Im Stall!« Amalie von Werthern lachte auf. »Große Geschichte! Wahrscheinlich ist's mit dem Fohlen schief gegangen, das kommt natürlich vor. – Herr du mein Gott!« sie stampfte mit dem Fuß auf, »ist das ein Mann!«

Der Einwortmensch blickte wie aus tiefem Schlaf geweckt auf.

»Leidtragend –« Er nickte kaum merklich.

»Leidtragend, sagt er!« schrie sie fast auf. »Schäm' dich! Im Stall ist ihm ein Vieh krepiert und er sitzt gottverlassen da! –«

»Eine Hoheit starb.«

»Er ist verrückt mit seinen Isabellen!«

»Verrückt?« sagte der Mann, »weil ich sie schöner finde als die Menschen – weil ich an ihnen hänge? – Herzenssache.

Wenn ich offen sein soll: Ich kann die Menschen nicht leiden, sie gefallen mir gar nicht.

Meine Isabellen gehen nackt wie die Götter. Sie sind nicht behangen und versteckt und beklebt. – Geh hier einer nackt! – Pfui Teifel. Die Schönsten sind garschtig – und voller Unrecht und Trug.«

»Das sagt er mir! mir! mir!« Die Frau schluchzte.

Tiefster Baß: – »Allen ausnahmslos!«

165 »Wenn ich stürbe, kein Wort würde er verlieren!« weinte sie auf und barg sich an Einsiedels Brust.

»Was hülf es dir und mir? Das Wort verlieren und verstreuen.« Er achtete nicht auf die augenblickliche Situation seiner Frau, schien sie nicht zu bemerken. Der Freiherr aber machte sich sanft von ihr los, führte sie zum Sofa und drückte sie zart darauf nieder.

»Ich Unglückselige!« schluchzte sie auf.

»Sagen Sie jetzt nicht ›Ofen‹, Einsiedel, ich rate Ihnen, Weiber sind Weiber.«

Da schrie sie auf: »Ofen, meint er! – Ofen! Ofen, sagte er, wenn er mich küßte, wenn ich ihn um einziges warmes Wort bat!«

»Sie sollten etwas Humor haben, Frau Stallmeisterin, vielleicht hätte ›Ofen‹ Ihnen dann geklungen, Gott weiß, wie der Gesang aller himmlischen Heerscharen.«

Sie hörte nicht, was er sagte. »Ich vertraue Ihnen, Einsiedel, bis in den Tod – verlassen Sie mich nicht – führen Sie mich! Ich hab's hart.« Neues Schluchzen.

»Wenn sie weniger Gans und mehr Engel wäre, hätte sie's leichter gehabt,« meinte der Ehemann. »Aber so man bei ihr nicht zum weimerschen Gärluder wird, gibt's keinen Frieden.

Hab' du mal einen Mann, der dich nicht Welle machen läßt und dich mit tausend Wutworten übergießt. Würdiger, würdest du sagen, war doch der Schweiger.«

166 So kam es, daß Einsiedel Weimar früher verließ, als er gemeint hatte, denn es war ihm nicht heimlich zumute. Der Stallmeister war ihm zu duldsam.

Nicht ganz das Gleichgewicht haltende Ehepaare ängstigten ihn. So sehr er die hübsche Freundin beklagte, konnte er ihr doch nicht helfen. Und so hielt er sich noch einige Zeit bis zu seiner Abreise in Berka, einem kleinen Marktflecken bei Weimar, auf, sich alles für seine Ausreise zu überlegen.

Amalie von Werthern aber war auf das Gut ihres Oheims gereist, wie sie sich gegen ihre Freunde ausdrückte, um ihren Gatten in seiner Trauer um Stute und Fohlen nicht zu stören. 167

 

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