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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Der Falbe wundert sich. Der Freiherr hält unter dem Galgen. Auch der Freiherr wundert sich, und zwar über Weimar.

Der Gaul trug einen wunderlichen Herrn. Es war wohl derselbe biegsame, schlanke Junker von damals, als sie von Schloß Lumpzig ausgeritten waren, der lebendig, beweglich und sicher dem Schecken auf dem breiten Rücken gesessen hatte. Der Gaul trug seinen Reiter gern, da man doch einmal nicht ganz ledig durchs Leben gehen konnte. Es war ein Druck, der sich ertragen ließ. Man mußte dankbar sein, daß der Kerl nicht knochiger und schwerer war, denn man begegnete besonders in den Städten oft bedrohlichen Erscheinungen an Umfang und Gewicht, die gottlob meist zu Fuß gingen. Da aber Seelen im Gewicht sich nicht verändern, ob sie nun borstig, menschenfeindlich, religionsfeindlich, aufrührerisch, unzufrieden sind, so daß sie die Menschenwelt gekreuzigt sehen möchten, oder sonst eingewiegt, hoffnungsvoll, zärtlich, verliebt, verträumt, wohlgesinnt. Daher merkte der Gaul nicht, daß der Hauptbestandteil seiner Last sich sehr zu seinem eigenen Wohlbefinden verändert hatte, wenn auch das Gewicht wohl 88 dasselbe geblieben war. – Doch vernahm er mit Staunen, daß die gabelförmige Gestalt auf seinem Rücken wehmütig selige Töne ausstieß, spitzte die Ohren, schlug einen kleinen Trab an, denn mit den Tönen durchströmte auch ihn das Wohlbefinden seines Reiters und auch er bekam Vorstellungen von den angenehmen Seiten dieser wilden Erde. Eine Krippe, gefüllt mit goldenem Hafer, stand vor seinem Scheckengeist – warmer, behaglicher Stall, sanftes Striegeln und Bürsten – und wäre er nicht ein vorzüglicher und durchaus tugendhafter Wallach gewesen, würde sicher die angenehmste Sehnsucht nach einer göttlichen Stute in ihm aufgestiegen sein, so begnügte er sich mit guten, soliden Walachendelikatessen, die aber auch sein Herz und seinen Trab beflügelten.

So zog übereinandergetürmt ein fröhliches, belebtes, sehnsüchtiges Doppelwesen durch die Fluren, bei gutem Wetter.

Wie recht hatte mein lieber Spießer, dachte August von Einsiedel, mich auf Reisen zu schicken, die Gäkserei und Verkrochenheit auf Schloß Lumpzig war toll.

Doch fühlte er schmerzlich, daß Amarelle ihn nicht nach Weimar hätte schicken sollen. – So sehr sie auch das Leben zu kennen glaubt, scheint sie nicht zu wissen, daß man glückselige Tage nicht willkürlich unterbrechen darf; wie selten sie sind, weiß sie also demnach nicht, die Kluge – Holde, meine süßeste Frau.

89 Und jetzt kam er nach Weimar. Vom Galgenberg aus sah er es liegen. Zu jener Zeit stand der Galgen noch, bedrohlich den Sünder schreckend.

Der Freiherr, sonderbar, wie er sich nun einmal fühlte und von Natur aus wohl auch war, lenkte von der Landstraße ab, ritt auf den Weg der armen Sünder mit einem ganz eigenen Wohlgefühl und Mitgefühl, denn wo ihm Sünde und Strafe begegneten, stand er flugs auf seiten der Sünder, regte sich ihm im Herzen ein Freiheitsdrang, der mit ihm geboren zu sein schien, ein Auflehnungstrieb, eine Art zanksüchtiger Verwirrung, wie sie seinerzeit üblich war bei scharfen, erregbaren Temperamenten, die dem Verstande mit Vorliebe durchgingen.

So stand der Gaul mit seiner gabelförmigen Belastung unter dem Galgen und senkte den Kopf, müde geritten, von vorgestellten Stallgerüchen und kommendem Hafergeschnurps geistig aufrecht erhalten.

August von Einsiedel sah Weimar vor sich liegen, und zwar, wie er mit Ironie empfand, vom Galgen aus. – »Hol's der Teufel – dieses elende Weimar, wie es da liegt mit seinen verwitterten Mauern und Türmen, seinen strohgedeckten Giebeln und Schindeldächern, graues, armseliges Nest, als hätte es der Teufel aus dem Sack verloren in dieser hügeligen Einöde und wäre nicht umgekehrt, es wieder aufzulesen. O du mein zentifolienfarbenes Haus!«

90 Und nun ritt er über vorsintflutliches Pflaster an sumpfigen Weihern vorüber, vorüber an elenden Häusern mit dem ländlichen Mist vor der Tür, die Hühnervölker auf der Straße, Hundegebell, winklige Gassen – – »Und hier lernte Friedrich Hildebrand die Kunst und Wissenschaft der Devotion.« Vorüber kam er an der weitläufigen wilden Schloßruine, die nach dem Brand nicht wieder aufgebaut war, Verfall, Armseligkeit, Kleinbürgerlichkeit, wohin man sah. Das Gasthaus zum Elefanten nicht übel, da stieg er ab, der Blick auf den Markt erträglich, hatte etwas Behagliches. Der Scheck wurde durch die gewölbte Torfahrt geführt, daß es dröhnte, seinem wohlverdienten Stalle zu.

August von Einsiedel fragte nach seinem Koffer, den der Bote, der regelmäßig von Eisenach nach Weimar fuhr, schon abgegeben haben mußte. So war es auch. Alles in Ordnung, und so zog er sich mißgestimmt in sein Zimmer zurück, um etwas zu ruhen und später wohlgekleidet seinen Bruder aufzusuchen. Er packte Staatskleid, Degen und alles, was dazugehört, sorgfältig aus und spürte mit wunderlichem Erschauern die Nähe Amarellens, die ihm sein Hab und Gut so liebreich und fürsorglich geordnet hatte. Zärtlich waren seine Siebensachen in den Lederkoffer hineingeheimnist, mit Reseda bestreut, duftendes, zartes Papier umhüllte die goldgestickten Borten, und das Spitzengekräusel lag blütenhaft in einer kleinen 91 Abteilung; dazwischen ein Brieflein, das Amarellens geschickte Hände gar kunstreich zu einer geometrischen Figur geflochten hatten. Das zentifolienfarbene Haus, die Grünedelsteinfarbe der jungen Maibuchen, alle Heimatsüße, die er dort erlebt, stieg wie ein feiner farbenleuchtender Nebel aus dem alten langen Lederkoffer auf, ein betäubender Nebel, mit dem Sehnsucht und Abschiedsweh ins Herz verstärkt einzogen.

August von Einsiedel entfaltete das zierliche Briefgebilde, und die Koseschrift, die wie ein Sommerwindchen dahinglitt, sagte ihm:

»Lebe wohl und freue dich! Das Leben wartet dein. Fasse es. Ich bin da – und bin nicht da. – Gott wollte uns nach seinem Bilde schaffen. – Liebe ist wohl sein Bild, so scheint es uns trotz allen Leides, das wir erfahren. Er bedrängt uns nicht mit seiner Liebe, mit seinem Bilde. Schauen wir es, sind wir beglückt – schauen und spüren wir's nicht, sind wir vom Leben hingenommen. Doch wie die Sonne auch hinter Wolken scheint, Gottes Bild und Liebe ist immer da und nicht gekränkt und nicht entstellt – wir finden's wieder! – Und Gott schuf uns nach seinem Bilde.

Leb wohl und freue dich!

Deine Amarelle
und immer die Burg.«
       

92 Da stand er mit seinem Briefchen. Ob er's begriff – und wie er's begriff? Sein Leben war bis zum Eintritt in das Gittertor des zentifolienfarbenen Hauses nicht dazu angetan gewesen, daß er diesen zarten und kunstvoll gefalteten Zettel ganz hätte entfalten können. Sein Leben und Wesen war bis dahin auf Widerstand gestellt. Das Borstige seiner Natur war gediehen, obwohl er so ein feinknochiger Junker war, das Paradoxe hatte ihn angezogen, das Revoltierende, das Radikale; – bisher nicht das, was die Welt in ihrer inneren Gotthaftigkeit erkannte.

So war es ihm auch jetzt, als berühre eine kühle Hand sein ganz entflammtes Herz. Es fröstelte ihn leicht. Er legte das Brieflein zurück auf das Spitzengekräusel – und warf sich ermüdet auf das Bett, um zu ruhen, erhob sich aber wieder, holte Amarellens Brief, küßte ihn heiß und barg ihn an seinem Herzen als das beste und höchste Gut, was er auf Erden besaß. 93

 

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