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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Die Stiefmutter mit den rosa Elefanten stört. Tante Amarelle ist nicht so klug, wie man glaubt; es fehlt das Interesse an den Rohprodukten. »Seine Dande heiraten, seine Erbdande, is Blasphemie. daß d's weißt.« Abreise.

Ein reitender Bote aus Eisenach brachte die Nachricht, daß Frau von Einsiedel mit Töchtern der Gräfin Sternberg ihre Aufwartung machen wollte, da sie auf einer kleinen Vetternreise unterwegs sei und die Verwandten in Weimar und Eisenach besucht habe.

»Himmel!« rief der Freiherr – »da sind sie! Da haben wir sie!«

»Nun, so gäksen wir eben,« und die Burg schrieb ein zierliches Briefchen. August von Einsiedel schaute ihr zu, wie angenehm und flüssig ihre Schriftzüge über das Papier glitten, wie ein Sommerwindchen.

»Ist dir das gar nicht unangenehm, daß sie kommen?«

»Nein – gar nicht. Bald werden sie wieder fort sein – und außerdem, ich kenne sie ja nicht, und so zart wie du bin ich gottlob nicht, so eine altenburgsche Gäkserei hör' ich gern – und auch, was gegäkst wird.«

77 Und sie kamen in der alten freiherrlichen Reisekutsche, die aufgeschlagen mit ihren Insassen einen recht stattlichen Eindruck machte.

Die Freifrau in damastener Kontusche und im Flügelhäubchen; die Töchter französisch à la mode gepudert in neuen französischen Toiletten, enggeschnürt und bauschig, was den armen Mädchen gar bänglich sein mochte, denn daheim gingen sie meist ländlich und zur Arbeit bequem.

Als ihnen ihre Wirtin freundlich entgegenkam, die sich wohl modisch, aber doch nach eigenem Sinne kleidete, nicht beengt und nicht durch Kleidung in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt, da schien es den beiden jungen Baronessen, als wüchsen sie in die Höhe und in die Breite. Die Mutter in ihrer felsenfesten Kontusche trat in ihrer Ruhe und Sicherheit auf und konnte sich wohl sehen lassen. Die beiden begrüßten sich lebhaft. Die drei Einsiedels wohnten in Eisenach bei einem Vetter der Mutter, und diese wollten doch endlich einmal bei der Gelegenheit die »Frau Dande« ihrer Stiefsöhne kennen lernen – und wie sie breit und stattlich die Frau Dande mit ihren Lippen gleichsam formte und buk und diese nun vor ihr stehen sollte als würdige Person oder hinfällige Erblasserin, jedenfalls nicht in der Fasson, wie die Natur es gut befunden hatte, Amarellen, Gräfin Sternberg, zu bilden, war sie betroffen. Es schien ihr, als wäre es nicht ganz in der Ordnung, so auszusehen.

78 Und wie sie alle in das lichte Haus traten und auch August von Einsiedel ihnen entgegenkam, Mutter und Schwestern begrüßte, mochte ihr der stachliche Sohn August merklich geglättet erscheinen.

»Gute, bekömmliche Luft habt ihr hier,« bemerkte die Freifrau kurz. Sie war an das Aussehen der Frau »Dande« noch nicht so ganz gewöhnt und erwartete wohl noch, die ihr sympathischere Wirklichkeit durch irgendeine Tür eintreten zu sehen.

Aber Amarelle behauptete sich lieblich und freundlich im weißen Kleid, im grauen Flortuch, das Lockenhaar leicht gepudert und eine Rose im Gürtel.

»Ja, ja,« meinte die Freifrau lachend: »Arbeit schändet nur. Dein Wahlspruch, mon cher.« Sie blickte mit Humor auf ihren Stiefsohn.

»Schau, schau, was man da erfährt,« Amarelle sah lächelnd auf den Freiherrn, »dieses Wunder von Fleiß führt solche Redensarten.«

»Ja, is er denn hier ganz aasgedaascht,« fuhr die Freifrau verblüfft auf und war in ihrem geliebten Idiom mitten drin.

»Nun laß nur ein Ä kommen,« meinte August – Tante Amarellen unauffällig zugewendet. Die rosa Elefanten guckten sich um, es gefiel ihnen, und die hübsche Tante erregte bei ihnen keine Bedenken. Sie hatten sie sich nicht so hübsch und jung gedacht. Und wie 79 einfach sie gekleidet war, kein Seidenmuster, keine Seide überhaupt, so eine zarte Art Nesselstoff zum Waschen – und so eine wohlhabende Frau; aber es gefiel ihnen.

In Schloß Lumpzig war alles standfest überkommener Hausrat, nur einige zierliche Sachen gab es, die von der Mutter der Stiefbrüder herrührten und die sich etwas ängstlich in Ecken und Winkeln aufhielten, August hatte die meisten in seinem Zimmer.

Hier alles so fein, so zart und so gemütlich, hell und luftig. Daheim konnte man sich auf jeden Stuhl schmeißen, wenn man vom Waschen oder von so etwas kam, hier tät's krachen. So dachten sie und waren ängstlich besorgt, ihre Bewegungen zu zähmen.

Aber sei es, wie es sei, auch der Freifrau gefiel es nicht übel.

Die Möbel waren auch ihr zu allerliebst und die zarten Porzellanpuppen, die vielen Spiegel –, aber mochte es sein, für eine Frau, die den ganzen Tag nicht aus ihrem Behagen herauskam, die konnte sich damit wohl abfinden, schlank und zierlich, wie sie war. Aber von Fleiß und Tüchtigkeit war hier wenig zu spüren.

Sehr begreiflich, daß August sich hier wohlbefand. Bei Tisch war nichts auszusetzen. Die Freifrau mußte sich innerlich als befriedigt erklären, wenn sie auch fand, daß von einer echten Landedelfrau hier wenig 80 sich entwickelt hatte, womit man sympathisieren konnte. Es fehlte das Interesse an den Rohprodukten ganz entschieden.

Ein Truthahn krönte das Mahl, was die Freifrau durchaus gelten ließ. Als sie sich aber nach den näheren Umständen dieses majestätischen Viehs erkundigte, was es in seinem segensreichen Dasein geruht hatte, zu sich zu nehmen, erhielt sie durchaus dilettantische Auskunft.

Gräfin Amarelle wußte nicht einmal, daß die letzten vier Wochen dieses hochachtbaren Vogels für ihn sehr angenehm verstrichen waren, da ihm hin und wieder ein Gläschen Madeira gereicht werden mußte, um Wohlgeschmack und Freßlaune zu steigern.

»Schrecklich,« sagte Tante Amarelle.

»Schrääklich! nee here mal, was sich geheert, geheert sich. – Sonst blieb er ja wie ä Grasgänsichen. Mit deiner Haushälterin muß ich mich nachher ins Benähmen setzen – die verschteht dirsch aas'n FF. – Selten, daß mir einer so gelungen is – der Wahrheit die Ehre. – Nee gucke, sag ich.«

Tante Amarelle freute sich, daß der Truthahn so gelobt wurde, und bezog es trotz alledem auf sich, wurde immer fröhlicher und freundlicher und ihre Händchen flogen wie Schmetterlinge über der kleinen dampfenden Kaffeemaschine, über den Täßchen, den Blumen und dem köstlichen Konfekt, das sie nicht müde wurde 81 den beiden jungen Baronessen hinzureichen, die lachend und beglückt sich bedienten. Bei ihnen daheim gab es nur Selbstgebackenes – etwas vom Lebküchner oder Zuckerbäcker kam nie ins Haus. – Nur August hatte hin und wieder Konfekt.

August von Einsiedel aber zeigte sich liebenswürdig und aufgeräumt, wie die Freifrau ihn gar nicht kannte. Wo war der scharfe Zug um seinen Mund hin, das Spitze aus den Augen. Er machte ihr den Eindruck eines beglückten Hausherrn.

Etwas zu frih, dachte die brave Frau.– Wenn auch die meisten in der mitterlichen Familie der Stiefsöhne das vierzigste und fünfundvierzigste Lebensjahr nich erreichten, so sah die Dande mit ihren siebenunddreißig Jahren noch nich nach frühem Grab aus; – und er mit seinen achtunzwanzig brauchte sich durchaus nicht hier so breit zu machen, wie er's tat. Da haben auch die Brider noch mitzureden. Das Vermögen kommt allen Neffen zu –. Nee – nee – mei Liewer!

Eine Stille ging durchs Zimmer, als die brave Frau so dachte, denn niemand hatte Grund zu reden. Die Freifrau sah sehr beschäftigt aus und schien irgendwie am Werke zu sein. Ein Insichversunkener beruhigt die Gesellschaft.

Am Nachmittag spazierte man durch das Besitztum. Es kamen noch der Vetter der Freifrau und dessen Frau aus 82 Eisenach, zwei ältere behagliche Personen, die einen angenehm verbindenden, munteren Ton in die kleine Gesellschaft brachten.

Frau von Einsiedel rauschte in ihrer steifseidenen Kontusche langsam neben ihrem Stiefsohn einher. Der Verwalter führte alle durch Ställe und Scheuern, und die Landedelfrau war nicht unbefriedigt von dem Stand der Dinge, wenn man auch die feste Hand der Gutsfrau gar schmerzlich, wo sie von Rechts wegen durchaus hingehöre, vermisse.

»Siehste, Aagust,« da blieb sie mit großer tatvoller Geste stehen, »hier geheert das Waschhaus hin und nich der Milchkeller. Wenn de Dande mal die Aagen schließt, dann wird das so gemacht, wie ich sage; denn gottlob auf eich kommt das alles mal, wie's da geht un steht. Un ich denke, du wirscht's ibernehm'n un die Brider aaszahln.«

Sie sprach mit großer Würde und Bestimmtheit und der ehrbar verhaltenen Befriedigung, mit der ordentliche Leute, wenn der Erblasser auf der Bahre liegt, von dessen Freuden, Behaglichkeiten und Errungenschaften reden, die von diesem ab und ihnen nun zugefallen sind.

August von Einsiedel bekam die spitzigsten Augen und um seinen Mund den schärfsten Zug.

Wie ein Nachtwandler, den man grob weckte, schaute er auf die Stiefmutter, die in ganzer Pracht vor ihm, dem schmalen Junker, stand.

83 »Frau Mutter belieben zu scherzen.«

»Mit ernsten Dingen scherzt man nich.«

»Doch, – es scheint so; – was geht uns Amarelles Besitz an. – Schämen Sie sich, Frau Mutter – als Gast im Hause möcht ich schamrot werden!«

Die Freifrau lachte. »So feinfühlig – und sich so breit machen im Hause der Erbdande; wie reimt sich denn das? Gucke? – Du verfiegst ja scheint's iber alles un aach iber de Dande.«

»Amarelle wird heiraten. – Amarelle ist jünger, lebendiger als wir alle!«

»Wohl dich, – Herr Anbeter! – Herr Erbschl . . .«

»Baronin von Einsiedel!«– Der Junker fand keinen Ausdruck. Aber die Freifrau in ihrem Trab blieb unaufhaltsam.

»Seine Dande heiraten, seine Erbdande – is Blasphemie – daß d's weißt! –« Auf ein Fremdwort, mehr oder weniger passend, kam es ihr nicht an.

Der junge Freiherr machte vor seiner Stiefmutter eine tiefe Reverenz und entfernte sich.

Sie schaute ihm mit offenem Munde nach. – So 'n, Alberbach, dachte sie. – Aber schtille Wasser sin dief – nee aber – gucke. – Wenn eins iber die einfachsten Dinge redt, begehrt er aaf. Der wird noch ganz närrisch, – aber warte – nee, so ne Unverschämtheit!

*

84 Am Abend, als die Gäste sich entfernt hatten, wandelte ein Paar vor dem zentifolienfarbenen Hause auf und nieder, wie schon unzählige Paare gewandelt sind, froh, allein zu sein, einander vertrauen zu dürfen auf der fremden, kalten Welt. Liebessucher – Gottsucher – Freudesucher.

»Glaub mir, mein lieber, guter Freund, wenn du über alles auf Erden so ruhig sein könntest, wie du meinetwegen sein kannst, so wollt ich mich deinetwegen sehr freuen. Laß sie reden. – Spürst du denn nicht, daß ich ganz friedvoll bin in meiner Welt. Du sprichst vom Lachen – und ich lache! Ich bin viel ruhiger und freier, als du glaubst. Über mich sei ganz unbesorgt.«

Er küßte sie auf den frischen Mund, der so froh und tapfer sprach. Es war eben die Burg!

»Und nun, mein allerliebster Mensch, gehst du mir eine Weile nach Weimar und schaust dir alles an – du hast noch wenig Welt gesehn. Denk, was sah ich alles: Italien, Frankreich, – was alles und wen alles.«

»Doch hat's dir nichts genommen und wenig gegeben, mich dünkt, du bist die Burg geblieben.«

»Ja, und doch möcht ich's nicht missen. Wenn du gehst, kommst du wieder. Deine Heimat wartet auf dich. – Ich singe mit meinen Mädchen fromm inzwischen:

Laßt uns singen und fröhlich sein
                                      in den Rosen 85
Mit Jesus und den Freunden sein;
Wer weiß, wie lang wir hier noch sein
                                      in den Rosen.

Setzt das Gläschen an den Mund
                                      in den Rosen,
Und trinkt es aus bis auf den Grund,
Da find't ihr den heiligen Geist zur Stund
                                      in den Rosen.

»Und du schickst mich fort! – Ist's möglich? Die du weißt, was wir einander sind – und weißt, wie die Welt ist, – du kennst sie, – du mußt ihre Kälte gespürt haben, – sonst hättest du nicht auf den dummen Jungen gewartet, der dir deinen Schuh band und Blut von deinem Blut ist und einerlei mit dir ist! Wir lieben uns mit der Heimatliebe, mit der seit Menschengedenken unsere Art sich geliebt hat. Mann und Weib, eine endlose Kette von Menschen, die uns angenehm sind, seelisch und leiblich nah, – aus denen wir erwuchsen. Burg – liebe Burg – ist's möglich!«

Und es war möglich, sie trennten sich für kurze Zeit.

Der gute Scheckengaul trug ihn durch das freundliche Tor, das seine Arme nach ihm ausgebreitet hatte, als er kam – und eine liebende, geliebte Frau geleitete ihn und den Scheckengaul mit der krummen Nase bis vor das Haus – und sie nahmen einen wehen Abschied 86 voneinander. In beider Herzen war Abschied wie für die Ewigkeit.

»Ein paar Tage – ein paar kurze Wochen,« sagte Amarelle mit bebender Stimme – »ein paar kurze Tage –.« Doch konnten sie's beide nicht glauben. Abschied in blühender, rauschender Liebe – ist Stillstand – Sterben – ein Riß geht durchs Herz – ein Abgrund tut sich auf. 87

 

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