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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

In der steinernen Blume. Das zentifolienfarbene Haus. Seine Tante Amarelle. Zwei Nebenpersonen, denen doch einiger Platz gegeben ist. »I – bin der Bock. I – bin auch der Hannegockel.« Tante Amarelles Anmut ganz zu fassen nahm ihn sehr in Anspruch.

Ja, und in Erfurt da machte der Junker halt, da sollte sein Gaul wieder zu Kräften kommen und auch er wollte sich verschnaufen und war im kleinen Gasthaus, in dem Emanuel Karger gewohnt, abgestiegen, ja, er ließ sich das Zimmer geben, in dem dieser genächtigt hatte. Ihm war's, als brauchte er das, als täte es ihm gut, in der Atmosphäre eines anderen zu sein. Er kam sich so beängstigend unbeschwert vor, als könnte ein Luftzug ihn über die Welt hinaustreiben. Es hatte sich wunderlicherweise nichts an ihn gehängt, was ihm Schwergewicht gegeben hätte, nichts als der kleine Spießer. Aber er war doch ein feiner, feiner kleiner Spießer, gar nicht zu sagen wie fein, wie eine zierlich geschriebene Zahl so korrekt und säuberlich. Dem Eingeweihten, der weiß, was sie birgt, ist sie eine 43 Kostbarkeit, bedeutet vielleicht dreiundneunzig frische Rosen oder dreiundneunzig Perlen oder grad so viel herrliche Lieder; was alles kann sie bergen! – So der liebe Spießer Emanuel Karger.

Der junge Freiherr ging auch weiter seiner Spur nach und bestieg die höchste Spitze des Turmes.

Und wie er sich so nach den Empfindungen Emanuels, von den Steinlasten, die von ungezählten Menschenkräften, hohen geistigen und starken leiblichen aufgetürmt waren, gleichsam emportragen ließ, in den Raum und in einer steinernen Blume in diesem ewigen Raum über der Erde schwebte, da zog in sein Herz Niegefühltes ein; dankende Zugehörigkeit zu diesen Tausenden, die ihn emporgehoben. Er fühlte sich mit ihnen verbunden. Er dankte ihnen und dem Freund, der ihm alles so ausgedeutet, und fühlte sich nicht einsam, sondern wunderlich nah unbekannten Kräften, in einer großen Harmonie. Seine Seele war ausgefüllt und froh.

»Man muß nach Erfurt reisen – man muß auf einen Turm steigen – ja gewiß, Türme sind dazu da!« – Und ich lachte darüber.

So hatte die Reise bis Erfurt ihm gut getan, er war aus seiner Vereinsamung gerissen, hatte mit eines anderen Empfindungen gefühlt und sich von unbekannten Menschenkräften in den Raum tragen lassen auf eine geheimnisvolle, vordem nicht geahnte Weise.

44 Auf dem Herzen trug er ein Briefchen von der Burg des Inhalts, daß sie sich ihres Versprechens gar wohl entsinne; er solle nur kommen, sie habe Jahr für Jahr auf ihn gewartet.

*

Und so war er durch ein von alten Buchen bestandenes Tal geritten, in dem ein Bach sich schlängelte, dann durch Wiesen, auf denen einzelne schön entfaltete Bäume, Fichten und Buchen, sich mächtig ausbreiteten. Der muntere Bach geleitete ihn – und da lag das Gütchen Atjenbach vor ihm, ein rosa Haus, im Stil der Zeit gebaut, zart rosa, wie eine Zentifolie, die Fensterläden gemütsgrün, die weiß gestrichne Haustür mit weitem Bogen und zwei pausbackige, nackte Engeljungen aus Stuck hielten eine weiße Rosengirlande liebenswürdig über den Eingang. Mannshohe Mauern grenzten an beiden Seiten des Hauses den großen Garten ein und ein offenes Gittertor in dieser Mauer lockte zum Einreiten.

Er aber hielt erst seinen Schecken an und hatte eine große Freude über das zentifolienfarbene Haus. Die schön und weit geschnittenen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheibchen, alles deutete auf behagliche Räume, und die rosige Farbe im Lichte des durchsichtigen Buchenlaubes, das grünedelsteinmäßig in der Maiensonne glänzte und die ganze Luft ergrünen ließ, tat seinem sehnsuchtsvollen Herzen wohl wie eine Liebkosung.

45 Und dann stieg er ab und führte seinen Schecken am Zaum und trat durch das Gittertor unter die herrlichsten Buchen. Bei ihm daheim gab es Fichten und Kiefern und allerhand Laubbäume, aber die Buche, die Königin des Mai, war selten, und hier trat er in ihr Reich. Das schwebende, seidenzarte Laub, ohne jede Härte, ganz zu Licht aufgelöst, die silbernen mächtigen Stämme und Äste, um die das grüne Lichtgewoge floß! – Ja, das war Mai! – Noch nie, kam es ihm vor, hatte er den Mai erlebt – und welcher Duft! – der Inbegriff aller Frische. Das zentifolienfarbene Haus leuchtete durch Zauberbäume. Und wie er so des Wegs mit seinem Schecken ging, kam ihm ein alter Diener in etwas steifen Sprüngen entgegen, der den Kopf immer wieder dem Hause zuwendete, indem er rief: »Er ist da! – er ist da! gnädigste Gräfin, er ist da!«

Gleich darauf sah August Einsiedel in ein gutes altes Dienergesicht, das vor Freude strahlte.

»Also darf ich den Sohn unserer geliebten Gräfin Annette begrüßen, die alten Augen dürfen ihn noch sehen!«

Einsiedel reichte ihm bewegt die Hand und fühlte sich empfangen, als kehrte er nach langem Fernsein heim. Der Diener nahm ihm den Zaum aus der Hand und führte den Schecken.

Aus dem Haus, aus grad solcher Tür wie an der Front, trat eine Frau im weißen bauschigen Kleid mit grauem 46 Busentuch, die Locken leicht gepudert – eine helle Gestalt – und eilte auf den Gast zu und dieser auf sie. Und er fühlte sich umschlungen und warm und herzlich geküßt, gerade wie dazumal, als er ihr als Junge die Schuhschleife gebunden hatte.

»Das bist du also!« rief die anmutige Frau, »das ist aus Annettes liebem Jungen geworden! Nun sei willkommen!«

»Nicht allzuviel ist aus der lieben Mutter Jungen geworden, Burg.«

»Ach geh – ich seh's ja doch, du gehörst zu uns! Du bist wie wir. Wie dein Gesicht mich anspricht! – und du gleichst der Unvergeßlichen – wenn auch Scharfes in deine Züge gemischt ist, wie es sich gehört im Gesichte eines Mannes.

Und »Burg« sagst du, wie lang ich das nicht hörte! Wie weißt du denn das noch, du lieber Bub?« So plauderte sie, und sie führte ihn ins Haus und führte ihn in sein Zimmer, damit er sich erfrische. »Und dann kommst du zum Tee, ich erwarte dich.«

*

Und wie sie dann miteinander beim Tee saßen, waren sie beide wie daheim. Er fühlte nichts Fremdes, und seine Tante Amarelle, in der großen Freude, den Sohn der geliebten Schwester bei sich zu sehen, gab ihm beide Hände. »Ein Freudestrom geht mir durchs Herz,« sagte sie warm 47 und voll schöner Unmittelbarkeit, »die Freude macht mich jung und froh, als wäre nichts über mich dahingegangen.«

Er sah sie an, und ihn entzückte ihre Anmut und daß sie so jung aussah und daß er solch eine liebliche Heimat fand.

Die hellen Buchen schauten durch die vielen kleinen blanken Scheiben der weiten Fenster, und eins stand offen, und es duftete im Zimmer nach Maiblumen. Sie erzählten einander, was sich so gerade in Worte fassen ließ. Sie sprach von ihrem Mann, von dessen Leben und Tod und würdigte ihn als einen vornehmen, edlen Menschen; sprach von den Jahren in Rom, als er Gesandter dort war, von ihrer Sehnsucht nach Deutschland. Und wie ihr Gatte bei einem Aufenthalt in der Heimat dies herrliche Gütchen gekauft, in dem sie nun gar gern hause und mit niemandem tauschen möge. – Wie sie so von dem Leben in dem einsamen Heim sprach, da fühlte er, daß sie eine stille, gelassene Frau war, und daß nur der Freudestrom, der ihr durchs Herz ging, sie so gesprächig und lebhaft gemacht hatte.

»Ich bin auch nicht allein hier, du wirst meine Gefährtinnen bald sehn. Ich liebe junge Menschen, denen man noch etwas sein kann,« sagte sie.

»Und daß du nicht gäkst und jedes ä doppelt sprichst!«

»Was tu ich nicht?«

»Gäksen, weißt du, bei uns gäksen sie alle – du weißt ja! – Nein, du weißt ja nicht! – Damals war's nicht so. 48 – Meine Mutter hatte deine Stimme. Seit ich dich höre, kommt ihre Stimme mir wieder, die sich ganz verloren hatte in dem kräftigen, allzukräftigen Stimmenkonzert daheim, was meine zarten Ohren respektwidrig als Gäksen empfinden.«

»Na, einfach altenburgisch oder weimarsch!« Die Burg lachte: »Daher stammt ja deine Mutter oder stammt sie aus Altenburg?«

»Ihr Vater aus Weimar, die Mutter aus Altenburg.«

»Na, große Geschichte, was verlangst du denn da?«

»Nerven sind immer ungerecht, Tante Amarelle; aber es ist mir doch erlaubt, mich zu freuen, daß hier meine Ohren einmal ordentlich ausheilen dürfen. – Nach einer süßen Stimme hätte ich meilenweit laufen können!« –

»Weshalb hast du denn nicht mitgegäkst? Das wäre viel liebenswürdiger gewesen und hätte dich bald kuriert!«

»Man wird obstinat und entwickelt sich aus Wut gegensätzlich.«

»Ach geh, so boshaft solltest du nicht gewesen sein, dann hättest du weit weniger gelitten. Wer sagt dir denn, daß ein doppeltes ä nicht schön ist? Wer sagt dir denn überhaupt, was schön ist? Ein guter Mensch verliert aus Güte die Unterscheidung der Gegensätze und ist auf dem rechten Weg – aus Güte – nicht aus Schlamperei.«

»O Burg, was sprichst du da so einfach, wie man einen Apfel ißt. Und der größte Literator würde dich kaum 49 verstehn. – Du denkst! Welche Seltenheit! – Und bist doch kein kleiner Spießer, sondern eine anmutige Frau, die es weiß Gott nicht nötig hat.«

»Weshalb kein kleiner Spießer?«

»Ja, man spricht aus Erfahrung; – mein kleiner Spießer ist der einzig denkende Mensch, der mir bisher vorkam; – aber bei dem ist nun wieder die ganze Körperlichkeit geschwunden, kaum daß seine Arme ärmlichste Schreibinstrumente sind und die Beine ihn notdürftig fortbewegen.«

»Jetzt komm, ich will dir meinen Garten zeigen und den Wirtschaftshof und das ganze liebe Stückchen Welt, das mir zufiel.«

Und so gingen sie unter den Maienbuchen hin; Tante Amarelle im weißen bauschigen Kleid und dem grauen Florbusentuch zog wie eine duftige Wolke neben ihm her. Das leichtgepuderte Haar, das auch wolkig ihr zartes Gesicht umfloß, bewegte sich im leichten Maienwind.

*

Ein heller zweistimmiger Gesang junger Stimmen tauchte ferne auf, eine getragene, weiche Melodie, einem alten Kirchenliede gleich, in dem es aber wie ein Springquell aufsprang voll Freude.

»Meine Kinder,« die Burg blickte lächelnd auf ihren Gast. »Du wirst ein wunderliches junges Wesen sehen – aus einer anderen Welt.«

50 »Hast du hier Engel oder Nixen, Tante Amarelle?«

»Einen Engel – wohl – und dazu noch einen Kobold oder wie ich das Geschöpf nenne: einen Stall ganz voller Zicklein.

Den Engel habe ich in meine Obhut genommen. Engel laufen hier Gefahr, nicht für voll angesehen zu werden – und sind's leider auch nicht. Mein Engel ist das Kind einer gräflichen Familie, eine Verwandte meines Mannes. Sie hielten das gute Geschöpf für ein Familienunglück, weil es ganz nur aus Liebe gebildet ist. Gerade als wäre in einem Hühnerhof eine Nachtigall mit ausgekrochen.

Nun gehört es mir – und das andere schickte mir die Vorsehung ins Haus. Du wirst sehen.«

Und der Freiherr von Einsiedel sah zwei ganz junge Mädchen unter einer Buche auf einem freien Wiesenplatz im Grase sitzen. Sie sangen und das eine Mädchen spielte auf einer Laute, die ihr an einem grünen Band um die Schultern hing.

Jetzt hörten sie wohl Schritte, brachen ihren Gesang ab, erhoben sich und kamen Amarelle und deren Gast entgegen.

Zwei kindliche, junge Gestalten, die eine aufgeschossen im schwarzen, langen Kleid, ein weißes Häubchen umschloß das bräunliche, volle Gesicht, aus dem zwei dunkle Augen seltsam blickten, das Haar war unter dem straffen Mützchen ganz verborgen. Das Gesicht, so eng und weiß umrahmt, erschien wunderlich rein und fremdartig.

51 Das andere Mädchen im kurzen kindlichen Rock – die festen Beinchen in strammen Strümpfen, das Pfirsichgesicht von blonden, zierlich gebogenen Härchen umsonnt, die zu kurz waren, um sich in den zwei schmalen Zöpfen, die um den Kopf lagen, einfangen zu lassen, die kleine Stämmige trug die Laute am grünen Band.

Amarelle rief ihnen entgegen: »Da ist mein lieber Gast!«

Das dunkle Mädchen gab dem Freiherrn die Hand auf eine langsame, eckige, fast furchtsame Art – die Kleine machte ihren Knicks und hielt sich ein wenig zurück. Das dunkle Mädchen aber, wie in Verlegenheit, schlang ihren Arm um Amarelles Schulter und verbarg das Gesicht, das von der Glätte und dem Duft einer schönen Frucht war, in den Falten des Flortuches. Und die Burg stand geduldig, wartete, bis das Kind sich genug verborgen hatte, und dann flüsterte sie ihm etwas ins Ohr, worauf das Kind auf den Freiherrn blickte, wie es schien, weniger befangen.

Es war eine liebliche Begegnung.

»Nun geht,« sagte Tante Amarelle, »laßt euch Tee geben, und dann soll Alma lesen und ein bißchen schreiben.«

Da stand das seltsame Mädchenkind im schwarzen Kleid bittend vor der anmutigen Frau, hob die schmalen, überzarten Hände wie Kinder bitten, sah aus wie eine Heilige in großer Not.

Amarelle: »Es muß sein.«

52 Alma: »Es muß wohl nicht sein.«

Amarelle: »Christus im Tempel las, als er zwei Jahre jünger war als du, den Hohepriestern und Schriftgelehrten, was die Propheten vom Messias verkündeten. Auch er hatte das Lesen gelernt, und da er ein Mensch geworden, wird es ihm Mühe genug gemacht haben – und du willst dich nicht ein wenig anstrengen. Schäm' dich, Faulpelz.«

Alma: »Doch.« Sie legte die Hände über der Brust zusammen und neigte sich ein wenig – nicht vor Amarellen, vor etwas, das ihre tiefen, dunklen Augen zu schauen schienen; aber ein Schatten lag über dem vollwangigen Gesicht und in den Augen standen Tränen. Die kleine Stämmige mit dem Pfirsichgesicht: »Wir gehen nach dem Lesen mit der Ziege und singen: Unter Rosen. – Mit der Leserei und Schreiberei, das haben wir rasch gemacht. – Komm du nur!«

»Du mußt nicht brummen, wenn's was Schwieriges zu tun gibt –« Amarelle gab dem dunklen Mädchen einen leichten, scherzhaften Klaps auf die Schulter, und beide Mädchen gingen miteinander.

Die Stämmige umschlang die Aufgeschossene wie zum Trost und Schutz und doch mit einem festen Druck des kindlichen sonngebräunten Armes.

»Was für seltsame Kinder hast du da, Tante Amarelle?«

53 »Seltsam? – Das ist wohl so. – Aber es sind für mich ganz die rechten Kinder – und ich trage keine Schuld an ihnen – gottlob!«

Das sonnige Lächeln Amarelles war schön. Mit innerlicher Freude sah es August von Einsiedel, ja, er meinte nie in seinem Leben solch ein Lächeln gesehen zu haben.

Er ging neben der Frau und sann über ihr Lächeln nach.

»Weshalb war dein Kind im Mützchen so sonderbar und versteckte sich und was hast du ihm ins Ohr gesagt?«

»Sie hatte Angst vor dir und glaubte, du würdest böse auf sie sein.«

»Wieso?«

»Ich sagte dir schon, man hat sie drangsaliert – und nun fürchtet sie, auch du würdest unzufrieden mit ihr sein.«

Der Freiherr schaute teilnehmend auf seine Begleiterin.

»Sie ist anders begabt,« fuhr Amarelle fort, »wie die Leute gewöhnlich sind, so viel Teile Verstand, so viel Teile Gemüt, gerade so, daß sie mit ihren Kräften recht sparsam durchs Leben kommen können. Sie war vielleicht für einen andern Stern bestimmt, auf dem es anders zugeht, wie bei uns – und ich sag dir, für einen glücklicheren Stern. Die will nichts lernen, weil sie im Grunde alles schon weiß – und dann weiß und fühlt sie Dinge, vor denen wir kalt und arm stehen – und wieder Dinge, die uns wichtig scheinen, sieht und weiß sie nicht – und kann sie auch nicht begreifen.«

54 »Aber daß du die Geduld hast?«

Amarelle: »Wäre sie katholisch, würde man sie in ein Kloster tun, und ich bin sicher, sie würde eine Heilige dort werden. – Das Mützchen, das schlichte dunkle Kleid hat in ihrer Familie Anstoß und Streit genug erregt; – aber sie will es so.

Sie liebt Christus nicht wie ich und vielleicht du oder dieser und jener. Wir gehen in die Kirche und hören andächtig von ihm reden und sind halb gläubig, halb ungläubig, gerührt und befremdet. Aber mein Kind ist reine Seelenglut und Liebe. – Sie nennt ihn den Sternenmenschen, und wenn sie betet, geht sie den »Sternenweg«, und auch die Sonne ist ihr Christus. – Sie findet wohl keine höheren Begriffe für ihre Liebe und Anbetung. Glaub mir, solch ein Geschöpf im Hause zu haben, braucht keine Geduld.

Ihre Mängel sind so rührender Art, wirklich die Mängel eines Engels, und man möchte sie nur vor Spott verbergen. So quäle ich sie auch mit Rechnen, Schreiben und Lesen, weil es doch sein muß.«

»Ein bißchen Lesen,« sagte der Freiherr, »ist schließlich noch keine Pönitenz und vielleicht auf jedem Stern anwendbar. – Ich hab' übrigens große Sympathien für deinen Faulpelz. Meine Faulheit ist mir lieber als alle Moralen und kosmopolitischen Pläne seit Enochs Weissagung. In der Aktivität ist euch wirklich kein Genuß. Die 55 Gottheit tut ja gar nichts, und ich meine auch, die Ursache ist, weil ihr wohl ist; wenn sie unbehaglich wäre, so solltet ihr einmal das Modifizieren sehen, man wäre seines Lebens nicht eine Minute mehr sicher.

Also schließlich, wenn das schöne, gottverliebte Kind auch nicht lesen kann, laß dich's nicht betrüben. Ihr wißt ja gar nicht, ihr feinen, feinen Frauen in Wolkenkleidern und Flortüchlein mit Rosenfingern, wie schön ihr's habt vor allen andern Menschen, die mit Geist und Körper scharwerken müssen und wollen. – Wollen! – Diese Esel und Gänse!

Wie haben aber nun gerade deines Mannes Verwandte ein Wesen hervorgebracht, sich selbst zum Verwundern? Soviel ich weiß, sind die selbst nicht gerade Mirakula?«

»Sie sind auch sehr zufrieden, ihr Mirakel, wie du sagst, bei mir zu wissen.«

»Bin auch zufrieden, mich bei dir zu wissen.« August von Einsiedel nahm die Hand Tante Amarelles und drückte einen Kuß darauf. »Man ist zufrieden, wenn man von dir aufgenommen ist. Nicht um einen Spatzen schwer passe ich besser in die Welt als dein Schützling. Lesen kann ich allerdings; aber das ist auch das einzigste. Verlange sonst nichts von mir. Langweilen werd' ich mich nie. Wie soll ich, sowenig sich die Gottheit langweilt, nach deren Bild ich gemacht wurde. Die sich nicht langweilen, sind göttlichen Ursprungs; was willst du schließlich mehr von deinem Neffen?

56 Ich hab' es in Freiberg zur Genüge erfahren, wenn das Ebenbild der Gottheit ins Amt mußte. Weil mir das nicht gefiel, weil ich alle Tage mit mehrerem Ärger und üblem Humor aus dem löblichen Septemvirat des Oberbergamts zurückkam, ging mir die Idee auf, nach Afrika unter die Wilden und Affen zu gehen – da wird's anders sein, vielleicht noch schlimmer; aber man muß sich etwas in der Welt umtun, um zu erfahren, wo man am ungestörtesten faul sein darf.«

»Bei uns natürlich,« sagte Tante Amarelle freundlich, »in der gesegneten Aristokratie unseres Landes, fällt es sicher gar nicht auf, viel weniger wie bei den Affen. Betrachte meine und deine Hände.« Sie hielt ihr zartes, rosenfingriges Händchen hin und nahm seine Hand, die auch schmal, feinknochig und äußerst gepflegt war.

»Faulpelzhände – und wenn wir unsre Hirne herausnehmen und hinhalten könnten, Faulpelzhirne; – auch sehr zart, sehr empfindlich und mit großen Rosinen. – Du kannst da, wo Gott dich hinstellte, am allerbesten leben, brauchst nicht zu den Affen.«

*

Ja, und es lebte sich gut bei Tante Amarelle, wie im Traumlande und doch wach und frisch und lebendig.

Die Mahlzeiten waren kleinen, feinen Festen gleich. Das zarte Meißner Geschirr mit Blumen und Früchten, 57 die zierlichen Kristallgläser, der Wein in geschliffenen Flaschen, die Speisen vollkommen zubereitet, zierlich angerichtet.

Sie hielten ihre Mahlzeiten ohne die beiden Mädchen –, der alte Diener, der August von Einsiedel zuerst begrüßt hatte, servierte mit Andacht und Hingebung.

Und beim Dessert und dem duftenden Mokka waren es Tante Amarelles zarte Hände, die den Freiherrn bedienten und wie rosige Schmetterlinge über dem Silber, den Blumen, dem Kristall hin und wieder schwebten und der Duft des Mokka gab Geheimnis, wie Weihrauch der heiligen Messe.

Der Freiherr dachte an die kompakten Mahlzeiten seines Vaterhauses, an die Kopffleischstücke des ewigen Schweines Adele und an das Wellfleisch auf mächtiger Zinnschüssel, die Achmet mit seinen langen Buckelarmen kaum heben konnte und mit der er wie ein scharlachner Mond den runden Tisch, die Erde, umkreiste.

Das Leben war hier bei der Burg wie aus zarterem Stoff gewoben, und alle drei weiblichen Wesen taten jede das ihre, um den Freiherrn in einem niegefühlten Zustand von angenehmer Spannung zu erhalten.

Es geschah im zentifolienfarbenen Hause immer etwas, was ihn ausruhend und seelenheilend beschäftigte.

Tante Amarelles Anmut ganz zu fassen, nahm ihn sehr in Anspruch. Sie fesselte ihn mit jeder Bewegung. 58 Woher war alles so leicht, so schwebend an ihr, so ohne Erdenschwere, oder schien es ihm nur so, da er an die Ausmaße seiner Stiefmutter und deren Töchter gewöhnt war. Was sie sprach, war ihm durchaus sympathisch und heimisch. Er erkannte in ihr das Blut, das auch in ihm kreiste; aber hier ohne Sturm, ohne Schwere, strömte es ganz ohne Fehl, es moussierte in Perlen wie Champagnerwein.

Welch eine Rasse! dachte er mit Stolz – und fühlte sich selbst.

Dann sah er Tante Amarelle mit ihren Mädchenkindern. Sie spielte mit ihnen Federball und lachte nicht weniger froh dabei wie die beiden; er sah sie mit Alma sich abmühen, ihr Lesen beizubringen. Er hörte sie mit den Mädchen beim Abendessen, das sie alle miteinander einnahmen, plaudern – und sagte zu sich: Welch ein süßes Herz! Und er begriff, daß seine Mutter in den Armen der Burg mit einem Lächeln gestorben war.

*

Heut saßen sie beieinander, Tante Amarelle und er, und im Nebenzimmer raschelte es. Leichte Tritte, die Tür war geschlossen, es schien, als würde ein Schlüssel gedreht. Da klang eine muntere Singstimme:

»I–i–ch bin am Schra–ank, i–ich ne–he–me vom Zü–ü–ückerchen, ich na–a–asche nicht – bring's 59 A–a–lma. Habt's keine Angst! – Nix geschieht! – Ich lü–ü–üg auch nit!«

Der Freiherr: »Das war der Zickleinstall, was ist denn das?«

Tante Amarelle: »Ja, das war Fränzchen, die nascht und lügt bisweilen, und sie weiß, ich bin in Sorge, wenn ich sie am Schrank höre, wo allerlei gute Dinge verborgen sind. Zuschließen will ich nicht. So ist das kleine Tier selbst auf den Gedanken gekommen, mich über ihre Taten zu beruhigen. Ich bin gern mit so einem überquellend naiven Geschöpf zusammen. Gibt's etwas Wonnigeres, als seine Nächsten über die eigene Sündhaftigkeit und den Sieg über dieselbe singend zu beruhigen?«

August von Einsiedel nahm bewegt die kleine Hand der Burg und zog sie an seine Lippen: »Gibt es etwas Wonnigeres als so eine süße Frau?«

Sie lachte: »Gibt's etwas Wonnigeres als so einen Esel von Neffen, der sich über seine Tante entzückt! Das sollte man ausrufen lassen, mein Lieber.«

Der Freiherr: »Freilich – das sollte man ausrufen lassen! –«

»Der Stall ganz voller Zicklein,« fuhr sie fort, »ist trotz seiner Lügerei und Naschhaftigkeit ein Halt dieser Welt, mein Lieber, das glaubst du gar nicht, wie ich mich auf sie verlassen kann –; sie ist Almas 60 weltlicher Lehrmeister, ihr Schutz, ihre Stütze in allen Lagen.«

»Wie bist du eigentlich zu ihr gekommen? Wer ist sie?«

»Sie ist die Tochter braver Bürgersleute, die mir schon lange bekannt sind, Süddeutsche, die sie mir halb als Dienerin, halb als gutes Kind gaben, damit sie allerlei bei mir lernen soll.«

Während Tante und Neffe plauderten, waren die beiden Mädchen miteinander in den Gutshof gegangen. – In einem kleinen Verschlag im großen Kuhstall hatten sie ihr Hauptspielwerk, eine weiße zierliche Ziege, der die kleine Stämmige die Hörner golden gemalt hatte, und von Alma war ihr eine blaue Glasperlenkette um den Hals gehängt worden. So war die Ziege zum Märchentier umgeschaffen, und die beiden Kinder waren stolz auf sie. Sie mußte bei ihren Spaziergängen mittrippeln, und besonders war ihr Fränzchen zugetan, die mancherlei Spielerei mit ihr trieb; wenn Alma in ihre Träume versank und ihre Gesichte hatte, wie die Kleine es nannte, dann hielt sie sich an die Ziege, plauderte mit ihr, jagte sich mit ihr und trieb allerhand Kurzweil. Sie hatte die Weisung, Alma nicht zu verlassen, und war auch soweit folgsam; aber wußte sich alles so behaglich und heiter wie möglich zu gestalten.

*

61 So trafen Tante Amarelle und der Freiherr die beiden, die Kleine Bockssprünge ausführend. – Die zierliche Ziege wollte augenscheinlich ihr mit den Hörnern zu Leibe, die Kleine sprang bockig, drollig und geschickt auch mit gesenktem Kopf ihr entgegen, was die Ziege stutzig machte, so daß sie im Sprunge innehielt und scheute. Die Kleine aber war wie des Teufels und bedrängte das Tier, daß es ganz außer sich geriet. Der Freiherr hielt Amarelle zurück, und so standen sie beide verborgen von einem Strauch und schauten dem wilden Spiel des Kindes zu.

»I bin der Bock!« schrie das kleine Faunenmädchen, »i bin der Bock, daß d's weißt, Krippel! I bin der Bock! – I bin auch der Hannegockel!«

Das rief und sprang sie mit unbändiger Kraft.

Das ganze stramme blutjunge Geschöpf war im vollen Taumel der Lust, hörte und sah nicht.

»Schau,« sagte Amarelle lächelnd, »da siehst du meinen Kobold in vollem Betrieb. Jeder Gedanke, jedes Gefühl ist bei ihr ein Zicklein.«

»Gott sei dir gnädig, wenn all diese Zicklein Hörner kriegen. – Du bist eine leichtsinnige Frau!«

Des wilden Faunenkindes Gefährtin aber hatte dem tollen Treiben ihrer Freundin den Rücken gekehrt, und kniete vor einem Rosenbusch, der in der Wiese stand und von aufbrechenden Blüten bedeckt war. Sie kauerte 62 vielmehr ganz in sich verkrochen, das Gesicht, vom weißen Häubchen umschlossen, in den Händen verborgen.

Tante Amarelle winkte dem Freiherrn zu, zurückzubleiben und ging vorsichtig auf das Mädchen zu.

Das hatte sich aus dürren Ästen ein kleines Kreuz vor dem Busch aufgerichtet, mit Grashalmen gebunden und hielt ihre Andacht.

Amarelle kannte die Versunkenheit ihres Schützlings, blieb in ihrer Nähe stehen und wartete.

Da klang leise eine mühselige, verschleierte Stimme, die mit den Worten wie im Kampfe lag. Sie wollte etwas ausdrücken, was ihr zu schwer fiel, und so hatte die Stimme etwas Stockendes, Ungeschicktes; aber von einer tiefen Zärtlichkeit bewegt: »Geschlagen bist du – in – dein Angesicht! – Du Allerheiligstes! – Sie – haben dich ganz vergessen. Sie – haben dich nicht gekannt. – Kommet her zu mir – alle – die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken! – Wer durfte das auf Erden sagen? – Nur du! – Nur du! – Sie haben dich nie gekannt – nur ein einziges armes Kind hat dich lieb – und weiß, wer du bist!«

Amarelle hörte ein kindliches Schluchzen. Der zarte Körper im schwarzen Nonnengewändchen zuckte in übermächtigem Gefühl.

Amarelle kniete neben ihr nieder, neigte sich über sie, nahm sie behutsam in die Arme, streichelte ihr das tränenüberströmte kindliche Gesicht.

63 »Süße Mutter, auch du weißt's nicht. – Ich sehe dich, nie darüber weinen. – Du tanzst auch nicht aus Freude, daß wir kommen dürfen.

Ich armes Kind allein kann doch nicht helfen.«

Ein tiefer, ringender, aufschluchzender Seufzer.

Ihre Stimme erschauerte –: »Einmal sah ich etwas, als ich noch nicht bei dir war: – In einem Metzgerladen sah ich ihn hängen – in einer schauerlichen Ecke, – blutige Tiere – Ochsen und Kälber – und fürchterlicher Fleischgeruch und Blut und rohes Fleisch, wohin man sah, und Menschen, die verkauften und kauften. – Und Christus hing am Kreuze über all dem. – So wenig das arme rohe Fleisch rings umher ihn anrief –, so wenig riefen die lebendigen Menschen ihn an – und er mußte in all dem hängen und konnte nichts erlösen – mit seiner großen Not und Einsamkeit.

Süße Mutter, die ganze Welt ist so wie der schreckliche Laden.« Das zarte Mädchen schlang die Arme um Amarelle. Der kindliche Körper bebte.

Der Freiherr und die kleine Bockstänzerin waren näher getreten.

Teilnehmend sah August von Einsiedel auf Tante Amarelle und das leidende Kind, das, von tiefem Weh ergriffen, ihr matt in den Armen lag.

Sonderbar, daß diese beiden sich zusammenfanden, dachte er. Unergründlich ist das Sichfinden der Menschen.

64 Ob alles eine große Sinfonie oder ein großes Chaos ist, möcht' ich wohl wissen?

Diesen Abend blieben Amarelle, die Kinder und auch der Gast eng beieinander.

Das Kind lag müde in den Kissen auf Amarelles Ruhebett.

»Seid nicht so gut zu mir – legt mich nicht so weich hin,« sagte es leise. »Ich möchte auf harten Steinen liegen.«

Das kleine Faunenmädchen aber holte still seine Laute. »Darf ich?« frug sie Amarellen. »Sie wird dann wieder ruhig und froh.« Und sie setzte sich auf den Rand des Ruhebettes, auf dem Alma lag, stimmte das Instrument, und die weichen Lautenglockentöne zogen durch das kerzenbeleuchtete Zimmer, in dem alles Farbe und Weichheit und sanftestes Behagen voller Schönheit war, ein kleiner heller Fleck mitten in einer Welt, deren ewiges Grauen und geheimnisvoll ewige Liebe im Spiegel der Seele eines kranken Kindes aufgetaucht war.

Und die Lautentöne gestalteten sich zu der Melodie, die der Freiherr schon einmal aus der Ferne gehört hatte, einer getragenen, weichen Weise, einem alten Kirchenliede gleich, in dem es aber wie ein Springquell aufsprang voll Freude. Und das Faunenkind sang das alte Lied von Wein und Rosen und den liebeseligen Nonnen: 65

Laßt uns singen und fröhlich sein
                                      in den Rosen
Mit Jesus und den Freunden sein;
Wer weiß, wie lang wir hier noch sein
                                      in den Rosen.

Jesus Wein ist aufgetan
                                      in den Rosen:
Da sollen wir allesamt hingan,
So mögen wir Herzensfreud empfahn
                                      in den Rosen.

Er soll uns schenken den Cypernwein
                                      in den Rosen.
Wir müssen alle trunken sein
Wohl von der süßen Minne sein
                                      in den Rosen.

Setzt das Gläschen an den Mund
                                      in den Rosen,
Und trinkt es aus bis auf den Grund,
Da findt' ihr den heiligen Geist zur Stund
                                      in den Rosen.

Laßt das Gläschen ume gan
                                      in den Rosen!
So mögt ihr fröhlich heimwärts gan
Und alle Zeit in Freuden stan
                                      in den Rosen.

66 Und zuletzt fiel das arme allwissende Nönnchen mit ein, in zweiter Stimme, leise, abgebrochen, wie ein Vogel sein Abendlied singt.

*

Der Freiherr ritt auf seinem Schecken durch die schöne vollaubige Gegend in einer guten, friedlichen Stimmung. Der Sommer war heraufgezogen, die Buchen standen in ihrem dunklen Blätterschmuck mächtiger noch als im Mai; aber ihre Jugend war dahin, sie blickten ernst ins Sommerland.

In August von Einsiedel aber schien endlich seine ganze Jugend aufgegangen, wie ein Mohnfeld, das in Blüte steht und über das der Wind streicht.

So etwas Ähnliches fühlte er als seinen Zustand. Mehr und mehr wurde er zu seiner eigenen Befriedigung das Ebenbild seines Gottes nach seinem Sinne und seiner Phantasie, der die Welt aus sich hinausgesetzt hatte, von der er wohl in seiner Göttlichkeit mächtig bedrängt worden war wie von einem bösen Splitter.

Alles, was den Freiherrn trieb und ängstigte, nämlich sein eigenes Eingreifen in das Rad der Begebenheiten, das eine anerzogene, ihm nicht eigentümliche Moral von ihm wollte, war in Frieden und Behagen völlig eingeschlafen. Jawohl, Bergamt in dem Spießernest Freiberg oder Fortune machen in Frankreich, den ganzen 67 Almanak Royal über sich und auf seinem Buckel! Wir werden uns schon durchsetzen! – oder gar in Weimar. – Oho! Wie sagte seine freiherrliche Gnaden, die Kunst und Wissenschaft der Devotion erlernen. Das könnte mir passen! – O Eitelkeit! – O Ehrgeiz, du Vogelleim!

So ritt er unter den hohen Buchen hin ganz Gegenwart.

Und wie es bei ihm zur angenehmen Gewohnheit geworden – er dachte an Tante Amarelle.

»Daß sie immer weniger Tante wird! aber gerade das: Tante Amarelle! – ihm klang's wie Musik! – Göttin Amarelle! – Tante Amarelle! – Jawohl.« So summte er vor sich hin – »Tante Amarelle!«

Vergnügt war er, was er eigentlich noch nie gewesen, vergnügt, ganz einfach vergnügt – und seine Gedanken spielten – und streichelten was sie berührten.

So kann man freilich leben! Er ließ den Schecken traben. Es war ein richtiger Schecke, ein schweres Pferd mit einer krummen Nase, und der Freiherr saß schlank und biegsam auf dem breiten Rücken.

*

Lauter angenehme Dinge, die sich in Atjenbach zutrugen: ein Spaziergang mit Tante Amarelle, eine Plauderstunde, eine Mahlzeit in aller Grazie, eine Teestunde, – und, wie die Zwischenspiele in Calderon, kleine 68 Abenteuer mit dem Pfirsichgesicht Fränzchen, der Ziege mit den goldenen Hörnern – und dem zarten Schatten aus einer fremden Welt, der zutraulich und wesensfremd sich freundlich anschloß an die, die doch nicht seinesgleichen waren und nur in Amarelles zarter mütterlicher Liebe eine Heimat fand.

In sternenhellen späten Abend- und Nachtstunden liebte Tante Amarelle es, wie die vornehmen Frauen ihrer Zeit die Sternbilder am ausgestirnten Himmel aufzusuchen. Sie hatte ihre Sternkarte im Kalender und im Damenalmanach, nach denen sie eifrig studierte, und auch die Kinder nahmen teil an dieser schönen Frauenmode.

Und wenn sie so miteinander, auch der Gast war nicht ausgeschlossen, auf der halbrunden weißen Bank auf dem kleinen Hügel saßen, im ewigen Raum, in dem die leuchtenden Welten ihre Wege zogen, und sie kindlich nach befreundeten Sternen suchten und mit ihnen spielten wie mit Spielmarken und doch erschüttert waren von dem ungeheuren Schauspiel, das sich ihnen darbot, – da war dieses Häuflein Menschen so zueinandergehörig, voll Einverständnis, ohne Wunsch und Zeit. Sie waren wie zusammengeweht auf einem Fleckchen Weltall, wie es sich denn auch wirklich so verhielt.

Alma wußte einen Sternenwirbel, in dem Stern auf Stern aufleuchtete, je länger man hinschaute, den 69 nannte sie das Sternenhaus des Heilands. Sie fand es immer.

August von Einsiedel wurde mit zum Kinde und als Fränzchen einmal bei solch einer Sternenschau ausrief: »Mir is recht! – I stirb auch gleich! So in die Sterne hineinspringen, des muß ein Sprung sein! Hui!« da wurde es auch dem Freiherrn so leicht und selig zumute, als spränge er mit.

Dann führte er Amarelle wie eine Göttin den Hügel hinab, erschauernd vor der Süße ihres Wesens, und die kleine Stämmige wurde zum Faunchen, weil sie vor Lebensüberschwang sprang und tollte, und das arme Nönnchenkind zur Heiligen, die nach des Heilands Sternenhaus Sehnsucht trug.

*

Einst wandelte er mit Amarelle durch einen köstlichen Wald, den man die Hochwaldgrotte nannte, und beide gingen sie bewegt von der großen feierlichen Schönheit unter den himmelanstrebenden Buchen.

Da sagte Amarelle leise:

»Ruhig himmelan steigen deine Säulen
Wölbend grüngoldene Kronen
Lichten, duftenden Laubes!
Schauernd betret ich deinen leuchtenden Schatten
Hoher, heiliger Wald. 70
Und reiner Atem Gottes
Berührt mir heilend das geängstete Herz.«

»Ist das dein?« – und er faßte ihre Hand.

»Ganz mein.« Sie lächelte –

»Schön. – So sollte Poesie immer sein – wie ein Atem, der vergeht, – wie Waldesrauschen – wie ein Feuer auf dem Felde. So ist's ein schönes Wunder.

Berührt mir heilend das geängstete Herz« – wiederholte er sinnend. »Auch unter deinem zarten Tuch ein geängstetes Herz? – Muß das sein? Gibt's auch bei einem Wesen wie du bist keine Harmonie, in die Angst nicht eindringen könnte?«

»Dann gäb's auch keine Ruhe!« sagte sie, »und keine Erlösung –. Wie schön ist's, Verzeihung zu finden nach einem Schuldgefühl, wie schön Ruhe nach Unruhe. – In den Gegensätzen liegt unsere Harmonie und die Musik des Lebens. – Die Einheit ist uns ferne.«

»Recht hast du, du Kluge, Holde; aber sich zwischen den Gegensätzen heruminkommodieren, dazu gehören Spießertugenden, die erprobt sind von Vätern her, und nicht allzuleichte Empfindlichkeiten und feinere Eitelkeiten; aber eben daher, weil der Urstoff unseres Gewebs von dem anderer Menschen verschieden ist, ist mir's auch klar, daß mir's auf dem gewöhnlichen Weg nicht wohl werden kann.«

»Glaubst du? – ich glaub es nicht. Ich finde dich sehr bescheiden. Du sagst mir immer, wie wohl es dir hier ist 71 – und was hast du eigentlich hier? Andere würden sich langweilen. Setz deinen kleinen Spießer statt deiner, ich glaube bestimmt, es würde ihm nicht behagen.«

»Kann sein; – aber das ist's ja eben! Hier ist fürs erste die Einheit, die mir einstweilen genügt. Wo sind hier Gegensätze? Sie inkommodieren kaum – du bist hier die liebe Gottheit, die sich alles weginkommodiert hat, was ihr fremd ist –. Vielleicht so unbewußt ist alles geschehen, wie die Gottheit in unserem Sinne unbewußt sein mag. Mir ist einfach übermenschlich wohl zumute, hab' Ruh' und Freude über allerlei Dinge um mich her. Mag nichts ändern, nichts modifizieren, und das ist bei mir immer das Nonplusultra. Wenn ich den Zustand erhalten könnte, so wäre mir alles einerlei. – Willkürlich kann ich dies Wohlgefühl nicht hervorbringen, auch wenn ich Boerhavens Aphorismen täglich lesen würde, – aber durch dich! – bei dir!« August von Einsiedel hatte Tante Amarelles Hand gefaßt und küßte sie, wie wohl so voller Liebe und Glück selten ein Neffe die Hand seiner Tante geküßt haben mag.

Die schöne Frau entzog sie ihm nicht; – aber wie sie auf ihn blickte, lag ein staunender, ratloser Ausdruck über ihrem Gesicht.

Ein Scherz wollte nicht über ihre Lippen kommen, eine Abwehr ebensowenig.

72 Er blickte auf sie – lächelte – sah ihr Befremden: »Verzeih, liebe Gottheit – Anbetungen mögen oft störend sein im allerschönsten Frieden – denn – was mögen die da draußen treiben? Tollheiten, Narrheiten – und rufen mich dazu an!«

»So ist's,« sagte Tante Amarelle. »Heut morgen aber hast du einen Brief bekommen, mein Lieber, und mir nichts davon erzählt?«

»Daß du so allerliebst naiv bist, Burg! – Mein Bruder schreibt mir von einem Tiefurter Journal, wird dich das sehr interessieren? – und einer gelehrten Gesellschaft, wo er den Sekretär macht. Was man nicht für Wunderdinge aus dem Ilmgrund hört! Ich fürchte, es wird dem Geschmack gewidmet, was sie da tun.

Sie schreiben natürlich über berühmte Preisfragen: über die Übermacht der Malerei oder der Musik. Wüßte außer dem Nonsens der Frage nichts zu sagen. Fragen ohne Sinn aufzugeben ist längst das Wahrzeichen aller echten gelehrten Gesellschaften gewesen. Wenn's aber entschieden sein müßte, so wäre ich auf seiten der Musik, weil ich gar nichts davon weiß. Wenn die Kritiker gefunden haben, was sie suchen, werde ich das weltberühmte Urteil wohl hören und wer der glückliche Sterbliche war. – Und außerdem hat mein Bruder die Gnade, mich einzuladen. Ich soll mir Niegesehenes und -gehörtes anschauen. – Du weißt, sie haben auch einen Spießer bei 73 Hof, der sie, wie es scheint, denken lehrt – wie der meine mich zu Zeiten. Es scheinen die Spießer heutzutage Wachsknoten zu bekommen. Es knackt überall. Oder war es immer so – ich weiß es nicht.«

Tante Amarelle: »Den Spießer kenne ich, den sie da haben. Ich las ein gar herrliches Buch von ihm. – Glücklicher, daß du ihn sehen wirst!«

Der Freiherr: »Wer sagt dir denn das? Fällt mir nicht ein!«

»Doch – du kannst nicht anders – und ich kann nicht anders – ich schick dich hin! Ist dir's hier wohl bei uns unschuldigen Leutchen – wie wird dir's dort zumute sein in seiner Nähe!«

»Ich bin kein Trabant –«

»Trabant – auch ich bin keiner, mein lieber Freund, und doch sag' ich: Geh hin! – Geh hin!«

»Du willst mich los sein, Burg. – Ich bin dir unbequem – hast einen Ärger über mich – du weißt nicht, was du mit mir machen sollst! – Du spürst . . .«

Sie legte ihm zart die Hand auf den Mund. »Ich spüre,« nahm sie ihm das Wort von den Lippen, »daß wir einander sehr nahestehen – was ich schon wußte, als du als Bub mir mein Schuhband knüpftest. – Wir sind von einer Art. Wir tun einander wohl. Die Zeit schwindet uns unter den Händen. – Vertrau mir ganz ruhig – keinen Gedanken, der gegen dich wäre, der nicht mit dir ginge fändest du in mir.«

74 »Aber,« fuhr er auf, »du willst sagen, daß du meine Tante bist und ich dein Neffe!«

»Das brauchte ich doch kaum mehr zu sagen – aber laß mich ausreden.«

»Nein!« rief er – »nie! Ich liebe dich mit aller Glut – spürst du's denn? – Und wenn ich kein wundervolles Werk geschrieben habe – oder wenn ich nie eines schreibe – oder das große Opus wird nicht fertig – Himmel! – denn ich tue nichts daran – und wenn ich nun so lebe, wie ich lebe – so in den Tag hinein – so eine Art von Nichteinwirkung der ganzen Welt als höchstes Ziel in mir fühle – so bin ich meiner Freiheit froh; und du sollst's auch sein! Laß uns frei und selig sein – wir tragen keine Ketten – wir brauchen keine Ehrgeize. Wir brauchen nicht zu dienen!

Wir sind etwas auseinander geboren – Gott aber erhielt dich jung und schön – zarter, süßer wie ich je Jugend sah! Jugend so ganz Seele! – so ganz aufgelöst in Güte! – wo gibt's die? – so ganz in einem, was Köstliches auf Erden zu finden ist!

Gibt's da noch etwas einzuwenden?« rief er beglückt.

»Nein,« antwortete sie lächelnd. »Das scheint alles so.«

Sie wandelten miteinander ganz still Hand in Hand. Von ihr ging Ruhe aus, die ihn wunderlich ergriff – und in ihm zu einem seligen Heimatgefühl wurde.

75 Als sie von ihrem Gang in die Wälder heimkamen, war der Abend schon dämmernd angebrochen, eine feine Mondsichel stand am grünlichblauen Himmel. Das zentifolienfarbene Haus schimmerte rosig im grünlichen Licht. Die vielen kleinen Scheiben der weiten Fenster glänzten kristallhell und kündeten das gepflegte Behagen im Innern des anmutigen Hauses.

Die Kinder sangen in ihrem Zimmer bei offenem Fenster zur Laute zweistimmig ihr altes Lied, in dem es aufsprang wie ein Quell der Liebe und Freude.

Amarelle blieb stehen und sie lauschten. »Wie tief meine kleine Alma in alles, was ihre hohe Liebe betrifft, sich versenkt und hineindenkt – und alles andere beiseite tun muß. Heute meinte sie: »Christus sprach zu Petrus: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben – und so war's gut – und so war's recht – denn es war menschlich. – Zu Menschen kam die große Liebe, nicht zu den Engeln.« 76

 

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