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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Der Scheckengaul kommt ihm entgegen. Emanuel, der liebe Spießer. Der Abend vor der Hochzeit. Ein Wagen fährt elegant vor. Die Buchen sind nicht mehr maiengrün, sondern stehen purpurbraun im Sonnenfeuer. Alma, das wunderliche Kind küßt ihn in Freudentränen.

In Weimar war alles ruchbar geworden, Begräbnis und Auferstehung, Entführung und Abreise.

Es hatte gewaltig im Städtchen gebraust. Die beiden Hofhaltungen waren fast außer Rand und Band geraten. Der Stallmeister, dessen Haus von teilnehmenden und neugierigen Freunden gestürmt wurde, war vorerst verschwunden. Niemand wußte wohin, doch mochte er auf seinem Gute sein. Vielleicht hatte er gefürchtet, daß seine Wortkargheit jetzt gefährdet sein könnte.

Man war empört. Und doch auch wieder war es etwas vollkommen Neues, und dafür hatte man im allgemeinen viel übrig.

Der junge Herzog fand, daß unter allen Umständen die Sache möglichst unauffällig behandelt werden müßte.

Ein Eilbote wurde auf das Werthernsche Gut gesandt mit einem Schreiben des Herzogs, der seinem 249 Stallmeister sofortige Einleitung der Scheidungsklage anempfahl und Anna Amaliens Kammerherr von Einsiedel hatte seinen Bruder von allem zu benachrichtigen und ihm die Eheschließung äußerst gebietend ans Herz zu legen.

Alles sollte still und auffällig vor sich gehen. Die unerhörte Flucht der leichtsinnigen Eheliebsten würde ignoriert werden, auch zum Wohle der beiden alten trinkfesten und verliebten Geschütze oben auf der öden Schmücke. Unangetastet sollte das Grab der unternehmenden Dame bleiben, wenn alles ruhig und eilig sich vollzöge.

Das war ungefähr der Inhalt des Briefes gewesen, den das Bübchen in die weltferne Kammer hineingereicht hatte.

*

Begraben hatte die Schöne ihr ganzes bürgerliches Sein und Wesen, ihr Menschentum unter Menschen, ihr Anrecht auf Erden und war als heimatloses Gespenst zurückgeblieben, ohne den Schein irgendeines Rechts mehr in Händen zu halten. Und dies alles aus ehelichem Unwillen und außerehelichem Willen, und nun, wo es sich erfüllen sollte, was sie ersehnt hatte und sie wieder Mensch unter Menschen sein durfte, erlöst aus der Gespensterschaft, sah die Gegend so anders aus als damals 250 vom Berge der Sehnsucht. Was voll Zauber und Lichtgefunkel ihr entgegengestrahlt hatte, erwies sich als alltäglich; lange, öde Ehewege schienen sich wieder vor ihr auszubreiten. Ein sonderbarer und unverliebter zukünftiger Gatte mit einem bedenklichen Hang zur Schweigsamkeit, zum Vorsichhinstarren, Vorsichhinleben, schien ihr fast sicher zu sein. – Ja, der Stallmeister hatte Schule gemacht. Bekam Einsiedel nicht schon als Verlobter denselben schmalen, festgeschlossenen Mund, die Wortkargheit ihres Verflossenen? Die feine, etwas gleichgültige Höflichkeit –, nur schien ihr sein zusammengeschmolzener Wortschatz weniger bedeutungsvoll, nicht so monumental. Als Kavalier war er noch tadellos, aber war Werthern das nicht auch? – Und welche Schrulle, diese plötzliche Schnitzelsucht? Bekam man ihn je zu sehn? Und wenn er kam – der eine hatte doch, trotz aller guten Lebensgewohnheiten, Stallgeruch und steckte in seinem Amt bis über die Ohren, der andere roch säuerlich nach Holz – und beide schwiegen. Sie war auserlesen, trotz aller Mühe keinen erfreulichen Ehemann zu bekommen.

Früher war es ein Vergnügen gewesen, mit Einsiedel zu plaudern. – Und die Ärmste wußte noch von Amarellen nichts, wußte nichts von aller Seelennot ihres Zukünftigen, von allem Hin und Her und Durcheinander seines Herzens.

251 In einem Dorfe im Thüringerwalde sollte die Trauung sein.

So waren sie ihrem Ziele zugereist und endlich angekommen.

Einsiedel hatte Amarellen in der ersten Zeit seines schweren Entschlusses nicht schreiben können. – Da war von ihr ein Brief gekommen, ein heiteres Brieflein in ihrer Sommerwindchenschrift.

»Lieber, brauchst keine mühseligen Worte zu suchen, alles weiß ich, alles ahne ich.

Wie es auch komme, Deine angestammte Heimat kennst Du. – Du weißt's! Wir grüßen Dich von ganzem Herzen, Alma und ich. Sei Du leichten Herzens!

Alma, das liebe Kind, hält mich, während ich schreibe, umschlungen und mir ist's, als wäre einer aus den Scharen der guten Geister um mich. Das gute, arme Kind ist, wie ein Mensch nach dem Tode vielleicht sein mag, ohne irdische schwere Werkzeuge – ganz Liebesflamme.

Dir immer die Burg.«    

Dies Brieflein trug der Freiherr bei sich, und ihm war, als hätte Amarelle verschlossene Türen geöffnet.

*

Als er an einem stillen Herbstabend, die Mondsichel stand am grünschimmernden abgeblaßten Himmel, durch 252 die Dorfstraße ging – er kam vom Pfarrer – sah er einen Reitersmann auf sich zugeritten kommen.

Und o Wunder, war das nicht sein eigener Scheckengaul, den er heimgeschickt hatte, als er seine Reise mit der Stallmeisterin antrat? – Wahrhaftig der Gaul! – Und nicht nur der Gaul! – Sein eigener lieber Spießer! – den Augen nicht zu trauen – saß darauf, sparrig und dünn, wie aus Holz saß er oben, die Schreiberbeinlein standen trocken von den vollen Seiten des Schecken ab.

»Emanuel!« rief der Freiherr. Da spitzte der Gaul die Ohren und Emanuel Karger verlor fast das Gleichgewicht, denn der Gaul warf den Kopf.

August von Einsiedel aber holte sich das Männlein vom hohen Sitz, war ihm behilflich und fing ihn in den Armen auf.

Und Emanuel, in der Angst vor dem Fall, schlug die Arme um den Hals seines feudalen Freundes mit bänglicher Kraft; als er aber auf der sicheren Erde wieder Fuß gefaßt, errötete er im Dämmerlicht. Der Freiherr aber küßte ihn voll Freude – und er küßte wieder, etwas ungeschickt und sonderbar, er stieß mehr, als daß er küßte.

»Und wie kommst du daher, Emanuel?«

»Geschickt von Ihro Gnaden, der Gräfin Sternberg.«

»Amarelle!« August von Einsiedels Stimme bebte.

»Sag's noch einmal! – Amarelle!«

»Ja sie, ganz recht – sie schickt mich – ich soll bei Euer Gnaden sein zum Trauungstage – da es doch so 253 ganz still vor sich gehen soll. Sie schrieb mir: Ein Freundesherz soll bei . . .« er zögerte.

»Dir sein! – Sag's!« rief Einsiedel warm.

»Ja – ein Freundesherz soll bei dir sein! – Du Freund!« Und eine Wärme kam zu Tage, die in den wenigen Worten gar nicht unterzubringen war und dem guten Menschen die Tränen in die Augen trieb.

Auch der Gaul wollte sein Teil und beschnupperte mit weichen Lippen seinen Herrn.

So war August von Einsiedel nach langer Stille wieder in einen Lebensstrudel geraten. Der warme Hauch und Dunst des Gauls tat ihm wohl und das gewaltsame Freiwerden des Freundes.

So gingen sie miteinander, der Freiherr hielt Emanuel Karger fest umschlungen und führte den schnuppernden Schecken, übergab ihn im kleinen Wirtshaus dem Knecht und zog den Freund mit sich.

Auf einer Bank am Waldesrand ließen sie sich miteinander nieder, ohne Nennenswertes gesprochen zu haben. – Die Mondsichel leuchtete jetzt mit schönem Glanz, und Bäume und Sträucher gaben zarte Schatten, die, unendlich fein, vom Lichte sich kaum schieden.

»Auf welche Reise, Emanuel, hast du mich geschickt? Entsinnst du dich, weißt du noch – wie du mich nach Erfurt schicktest?«

254 »Ja, freilich – freilich, wie sollt ich das nicht wissen? Ob ich's weiß!«

Einsiedels Herz aber quoll über in der nun ungehemmten Wärme seines guten Freundes und er sprach ihm in wunderlich abgerissenem Durcheinander von den Erlebnissen, seit sie sich zum letztenmal gesehen, und er hatte einen Zuhörer, der sich selbst vollkommen vergaß. Wer je so einen Zuhörer hatte, der ist dem großen Geheimnis der Erlösung nahe gewesen: einer trägt das Leid und die Seligkeiten des anderen. Er nimmt sie ihm ab – er läßt ihn aufatmen. Er nimmt die Schwere der Erde und trägt sie selbst. Sie ist zu tragen. Siehe, ich trag sie. – Trag sie, wie ich sie trage, und sie wird dir leicht sein. – Folge mir nach – trag sie aus Liebe.

Emanuel staunte und war ganz Mitempfinden.

»Du Glückseliger du!« sagte er: »Begnadet ist der – der solch einer wunderbaren, unglücklichen Liebe gewürdigt wird. Glaub mir.«

»Das ist ein echter Karger, du Lieber.«

»Karg! Nennst du das karg! Bewahre! – Überströmend – ewig – zeitlos –, wie nie eine glückliche Liebe sein kann!« Das meinte der gute Mensch so innig, so aus tiefster Erfahrung heraus, daß Einsiedel lächeln mußte.

»Wer hielt im Tanze Friederikchen so zärtlich ans Brüschtlein gepreßt?« Einsiedel frug wie um den Freund 255 abzulenken, ihn aus dem großen Mitempfinden ein Weniges zu befreien.

»Nicht scherzen, August. Hier scherze nicht!« Bebend sprach er's.

Der Freiherr aber dachte: da hat er sich wirklich in einen rosa Elefanten verliebt – und sah eine vollkommene Unmöglichkeit, den Freund beglückt zu sehen. Nein, das würde der feudale, alte Urstier nie gestatten, auch wenn's keine Einsiedel war – auch keine Schnauz von Pfettrach.

Mitleid bewegte den Freund und er versuchte zu trösten.

»Nein – nein!« wehrte Emanuel ab, »Liebesleid ist eine kostbare Gabe wie jedes Leid – aber mehr! Ein jeder Turm ist gut – weißt du noch? –

Über Säulenwälder voll Dunkelheit – und über schwertragende Gewölbe steigst du hinauf in die steinerne Blume, die im Raume schwebt vor Gottes Angesicht. – Da lächelst du wieder, du stellst dir ganz gewiß vor, daß ich so ohne weiteres vor Gottes Angesicht trete. – Freilich, das tu ich! So unverschämt bin ich. Oft vor seligem Entzücken steh' ich so vor ihm, daß ich ein menschliches Wesen so lieben kann. Nur der, der liebt, kennt die Schönheit eines Menschen – eines Wei–bes – Weibes.« Das wollte nicht so recht heraus aus dem überströmenden und doch so zurückhaltenden »Brüschtlein«; 256 da stolperte er. Das war ein Wort – dazu mußte er einen Anlauf nehmen. Was ist das für ein Wort, so beladen, so sonderbar, als wäre Schlimmes, Unaussprechliches – Grauenhaftes – Köstliches darüber getürmt, so daß es wie ein Erntewagen daherschwankt und Sommerglut, Wonne, Liebe und Schauer und Hochgewitter ausströmt.

Man mußte liebend lächeln, wenn man den guten, seltenen Menschen durchschaute.

So erging es dem Freiherrn, und er dachte an die Tanzbären, die sie miteinander unter Aufsicht des preziösen Meister Aulhorn herumgeschwenkt hatten. Und er stellte sich Emanuels Hingerissenheit vor und stellte sich Friederikchen vor und sagte sich: Wir sind einfach Weltschöpfer – und wissen's nur nicht. Jeder schafft sich sein Entzücken und sein Grauen ganz auf eigene Hand und kehrt sich nicht daran, was etwa vorhanden ist. Wohl denen, die sich modifizieren.

Emanuel aber freute sich seines Liebesleids.

Die Harmonie des guten Spießers sänftigte auch den Freund.

Sie gingen Arm in Arm miteinander dem kleinen Wirtshaus zu und fanden am gedeckten, hausfraulich hergerichteten Tisch die Zukünftige, und Emanuel Karger sah, daß es eine hübsche, recht anmutige Frau war. Er hatte sich doch etwas Ausgefallenes vorgestellt, wie es die Art naiver 257 und weltfremder Menschen ist, die den Teufel auch als Teufel und den Engel als Engel sehen wollen. – Oh, dachte er, an die wird sich der Teuerste schon gewöhnen mit der Zeit.

Und Emanuel Karger wurde ganz aufgeräumt und auch das Paar, das die Öden der Ehewege auf der Reise schon im voraus, ohne über Liebeswege gekommen zu sein, ausgekostet hatte, wurde von des wunderlichen Spießers Freundlichkeit, Wärme und Gelassenheit den Dingen dieser Welt gegenüber angesteckt. Der Freiherr bestellte Wein, und es kam eine Stimmung zustande, die es nicht unmöglich erscheinen ließ, daß am morgenden Tage Hochzeit gefeiert werden sollte.

Der Freiherr aber trank ein Glas, ohne mit dem Freunde anzustoßen, trank es in liebendem Erinnern an Amarelle und hielt die Hand auf Amarellens treues Briefchen gepreßt, das er auf dem Herzen trug. Er dankte ihr ganz bewegt, daß sie ihm den Freund geschickt hatte.

Dann erhob er sich, holte aus seinem Zimmer einen Kasten, den er vor sich auf den Tisch stellte, und entnahm diesem sein Schnitzmesser, die stilisierte Traube den Knauf und einen geschnitzten Kopf, der noch nicht vollendet war.

Erstaunt schaute Emanuel Karger auf das, was vor ihm lag.

»Das rätst du nicht, mein Lieber, mein ist's nämlich – ich hab's gemacht.«

258 »Du!« rief der Gute. »Du! – O Gott! – Nun wirst du erst ein Baum, wirst Wurzeln schlagen, wirst dich auf deinem engen Erdreich nähren, wirst Gottes Sonne spüren. Alles wird heimisch um dich werden! Oh, hab' ich's doch gewünscht, als ich spürte, du löst dich auf ohne Mittelpunkt. Und gut – und vornehm machst du's! Das läßt sich sehen!« Er hielt den geschnitzten Kopf mit beiden Händen vor sich. »Gesegnet sei deine Reise – und wie kam denn nun alles?«

Nun erzählte der Freiherr von der Nuß, in der er eingeschlossen, von dem Alten, von der Weihe, die aus der Tiefe in die Werkstatt aufgestiegen war.

Die Stallmeisterin hörte ihren Zukünftigen von Wundern und Zeichen reden, die sie nicht kannte – und spürte, wie fern sie ihm war – und daß alle äußere Nähe nichts bedeutete – und da wurde sie traurig wie nie noch in ihrem Leben, so ganz von innen heraus, als erwachte ihr eine Seele.

Einsiedel aber nahm den nicht vollendeten Kopf, der schöne starke Züge trug, zur Hand und zeigte ihn dem Hochzeitsgast. »Sieh,« sagte er, »das soll des Herzogs Freund werden, mit dem ich wunderliche Dinge erlebte. Denk dir einen Menschen, der in sich selbst wie in eine Welt blickt. Du mußt sein Buch lesen – das ich den großen Strom nennen möchte. Es ist seine eigene Seele, die wie ein Strom dahinfließt und er schaut ruhig und rein, voll großer Lebenskräfte.

259 Das ist in mir gereift, als ich seine Züge zu schnitzen versuchte, vordem war es dumpf und unbewußt.«

Ein Wagen fuhr vor. Er fuhr eine schwungvolle Kurve. – Man schaute auf.

Das Gleiten der Räder auf dem Platz vor dem Haus war frei sich ausgestaltend. Die Hufe der Pferde erklangen leicht und federnd.

Draußen vor der Tür hörte man die Stimmen der Wirtsleute – und eine Stimme, die in ihrer Besonderheit die Stallmeisterin und Einsiedel betroffen aufschauen ließ.

Die Tür tat sich auf – und der Stallmeister trat ein. – Stand im Zimmer, hager, vornehm, in außerordentlicher Gelassenheit, die Alltäglichkeit bei ihm war.

Kein Wort sprach er – er stand nur und schaute. Reckte seinen Arm aus in die dämmrige, große Wirtsstube hinein, wie einen Wegweiser dem Platz zugerichtet, auf dem Einsiedel saß.

So stand er – und so blieb er.

Und der ausgereckte Arm war fordernd, eindringlich wie die Geste eines Stummen. Einsiedel aber erhob sich, schritt leicht, aber wie gezogen von der Ausdrucksstärke dieses Arms auf den Stallmeister zu, faßte die große, hagere Hand, die sich in den Raum hineingereckt hatte, und sagte langsam, wie eine Antwort auf eine Frage und als wälzte sich eine gewaltige Last von ihm ab:

»Ich habe – bei Gott – nicht ›Ofen‹ gesagt.«

260 Der Stallmeister aber schüttelte die Hand des Freiherrn so stark und drückte sie so kräftig, wie man sie einem Menschen drückt, mit dem man ganz eins ist. – Zweifelsohne und hocherfreut, daß dem so ist.

»Ich ahnte es.« Das war ein Felsblock von einem Satzgebild.

Darauf ließ er die Hand Einsiedels los, näherte sich dem von zwei Kerzen beleuchteten Tisch, verbeugte sich vor seiner einstigen Frau und sagte: »Ich stelle mich dir ganz zur Verfügung. Mein Heim ist wieder das deine, sofern du nicht abgeneigt bist.«

Und siehe da, die Stallmeisterin streckte die Hände wie nach einem rettenden Felsen aus, der aus Wasserfluten, in die sie geraten, sich hob.

Einsiedel aber hing am Halse seines Freundes, stützte sich, hielt ihn wortlos umklammert.

Stumm reichte er dann allen die Hand, nahm seinen Hut und Mantel, schritt langsam zur Türe, winkte Emanuel Karger ein Lebewohl – und ging hinaus in die Nacht. – Und ging – und ging und wußte den Weg und kannte das Ziel. Den Weg war er sehnsuchtsvoll seit Tagen schon im Geiste gegangen.

Er sah die Dunkelheit zur Dämmerung werden – und Dämmerung zum Morgenlicht, zur Tageskraft.

Menschen waren im Geiste um ihn und geleiteten ihn, denen er sein Glücksgefühl heut dankte, der liebe Spießer, 261 der durchgeglühte Stallmeister, der Freund des Herzogs, der alte Schnitzelmeister – und Amarelle – so zog er dahin wie trunken unter Buchen, die nicht maigrün in Seidenblättern weich rauschten, sondern purpurbraun im Sonnenfeuer standen.

Da lag endlich das zentifolienfarbene Haus, seine Heimat, vor ihm. Die vielscheibigen Fenster schauten klar und hell.

Er stand und schaute. Das Tor mit den liebenden Flügeln war geöffnet wie bei seinem ersten Eintritt. Nun ging er wie träumend. Seine Liebe, sein Glück wuchsen über ihn hinaus und trugen ihn wie Flügel.

Eine zarte dunkle Gestalt kam aus dem Tore auf ihn zugelaufen, und ehe er sich's versah, hing sie an seinem Halse und küßte ihn, und Tränen fühlte er und spürte die volle Wange des guten seltsamen Kindes. »Ach, daß Sie kommen! – Wie haben wir gewartet!

Er ist da! Er ist da!« rief das kindliche Geschöpf jubelnd und zog ihn mit sich.

Amarelle stand unter den purpurleuchtenden Buchen im weißen Kleid, im leichten grauen Busentuch, dieselbe, wie er sie verlassen hatte, und streckte ihm die Hände entgegen.

 

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