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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Der Freiherr reist mit einer Toten. Er gerät in eine Nußschale. Der Freiherr bekommt ein Schnitzelmesser. Die geheimnisvolle Stunde. Der Brief.

In einem südtiroler Städtchen war in silberfarbener Abendstunde eine schwerfällige Reisekutsche, wie solche zwischen den gewaltigen Frachtwagen, Reitern und Fuhrwerken aller Art auf der Brennerstraße verkehrten, durch die enge, schmale Gasse eingerumpelt, durch die seit Jahrhunderten der mächtige Verkehr zwischen Italien und Deutschland strömte. Sie hatte vor einem der vielen Gasthäuser gehalten, die Tag und Nacht bereit waren, Reisende, Fuhrleute, Wagen, Vieh- und Warentransporte aufzunehmen, zu versorgen und zu bewirten.

Das Gasthaus lag auf dem einzigen Platz des Städtchens, zu dem sich die lange Straße, die sich zwischen Fluß und mächtiger Bergwand dahinzog, erweitert hatte, damit Raum geschaffen war für all das Fuhrwerk, für alles Bewegen der beiden entgegengesetzten Ströme, die sich hier stauten.

So war auch der Reisewagen durch Rufe, Flüche, Hemmungen aufgehalten, bis er endlich vor dem 230 Herbergstore stand und von einer echten und rechten Wirtin und dem Hausknecht in Empfang genommen wurde.

Aus der alten Leder und Wagenschmier duftenden Kutsche stieg ein junger Herr von gutem Ansehen im grauen Reisehabit und grauer Mütze, unter der gepudert der Haarbeutel hervorsah, und an den Schläfen ein wenig steife Flügellocken.

Er reichte der Dame, die ihm folgte, einer zierlichen jungen Person, die Hand beim Aussteigen.

Die Wirtin stand und musterte die Ankömmlinge mit der wägenden Miene der kundigen Geschäftsfrau.

Der junge Mann wandte sich mit leichtem Gruß an die Wohlhäbige: »Ich bitte, meiner Begleiterin ein ruhiges Zimmer anzuweisen, da sie ermüdet ist von der Reise.

Sie werden entschuldigen, ich muß mich sogleich nach etwaigen Briefen umtun, die mich hier erwarten sollen.«

Die Dame stand erschöpft und bleich neben ihrem Begleiter, nickte nur leicht.

Die Wirtin aber fiel dem jungen Herrn ins Wort: »Briefe, Euer Gnaden? Wir sind das Postwirtshaus. – Soviel ich weiß, ist aber kaum ein Brief gekommen, der für Euer Hochwohlgeboren möchte gemeint sein.«

Der junge Mann lächelte über die sichere Welt- und Menschenkenntnis der Frau, die sich inzwischen mit allerlei kleinem Reisegepäck beladen hatte, das sie dem 231 Hausknecht abgenommen, der sich an den Koffern, die rückwärts am Wagen festgeschnürt waren, zu schaffen machte.

Die seidenweiche Luft umspielte die Wangen und mutete die Ankömmlinge lieblich an in der gemilderten Abendkühle.

Sie atmeten auf nach dem langen Eingeschlossensein in der dumpfen Kutsche.

Über die Dächer der Häuser schauten im letzten Abendlicht Weinberge und über dem rauschenden großen Brunnen auf dem Platz vor dem Hause und den gewaltigen grauweiß, nebelhaft schimmernden gewölbten Planen der Frachtwagen und allem, was da lebte und webte, lag es für den, der hier offenen Herzens aus dem Norden ankam, wie neues Leben, das der Sonne mehr zugetan war und die Sonne dem Leben.

Ja, eine sehnsüchtige Seele spürte hier in der milden, zarten Abendluft etwas wie Heimatsodem.

Die Wirtin führte ihre Gäste eine wie in Fels gehauene enge Steinstiege in die Höhe und wies beiden zwei große, weite Zimmer an.

Durch die Fenster des einen schaute man in grüne Dämmerung, und Flussesrauschen war hörbar.

»Für die Gnädigste,« sagte die Wirtin, »und der gnädige Herr muß vorerst mit einem vorlieb nehmen, das auf den Marktplatz blickt, bis ein anderes sich findet.«

232 So eine Wirtin vom echten Schlag weiß, was sie zu tun hat, ist fast allwissend in bezug auf ihre Gäste; auch ehe sie mit dem gewaltigen Fremdenbuch herantritt, um sich Gewißheit zu verschaffen, und auch solche Gewißheit ist durchsichtig für ihren alles erfassenden Blick. Wie aber Mann und Weiblein zueinander stehen, da ist sie treffsicher, da begegnet ihr kein Irrtum. Daß diese beiden nicht zueinander gehörten, das stand fest, obwohl sie wie füreinander geschaffen anzusehen waren.

Der junge Mann suchte, trotzdem die Wirtin ihm Maß genommen und gefunden hatte, daß keiner der angelangten Briefe auf ihn passe, dennoch den erwarteten zu erlangen –; aber vergebens.

Und so war er denn auf diese Herberge angewiesen, zu warten, bis er mit seinem Brief zusammentreffen würde.

Und so geschah es, daß das junge Paar hier hausen mußte, um zu erfahren, was das Schicksal mit ihnen vorhatte.

*

So finden wir unseren alten Freund im Sonnenländchen auf dem Scheidepunkt zwischen Nord und Süd, wartend auf die große Sonne, der er entgegenreiste, die ihn ausglühen sollte von allen Schlacken seines nördlichen Wesens.

233 Eine gar wunderliche Reise hatte er mit seiner Begleiterin, der Frau Stallmeisterin, hinter sich, die von Rechts wegen still in ihrem Grabe hätte liegen sollen unter der ungeheuren Schar der Toten, dem unendlichen, ewigen Meer, das rastlos am kleinen Eiland der Lebenden frißt und zerrt und raubt. Sonderbar spürte er auf der langen, beschwerlichen Fahrt in den abenteuerlichsten Fuhrwerken und Fortbewegungsmöglichkeiten, daß er mit einer Toten reiste.

Er, der ihre Totenfeier mit dem Stallmeister begangen hatte, war nun ungewollt zu ihrem Entführer geworden und spürte voll Pein und Widerstreben, daß er mit des wunderlichen, doch verehrten Mannes Eheliebsten in die weite Welt fuhr, ausgeschieden mit ihr von allen Lebenden. Das Gespensterhafte, das sie seit jener Nacht für ihn bekommen hatte, das von ihr nicht wich, übertrug sich auch auf ihn wie eine Krankheit.

So waren sie miteinander rechtlos und ausgestoßen endlos dahingefahren. Er im Herzen das Bild Amarellens, ein warmes, lebendiges, liebevolles Bild. Selbst wie ein Toter erschien er sich, der solch einen Schatz hilflos und eingesargt im Herzen trug. Und dieses Bild bewegte sich ohne ihn in großer Ferne auf der schönen Erde, die einst auch sein war, und er träumte von einem großen Glück, das er besessen. Und wie er oft ganz in Erinnerung versank und alles andere aus seinem Leben 234 wich, auch die Gegenwart, war es ihm in seiner Eingesargtheit, als habe er Schönstes erlebt, Schöneres als jeder andere, und er fühlte sich eng mit seinem Glück verbunden. Burg – Burg, dachte er – und wollte einfach gut sein, nicht unfreundlich, wollte sein besonderes Schicksal mit Anstand tragen, als ein Edelmann, nicht als Raupauz.

So wandte er sich oft an seine Gefährtin und fragte: »Frau Stallmeisterin, wie steht das Befinden? Nicht wahr, so lang dachten Sie sich die Reise nicht? Geographie auf der Karte ist bequemer?«

Er half ihr dann behaglicher zu sitzen, sorgte, daß die Reisevorräte sich freundlich gestalteten, kaufte, wo es möglich war, Obst und Konfekt bei einem Lebküchner, war höflich und hilfsbereit. Die Arme konnte sich keinen tadelloseren Reisegefährten wünschen.

Sie reiste wie eine hohe Dame mit ihrem Reisemarschall – aber welch ein Wunder: Wenn sie die Augen schloß und ein wenig eindämmerte, war es ihr, als säße der Herr Stallmeister von Werthern neben ihr, geradeso kühl strömte es zu ihr – oder vielmehr, es strömte nicht. Ein leerer Raum dehnte sich zwischen dem Freiherrn und ihr in der engen Kutsche – und eine Stille. Ein höfliches, freundliches Wort fiel hin und wieder spärlich wie beim stilisierten Mann, und ein durchaus korrektes Betragen fröstelte sie an.

235 Die Fiedlern hatte gesagt: »Geh, mei Kind – laß das, – Ei Mannsbild is merschtenteels wie's andre. Du wirscht sehn! – Mach d'r keine solche Mieh.« Wäre die Fiedlern jetzt mit in der Kutsche gesessen, hätte die arme kleine Stallmeisterin sich sicher in die weite schwarze Schürze der Alten gemuschelt: »Es is so traurig – so traurig. – Geh, sag Saudeffchen zu mir!«

Doch wußte die brave Stallmeisterin gar wohl, daß es auch andersgeartete Männer gab als ihren Eheliebsten und den Reisekameraden – aber sie hatte nun einmal mit diesen beiden kein Glück.

Ganz sonderbar war es, als der Freiherr so tagelang neben der hübschen Frau saß, schlafend und wachend, und durch das liebe Deutschland rumpelte, kam über ihn eine traumhafte Veränderung. Neben Amarelle war es der Stallmeister, der am lebendigsten ihn bewegte, wohl sehr natürlicher Weise.

Wie sollte er dem ihm so sympathischen Manne je wieder vor die Augen treten, wie gab es eine Möglichkeit, diesen zu überzeugen, daß er in Wahrheit nie »Ofen« gesagt.

So war er unversehens in Denkungsart und Ausdrucksweise des Stallmeisters geraten, mit der er eine gewisse Seelengemeinschaft schon oft empfunden. Die Totenfeier, die er mit ihm gehalten, war gut gewesen wie sein Erinnerungswein und würdig schlicht.

236 Wer aber und was war die Stallmeisterin eigentlich? Ein Gespenstlein? – Ein Saudeffchen? – Eine kleine Weltdame? Ein Ding, aus tausenderlei zusammengeweht – und man konnte es auseinanderblasen wie Schaum? Aber Tränen hatte sie doch? – Ja es gibt unendlich verschiedene Tränen.

Abwarten, was übrig bleibt!

Auf einer langen Reise taut alles ab, was angeweht ist und man lernt sich kennen. – Das war wieder der Stallmeister, der aus ihm dachte. Ja der führte ihn gewissermaßen. Sagte ihm: Halt, Ruh! – In deiner Lage sind Worte überflüssig. Denken auch – denn du kannst nichts machen.

So waren sie miteinander in das Sonnenstädtchen gekommen. Hier warteten sie auf ihre Reise ins Blaue.

Ein Brief kam von Amarellen als Antwort auf den seinigen, den er in jener Morgendämmerung nach der verhängnisvollen Nacht geschrieben:

»Mein Lieber, geh' Deinen schweren Weg, von dem ich nicht weiß, wohin er Dich führt – den Du gehen mußt. Meine Gedanken sind bei Dir und so ganz bei Dir, nur Dir zur Stärkung und Freude, ganz frei, wie es gar nicht anders sein kann und darf.

Alma umschlingt mich oft, legt ihre runde Wange an die meine. ›Du hast doch mich,‹ sagt sie dann, ›und ich trage alles zum Allerreinsten – und der läßt dem 237 Freund nichts geschehen. Er führt ihn an der Hand, wie er mich führt, und ich gehe immer in großer Freude.«

Einen schöneren Segenswunsch kann ich Dir nicht schicken, wie mein armes, überseliges Kind mir ihn wie tiefstes Geheimnis zuflüstert – und so ist es und soll es werden.

Alle seligen Geheimnisse sollen um Dich sein.«

*

Ein anderer Brief kam später und hielt sie fürs erste hier im guten Ländchen. Im Lande der großen Sonne war in den Städten Pest ausgebrochen und man konnte nicht reisen. So blieb dem wunderlich vereinten Paare nichts übrig, als auszuharren.

Die Stallmeisterin fühlte sich in ihrem weiten, kühlen Zimmer, von dem aus sie hinaus in ein sonniges Tal blickte, durch das ein lebendiger, rauschender Bergstrom floß, gar nicht übel. Im Wirtshaus immer Verkehr und Unterhaltung, die Wirtin eine muntere Frau, die den Erzählungen der hübschen Dame wohl oder übel Glauben schenkte, die sich auf der Reise zu ihrem Gemahl nach Kairo befand und von einem Verwandten desselben begleitet wurde.

Na – na! dachte die Wirtin, muß a rechtschaffener Esel sein, der Herr Gemahl.

Aber was ging es sie an, die hübsche Dame zahlte ihre bescheidene Zeche, benahm sich fein und liebenswürdig 238 in der großen Gaststube, in der mittags und abends eine ansehnliche Tafel gedeckt war, und Reisende kamen und gingen und hielten wohl auch ein paar Tage Rast.

Der junge Mann streifte in der Gegend umher und war in ein winziges Stübchen gezogen bei einem alten Holzschnitzer.

Zu Mittag speiste er mit seiner Dame hin und wieder an der Wirtstafel und beobachtete, wie seine Tote an Lebensmut und Daseinsberechtigung augenscheinlich gewonnen hatte und am Bewußtsein ihres außergewöhnlichen Zustandes ganz merklich einzubüßen schien, ja, es kam ihm vor, als wäre sie dabei, ihn ganz zu vergessen.

Sonderbar, wie alles Weimarische, Höfische von ihr abtaute und eine Person zutage trat, die sich vortrefflich der bunten, reisenden Wandergesellschaft anpaßte, vielfach Gelegenheit zum Plaudern fand, die liebenswürdige Strohwitwe spielte, von ihrem Gatten in Kairo so wahrheitsgemäß sprach, daß man an dem Gatten nicht zweifeln konnte. Sie war eine so gute, allerliebste Frau, die sich selbst vor der Pest nicht fürchten würde – aber die Schiffahrt, die feigen Reeder! Die waren's, die sie hier festhielten. »Feigheit,« sagte sie, »ist mir so ekelhaft.«

Wenn der Freiherr solch einen von Wirklichkeit und Selbstverständlichkeit beladenen Satz hörte, schaute er nachdenklich und lächelnd, und ihm war, als würde sein 239 Mund schmal und weit wie der des Stallmeisters und hielt wie eine Haselnuß zwischen den Lippen: »Welle.«

Und sie schob die Unterlippe vor, fühlte sich blamiert, durchschaut und stumm beobachtet, grad wie bei ihrem Stallmeister selig.

Herrgott noch einmal, dachte sie dann, bin ich denn verhext oder sind die beiden es? Das hätt' ich mir wahrhaftig alles schenken können, wär' ich bei dem Einen geblieben.

Wenn sie miteinander etwa am Flusse spazierten, schien hingegen die Frau Stallmeisterin von Werthern wieder da zu sein, schlug in die Hände, wenn er irgend etwas bemerkte oder einen seiner sonderbaren Aussprüche tat, und rief: »Reizend! – Schön! – daß es so etwas gibt!«

Sie war dann überhaupt allerliebst zu ihm, wieder die geistig sehr bewegte weimarische Dame, die über alles mitsprechen konnte – und auch über alles sprach. – Ja, dann war es manchmal, als wären sie noch in Weimar; aus ihr redete wieder der Herzog, der ganze Hof; auch Genieausdrücke kamen zutage – und auch wohl einmal ein so reines Wort voll Kraft und Unmittelbarkeit, als wär's ein Wort, das einst, als die Welt noch jung war, ein froher, reiner Gott, der auch das Leid kannte, gesprochen hatte.

So ein Saudeffchen! – dachte dann der Freiherr – welch ein Salat! – Das ist von ihm – das hat sie von 240 ihm! – Und vor ihm stand des Herzogs Freund, und er ging im Geiste mit ihm, wie damals im Baumgarten vor dem brennenden Dorf, im hohen, tauigen Gras – und der Sterbende hatte Rätselhaftes verkündet. Die höchst seltsame Stunde, die im Drange der Begebenheiten aller Art in seiner Seele wie verglommen war, stand auf einsamen Wegen jetzt oftmals wieder vor ihm, als hätte er sie eben erst erlebt.

Sie hatte in seiner großen Herzenseinsamkeit etwas Bedeutendes für ihn bekommen, und er sah den außerordentlichen Menschen »sittsam«, wie des Herzogs Freund sich einst ausgedrückt, als er von sich sprach, seines Weges ziehen, wie einen starken, stillen Strom.

Er trat im Geiste wieder mit ihm in das Haus unter den Bäumen im Ilmtal – und sah ihn schlafen, als versänke er sanft und leicht in die Ruhe der Gottheit.

Dann wieder empfand er die Kraft des wundersamen Buches, die allein aus Wahrheit und einer seligen Bewußtheit des eigenen Wesens floß.

Und er gedachte, wie unruhig er selbst schliefe, des schweren Zum-Schlafe-Kommens und der bösen Verkündigung des Sterbenden, die ihn selbst betraf. Ja, er spürte das Rastlose in sich, das Unbehauste.

Wo hatte er Wurzel geschlagen? – Nicht in der Welt, nicht in sich selbst – und war geneigt, zum Weltverbesserer zu werden, wie viele so Beschaffene.

241 Des Herzogs Freund mochte vom Weltverbesserer weit entfernt sein.

Er selbst fand in sich nichts, was ihm gefallen konnte, was ihm sein Dasein heimisch machte. Jede Wissenschaft, mit der er sich beschäftigt hatte, war ihm zum Ekel geworden.

Und nun hatte das Schicksal ihn in ein Zwischenreich gesteckt unter den sonderbarsten Umständen.

Und er beschloß, auf die Intentionen dieses Schicksals anständig einzugehen. – So schrieb er in diesem Sinne an Amarelle, voll Geduld und Heimweh.

*

Wenn er durch seines alten Hauswirts kleine Werkstatt ging, blieb er oft stehen und sah dem Bildschnitzer zu, wie der so sicher und sauber ein Figürchen aus dem Holzblock herausholte.

Die feinen Wesen, die der Alte schnitzelte, glichen einander, eine Mutter Gottes mit dem Kindlein auf dem Arm, in einfache Falten gehüllt; aber sie trug das Kindlein wie eine große Kostbarkeit – und trug es wie in das Leid der Welt hinein, traurig und schweren Herzens, wie eine jede Mutter ihr Kindlein tragen müßte, wenn sie schauen könnte, wohin sie es trägt – ans Kreuz und ins Grab.

Der Freiherr hielt diese schwermütigen Figürchen, von denen eines dem anderen glich, oft in der Hand 242 und spürte die Feinheit des Werkes, sann nach, weshalb wohl der alte Schnitzelmeister nicht müde wurde, immer dasselbe zu schnitzen und mit gleicher Mühe und Hingebung.

So fragte er einmal und bekam zur Antwort:

»Sell woll, mei Liaber. Hascht g'hört, daß der Himmelsvater müd wird, dasselbe fort und fort zu schnitzeln? He? Was dem recht ischt, derf wohl mir auch recht sein? So alt die Krippen (der Leib) ischt, mit mei Himmelsmuata kemm i guat aus. Wenn der Langes (der Frühling) kommt und i schnitz ihr 's G'sichtl, schaut sie ganz spitzbübisch drein – weil 's Kindl dann lacht. – Un wann i Wehtag hab – schaut sie aufs Kreuz – dann ischt's ihr sakkrisch zu Mut, weil 's Kindl hin werden muß. So schaut sie und schaut, wie's ihr ums Herz ischt und mir, mei Liaber. Die kennt si aus und i kenn mi aus.«

*

Eines Herbstabends saß der Freiherr und schnitzelte neben dem Alten in der kleinen Werkstatt, von der aus man durch ein weites Fenster in eine dämmerige Hauskapelle blickte, die zu einem alten Gebäude gehört. Zwei andere Fenster blickten in einen kleinen ummauerten Garten, in dem herbstliche Blumen blühten und Trauben dunkel aus hellem Weinlaub schauten.

243 Das kleine Häusel, in dem der Bildschnitzer wohnte, hockte wie ein Schwalbennest am großen uralten Haus, und das kleine wie das große, mitsamt der Kapelle, dem Gärtlein und dem ungefügen Mauerwerk, das die stille Ecke wie mit einem Wall umgab, war am Bergabhang wunderlich eingebaut, mit steinernen, winkligen Stiegen schwer erreichbar.

Der Freiherr war des alten Schnitzers Schüler geworden und schnitzte ein Weinblatt und schnitzte eine Traube, und der Alte sagte: »Nu rat ich dir wohl, schnitz sie nicht, wie sie ischt, mei Liaber. Schnitz die deine, wie ich die meine Himmelsmuata schnitz. Was dein ischt, ischt dein – und niemand kennt's wie du – und niemand sieht das Himmelslicht darin, – nur du.

Schnitz, wie die Himmelsmuata ihr Kindl liebt, kein Mensch sah im Kindl das Gottesbild – nur sie allein.«

So saß der Freiherr und schnitzelte, und der Alte stand hin und wieder auf, beugte sich über seinen Schüler und nickte. Einmal aber sagte er: »Du bischt nit ungeschickt, Liaber.«

Wochenlang hatte er nichts gesagt – das war das erste Lob. Den Freiherrn durchrann ein Freudestrom, es war, als würde eine Schleuse seines Wesens geöffnet und strömte so wohlig, so lebendig wie in ein verdurstetes Land – und in der Hand hielt er ein von ihm selbst durchwärmtes, glattes, lebendiges Ding, das eine Traube 244 war mit Blatt und Ranke, aber gar wohl in das Blüten-, Frucht- und Blumenwerk des Doms gepaßt hätte, über dessen Gewölbe und Säulenwälder er auf seinen Pfaden durch steinernes Laubwerk hinauf in die steinerne Blume, die im Raum schwebt, einst gestiegen war.

Unverdrossen blieb der Freiherr in seines Meisters Zucht und fühlte sich gar wohl dabei.

In seinem ungewissen Lebenszustand, ganz aus der Welt gefallen, saß er mit seiner heimatlosen Toten, die von Rechts wegen im Grabe hätte liegen müssen, und von einer geliebten Frau ins Ungewisse getrennt, unheimisch auf Erden – und doch – zum ersten Male heimisch, zum ersten Male liebend das Stücklein Heimat, das er selbst war, weil er irgendein Erscheinungsding mit großer Liebe nachgeschnitzelt und wiedergegeben hatte, als sein Eigenstes auf Erden.

So stieg er in den Bergen und Wäldern umher und freute sich, weil der Alte mit ihm zufrieden war, und es war ihm, als könne kein Unheil an ihn heran.

*

Die wundersame Werkstatt des Bildschnitzers mit ihrem Blick in den engumschlossenen Garten und der dämmerigen Schau durchs weite Fenster in den Hauskapellenraum, der tief unter dem Fenster lag, kam ihm wie ein Behältnis vor, in dem er geborgen steckte, eine 245 Kammer zwischen Himmel und Erde, wie eine Nuß, die ihn umschlossen hielt, vor aller Welt verborgen. Der Alte, er selbst, die Schnitzelei, die so innig seinem Herzen vertraut wurde, so ganz unverständig ihm nahe ging, alles erschien ihm wundersam, und wenn er in die lautlose Kapelle blickte, die nie eine Menschenseele betrat, in der die Zeit stillzustehen schien, fühlte er sich wie in einem Traum.

War er bei seiner Arbeit, wurde die Welt ihm so eng und angepaßt, als existiere nichts als er, sein gutes, scharfes Messer und der pulsierende Holzblock in seiner Hand, aus dem das eingeschlossene Leben herauswollte.

So saß er auch eines Morgens schon in aller Frühe, der Meister war ausgegangen, die helle Sonne schien im Gärtchen. – Da hörte er aus der Kapelle feierliche Klänge, und als er durch das breite Fenster hinab in die geheimnisvolle Dämmerung sah, war da am Altar ein Priester im Ornat, der die heilige Messe zelebrierte, ein Chorknabe, der den Weihkessel schwenkte, und eine alte Frau, die einsam im Chorgestühl saß und dem feierlichen Gottesdienst andächtig lauschte.

Es mochte ein Totenamt sein, das die Alte für einen Abgeschiedenen feiern ließ.

Erschütternd klangen geheimnisvolle Worte aus der Tiefe herauf in die Werkstatt und Weihrauchduft stieg empor.

246 »Christe eleison – Christe eleison – Christe eleison.

Kyrie eleison – Kyrie eleison – Kyrie eleison« klang es gewaltig.

Und der Freiherr trat zögernd näher an das Fenster, nachdem er ganz befangen sich dem Eindruck hingegeben, und er sah, wie der Priester den Kelch abdeckte und der Ministrant mit der Klingel ein Zeichen gab und in der Mitte des Altars die Reverenz machte und mit der rechten Hand dem Priester das Weinkännchen reichte, danach das Wasserkännchen. Dann sah er, wie der rot und weiße Ministrant das Lavabotüchlein richtete und über den silbernen Teller, als der Priester seine Finger darbot, ihm langsam etwas Wasser goß. Dann faltete er das Tüchlein zusammen und kniete auf die unterste Stufe in der Mitte des Altars.

Und der Priester betete: »Orate fratres.«

Die alte Frau neigte sich tief in ihrer Einsamkeit vor dem Allerheiligsten. Wesen, die nur sie kannte, lebten in ihrem Herzen auf, die ihr teuer waren, die ihre Jugend kannten, deren Seelen sie Gott anempfahl.

Und der Priester breitete die Hände über den Kelch und dann über Hostie und Kelch und machte das Kreuz und der Ministrant klingelte einmal, steht auf, geht mit der Klingel in der Hand in die Mitte des Altars, kniet auf der obersten Stufe hinter dem Priester und faßt das Meßgewand.

247 Der Priester beugt das Knie, der Ministrant klingelt einmal und die heilige Hostie wird emporgehoben. Der Ministrant klingelt dreimal.

Ebenso bei der Aufhebung des Kelches. Dann küßt der Priester den Altar.

Herzergreifende Geheimnisse und Symbole drängen vor. Mit dem Weihrauch, dem uralten Opferrauch, steigt uralte Gottessehnsucht empor, legt sich ans Herz in Schauern einer höheren Welt.

Was geschah in der Kammer zwischen Himmel und Erde, in der Nuß, die sich um den Freiherrn geschlossen hatte?

Wie war er in diese Nuß gekommen? Auf welch eine Reise hatte Emanuel Karger, der Spießer, ihn geschickt? – Und da klopfte es an die Türe, die in den Garten führte – und ganz benommen vom Weihrauch und dem Hinsinken einer unerkannten Welt, die in Symbolen, Lauten, Düften sich andrängen will, wankte er der Türe zu – öffnete – Sonnenschein drang ein und Blumenduft aus dem Gärtchen, und ein kleiner Bub hielt einen Brief ihm entgegengestreckt. »Von der Wirtin,« sagte das Bübchen. Dann lief es eilig davon, und Einsiedel stand mit seinem Brief allein mitten in den Bewegungen, die aus tiefer Dämmerung zu ihm aufgestiegen waren.

Er öffnete die Siegel mit bebenden Fingern: sein Bruder hatte geschrieben. 248

 

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