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Die leichtsinnige Eheliebste

Helene Böhlau: Die leichtsinnige Eheliebste - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie leichtsinnige Eheliebste
authorHelene Böhlau
year1925
firstpub1925
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleDie leichtsinnige Eheliebste
pages261
created20100917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Der Freiherr erkennt, daß der Stallmeister wirklich ein Gefeiter ist. Ein Gespenst ruft mit unstillbarem Flehen: »Herr von Einsiedel! August von Einsiedel.« Einsiedel führt diesen Geist in den tiefsten Schatten des Baumgartens.

Der Stallmeister von Werthern saß im stillen Wohnzimmer in Abenddämmerung. Die zwei Lichter brannten schon – und er hielt die Hand um das halbgefüllte Weinglas und saß in Ruhe, führte das Glas nicht zum Munde, schaute mit großen, hellen überaus klaren Augen.

Es war keine gewöhnliche Stille; sie war voll Feier und Inhalt.

Das Zimmer auch in Ruhe, nichts was den Raum sonst lebendig erfüllt hatte, lag oder stand umher, keine Blume im Glas, kein buntes Band, kein Döschen und Körblein, kein rasch abgelegtes farbiges Tuch, kein aufgeschlagenes Buch, kein lustiger Hut, keine leichte Handarbeit, die sorglos sich beschäftigende Hände niederlegten, um sie zu behagender Stunde wieder aufzunehmen. Das Zimmer war aufgeräumt wie eine Kirche.

Und der Stallmeister mit seinem Glas saß wie ein stiller Andächtiger darin.

212 Freiherr von Einsiedel wurde gemeldet – und wie einmal schon reckte der Stallmeister den langen Arm in den Raum, ob das, was da käme, sich wie an einer ausgelegten Angel fangen würde. Und siehe da, es zog an ganz gewichtig. Einsiedel drückte die ausgestreckte Hand wortlos, voll Teilnahme und Bestürzung.

Der Stallmeister spürte die Gemütsverfassung des Fisches am Zuck und Druck und sie war ihm durchaus sympathisch.

»Sturmesausklang« – murmelte der Einwortmann, der sich kurz fassende. »Sturmesausklang,« wiederholte er aber noch einmal.

Hierauf war wenig zu sagen, denn alles, was der Stallmeister fühlte und was seine Meinung war, lag damit klar und offen vor dem Freiherrn ausgebreitet, so daß ihm nichts übrig blieb, als die Hand nochmals herzlich zu drücken, einen Stuhl zu nehmen und sich dem stilisierten Mann gegenüber zu setzen.

Mit eigentümlichem Befremden bemerkte Einsiedel, in welcher Ordnung der Mann sich befand; nicht nur die bewegliche Frau ohne Komma, wie der Stallmeister die Eheliebste zu benennen liebte, war dahingeschwunden, sondern auch der ganze Hofstaat niedlicher, anheimelnder Dinge. So ganz fortgewischt waren diese Dinge, und der Stallmeister war feierlich, als trüge er eine neue Würde.

Fast wie ein alter Bauer saß er da, mit dem man über die elementaren Dinge des Lebens nur schwer sprechen kann.

213 »Fassungslos bin ich!« begann Einsiedel endlich, weil ihm gegenüber dieser monumentalen Ruhe nichts anderes einfiel; »wie denn um Gottes willen ist dies alles gekommen?«

Befremdet schaute der Mann mit großen, klaren Augen auf seinen Kondolenzbesuch, wohl den ersten, den er empfing. Einsiedel war sofort nach erster Nachricht von Frau von Wertherns Tod aus Berka zum Stallmeister geeilt.

Nach einer Weile: »Fassungslos? – Auf was soll man gefaßt sein? – wenn nicht auf den Tod?«

»Sicherlich – aber – immerhin – so eine junge Frau – so plötzlich.«

»Zuviel Welle gemacht,« war die ruhige Antwort.

Ein zweites Glas hatte der Diener gebracht und der Stallmeister goß dem Freiherrn bedächtig und ernsthaft ein. Ein auserwählter Duft stieg aus dem Glase auf; geheimnisvoller Sommer, Herbst und Blumenduft vergangener Zeiten.

»Ältester Jahrgang aus dem Keller des Urgroßvaters. – Hoher Feiertagswein.« Er hob sein Glas und stieß mit Einsiedel an auf würdevolle und schöne Weise.

»Erinnerungswein verschiedener Generationen.«

Der Wein floß schwer wie Öl über die Zunge und der Geschmack war wie der Duft, als tränke man die schwere Süße aller Sommer, die er überdauert hatte.

Einsiedel fühlte sich diesem Manne und diesem Wein gegenüber klein. Er wagte nicht so recht etwas zu sagen, 214 so wenig er sich mit einer alten ägyptischen Königsstatue unterhalten haben würde.

Er trank bedächtig und schaute ruhig, wie auch sein Gegenüber dies tat.

Und es war das Rechte.

Der Wein verbreitete seinen Duft im ganzen Raum und jeder Schluck drang in die beiden Männer ein wie eine große geistige Kraft.

Der Freiherr konnte gegen die Totenfeier des Stallmeisters nichts einwenden – und doch fragte er leise: »Und sie ist der Erde schon übergeben?«

»Die Saat ist bestellt,« war die Antwort. Dann wieder langes, tiefes Schweigen und langsam bedächtiges Schlürfen der kostbaren Tropfen.

Ein neuer Anhieb zu einem Gesprächsfragment: »Ehe du ›Ofen‹ sagst zu einem Weibe, sei dir bewußt: Ofen – Wärme – Sonne, damit sei vorsichtig in allen Fällen. – Aber daß du damals nicht ›Ofen‹ sagtest, – dafür wird Gott der Herr dir gnädig sein.«

Und der Stallmeister reichte dem jungen Freunde kräftig die Hand und entließ ihn so.

*

An diesem Abend, als der Freiherr auf seinem scheckigen Gaul nach Berka zurückritt, dachte er: Auf was für eine Reise hat Emanuel Karger mich geschickt, auf einen Turm, 215 in die feinste Spitze, in die Blume, die Blüte des Turmes, die Blüte aus Stein, die schwebend, von ungeheuren Lasten, Mauern, Gewölben und Säulen getragen, hinausragte über alles was Erde heißt.

So wollten sie sich Gott nähern. Mit dem schwersten, dem Stein, rangen sie sich bis vor Gottes Angesicht und schwebten über aller Kreatur.

Welch Ungeheures taten sie.

Und daß sein Spießer solches wußte!

Einsiedel dachte voll Liebe an ihn, den er nie zu einem freien Freundeswort vermocht hatte – und er wollte ihm schreiben von allen Wundern, die ihm begegnet waren.

Heute hatte er auch in solch eine Turmblüte und Blume geschaut, die einsam, unberührt von Sturm und Wetter, im Raume ragte. Ein sonderbares, geheimnisvolles Gebild, von dem Einsiedel nicht wußte, wie es mochte zustande gekommen sein. Was hatte sich ihm alles aufgetan in dieser kurzen Zeit der Reise.

Des Herzogs Freund, das fühlte er, war kein Turm, der über Gewölben sich emporrang, die Tausende von Menschenkräften gefügt hatten. Dieser Mensch war wie ein Baum gewachsen und wuchs herrlich in die Höhe, ohne von Massen gehoben zu sein, aus eigenen wundervollen Mächten, von Sonnenlicht emporgezogen, von Sturm und Nachtregen gekräftigt.

Und Amarelle! – Amarelle! – Welch schönes Wunder!

216 Da erwachte ihm mit einem Male sein ganzes Sein. Der schnöde Wortzauber riß mitten durch – und er sank im Geiste an das liebste Herz. Frei und ganz kam er zu ihr, von nichts zurückgehalten – von nichts beschwert. Seine Liebe war in der Stille und Bedrücktheit gewachsen, war schöner geworden, beseligender.

Sie kam über ihn wie Sonne nach dunklen Regentagen. Alles fiel von ihm ab, alles Menschenwerk, und seine und ihre Liebe hob sich empor.

Und er schaute sie in ihrer ganzen Güte und Schönheit der Seele und des Leibes – und sah Karl Augusts junges Maul, aus dem leichtsinnig und witzig das Wort geschlüpft war, das ihn gelähmt hatte.

Die Zauber verschwinden, sind nicht ewig, laufen ab, wenn ihre Stunde kommt.

Und diese Stunde war gekommen, wie jede Stunde einmal kommt.

Ein böser Zauber kann sich lösen, wenn der Unfreigewordene in das Reich großer Lösungen eintritt – einem Befreiten nahekommt, um den die Entzauberung wogt und von ihm ausströmt.

Wir leben von Einflüssen, die wir nicht kennen, wir gleiten durch Strömungen, deren Kräfte wir nicht ahnen.

So ritt er dahin, ein freier, liebender Mann – und packte im Geiste schon, um morgen des Tags bei ihr zu 217 sein, einzureiten in das Tor mit den ausgebreiteten liebenden Flügeln.

Und den Scheckengaul durchrann es wie Feuerskraft, das Glück, die Liebe und die wiedergewonnene Freiheit seines Herrn. Er spitzte die Ohren und verfiel in einen freudigen Trab.

So zog wieder übereinandergetürmt ein frohes Doppelwesen die mondbeschienene Straße.

*

Als Einsiedel vor dem kleinen Bürgerhaus in Berka hielt, der Schecke gar mutwillig stampfte, der Hausherr gefällig in Zipfelhaube und Schlafrock aus dem Fenster schaute, das Tor aufschloß und den Schecken versorgte, da schlüpfte ein fröhlicher Mann in sein ebenerdiges Zimmerchen, das den Ausblick in den großen, monddurchschienenen Baumgarten des Hauses hatte.

Und selig befreit, ganz liebend, ganz beglückt und ohne Zweifel an dem alles verstehenden Mitgefühl der Burg, wandelte der Mann auf und nieder, versunken in sein Glück und voll Verwunderung über die eigene Abtrünnigkeit, die unzeitgemäße Verkrochenheit seines Wesens – und er war so ganz im zentifolienfarbenen Haus, seiner einzigen Heimat auf Erden.

Draußen auf der Treppe brannte ein winziges Ölfunzelchen in einer Mauernische, an dem 218 entzündete er sich die Kerze, und nun war es zutraulich im Raum.

Amarellens Silhouette hing über seinem Bett, er nahm sie von der Wand, barg sie an seinem Herzen und wandelte weiter auf und nieder im Reiche seiner Liebe.

– Da war es ihm, als hörte er seinen Namen rufen – undeutlich. – Es mochte Einbildung sein – Täuschung, erregt und bewegt wie er war.

Aber wieder rief es – eine zaghafte Stimme:

»Herr von Einsiedel – August von Einsiedel!«

Da stand er still. – Was war das? – Wer rief da? – Welche Stimme!

– Und wieder: – »Herr von Einsiedel! – August von Einsiedel!«

Ein nie gekanntes Grausen. – Sollten Tote wiederkehren können?

– Unfähig, sich zu bewegen, stand er, kalt übergossen, in keinem Gliede Kraft, gelähmt von nie gekanntem Schrecken.

Und wieder rief es ängstlich – so äußerst sonderbar: »Herr von Einsiedel – August von Einsiedel!«

Er war in seiner Angst empört. – Er, der freie Mensch, der die Welt von allem Aberglauben erlöst hätte, wenn er gekonnt, er von Geisterfurcht zu Gallerte geworden!

Jetzt – ganz nah vor dem Fenster! Es lispelte in die Stube hinein: »Herr von Einsiedel! – August von 219 Einsiedel!« so jämmerlich, so gottserbärmlich, wie nur eine arme Seele lispeln kann.

Langsam richteten sich des Freiherrn Augen auf das Fenster; – da sah er im Mondenlicht und von dem Licht der Kerze trüb angestrahlt ein bleiches Wesen stehen, das die Züge der Amalie von Werthern trug und wunderlich vermummt war in einer Bürgerinnenhaube und in etwas Faltigem, einem Mantel gleich.

Ein scheuer Blick hatte ihm das gezeigt. Seine Gedanken wirr, wie schwer erkrankt, ganz aus der Bahn geworfen.

– Hatte man sie so ins Grab gelegt?

Kein Wort konnte über seine Lippen. Ja, ihm kam es gar nicht, daß hier ein Wort vonnöten sein könnte. Er starrte, ohne auf das Ding zu blicken.

Und wieder: »Herr von Einsiedel!« rüttelnd klang das – und so bänglich verzweifelt – so dringlich – so gräulich eindringlich.

– Und jetzt: – Ein Lachen! Ein Anlauf zu einem Lachen – ganz hölzern – so voller Unnatur, so nicht am Platze.

So ließ er sich das Gespenst abmühen, ohne auf irgendeine Weise sich mit demselben in Verbindung zu setzen, bis der arme Geist in höchst menschliche Laute ausbrach und in eine Tränenflut: »Ich bin's ja – ich selbst – bin gar nicht tot – ach, Herr von Einsiedel!«

220 Aber ein Entsetzen vertrieb das andere, ohne daß der Arme aus seiner Erstarrung sich lösen konnte.

»Um Gottes willen, – nicht tot?«

»Still! – Still,« flüsterte es bang, »Sie wecken ja die Leute!«

Was war da in sein Leben eingebrochen?

Etwas Unerhörtes! – und er konnte sich nicht entschließen, durch irgendein Lebenszeichen, eine Frage, eine Ermutigung dem Ding da draußen den Weg zu bahnen, sich ihm zu nähern. Mit aller Kraft hielt er es durch Schweigen zurück.

Ja, hätte er eine Pistole zu Händen gehabt, er hätte sie wie im Wahnsinn nach dem Grauenhaften draußen im Mondschein abgeschossen. Es war etwas Unmögliches, was sich ihm da nähern wollte – das ahnte er – das wußte er im Innersten – und er sträubte sich wie ein Tier. Da hatte er die verloren geglaubten menschlichen Instinkte, die er in Afrika neu erforschen und suchen wollte – da waren sie.

Das Ding draußen aber mochte auch an den Grenzen seiner menschlichen Möglichkeiten angekommen sein. Namenlos, rechtlos, aus dem Leben verstoßen – ausgelöscht, ein Nichts, stand es nackter, als es aus seiner Mutter Schoß gekommen, von allen Lebenden verleugnet.

Was es getan, spürte es nun voll Furcht und zitterte am ganzen Leibe. Das ungeheure Gewitter, die schwarze 221 Wolkennacht, die furchtbare Donnerstimme, die es oben in der Einöde so bedrängt hatte, bedrängte es wieder, lag wieder über ihm – im Geiste.

So verharrte die arme Larve vor dem Fenster im Mondenschein, und der Mut sank ihr wieder, zu rufen: Herr von Einsiedel! – August von Einsiedel!

Nachdem aber alle Instinkte des Naturmenschen ihr Haupt und ihr Wissen in der Seele des Freiherrn erhoben hatten, tauchte ein feiner Gesell zwischen ihnen auf, an dem Generationen geschliffen, gehämmert und ziseliert hatten, und der hob sich feinknochig, gelenk, in steifen Flügellocken, anständig und mit Geschmack gekleidet, verbeugte sich gehalten gegen das Ding draußen und sagte:

»Frau Stallmeisterin, mit was darf ich Ihnen dienen?«

Und diese gesellschaftlich ruhige Form des erstarrten Mannes übte auf das armselige Bilde im Mondenschein draußen solch eine Wirkung, daß es in sich zusammensank, nur die Hände hielten sich noch am Vorsprung des Fensters.

Da war der Erschrockene neben ihr, stützte sie, hob sie – und sie lag in seinen Armen, wie sie es sich geträumt hatte – doch so ganz anders. Sie wußte, was es heißt, einem Liebenden in den Armen liegen im klingenden, rauschenden Strome des Lebens.

Da mit einemmal, wie durch einen Blitzstrahl ihr trübes, dumpfes Hirn erleuchtet worden war, sah sie, daß sie alles 222 von sich geworfen hatte, mehr, wie ein wirklich Toter es tun konnte. Der hat sein Grab, seinen ehrlichen Tod, liegt im Sarg, ein Stücklein Erde ist sein, er kann da still und ehrbar verwesen – und Gott weiß, was er außerdem hat. Geheimnis ist um ihn und mit ihm, göttliche Versprechungen, alle Kirchen sind für ihn da – alle Pfarrer sprechen von seiner und aller Toten Seligkeit und die Menschen reden gut und mit Anstand von ihm.

Sie aber hatte alles verworfen – war ein Nichts geworden – ganz augenscheinlich eine Larva und ein Monstrum vor Gott und den Menschen. Kein Plätzchen Erde war ihr – ihr gehörte nicht, wo sie stehen konnte.

Und weshalb hatte sie das nicht vordem gewußt? Hätte sie den Unglücklichen gefragt, der sie voll Grausen im Arme hielt, der hätte ihr gesagt: Weil wir, vordem wir es am eigenen Leibe erproben, nichts wissen.

Sie aber fragte nichts. – Und er stand mit dem stummen, weinenden Frauenbild im Arm hilflos bedrängt.

Wohin mit ihr?

Und als sie zu stammeln begann, wirr, unzusammenhängend, von dem, was sie getan – da führte er sie in den tiefsten Schatten des Baumgartens und verbarg sich mit ihr.

*

223 Die Ilm rauschte nächtlich unter schwerschattigen Bäumen, die sich über sie neigten.

Da blieb der Freiherr mit dem ungeheuerlichen Wesen stehen, das ihm jetzt stumm und lastend am Arme hing. Auch er fand kein Wort, keinen Gedanken.

Sie aber weinte vor sich hin auf eine hilflose Weise, wie ein verlaufenes Kind weint, und sie schnüffelte unter Tränen mit der Nase. Sie schien als Tote kein Schnupftuch mitbekommen zu haben, da Tränen und Schnupfen im Grabe kein Recht mehr haben. Es fehlte ihr das Taschentuch, wie ihr jedes Erdenfleckchen, jedes Erdenrecht fehlte.

Und daß es aus der kleinen, so kultivierten Nase rann, zeigte ihre Weltverlassenheit auf eine rührende, armselige Weise, die den Freiherrn veranlaßte, ihr sein zartes Spitzentuch zu reichen, wie er es mit einigem Widerstreben auch einem verlaufenen Kinde gereicht haben würde.

Diese einfache Handlung eines werktätigen Samariters hatte etwas Gutes.

Niedagewesenes, Gespensterhaftes oder Unmögliches muß menschlicher werden, wenn einer sein Schnupftuch solchen Nebenwesen gibt und dieses sich die Nase damit regelrecht geschneuzt hat.

Erstarrung muß so nachlassen – Gespensterfurcht muß so weichen.

Sie hielt das Schnupftuch nun zaghaft in der Hand.

224 Er dachte als ersten ganz faßbaren Gedanken: Wenigstens hat sie sich die Nase geputzt. Etwas ist geschehen.

Das urweltliche Schnüffeln war ihm unerträglich erschienen, Ausdruck alles Unerhörten, aus der Art Geschlagenen.

Die Ilm rauschte, der Mond schien. Die taufeuchten Bäume lispelten mit ihren tausend zarten Blätterzungen – und der Freiherr hielt das einzige Geschöpf auf Erden am Arm, das von Leben und Grab, Himmel und Erde, von aller Menschheit ausgestoßen war, das rechtloseste, namenloseste Wesen der Welt. – Und an ihn hatte es sich festgehangen, und dieses Garnichts, diese Kehrichtflocke war an ihm hängen geblieben wie an einem dürren Zweig, in nächtlicher Stunde, hier im tiefsten Schatten.

»Frau Stallmeisterin, in Gottes Namen, wollen wir nicht zurückkehren zu dem Gefeiten – zu dem Nichtzuerschütternden – zu dem besten Menschen? Der bringt's zurecht. – Wie wär's, wenn wir zu Ihrem Mann gingen? – Glauben Sie mir, der versteht alles. – Frau Stallmeisterin.« Diese durchaus nicht gespensterhafte Anrede wiederholte der Freiherr nochmals, weil es ihm wohltat, Frau Stallmeisterin zu sagen, weil es erdenhaft klang.

Aber da schien neben ihm etwas erstarrt, beleidigt, außer sich geraten, aus dem einzigsten Zufluchtsort gescheucht, so daß es aufschrie in höchster Not, ganz seltsam, ganz fremd, gar nicht wie eine Frau Stallmeisterin, von der 225 man vernünftige Laute hätte erwarten sollen. Nein, das war das urweltlich Gewordene, das überall Ausgestoßene, was so schrie und sich so an ihn klammerte, das sich ganz verloren hatte – das Saudeffchen. »Bleiben Sie bei mir! Verlassen Sie mich nicht, August von Einsiedel; – auch wenn Sie mich nicht lieben, verstoßen Sie mich nicht! – Ich weiß nicht aus und ein! Führen Sie mich, lassen Sie mich in Ihrer Nähe.

Wo soll ich hin!«

Ihm war's, als würfe sie ihm eine Schlinge um den Hals, ihren ungezügelten Willen und eine große, ungezogene Selbstsucht.

Ein Menschenwesen hing ihm fest am Arm, wie an seinem einzigen Halt, den es gepackt hielt, ein Menschenwesen, von dem alles abgefallen war, was sonst einen Menschen in unseren Augen als Menschen kennzeichnet, alle Bürgerlichkeit oder Nichtbürgerlichkeit, alles Gemeinsame, Freundliche, Gefällige, was von Ureltern her sich eingefunden hat. Eine nackte, losgelöste Naturkraft, angefüllt mit Angst und Verwirrung, da war nichts zu spüren als ein Anklammern.

Nie war ihm ein Ding so schwer und fest erschienen als der feine Arm der Stallmeisterin, der sich an den seinen hielt.

»Nehmen Sie mich mit, Herr von Einsiedel – nehmen Sie mich mit, um Gottes willen – verlassen Sie mich nicht! In Kairo hab' ich Menschen, die sich meiner annehmen würden. Bringen Sie mich hin. Sie wollen ja doch fort.«

226 Das war ein Wort! Er begann sich daran zu halten, so nichtssagend und nebelhaft es klang.

Nie hatte sie ihm von Menschen, die sie in Kairo kannte, gesprochen, so oft er sie auch von seinen Reiseplänen unterhalten hatte.

»Und wohin jetzt, Frau Stallmeisterin?«

»Ach ja!« – eine ganz andere Stimme. – »Da hat hier in der Nähe die Fiedlern für mich eine Unterkunft bei Verwandten von ihr, da darf ich ein wenig bleiben, die ahnen nicht, wer ich bin.«

Mitten in dem Gespensterwirrwarr dieses sonderbaren Wesens eine große Bestimmtheit und Vorsorge, die den Freiherrn innerlichst aufbrachte. Er fühlte diese Wohlbedachtheit gegen sich selbst gerichtet, gegen die Freiheit seiner Person. Ihm war's, als legten sich ihm Spinnweben um Gesicht und Hände, als finge er sich in irgend etwas, was nicht zu fassen war.

Es schien ihm, als spränge das Herumtreiberische, das Ausgestoßene vom gesitteten Leben, das Aus-dem-Grab-Gestiegene von ihr auf ihn über.

Er gab sich einen Ruck: Sei auf der Hut, mein Lieber! – und führte das Wesen durch einsame nächtliche Sträßchen und Wege nach dem Unterschlupf, den die ihm so fatale Alte bereitet hatte.

*

227 In erster Morgendämmerung saß ein müder Mann im ebenerdigen Stübchen, dessen Fenster hinaus in den Baumgarten blickten. Zartes graues Frühlicht verfing sich in den dichten Zweigen, die schwer an reifender Fruchtlast trugen.

Von der Ilm her stieg feuchter Dunst und Nebel auf. Die Nachtstille lag noch über der schlafenden, dämmernden Erde.

Im Stall schlug des Freiherrn gescheckter Gaul an das Holzwerk, daß es dumpf ins Stübchen klang. Er träumte vielleicht, daß er im frohen Trabe in früher Morgenstunde seinen Herrn lustig und frei über Wiesenpfade und Waldstraßen trüge und als ströme ihm seines Reiters Frohmut wie Feuerkraft durch die Adern.

Schwer erhob sich der Müde, Übernächtige, wankte dem Tische zu, ließ sich auf den Sessel davor, wie seiner selbst nicht mächtig, fallen, rückte einen Bogen Briefpapier schwerfällig zurecht und begann zu schreiben:

»Heute, Amarelle, ist der Tag, an dem ein Froher sein Bündel schnüren wollte. Aus allem Getrieb heraus – zu Dir! Aus der Torheit des eigenen Wesens heraus – zu Dir und nur zu Dir!

Und er wird kommen! – Wird an Deiner lieben Hand sich wieder führen – wird alles vergessen – seine eigene Verstiegenheit, seine Wichtigtuerei der Welt gegenüber, seine Torheit zu glauben, dieses sich drehende Gestirn sei 228 irgendwie in unsere Hand gegeben, als könnten wir sein Wesen modifizieren nach unserem menschlichen Sinn. Wir denken die Gedanken der Erde, leben, wie sie es will.

Ganz still wird er in das Heiligtum seines Herzens kommen.

Vordem aber hat er etwas zu erfüllen. Wie ein Fels ist's auf seinen Weg gefallen. Frag nicht. – Gedenke mein – sei meiner sicher.

Wenn ihr drei miteinander auf der Birkenbank sitzt am Hügel und in den Sternenhimmel schaut – sei mir nah!« 229

 

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