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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Die Stadt liegt am Fjord. Und von den Spazierwegen, die um die Hintergärten herumlaufen, hat man über das Wasser hinweg eine Aussicht auf ferne Hügel, Wälder und Gehöfte.

Es ist eine alte Stadt und eine liebe Stadt mit vielen kleinen, wundervollen Häusern, sonderbaren Straßennamen und winkligen Gassen und Straßen.

Und mitten in der Stadt auf einem Hügel liegt die Kirche, groß und weiß, mit bunten Fensterscheiben und zackigen Giebeln.

Sie heißt »die Kirche der Weißen Schwestern«. Und ihren Namen hat sie aus der Zeit, als die Stadt katholisch war und hinter ihren kiesbedeckten Wällen Klöster und Stiftungen und fromme Schulen barg, wo die Söhne und Töchter der Bürger unter Psalmengesang und Weihrauch lernten, daß das Leben hienieden nur eine Wanderung in Gebet und Entsagung sein soll; eine Reise durch Waldesdickicht, an drohenden Abgründen entlang, wo bei jedem Schritt, den man tut, Tausende von Gefahren auf einen lauern. Und wo man das Ziel nur dann mit heiler Haut und ohne zu straucheln erreicht, wenn man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, ja selbst in der Nacht, seinen Blick und seine Gedanken und all sein Sehnen nicht auf die Welt und auf das, was von der Welt ist, richtet, sondern auf das Eine, Unsagbare und Unfaßliche: daß das Leben hienieden nur ein ewiger Tod, der Tod selber aber die Schwelle des ewigen Lebens ist.

Ja, so lebte und lehrte man dazumal. Jetzt war es anders geworden.


Es ist dies nicht so zu verstehen, als wenn die Stadt besonders »gottlos« geworden wäre. Keineswegs! An Sonn- und Feiertagen saß man noch immer in den alten geschnitzten Eichenstühlen in der Kirche der weißen Schwestern und lauschte andachtsvoll den Worten des Geistlichen und den Tönen der Orgel. Man bezahlte ohne Murren seine Steuern und seinen Zehnten an die weltliche und an die geistliche, von Gott eingesetzte Obrigkeit. Man gab den Armen einen Kupferdreier und ein Paar Scheiben Schmalzbrot, wenn sie der Hilfe würdig waren. Und zur Weihnachtszeit strickte die alte Stadt wollene Jacken und warme Unterhosen für die zerlumpten Kinder auf der Straße. –

Aber – und darin liege der Unterschied zwischen einst und jetzt, sagten die Moralisten – man tat dies alles: das Kirchengehen, das Schmalzbrotverteilen an die Armen, das Bezahlen der Steuern und des Zehnten, das Stricken von Hosen und Jacken, nicht, weil man es mußte, von einem inneren, unwiderstehlichen Drang getrieben. – Man tat es, weil die Nachbaren es taten.

Denn die Stadt war klein. Die Straßen eng und schmal. Man sah einander in die Stuben, roch gegenseitig das Mittagessen.

Und es lag ja kein erdenklicher Grund vor, weshalb Frau Lassen nicht am Dienstag mit Rückenbraten und roter Grütze traktieren sollte, wenn sich Frau Heilbunth schon am Sonnabend mit diesen Leckereien wichtig gemacht hatte!

Es war Sonnabend, Scheuer- und Putztag. Die Uhr am Kirchturm schlug sieben, und der Straßenlärm hatte noch nicht begonnen.

Aber durch die ganze Stadt lief ein unaufhörliches Schwatzen und Kichern von Dienstmägden, die in ihren flatternden baumwollenen Kleidern dastanden und sich mit der einen Hand am Fensterpfosten festhielten, während sie mit der andern die feuchten Branntweinlappen über die Fensterscheiben hin und her bewegten, um sie blitzblank zu machen.

»Wo bleibt denn nur der kleine ›Thumsen‹?« rief die lange Engeline, die auf Konsul Mörchs Wohnstubenfenster im ersten Stockwerk losfiedelte, so daß es klang wie Vogelgezwitscher.

»Er muß wohl erst trocken angezogen werden!« brummte Telephondirektors fette Rikke von einem andern Fenster herab. Sie hatte eine Stimme, als spreche sie durch ein Drainagerohr.

Engeline kreischte vor Lachen und mußte sich mit beiden Händen an den Fensterpfosten festklammern, um nicht herabzustürzen.

»Was sagt Rikke? Was sagt sie? Macht Rikke Witze?« erscholl es ringsumher.

»Sie sagt, ›Thummelumsen‹ kriegt erst frische Windeln an!«

»Hi, hi, hi!« kicherte es im Chor, und die baumwollenen Kleider schwänzelten und wogten in Lachzuckungen.

»Ihr Grienliesen!« schalt die alte Dorthe auf der Mansarde und schlug zwei von Fräulein Reiersens Nackenpummeln zusammen; es klang wie Hammerschläge – »alberne Trinen!«

Durch das Nonnentor kam ein Bauernwagen gerumpelt. Die Pferde humpelten in kurzem Trabe daher, und der Kutscher saß schläfrig und zusammengesunken auf dem Bock und zwinkerte mit den Augen, als schlief er.

Es war ein Bretterwagen, und sein Gerassel über das Pflaster erfüllte die ganze Straße und machte die Fensterscheiben klirren.

Ein paar von den Mägden drehten die Köpfe herum und riefen »Guten Morgen«.

Im selben Augenblick strich ein Windstoß über die Dächer hin, und die baumwollenen Kleider blähten sich wie Ballone.

»Hi, hi, hi!« grinste der Knecht, der jetzt plötzlich ganz wach war, und langte mit der Peitsche nach Engeline hinauf – »fette Waden!«

»Du Bauernlümmel!« brummte die fette Rikke durch ihr Drainrohr. »Das mag er wohl!«

Und abermals erscholl lautes Gekicher aus allen Etagen herab. Der Bauer lachte mit und sah mit einem zugekniffenen Auge zu den Damen hinauf und rumpelte weiter. –

Es war die Hauptstraße der Stadt, die sogenannte Südstraße. Die Häuser zu beiden Seiten glichen zwei Reihen abgenutzter Zähne; alte und ungleiche, lange und schmale, breite, kurze und abgestumpfte waren bunt durcheinander geworfen.

In einem ganz kleinen »Zahn«, einem winzigen, einstöckigen, dreifenstrigen Hause, das zwischen zwei langen Nachbarn eingeklemmt lag, die beide ein zweites Stockwerk und eine Mansarde aufzuweisen hatten, wohnte der vorhin erwähnte »Thumsen«.

»Karen Thomsens Wäsche- und Garngeschäft« stand über der Ladentür zu lesen.

Das Haus war mit Ölfarbe gestrichen, perlgrau mit hellbraunem Sockel. Und von der Straße trat man direkt in den Laden.

»Thumsen« hieß Emanuel und war Karens Sohn. »Da ist er!« flüsterte Engeline. Ihr Flüstern klang scharf und deutlich, wie ein Zugwind, der durch eine Türspalte fährt.

Die fette Rikke wandte ihren Fleischkloß von Gesicht nach der Straße um und nickte:

»Guten Morgen. Herr Thomsen!«

»Guten Morgen, Herr Thomsen!« sagte auch Engeline. Und: »Guten Morgen! Guten Morgen!« schallte es von allen Seiten.

Aber der kleine Mann da unten tat, als höre und sehe er nichts.

Er war mit einer Gießkanne und einem Besen aus der Ladentür herausgekommen und begann jetzt, den Bürgersteig gründlich und sorgfältig zu begießen, darauf nahm er die eine Hälfte der Fahrstraße vor, die rein zu halten ihm oblag. Er begoß beinahe wie nach einem Lineal. Auch nicht ein Tropfen fiel auf den Teil der Nachbarn oder seines Visavis. Und doch war Thomsens rechte Schulter schief. Als das Begießen beendet war, nahm er den Besen und fing an zu fegen. –

Ringsumher aus den Haustüren und Torwegen der Straße tauchten jetzt nach und nach Mädchen und Frauen auf, um zum Bäcker und zum Milchhändler zu gehen. Und Knechte und junge, schlaftrunkene Handelsgehilfen öffneten die Laden vor den Schaufenstern.

Die Sonne blitzte über den hohen Bäumen der Anlagen auf, und aus den meisten Häusern die Straße hinab sandten die Schornsteine ihren blauen Morgenrauch in die Höhe.

»Ich kann, weiß Gott, nicht begreifen, Thomsen, daß Sie tagaus, tagein so fegen mögen!«

Der Fuhrknecht aus dem benachbarten Hause war aus dem Torweg getreten und stand nun träge gegen die Mauer gelehnt da und gähnte und streckte sich, so daß es in allen seinen Gelenken knackte und ächzte:

»Ich begreife es nicht!« sagte er. – »Und dann müssen Sie ja, den Kuckuck auch, heute abend wieder fegen, es ist ja Sonnabend, Mensch! – Morgen!« fügte er darauf laut und verbissen hinzu, als Thomsen unverdrossen bei seiner Arbeit blieb, ohne zu antworten.

»Guten Morgen!« sagte Thomsen höflich, aber ohne den Kopf zu erheben.

»Sie sollten sich ein Hörrohr zulegen, so wie Fräulein Reiersen!« sagte der Knecht und verschwand auf den Hof, weil im selben Augenblick nach ihm gerufen wurde. – »Wenn die Leute mit Ihnen sprechen, Sie Esel!« sagte er.

Emanuel Thomsen würdigte ihn keiner Antwort. –

Ein Wagen nach dem andern rumpelte jetzt durch das Nonnentor. Die meisten hatten hintenauf einen Gitterkäfig, in den ein oder zwei, ja zuweilen sogar drei Schweine hineingepfropft waren. Der Sonnabend war der »Schweinetag« in der Stadt, und die Bauern lieferten an die Schlachterei ab.

Sehr verschiedenartig waren die Laute, die die Tiere ausstießen, wenn sie aus ihrem Schlummer geweckt wurden durch den Übergang von der ebenen Landstraße zu dem spitzigen Straßenpflaster.

Sie quiekten und schrien laut.

Und die Mädchen ringsum in den Fenstern quiekten mit und wehten mit ihren Putztüchern grüßend zu den Bauern hinab.

»Hm!« brummte Emanuel, als ein Wagen mitten durch den schön aufgehäuften Kehrichthaufen fuhr, den er auf der Straße vor dem Hause zusammengefegt hatte. – »Kann man sich denn nicht vorsehen?«

»Setz' ein Gitter herum!« höhnte der Kutscher. »Ich sollte meinen, die Straße wäre zum Fahren da.«

»So, ich bin fertig!« rief Konsuls Engeline und verschwand mit einem Hopser durchs Fenster.

»Ich auch!« meldete Rikke und kroch mühselig vom Fensterbrett herunter. Sie war so rundlich, daß diese Prozedur von der Seite vorgenommen werden mußte. – »Adieu, Thumsen!« nickte sie, ehe sie das Fenster schloß. »Grüßen Sie Mortensen!«

Die Kirchenuhr schlug drei Viertel acht. Alle Läden waren geöffnet, und auf der Straße herrschte reger Verkehr. Man hörte die Türen auf- und zuschlagen und Türglocken klingeln. Zeitungsjungen klapperten pfeifend auf ihren Holzschuhen dahin. Und auf der linken Seite der ganzen Straße glühte die Sonne wie Feuer auf den frischgeputzten Fenstern.

»Thumsen« hatte Gießkanne und Besen fortgetragen und war nun bedachtsam damit beschäftigt, den Messingdrücker der Ladentür zu putzen.

Die Hebamme Fredriksen kam, ihren Beutel am Arme, vorüber:

»Haben Sie Ausdauer bei der Arbeit, Thomsen!« sagte sie, indem sie stehen blieb.

»Man muß ja arbeiten, Frau Fredriksen, deswegen ist man ja in die Welt gesetzt.«

»Na, ich bliebe doch lieber in meinem guten Bett liegen!«

»Ja, der Geschmack ist nun einmal verschieden!«

Emanuel fuhr unverdrossen fort, auf dem Schloß herumzureiben.

»Guten Morgen, Frau Fredriksen!« rief Oberlehrer Klausen von der anderen Seite der Straße herüber. Er machte seinen Morgenspaziergang. »Ist der Storch schon gekommen?« rief er. »So früh im Jahr, hi, hi, hi! – Guten Morgen, Thomsen!«

»Guten Morgen, Herr Oberlehrer!«

»Ja«, sagte Frau Fredriksen. – »Die Jugend ist eifrig, Herr Oberlehrer!«

»Hi, hi«, lachte der Oberlehrer und ging weiter.

»Ein brillanter Mann«, sagte die Hebamme und nickte ihm nach. – » Den mag ich leiden!«

»Vielleicht etwas reichlich lose Zunge, wenn man Kindererzieher gewesen ist«, – meinte Thomsen.

»Ach Sie!« spottete die Madame und schlug mit ihrem Beutel nach ihm.

»Ja, ja, Frau Fredriksen; aber es gibt doch so viel Unreines hier auf der Welt – –«

»Sie sind ein Pedant, Thomsen!«

»Man ist, was man ist, Frau Fredriksen – – »

»Und ein Versehen!«

»Man versteht Sie nicht – –«

Thomsen bediente sich niemals des Wortes: ich.

»Ja, ich meine, wenn die Sache einmal richtig untersucht würde, so wären Sie gewiß ein Frauenzimmer!«

Emanuel errötete und beugte sich tief über seine Arbeit.

»Nun, seien Sie nur nicht böse!« lachte die Madame und klopfte ihm gutmütig auf die Schulter. – »So,« sagte sie dann, »jetzt muß ich aber nach Hause und in meine Baba! Guten Morgen, Thomsen! Grüßen Sie Ihre Mutter!«

Kleine Gruppen von Schulkindern, den Tornister auf dem Rücken oder die Bücher in Riemen oder Schultaschen schlenkernd, kamen die Straße hinab. Die Mädchen für sich und die Knaben für sich. Und wenn sie einander begegneten, wichen die Mädchen immer scheu zur Seite, während die Knaben sie höhnisch ansahen.

»Thumsen, Thummelumsen!« sagten ein paar lange Bengel ganz laut, als sie an der Wäschehandlung vorüberkamen und liefen dann schleunigst davon aus Furcht vor den Folgen.

Aber der kleine Emanuel kehrte sich nicht daran. Er arbeitete ruhig weiter, eifrig wie ein Mensch, der sich seines Zieles bewußt ist.

»Lieber Manuel, willst du nicht hereinkommen und deinen Kaffee trinken, mein Junge?«

»Man muß erst fertig sein, Mutter Karen.«

»Ja, dann trinke ich meinen«, sagte Madam Thomsen sanft und ging aus dem Laden in die Hinterstube zurück.

»Trinke!« sagte Emanuel.

»Wann kommst du?«

»In einer Viertelstunde.«

Und erst als das Türschloß wie lauteres Gold glänzte, sammelte er seine Putzgerätschaften zusammen und ging hinein, um seinen Kaffee zu trinken.

Als er die Ladentür öffnete, scheuerte sich eine große, blaugraue Katze liebkosend an seinen Beinen.

»Da hat man ja Knors«, sagte er mit zärtlicher Stimme und hob trotz der verschiedenen Sachen, die er in der Hand trug, das Tier auf den Arm. »Wie geht es uns denn, Miezemau?«

»Mi–au!« sagte Knors und bohrte ihre Schnauze unter seinen Arm.

In der kleinen Stube hinter dem Laden saß Madam Thomsen im Lehnstuhl vor dem Fenster und säumte Taschentücher.

Das Tageslicht fiel zwischen den Topfgewächsen auf dem Fensterbrett hindurch und legte sich auf ihr weißes Haar und auf ihre frischen, roten Wangen. Sie sah so jung aus. Und ihre klaren, blauen Augen waren sanft und gut.

»Jetzt will ich den Kaffee holen, Manuel«, sagte sie und erhob sich schnell, sobald der Sohn eintrat.

»Danke, danke, Mutter Karen«, nickte er und setzte sich auf das Sofa hinter den ovalen, dünnbeinigen Mahagonitisch.

Eine weiße, filierte Decke war über den Tisch gebreitet. Und über den Lehnen des Sofas und der Stühle lagen weiße, gehäkelte Decken.

»Nun, Knors,« wiederholte Thomsen seine Frage an die Katze, die er noch immer auf dem Arme hielt, »wie geht es uns denn?«

Knors scheuerte ihr Gesicht gegen seinen Ärmel und machte einen Versuch zu spinnen.

Es war eine uralte Katze. Sie hatte das Haar den Rücken entlang verloren, und ihre Ohren waren infolge zahlreicher Liebeskämpfe zerrissen und zerbissen. Es war ein Kater. Und das eine Auge fehlte ihm.

»Sind Mäuse in der Falle, Mutter?« rief Thomsen nach der Küchentür zu.

»Er hat sie bekommen!« tönte es zurück.

»Wie viele waren da?«

»Zwei. Aber er macht sich ja nichts daraus.«

»Nein! Aber es macht ihm Spaß – nicht wahr, Miezemau! Es macht uns Spaß, sie zu sehen und mit ihnen zu spielen?« fuhr er fort und rieb die Schnauze des Tieres mit der hohlen Hand. – »Es macht uns Spaß? Es macht uns Spaß?«

Die Katze nieste.

»Niest er? Hat er sich erkältet?« fragte Thomsen zärtlich und legte die Katze sorgfältig in die Sofaecke.

Madam Thomsen kam mit einem Teebrett aus der Küche.

»Hier, lieber Manuel. Trinke nun auch, solange es noch heiß ist.«

Manuel schnüffelte den Kaffeeduft auf: »Mutter macht den besten Kaffee in ganz Dänemark«, sagte er.

Die Alte lächelte befriedigt und setzte sich wieder an ihre Arbeit. Jeden Morgen lobte der Sohn ihren Kaffee. Und wenn er es nicht getan hätte, würde sie geglaubt haben, daß er krank sei oder daß ihm etwas Unangenehmes widerfahren wäre.

Denn sie lebten in gewisser Weise glücklich miteinander, diese beiden; aber, aber – –

Madam Thomsen seufzte und schielte aus den Augenwinkeln furchtsam zu dem »Jungen« hinüber.

Knors lag jetzt behaglich zusammengerollt in der Sofaecke und Emanuel trank wohlgefällig schlürfend seinen Kaffee. Von Zeit zu Zeit löste er eine Krume aus seiner Semmel und steckte sie der Katze ins Maul, die sie langsam schmatzend fraß.

In der Stube war es behaglich warm. Man war ja erst gegen Ende April, daher war noch Feuer im Ofen. Und die Potpourridose oben auf dem Eckschrank entsendete einen würzigen Duft.

»Jetzt ist er da draußen bald fertig!« sagte Emanuel plötzlich. Die Alte zuckte zusammen:

»Das hat man ja schon lange gesagt, Manuel.«

»Es wird ein stolzer Tag werden, wenn man wieder auf das Gut einzieht, Mutter Karen.« Die Augen des Sohnes strahlten.

»Ach, ja, – aber jetzt haben wir uns hier ja beinahe schon eingelebt.«

»Dann hat man nicht mehr nötig, vor allen den hochnäsigen Städtern zu kriechen und zu schwänzeln!«

»Ich finde, sie sind sehr nett, lieber Manuel.«

»Zum Dezember muß er herunter!«

»Ja, aber du hast ja nicht Geld genug, Manuel!«

»Das kommt, Mutter Karen, das kommt! – Zum Dezembertermin muß er herunter. Und dann – – !« Thomsen knipste triumphierend die Finger.

»Woher weißt du das denn so genau?«

»Von Kaufmann Beck! Der will nicht länger, weißt du! Vaters alter Freund!«

»Ach, die Freundschaft – –«

»Wir konnten ja damals nicht da bleiben!«

»Hätte Beck nur gewollt, so –«

»Der Kreditverein war schuld daran. Beck hatte ja die zweite Priorität!«

»Ja, Manuel, aber –«

»Mutter Karen,« sagte der Sohn und wandte sich schnell nach dem Fenster um – »warum widersprichst du einem immer, sobald es sich um das Gehöft handelt?«

»Das tue ich ja nicht, Manuel, aber –«

»Aber, was?«

»Wenn ich nur wüßte, daß es gehen könnte –«

»Ist man denn nicht Landmann?« erwiderte der Kleine und kröpfte sich in seiner Sofaecke. – »Ist man nicht Sohn eines Hofbesitzers? Hat man nicht neunzehn Jahre auf dem Mühlenhof gelebt?«

»Ja, ja, lieber Manuel, und wenn der liebe Gott seinen Segen dazu gibt, so –«

»Gott ist mit uns!« sagte Thomsen sehr bestimmt. – »Das hat man gar manches Mal gemerkt!«

»Ja, ja, du sagst ja, daß –«

Manuel sah sich mit einem strahlenden Blick im Zimmer um:

»Und alle Möbel haben wir! Und man kennt noch jeden Fleck, wo sie stehen sollen!«

Aber dann glitt eine Wolke über sein Gesicht:

»Wenn nur Mortensen am Leben bleibt!« sagte er.

– »Für Knors ist einem ja nicht bange, der hält schon aus. Aber der andere. – Man findet, daß er in letzter Zeit recht jämmerlich geworden ist.«

»Ach nein, es ist wohl alles beim alten mit ihm –«.

»Und fünfzehn Jahre haben sie nun hier gelebt und sich nach dem Mühlenhofe zurückgesehnt, ebenso wie wir selber«, fuhr Thomsen elegisch fort. »Man hat gar manches Mal Mitleid mit ihnen gehabt. Und an den Möbeln konnten sie ja gar nicht einmal Freude haben –«.

Er machte eine Handbewegung nach dem großen, altmodischen Mahagonisekretär, der blitzblank poliert unten im Hintergrunde des Zimmers nach der Küchenwand zu stand. Auf dem Sekretär lagen Donnerkeile, Versteinerungen und bunte Muscheln in kleine zierliche Haufen geordnet.

»Und das Bild können sie nicht verstehen, so wie wir!«

Das Bild war ein Gemälde in grellen Wasserfarben, das über dem Pfeifentisch in der Ecke hing. Es stellte ein schimmernd weißes Bauerngehöft mit safrangelbem Strohdach und grasgrünen Fenstern und Türen vor. Eine Reihe riesenhafter Bäume mit braunroten Stämmen und ungeheuren blaugrünen Blättern umgaben die Gebäude. Und rechts von der Einfahrt schnurrte ein Wasserrad, auf das eine wunderlich dickflüssige Masse herabstürzte, brausend, spritzend und schäumend wie ein Niagara, und mit einem Farbenton wie bläuliche Milch.

Das war der Mühlenhof, das Thomsensche Familiengut; und es war in der besten Absicht von Karens Bruder, dem Schullehrer und Küster in Grästed, gemalt und ihr ein Jahr nach ihrem und des Sohnes Umzug in die Stadt geschenkt worden.

Und es war der Gegenstand einer fast religiösen Verehrung.

Emanuel hatte eine Weile schweigend und grübelnd dagesessen. Jetzt erhob er sich plötzlich:

»Gesegnete Mahlzeit, Mutter!«

»Wohl bekomm's, mein Junge.«

»Ja, dann geht man also hinaus und macht den Hofplatz rein.«

»Tu du das, mein Junge.«

Thomsen stellte das Kaffeegeschirr auf dem Präsentierteller zusammen, strich mit der hohlen Hand einige Krumen vom Sofa, zupfte ein wenig an der Tischdecke und ging dann durch die Küche hinaus:

»Man nimmt den Präsentierteller mit«, sagte er.

»Danke, Manuel.«

Madam Thomsen erhob ihr kleines, sanftes Gesicht von der Näharbeit und sah ihm nach. Dann schüttelte sie leise den Kopf und nähte weiter.

Im Ofen flammten die Holzscheite auf. Das Zimmer wurde immer wärmer. Und der Teekessel, der beständig in der Ofenröhre stand, fing an zu singen.

»Guten Morgen!« sagte Madam Thomsen plötzlich laut und freundlich und nickte und lächelte durchs Fenster. Eine von den Damen des Städtchens ging draußen auf dem Trottoir vorüber und grüßte herein.

Ein Holzscheit im Ofen sprang mit lautem Knall, und einige Funken sprühten durch die Ofenklappe.

»Aber mein Gott!« sagte die Alte und guckte ängstlich dahin.

Die Funken auf dem Fußboden erloschen schnell.

Aber so dunkel war es im Hintergrund des Zimmers, daß der Lichtschimmer des Ofens an der Wand hinaufflackerte und zwischen den alten, verschossenen Photographien spielte, die dort in zierlicher Ordnung hingen: eine große in der Mitte mit einem Kranz von kleineren ringsumher. Um den Rahmen der großen war ein Kranz von Immortellen geschlungen. Das war Großvater Thomsen: ein schöner alter Mann mit einem prächtigen weißen Bart, der ihm bis auf die Brust hinabreichte.

Dann fiel ein großes Stück Holz vor die Ofenklappe, und die Bilder hingen wieder im Dunkeln.

Madam Thomsen hatte die Näharbeit im Schoß ruhen lassen und sah nun da und starrte vor sich hin.

Sie dachte an Manuel und an seine fixe Idee:

Du lieber Gott, nun hatte sie bald fünfzehn Jahre hier in diesem netten, kleinen Haus gewohnt und sich darin zurechtgefunden und daran gewöhnt. Aber Manuel dachte ja an nichts anderes als an das Gehöft da draußen. Nie schweiften seine Gedanken davon ab. Was er tat und begann, immer lag ihm das Gehöft im Sinn. Sie durften sich kaum noch satt essen, nur damit er Geld beiseite legen konnte. Es war wirklich zur Verrücktheit bei ihm geworden, dieser Wunsch, das Gehöft wieder zu erlangen; er betrachtete es als Ehrensache! Er war ja nach außen immer sanft und demütig, inwendig aber war er so stolz wie ein Papst! Fleißig und akkurat war er, das mußte man ihm lassen; und reinlich! Beinahe zu reinlich, fand sie: und sie war doch ein Frauenzimmer. Und die Leute in der Stadt machten sich ja auch lustig über ihn. Manuel aber ging seinen ruhigen Weg und ließ sie reden – Ach, du lieber Gott, – es mochte ja ganz schön sein, wieder in die alten Räume zurückzukommen! Und die Mühle! Und der Garten! Aber wo wollte er nur das Geld hernehmen? Und er konnte das Gehöft ja nicht bewirtschaften; nein, das konnte er nicht! So lange sie lebte, konnte sie ja mit zugreifen und stützen und raten. Aber wenn sie einmal davon ging. – Ach ja, ach ja, Herr Gott ja! – Aber Manuel mußte wissen, was er tat!

Madam Thomsen griff kopfschüttelnd wieder zu ihrem Nähzeug, und die fleißigen Hände arbeiteten emsig weiter.

Das Geräusch des Fadens, der die steife Leinwand durchdrang, das einförmige Prasseln des Ofens und das leise Summen des Teekessels wirkten allmählich beschwichtigend auf ihre Gedanken.

Wenn von Zeit zu Zeit ein Wagen vorüberrumpelte, erzitterte freilich das ganze Haus, und die Steine und Muscheln auf dem Sekretär klirrten. Aber das störte sie jetzt nicht mehr wie in der ersten Zeit, als sie in die Stadt gezogen waren. Sie sah nur ganz mechanisch zwischen den Blumentöpfen hindurch nach dem Fuhrwerk, wandte dann den Kopf wieder um und nähte weiter.

Und aus dem alten Nähtisch, an dem sie saß, stieg ein würziger eingeschlossener Geruch von Lavendeln und Rosen auf. Und der Duft aus der Potpourridose auf dem Eckschrank ward stärker und stärker in dem Maße, wie die Wärme im Zimmer zunahm. Ihre Augenlider fielen halb zu, und die Hände sanken ihr in den Schoß. Dann setzte sie sich tiefer in den Stuhl zurück und stützte den Nacken gegen die Lehne.

Einen ganz kleinen Vormittagsschlaf konnte sie nicht entbehren, nein: Nur die Augen zwei Minuten schließen – hi, hi, ihr Mann hatte auch nie hier im Stuhl sitzen können, ohne einzunicken – des Mittags saß er da und – des Abends, und in der Dämmerstunde. – Und, – ja, ja, – das war dazumal, ja – und als er krank wurde. – Ob Manuel wohl daran gedacht hatte, das Bodenfenster zu schließen – falls Sturm kommen sollte, – und die Hühner hereinzulassen – und ob die Scheunentür wohl geschlossen war – Mäuse, – ja, zwei Mäuse in der Falle, – und – ja, ja –

Ein leises, schnarchendes Geräusch verriet, daß Madam Thomsen schlummerte. –

Da erscholl die Türklingel. Es kam eine Kundin.

Die Alte sprang ganz verwirrt vom Stuhle auf und rieb sich die Augen.

»Mein Gott!« sagte sie, fuhr hastig glättend über ihr Kleid und lief in den Laden hinaus.


Der Hofplatz hinter Karen Thomsens Haus war sechs Ellen lang und fünf Ellen breit. Auf zwei Seiten wurde er von hohen Nachbarhäusern begrenzt und auf der dritten von einem niederen Holzschuppen mit schrägem Dach.

Dieser Schuppen wurde zur Aufbewahrung von Feuerung benutzt. Und dann standen noch einige Packkisten, darin ein Haufen eingepackter Möbel, sowie ein Sägebock und ein Hauklotz.

Die niedrige Tür stand offen, und Emanuel war eifrig mit dem Zerkleinern von Brennholz beschäftigt.

Es wurde immer heller im Hofe, je mehr die Sonne über dem großen Speicher in dem nach Osten gelegenen Nachbarhofe aufstieg.

Endlich erreichte sie den Dachfirst und schien jetzt hell und warm bis in die Ecke hinein, wo die Pumpe stand.

Thomsen legte die Axt auf den Klotz und ging in den Hintergrund des Schuppens:

»So, Mortensen,« sagte er, – »jetzt kann man endlich herauskommen und sich ein wenig sonnen!«

Und er trat an das kleine Fenster, das ganz hinten in einer Ecke angebracht war, und hob vorsichtig etwas mit beiden Händen auf und trug es zur Tür hinaus. Es war ein Hahn. Der älteste Hahn, der je in der Christenheit gelebt hatte.

Knochenmager, zerzaust und jammervoll! Die Flügel ließ er schlapp an den Seiten herabhängen, und sein Schwanz bestand nur aus zwei struppigen Federn. Die Beine erschienen unnatürlich lang. Aber sie waren hinten mit mächtigen Sporen versehen, die sich rückwärts kreuzten wie ein Paar Schwertklingen.

Ohne einen Ton von sich zu geben, ließ er sich über den Hofplatz und in die Ecke tragen, wo die Sonne schien.

»Hier kann Mortensen warm und gut stehen,« sagte Thomsen und stellte das Tier, unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, auf das Steinpflaster, »hier hat man Sommer!«

Mortensen schwankte wie bei Seegang, ehe er festen Fuß faßte. Aber schließlich stand er da. Der Hals hing schlaff und beinahe kahl herab. Die Augen waren geschlossen. Er konnte den Kopf nicht in die Höhe heben: und der runzelige, bräunlich gelbe Kamm fiel matt zur Seite herab. Aber an den stricknadeldünnen Beinen saßen die martialischen Sporen.

Er glich einem Schwadronchef von neunzig Jahren.

»Es geht einem wohl schlecht?« sagte Thomsen mit unendlicher Teilnahme in der Stimme und strich dem Hahn vorsichtig über den zerzausten Rücken. »Man ist ein Schneider geworden – –«

Das Tier wackelte bei der Berührung seiner Hand. Die Augenlider öffneten und schlossen sich, und der Kopf nickte.

Emanuel hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und stand eine Weile in tiefe Gedanken versunken da, wobei er seinen Freund anstarrte. Dann machte er resolut links kehrt und ging wieder an seine Arbeit.


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