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Die Legende vom heiligen Trinker und andere Erzählungen

Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker und andere Erzählungen - Kapitel 3
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authorJoseph Roth
titleDie Legende vom heiligen Trinker und andere Erzählungen
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Der stumme Prophet

Friedrich Kargan wurde krank.

Er lag allein in seinem Zimmer, vom Fieber sacht umrauscht und zum erstenmal von der Einsamkeit geliebkost. Er hatte bis jetzt nur ihre grausame Treue gekannt und ihre harte Stummheit. Jetzt erkannte er ihre zarte Freundschaft und er erlauschte die stille Melodie ihrer Stimme. Kein Freund, keine Geliebte und kein Kamerad. Nur die Gedanken kamen wie Kinder, gezeugt, geboren und gewachsen zu gleicher Zeit. Er lernte zum erstenmal in seinem Leben die Krankheit kennen, den wohltätigen Zwang ihrer weichen Hände, das wunderbar täuschende Gefühl, aufstehen zu können, aber sich nicht erheben zu wollen, die Fähigkeit zu liegen und gleichzeitig zu schweben, die Kraft, die von der Verlassenheit kommt wie die Gnade vom Unglück und das stumme Zwiegespräch mit dem Himmel, der weit und grau das Fenster des hochgelegenen Zimmers erfüllte, der einzige Gast aus der Außenwelt. Wenn andere krank sind, dachte er, kommt ein Freund, fragt, ob er eine Zigarette rauchen darf, gibt dem Kranken die Hand, die er dann zu waschen gedenkt – aus hygienischen Gründen. Die Geliebte entwickelt ihre mütterlichen Instinkte, bestätigt sich selbst, daß sie lieben kann, bringt ein kleines kokettes Opfer, überwindet sich, häßliche Gegenstände mit einer zarten Hand anzugreifen. Die Genossen kommen mit optimistischem Lärm und bringen den Inhalt der Vorgänge in erzwungen witziger Verkleidung ans Bett, lachen zu stark und lächeln mit Nachsicht und gelangen zum Bewußtsein ihrer eigenen Gesundheit wie Wohltätige, wenn sie beim Anblick eines Bettlers in die Tasche greifen, sich ihrer Barschaft bewußt werden, ohne es zu wollen. Nur ich bin allein. Berzejew ist in Rußland geblieben. Er hat ein Vaterland. Es ist möglich, daß in hundert oder zweihundert Jahren kein Mensch auf der Welt einen Ort haben wird, den er als Heimat oder Asyl betrachten kann. Die Erde wird an allen Orten ein gleiches Aussehen haben wie ein Meer, und wie der Seemann überall zu Hause ist, wo Wasser rauscht, so wird jeder überall zu Hause sein, wo Gras wächst, Fels oder Sand. Ich bin zu spät geboren oder zu früh. Ich bin eines der Experimente, die hier und da von der Natur gemacht werden, ehe sie sich entschließt, eine neue Gattung hervorzubringen. Wenn mein Fieber weicht, werde ich aufstehen und wegfahren. Ich werde mein Schicksal, ein Fremder zu sein, wörtlich erfüllen. Ich werde die milde Verlassenheit der Krankheit ein wenig verlängern, und die Wanderung wird meine Einsamkeit in ein Glück verwandeln, wie es beinahe die Krankheit getan hat.

Sein Fieber wich. Er stand auf. Er war, weil er keine Kindheit und keine Mutter gekannt hatte und weil er aufgewachsen war, ohne die Namen der Krankheiten zu hören und die Gespräche, deren Ursache sie sind, nicht einmal neugierig zu wissen, was ihm gefehlt hatte. Aber er mußte eine Krankheit nennen, um einen Urlaub zu nehmen. Er ließ sich erzählen, wie man den Zustand nennt, in dem er sich befunden hatte. Er nahm Urlaub für ein halbes Jahr. Ich begehe jetzt eine sogenannte Gemeinheit, sagte er sich. Nach den moralischen Anschauungen dieser stupiden Welt ist es schon eine Schurkerei, für eine Sache zu arbeiten, von der man nicht in der gleichen Weise überzeugt ist wie die Mehrheit der Verwalter dieser Sache. Aber eine noch größere Schurkerei ist es, diese Art von Arbeit zu unterbrechen und Geld dafür zu nehmen. Sowohl die bürgerliche Gesellschaft als auch ihre revolutionären Gegner haben für einen Charakter, wie ich ihn darstelle, dieselbe treffende Bezeichnung. Solch ein Verhalten nennen sie zynisch. Zynismus ist den einzelnen niemals erlaubt. Nur Vaterländer, Parteien und Verwalter der Zukunft dürfen sich seiner bedienen. Dem einzelnen bleibt nichts zu tun übrig, als die sogenannte Farbe zu bekennen. Ich bin Zyniker.

Er versorgte sich also mit Geld und – zum wievielten Mal schon in seinem Leben – mit einem Paß auf einen falschen Namen. Die Revolution war auf diplomatischen Umwegen legitim geworden. Ein falscher Paß machte Friedrich keine Freude mehr. Das Pseudonym eines Revolutionärs erkannte selbst eine reaktionäre Polizei an, wie das Inkognito eines Balkanfürsten. Nur die Zeitungen, die von furchtsamen Fabrikanten bezahlt wurden, glaubten manchmal der Regierung ihres Vaterlandes eine Neuigkeit zu erzählen, wenn sie mitteilten, der und jener gefährliche Bote der Revolution wäre unter einem falschen Namen angekommen. In Wirklichkeit waren die Regierungen bestrebt, die gefährlichen Männer vor der Zeitung zu verbergen. Die Zeiten waren vorbei, in denen Friedrich einen persönlichen Kampf gegen die Weltordnung und ihre Beschützer durch gewagte List und überflüssige Verstellung zu führen geglaubt hatte. Jetzt besaß er ein ungeschriebenes, aber international anerkanntes Recht auf Illegalität.

Und er fuhr durch die großen Städte der zivilisierten Welt. Er sah die Museen, in denen die Schätze der Vergangenheit angehäuft werden, wie Möbelstücke, die man nicht verwenden kann, in Magazinen. Er sah die Theater, auf deren Bühnen ein Stückchen Leben pointiert und in Akte geschnitten, von rosa geschminkten Menschen dargestellt wird, gegen Entree. Er las die Zeitungen, in denen Nachrichten über Vorgänge gebreitet werden wie interessante Schleier über gleichgültige Gegenstände. Er saß in den Cafés und in den Restaurants, in denen sich die Menschen versammeln wie Waren in einem Schaufenster. Er besuchte die armen Lokale, in denen sich jener Teil der Gesellschaft vergnügt, den man »Volk« nennt, und er genoß den kräftigen und harten Glanz, der die Freuden der Armut begleitet. Als hätte er nie zu ihnen gehört, besuchte er wie ein Fremder die Räume, in denen sie sich versammelten, um Politik zu hören und zu fühlen, daß sie ein Faktor waren im Getriebe der Welt. Und als hätte er selbst nie vor ihnen gesprochen, wunderte er sich über ihre naive Begeisterung, die den hohlen Klang einer Phrase begrüßte wie die Andacht der Frommen den dumpfen Schlag einer billigen Glocke. Als ob es keine Revolution und keinen Krieg gegeben hätte! Nichts! Ausgelöscht! Junge Männer in breiten wallenden Hosen mit wattierten Schultern, koketten und weichen Hüften, eine ganze Generation geschlechtsloser Aviatiker strich durch alle Schichten der Gesellschaft. Der Fußball kräftigte die Muskeln des jungen Arbeiters wie die des jungen Bankiersohnes in gleichem Maße und gab den Gesichtern beider den gleichen Zug von Geistesgegenwart und Gedankenleere. Der Proletarier trainierte sich zur Revolution, der Bourgeois trainierte sich zum Vergnügen. Fahnen wehten, Menschen marschierten, und ebenso wie sich bestimmte Varieténummern in jeder großen Stadt wiederholten, lag in jeder großen Stadt ein unbekannter Soldat begraben. Den Denkmälern für Gefallene begegnete Friedrich wie den Negern der Steptänze auch in den kleineren Orten.

Nun sah er mit seinen Augen »das Leben«, dessen ferner, geheimnisvoller und Wunder verratender Widerschein über die Wünsche seiner frühen Jahre gefallen war. Es war genauso, als hätte er das dunkelrote Farbenspiel, von einer Lichtreklame an die gegenüberliegenden Fensterscheiben geworfen, für den Abglanz eines großen unheimlichen Brandes gehalten. Nun sah er die Quellen seiner schönen Täuschungen. Und er verspottete sich mit der Genugtuung, die ein kluger Mensch empfindet, wenn er Irrtümer aufdeckt. Und er ging herum, und er enthüllte eine Quelle nach der andern, und er triumphierte, weil er gegen sich selbst recht behielt.

Mit der Zeit waren alle Quellen aufgedeckt, schneller als er gedacht hatte. Also lernte er die Verlorenheit in fremden Städten kennen, die ziellosen Wanderungen durch den ersten Dämmer der Abende, in denen die silbernen Laternen aufleuchten und dem Körper eines Verlassenen den Schmerz von tausend plötzlichen Nadelstichen bereiten. Er ging durch verregnete Straßen über den schimmernden Asphalt der weiten Plätze, die an steinerne Seen erinnern, den Mantelkragen hochgeschlagen, von außen zugemacht und vor sich nur seinen Blick, der ihn durch die Fremde steuerte. Er stand früh auf, trat in strahlende Morgen voll eilender Menschen. Frauen, die er nicht ansah, leuchteten ihm ihre Schönheit entgegen, Kinder lachten aus den Gärten, von langsamen Greisen, die mitten unter den Eilenden doppelt ehrwürdig und doppelt langsam erschienen, ging eine versöhnliche Milde aus. Endlich gab es Tage, an denen die einfachen, unzerstörbaren Schönheiten offenbar wurden und an denen sein Wunsch, das Leben wieder von vorn anfangen zu dürfen, fast überholt wurde von dem Trost, daß er es ohne Mühe wieder anfangen könne.

Er befand sich in Paris, als der Frühling kam. Jede Nacht ging er durch glatte und stille Straßen, begegnete er den vollbeladenen Wagen, die zu den Markthallen fuhren, dem gleichmäßigen Trott der schweren, zotteligen Pferde, dem frommen, ländlichen Gebimmel ihrer Schellen, dem leuchtenden Grün der sauber aufgeschichteten Kohlbündel und dem blanken Weiß ihrer Gesichter zwischen den weiten flatternden Blättern, dem künstlichen Hellrot der dünngeschwänzten Möhren, dem blutigen, feuchten und schweren Glanz der massiven zerschnittenen Rinder. Jede Nacht ging er in einen Keller, in dem das Volk tanzte, Matrosen, Straßenmädchen, Weiße und Farbige aus den Kolonien. Die Ziehharmonika schüttete fröhliche Märsche in den hellen Saal, es war das Instrument der ausgelassenen Wehmut. Er liebte es, weil es ihn an seine Genossen der Revolution erinnerte, weil es die Musik der Verlorenheit und der Sorglosigkeit war, weil sie an den Frieden der Abende in östlichen Dörfern gemahnt und gleichzeitig an die brütende Hitze afrikanischer Sandwüsten, weil sie den Gesang des Frostes wie die ewige Stille des Sommers enthält. Von allen Wänden strahlten breite Spiegel die verschwenderischen Reihen der Lämpchen an der Saaldecke wider, machten zwanzig Räume aus einem Raum, verhundertfachten die Tänzerinnen. Er sah die Stiege und die Tür nicht mehr, die zu den nächtlichen Straßen hinaufführten. Die Spiegelwände schlossen den Saal noch endgültiger ab als Stein und Marmor und verwandelten den Keller in ein einziges endloses unterirdisches Paradies. Er saß an einem Tisch und trank Schnaps. Einmal in einer Stunde, in der es ihm schien, daß er keine Blöße zu fürchten hätte, weil es die letzte Nacht der Welt und ihr kein Morgen mehr beschieden sei, ließ er sich ein Stück Papier geben und schrieb ohne jede Adresse:

»Ich habe lange Jahre nicht an Sie gedacht. Seit einigen Tagen kommen Sie mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich weiß, daß Sie nicht mehr an mich denken. Sie führen ein Leben, das heute wie immer von dem meinigen so entfernt ist, wie ein Planet vom andern. Dennoch finden Sie hier meine Adresse. Um aufrichtig zu sein, gestehe ich Ihnen, daß es keineswegs ein unwiderstehlicher Zwang ist, der mich Ihnen schreiben läßt. Es ist vielleicht nur eine unwiderstehliche Hoffnung ...«

 

Er betrat die Straße. Der Morgen graute, heute wie immer, die Welt war nicht untergegangen. Ein blaues Licht lag über den Häusern, jemand machte ein Fenster auf. Der Motor eines Automobils knurrte hartnäckig und empört. Im Licht des erwachenden Morgens steckte Friedrich den Brief in den Postkasten.

 

Die Zeit war nicht mehr groß. Die Post funktionierte ungestört. Der Brief erreichte Hilde mit einer Verspätung von drei Tagen. Einmal, an einem Abend, als Friedrich ins Hotel zurückkehrte, erwartete ihn jemand.

Nun saß er lange im Mantel, vom Regen naß und dampfend, den Hut in der Hand und stumm. Sie erzählte von ihrem Mann und den Kindern, von ihren bitteren Jahren, von ihrem alten Vater. Sie hatte ihn übrigens mitgebracht. Er wollte ein Bad aufsuchen. Er sollte ihren eifersüchtigen Mann beruhigen. Es ging ihnen jetzt gut. Ihrem Mann hatte gerade seine Mittelmäßigkeit genützt. Die andern, die Spekulanten mit dem angeborenen Instinkt für Geschäfte, waren untergegangen in den Stürmen, die sie heraufbeschworen hatten, wie Krieger in den Abenteuern fallen, die sie selbst hervorrufen. Herr von Derschatta aber gehörte zu jenen mittelmäßigen Bürokraten der Geschäftswelt, die viel gewinnen, wenn sie gar nichts wagen. Sie sprach in dem Jargon, der die Muttersprache der Generaldirektoren ist, von der »Position«, die dieses erlaubte, jenes noch nicht oder bereits nicht mehr gestattete. Ein paar Fremde betraten den Raum, in dem sie saßen. Sie hörte auf zu erzählen. Aber das Schweigen, das jetzt anfing, war imstande, alle die Geständnisse auszudrücken und all die halben Geständnisse zu ergänzen, die sie früher unterdrückt und halb verschwiegen hatte. Dieses Schweigen störte sie noch mehr in Anwesenheit der andern. Als wären sie beide so jung, wie sie einmal im Kaffeehaus gewesen waren, machte sie die Zufälligkeit der äußeren Situation ratlos. Draußen regnete es. Hier saßen Fremde. Wenn sie jetzt in mein Zimmer kommt, dachte er, ist es entschieden. Sie wartet darauf. Er sagte nichts.

»Wir gehen vielleicht zu Ihnen hinauf?«

Nach dem langen Schweigen sah es aus, als hätte sie sich auf diese Frage vorbereitet.

Sie gingen zu Fuß die Treppe hinauf. Die Anwesenheit eines Fremden im Lift, eines Zeugen ihrer Verwirrung, hätte sie gestört. Sie gingen schweigend. Ein großer Zwischenraum trennte sie, als hätten sie oben eine alte Feindschaft auszutragen. Sie setzte sich, ohne den Mantel abzulegen. Der kleine Hutrand beschattete ihre Augen. Der Mantel schloß bis zum Kinn, und ihr Anblick hatte etwas Gerüstetes, Mutiges. Der Entschluß, mit dem sie in den Zug gestiegen war, lebte noch in ihr. Friedrich trat ans Fenster. (Eine Bewegung, die jeder zweite Mann macht, wenn er sich in Verlegenheit vor einer Frau in seinem Zimmer befindet.) »Warum schweigst du?« Die Angst zitterte in dieser Frage. Er hörte die Furcht und gleichzeitig das erste Du, das zwischen ihnen fiel. Es war wie der erste Blitz im Frühjahr. Er wandte sich um, dachte, jetzt wird sie weinen, und sah zwei feuchte Augen, die ihn gerade anblickten, furchtlos, weil mit den Tränen bewaffnet.

Er wollte sagen: Warum sind Sie hergekommen? – Er verbesserte sich. Er überlegte, was weniger verletzend wäre: ein Warum oder ein Wozu, und er entschloß sich endlich für ein harmloseres Wie in Verbindung mit einem Du. Er fragte also: »Wie bist du hergekommen?«

Die schnell kombinierende Geistesgegenwart, mit der sie ihren Vater mitgenommen hatte, um Derschattas Wachsamkeit zu beruhigen, erschreckte ihn. Ihn erschreckte diese Kombinationsfähigkeit eines Romanciers. Nur um nicht länger zu schweigen, sagte er abschließend: »Du bist also hier mit deinem Vater!«

»Sag, was du denkst!« begann sie. »Sag, daß du mich nie erwartet hast, und daß es eine Laune war, dieser Brief. Du hattest vielleicht getrunken.«

»Ja«, erwiderte er. »Es war eine Art von tieferer Laune. Ich habe dich nie erwartet. Es ist kein Vorwurf, was ich jetzt sage: So hättest du vor zehn Jahren kommen sollen. Es ist inzwischen zuviel geschehen.«

»Erzähle«, sagte sie.

»Man kann es nicht in einem Fluß. Ich wüßte nicht, wo anzufangen. Ich wüßte auch nicht, was wichtig wäre. Es kommt mir vor, daß die Tatsachen weit weniger wichtig sind als das andere, das man nicht erzählen kann. Und ernster zum Beispiel als ein Gefecht, das ich mitgemacht habe, ist die Trostlosigkeit, in der ich herumgehe, oder ein Wort, das ein Mensch hier und dort vor mir fallen läßt und das mir manchmal den Menschen enthüllt und manchmal die Menschheit dazu. Aber es genügt vielleicht, dir den Namen zu nennen, unter dem ich die letzten zehn Jahre gelebt habe – –«

Als wäre dieser Name, den sie gehört und gelesen hatte, ohne zu wissen, wen er barg, ein endgültiger Beweis für ihre Blindheit und ihre Schuld, begann sie zu weinen. Jetzt müßte ich hingehen, dachte Friedrich, und sie küssen. – Er sah, wie sie mitten in der Verzweiflung den Hut ablegte, die Haare glatt strich, und er ging hin, froh, daß er etwas zu tun hatte, und nahm ihr den Hut aus der Hand.

Sie schüttelte den Kopf, erhob sich und sagte: »Ich muß gehen.«

Ich werde sie gehen lassen; dachte er.

Aber wie sie jetzt beide Arme hob, den Hut aufzusetzen, erschien sie ihm verzweifelt und also doppelt schön. Sie war jung. Die Jahre hatte sie vorbeiziehen lassen wie sanfte Sommerwinde. Sie hatte Kinder geboren und war jung. Er sah sie wieder im lautlos rollenden Wagen und im Laden, Handschuhe probieren, und im Café neben ihm in der Ecke, und auf der Straße im Regen. In der einen Bewegung, mit der sie die Arme hob, lagen alle ihre Schönheiten. Sie erinnerte an ein Flehen, eine Entkleidung, eine Abwehr und eine Hingabe gleichzeitig, an alle Arten von Schönheit. Die Arme senkten sich wieder. Die rechte Hand begann über die linke den Handschuh zu streifen, mit gewissenhafter Sorgfalt.

»Bleib«, sagte er plötzlich. Und als wäre es zuwenig oder zu scharf gewesen, fügte er noch leiser ein »Geh nicht« hinzu. Es fehlt noch, daß ich den Schlüssel umdrehe – und die Situation ist vollkommen.

Er sah, wie Hilde nach der Tür blickte und den Handschuh langsam und gewissenhaft wieder abstreifte. Nun war es eine entkleidete Hand, etwas anderes als eine nackte. Er glaubte sie zum erstenmal zu sehen. Hierauf machte er den einzigen schnellen Schritt zur Tür und schloß sie ab.

 

Der alte Herr von Maerker wollte am nächsten Tag zu seiner Kur fahren. Friedrich sah ihn am Abend. Der festliche Glanz der Lampen in dem Restaurant machte das weißhaarige Alter Maerkers ehrwürdiger wie die Schönheit seiner Tochter strahlender. Er erinnerte an alte Porträts, Gesichter, an denen die Zeit noch mehr geformt hat als die Natur und die Kunst, und die von der Unwiderruflichkeit verschwundener Epochen, deren Spiegel sie sind, den Schimmer einer wehmütigen Weihe bekommen. Der Herr von Maerker war niemals klug gewesen, aber das Alter vertrat bei ihm die Vernunft, und weil er zu den Menschen gehörte, die ihre Zeit überlebt haben, erweckte er in Friedrich auch noch die höfliche Ehrfurcht, die man einem vergessenen Monument schuldet. Der Alte schien nicht daran zu zweifeln, daß die Begegnung seiner Tochter mit Friedrich ein reiner Zufall war. Aber selbst wenn er gezweifelt hätte – er unternahm es nicht, Zusammenhänge erraten zu wollen, die man ihm nicht freiwillig enthüllte. Sein Respekt vor dem Leben seiner Tochter war zu groß. Ihm wie den Männern seiner Generation war es noch selbstverständlich, bei ihren Frauen und Töchtern einen natürlichen Sinn für Ehre, Ruf und Haltung vorauszusetzen. Er gehörte noch zum letzten Geschlecht der wohlerzogenen Mitteleuropäer. Er kannte die unglückliche Ehe seiner Tochter, aber es fiel ihm nicht ein, sich etwa einen Vorwurf daraus zu machen, daß er Derschatta gezwungen hatte, Hilde zu heiraten. Er hatte lange Jahre seine Tochter nicht gekannt. Jetzt machte ihn das Alter vielleicht hellsichtig, aber er blieb schweigsam, nicht nur, weil er sich geschämt hätte zu fragen, sondern weil er sich noch mehr geschämt hätte, merken zu lassen, daß er die Fähigkeit besaß, zu erraten.

»Ich erinnere mich sehr gut an Sie«, sagte er zu Friedrich. »Sie waren einmal bei uns.

Es ist viel geschehen inzwischen. Manchmal kommt es mir vor, daß wir alles schon vorher gewußt haben. Ich habe Jahr für Jahr mit eigenen Augen sehen können, wie der Staat sich auflöst, die Menschen gleichgültiger werden, aber auch gehässiger, ja gehässiger –« Er sagte es mit der Nachsicht eines Jenseitigen.

»Wir haben Witze gemacht, wir haben alle dazu gelacht«– – fuhr er fort. »Ich habe mir selbst ein paar vorzuwerfen. Glauben Sie mir, daß Witze allein genügen, einen alten Staat zugrunde zu richten. Alle Völker haben gespottet. Und doch war zu meinen Zeiten, als noch der Mensch wichtiger war als seine Nationalität, die Möglichkeit vorhanden, aus der alten Monarchie eine Heimat aller zu machen. Sie hätte das kleinere Vorbild einer großen zukünftigen Welt sein können und zugleich die letzte Erinnerung an eine große Zeit Europas, in der Norden und Süden verbunden gewesen wären. Nur hat die Geographie den Professoren nicht gepaßt. Eine Welt, von Professoren eingerichtet und von Professoren verwaltet, Wilson, Masaryk – was für Namen! Es ist vorbei«, schloß Herr von Maerker mit einer leichten Handbewegung, mit der er den letzten Rest seiner Erinnerung endgültig zu vertreiben schien.

Seine Traurigkeit selbst war noch von einer Heiterkeit begleitet. Sein wehmütiger Nachruf auf sein Vaterland hinderte ihn nicht, den schwarzen Kaffee und eine dünne Zigarette mit sanfter Überlegung auszukosten, und es sah aus, als freute er sich seines Lebens doppelt, weil es sich außerhalb seiner Zeit noch fortsetzte, und als genösse er jeden Tag, jeden Abend, jede Mahlzeit, die ihm der Himmel schenkte, mit der Freude, die man unverdienten Ferientagen entgegenbringt. Der Untergang der Monarchie hatte gleichsam nur der tätigen Periode seines Lebens ein Ende gesetzt. Er hatte nur als Zeitgenosse zu existieren aufgehört, aber er lebte weiter als der Zuschauer einer neuen Zeit, die ihm keineswegs gefiel, die ihn aber auch nicht im geringsten anging.

Er verabschiedete sich von Friedrich, seine Tochter begleitete ihn. Die Stunde, in der Friedrich auf sie wartete, ging er auf und ab vor dem Hotel, wie er es vor fünfzehn Jahren ebenfalls getan hätte: Nichts ist zwischen dem Tag gewesen, an dem ich sie zuerst im Wagen gesehen habe, und heute. Soll ich noch an das Wunder der Liebe glauben? Es ist offenbar ein Wunder, wenn Geschehenes ausgelöscht wird.

Zu ihr sagte er dann: »Ich habe einmal auf der Flucht aus Sibirien daran gedacht, dich in ein weites und friedliches Land mitzunehmen. Es gibt noch fremde und friedliche Länder. Wir werden fahren.«

»Wir brauchen sie nicht, um glücklich zu sein.«

Sie gingen durch breite, leuchtende Straßen, überquerten die belebten Plätze, wichen ihren Gefahren aus, ohne achtzugeben, nur mit dem gewachsenen Instinkt, am Leben zu bleiben und zu leben. Sie hätten sich selbst aus einer Katastrophe retten können und wären unter tausend Umgekommenen gerettet geblieben.

Ihm wurde keine einzige von allen Torheiten erlassen, an denen die männliche Verliebtheit so reich ist. Sogar die Eifersucht auf die Zeit, die Hilde ohne ihn verlebt hatte, ergriff ihn – – und auch er tat schließlich die dümmste und männlichste aller Fragen, die im Sprachführer der Liebe verzeichnet stehn: »Warum hast du nicht auf mich gewartet?« Und er bekam die unvermeidliche Antwort zu hören, die ihm jede andere Frau ebenfalls gegeben hätte und die keineswegs eine logische Antwort ist, sondern eher eine Fortsetzung der Frage: »Ich habe immer nur dich geliebt ...«

Die Liebe begann aus einer ungewöhnlichen Daseinsform eine gewöhnliche zu werden. Und er lernte die sterblichen und ewigen Freuden kennen und das Glück, große Ziele kleinen zuliebe aufzugeben und das Erreichte so maßlos zu überschätzen, daß jedes Suchen sinnlos wird. Sie fuhren durch weiße Städte, standen in den großen Häfen, sahen Schiffe fremden Küsten entgegendampfen, begegneten Zügen, die ins Unbekannte rasten, und niemals konnten sie ein Schiff oder einen Zug erblicken, ohne sich selbst wegfahren zu sehen ins Ferne, Zukünftige, Vage. Sie zählten ängstlich die Tage, die sie noch zusammenbleiben konnten. War die erste Woche noch eine unteilbare Einheit der Zeit gewesen, so zerfiel die zweite schon in Tage, die dritte in Stunden, die vierte in Augenblicke.

»Ich werde dir überallhin folgen«, sagte Hilde, »selbst nach Sibirien.«

»Was soll ich dort? Ich habe nicht mehr die Absicht, mich in gefährliche Situationen zu begeben.«

»Was willst du denn sonst tun?«

»Gar nichts.«

Sie verfiel in ein enttäuschtes Schweigen. Das war das erstemal, daß sie plötzlich auf einen Punkt stießen, wo das Sprechen aufhören mußte. Diese Augenblicke kamen immer häufiger, und sie vergaßen sie immer wieder. Beide verschoben Erklärungen auf günstigere Gelegenheiten, aber die Gelegenheiten kamen überhaupt nicht. Von den Lippen eines jeden fielen Worte ohne Widerhall, Steine in eine abgrundlose Tiefe.

Einmal sagte sie – vielleicht, um ihn zu versöhnen: »Ich bewundere dich dennoch!«

Und er konnte sich nicht enthalten zu antworten: »Wen hast du nicht schon bewundert? Einen Maler, den Krieg, die Verwundeten. Jetzt bewunderst du einen Revolutionär.«

»Man wird klüger.«

»Man wird auch dümmer.«

Und es begann ein schnelles Hin und Wider von leeren Worten ohne Sinn wie ein Kampf mit hohlen Nußschalen.

Sie muß jemanden zum Bewundern haben, dachte Friedrich.

Sie hat mich endlich zum Helden ernannt. Sie bekennt sich zu mir in einem Augenblick, in dem ich anfange, mich zu verleugnen. Ich bin nicht der Alte mehr, ich spiele ihn nur noch aus Ritterlichkeit – –

Dennoch war es zwischen ihnen abgemacht, daß sie ihr Haus verlassen würde.

»Vergiß nicht«, sagte sie, als er in den Zug stieg, »daß ich dir trotzdem überall folgen werde.« Der Zug rollte schon. Friedrich konnte nicht mehr antworten.

Eine Woche später sollte sie ihm nachkommen.

 

Er fand, nachdem er Hilde verlassen hatte, eine Nachricht von seinem Freunde Berzejew vor. »Es tut mir nicht leid«, schrieb dieser, »daß ich Dir nicht ins Ausland gefolgt bin, sondern daß ich Dich vermutlich nie mehr sehen werde. Eine Sentimentalität eines offenbar anarchistisch veranlagten Menschen, deren ich mich heute nicht mehr zu schämen brauche, nachdem man mir die Würde eines Revolutionärs öffentlich aberkannt hat. Um Dich zu trösten, will ich Dir sagen, daß ich gezwungen und dennoch gerne in die Verbannung gehe. Wenn Savelli ahnen könnte, wie er eigentlich meiner geheimen Sehnsucht entgegenkommt, er würde mich vielleicht, um mich zu bestrafen, zu einem ewigen Kurierdienst zwischen Moskau und Berlin verurteilen. Ich meine zum Dienst eines Kulturträgers, eines Boten der Elektrifizierung des Proletariats, seiner Verwandlung in einen tüchtigen Mittelstand. Für einen Menschen unserer Art ist Sibirien der einzig mögliche Aufenthalt.«

Von solch einer Sehnsucht nach dem Rande der Welt hätte auch Friedrich mit Recht sprechen können. Scheint es doch keineswegs von einem freien Entschluß abzuhängen, ob man die Richtung seines Lebens ändert oder nicht. Die Seligkeit, einmal für eine große Idee und für die Menschheit gelitten zu haben, bestimmt unsere Entschlüsse auch lange noch, nachdem der Zweifel uns hellsichtig gemacht hat, wissend und hoffnungslos. Man ist durch ein Feuer gegangen und bleibt gezeichnet für den Rest seines Lebens.

Vielleicht war auch die Frau verspätet zu Friedrich gekommen. Vielleicht bedeutete ihm der alte Freund viel mehr als sie – – der alte Freund und die gleiche Bitterkeit, die, wie einst der gleiche Idealismus, diese Freundschaft heute nährte. Gingen sie doch beide mit der stolzen Trauer stummer Propheten herum, verzeichneten sie doch beide in ihrer unsichtbaren Schrift die Symptome einer unmenschlichen und technisch vollkommenen Zukunft, deren Zeichen Flugzeug und Fußball waren und nicht Sichel und Hammer.

Deshalb vielleicht folgte Friedrich dem Befehl, nach Moskau zu kommen. Er stand im Büro des Kommissars Savelli. Es war in dem oft beschriebenen und, man kann sagen, meistgefürchteten Gebäude von Moskau gelegen. Ein helles und kahles Zimmer. An den hellgelben Wänden fehlten die üblichen Porträts von Marx und Lenin. Drei weite bequeme lederne Sessel, zwei vor dem breiten Schreibtisch und einer hinter ihm. Diesen nahm Savelli ein, das Fenster im Rücken, das Gesicht der Tür zugewandt. Auf der schimmernden gläsernen Platte über dem Schreibtisch lag nichts mehr als ein einzelner leerer gelber Oktavbogen. Die Platte spiegelte den matten Himmel wider, den das Fenster aufnahm. Ein dichter, sanfter, roter Teppich überraschte einigermaßen in diesem kahlen Zimmer, in dem Savelli schon seit zwei Jahren lebte.

»Setzen Sie sich«, sagte Savelli zu Friedrich.

»Dauert es denn so lange?«

»Ich möchte nicht sitzen, während Sie stehen.«

»Ich möchte es uns beiden nicht bequem machen.«

Savelli stand auf. »Sie können«, begann er, »wenn Sie wollen, Gesellschaft haben. R. geht morgen weg. Er geht nach Kemi, fünfundsechzig Kilometer von Solowetzk. Es sind, wie Sie wissen, nette Inseln, fünfundsechzig Grad nördlicher Breite, sechsunddreißig Grad östlich von Greenwich. Die Ufer sind felsig und romantisch geklüftet. Achttausendfünfhundert Romantiker zählen wir schon dort. Verachten Sie mir das Kloster nicht, das aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt. Es hat vergoldete Kuppeln. Nur die Kreuze haben wir entfernt. Das dürfte R. traurig machen.«

»R. ist nicht meine Gesellschaft«, erwiderte Friedrich. »Sie irren sich, Savelli. R. war in einer sehr wichtigen Zeit Ihr Freund und nicht der meine. Sie wissen ja, daß ich zu Berzejew will.«

»In den Freundschaften kenne ich mich nicht aus. R. hat einen Dienst gehabt wie Sie und ich, nicht mehr. Auf einmal kündigen sie alle den Dienst.«

»Man hat auch Verdienste.«

»Wir sind nicht unsere eigenen Geschichtsschreiber. Ich habe nie ein Verdienst gehabt. Ich bin nur ein Werkzeug.«

»Das haben Sie mir schon einmal gesagt.«

»Ja, vor etwa zwanzig Jahren. Es war damals noch ein guter Bekannter von Ihnen dabei. Wollen Sie ihn sehen?«

Savelli ging zur Tür und sagte etwas leise dem Posten. Die Tür blieb halb offen. Ein paar Minuten später erschien in ihrem Rahmen Kapturak.

Als wäre er nur zu diesem Zweck gekommen, begann er: »Parthagener ist endlich gestorben. Und ich lebe, wie Sie sehen.« Er fing an, im Zimmer herumzugehen, als müßte er es beweisen. Die Mütze auf dem Kopf, die Hände auf dem Rücken. »Es ist nicht wahr, sehen Sie, daß Genosse Savelli undankbar ist. Erinnern Sie sich? Fünfzigtausend Rubel hätte ich einmal für ihn bekommen können.«

»Und was verdienen Sie hier?«

»Allerhand Erfahrungen, Erfahrungen. Die Spesen in der Eisenbahn bringen nicht viel. Manchmal begleite ich gute Bekannte im Schlafwagen. Erinnern Sie sich, wie wir einmal zu Fuß gelaufen sind? Heute könnte ich es nicht mehr. Sehen Sie her!« – – Kapturak nahm die Mütze ab und zeigte sein dichtes, schneeweißes Haar.

Er begleitete Friedrich nach B. Friedrich fuhr nicht mehr im Zwischendeck, auch nicht mehr in einem vergitterten Waggon. Kapturak war ein sorgfältiger und langsamer Führer. Savelli bewies einen gewissen Sinn für eine deutliche Pointierung jener Ereignisse, die zum Teil von seiner Willkür abhingen ...

 

Während diese Zeilen geschrieben werden, lebt Friedrich mit Berzejew zusammen in P. Das ist immerhin eine größere Stadt. Sie dürfte etwa fünfhundert Einwohner zählen. Unter ihnen lebt übrigens ein Mann wie ein Trost, namens Baranowicz, ein Pole, der seit seiner Jugend in Sibirien freiwillig geblieben ist. Die Ereignisse der Welt schlagen nur wie ein fernes Echo an die Wände seines einsamen Hauses. Er lebt mit seinen beiden großen Hunden Jegor und Barin, ein zufriedener Sonderling, und beherbergt seit einigen Jahren die schöne und stille Alja, die Frau seines Freundes Franz Tunda. Waldläufer und Bärenjäger kehren bei Baranowicz ein. Einmal im Jahr kommt der Jude Gorin mit den letzten Erzeugnissen der Technik. Friedrich und Berzejew haben mit Baranowicz Freundschaft geschlossen. Ein Mann, auf den man sich verlassen kann.

In den Winternächten singt der Frost. Seine Melodie mag die Gefangenen an die heimlichen summenden Stimmen der Telegraphendrähte erinnern, an die technischen Harfen der zivilisierten Länder. Die Dämmerungen sind lang und verhüllen auch noch die Hälfte der kümmerlichen Tage. Wovon mögen die Freunde miteinander sprechen? Hoffen wir, daß sie die Flucht vorbereiten.

Denn es entspricht unserer Meinung nach den enttäuschten Männern, ihr Heimweh nach der Einsamkeit zu unterdrücken und mutig auszuharren in der geräuschvollen Leere der Gegenwart. Für hoffnungslose und sentimentale Rebellen und entschlossene Zuschauer hat die Welt noch ein paar Freuden zur Verfügung: den faulen Geruch von Wasser und Fischen in den gewundenen Gassen alter Hafenstädte, den paradiesischen Glanz der Spiegel in den Kellern der geschminkten Mädchen und der blauen Matrosen, den wehmütigen Jubel der Ziehharmonika, der profanen Orgel volkstümlicher Lust, das schöne Brausen der weiten Straßen und Plätze, der Flüsse und Seen aus Asphalt, die grünen und roten Signale in den Bahnhöfen, den gläsernen Hallen der Sehnsucht; und schließlich die harte und stolze Wehmut der Einsamen, die am Rande der Freuden, der Torheiten und der Schmerzen wandeln.

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