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Die Last des Schweigens

Ferdinand Kürnberger: Die Last des Schweigens - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleÖsterreichische Erzählungen des 19. Jahrhunderts
titleDie Last des Schweigens
publisherAlois Brandstetter
year1986
authorFerdinand Kürnberger
senderharald.aichmayr@netway.at
copyright(c) 1986 Residenz Verlag, Salzburg und Wien
created19990714
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Die Last des Schweigens

Ferdinand Kürnberger

Die Leute sagen, ich sterbe morgen auf dem Schafott. Es ist wahr, meine Krankheit brachte mich auf ein Totenbett, welches man Schafott nennt. Meine Krankheit hieß – Leidenschaft. Ist es meine Schuld, daß sie tödlich verlief? Die Leute sagen, ich hätte mein Selbstarzt sein sollen. Womit? Mit eben den Kräften, welche von meiner Leidenschaft ergriffen waren? Kann ein brennendes Haus sich selbst löschen? Kann eine Wasserüberschwemmung sich selbst eindämmen? Aber die Leute sagen, der Mensch hat eine doppelte Natur. Und die gute Natur soll die böse Natur überwältigen. Ich verstehe das nicht. Ist die gute Natur stärker, so unterliegt ihr die böse von selbst; ist die böse stärker, so fordern die Leute, das Stärkere soll überwältigt werden von dem Schwächeren. Ist das möglich? Aber die Leute sagen, das Böse wird. Und ich hätte die Pflicht gehabt, sein Werden zu verhindern. Hier gemahnts mich wie Wahrheit. Ja, ja, ich fühlte werden in mir. Das Böse wurde. Als ich liebte, war meine Leidenschaft gut; als ich glücklich zu sein wünschte, war sie auch noch gut; aber ich beneidete, ich haßte – und meine Leidenschaft wurde böse. Immerhin! war es doch nur eine gedachte Bosheit! Eh' ich den Nebenbuhler tötete, weideten sich an der Vorstellung seines Todes meine Gedanken. Und glaubt man böse zu sein, wenn man das Böse nur denkt? Ich habe den Punkt übersehen, wo die Gedanken zur Tat nötigen. Ich spielte mit meinen Gedanken – meine Gedanken spielten mit mir! Die Leute sagen, ich bin ein Mörder. Ich möchte sagen: ich habe den Mörder an mir erlebt!

Überblicke ich den zurückgelegten Weg, so sehe ich nicht wo ein Nebenweg ausbeugte, wo mein Geist mir gesagt hätte: halt ein! oder: kehr um! Es floß eins aus dem andern. Ich war gut und menschlich, und ich war böse und auch menschlich. Ich sehe die Stelle des Übergangs nicht, ja, ich glaube, sie ist gar nicht da. Ich ginge immer in der Menschheit. Ich ging immer nur selbst nach. Brächte ein Gott mich an den Ausgangspunkt zurück, ich ginge den nämlichen Weg. Ja, ich glaube sogar, ich fände die nämlichen Fußstapfen wieder. Ist Leidenschaft eine Krankheit, so ist sie die einzig folgerichtige. Kein Kranker will seine Krankheit, aber der Leidenschaftliche will seine Leidenschaft. Die Krankheit kommt aus dem Leiblichen, sie tut dem Seelischen in uns ein ruchloses oder albernes Unrecht. Ein Knochen, ein Darm leidet, – und Kopf und Herz müssen hinab in die Grube! Die Leidenschaft kommt aus dem Seelischen selbst; sie tut uns unser gerechtestes Maß. Ich werde es morgen auf der Plattform des Schafotts sagen:

Ich sterbe die natürlichste aller Todesarten!

Zuvor aber will ich in meiner Zelle noch aufschreiben, warum ich mich selbst verraten. Die Leute möchten sonst sagen, mein Gewissen tats. Mein Gewissen tats nicht, ich bin ein gerechter Mann. Es liegt tiefer. Die menschliche Seele ist rätselhafter als Menschen ahnen. Und wer eine Silbe des vielsilbigen Rätsels gefunden, der ist seiner Gattung schuldig, es mitzuteilen. Vielleicht daß so einst die ganze Auflösung gelingt. Dann wird kein Recht und kein Unrecht mehr sein, dann wird kein Schafott sein. Die Todesstrafe, wenn sie das Leben kennen gelernt, wird sich selbst zum Tode verurteilen.

Höret mich an.

Ich spreche nicht von meiner Liebe. Ihr andern würdet doch glauben, es sei eure Liebe. Meine Liebe entstand und vergeht mit mir. Sie ist zum ersten – und letztenmale in der Welt. Wehe dem Liebenden, der seine Liebe nicht für unaussprechlich hält! Irma, du Inbegriff meines Begriffes! Allen wirst du gefallen, viele werden dich lieben; aber geschaffen warst du nur für mich. Jedes Weib ist nur für Einen Mann geschaffen. Selten lernt sie ihn kennen, noch seltener lieben und am seltensten kommt es zur Ehe.

Und doch wollen sie heilig sein, die Paarungen, welche sich Ehen nennen. Henker, bereite dich, mein Kopf ist dieser Welt müde!

Als es entschieden war, daß Irma, die sich selbst nicht kennt, dem raschen glänzenden Tänzer, der sie auch nicht kannte, die Tour durchs Leben zugesagt; als ich in jener unvergeßlichen Nacht des letzten Casinoballs trunken von meinem Unglück auf mein Landgut zurückjagte; als ich meiner Dogge, die mich freudewinselnd ansprang, das Messer ins Herz stieß, um die gräßliche Kunst zu lernen, welche zu lernen mir jetzt bevorstand, die Kunst, Liebe zu entbehren und gegen Liebe zu wüten; als das schöne, seelenvolle Tier mit brechendem Auge mich vorwurfsvoll ansah und seine Glieder streckte und zuckend verendete; da war's wo mir zuerst der Gedanke kam! damals dacht' ich zuerst: Wenn Ödön so vor dir zuckte!

Spielend mit diesem Gedanken schlief ich ein. Die Nacht wurde so martervoll nicht als ich gefürchtet. Holder, freundlicher Mordgedanke! dich hätt ich verbannen sollen? Und warst mein einziger Freund, mein einziger Tröster in jener Nacht! Saßest an meinem Lager, kühltest meine Schmerzen, unterhieltest mich mit genußvollen Möglichkeiten, die dem Alltagskopfe schon aufgehört und die mir nicht aufhörten, wenn ich kein Alltagskopf war. Gibt es denn etwas, sagtest du, das Irma nicht wert wäre? Ist Irma nicht eines Mordes wert? Dein Leben gäbst du für sie, warum nicht dein Gewissen? Kann Liebe Liebe sein und doch etwas behalten wollen, das sie nicht opfern könnte? Dein Leben gäbst du für sie, warum nicht auch das eines andern? Steht dir der andere näher als du? Existiert die Welt auf diesem Fuße? Sieh sie dir an, diese Welt! ihre Gesetze und Sittenbegriffe! Heilig das Ich! predigt dir alles. Im kleinen winselnden Kinde liebt die Mutter das Ich und im großen ewigen Gotte idealisiert der Mensch wieder das Ich. Der Gott soll ihm helfen, dienen, seine Wünsche befriedigen, und wenn ers auf Erden versäumt hat, eine ganze Ewigkeit lang es nachholen. Der Gott ist das kolossal geschmeichelte Ich. Und wenn es dem Ich schmeichelte, zu töten, so wehrte es Gott? Du sollst nicht töten, hat er gesagt. Wohl, aber das sagte er als Parteimann dessen, der getötet werden soll, nicht dessen, der töten will. Dem sagt er anders – frag Irmas Augen!

Du sollst nicht töten. Was heißt das anders als: ich setze voraus, du wünschest zu töten? Also der Wunsch, nicht das Verbot ist die Originalstimme im Menschen. Lange vor Sinai war Kain.

Natürlich! der Naturmensch tötet. Der gesellig-lebende, wie er in Stamm und Volk auf Sinai steht, soll nicht töten, denn er ist rings von Nachbarn umgeben; allzu viele Augen sehen auf ihn. Er fordert die Blutrache heraus, er könnte selbst wieder getötet werden. Da ist es wieder das Ich! Die Rücksicht auf das Ich, nichts Höheres verbietet zu töten. Aber was das Ich verbietet, kann das Ich wieder erlauben. In einer großen Leidenschaft trittst du in den Naturzustand zurück, nimm dir die Rechte des Naturmenschen heraus. Töte!

So mütterlich umarmtest du mich, süßer barmherziger Mordgedanke! Und wenn du fromm bist, sagtest du, und nichts willst als die Natur und im Guten und Bösen ihr folgst wie ein gehorsames Kind, so will ich dich noch glücklich machen. Und ich horchte dir zu – und schlief ein.

Als ich erwachte, war die ganze Höllenlogik der Nacht vergessen. Aber auf meiner Schwelle lag Molly, die tote Molly, die sich sterbend dahin geschleppt hatte. Dieser Anblick bezauberte mich. Wieder dachte ich: Wäre es Ödön!

Der Tod eines Nebenbuhlers hat mehr Schönheit als alles Leben. Und je fremder mir die Tat noch war, desto zuversichtlicher mein Gedankenspiel. Wozu es aufhalten? sagte ich bei mir. Das Gewissen spricht immer für sich; hör auch einmal, was dagegen spricht. Laß die Parteien sich streiten. Behältst du doch freie Hand! Kann der Mordgedanke seine Sache durchfechten, so war es Feigheit und Aberglaube, ihn ungehört zu verdammen; behält das Gewissen Recht – nun so hat dich der schwarze Geselle doch unterhalten, wie es deiner Stimmung gemäß war. Laß ihn gewähren!

Und Tag und Nacht kein anderer Gedanke mehr! Stand ich auf dem Anstand und hört' ich das Knallen der Jagd um mich her und Signale und Hundegebell, so hört' ich noch deutlicher meine eigene innere Stimme. Du nimmst ihm das Leben, würde der Sprachgebrauch sagen. Aber das ist ja falsch! Denn einmal nimmst du ihm jenes Leben nicht, das er schon gelebt hat und das ihm kein Gott nehmen kann. Sodann aber – die Jahre, die er noch zu leben hat, wo existieren sie anders als in deiner eigenen Vorstellung? Sie sind ein Begriff, eine Idee. Du nimmst ihm nicht zwanzig oder vierzig Jahre, du nimmst ihm in Wahrheit nur einen Augenblick. Über diesen Augenblick hinaus, sind jene zwanzig oder vierzig Jahre nicht mehr seine Vorstellung sondern deine. Über diesen Augenblick hinaus, weiß er nicht mehr was er verloren hat, und so hat er wirklich nur einen Augenblick verloren. Er hat nicht mehr verloren als jener Hase, welcher vor dem Schuß des Jägers zugleich ist und nicht mehr ist. Tor, der du bist! Welch ein Widerspruch über deine eigenen zwanzig oder vierzig Jahre die Empfindung eines unvergeßlichen Unglücks zu verhängen, bloß weil du über einen andern nicht jenen Augenblick verhängen willst, welchem keine Empfindung mehr folgt.

Beim Nachbar Lißkay wird mir zum Kaffee eine Untertasse präsentiert, welche Napoleons Übergang über den Bernhard darstellt. Wie oft hatte ich die Vignette angesehen, ohne was zu denken; jetzt dachte ich: das ist der Attila, welcher sich rühmte, er habe monatlich dreißigtausend Mann auszugeben. Mit welchem Rechte gab er sie aus? Seine politische Lage erforderte es. Aber warum war sein Barbier und sein Koch nicht in dieser politischen Lage? Warum war sie weder vor ihm noch nach ihm da, diese politische Lage? Weil sie ein Ausfluß seiner Persönlichkeit war. Seine Person brauchte monatlich dreißigtausend Mann.

Und weil er sie brauchte, so nahm er sie und verbrauchte er sie. Er verbrauchte die Altersklassen des wehrfähigen Frankreichs und Rheinbunds, wie sein Leib seine Hemden verbrauchte. Eine Generation um die andere zog er an und vernutzte sie. Seine Leidenschaft hatte eine Welt zur Verfügung und hieß Weltgeschichte. Meine Leidenschaft nimmt ein Privatleben in Anspruch und heißt Kriminalgeschichte. Das ist der Unterschied. Ein Unterschied der Größenverhältnisse. Tor, der das nicht weiß! Recht und Unrecht sind mathematische Proportionen, nicht sittliche Begriffe. Jeder Mensch folgt seinem Naturgesetze und dieses Gesetz ist weder ein Recht noch ein Unrecht. Unrecht wirds, wenn es die Menschen überwältigen können; Recht bleibts, das sie anerkennen und ihrer übrigen Rechtsordnung einfügen, wenn es größer ist als der Widerstand. »Macht ist Recht«; – besser gesagt: aus Macht wird Recht; – und am besten gesagt: Leidenschaft ist Recht, und Leidenschaft mit Macht behält Recht!

Eingetaucht in diese Philosophie stählte ich mich und wurde hart, wie weiche Gegenstände in Kieselsinter verhärten. Daß ich durfte, fühlte ich mehr und mehr, aber noch einmal durchprüfte ichs, ob ich mußte. Ich prüfte strenge, gewissenhaft. Irma, Ödön und ich – ich maß alle Proportionen dieses Verhältnisses aus. Ach, sie waren längst gemessen. Ödön war nicht Irmas erste Liebe, er war ihre letzte Puppe. Ihre Sinne waren ihrem Herzen vorausgeeilt. Sie verwechselte jene mit diesem und der Ausdruck dieses Irrtums hieß Ödön. War es möglich, diesen Irrtum ihr zu entreißen? In Güte nicht. Einem Volke ist seine Freiheit nicht anders zu schenken, als indem man seinen Tyrannen tötet, denn so lange er lebt, schöpft er seine Macht aus eben dem Volke. Eben so einer Seele. Ödön war der Tyrann ihrer spielenden und tändelnden Seele und sie wußte nicht, daß es eine denkende und fühlende gab und hatte kein Bedürfnis darnach, so lange Ödön – seine Crac vienne mit ihr tanzte! Das ist ja das Unglück: der Tyrann tötet nicht die Freiheit, sondern die Fähigkeit und das Bedürfnis der Freiheit. Der deutsche Klassiker Schiller schreibt mit zermalmender Wahrheit: Mittelmäßiger Umgang schadet mehr, als die schönste Gegend und die geschmackvollste Bildergalerie wieder gut machen können. Auch mittelmäßige Menschen wirken. Hört es, ihr Pedanten der geistigen Selbstüberschätzung. Jeder Geist wird an Punkte kommen, wo es der physischen Mittel bedarf, um zu gelten. Gegen Ödön half mir ein Büchsenschuß besser, als alle Vorteile meines Geistes. War er tot, dann wurde Irma geboren. Sie mußte erstaunen, wie sein Tod so gar keine Lücke riß. Sie mußte zu trauern glauben und sich selbst überraschen, daß sie eigentlich nicht trauerte. Ödön töten hieß Irma lebendig machen. Sein Leben für ihres – es war ein gewinnreicher Tausch. Sterben soll er, er dem sie fluchen wird, wenn es zu spät ist. Auch mittelmäßige Menschen wirken. Weh ihnen!

Ich fing jetzt die Ausführung des Mordes zu überlegen an. Es mußte ein Plan sein, welcher weder sich selbst noch weniger mich verriet. Keine Tat, sondern ein Ereignis. Etwa ein unvorsichtiger Schuß auf der Jagd oder auf einem Spazierritte. Ein Schuß aus seiner Umgebung – von gedungener Hand. Ich dachte hin und her über den Mann meiner Wahl. Oft ging ich in diesem Gedanken am Ufer des Platensees, welcher mein Landgut begrenzt, spazieren. Sah ich dann auf dem See die schmalen winzigen Kähne ziehen – Seelentränker nennen wir sie – wie verlockend war mir der Anblick! Wenn so ein Holzstreifen sich überschlägt, so sinkt ein Menschenleben in die Tiefe! Still und verdachtlos verschwindet es; der Fährmann schwimmt, der andere verunglückt. Wäre Ödön auf solch einen Kahn zu locken! Wäre ein Fährmann für meine Absichten zu gewinnen! Vorsichtig streckte ich meine Füllhörner aus. Mein Zigeuner bekam manchen Auftrag auszurichten – welchen er nicht verstand!

Und hier will ich eine Bemerkung niederschreiben, welche der Menschheit nicht verloren sein soll. So lange ich über die Natur des Mordes nur philosophierte, war ich im Zustande einer vollkommenen Gemütsruhe geblieben; jetzt wo die Tat in mir keimte, wo ich die Szene dramatisch mir vorstellte, wo ich in die verschiedenen Lagen eines Mörders mich handelnd versetzte, – jetzt verursachte mir der Gedanke ein physisches Angstgefühl, welches meinen Atem beklemmte und mich zu ersticken drohte. So oft ich das Bild meiner Tat mir sinnlich vergegenwärtigte, schoß ein Strom von Blut nach meinem Herzen, wie im Augenblicke eines heftigen Erschreckens, und da keine Druckkraft von gleicher Gewalt seinen Rücklauf forcierte, so staute es sich in Lungen und Herzen und benahm mir den Atem. Ich atmete schwer und schwerer. Die tiefsten Züge füllten meine Lungen nicht mehr mit Luft. Mein Atem wurde zu einer anstrengenden und vergeblichen Arbeit. Wie ein Zentnergewicht lag's auf meiner Brust. Das Gewicht erdrückte mich und ich vermochte nicht mehr, es abzuwerfen. Es war ein martervoller Zustand. Ich wurde körperlich unglücklich wie ich es geistig war. Eine Mutlosigkeit ergriff mich, die mich am Leben verzweifeln machte. In diesen Tagen kauft' ich mir Gift, denn oft dacht' ich daran, meinem eigenen Leben noch eher als dem eines andern ein Ende zu machen.

Siehe da, der Druck des bösen Gewissens, werden die Leute sagen. Siehe da, wie ein Sophist seine Bosheit sich leugnet und tatsächlich erstickt in der Bosheit.

Ich gestehe, daß ich einen Augenblick selbst so dachte. Ich hatte den Druck des bösen Gewissens schon längst erwartet; ich war verwundert, daß er so spät sich einstellte. Aber eben dieser Umstand machte mich stutzen. Wenn das, was ich empfand, böses Gewissen war, warum empfand ich's nicht schon, als ich den Mord mir geistig zurechtlegte? Warum empfand ich's erst, als mir der Gedanke zum sinnlichen Bilde wurde? Mein Gewissen war ruhig geblieben, warum blieb meine Phantasie nicht ruhig? Ich dachte darüber nach und die Erklärung meiner Sinnesempfindung durch das böse Gewissen blieb nicht stichhaltig.

Eine liebende Frau hat ihren Gatten im Felde stehen. Mit Herzklopfen empfängt sie die Feldposten, mit Herzklopfen erlebt sie die Schrecken des Krieges in ihrer Einbildungskraft. Ihre Einbildung wandelt beständig zwischen Blut und Leichen, Kugeln und Säbelhieben einher. Jedes dieser Bilder begleitet ein Herzklopfen, das ihr den Atem benimmt. Ihr Zustand wird zuletzt ganz der meinige. Und doch ist sie unschuldig und ich schuldig. Werden ihre Angstgefühle auch vom bösen Gewissen verursacht?

Der Mensch hat einen außerordentlich dürftigen Stoff, woraus seine Begriffswelt sich aufbaut. Dieser Stoff sind seine Sinneseindrücke, wozu sein Verstand die Ursachen sucht. Aber der n2~mliche Sinneseindruck kann verschiedene Ursachen haben und die nämliche Ursache verschiedene Sinneseindrücke bewirken. Daher kommt es, daß unsere Begriffe so wenig Gewißheit haben und daß das Denken eine Wissenschaft ist. Die Menge der Menschen ahnt das nicht. Mit einer erschreckenden Flüchtigkeit schließt sie über Ursache und Wirkung und fast die Regel ists, daß sie so schließt: Post hoc ergo propter hoc. Eine Erscheinung kommt nach der andern, folglich kommt eine Erscheinung aus der andern. Aus verkehrten Schlüssen baut sie eine verkehrte Welt auf und diese Welt ist ihr die Welt der göttlichen Ordnung. Diese Welt läßt sie sich garantieren durch Religionen, Gesetze, Soldaten, – es ist ihre offizielle, ihre sittliche Welt.

Ich lebte unter Bildern des Mordes, welche meine Nerven erschütterten. Aber wenn diese Nervenerschütterung ein Wahrheitsbeweis für irgend welchen Vorgang im Gewissen wäre, so müßten auch die Theatertränen eine Wahrheit beweinen, da sie doch eine bewußte Täuschung beweinen. Ich bin am Morde Wallensteins oder König Duncans gewiß unschuldig; aber die Vorbereitungen dieser Mordtaten beklemmen mir das Herz, wie es mein eigener Mordvorsatz tat. Die Erfahrung erlaubt euch also zu sagen:

Die sinnliche Vorstellung eines Mordes erschüttert die Nerven. Was aber gibt euch ein Recht, die Unterstellung zu machen: Es muß die sinnliche Vorstellung eines Mordes sein, welchen ich selbst begehen will? es muß Gewissensangst heißen, was ich als Nervenerschütterung empfinde? Das ist ein falsches Glied in eurer Schlußfolgerung. Für diese Behauptung habt ihr keinen Grund. Es ist behauptet, aber nicht bewiesen.

Inzwischen – ich litt. Mit oder ohne Gewissensursachen litt ich. Und das ist's, was die Moral gegen das gefährliche Spiel meiner Gedanken einzuwenden hat: meine Mordgedanken griffen mich selbst an! sie waren ungesund. So fand ich die Wahrheit wieder, die ich bei der Betrachtung der menschlichen Dinge schon so manchmal geahnt: sittlich heißt, was das Leben bejaht; unsittlich, was es verneint. Man spreche nicht von den tugendhaften Aufopferungen des Einzelnlebens; sie bejahen das Gattungsleben. Du sollst nicht töten – du sollst für's Vaterland sterben – es ist das Nämliche. Das Dasein, als höchster Gegenstand seiner Selbstanbetung. Das Gewissen ist der Instinkt des Lebens. Man könnte eine Artillerie erfinden, welche jedes Trommelfell zerrisse; die Erfindung wäre nicht strafbar, aber schädlich. Darum beschränkt der Erfindungsgeist sich selbst und unterläßt die Erfindung. Aus eben diesem Grunde – aber keinem höheren! – soll ich auch meine Leidenschaften beschränken. Nur bildet mir nicht ein, daß die schrankenlosen strafbar! Nur bildet mir nicht ein, daß Selbsterhaltung mehr als ein Trieb, – daß sie eine Pflicht, ein Gottesgebot und Sittengesetz! Macht aus der Lebenslust keine Religion!

Ich erzähle keinen Roman, ich erzähle eine Seelengeschichte. Ich führe daher nicht aus, wie Familienverhältnisse mancher Art die Trauung der Verlobten bis tief in den Frühling hinausrückten. Allzu günstig für meine langwierige Prämeditation! Ich erhielt Frist auf Frist. Ja, es kamen Augenblicke, wo mir die Hoffnung schmeichelte, ein Wechsel der Gesinnungen oder Umstände könne den ganzen Brautstand wieder in Frage stellen. Inzwischen war der Tag der Hochzeit anberaumt und rückte unerbittlich näher. Ödön hatte sich auf der Schnepfenjagd eine kleine Erkältung zugezogen, und wenn ich nicht so töricht sein wollte, einen Schnupfen für ein Ehehindernis zu halten, so war ich mit meinem Wähnen und Warten zu Ende. Was wollte es sagen, wenn etwa der Aufschub einer Woche dabei herauskam?

Dumpf rafft' ich mich auf Ich fühlte, daß eine Tat im Anzuge sei, aber ich fühlte mich kaum noch als ihren Autor, höchstens als ihr Werkzeug. Ich folgte müde, fast verdrossen.

Ödön lag seit der Schnepfenjagd, die ich selbst mitgemacht hatte, mit seinem Schnupfen auf einer Tanya, wenige Meilen von meinem eigenen Landgut. Es war mir nicht gelungen auf dieser Jagd meinen zweideutigen Schuß anzubringen, wie überhaupt alle Gelegenheitsfälle, die ich mir ausdachte, in der Wirklichkeit ganz anders lagen, als in der Phantasie. Das Leben eines Menschen ist doch von Sicherheiten umgeben, welche so leicht nicht zu durchbrechen sind!

Jetzt ritt ich auf die Tanya hinaus. Mein Zigeuner hatte mir nicht sagen können, ob Ödön zu seinem Katarrh einen Arzt zugezogen und welchen. Ich wollte selbst nachsehen. War der Fall ärztlich, so wollte ich versuchen – ob er nicht tödlich werden könne. »Medicina est ars impune necandi.« Ich füllte meine Brieftasche mit Banknoten und ritt meines Wegs.

Auf diesem Ritte begegnete mir folgendes Abenteuer.

Am Heckenrand eines einsamen Weinbergs fand ich einen Menschen schlafen. Ich kannte den Mann. Es war der alte Abraham, der ehrliche Hausjude Ödöns. Er hatte seine Reisetasche umhängen, und ein aufgeschlagenes Büchlein, worin er vielleicht gelesen hatte, war seiner Hand im Einschlafen entglitten. Aus dem Büchlein war ein weißes Blatt Papier gefallen, welches unfern danebenlag. Es regte und rührte sich und doch war die Luft stille. Ein großer Käfer krabbelte darunter, welcher sich endlich hervorwühlte. Er wendete das Blatt um, – es war auf der anderen Seite beschrieben.

Eine Person aus Ödöns Umgebung! Nachdenklich ritt ich weiter. Ich empfand, ich weiß nicht welchen Reiz von dem Begegnis. Der Jude konnte mir vielleicht manches sagen, woraus ich etwas zu machen wußte. Er plauderte gern und arglos. Ich lenkte um.

Ich rief den Schlafenden an. Er antwortete nicht. Er schlief fest und schwere Tropfen standen ihm auf der Stirne. Das Blättchen, schien mir, lag jetzt etwas entfernter.

Vielleicht war es wichtig. Ich stieg ab und nahm es auf. Es war ein Recept. Mein Latein ließ es mich entziffern. Eine Art Mandelsyrup mit ein paar Tropfen Opiat war die Verordnung. Also eine Arznei, wie sie etwa für einen, welcher wegen Katarrh eine schlaflose Nacht fürchtet, lindernd und schlafmachend verschrieben wird. Eine Arznei für Ödön. Auch trug sie das Datum des Tages.

Inzwischen fiel es mir auf, daß der alte Mann, welcher so eifrig und pünktlich war, einen Gang in die Apotheke verschlafen sollte. Auch das fiel mir auf, daß er schon so früh auf dem Wege müde geworden wäre, denn er war von der Tanya Ödöns, welche seitwärts in den Vorlanden des Kaphegy lag, höchstens ein Stündchen entfernt. Ich dachte nach und bald glaubte ich den Zusammenhang zu erraten. Er war aus der Stadt wohl schon zurück. Er hatte die Müdigkeit des Doppelwegs in seinen alten Knochen. Und jetzt fiel mir ein, es sei Freitagabends. Zwar die Sonne stand noch am Himmel, aber sie stand in einer schwarzen gewitterischen Schichtwolke und sein altes blödes Auge mochte die Schichtwolke für den Horizont gehalten haben. Er mochte wähnen, sein Sabbat sei schon eingegangen, da hat er sich hingesetzt und aus dem Büchlein seine Gebete gesagt. Ich hob das Büchlein auf, es war wirklich ein jüdisches Sidur. Erhitzt und müde wie er war, wurde ihm das Sitzen gefährlich, die Natur forderte ihr Recht und er schlief ein. So erklärte ich mir das was ich sah.

Er war also schon zurück aus der Stadt! Er hatte die Arznei schon bei sich! Bei diesem Gedanken ergriff mich ein Taumel. Ich blickte rings in die Landschaft – sie war menschenleer. Da machte ich mich über die Tasche des Juden her, durchsuchte sie, und fand, nebst andern Gegenständen, die er in der Stadt eingekauft, das Arzneifläschchen. Im Nu war es zur Hälfte entleert, und das Gift, das ich seit den Tagen meiner Brustbeklemmungen für mich selbst bei mir trug, an die Stelle derselben eingefüllt. Ich bestieg mein Pferd und trabte auf dem weichen Sandboden ungestört weiter. Von der nächsten Hügelwelle sah ich zurück. Der fromme Jude schlief den Schlaf des Gerechten. Seine Lage war noch unverändert. Ich verschwand unter dem Hügel. Fernher von Vesprem tönte das Läuten der Abendglocken und in der schwarzen Gewitterwolke fing es zu blitzen an, wie ein Licht, das hinter einem dunklen Vorhang hin und her irrt. Ich jagte nach Hause.

Das also war ein Mord. Wie seltsam! Mit meinen Mordgedanken saß ich monatelang geehrt unter den Menschen, aber für diese Minute mußte ich ihnen mit meinem Kopfe Rede stehen! Und doch kam mir das Umleeren zweier Fläschchen gleichgültig, fast unschuldig vor gegen die monatelange revolutionäre Arbeit meiner Gedanken. Es kam mir vor, daß dem Menschen seine Handlungen weit ferner stehen, als seine Gedanken. Und doch werden wir für unsere Handlungen gerichtet und die Gedanken sind zollfrei. Ich verwunderte mich, wie leicht es war, einen Mord auszuführen, den es so schwer und aufregend zu denken war. Es war mir, als hätte ich etwas Neues gelernt und etwas, das mich beruhigte. Es war mir, als wäre meine Handlung fast gut gewesen, weil sie mich zum ersten Male nach so langer Zeit von meinen bösen Gedanken befreite.

Ödön starb wirklich noch in derselben Nacht. Leichenbeschau, Begräbnis und was sonst damit zusammenhängt, ging mit jener liebenswürdigen Sorglosigkeit vor sich, womit sich guter ungarischer Brauch von deutscher Pedanterie so glücklich unterscheidet. Meine Tat lag harmlos unter der Erde, bei so vielen andern Doctor- und Apothekertaten. Ich blieb unentdeckt.

0 Weltposse voll komischer Ernsthaftigkeit! Habt ihr schon Schulbuben gesehen, die einem gravitätischen Mann einen Haarbeutel anhängen? Ihr lacht selber mit, ihr mögt wollen oder nicht. Je gravitätischer der Mann sich gebärdet, desto lächerlicher wird er. Er schreitet stolz und bedächtig, ihr lacht. Er blickt freundlich und leutselig, ihr lacht. Einem Bettler bietet er Almosen und der Bettler lacht. Einem Kinde will er Zuckerwerk schenken und das Kind lacht ihn aus. Alles was an seiner Frontseite vorgeht, wird lächerlich durch den Appendix seiner Reversseite.

Dieser Hanswurst war mir jetzt die Welt und der Haarbeutel, den ich ihr angehängt, ein unentdeckter Mord.

Da saß sie, die gravitätische Bestie mit ihren religiösen, polizeilichen, moralischen und juristischen Mückenseigern und hörte Schulkindern die Beichte und confiscierte gewässerte Milch und legte Verbalinjurien auf die Goldwaage und machte alles Krumme grad und wusch die Gesetzwäsche bis ins feinste Jabotfältchen hinein und wußte nichts von dem himmelschreienden Mord, der ihr als Haarbeutel im Nacken saß! Wie sie mir schmeichelte, die Bestie! Ich hatte ein edles Herz, einen gebildeten Geist, wirkte gemeinnützig, wohltätig, hatte bürgerliche Tugenden und Verdienste. Und wenn sie mit mir moralisierte, die Bestie, so moralisierte ich tapfer mit und hatte ein zarteres Gewissen und ein subtileres Rechtsgefühl als sie alle. Drollige Bestie das! Ich habe zwei Fläschchen gegen einander umgegossen, aber wenn sie das wüßte, so wäre es aus mit mir! Die Bestie bildete dann auf einmal sich ein, ihre Weltordnung sei verletzt, und sie könne gar nicht mehr existieren, ohne mein Blut zu haben. Er hat einen unserer Race gefällt, und jetzt hat er weder Herz noch Geist, noch Tugenden und Verdienste auf der ganzen Peripherie seines übrigen Daseins. Fort mit ihm! So heulen, wenn ein geprügelter Hund heult, sämtliche Hunde der Straße mit über ihre verletzte moralische Weltordnung!

Aber – ich bin unentdeckt! Es war ein Gefühl aller Gefühle! Die Stellung der Menschen zu mir und meine zu ihnen amüsierte mich unaussprechlich. Irmas leidenschaftliches und oft wiederholtes Bekenntnis, wie sehr ich der Mann ihres Herzens sei und daß sie einzig nur mich lieben könne, war der tollsten Walpurgisnacht würdig. So oft mir Gott Hymen um den Hals fiel, wackelte sein Haarbeutel im Nacken mit einem schauerlich-schönen Ridicül. Der Effect war einzig. Ich mußte nur an mich halten, ihn nicht zu stören. Kein Menschenohr durfte es hören, was ich mit der dämonischen Wollust des sichern Geheimnisses mir selbst zuflüsterte: Ich bin unentdeckt!

Nie hat ein Mensch die Wirkung der Komödie in einem größeren Stil genossen. Es war der kühnste Situationswitz. Noch jetzt, indem ich das schreibe, kitzelt mich die Ironie dieser Lage wie ein feines Niespulver in der Nase.

Das ging so eine lange Linie von Tagen. Endlich aber kam der Punkt, wo die Linie nicht länger gradlinig sein wollte, sondern sich inbrünstig nach einem Schnörkel sehnte. Und hier war's, wo ich mich selbst verriet. Nicht mein Gewissen tat's, ich protestiere dagegen. Das ist ein Elender, welcher mordet und doch ein Gewissen hat: dieses Geschöpf der Einbildung hat meiner Kritik nicht Stand gehalten. Nein, sondern eine Kraft tat's, viel solider, als das leicht zerbröckelnde Gewissen, welches keine Urkraft ist, sondern der Bruchteil einer Kraft. Die Kraft, von welcher ich spreche, ist darum so stark, weil sie überhaupt nicht gewußt wird. Es gibt keinen Widerstand gegen sie. Ihr könnt sie nicht verneinen, denn sie ist selbst schon eine Verneinung. Ihr könnt euch nicht abfinden mit ihr, denn sie überrascht euch. Sie tut alles, was ihr nicht voraus seht, und ihr seht nichts voraus von dem, was sie tut. Sie reguliert oder verwirrt jeden Ruck eurer Lebensuhr. Sie stößt eure Salzfässer wie eure Throne um.

Ihr glaubt mir nicht? Wohlan, hier sind ein paar Muster davon.

Jüngling und Mädchen lieben sich. Wenn sie beisammen sind – so fließt Glück zu Glück und Freude zu Freude. Welch Bauen und Umbauen von tausend Himmeln, welch ruheloses Ruhen in allen Seligkeiten! Welch ein geschäftiges, vorn süßesten Nichts bereichertes Ineinanderleben! Wie ewig neu machen sie es, sich zu haben, sich zu halten, sich anzublicken und anzulächeln! Wenn sie getrennt sind – so sind sie doch nicht getrennt. Seht die Finger des Mädchens! Da baumelt zu allen Stunden des Tags und des Lampenlichts irgend ein seidenes, goldenes, beperltes, allerliebst-ersonnenes Getändel, daran wird gestickt, gewirkt, gehäkelt, geknötelt – für ihn! Seht das Treiben des Jünglings. Da wird studiert, sollicitiert, petitioniert, da wird der Stolz, die Ehre, vielleicht selbst das Gewissen gebeugt (denn diese Maschine wackelt immer, wenn's recht lebendig im Menschen wird), kurz, da wird alles getan, was Aussicht auf Brot gibt – für sie! Und nun, nach Jahr und Tag! Sie begegnen sich, gehen sich einander aus dem Wege, werden blaß, und jedes blickt nach einer anderen Seite. Was ist geschehen? Nichts. Rein gar nichts. Sie liebten sich und haben sich, was Wunder, auch ein bißchen geneckt. Das war ein pikanter Tropfen im ewigen Honigseim. Einen zweiten Tropfen! Sie haben sich auch ein bißchen gereizt. Wahrlich, das schmeckt adstringenter als das einfach Süße. Einen dritten Tropfen! Sie haben sich auch ein bißchen gekränkt, sich wehe getan, sich Unrecht getan. Das war zu viel. Das war schon Wermut. Nehmen wir ihn zurück! Wer tut es zuerst? An ihm ist's. An ihr ist's. Macht keines den Anfang? Nein! Ach und so machten sie beide das Ende. Erst spielten sie mit dem Unrecht, dann verstockten sie sich im Unrecht. Sie zerfielen. Und das alles geschah nicht mit Laune und Willkür, sondern mit Notwendigkeit. Es geschah durch die Kraft, von welcher ich spreche. Es geschah – nach dem Gesetze des Widerspruchs.

Mein Schafhirt lebt einfacher als ein Spartaner und wilder als ein Neuseeländer. Sein Pelz ist sein Haus, sein Hund seine Familie. Roggenbrot ist seine Nahrung und Speck, welcher fast niemals frisch ist. Zuweilen röstet er sich eine Kürbisschnitte oder einen jungen Maiskolben. Wenn er durstig ist, so gräbt er sich ein Loch in den Sand und trinkt Schlammwasser. Auf einmal macht er sich auf, geht nach Stuhlweißenburg oder Pest und begibt sich in den Laden des ersten Cuckerbäckers. Hier läßt er sich Schaumtorten und Vanille-Eis vorsetzen. Er trinkt den ältesten Tokaier und raucht die feinsten Cigarren dazu. Er hat ein Halbdutzend Kameraden mitgebracht, welche er ebenso bewirtet. Abends läßt er sich eine Zigeunerkapelle kommen, eine Kapelle, welche vielleicht der Königin Victoria aufgespielt hat und welche jetzt auch meinem Schafhirten aufspielen muß. Nachts schläft er wie ein Sultan im Harem. Am Morgen zahlt er einen »Hunderter«, die Summe dessen, was er in drei Jahren gespart und gestohlen hat. Er kehrt auf seine Pußta zurück und ißt Roggenbrot und trinkt Schlammwasser. War der Mann wahnsinnig? Nichts weniger. Wahnsinnig wäre er geworden, wenn er nicht so – vernünftig gehandelt hätte. Er mußte eine dreijährige Lebenslinie unterbrechen und einen Circumflex dazu machen. Das große Weltgesetz ergriff ihn und hätte ihn zerrissen, wenn er es nicht befolgt hätte, – das Gesetz des Widerspruchs.

Und dieses Gesetz war es, welches den Mörder, den nichts verriet, sich selbst zu verraten zwang. Es war ein Naturgesetz, ein dämonisches, fatalistisches Naturgesetz, nicht euer schales Moralgesetz, nicht das Gewissen, welches ich längst zerbrochen wie Schilfrohr!

Ich bin unentdeckt! Der Gedanke hatte mir's angetan. Er war die Melodie, die mich peinlich verfolgte, indem sie mich bezauberte. Sie summte mir im Kopfe, sie summte mir auf den Lippen. Ja, auch auf den Lippen! Wo ich ging und stand, murmelten meine Lippen das Wort. Es war entsetzlich. Ich konnte mir's nicht mehr abgewöhnen. Ich konnte mir höchstens angewöhnen, in der Gesellschaft mit Menschen behutsam zu sein.

Dieses Wächteramt wurde mir lästig. Es spannte und schraubte mich unerträglich. Eines Tages machte es mich besonders ungeduldig, und da fuhr mir der Gedanke durch den Kopf: Warum muß ich denn auch? Wie schön wäre die Menschheit, wenn ich nicht müßte! wenn sie so starkgeistig wäre, wie ich selbst! Statt meiner Devise: ich bin unentdeckt, – dürft' ich dann freimütig sagen: Ich habe gemordet!

In jener Minute war mein Verräter geboren. Es zischte was in der Luft, – es war der erste Schliff an meinem Henkerbeil. Das große Naturgesetz ergriff mich – das Gesetz des Widerspruchs.

Ich habe gemordet! Ein wahnsinniger Zauber lag in dem Worte. Es setzte sich unwillkürlich an die Stelle des vorigen. Es biß sich wie ein Vampyr in mein Blut und sog, was das innerste Herz verschließen sollte, an die Oberfläche heraus.

Ich habe gemordet! O daß ich das, was vor vielen mich auszeichnet, allen verschweigen muß! Erst in diesem Worte schien ich mir Mensch. Es maß das Letzte der Menschheit aus. Es schien mir, als sollte jeder Mensch erleben, was ich erlebt hatte, um mitsprechen zu dürfen. Nur Kinder vor ihrer Geschlechtsreife sind unschuldige Wesen. Die Schuld ist mannhaft. Warum sollte die höchste Schuld nicht höchst mannhaft sein.

Ich habe gemordet! O dürft' ich's nur einem sagen, der eine sollte mir die ganze Menschheit bedeuten! Wie oft nahm ich Irmas Kopf in meine Hand, diese Schrift voll Sinn und Charakter, und dachte mit Gram: Weib, warum darfst du nicht wissen, um welchen Preis du mein bist! Es war ja deine Wirkung! Warum darfst du deine eigenen Wirkungen nicht kennen? Ich fing an, sie zu hassen.

Ich ging meine Freunde durch. Es waren Männer. Ach, sie waren es nicht! Sie waren es überall, nur hier nicht. Ich fand keinen einzigen, dem ich mich anvertrauen mochte. Sie alle standen vor der Schranke, die ich übersprungen, gebannt. Und teilweise waren es Männer, welche radical dachten, revolutionär handelten. Wie armselig! Ich fing an, sie zu verachten.

Mein Behagen verschwand. Mein Mutwillen, meine ironische Laune waren dahin. Ich wurde ernst, traurig. Ich fühlte mich isoliert und meine Isoliertheit machte mir Schmerz. Unbarmherzige Beschränktheit der Menschen, die mir das auferlegte! Sie wußten nicht, was sie mir taten, aber ich konnte es ihnen nicht verzeihen. Sie taten mir wehe. Sie zwangen mir ein Geheimnis auf, und welcher Mensch kann leben und glücklich sein, mit einem Geheimnis auf der Seele?

An diesem Punkte will ich euch eine große Entdeckung mitteilen. Es ist eine Entdeckung – so groß in der Ethik, wie in der Physik das Gesetz der Schwere. Ich habe sie praktisch an mir entdeckt und ihr tötet den Entdecker; aber bereichern soll sie wenigstens eure theoretische Erkenntnis. Höret mich an, Menschen, die ihr vor dem Katheder meines Schafotts als meine Schüler steht.

Ich las als Knabe eine Geschichte des byzantinischen Kaisertums. Zoë vergiftet den Zeno und Zeno vergiftet die Zoë. Eudoxia vergiftet den Alexis und Alexis vergiftet die Eudoxia. Es vergiften sich die Prätendenten und Nebenbuhlerinnen, es vergiften sich die Hofsoldaten, Hofmönche, Hofeunuchen und Hoffräulein. Ich las in Merime's Colomba von der corsischen Blutrache. Ich las in Widemann's und Hauffs Sammlung von Länderbeschreibungen über die Blutrache der dalmatinischen Slaven. Blut über Blut! Kein Mensch, der nicht einen Menschen getötet! Sie überfallen sich in Haufen, sie meucheln sich einzeln, der eine rächt sich und der andere rächt sich am Rächer – und was mich am meisten erstaunte: alle diese Menschen essen, trinken, schlafen, verdauen, singen, tanzen, lieben und werden geliebt, pflanzen sich fort und jeder ist, so viel man sehen kann, ganz à son aise. Und doch sind es Menschen, Europäer, ja sogar Christen. Wie kommt das? Ich war Knabe und noch fand ich die Antwort nicht.

Jetzt hatte ich sie. Setzt mich in eine Gesellschaft wo ich sagen darf: ich habe gemordet, wo ichs zu Menschen sage, welche selbst wieder morden und gemordet haben; – und es gibt kein Gewissen! Das Herz schlägt ruhig, die Stirn bleibt frei und offen. Nicht das Gewissen, das Geheimnis macht den Mörder zum Mörder. Zu wissen, ich weiß etwas, das andere nicht wissen dürfen; genötigt zu sein, in Blick, Miene, Wort und Gebärde sich zu bewachen, sich zu verstellen: das ist's, was dem Kulturmörder sein Kainszeichen aufdrückt. Das ist's, was unheimlich zwischen ihm und den andern steht, das ist der Duft, der ihn umwittert, das Grauen seiner Nähe. Das auch ist sein eigenes Alpdrücken. Wohl drückt ihn etwas, aber die drückende Kraft erklärt ihr euch falsch. Nicht das Gewissen, das Geheimnis drückt ihn. Nehmt das Geheimnis von ihm und der Mann ist heil wie ihr alle. Das Geheimnis, das Geheimnis, das ist das vermeinte Gewissen des Mörders! Merkt euch das.

Armes geächtetes Geheimnis! Was solltest du unter Menschen? Ich floh die Menschen, ich floh in die Einsamkeit. Ich trieb mich tagelang in Wäldern und Wüsten herum, in öden Berggründen, auf verwachsenen Wildwegen. Es tat mir wohl, so allein zu sein. Ich sah eine Welt voll ungeheurer Massen vor mir, fest und ewig gebaut – und nicht auf Sittenbegriffe! Sie bestand. Sie war schön. Namenloser Zerstörung bedürftig, atmete sie Leben, Ordnung, Duldung. Es war eine Welt, welche ein Mord nicht aus den Angeln hob. Der Iltis mordete die Vogelbrut und die Wildkatze den Iltis. Blutbefleckt zu jeder Stunde des Tags und der Nacht, zeigte sie ihr Antlitz heiter und unschuldig der lichten Sonne und dem stillwandelnden Monde. Es war eine Welt, in welcher der große Weltgeist nicht als kleiner Menschengeist herrschaftete. Es war meine Welt.

Ich habe gemordet! rief ich einst in der wildesten Einsamkeit des Kaphegy aus voller Brust heraus. Es war ein Jubelton, wie der Champagnergeist die Fessel des Korks in die Lüfte sprengt. Die Lüfte brausten, die laubschweren Eichen rauschten darein, – die Elemente verschlangen und übertäubten das Wort, wie eine Meeresbrandung das Brechen einer kleinen Muschel. Und doch tat es mir wohl.

Kindischer Genuß! Ich schämte mich meines knabenhaften Mutwillens. Ach, ich schämte mich vergebens. Es tat mir wohl. Und nachts, noch als ich im Bette lag, freute es mich an diesen Augenblick zu denken und kaum meine schöne Bettgenossin freute mich so. Ich habe mein Geheimnis laut in die Lüfte gerufen! Kindischer Genuß, aber – Genuß. Er muß wiederholt werden. Ich lechzte darnach.

Schon am folgenden Morgen ritt ich mit meiner Absicht wieder ins Freie. Aber jetzt erst fiel es mir ein, daß eine Berglandschaft nichts weniger als frei im Sinne meiner Absicht. Wie leicht verbirgt sie einen Menschen vor dem Auge des andern! In wechselnder Hebung und Senkung überragt jede Bodenspanne die andere; Fels, Busch, Baum, ja selbst hochwüchsiges Kraut bilden zahlreiche Verstecke. Ich erschrak, daß ich daran nicht schon gestern gedacht. Heute dacht' ich daran und hielt klüglich an mich.

Traurig ritt ich nach Hause. Die klangvolle Nachtigallenstimme meiner Irma, das zirpende Gezwitscher meines Söhnchens erfüllten mich mit Neid. Die Glücklichen! sie dürfen es aussprechen, was sie auf ihren einfältigen Herzen haben. Es ist freilich nicht viel, aber so wenig es ist, sie haben Redefreiheit diese üppigen Schnäblein. Es ist das Privilegium ihrer Unschuld. Hols der Kuckuck! Die Sprache hat kein Recht, sich von Tierlauten zu unterscheiden, wenn sie nicht dort anfängt, wo die Unschuld aufhört.

Ich floh mein Haus. Ich durchstöberte das Land, mit keinem anderen Gedanken als – mein Wort auszusprechen. Ich suchte nah und fern den Boden, wo ich's mit Sicherheit konnte.

Da fiel mir das Alföld ein. Es war eine Reise dahin, aber – ich wäre bis ans Ende der Welt gereist, um meinen Adlerschrei auszustoßen. Ich nahm Abschied von Weib und Kind – es war ein Abschied fürs Leben.

Kennt ihr das Alföld? Das Alföld ist ein flacher schwarzbrauner Boden – flach und schwarzbraun wie eine Schiefertafel. Diese Schiefertafel bedeckt Hunderte von Quadratmeilen. Wie ein Matrose in seinem Mastkorb das Meer überschaut, so überschaut ein Reiter von seinem Sattel herab dieses Land. Nein besser! Denn das Meer kann immerhin Wellen werfen, aber das Alföld erhebt sich zu keiner Welle. Es ist eine absolute Ebene. Sein Horizont ist nach allen Seiten hin unbegrenzt. Es ist eine Horizontale wie mit der Wasserwaage profiliert. Hier gibt es keine Grenze, nur die Grenze der Sehkraft. Hier gibt es keinen Versteck, keinen Hinterhalt, keine Verborgenheit, was da ist, ist sichtbar.

Trunken von der Freiheit dieses Raums, spornt' ich mein Roß und tummelte mich wie ein Walfisch im Ozean. Mit einem einzigen Blick überflog ich die Oberfläche – sie war menschenleer – und jubelnd schrie ich mein Wort in die Lüfte: Ich habe gemordet!

Wir haben's gehört! antworteten zwei Männer, welche auf einmal aus der Erde heraufstiegen. Sie hatten einen Feldbrunnen ausgeböscht und waren nicht auf der Erde, sondern in der Erde.

Mein Roß scheute – und noch mehr der Reiter. Wir stürzten. – Der Rest ist Kriminalgeschichte. Verhöre, Zeugenaussagen, Apothekerbücher, Leichenausgrabung – das alles gehört nicht hieher. Leset es in der Zeitung nach. Natürlich tröpfelte aus all diesen Quellen doch nur ein Wahrscheinlichkeitsbeweis zusammen, dem noch alles zur Gewißheit fehlte. Dringend schärfte mir deshalb mein Anwalt die erste aller Verteidigungsmaximen ein: Quid fecisti nega. Ich aber antwortete: Ein Gentleman lügt nicht.

Auch ein Philosoph tut es nicht. Was hatte ich mehr zu verlieren, als was Ödön verloren, – nicht ein Leben, sondern einen Augenblick? Die Philosophie, die ich gegen ihn spielen ließ, mußte wahr sein auch gegen mich selbst. Ich konnte sie zum Blutzeugen ihrer Wahrheit machen an meinem eigenen Leben. Gab ich sie preis? Prostituierte ich sie? stieß ich sie als Lügnerin hinaus in die Welt? Nein, du sollst keinem falschen Spieler gedient haben! Du warst mehr als die Kupplerin meiner Leidenschaften. Ich bekenne mich zu dir im Leben und Tod, ich bin ein ehrlicher Mann.

Und auch ehrgeizig bin ich. Ich bin stolz, ja hochmütig. Ich verachte die Menschen und achte mich selbst. E~ schmeichelte mir, mich zu einem Morde zu bekennen. Das war eine Tat, die vor vielen mich auszeichnete. Ja, vor Mördern selbst. Es war kein gemeiner Totschlag. Es war ein pompöser, feierlicher, wohlausgetragener, hochphilosophischer Mord. Es war ein Gang über den moralischen Rubicon, nicht wie ein Dieb schleicht, oder wie ein Trunkener torkelt; nein, wie ein Cäsar marschiert, mit Sang und Klang, in Reih und Glied. Ich darf sie zeigen diese Tat, und ich will es.

Aber zuletzt bin ich auch wohltätig. Ich will ihm was Gutes zukommen lassen, meinem schöngelockten Untersuchungsrichter, der noch ein junger aber sehr strebsamer Mann ist. Der hübsche Kerl hatte seinen Glückstag, als ich mich eines Morgens vor ihn führen ließ und ihn also anredete: Machen wir ein Ende, Freund. Ich bin gekommen, um Ihnen ein volles Bekenntnis abzulegen. Nicht wahr, das freut Sie? Geben Sie mir die Hand. Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack. Ihr Renomme' ist Ihnen Ihr Zweck und daß ich an den Galgen komme, ein Mittel zum Zwecke. Bravo, so lieb ich die Canaille! Es freut mich, einen Egoismus zu sehen, der mich eben so gern umbringt, wie ich den Ödön umgebracht habe. Gute Gesellschaft, Freund, gute Gesellschaft! Ich habe Sie lange zappeln lassen, nicht wahr? Ach ja, an einem Manne wie ich sind Sporen zu verdienen. Aber sehen Sie, Liebster, das wollte ich auch. Ich wollte Ihr Glück machen. Ich wollte eine harte Nuß sein, damit Sie sie mit fracas aufknacken und der Welt Ihr starkes Gebiß zeigen können. So müssen Sie vorrücken. Aber ich weiß, das Vorrücken brauchen Sie, um Ihre Geliebte zu heiraten und eine Familie zu gründen. Also gründen Sie Ihre lieben Kleinen. Die armen Narren warten schon mit Schmerzen darauf, geboren zu werden. Wohlan, sie sollen's aus meinem Cadaver. Da habt ihr ihn, freßt euch satt, junge Raubtiere.

Mein Verhörsprotokoll ist unterschrieben. Ich habe alles gesagt, was ein Todesurteil braucht. Also sterben wir! Werfen wir's hin dieses Leben, wie ein ausgetrunkenes Glas. Dir bring' ich's, Irma! Ich habe mein Leben genossen, mein Weib besessen, – was will ich mehr?

Und lebt nicht mein Söhnchen? Hahaha! O über die Justiz mit der wächsernen Nase! Da geh' ich herum in meinem Kinde, aber ich bin ein unschuldiges Kind. Ja, so nennen sie's. Der Mörder im verjüngten Maßstabe ist ein unschuldiges Kind. Daß es mein Ich ist, mein Selbst, meine Fortsetzung, das geben sie ohne weiteres zu; aber, – es ist unschuldig! es bleibt straflos. Und das nennen sie die Gerechtigkeit wiederherstellen! O ihr Chinesen Europas, habt ihr nicht so viel Courage wie die asiatischen, welche den Übeltäter mit samt seinem Geschlechte ausrotten? Seht ihr sie nicht, die metaphysische Identität? Nein, sie sind blind. Sie sind zopf- und kopflos, die Chinesen Europas. Das Kind lassen sie laufen. Das fortgepflanzte Leben des Mörders ist ihnen wieder heilig. Da überfällt sie wieder der Heiligkeits-Rappel ihrer Lebens-Verliebtheit! Glück auf denn, mein Sohn, so lebe, lebe, und verachte die kurzsichtigen Häckerlingschneider, welche nicht wissen, daß Du ich bist und Ich Du bin.

Ich bin zu Ende. Ich habe den letzten Tropfen vom Tageslicht ausgetunkt. Kaum seh ich noch meine Buchstaben. Der Mond taucht hervor; – wie ein verweintes Gesicht steht er dunstig in nassen Herbstwolken. Ich seh ihn zum letztenmale. Morgen seh ich ihn nicht mehr. Und doch – wird er gesehen werden. Andere werden ihn sehen. Andere? Warum andere? Gibt es denn andere? Ist nicht ein Mensch die ganze Menschheit, sind die anderen nicht ich selbst? Wenn du von Anfang bis zum Ende der Mondnacht über die Länge des Platensees hinwandelst, sagt man denn: jetzt spiegelt sich der Mond in anderen Tropfen? Was ist ein Anderes? See dort und hier – alles!

Auch das Ich ist ein Aberglaube! Es ist der zäheste, der hartnäckigste, es ist der Aberglaube auch noch derjenigen, welche nichts glauben. Aber unüberwindlich ist sogar er nicht. Man kann ihn aufgeben. Das erste Auge auf Erden war meines und das letzte ists auch.

Das letzte! Aber dann? Dann ists doch aus? Wenn die Gattung aufgehört hat, dann ist doch auch das Individuum hin? gewiß und wahrhaftig hin? unwiederbringlich und für immer hin? Das wäre traurig. Herz, mein Herz, laß uns nachdenken!

Als das Mastodon ausstarb, das Dinotherium, das Megatherium, – da konnten sie denken: nun ists aus. Après nous le déluge. Und siehe da, sie kam wirklich, die Sündflut, aber nach der Sündflut kam wieder das Leben. Es war nicht aus. Auch die Gattungen sind nur Individuen. Das Geschlecht der Saurier oder das Geschlecht der Menschen sind nur wie verschiedene Schriftarten in einer Druckerei: der Setzer setzt bald aus dieser, bald aus jener; – bald legt er Garmond ab und setzt Cicero, bald legt er Cicero ab und setzt Bourgeois, aber immer setzt er. Und immer setzt er den nämlichen Text. Der Text heißt: lebe, empfinde, sei da.

Getrost, lieber Mond, wir sehen uns noch manche Jahre. Sie richten mich so wenig hin als dich selbst. –