Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Stürzer >

Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Auf der grünen Wiese.

Zum ersten Male betrat die Sippe Wotruba den rebengesegneten Boden Grinzings. Einigermaßen ortskundig war nur Frau Radlinger – sie schlug den Weg zum Krapfenwaldl ein.

112 Heiß brannte die Sonne und das Wandern war nicht des Schusters Lust. Was galten ihm Berg und Hügel, der lauschige Wald und das fastgrüne Gelände, ein einziger Gedanke bohrte in ihm. Einmal kam es seufzend aus tiefster Brust: »Satra . . ., wanns jetzt Heirige da wär . . . !« Da bändigte ihn aber auch schon ein mehr erstaunter als strafender Blick der Gattin.

Endlich erspähte Frau Radlinger einen Wiesenhang mit einer kleinen Baumgruppe.

»So, da werdn wir uns jetzt niedersetzen und jausnen . . .«, sprach sie ganz weich.

Nach kurzem Steigen war der Hang erklommen und nach einigem Hin und Her auch die Platzwahl getroffen. Die Frauen rafften die Oberröcke hoch und setzten sich auf die Unterröcke, Herr Wotruba mußte ein Sacktuch ausbreiten und sich darauf niedertun, damit die Pepitahose nicht durch Grasflecke verunziert werde. Da saß er nun mit hochgestellten Knien und sah schmachtend in die Weite. »Jetzt sullt me Heirige da habn . . .«, kam es wieder voll heißer Sehnsucht über seine trockenen Lippen, weckte aber kein gutes Echo. »Freili, was D'r einfallt.« Die Buben zog es ins Laubwerk hinein, begleitet von den allerstrengsten Verhaltungsbefehlen ihrer Mütter. Dann wurde unter Frau Wotrubas scharfkritischen Augen das bescheidene Päckchen aufgemacht, Papier ausgebreitet und die Herrlichkeiten wurden offenkundig: zwei kaum handgroße panierte Schnitzeln, vier Knackwürste, einige Schusterlaibchen, ein mäßiges Stück Emmentalerkäse, etliche Schnitten Salami und zuletzt eine Literflasche Milchkaffee.

Herr Wotruba sah wehmütig auf die Gaben. »Zu an gutn Essn ghörts an Heirige«, sprach er voll Überzeugung. Die 113 Gattin konnte sich vor Staunen kaum fassen. »Was Du nur in anatur mit dein Heirign hast? Für 'n Durst is nix besser als a kalter Kaffee . . .«

Dann sagte Frau Radlinger: »So, das werdn wir jetzt schön verteiln, daß keiner z' kurz kommt – wir Großn teiln uns in die Schnitzln und die Kinder kriegn die Knackwürst – – geh, Mariederl, teil die Salami und den Käs auf sechs Teil und gib dann die drei Kaffeeschaln heraus – – – ach, die herrliche Luft, es ist doch ganz was anderes da heraußtn als drin in der dumpfigen Stadt . . .«

»Aber Durscht kriegt me da heraußn.«

114 »Der wird schon vergehn nach dem ersten Schalerl Kaffee – – Dolfi! Peperl! Kommts zu der Jausn!«

Die zwei Buben kamen aus dem Buschwerk angerannt und da geschah das erste Unglück. Der Ibsen, des Laufens auf geneigtem Wiesenboden ungewohnt, kam ins Rutschen, stieß an das einschänkende Mariederl und das helle Weiß ihres Firmkleides erlitt eine merkliche Trübung. »Tepperter Kerl!«, entfuhr es ihr messerscharf – sie war verzweifelt. Ihre Mutter aber klagte: »Jessas na, dö Pletschn geht jetzt nimma außa! Ihr schönst's Kladl – und grad da vurn aa no . . . !«

Frau Radlinger war sichtlich gekränkt: »Er kann doch nix dafür, wann er ausrutscht – – das wird schon wieder trocknen und mit ein bisserl Kleesalz geht der Fleck beim Waschen ganz gut heraus.«

»Heirige machts kan Fleck«, sagte Herr Wotruba, wurde aber diesmal überhört.

Die Jause war bald verzehrt; eine nachwirkende Verstimmung ließ kein Gespräch in Fluß kommen.

Herr Wotruba seufzte schon wieder: »Salami wird me am Magn liegn, da ghört Heirige drauf . . .«

»Aber schön ist es heraußn . . .«

»A bisserl weit is außa . . .«

»Ja, wenn man das in der Stadt haben könnte . . .« Frau Radlinger wischte sich mit dem Taschentuche die nasse Stirne – da fielen die Karten heraus, die sie beim Schottenring vergeblich gesucht hatte. Das gab nun anhaltenden Gesprächsstoff.

Über das Geplätscher der Frauenstimmen hinaus horchte Herr Wotruba schon lange gespannt nach einer Richtung, aus der sanfte Musik herüberklang. »Da is wo Heurige in Näh«, 115 stellte er mit großer Genugtuung fest und erhob sich halb von seinem Sitze.

»Bleib nur da, Di geht d'r Heurige nix an, dö tuans schon ohne Dir aa«, wehrte ihm die Gattin, aber da sprach Frau Radlinger: »Wissen S' was, Herr Wotruba, gehn S' mit die Kinder ein bisserl spazieren, ich kann mir ja denken, daß ein Herrn das nicht interessiert, was wir Frauen reden . . .«

Der Urlaub ward gewährt, ausschlaggebend war die Erkenntnis: »Er hat ja ka Geld!«

Jetzt steuerte Frau Radlinger auf ihr Ziel los: »Sie habn mir da neulich was erzählt von einem Baron Sales . . .«

Die Schleuse tat sich auf und der Wotrubasche Redestrom ergoß sich in breiter Fülle. Nichts blieb der gespannt zuhorchenden Hausfrau verborgen und sie erwies sich dankbar. »Ja, vor vielen Jahren einmal, bei einer Freundin, da hab ich auch einen Herrn kennen gelernt, der war Fabrikant und wir habn zu ihm Baron gsagt, Baron Sales, aber der war ganz glatt rasiert . . .«

»Das war der Bartete früher aa – ja, a Kutscher von ihm hat 's erzählt – – er soll dann a Gschicht wegn an Madl ghabt habn, da hat er si dann den Bart wachsn lassn und die Haar aa . . .«

Frau Radlinger wurde sehr unruhig, ganz verlegen stammelte sie: »So, so, aha, ja, ja.« Frau Wotruba stutzte, sie begann zu forschen, aber die andere wand und drückte sich um alle Klippen des Gesprächs, schließlich meinte sie: »'s wird Zeit, daß wir gehn, sonst kommen wir in den Heurigenrummel hinein – Dolfi!«

116 Einige weitere schrille Rufe lockten die Ersehnten endlich herbei und das Lager wurde abgebrochen.

Über Herrn Wotruba kam die Verzweiflung des um sein Glück Betrogenen: »A klans bißl sollt me einischaun am Heirige.«

»Vom Einischaun habn ma nix und zum Einigehn habn ma ka Zeit . . .«

Man wanderte. Hinter einem Gartenzaun klangen Fiedel, Gitarre und Harmonika gar weich und lockend zusammen; ein heimlicher Zauber lag in der Luft, gefährlich für Harmlose, beseeligend für Wissende.

»Mama, i hab an Durscht!« klagte der Ibsen!

»Mutta, i hab aa an Durscht!« klagte der Menzel.

Die Mütter waren ratlos. Herr Wotruba lauerte, Frau Radlinger ward schwach: »Mir ist auch der Gaumen ganz trocken – so heiß ist 's heut!« »Na ja, d'r halberte Kaffee is ja ausgschütt wordn«, stellte Frau Wotruba fest und das Mariederl meinte: »Auf an Kaffee kriegt ma immer an Durscht . . .«

Jetzt griff der stille Böhm entscheidend ein:

»Arme Kinde kann me nit wartn lassn bis am zuhaus – mir habns alle Durscht – gehn me bißl eine, Kinde kriegens Krachel, Damen trinkens Gspritztn und i trink ich Viertel – – no, was liegt dran! Heit is Sunntag – Ausflug war so schehn – kost nit viel und mi habns Durscht glescht . . .«

Und sie gingen hinein in das Paradies, in dem die Schlange nach Adam Wotruba lüsterte . . . 117

 

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.