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Die Lamplgasse

Rudolf Stürzer: Die Lamplgasse - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Lamplgasse
authorRudolf Stürzer
year1924
firstpub1921
publisherBurgverlag
addressWien
titleDie Lamplgasse
pages154
created20140527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Fahrt ins Weite.

Bei den Schusterischen ging es aufgeregt zu. Frau Radlinger hatte die Familie Wotruba zu einem Ausflug nach Grinzing eingeladen: »Fahrn wir einmal ins Grüne hinaus, Frau Wotruba, und zwar am Sonntag. – I nimm ein bisserl was zum Schnabuliern mit, da setzn wir uns auf eine Wiese und machn uns einen recht guten Tag, net wahr? – der Herr Wotruba muß natürlich auch mitkommen mit die Kinder . . .«

Frau Wotruba war mit Lust dabei, dachte sich aber doch im Stillen: »Was s' nur hat, die Hausfrau, dö Freundlichkeit auf amal, am End gar wegn dem Barteten? Jessas, i hab ihr ja no gar net gsagt, daß der früher glattrasiert war . . .«

Am Sonntag verlautbarte sie den Ausrückungsbefehl: »Also Wotruba, Du fahrst mit, der Peperl und d' Mariederl aa, die Loiserl und der Schani bleibn daham – ana muaß auf 's Haus aufpassn – Pappn haltn und nix dreinredn, alle könna net mitgehn! Blaz net, sunst kriagst a paar, derfst dafür ins Kino gehn – und dös sag i Dir, Schani, wann i was hör, daß D' net beim Gschäft bleibst oder Zigarettln 105 raugst, mehr brauchst net, dann ghörn Deine Ohrwaschln mein – und daß D' auf d' Loiserl aufpaßt – i sag d'r 's, i hau d'r 's Kreuz oh, Mistbua!«

Ein fieberhaftes Rüsten begann. Herr Wotruba war betäubt vor Wonne und Seligkeit. Seinem allerkühnsten Traume winkte da Erfüllung. Nach der Verwirklichung des Gassenladens hegte er all die Jahre her die heiße Sehnsucht nach einem freien Flügelschlage und nach etwas, was er gleichfalls noch nie gekannt: nur einmal, nur ein einziges Mal einen Rausch! Stand ein solcher gleichwohl nicht auf dem Programme der Frau Radlinger, das nur ein harmloses Sitzen auf einer Wiese vorschlug, so sollte diese Wiese doch in Grinzing sein! Grinzing! Heuriger! Herr Wotruba schaute eine Fata Morgana! Nur wie aus fernen Weiten drang der Gattin wohlvertraute Stimme an seine vor Freude klingenden Ohren.

»Aber Wotruba, was tuast denn, Du wirst do net die Röhrnstiefln anziagn? Die gelbn Pariser nimmst und die Pepitahosn ziagst an, das weiße Schileh und das dunklblaue Sako – ja von mir aus, heut kannst amal den Plüschhuat mit 'n Gamsbart aufsetzn, mir gengan ja eh durch an Wald . . .«

Für die anderen und sich selbst traf sie die Anordnungen mit derselben alles deckenden Umsicht: »Mariedl, Du nimmst Dein Firmkladl und dem Peperl ziagst das gelbe englische Leinwandkladl an – mir gibst den Steifrock, die taubengraue Schoß, die Lilablusn und den schwarzn Strohhuat – d' Schneuztüachln net vagessn! Schani, Du holst dem Vattern no gschwind zwa Fünferkuba . . .«

Der Ibsen steckte den Kopf zur Tür herein: »Die Mama laßt fragn, ob s' schon fertig san?«

106 »Glei san ma's Dolfi, glei, sag der Mama, mir kumman sofort!«

Erst nach der dritten Anfrage war das Wotrubasche Aufgebot marschbereit. Nun kam auch Frau Radlinger herunter, ein bescheidenes Päckchen in der Hand, bei dessen Anblick Frau Wotrubas Brauen sich zu Fragezeichen wölbten.

»So, also sind wir 's – das Packerl kann das Mariederl tragen, Dolfi, Du wirst ihr helfn, also Kinder, gehts voraus . . .« Frau Radlinger war ganz würdevolle Leutseligkeit.

107 Die Kinder gingen voraus, die Buben in ungewisser Festesstimmung, das Mariederl mit sichtlichem Verdruß ob der aufgezwungenen Bürde, die ihr Fräuleinsein einigermaßen herabwürdigte, hinterdrein Frau Radlinger mit gemildertem Hausfrauenstolz, zu ihrer Rechten Frau Wotruba, hocherhobenen Hauptes, der schiefe Zahn wie ein Triumphzeichen ragend; hie und da nickte sie gnädige Erwiderung den Grüßen, die mancherseits den Ausziehenden entboten wurden. Herr Wotruba bildete die Nachhut; sein Gesicht strahlte und mit froher Höflichkeit schwenkte er unermüdlich seinen Plüschhut mit dem Gamsbart. – – – –

»Also, wie fahrn wir am besten – ich glaub, wir fahrn zuerst zu der Oper . . .«, meinte Frau Radlinger.

Herr Wotruba grinste: »Hauptsach is, mi kumme am Grinzing!«

Da meldete sich das Mariederl: »Am bestn fahrn ma mit 'n Dreizehnawagn und steign dann beim Versorgungshaus um . . .«

Frau Radlinger machte große Augen: »Aber Kinderl, bis wir zu dem Dreizehnawagn kommen, da müssn wir ja noch weit gehn und dann kenn ich mich beim Versorgungshaus gar nicht aus – – nein, nein, wir fahrn schon zu der Oper . . .«

»Da müassn ma zwamal umsteign, mit 'n Dreizehnawagn aber nur amal . . .«

»Das macht gar nix, Mariederl – – – aber jetzt weiß ich nur nicht recht, müssen wir da drüben einsteigen oder gleich da vorn . . .«

Da jubelte aber schon Herr Wotruba: »Da kummts an Wagn, nur einisteign!« Er lief der Schar voran und war 108 der erste oben, der Dolfi und der Peperl stürmten nach – die Weiblichkeit säumte nur ein paar Augenblicke, doch auf einmal rief das Mariederl: »Aber Vata, dös is ja a gfehlta Wagn, der fahrt ja nach Schönbrunn außi!«

Auf der Plattform hielt Herr Wotruba aufgeregt Umfrage: »Bitt ich Ihnen, san S' so gietig, fahrt den Wagn am Schönbrunn oda am Oper?«

»Was is denn! Einsteign! Gemma, gemma!« eiferte der Schaffner, denn Frau Radlinger hatte den einen Fuß auf dem Trittbrette und Frau Wotruba hielt sich an der Griffstange fest; das Mariederl aber rief in einemfort: »Dös is a gfehlta Wagn!«

»Bitt ich Ihnen, Herr Kontakter, wo fahrt den Wagn hin?«

»Nach Schönbrunn!«

»Wo fahrt me am besten am Grinzing?«

Der Schaffner und sechs Fahrgäste redeten durcheinander; es wurden zehn Möglichkeiten, nach Grinzing zu kommen, eingehend besprochen. Von unten erkundigte sich Frau Radlinger: »Wie komm ich da am besten zu der Oper?«

»Da gengan S' da füri, bei der zweitn Gassn links eini, dann außi, bis S' an Dreiasechzga sehgn – ja, Sö Herr, Sö müassn aussteign, wann S' nach Grinzing wolln . . .«

Herr Wotruba und die beiden Buben mußten vom Wagen herunter und unten entschied Frau Radlinger festen Tones: »Wir fahrn zuerst zu der Oper, dort kommen alle Wägn vorbei, von dort kann man überall hinfahrn . . . .«

»Wotruba, Du wirst wartn, bis mir einsteign, vastandn? Kennst Di an Schmarrn aus und willst da Erste sein . . .«

Von nun an blieb Herr Wotruba wieder in der Nachhut.

109 Bei der Oper stiegen dann die Grinzing-Waller in einen Wagen, der beim Parlament vom Ring abbog. Frau Radlinger rief angstvoll: »Um Gotteswillen, der fahrt ja in d' Josefstadt – aussteigen, aussteigen!«

Der Wagen wurde scharf gebremst und man stand wieder auf dem Pflaster.

»Das Stückerl bis zum Schottentor gehn wir halt«, schlug Frau Radlinger vor und die anderen folgten willenlos.

Endlich saßen sie in einem Grinzinger Wagen. Da hob Frau Radlinger zu klagen an: »O du mein Schöpfer, wo hab ich denn die Karten hingebn, ich hab sie ja grad noch ghabt . . .« Sie kramte mit steigernder Hast in ihrem Täschchen, der Schaffner sah ihr teilnehmend zu, schließlich mußte sie aber doch schmerzvoll neue Fahrscheine lösen, ein Unglück, das sie vier Haltestellen weit mit Frau Wotruba besprach, bis diese ein anderes Ereignis in Anspruch nahm. Der Menzel kniete auf dem Sitze und preßte die Nase an das Fenster, der Ibsen maulte, weil er auch zum Fenster wollte; Frau Wotruba zog nach der fünften erfolglosen Aufforderung ihren Sprößling gewaltsam vom Fenster weg, um dem Ibsen Platz zu machen. Nun heulte der Menzel und ein mürrischer Fahrgast sagte recht lieblos: »Blazater Bankert überananda!«

Da fuhr die gekränkte Mutter auf: »Wer is a Bankert? Mein Kind is ka Bankert, habn S' ghört? Da san ehnder Sö ana und dös geht Ihna gar nix an, ob mein Kind want oda net!«

»A freili, dö Röhrerei da im Wagn – schamen S' Ihna mit Ihnara Erziehung . . .«

110 »Schamen liaba Sö Ihna, gegn a Kind so z' redn, haltn S' Ihna halt Ihnare Wachler zua, wenn S' ka Kind net wana hörn könna . . .«

»Aber, mit Ihna streit i net, Sö san mir da viel z' wenig – übrigens steig i glei aus . . .« und der Mann erhob sich, trat dem Mariederl auf den Fuß, daß das Mädchen hellauf quietschte, und hinter ihm her wetterte die empörte Mutter: »A so a Lackl, gar ka Büldung hat der Surm, net amal Bahdon kann er sagn – und so was laßt ma auf der Tramway fahrn . . .«

Der Scheidende schlug sich mit der flachen Hand wiederholt auf sein Rumpfende, hörte noch: »A so a gemeiner Kerl!« und war schon draußen auf der Plattform, wo ihn der ahnungslose Herr Wotruba voll mitteilsamer Biederkeit ansprach: »Was, Sie steigns schon aus, Herr Nachbar, Sie fahrns nit mit uns bis am Grinzing? I fahr außi auf paar Viertl . . .«

»Von mir aus fahrn S' der Katz ins Loch«, murrte der andere und sprang ab.

»A so an unfreindliche Gsell – hab ich ihm gar nix tan – mi san me do gmietliche Wiene«, sprach betrübt der Schuster aus der Lamplgasse, der froh die Wonne einer zeitweiligen Selbständigkeit genoß. Ein unhemmbares Mitteilungsbedürfnis überkam den jahrelang zum Schweigen Verurteilten und am liebsten hätte er es jedem zugejubelt, daß er nach Grinzing fahre. Er redete unaufhörlich zu seiner Umgebung, als wollte er das bisher Versäumte auf dieser Fahrt restlos einbringen.

»Ich bitt ich Ihne, was hat an klane Gschäftsmann am heutign Tag? Gar nix hate, Plag und Vadruß, Leut zahln 111 gar nix mehr für Arbeit, mi plagt si ganz umsunst nur für bißl essn, waß mi oft net, wo Kopf steht – no, denk i mi: machst amal klane Ausflug am Grinzing, nimmst den Frau und Kinde mit, hab ich noch Bekannte eingladn, is an Freindin von meiniger Altn, hats ihrigen Bubn mitgnumme, sulln Kinde an bißl umspringen am Gras – no und dann denk i mi: schaust eini auf Heirign – was liegt dran – kaufste an ganz an klane Schwammel – bitt ich Ihne, is Sunntag und lebt Mensch do nur an anzigsmal – was hat me von Lebn? Hab i recht? No also!«

Das war das Hauptthema, das Herr Wotruba bis zur Endstation immer wieder aufrollte und abwickelte, von der Gattin ungestört, die sich drinnen mit Frau Radlinger über die zunehmende Roheit und abnehmende Bildung der Zeitgenossen, über die voraussichtliche Beständigkeit des Wetters und über ihr letztes Auftreten beim Jour unterhielt. Der Menzel hatte auch einen Fensterplatz erobert und das Mariederl las in einem Büchlein, auf dessen Titelblatt ein Schwarzgekleideter mit verzerrtem Antlitz und gräßlich starrenden Augen eine Dame in Balltoilette im Arme hielt, in deren Busen ein Dolch mit Goldgriff steckte; darüber stand: »Im Schatten der Hölle. Ein Detektivroman von Kurt von Rosen.«

 

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