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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
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VII. Capitul. Friderich erzählet seine Eremiterey, siehet vielerlei Gespenster; sein alter Mönch wird vom Bauren erschlagen.

Dieses Feldlob Herren Friderichs hatten wir allerseits große Ursach zu bekräftigen. Oh, wie mancher wäre ohne Verdrießlichkeit und könnte als ein Freiherr auf seine eigene Hand leben, wenn er den Städten oder auch dem Hofwesen nicht gar zu viel getrauet hätte. »Du hast recht,« sprachen wir zu Herrn Friderich, »die Schulfüchse mögen auch dazu sagen und argumentieren, was sie wollen. Es folget nicht, was das Frauenzimmer lobt, das müsse notwendig lobenswert sein. Denn wenn dieses anginge, so möchten sie auch einen Saupfifferling loben, an welchem so gar nichts Gutes ist, daß man auch den Teufel damit zu vergleichen pfleget. Und auf eine solche Manier hebte man den häufigen Disputat vor diesmal auf, indem man bei hereinbrechender und allzu hitziger Zeit entschlossen war, ein lüftiges Zimmer zu erwählen und in demselbigen alle die Lebensläufe anzuhören, so einem jeden insonderheit unter uns seit dem letzten Abscheiden betroffen hatten. Zu Ende dessen satzten wir die vier Studenten mit Dinten und Feder versehen an eine beigestellte Tafel, damit einer um den andern in Protocollierung der erzählenden Personen beflissen sein möchte. Den Gärtner aber und den Schreiber schickte Gottfrid mit einem guten Recompens wiederum zurück, weil sie solchen durch ihren absonderlichen angewandten Fleiß wohl verdienet und mit ihrer guten Haushaltung ihm ein merkliches ersparet und verbessert hatten.

Nachdem man sich nun wegen des Anfangs zur solchen Erzählung nicht wohl vergleichen können, wurde die Sache mit Würfeln zum Ausgang befördert, und weil Herr Friderich das wenigste geworfen, war er der erste, welcher den andern die Pforte eröffnen und seine Zustände erzählen sollte. Er fing demnach, als sich die Gesellschaft sowohl als die Concipienten an ihren bestimmten Ort niedergelassen, folgends an, sehr deutlich und vernehmlich zu erzählen.

»Der Eifer wider die häufigen Laster und der Widerwillen dieser zeitlichen Eitelkeiten waren genügsame Mittel, mich der Gemeinschaft der Menschen zu entziehen. Ich habe oft nach einem frommen Leben geseufzet, aber solches keinesweges unter dem allgemeinen Weltgetümmel antreffen können, so sehr ich auch darum mich bearbeitet habe. Die Angst, welche ich deswegen meistenteils zur Nachtzeit, wenn ich auf meinem Lager erwachet bin, in meinem Herzen empfunden, ist unmöglich, daß sie hier sattsam könnte entworfen werden. Ich fand in meinem Gewissen, wenn ich auf einer solchen gefährlichen Bahn fortwandeln würde, daß ich allem Ansehen nach mit vollem Lauf der Höllen zueilete. Darum quälete ich mich so lange, bis ich willens wurde, der Welt nicht allein von innen, sondern auch von außen, wie ich getan habe, zu entfliehen und ihre Netze zu zerreißen. Ihr wisset wohl, daß ich dazumal in die Einsiedelei gegangen und daselbsten einen großen Mönchsrock über meine Schultern geworfen habe, nun aber will ich euch berichten, was mir zeit solches Lebens an dem Ort sowohl als sonsten zugestoßen ist.

Den Tag, als ich mich entschlossen, die rauhe Kutte anzuziehen, hatte ich wohl tausenderlei Grillen. Ich ging morgens in den Gedanken herum, gleich einem Menschen, der keinen Verstand hat, und erstach, wie Kaiser Domitianus getan, die an der Wand hin und wieder sitzende Mücken und Fliegen. Bald gedachte ich, in Krieg zu gehen und meinen adeligen Schild mit der Feinde Blut zu färben, damit mein Ruhm in meinem Vaterland desto größer würde und der Priester in meiner Leichenpredigt eine mehrere Materiam finde, mich und meine löbliche Handlungen vor der Gemeine herauszustreichen. Aber, gedachte ich wieder, wer weiß, wo du stirbest und auf was vor eine Art du umkommst, und wie bald ist es geschehen, daß so leicht deine Feinde mit deinen Beinen als du mit den ihrigen die Birne und Äpfel von den Bäumen wirfest! Also ließ ich mich von meinen eigenen Gedanken unermeßlich peinigen und quälen, bis ich endlich mein vorgenommenes Werk einging und mich in ein tiefes Tal verfügte, darinnen ich bis anhero gelebet habe.

Ich traf daselbst einen alten Priester an, welcher noch allein von allen den Mönchen überblieben war, welche ehedessen in diesem Kloster gewohnet haben. Er sagte, daß der Brand und die starke Giftseuche, so ehedessen daselbst heftigen Schaden getan, das Kloster aller seiner Inwohner beraubt hätten, und weil er meiner als ein alter Mann wohl vonnöten hatte, gab er mir in Hoffnung meines guten Beistandes allen tauglichen Rat, wie und auf was vor eine Art ich mein eremitisches Leben anfangen, fort- und ausführen sollte. Ich habe bei demselben in aller Zufriedenheit und großer Vergnügung gelebet, weil er mich nicht allein mit guter Speise, sondern mit köstlichem Getränke wohl versehen hat. So sehr ich allen eitlen Sorgen abgesagt, so stach mich doch der Vorwitz und das Verlangen, zu wissen, wovon ihm solcher Vorrat herkäme, indem ich keinen Menschen länger denn vierzehen Tage bei ihm gesehen habe. Aber ich merkte durch meine heimliche Nachsicht, daß er unter einem großen Steinhaufen mit vielem Geld rasselte, dadurch er zuwege gebracht, daß ihn ein bestallter Bauersmann alle Monat aus nächstgelegener Stadt mit allerlei Proviant reichlich versehen. Unsere Wohnung hatten wir in einem dunklen und finstern Gewölbe, darinnen nur ein kleines Fensterlein, mit einem dichten eisernen Gitter verwahret, eingehauen war. Dannenhero mußten wir auch am Tage Licht brennen, weil sich wegen vorliegendem Gemäuer der Tag nicht genugsam hineinwerfen konnte.

Dieses Ort, gleichwie es, wie ihr wohl denken könnet, an sich selbst grausam und widerig gewesen, als hatte ich trefflich Mühe, daselbst bei dem alten Graubart zu gewohnen, welcher sich doch in allen seinen Handlungen gegen mir als ein Vater erwiesen hat. Er war zu alt, seiner Ordnung gemäß betteln zu gehen, darumben verrichtete ich das Werk anstatt seiner, auf daß ich sowohl Brot sammlen als meinen jungen Leib in etwas bewegen möchte, welches er zu tun wegen seines hohen Alters nicht vermochte. Also bin ich das Land aus und ein gegangen, und ob ich gleich kein Erdmesser bin, verpflichte ich mich doch, eine so perfecte Landkarte auf das Papier zu reißen, als sich wohl jemand einbilden möchte. Diese Art kam mir, nach meinem vorigen Zustand, sehr beschwerlich, wenn ich mit meinem großen Bettelsack bald da-, bald dorthin gehen und allerlei Beschwernissen ausstehen mußte. Aber es hieß Patientia, mein lieber Bruder, und half nichts, so sehr mich auch die Brocken in dem Sacke auf die Schultern drückten.

So war mir über dieses alles nichts so zuwider, als die mannigfaltige Gespensten zu sehen, die uns in dem alten und ruinierten Kloster fast alle Abend erschienen sind. Bald sahen wir eine Procession mit vielen Feuerfackeln und anderen Wachslichtern unser Gewölb vorbeigehen, bald kam eine Leiche und dergleichen, daraus leichtlich abzunehmen ist, wie uns beiden bei einem solchen Spectacul mag zumut gewesen sein. Das Gepolter und Tumultuieren unter den Steinen und des Hin- und Widerwerfens waren wir so gewohnet, daß wirs endlich gar nicht mehr achteten. Der Bauer, so uns das Essen brachte, war einsmal so sehr von einem solchen Rumorgeist erschrecket, daß er sich hinfort nicht mehr getrauet, bei uns über Nacht zu verbleiben. Es war so unsicher, daß wir abends schwerlich außer dem Gewölbe gehen dorften. Wie unzähligmal es mir das Licht ausgeblasen, ist nicht zu beschreiben, nur dieses einzige zu gedenken, daß es uns oft alle beide in dem Schlaf auf einen hohen Steinhaufen hinaufgetragen, davon wir mit Gefahr des Lebens wieder herabsteigen müssen. Zuweilen hörten wir heulen, zuweilen weinen, zuweil einen andern Tumult an dem Ort, wo ehedessen die Kirche gestanden, und es geschah nicht selten, daß wir dorten einen Priester Messe halten sahen.

Einsmals kam ich bei heißer Sonnen am hellen Mittag mit meinem gesammleten Brot nach Hause, und als ich an die Pforte kam, fand ich daselbst einen Mann von ziemlich langer Statur in einem halben Harnisch sitzen. Sein Haupt war voll Blut, und führte unter seinem Arm ein bloßes Schwert, mit gleichem Schweiß besprenget. Ich erschrak über diese unverhoffte Gestalt, und weil ich ihn vor einen Soldaten hielt, der etwan in einem Scharmützel wäre verletzet worden, fragte ich ihn um seinen Zustand. ›Wie seid Ihr‹, sprach ich, ›an diesen Ort geraten und was machet Ihr hie in dieser Einöde, da außer mir sonst wenig Menschen wohnen?‹ Er schwieg still und seufzete mit einer solchen Bangigkeit, davon mir allgemach anfingen die Augen aufzugehen, denn er fing dergestalten an, in die Höhe aufzuwachsen, daß sein Haupt weit über den Kirchturm hinaus stund. Ich wich vor Schrecken zurück, und in solchem verschwand er mir unter Augen und ließ mich in unbeschreiblicher Furcht weit von der Stelle im Felde stehen. Nichtsdestoweniger eilete ich in das Kloster und verschwieg gegen dem Alten, was ich gesehen hatte, weil ich noch voll Schrecken und Zittern war. Indem ich nun beschäftiget war, das Feuer anzumachen und bei demselben unsere Abendmahlzeit zu kochen, kommt jemand vor das Gewölb und klopft an. Ich wollte in der erst nicht trauen, weil es aber öfters geschah, ging ich endlich hin und fand eine ziemlich alte Frauensperson draußen stehen, welche auf eine sehr altfränkische Art gekleidet war. Sie sagte kein Wort, sondern überreichte mir ein großes Buch, und sobald ich solches in die Hand gekriegt, verschwand die Frau, und ich hatte einen großen Totenkopf in den Armen. Aus diesem Exempel könnet ihr euch sattsam einbilden, wie ein kurzweiliges Leben ich in diesem Tal geführet habe.

Des andern Morgen ging ich weit in dem Lande herum, und als ich abends wieder nach Hause kam, fand ich meinen alten Mitbruder tot in dem Hof und mit vielen Wunden verwundet unter den Steinen liegen. Ich erblickte ihn erstlich nur bei einem Bein und Zippel des Mönchrockes, als ich ihn aber hervorgezogen, ergriff mich Furcht, Schrecken und Erbarmen zugleich, welches ich ob diesem Spectacul zu fühlen höchst Ursach hatte. Was war da zu tun, oder was konnte ich mir anders einbilden, als wäre er vielleicht von einer eingefallenen Mauer niedergeschlagen worden? Aber die Wunden waren allem Ansehen nach nicht von Steinen, sondern mit Säbel oder Degen gehauen worden, darum ließ ich nach, zu zweifeln, sondern wandte mich vielmehr zu demjenigen Haufen Stein, darunter ich zuvor den alten Eremiten hatte Geld zählen hören, weil ich, ob es schon meinem geistlichen Stand nicht anständig wäre, dennoch viel aufs Geld gehalten. Aber es war fort und weder Heller noch Pfennig an diesem Ort, da ich doch einen so großen Vorrat zu finden gehofft hatte. Darum konnte ich auch leichtlich argwohnen, daß dieser Einsiedler niemanden anders als gewissen Räubern unter die Hände geraten, die vielleicht um diesen verborgenen Schatz einzige Wissenschaft getragen. Andernteils gedachte ich wieder auf den Proviantbauern, und weil man demselbigen Volk ohnedem alle Schalkheit zuschreibet, bildete ich mir bald ein und sprach zu mir selber: ›Hui, daß der Teufel den Bauern geritten und ihn zu einer solchen Tat verleitet hat?‹ Und ob ich wohl dazumal nicht hinter die gewisse Begebenheit gelangen mochte, entschloß ich mich doch, so lange in diesem Ort zu enthalten, bis ich von demselben, welcher nach seiner gepflogenen Gewohnheit über drei Tage gewiß ankommen mußte, einzigen Rat erhalten, was nun mit mir am tauglichsten zu tun wäre.

Ich stackte mich also voll Furcht und Elend in einen andern abgelegenen Winkel und blieb drei Tage und Nächte voll Angst und Zittern in dem Kloster, weil ich immer in Sorgen stund, die Räuber dörften, in Meinung eines mehrern zu genießen, noch einmal anklopfen. Dannenhero verwahrte ich meinen Zugang in das neue Loch mit großen Steinen, darinnen mich auch der beste Spürhund nicht leichtlich würde gerochen haben. Als sich aber nichts anmelden wollte, ging ich den dritten Tag aufs Feld, in Meinung, unserem Bauren entgegenzukommen, aber sein Ausbleiben machte in mir endlich die Meinung zur Gewißheit, die ich wegen seines Mordes und der Plünderung bis dahero, obwohlen noch ungewiß, getragen hatte.

Dazumal fing ich erst an, die Untreue der Welt und ihren Geiz zu beweinen, und es ist nicht zu zweifeln, daß ich mich über dem erbärmlichen Tod dieses frommen Mönchs recht kümmerlich und schmerzlich betrübet habe, weil er mein einziger Freund gewesen, der mir in dieser Welt noch zum Trost gelebet hat.«

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