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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 86
Quellenangabe
pfad/beer/sommerta/sommerta.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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XIV. Capitul. Wolffgang, nachdem er seine Güter erbmäßig übergeben und der Welt ganz abgesagt hatte, begibt sich wieder in den Wald und macht also dieser ganzen Sommer-Geschicht ein Ende.

Aus diesem verstund ich, daß es ebender gute Freund war, der ehedessen mit Christophens Page auf dem Edelhof gedienet, davon in dem siebenten und achten Capitel dieses sechsten Buches ist gehandelt worden. Ich machte ihn demnach zum Registrator, zum Korn- und Brauschreiber; in summa, was ich wußte, dazu er tauglich war, dazu mußt er sich brauchen lassen. Insonderheit mußte er die Kinder des alten Krachwedels im Lesen und Schreiben unterrichten, weil er zu solcher Function gleichsam von Jugend auf gewöhnet war. Entgegen gab ich ihm auch einen guten Sold, also daß er mit seinem Weib und Kindern wohl auskommen konnte, ohne was er mir sonst dort und dar wird auf den Schwanz geschlagen haben. Als er sich aber auf dem Schlosse wieder ein wenig ausgefressen, fing er an, seine alte Traurigkeit fahrenzulassen, und stiftete ärgere Possen an als der andere Student. Demnach hieß ich diesen den Virgilium und den andern den Horatium, weil sie alle beide gute Poeten waren. Ich aber begab mich wieder aufs neue aus dem Wald, weil es allgemach anfing Winter zu werden, und nahm meine Wohnung in einem abgelegenen hübschen Stüblein auf dem alten Schlosse, mich daselbsten zeit währender Kälte hübsch warm zu halten. Zuweilen kam der Krachwedel; zuweilen der Virgilius zu uns herüber, allwo wir die Zeit mit Brettoder Kartenspiel bei einem hübsch geräucherten Schinken passierten. Unterweilen mußten uns die Bauern eine Comödie agieren, dabei wir uns oft krank gelachet, und weil der Horatius die schlafende Ratzen auf eine sonderliche Art in der Küche fangen konnte, vertrieben wir in solchem Spaß bald so, bald wieder anders fast den halben Winter. Nichtsdestoweniger gedachte ich in solcher Zeitvertreibung allezeit an die Vermahnung Thomæ a Kempis, welcher im zwölften Capitel des ersten Buches der Nachfolgung Christi also saget:

›Du bist, o Mensch, allzeit betrübt und elend, wo du auch immer dich aufhaltest und an allen den Orten, wohin du dich wendest, wenn du dich nicht zu Gott bekehrest. Warum betrübst du dich, weil dirs nicht gehet, wie du willst und es dein Verlangen erfordert? Wer ist derjenige, der alles nach seinem Willen hat? Weder ich noch du, noch ein anderer Mensch auf dem Erdboden. Es ist kein Mensch in der Welt ohne Anfechtung und Trübsal, und ob er gleich ein König oder großer Monarch ist. Es sprechen die niedrigen Gemüter: sehet, was genießet dieser und jener Mensch vor guter Tage? Oh, wie ist er so reich, so groß, so mächtig und so glückselig! Aber gib viel mehr acht auf die himmlische Güter, so wirst du bald sehen, daß diese zeitliche Güter gar nichts und mit einer steten Ungewißheit verbunden sind, weil sie niemalen ohne Sorg und Angst besessen werden. Es ist keine Glückseligkeit, überflüssige Güter haben, sondern ist dem Menschen gar genug, so er mittelmäßig leben kann. Es ist wahrhaftig eine große Mühseligkeit, auf Erden leben; je mehr der Mensch verlanget nach dem Himmlischen, je bitterer wird ihm dieses Irdische. Denn er wird gewahr, daß all dieses Zeitliche, dargegen gerechnet, gar nichts sei. Denn Essen, Trinken, Wachen, Schlafen, Ruhen, Arbeiten und anderer Notwendigkeiten der Natur abwarten, ist wahrlich nichts als ein großes Elend und eine rechte Qual einem andächtigen Menschen, der sich nach der Erlösung von seinen Sünden sehnet. Denn der innerliche Mensch wird sehr gedrücket von des Leibes Notwendigkeiten in dieser Welt. Daher betet der Prophet, daß er von diesen möchte erlediget werden, wenn er spricht: Erlöse mich von meinem Anliegen!‹

Aber wehe denjenigen, welche ihr Elend nicht erkennen, und noch viel weher denjenigen, welche dieses elende Leben so sehr lieben und demselben nachstreben. Denn ihrer viel seufzen nach demselben dergestalten, daß, wenn sie solches ewig genießen könnten, würden sie dem ewigen Leben im Himmel gern gute Nacht geben. O ihr törichten und unbesonnenen Herzen, die ihr so tief in der Erden vergraben lieget, daß ihr nach nichts als nach der Fleischeslust schnappet. Aber die solches Elend bauen, werden am Ende und Ausgang genugsam sehen, wie nichtig, ja wie gar nichts es gewesen sei, was sie so sehr geliebt haben. Aber die Frommen und Freunde Christi haben wenig darauf Achtung gegeben, was dem Fleische dienlich war oder was sonsten in der Welt groß geschätzet worden, sondern ihre ganze Andacht war zu der ewigen Beständigkeit gerichtet. Ihr ganzes Verlangen ist hinaufwärts zu dem ewig ständigen Gut gestiegen.

Mein lieber Mensch, lasse deine Zuversicht nicht aus dir weichen, in heiligen Sachen fortzufahren, denn dazu hast du noch Zeit und Stunden. Warum willst du dein Vornehmen von einem Tag auf den andern schieben? Stehe auf, und diesen Augenblick fange an und sprich: Jetzt ist die Zeit, etwas zu tun, jetzt ist die Stund zu streiten, jetzt scheinet die angenehme Zeit, etwas Gutes zu vollbringen und sich zu bessern. Wenn du in Kreuz und Trübsal steckest, so ist es Zeit zu gewinnen. Du mußt zuvor durch Feuer und Wasser gehen, ehe du zur Erfrischung kommest. Wo du dir selbst nicht wirst Gewalt antun, wirst du niemalen kein Laster überwinden. Solang wir diesen gebrechlichen Leib tragen, können wir nicht ohne Schwachheit und Sünden, noch viel weniger ohne Verdruß und Schmerzen leben. Wir wünschen uns oft, von allem Elend Fried zu haben, aber weilen wir die erste Unschuld verloren, so ist zugleich mit derselben die wahre Glückseligkeit hinweggerücket. Dahero müssen wir uns in Geduld fassen und Gottes Barmherzigkeit erwarten, bis daß diese trübselige Wolken über uns hingehen und dieses Dunkele mit dem ewigen Sonnenglanz verwechselt werde.

Oh, wie groß ist die menschliche Gebrechlichkeit, welche da allzeit zum Übeln geneigt ist! Heute beichten wir unsere Sünden, morgen tun wir aufs neue, was wir heute gebeichtet haben. Jetzt nehmen wir uns vor, vor allem Übel vorzusehen, und nach einer Stund tun wirs doch, gleich als hätten wir uns nichts vorgenommen. Dahero mögen wir uns billig demütigen und durchaus nichts aus uns machen, weil wir so gebrechlich und unbeständig sein. Es kann auch plötzlich durch die Nachlässigkeit verloren werden, was in vielen Jahren mit großem Fleiß kaum ist erobert worden. Wie wird es endlich mit uns am Abend ablaufen, wenn wir am hellen Morgen so geschwinde laß werden? Wehe uns, wenn wir also zur Ruhe schreiten wollen, gleich als wären wir in unserer Frommkeit schon sicher und gewiß, da doch noch kein Fußstapfen der wahren Andacht sich blicken lasset. Es wäre wohl vonnöten, daß wir ganz von vornen anfingen, fromme Leute und Lehrschüler der Frommkeit zu werden, wenn anders noch eine Hoffnung unserer Besserung übrig ist.‹

Diese und noch mehr andere Betrachtungen bewegten mich aufs neue, bei herannahendem lieblichen Frühling in den Wald zu gehen, nachdem ich diese ganze Histori auf dem Schlosse den Winter aufgezeichnet hatte. Ich will demnach meine müde Feder hiemit auf die Seite legen und durch meine Ruhe zugleich die ihrige befördern. Lebe demnach wohl, o Welt, die du mich von Kindesbeinen an verführt und betrogen hast. Ich speie dir allen den Gift, welchen du in mein unschuldiges Herz eingeflößet hast, wieder in deinen Rachen, damit ich nichts aus dir nehme, was dein ist. O Welt, ich gebe dir eine gute Nacht und zugleich auch allen deinen Werken, die ich mir zeit meines Lebens so angelegen sein lassen. Was trag ich nun aus dir und was habe ich vor alle meine Dienste, die ich dir jemals erwiesen habe? Du lassest mir nichts als ein schweres Gewissen, welches ich allenthalben mit mir tragen muß. Dein Freudentrank, ob er mir wohl süß in den Mund floß, wird nun zu Tränen, durch dero Schärfe meine Augen dunkel werden. Wer ist nun mein Trost, wer ist mein Helfer? Du streckest zwar deine Hand gegen mir aus, aber ich weiß genugsam, daß derjenige, dem du hilfest, erst alsdann erbarmenswert sei. Ich will deinem Liebkosen, o Welt, nicht mehr folgen, deine Schmeicheleien will ich hassen und deine Gesellschaft fliehen. Meine junge Jahre sind in dir verzehret, und du bist so unverschämt und begehrest auch mein Alter. Meine Kräften habe ich in dir verloren, und du lassest mich Schwachen dennoch nicht gerne von dir.

Ach Welt, ich kenne deine Tücke, und deine Falschheit ist mir gar zu bekannt. Ich habe dich geliebet als ein Tor, als ein Kluger will ich dich hassen. Ich hab dich umfangen als ein Blinder, als ein Sehender will ich dich von mir stoßen. Du versprichst mir zwar noch vierzig Jahr das Leben, aber was ist diese Zeit gegen der unaufhörlichen und unendlichen Ewigkeit? Diese Jahre, ja tausendmal so viel Zeiten sind gegen derselben wie der gestrige Tag, der schon vergangen ist. O Ewigkeit, ich werde durch deinen bloßen Namen abgeschrecket, der Welt länger zu dienen. Du munterst mich auf von dem Schlaf, in welchem ich von Jugend auf in der Welt als ein Träumender herumgewallet. Sei gegrüßet, o süße Ewigkeit, du allerangenehmste Hoffnung meiner Seelen, denn ich weiß, daß der, welcher abstirbt der Zeit, der wird leben in der unaufhörlichen Ewigkeit. Was ist die Zeit gegen dir, o graue Ewigkeit? Und dennoch lieben die Weltkinder die Erde auf eine Zeit und verlieren das ewige währende Gut in alle Ewigkeit!

Wo ist nun meine Freude, meine Wollust und meine Herrlichkeit? Ach, es ist alles verschwunden wie ein Nebel auf dem Feld, so von der Sonne schmelzet. Wo ist mein froher Mut und all meine fröhliche Tage? Sie sind vergangen wie ein Schatten, der, wenn man darnach greift, schon dahin ist. Du hast mir zwar Honig in den Mund gegeben, aber anitzo fühle ich erst den Stachel, welchen mir deine Bienen zurückgelassen. Wo nehme ich Wasser genug, mein eignes Elend zu beweinen? Mein Leib ist schwach, die Kräfte sind dahin, meine Andacht ist lau, das Herz in der Liebe kalt, mein Unschuld ist tausendfältig beflecket. Ich bin zwar in dich gekommen als ein Schäflein, du schickest mich aus dir wie einen reißenden Wolf. Ich habe Gold in dich gebracht, du hast mir solches mit Blei ausgewechselt. Ich trug mit mir ein helles Licht guter Sitten, du hast mir solches ausgelöscht. O Welt, in dir ist Sorg, Angst und Mühe die tägliche Speise, und dennoch liebt man dich. In dir ist Diebstahl, Raub, Mord und Totschlag eine tägliche Histori, und dennoch erstaunet man nicht. In dir ist Falschheit, List und Betrug, und dennoch verehrt man dich. In dir ist stolze eitle Ehr und Hochmut, und dennoch liebkoset man dir. Du bist eine Grube voll Unglücks, und dennoch seufzet man nach dir.

Aber, o Welt, deine Märtyrer kommen endlich zur ewigen Marter. Die nach dir dürsten, werden in Ewigkeit nicht gelabt werden. Du speisest nur mit Wind, wer will sich in dir sättigen? Du hältst nicht, was du versprichst, dennoch glaubt man dir. Du bist die Allerunbeständigste, dennoch bauet man auf dich, die Allerwaschhaftigste, dennoch vertrauet man dir, die Allerabscheulichste, dennoch liebet man dich, die Allerbetrogneste, dennoch lobt man dich. Darum, o Welt, lebe wohl, ich will von dir nichts mehr wissen. Du bist voller Lügen, ich will von dir nichts mehr hören. Du bist voll Ärgernis, ich will von dir nichts mehr sehen. Du bist der Verführung voll, ich will an dich nicht mehr gedenken. Lebet demnach wohl, ihr Eitelkeiten, denen ich so sehr ergeben gewesen. Lebet wohl, o ihr Torheiten, in denen ich so sehr verstricket gewesen. Lebet wohl und lasset mich ruhen, denn ich weiß, daß der, so euch hasset in der Zeit, genießen wird die Liebe der unendlichen Ewigkeit. Darum lasset uns die faulen Blätter hinwegwerfen in der Zeit, alsdann werden wir gekrönet werden mit der unvergänglichen Kron der grauen Ewigkeit.

Als ich solches bei mir genugsam erwogen, machte ich mich wieder in den Wald. Ob ich aber darinnen bleiben oder sonsten meine Lebensart wegen hereinbrechendem Alter verändern werde, das muß man der künftigen Zeit anheimstellen. Aber gewiß ist es, daß ich ein solches Leben allezeit vor das glückseligste schätze, darinnen der elende Mensch Gott von Herzen fürchtet und täglich, stündlich, ja augenblicklich betrachtet sein herannahendes Ende.

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