Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Beer >

Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 85
Quellenangabe
pfad/beer/sommerta/sommerta.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
Schließen

Navigation:

XIII. Capitul. Krachwedel ist Wolffgangs leiblicher Bruder.

Bis daher habe ich mit großem Vergnügen auf der Hochzeit des Herrn Christophens gelebet, und nachdem sich die Hochzeitgäste wieder verloren, nahm ich gleich ihnen meinen Rückmarsch nach der Klausen, allwo ich zu Verkürzung der Zeit das Leben meiner seligen Eltern, welches sie mit eigener Hand aufgeschrieben, durchlesen habe. Ich hatte sie ehedessen noch niemalen gesehen oder aufs wenigste in der Bibliothek unter anderen Büchern nicht geachtet, weil sie nur in schlechten Pergament eingenähet waren. Aber weil solche Bücher unter anderen in einem Tragkorb unvorsichtig mit in die Klause getragen worden, sah ich endlich mit Wunder, was ich bis daher noch nicht gewußt hatte. Unter andern enthielt sich in denselben ein Paragraphus, daß nämlich meine selige Frau Mutter einsmals im großen Brand, welcher auf dem alten Schlosse zu Steinbruch in der Nacht entstanden, ein Kind mit Namen Emanuel zurückgelassen, welches ohne allen Zweifel, weil dazumal alles in die Asche gefallen, mußte verbronnen sein. Über dieses betrübte ich mich sehr, denn es hatte mir weder Vater noch Mutter davon gesaget, habe dahero um diese Sachen keine gewisse Nachricht haben können. Nur dieses fand ich dabei, daß der Knab an dem rechten Fuß nur vier Zehen gehabt habe. Und als ich die Zeit zusammenrechnete, so wäre dieser mein Bruder um neunundzwanzig Jahr älter als ich gewesen, wenn er noch gelebt hätte. Nun war ich auch der Jüngsten keiner, sondern zählte allgemach neunundfünfzig Jahr, betrübte mich nichtsdestoweniger um diesen verbronnenen Emanuel und ließ ihm bald darnach in die Kirche zu Steinbruch einen Grabstein setzen.

Einsmals aber, als ich daselbst etliche Sachen wegen eines Grenzsteins schlichtete, kam eine steinalte Frau vors Tor und bettelte ein Almosen. Die erzählte unter andern, daß sie ehedessen allhier bei dem Pfarrer gedienet und daß es dazumal einen Brand gehabt hätte, in welchem das Schloß bis auf den Grund niedergesunken. »Ich half«, sprach sie, »ausräumen und fand ein junges Knäblein in einer Wiegen, das nahm ich heraus und legte es auf eine Gutsche, denn es waren gleich fremde Leute im Dorf. Möchte wohl wissen, ob dasselbe Kind noch lebte oder wo es war. Denn wie ich wieder davonlief, ging auch das Dorf an, und die fremden Leute sind in der Nacht ohne allen Zweifel mit dem Kind, unwissend, daß solches auf dem Wagen war, davongefahren.«

Diese Rede der alten Bettlerin machte mich ganz verwirret, fragte nichtsdestoweniger noch mehr aus ihr; und allem Ansehen nach war ebendieses Kind der Emanuel, von welchem ich zuvor in meiner Eltern ihrem Lebenslauf gelesen hatte. Ich konnte aber, so sehr ich mich bemühete, dennoch nichts von diesem Emanuel erfahren, stellete also das Geschicke dem Himmel heim und lebte in meiner Einsiedlerei wohl drei Jahr in und zwischen allerlei Zufällen, welche solchen einsamen Leuten zuzustehen pflegen. Meine größte Freude war dazumal, daß ich auf unterschiedliche Dörfer ausging und den Geistlichen zusprach. Einsmals wagte ich mich ein bißchen weiter in das Land, und weil es dazumal zu wittern und regnen anfing, kehrte ich abermal in einem Pfarrhof ein, welchen ich sonsten willens war vorbeizugehen. Der Pfarrer war ein überaus frommer Mann, und weil er auf seine Predigt zu studieren hätte, bat ich ihn indessen um ein Buch, darinnen die Zeit zu passieren. Er wies mich darauf in seine Bibliothek und stellete meinem Belieben frei, was ich indessen lesen wollte. Da eröffnete ich bald dieses, bald jenes. Endlich kam ich über die Kirchenacta und fand, gleichsam als hätte es so sein müssen, ein Blatt, darinnen stund geschrieben: ›Den Dritten dieses Monats ist ein Kind von dem Edlen Herrn von Selg allher ins Dorf geschicket worden, daß solches von einem seiner Bauern auferzogen würde. Dieses Knäblein ist besagtem Herrn von Selg, als er in dem Dorfe zu Steinbruch über Nacht gelegen, unter währendem Brand auf seine Gutsche geleget und, von ihm unwissend von wem, zum Schimpf und Spott angehangen worden. Die Bauern loseten drum, und traf das Los Nachbar Hans Krachwedel, der es auch ernähret und endlich zum Schmiedhandwerk gebracht hat.‹

Diese Nachricht las ich mit sonderlichem Herzklopfen aus dem Buch. Ich konnte durchaus nicht ruhen, unter die Geschichte zu gelangen und auf den Grund zu fischen. Brachte demnach so viel zuwegen, daß sie das Kind Andreas geheißen. Die Dorfschaft wußte aber nicht mehr, wohin dasselbe Kind gekommen wäre, weil fast der zehente nicht so alt war, daß er deswegen Rechenschaft geben konnte. Ich machte mir demnach treffliche Gedanken auf den alten Krachwedel, den ehrlichen Musquetier, welchen ich nach obigem Inhalt auf dem neuen Schlosse zum Verwalter bestellet. Denn er hieß eigentlich mit Namen Andreas, mit dem Zunamen Krachwedel, gleichwie der Bauer geheißen, der ihn auferziehen müssen. Da machte ich mich folgenden Morgens auf den Weg und kam endlich nach Hause. Und damit ich der Wahrheit desto besser gewahr würde, mußte er sich ausziehen und mir seinen rechten Fuß zeigen. Es fand sich in dem Weißen, was mir zuvor gleichsam als in einem Schatten ist erzählet worden. Hiermit könnt ich mich länger nicht bergen, sondern offenbarte ihm seine Geburt, welches er um so viel desto leichter glaubete, weil ihm auch wegen seines Geburtsbriefs das Handwerk hat wollen geleget werden. Ich sagte, daß er der wahre Emanuel sei, und dannenhero weinten wir zusammen die allerhäufigsten Freudentränen und beschmerzten zugleich, daß wir erst in unserm hohen Alter aneinander kennenlerneten. Nichtsdestoweniger wollten wir diese späte Bekanntschaft mit einer desto größeren Einigkeit verbinden und uns eine friedliche Ruh zu der größten Glückseligkeit dienen lassen.

Hiemit übergab ich ihm das Schloß zu seinem Erb, dadurch er so mutig ward, daß meine Schwägerin zu ihrem ersten Erb, dazu ich schon vor vier Jahren Gevatter gestanden, noch einen dazubekam. Also wurde diese Geschieht nicht allein weit ausgetragen, sondern noch dazu meine große Freigebigkeit in Überlassung des Schlosses rühmlichst gelobet und gepriesen. Nach solchem hebte ich den Grabstein zu Steinbruch wieder aus, und er brauchte solchen zu einem Tisch, daran er seine allerbesten Freunde speisete. Und also ward der alte Knisterbart mein lieber Bruder und sein Weib, als meine geweste Köchin, meine Schwägerin und eine vom Adel, darein sie sich durchaus nicht zu finden gewußt. Weil aber die Heirat einmal geschlossen war, mußten wirs so dabei bewenden lassen, und ihr Mann war mit ihr so vergnügt, als ob sie eine königliche Princessin gewesen wäre, weil die Ehe nicht in der Geburt, sondern in Vereinigung der Herzen und Gemüter bestehet.

Als ich nun alle diese Sachen geschlichtet hatte, befahl ich meinen ältesten Vetter in gute Aufsicht eines Praxeptoris, welchen Leuten ich von Jugend auf bin gut und wohlgewogen gewesen. Christoph aber und die andern berichteten mich, daß Herr Philipp das Hofleben nun gänzlich verlassen und sich auf seinem Gut zur ewigen Ruhe gesetzet hätte. Herr Wilhelm hat seinem Einsiedler gefolget, und gleichwie jener in seiner Klause, also betete und lebte dieser in seinem Schlößlein zu Abstorff, allwo wir ehedessen so manchen guten Fisch und Wildbraten samt einem frischen Gläslein Wein verzehret haben. Gottfrid lebte an seinem Ort im höchsten Wohlstand. Sempronio ist endlich zur hohen Charge gelanget und ein berühmter Soldat geworden. Friderich führte mit seiner Amalia zu Ichtelhausen ein vergnügtes Leben, und von dem bekamen wir gemeiniglich die Ordinar-Zeitungen, was etwan hin und wieder in der Welt passierte. Dietrich brachte seine Zeit meistens in der Liebe zu, die er gegen eine Frauensperson von sonderlicher Schönheit getragen, und solche war er allerehestens zu heiraten willens. Christoph lebte mit seiner Magdalena gar wohl zufrieden und schaffte sich durch die Viehzucht großen Nutzen. Der Advocat, dessen hierinnen öfters gedacht worden, war gestorben, und dessen Tochter, so ein Ausbund von einem perfecten Mädchen war, heiratete der Student auf dem alten Schloß, welches ich ihm zeit seines Lebens geschenkt hatte; hernach aber soll es des alten Krachwedel seinen Kindern erblich heimgefallen sein.

Deswegen spickte der Student seinen Beutel beizeiten, und wo sich ein Bauer oder sonsten ein räudiger Knecht nur in dem geringsten verschnäckelte und mit seinem Mitbuhler auf dem Tanzboden raufte, so strafte er ihn, daß ihm der Hals hätte knacken mögen. Gleichwie ichs nun zuvor getrieben, also trieb ers auch und verbrachte seine Zeit mit tausendmal kurzweiligem Sachen, als ich getan hatte. Er kam gar oft mit seiner Flinte in den Wald zu mir, allwo ich diese Geschieht, zwar anfangs nur den vierten Teil, hernachmals aber gänzlich ausgearbeitet und beschrieben habe. Ob ich auch wohl anfangs entschlossen gewesen, nur einen einzigen Sommer zu beschreiben, hat sich doch dort und dar unter uns etwas zugetragen, das zur gänzlichen Histori eben wohl vonnöten gewesen. Ich wurde auch, als ich dieses schrieb, berichtet, wasgestalten mein ehemaliger Diener, der ehrliche Wastel, wäre aufs Rad geleget worden. Also bleiben die Laster nicht ungestrafet, und mangelt ihnen niemalen an der Rute, mit welcher sie sollen gestäupet werden. Kurz darauf wurde ein Kerl vom Herren Christophen an mich mit nachfolgenden Zeilen überschicket:

›Herzvertrauter Bruder! Dieser gegenwärtige Freund ist der elende Tropf, welcher mit allzu zeitiger Mariage sein Fortun verscherzet hat. Du kannst dich dessen wohl entsinnen, was uns der Page auf der Reise von ihm erzählet hat, daß er nirgends keinen Dienst bekommen können. Weil ich nun weiß, daß Du zu seiner Accommodation genügsame Gelegenheit an der Hand hast, wird es an dem geneigten Willen keinesweges mangeln, welchen Du mir in dieser Bitte erweisen wirst. Ich lebe hinwiederum in Deinen Diensten, und dieser redliche Teufel wird solche Gratification lebenslang gegen Dir und den Deinigen zu demerieren wissen. Lebe vergnügt!‹

 << Kapitel 84  Kapitel 86 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.