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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 84
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII. Capitul. Der Pfarrer erzählet von unterschiedlichen Orden der Mönche und Pfaffen.

Nach diesem redete man von der schröcklichen Verwegenheit der Räuber und anderen ehrlosen Gesindleins, absonderlich aber von den welschen Banditen, die da oft um einen schlechten Recompens nicht allein die Leute wacker abprügeln, sondern sie mit einem heimlichen Puffer in die Rappagnie brennen, daß ihnen der letzte Atem vergehet. Einer erzählte diese, ein anderer eine andere Historia. Auf solches verwechselte sich der Discurs wieder in eine andere Materie. Da kam die Frage mit ein, obs besser wäre, groß oder klein, mager oder fett zu sein. Da lobte das Frauenzimmer die Großen vor die Kleinen, und weil solches ein Junger von Adel, so ein lustiger Kamp war, nicht wohl leiden konnte, daß man ihn durch diesen zufälligen Discurs wegen seiner niedrigen Postur durch die Hechel gezogen, ließ er durch seinen Pagen, welcher eine helle Stimme hatte, hinter dem Ofen folgendes Lied absingen:

Ihr Leute pfleget mein zu lachen
Und könnet trefflich höhnisch sein,
Daß ich hab einen kleinen Rachen
Und schiebe große Brocken 'nein.
Den kleinen Hunden hänget man
Die allergrößten Klöppel an.

Wenn ich noch zwanzig Mäuler hätte
Und fünfzig Finger in der Hand,
Ich wollt noch endlich werden fette
Wie eine Sau im Bayerland.
So aber hab ich all mein Schmer
Gleichwie die Ziegen innenher.

Ich bin ein armer Käsemaden
Und kaum so schwer als eine Laus.
Ich bitt, begucket meine Waden,
Sie sehen wie ein Blasrohr aus.
Drum laßt mich meinen Hunger stillen,
Auf daß ich meine Strumpf mög füllen!

Diese drei Strophen, so kurz sie waren, so lang lachten wir darüber, denn der Jung war ein Erzschelm und hatte sie, wie sein Herr selbst bekannte, ihm selbst einsmals zur Lust aufgesetzet, wie er dann noch mehr dergleichen absingen müssen, daraus man wohl abnehmen können, daß er einen fähigen Kopf und noch zu einem mehrerm geschickt war, wie ehedessen der kurzweilige Jäckel gewesen, von welchem daroben im dritten Capitul des vierten Buches ein mehrers erzählet worden, wie listig er eine und andre Invention an die Welt gebracht. Und wenn ich gewußt hätte, wo er sich dermalen enthielte, hätte ich ihn ohne allen Zweifel in meine Schlösser aufgenommen und ihn mit einem guten Dienst versehen. Nach diesem tanzte man, bei welchem ich den Gedanken des Augustini nachgehangen, der da vorgibt, daß jeder Tritt in dem Tanz gleichsam ein Gang zu der Höllen sei. Und wenn mans recht betrachten will, so ist es nicht viel anders. Als ein Weltmann habe ich zwar solches nicht erkennet, aber nachdem ich alle zeitliche Eitelkeiten aus dem Kopfe verbannet, kennete ich viel Sachen, die ich zuvor vor Gold gehalten, daß sie nur Stein und Blei wären.

Darum führte ich indessen mit dem Dorfpfarrer einen Discurs vom Klosterleben, und daß mancher Mönch in seiner Zellen sicherer säße als der König in Portugallen. Solcher und dergleichen Reden gebrauchten wir uns bei einem hübschen Gläslein Wein, und haben wir gleich nicht getanzet, so haben wir doch desto mehr getrunken. Er sagte, daß die Klöster allgemach anfingen, ihrer alten Freigebigkeit zu vergessen, und daß es ihn unbeschreibliche Mühe gekostet habe, den titulum mensæ zu erbetteln, weil man solchen nur diesen am allerehesten zu geben beflissen war, von welchen man den meisten Nutzen hätte, nach dem Sprüchwort: manus manum lavat. »Mein Herr,« sagte ich, »was ist der titulus mensæ, und was hat es damit vor eine Beschaffenheit?« – »Es ist«, antwortete er, »eine alte und löbliche Ordnung unter uns Geistlichen, daß, wenn einer auf dem Lande will Priester werden, muß er aus einem Kloster den titulum mensæ haben, das ist: wenn etwan einer aus zustoßender Krankheit krumm, lahm, siech oder sonsten gebrechlich wird, davon er seinem Amte nicht mehr vorstehen kann, so ist es klar, daß die Dorf- oder Bauerschaft einen solchen Krüppel nicht ernähren kann. Nun dörfte es dem andern wie dem ersten gehen, und würde also den Pfarrkindern eine große Last auf den Hals geladen. So ist demnach dieser titulus mensæ eine Versicherung und Brief, daß, wenn man nämlich mit einzigem Gebresten beladen und dadurch ganz untauglich würde, seinem Dienst ferner vorzustehen, so muß das Kloster, aus dem man solchen Brief hat, den Priester zu sich nehmen und ihn zeit seines Lebens erhalten und pflegen. Stirbt aber der Pfarrer im Dorfe, so ist er hingegen schuldig, all sein Hab und Gut dem Kloster zu verschreiben und zu vertestieren.«

Diese Ordnung, gleichwie sie an sich selbst löblich ist, gefiel mir ausdermaßen wohl, weil dadurch zu beiden Teilen gleichsam ein Interesse war. Er erzählte mir ingleichen von unterschiedlichen Orden der Mönche, als erstlich von dem scharfen Leben der Cartäuser, welche das ganze Jahr kein Fleisch essen dörfen, und solches genießen sie nicht eher, bis der Christtag auf einen Freitag fällt, das ist alle sieben Jahr einmal. »Sie dörfen«, sagte er, »die ganze Woche nur zweimal, und zwar nur eine Stund, miteinander reden, und solcher Discurs ist von lauter himmlischen Sachen; die übrige Zeit in der Wochen sehen und reden sie wenig oder gar nichts miteinander. Sooft sie aneinander begegnen, so spricht der eine: › Memento mori‹, gedenke des Todes. Dieses ist ihr gewöhnlicher Gruß, dadurch sie sich ihrer Sterblichkeit erinnern. Sie peitschen sich alle Wochen dreimal aufs Blut und tragen härene Kleider auf dem bloßen Leib. Sie lassen durchaus kein Weibsbild, wes Standes oder Condition dieselbe auch sei, in ihre Klöster, und man hat zu tun, daß man in ihre Kirchen kommet. Sie stehen um Mitternacht zur Metten auf und verrichten oft in der härtesten Kälte die allerlängste Andacht. In diesen Orden sind viel Fürsten und Grafen getreten und haben darin bis an ihr Ende mit ungläubiger Geduld und Pönitenz gelebet. Es ist gleichwohl nichts Geringes, alle seine Güter verlassen, derselben sich in Ewigkeit verzeihen und in einen solchen strengen Orden zu gehen, absonderlich an einem solchen Herren, der in der Welt in aller Pracht und Üppigkeit leben könnte. Sie schlafen auf schlechten Betten und bringen fast ihr ganzes Leben mit Meditieren zu; dahero sind die Betrachtungen, welche sie von dem Himmel, der Höllen, dem Tod und dem Letzten Gericht geschrieben, überaus wohl zu lesen. Ihre Klöster sind von den Städten abgesondert, und ihre gewöhnlichste Speise sind Fisch und Kohl samt anderen Gartenfrüchten. Wenn einer in Anfechtung fället, so läutet er ein Glöcklein, zu welchem jeder in seiner Zelle einen Henkel hat, auf daß die andern vor ihn beten, und also weiß keiner, wer geläutet hat. Ein recht alter Cartäusermönch ist ein rechtes Muster der Traurigkeit und Melancholey, lebt stets in der allergrößten Demut und Observanz gegen die Obern, ist von der Welt nicht allein mit dem Leib, sondern auch mit dem Geist abgesondert, hält stets im Gebet und guten Werken an, weinet und seufzet über seineSünden, betrachtet stets himmlische Sachen. Verachtet hingegen die Erde und all ihre Werke, überwindet sich selbst und seine falsche Begierden, gibt allen seinen Brüdern und Religiösen ein gutes Exempel, schreibet der Nachwelt zunutz andächtige Betrachtungen und redet nichts mit seinem Nächsten, als was zu dessen Heil und Seligkeit dienlich ist.

Zu einem so harten und strengen Leben gehöret eine gute und wohlbedachte Resolution, und ist dieser Orden entsprungen von dem Bruno, welchen etliche, absonderlich in Frankreich, vor heilig halten. Derselbe, wie aus der Histori bekannt ist, hat in Paris einen guten Freund gehabt, welcher ein vornehmer Rechtsgelehrter und sonsten dem äußerlichen Schein nach ein frommer Mann war. Als er aber gestorben und ihm wie gebräuchlich vor dem Sarg in der Kirche das Responsorium: Responde mihi gesungen worden, richtete sich dieser Tote aus dem Sarg in die Höhe und sprach: › Accusatus sum!‹, ich bin angeklaget worden. Als man des andern Tages wieder sang: Responde mihi, antworte mir, so sprach der Verstorbene wieder, indem er sich mit unaussprechlichem Entsetzen vieler tausend Menschen wieder aufhebte: › Coram justo Deo judicio judicatus sum!‹, ich bin vor dem gerechten Gericht Gottes geurteilet worden. Den dritten Tag, als sich das Volk mit großem Gedräng abermal in der Kirche eingefunden, den Ausgang zu erwarten, erhebte sich dieser Verstorbene abermal auf den Versch Responde mihi und schrie: › Justo Dei judicio in æternum damnatus sum!‹, ich bin durch das gerechte Gericht Gottes ewig verdammet worden. Dieses erschreckliche Spectacul bewegte diesen Bruno als seinen gewesenen guten Freund dergestalten, daß er die Welt verließ und in der Cartause – davon sie den Namen der Cartäuser führen –, nit weit von Paris, sich zu einer unbeschreiblichen Buße niederließ, und von diesem kommet also ursprünglich die Ordnung der Brunoiten, insgemein Cartäuser genannt. Und es ist nit zu leugnen, daß bei so augenscheinlichen Exempeln manchem ruchlosen Menschen das Herz trefflich gerühret wird, dadurch man siehet, wie nötig es sei, den Schein fahrenzulassen und der Wahrheit, wie es an sich selbst ist, mit aller Andacht und Sorgfaltigkeit unabläßlich nachzugehen.«

Weiter erzählete er mir von Capucinern, die nichts über Nacht behalten dörfen, und an diese gemahnten mich viel liederliche Brüder, welche ich zwar in einem certo Tertio hiermit will verglichen haben, welche auch all ihr Sächlein am Abend vertun, daß sie am Morgen fast betteln gehen müssen. Darnach lobte er den Orden der Benedictinermönch und sagte, daß er ehedessen bei ihnen studiert hätte, allwo er so viel Product bekommen, als rote Buchstaben im Calender wären. Auch daß dieselben Pfaffen die höchste Vergnügung in Auskehrung der Knaben ihrer Hinter-Castell suchten. Auf solches gedachte er der Canonicorum Regularium und sagte, daß er vor allen andern ein solcher hätte sein mögen. Aber weil er die Musik nicht verstanden, so haben sie ihn nicht annehmen wollen.

Hiermit tat er von den Jesuiten Meldung, welche unter den andern allen die Allerehrgeizigsten wären, und daß ihrer etliche auf nichts studierten, als ihren Nächsten um das Seinige zu bringen. »Diese«, sagte er, »haben bis anhero tapfer vor den Papst und katholische Religion gestritten. Ihr Vorfechter war der berühmte Cardinal Bellarminus, dessen Schriften ich sehr hoch halte. Dieser hat allein so viel geschrieben, davon sich die anderen alle behelfen können. Auch ist unter ihnen berühmt der gelehrte Ariaga von Prag, wie auch der spitzfindige Jodocus Kedd, der ihrer viel aus dem Luthertum zu uns gebracht hat. Er war ein guter Disputator, und haben ihm seine Gegner nichts abgewinnen können. Er hat auch das Lob, daß er nichts oder wenig ausgeschrieben, sondern alles aus seinem Kopf und eigener Arbeit hervorgebracht. Wo er in eine Stadt kam, darinnen es Lutheraner gab, so schenkte er ihnen gemeiniglich zu Ostern und Pfingsten zwölf gedruckte Fragstücke, die bluthart aufzulösen waren. Also hat er die meisten, die ihm geantwortet haben, nur ausgelachet und hat sich durch seine Schriften absonderlich das Lob unter den Controversisten erworben, daß keiner so compendios als er jemals gedisputiert habe.

Aber der Pater Scherer ist in argutiis mehr als der Kedd bekannt, denn was Kedd mit Ernst angriff, das begunnte der Scherer nur auszuhöhnen, denn er sagte, daß das Luthertum keiner Disputation würdig wäre, darum hat er solches auch in allen seinen Schriften und Predigten nur ausgelachet. Einsmals sagte er zu Wien: ›Euer Lieb und Andacht! Die lutherischen Prädicanten schreiben zu ihrem Nam gemeiniglich ein lateinisches D oder ein M. Das D soll Doctor heißen, das M Magister. Aber es heißet so viel als Dieb und Mörder, wie die Schrift sagt: Dieb und Mörder sind sie gewesen. Also kann ich sie nicht anders heißen, weil es nicht anders in der Schrift stehet.‹ Ein andersmal predigte er vom Kirchenornat. ›Hört,‹ sprach er zu Krems in ihrer Kirche, ›wisset ihr, warum die Lutheraner und Calvinisten so gar keinen Schmuck in ihrer Kirche haben? Sie hängen ihn all an ihre Weiber!‹ Noch mehr dergleichen ist häufig in seinen Predigten zu finden, und ich halte allerdings viel auf seine Inventionen.«

Diese vermischte Erzählungen des Pfarrers hörte ich mit allem Fleiß an, aber ich gab ihm weder mit Worten noch mit Mienen zu verstehen, was ich davon hielte. Aber nichts gefiel mir besser, als da er von dem Orden der fratrum ignorantiæ schwatzte, denn derselben Brüder ist die ganze Welt voll, und wenn es endlich mit allen Gelehrten auf den Grund kommet, so sind sie doch fratres ignorantiæ, und ich wollte, daß ich auch ein solcher Bruder sein und um all diese Schelmenstücke nicht wissen könnte, welche die Welt zu treiben pfleget. Denn in solcher Ignoranz stecket die allervollkommenste Scienz und Wissenheit, habe auch meinesteils diese jederzeit vor die Gelehrteste gehalten, die am wenigsten gewußt haben.

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