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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 83
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI. Capitul. Redet von Wahrsagen und Träumen, absonderlich von dem Scanderbeg.

Die Gelegenheit zu dieser Frage gab etliches Frauenzimmer, welches sich kurz zuvor von einem jungen Vetter des Herrn Friderichs hatte in die Hand gucken lassen, und dannenhero hatten sie aus der Erzählung des Knechtes Ursach genommen, dieser Sache etwas nachzufragen. Es wurde hierauf auch von Träumen geredet und diesen mehrer Kraft als dem Handgucken zugeschrieben, weil man in göttlicher Schrift etliche Exempel finde und insonderheit des Josephs, welcher dem Bäcker und Mundschenken ihre Träume ausgeleget und allen beiden, obzwar mit merklichem Unterscheid, dieselben gedeutet hat. Denn der eine kam wieder zur vorigen Ehrenstelle, der andere aber wurde an den lichten Galgen gehangen. Also träumet noch manchem Menschen, absonderlich aber hohen Personen und an welchen viel gelegen ist, und wird diesen gleichsam vorbildsweise angedeutet, was ihnen vor Glück oder Unglück zustoßen, item, wie die oder jene Veränderung sich ereignen wird. Einem berühmten Professor auf der Universität Wittenberg träumte, als wäre ihm seine Schlaguhr vom Tische auf den Boden gefallen. Als er folgendes Tages über die Elbe gefahren und diesen Traum einem seiner guten Freunde erzählet, sind sie beide ertrunken. Der Mutter des preiswürdigen Helden Scanderbegs oder Alexandri Castrioti, dessen Leben und Geschichten so weit bekannt sind, als die Sonne gehet, dieser, sage ich, träumte in der Nacht, darauf sie diesen ihren tapfern Helden geboren, als käme eine erschröcklich große Schlange aus ihr, so mit dem Haupt vor Constantinopel reichte und den türkischen Kaiser verschlänge, mit dem Schwanz aber reichte dieser Wurm bis an die teutsche Grenzen. Über diesen Traum ist die schwangere Frau heftig erschrocken, aber ihr Herr Johannes legte ihr den Traum wohldeutend aus, wie denn hernachmals in dem Werk erfolget ist, daß dieser Scanderbeg ein so großer Held geworden, der den Türken so oft in die Flucht geschlagen hat, als oft er von ihm ist angegriffen worden. Er hat über sechzig öffentliche Haupttreffen wider den Erbfeind gewonnen und ist nicht öfter als einmal in allem seinem Streit in die Flucht geschlagen worden. Dieses ist geschehen vor Griechisch-Weißenburg in Ungarn, vielleicht darum, auf daß er ein Zeugnis hinterließe, daß auch der größte Held könnte überwunden werden.

Ich will unter allen dies einige von ihm allhier gedenken: Als er einsmals von dem türkischen Kaiser durch einen Abgesandten ersuchet worden, er solle auf Trau und Glauben ihm, dem Kaiser, seinen Säbel, mit welchem er die Türken gemeiniglich in zwei Teil auf einen Hieb voneinander geteilet, überschicken, hat er solchen dem Gesandten mitgegeben, welchen auf dem kaiserlichen Hof kein Soldat, so geschickt derselbe auch gewesen, hat schwingen und brauchen können. Der Kaiser, welcher gemeinet, als wäre dieser nicht der rechte, schickte ihm solchen wieder und schrieb, daß es unmöglich der rechte sein könnte, weil ihn unter allen seinen Leuten keiner zu schwingen wüßte. Da schrieb Scanderbeg hinwieder an den Kaiser, daß er ihm zwar den rechten Säbel, aber nicht die Faust und den Arm überschickt hätte, mit welchem dieser Säbel geführet und geschwungen würde, und solle er solche Wirkung seines Säbels allernächstens im Felde erfahren. Wie er denn dadurch solche Taten verrichtet, die hier nicht alle können erzählet noch aufgezeichnet werden. Es ist ein eigenes Buch heraus, darinnen dieses mannlichen Helden Lebenslauf sehr zierlich und angenehm zu lesen und noch Unzähliges zu finden ist, was zu des curiösen Lesers Vergnügung dienet.

Will also dieses dermalen von etlichen und nicht von allen Träumen aller Leute gesagt haben. Denn nachdem man zuweilen lebet, nachdem träumet man auch. Ein anders ist ein Præsagium, ein anders ein Phantasma. Da es nun heutzutage so viel Traumdeuter und Traumbücher gibt, läßt man jedem die Freiheit zu lügen, was er will, und glaubt unterdessen doch wohl, daß die Wahrheit der heutigen Traumdeuter meistenteils mit Lügen versiegelt sind. Auf dieses redete man von Visionen, Gesichtern und absonderlich von Sonntagskindern, welche vor andern solche Sachen am ersten sehen sollten. Denn es war ein Edelmann zugegen, der sagte, er hätte in seinem Dorfe einen Schuhknecht, derselbe war ein solches Sonntagskind und könnte einem einen ganzen Tag lang von lauter solchen Sachen erzählen: Wie er nämlich einsmals auf seiner Wanderschaft, als es hätte wollen Abend werden, bei einer Dorfkirche vorbeigegangen und auf der Freithofmauer ringsherum lauter Hunde sitzen und bei jedem ein Wachskerzlein hätte brennen gesehen. Solche Erzählungen referierte uns der Alte von Adel von diesem Schuhknecht etliche, welche mehr fabelhaft aussahen als die älteste Märlein; und es ist nicht zu leugnen, daß es manchen Galgenvogel abgibt, welcher, nachdem er siehet, daß den Leuten dadurch einziges Wohlgefallen geschiehet, gibt er sich vor ein Sonntagskind aus und erdichtet so viel Lügen, als ihm einfallen. Welches ohne Zweifel diesem redlichen Manne mit dem Schuhknecht auch mag begegnet sein, weil er allem Ansehen nach gar viel und große Häuser auf dergleichen Grillen bauete. Die Linien in der Hand aber insonderheit hier zu gedenken, sind dieselbe nicht von Natur, sondern vielmehr deswegen in der Hand, weil man durch stete Auf- und Zuschließung der Hand solche in die Fläche einpresset und figurieret. Denn man nehme die Haut an einem andern Ort des Leibs, tue oder zwicke solche oft zusammen, so wird es, nachdem man drucket, auch eine solche Lineam abgeben, welche aber, weil die Motion, dadurch sie verursachet worden, nicht continuiert, bald wiederum vergehen muß.

Hiernächst redete man, wegen Veranlassung des Scanderbegs, von unterschiedlichen großen und starken Helden wie auch von Riesen und anderen großgewachsenen Leuten, dabei des großen Rolandes, der in dem Pyrenäischen Gebirg gestorben und begraben ist, öfters und mit vielem gedacht ist worden. Sein Hörn und Schwert sollen von großen Kräften gewest sein, daß, wenn er solches geblasen, all seine Feinde gezittert haben. Mit seinem Schwert hat er sowohl durch den härtesten Stahl und Eisen als durch Leinwat und Tuch hauen können. Und dannenhero verlachte man diejenigen Scribenten, die aus Veranlassung solcher wahrer Eigenschaften weiß nicht was vor Ritterbücher geschrieben, da bald ein Hug Schapler, bald ein Ritter mit den silbern Schlüsseln ein Abenteuer überwunden und einen Riesen totgeschlagen hat. Doch haben dergleichen Lügen ihren sonderlichen Nutzen unter der Handwerksbursch, welche sich sonn- und feiertags ohnedem in den Wirts- und Leutgebhäusern (so heißt mans in Österreich) voll und halb unsinnig saufen. Solchem zu steuern hat, wie ich meine, die alte Welt dergleichen Märlein in Druck ausgehen lassen, damit sie die müßige Stunden in Durchlesung solcher Blätter nicht so unnütz zubrächten. Aber es geschieht oft, daß, wenn ein Schuhknecht, Schmiedknecht oder Weberknapp lieset, wie ein wackerer Ritter der edle Herr Hug Schapler gewesen und wie fix er die Ritter über die Schindmähren hinuntergestoßen habe, so bilden sie sich ein, auch große Ding zu tun. Fangen dannenhero oft um einer Lumpensach oder um ihrer Mädchen willen mit einem andern Handwerksbursch einen Streit an und zerzausen sich aneinander wie die Wildkatzen, daß bald einer hinten, der andere vorn am Kopfe ein Loch davonträgt und mit zerrissenem Überschlag nach Haus wandert. Und obschon zu diesem Handel solche Bücher eigentlich nicht können eine Ursach genennet werden, so sind sie doch deswegen nicht zu loben, weil die Bursch etwas Bessers davor lesen könnten. Doch ist die Jugend und absonderlich die wachsende Stärke begierig, von großen Taten zu hören, und ich weiß selbst, wie mir ehedessen gewesen, wenn ich noch als ein Jüngling zu dergleichen Büchern geraten können. Da hätte ich nicht Zucker vor solche Historien gefressen, absonderlich da ich vom starken Gofrey las, und wie manches Abenteuer in der schönen Magelone enthalten war.

Dadurch habe ich oft meine Schulsachen versäumet, aber nichtsdestominder mein Gemüt treff lieh beherzt gemacht, weil ich oft solche Kerl anzugreifen getrauet, welches mancher Schlucker von zweiundzwanzig Jahren nicht hätte unterstehen dörfen. Ich war auch, weiß nicht aus was Ursach, den großen und starken Leuten viel gewogner als den kleinen und schwachen Hosenkönigen, die kaum eine halbe Spann weit über das Wams heraus sehen und derer man ihrer zwei in ein Felleisen zusammenpacken kann. Absonderlich ergötzte mich die Histori im Fortunato, da er und sein getreuer Leopold ihren Wirt zu Constantinopel so artig in den Born geworfen. Aber gleichwie mir solche Lust bald kam, also verschwand sie auch bald, und gleichwie ich die Zeit solcher Jugend mit dergleichen Schriften vertrieben, also vertrieb ich das folgende Alter als ein erwachsener Jüngling unter dem Frauenzimmer, bei welchem es mir auch sehr abenteuerlich gegangen. Dieses habe also von dem Discurs melden wollen, welchen wir allda über Tafel kreuzweis untereinander gehalten haben.

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