Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Beer >

Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 82
Quellenangabe
pfad/beer/sommerta/sommerta.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
Schließen

Navigation:

X. Capitul. Die Knechte, so im Raubnest gewest, kommen wieder los.

Hierauf war die Ankunft der Verreisten bald durch den gemeinen Ruf in dem Land ausgetragen. Gottfrid, Wilhelm von Abstorff, der Advocat von Ollingen wie auch der kurzweilige Philipp überschickten den Angekommenen tausend Willkomm. So war auch Sempronio wieder aus dem Felde ins Quartier zurückgelanget, daß sich also die vorige Gesellschaft nicht allein wieder beisammen, sondern auch im höchsten Vergnügen befand. Ich begab mich ingleichen wieder nach meiner alten Klause zu der alten Kapelle im Wald, mich daselbst mit einem dazu bereiteten Salz meines Kropfes zu curieren und meiner fernem Andacht nachzuhangen. Nichtsdestoweniger entschloß ich, bei so beschaffenem Zustande dann und wann, gleichwie ehedessen Herr Friderich getan hatte, in dem Land herumzugehen und meinen guten Bekannten zuzusprechen, doch mit dem Unterschied, daß ich nicht, wie er getan, mit einem Sack betteln noch auch den Einsiedlers-Habit antragen wollte. Dannenhero ließ ich mir ein ehrbares Reisekleid mit starken Bundschuhen verfertigen, wohl wissend, daß weder das Kleid noch der einsame Ort, sondern der innerliche Schmuck und die Absonderung von der Erden ein frommes Leben mache.

Soviel ich sonsten von meinen Haushaltern verstanden, hatten sich meine Güter indessen ein merkliches vermehret. So wurde mir auch das Geld, welches ich vor Dietrichen auf der Reise ausgeleget, in purem Gold gleichsam doppelt bezahlet, daß ich so manchen halben Tag genug in Ausmusterung der unterschiedlichen Gold- und Silbersorten zu tun und zu klauben hatte. Mit diesem Schatz bestimmte ich endlich, noch eine Kirche zu bauen und mir also dadurch viel ein länger Gedächtnis zu stiften, als wenn ich etliche ungeratene Kinder gezeugt hätte, welche mich in dem Grab geschimpfet und meinen Namen der Nachwelt zum Spott gemacht hätten. »Ha, es ist dir besser,« sagte ich, »daß du ohne Kinder stirbest, als daß du eine ungeratene Frucht auf Erden lassest. Willst du ein Gedächtnis nach dir, so baue eine Kirche, begäbe sie mit guten Einkünften, so ist der Handel schon richtig.« Also vertrieb ich dazumal in dem Wald meine Zeit, unterweilen enthielt ich mich auch auf dem alten Schloß zu Steinbruch und gab daselbst den Bauren Audienz, welche mich schon eine ziemliche Zeit nicht mehr gesehen hatten. Führte also ein halb geistlich und ein halb weltlich Leben; und je andächtiger ich war, je größer wuchs mein Reichtum, bis ich endlich unter die Reichesten im ganzen Land gezählet worden.

So wurde mir auch meine Tat, indem ich die Magdalena von ihrem bösen Vorhaben wieder zurückgebracht, unter vielen Leuten, ob es zwar noch nit allzuweit ausgekommen war, dennoch vor ein vortreffliches Stück ausgeleget. Denn es ist viel härter, einen Irrenden auf den rechten Pfad bringen als ihn auf ebener Bahne zu erhalten; und also war die Hochzeit auf Dietrichs Schlosse angestellet, dabei die gesamte Gesellschaft erschien. Ich selbsten kam in meinem Reisekleide an, und als wir über der Tafel am fröhlichsten waren, kam der Torwärter mit einem Abschied zu uns, welcher einem Kerl zustund, der da vor dem Tor um ein Almosen bettelte. Sobald wir aber solchen eröffnet, fanden wir, daß er eben einem unter den Knechten zustund, die etliche Wochen zuvor in dem Raubnest, nach dem Inhalt dieser obigen Schrift, zurückgeblieben. Niemand verwunderte sich mehr, als die wir um diese Sache wußten und uns allgemach eingebildet hatten, als wären diese Leute in dem Raubnest schon lang verfaulet. Derohalben las man den Brief geschwinde durch, welcher in folgendem Inhalt bestund:

›Ich, Julio vom Kreuz, Ritter der Insul Malta, bekenne durch Zeigern dieses, daß, ob ich ihn gleich als einen durch meine Faust aus der Gewalt der Räuber Erlöseten zeit seines Lebens zur ewigen Leibeigenschaft hätte verbinden und verhaften können, dennoch zu seinem Besten und zu Ausbreitung des Ruhms der Ritterschaft ohne Entgelt frei und ledig gelassen, also daß er nicht allein, wo es seine Gelegenheit ist, sich sicher und ohne Gefahr in anständige Dienste einlassen, sondern die Zeit seines Lebens mir mit nichts, als wozu ihn seine Dankbarkeit anweiset, verpflichtet sein darf. Urkündlich und zu Bekräftigung dieses habe ich mich auf sein dienstliches Ersuchen eigenhändig unterschreiben und mein gewöhnliches Petschaft hiebei anfügen wollen.‹

Zu besserer Auslegung dieser Schrift ließen wir ihn durch den Torwärter an die Tafel rufen, allwo er uns nicht allein mit unbeschreiblicher Freude empfangen, sondern noch dazu alle diese Sachen erzählet, welche mit ihm und seinen Gesellen in dem Raubnest vorgelaufen. Weil nun die ganze Compagnie von dem vorigen Discurs allgemach satt und ermüdet war, baten wir ihn, zu unserm desto größern Vergnügen, seinen Zustand zu erzählen und auf das allerkürzeste zu entwerfen, wie und auf was Weise er losgekommen. Hiermit fing er an, und nachdem er sich nächst dem Schenktisch niedergelassen, redete er so:

»Dieselbe Nacht, als wir in dem Raubnest angelanget, ließ man unter uns Dienern keinen zu dem andern. Mich schlossen sie, sobald ich die Pferde in Stall gebracht, in eine finstere Kammer, darinnen ganz kein Fenster zu sehen war. In solcher Dunkelheit machte ich mir die allerwunderlichsten Gedanken und merkte schier, wo es hinauswollte. Es half da weder Schreien noch Rufen, sondern ich mußte da im Finstern so lange sitzenbleiben, als lang diese Gesellen wollten, und hätte ich auch darinnen vor Hunger sterben müssen. Endlich brachte mir ein Kerl Brot und Wasser und hieß mich gutwillig in die Fessel zu begeben, indem mein Herr allgemach seinen Rest schon empfangen hätte. Über dieser Zeitung, wie Ihr leichtlich urteilen könnet, habe ich mich sehr entsetzet und mich ohne allen Widerstand anschließen lassen. Ich fragte zwar, wo meine Kameraden wären, weil ich aber verstanden, daß es keinem besser als mir ginge, konnte ich weiter nichts aus der Sache machen und mußt mit Geduld erwarten, was daraus werden wollte. Ihr könnt euch leichtlich einbilden, was ich in diesem finsteren Gewölb vor Grillen gefangen habe, und weil ich weder Uhr noch Glocke hörte, wußte ich oft nicht, war es Tag oder Nacht.

Nicht lange darnach schloß man mich wieder aus, und als ich auf den Hof kam, sah ich meine zwei Gesellen wie die Hunde aneinandergekuppelt mitten auf demselben stehen; und also führten sie uns wieder gen Welschland, auf ebender Straße, dahin wir zuvor hergeritten haben. Den dritten Tag darnach kamen wir in einen Wald, darinnen eine große Jagd vorüberging, und allda traf uns das sonderliche Glück, daß, indem ein junger Ritter einem Hirsch nachstellete, er mit etlichen Jägern an uns stieß. Er hieß die Räuber stillstehen, und als er aus uns geforschet, auf was vor eine Art sie uns gefischet hätten, umringte er sie und nahm sie gefangen. Nach diesem hat er auch ihr Schloß zerstöret und darinnen großen Reichtum von gestohlenen Sachen angetroffen. Uns aber, die er zu solcher Hülfe gebrauchet, gab er, nachdem die Burg auf den Grund verwüstet worden, frei und jedem zur Versicherung dessen einen solchen Brief, wie Ihr von mir gesehen habet. Meine zwei Gesellen liegen krank, ich aber habe mich wieder allher begeben, zu suchen, wem meine Dienste anstehen.« Auf diese Relation nahm ihn Christoph, bei dem er gedienet, wieder an und verdoppelte ihm seinen Jahrlohn.

Hierauf erhebte sich unter den Hochzeitgästen eine Frag, ob der Mensch, es möge auch sein, wer er wolle, durch die Zigeuner und Wahrsager aus den Lineamenten der Hand oder der Stirn nicht wissen könne, was ihm vor Glück oder Unglück zustoßen könne. Allein es wurde gesagt, daß zwar die Lineamenten der Hand zuweilen etwas andeuten, das doch notwendig nicht geschehen müßte. Das Gestirn des Himmels oder die Constellationes des Menschen machten ihn wohl zuweilen zu einer Tugend oder einem Laster geneigt, aber sie nötigten ihn nicht. Wie an dem gelehrten Socrate zu sehen, der eine böse Physiognomie hatte und doch sehr tugendsam gelebet hat. Also kann man eine Natur, die zum Bösen durch die Geburt geneigt ist, dennoch mit einem vorsichtigen Fleiß dergestalten zwingen und umwenden, daß das Gute draus folget. Hingegen versäumet auch oft mancher seine gute Neigung durch allzu gelindes Nachsehen seiner Natur und tut vor das Gute das Böse. Und was hilft es auch endlich, wenn der vorwitzige Mensch gleich weiß, ob es ihm wohl oder übel gehen werde? Soll es ihm wohl gehen, so verläßt er sich drauf, soll es ihm übel gehen, so betrübt er sich und hat also auf beiderlei Weis große Gefahr zu befürchten. Was wäre es, wenn man einem Mann, der seines Weibs gern los wäre, wahrsagte, daß sie vor ihm sterben würde? Nun, gesetzet, es geschähe also und sie stürbe ein Vaterunser lang ehe als er, was ist ihm damit geholfen? Dennoch hätte er sich immer indessen drauf verlassen, und auf die letzte hätte er doch keinen Nutzen davon gehabt. Einer forchte sich vor dem Wasser, dem wurde wahrgesagt, er würde nicht ertrinken, da freuete er sich über die Maßen, aber endlich wurde er gehangen. Mancher wünschet sich ein hohes Alter. Da wurde auch einem gesagt, der da forchte, er würde kaum dreißig Jahr alt werden, daß er ein steinalter und eisgrauer Mann werden sollte. Aber was half ihm sein Alter, indem ihm nach der Weissagung ein Bein gebrochen, nachmals hat er den Stein bekommen und hat solchen Schmerzen bis ins Grab viel Jahr lang tragen müssen. Eine Frau hätte gern Kinder, und wie man ihr sagte, daß sie sollte deren acht bekommen, war ihre Freude unmäßlich. Aber als es erfüllet war, wurde sie von einem Kind da, von dem andern dort geschlagen und brachten sie also ins Grab. Einem wurde gesagt, er sollte verbrennt werden. Darum war er immer traurig, enthielt sich der Gesellschaft und floh alle böse Gesellschaft. Als er nun einsmals an dem Abend bei seinem Licht einschlief, ergriff die Flamm die Tapeten, und er mußte jämmerlich im Feuer sterben, ehe man ihm helfen können.

Drum sind solche Wahrsagungen bloßerdings nicht allein nichts nutze, sondern auch verboten und unchristlich, absonderlich aber denen an ihrer Seligkeit schade und nachteilig, die gar zu viel darauf halten. Ja, es geschieht nicht selten, daß es denen, die darauf bauen, eben also gehet, wie sie glauben, und nicht darum, daß es also sein hat müssen, sondern wegen des Aberglaubens, den sie darauf gehabt haben. Daher sind unter den Christen noch so viel Aberglauben, und werden oft an den Kindern um der Mutter ihrer Leichtgläubigkeit willen alle die Dinge wahr, die sie liederlich geglaubet hat. Hätte sie es aber nicht geglaubet, so wäre auch nichts daraus geworden. Gleichwie nun der Gerechte um seines Glaubens willen lebet, also wird der Ungerechte um seines Unglaubens willen gestraft. Was helf es dich, wenn dir gleich einer sagte, du solltest der reiche Croesus werden, wenn du mit ihm auf den Scheiterhaufen gesetzet würdest? Also suchet der Vorwitz nur hohe Dinge und weiß doch nicht, daß die Baueraxt viel glücklicher als ein Königsscepter sei. Aber solang man einer Sache nicht genossen hat, schätzt man sich immer unvergnügt. Wenn mans aber genossen, so sieht man erst, daß man in der Meinung, die man davon gehabt, betrogen worden. Wie mancher lebte noch, der sich da wahrsagen lassen, er würde ertrinken? Über solches sind ihrer etliche betrübt worden, haben der Melancholey mehr eingeraumet, als sie gesollet, und haben sich endlich aus purer Desperation selbst in das Wasser gestürzet und sind ihres eigenen Leibs um ihres Unglaubens willen zu Mörder geworden.

 << Kapitel 81  Kapitel 83 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.