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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 80
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII. Capitul. Artiges Orgelschlagen. Der Page kommt zu einem eifersüchtigen Geilhansen in Dienste.

»Der Edelmann gab doch jedem einen Ducaten samt einem Reisebüchlein und Schreibcalender auf die Reise; und die Ursach, warum er mich abgeschaffet, ist allgemach gemeldet. Aber den Studenten tat er darum weg, weil ihm die Frau spinnenfeind war und die zwei Knaben ohnedem in eine öffentliche Stadtschul sollten geschicket werden. Darum weinete der gewesene Praeceptor samt seiner Frauen, welche hochschwanger war, in ihrem Häuslein bei dem Ofen, weil er sich weder zu raten noch zu helfen wußte. Sein Weib konnte zwar hübsch klöppeln und nähen, aber die Bauern bezahlens nicht. So hat auch die Edelfrau viel lieber in einer weit abgelegenen Stadt als bei ihr eine Spitze bestellet, daraus man ihre Abgunst genugsam und mit allen Fingern greifen können. Drum wars das beste Mittel, daß ihr Mann etliche geklöppelte Stück Spitzen zu sich nahm und also mit mir die Reise antrat.

Wir versprachen unterwegens gegeneinander, daß der, so unter uns beiden am ersten Dienst kriegte, der sollte dem andern all sein Geld schenken, was er bei sich trüge, und mit dieser Condition gingen wir bald auf dem Land betteln, bald hausieren. Er verkaufte dennoch ziemlich viel von seiner weißen Ware. Wenn er irgendeine Elle vor einen halben Taler los wurde, so hatten wir schon wieder auf eine ganze Wochen Zehrung genug, denn wir lebten gar gesparsam, und mußte uns trefflich kitzeln, wenn wir einen ganzen Hering auf einmal verzehret haben. Endlich schien ihm eine gute Sonne, weil wir in eine Stadt kamen, welche zwar nicht gar übrigs groß, jedennoch hübsch gelegen und darinnen gar wohlfeil zu zehren war. Unser erster Gang war allezeit gegen die Klöster und Pfarrhöfe, und weil erst selbiger Tagen der Organist seine Stelle an einen anderen Ort verändert hat, bat der Pfarrer, daß er wollte die Vesper spielen und sich hören lassen. Dieser Geistliche hielt allerdings viel auf ihn, weil ihn die große Armut und Dürftigkeit überaus demütig machte. So redete er über dieses hübsch Latein, und der Pfarrer gedachte, wo er so wohl auf der Orgel schlagen als reden könnte, wäre der Sache genugsam Rat geschaffet. Er hielt uns demnach zu Gast, und weil dazumal eine Kirchenmahlzeit celebriert wurde, soffen wir uns beide um so viel desto eher blind voll, je weniger wir des Weins gewohnet und auch zum Teil ausgehungerte Kletzenfresser waren.

Als er nun in die Vesper kam, kannte er weder Clavier noch Register. Nichtsdestoweniger satzte er sich auf den Stuhl, übergab sich aber – mit Ehren zu melden – unter währendem Schlagen, daß also das ganze Clavier besudelt, bald oben, bald unten steckenblieb. Wie er das Register ausziehen will, so schlupfte er mit der Hand ab und stieß den Cantor mit dem Ellebogen in die Seite, daß er wider das Chorgitter stolperte. Er lief auf dem Pedal herum, wie wenn er toll und töricht wäre, verlor aber in solchem Gerümpel einen Schuh vom Fuße. Da sah man, wie zerrissen seine Strümpfe waren, und daß die bloße Zehen hervorguckten. Er bewegte sich auch dergestalten mit dem Leib, daß ihm der Mantel vom Halse und der Rock aufsprang; und weil er durch diese Motion ziemlichen Wind gemachet, so fiel zugleich sein musicalischer Zettul vom Pult hinunter, welchen er auf dem Pedal immer mit Füßen getreten, daß es Fetzen gab. Er war so arg, daß er drei Finger mit Fleiß verbunden, gleich als wären sie bei ihm beschädiget worden; aber er konnte doch nicht zu der Stelle gelangen, weil diese Musik abscheulich untereinander geklungen hat. Als die Vesper aus war, wollte sich niemand blicken lassen, der uns einzige Ehre zu erweisen verlanget, also begaben wir uns wieder auf die Reise, ob es etwan an einem andern Ort eine bessere Orgel hätte.

Endlich kam ich bei einer von Adel in Dienste, weil sie mich nach ihrem Vorgeben zu einem Schreiber gebrauchen wollte. Sie war noch ledig und wollte dannenhero mit ehestem Hochzeit machen, und ob der Student gerne allda in Dienst kommen wäre, so dorfte sie ihn doch wegen ihres Liebsten nit aufnehmen, welcher ihr kaum mich, geschweige denn einen ältern Menschen, auf dem Schlosse wegen großer Eifersucht hat verstatten wollen. Ich erzählte ihr nichtsdestoweniger meines Kameraden elenden Zustand, darob sie sich dergestalten erbarmet, daß sie ihm vierzehen Tag lang auf dem Schlosse zu essen und trinken gegeben. Davor machte er ihr ein Carmen und schrieb ihr auch sonsten allerlei schöne Versch auf ihre Bilder. Demnach mußten wir wieder voneinander, und ich hatte von meinem Ducaten noch etwan sechs Groschen. Die gab ich ihm, nach unserm Vertrag. Er sagte, weil ihm das Glück so gar nicht wollte, so müßt er sich auf bessers Wetter gedulden und sehen, ob er irgend auf einem Dorf möchte Schulmeister werden. Er stimmte vor seinem Abzug der Jungfrauen etliche alte Clavichordi und bezog solche mit neu stählenen Saiten, davor sie ihm etliche Reichstaler in Ansehung seiner äußersten Armut auf den Weg geschenket. So hat er auch vor seine Spitzen etliche Taler eingeschächert und in allem so viel Geld zusammgebracht, daß er den Winter über wohl hat auskommen können.

Ich gab ihm das Geleit eine halbe Meil Weges außer das Schloß, und daselbst nahmen wir voneinander Abschied. Er sagte zu guter Letz, daß, wo er sich nicht anbringen könnte, wollte er mit Ohrfeigen handeln, denn wenn er einem eine gäbe, so bekäme er zehen wieder, könnte also unmöglich verderben. Mit diesen Worten wendete er sich von mir und hat vielleicht zu weinen angefangen, weil er sich geschämet hat, auf der Straße umzusehen; und also kam mir der arme Teufel samt seinem Wanderbündel aus den Augen.

Nach wenigen Wochen machte meine Jungfer Hochzeit, welche es etlichmal zwischen dieser Zeit gereuet hat, daß sie so einen eifersüchtigen Mann genommen. Er war ein Witwer und hatte schon die dritte Frau gehabt, und weil sie noch jung und ohne Freund war, hat sie sich leichtlich von dessen Anverwandten dahin bereden lassen, daß sie den alten Schmieralen heiratete, welcher die Eifersucht selbst war. ›0 Cordel,‹ sagte er zu ihr, ›du mußt dich eingezogen und hübsch stille halten!‹ Zu Ende dessen gab er ihr nichts zu lesen als den Gebrauch der italienischen Frauen, welche des Jahrs kaum einmal zum Fenster ausschauen, geschweige auf die Gasse kommen. Er erzählte ihr von nichts als von Nonnen-Leben, und wie hübsch dieselbe in ihren Zellen den ganzen Tag sitzen blieben und fleißig beteten. Wo sie im Hause hinging, da schlich er ihr auf dem Fuß nach, und dorfte weder Jung noch Knecht ein heimliches Wort mit ihr sprechen. In der Kirche ließ er ihr einen Stuhl bauen, darin man sie und sie hinwiederum niemanden heraus sehen konnte, nur obenher hatte er zwei Löcher, dadurch sie die Predigt hörte. Wenn er wohl bei Laun war, so mußte sie ihm die Läuse aus den grauen Haaren suchen, und solches war fast ihre allerbeste Kurzweil. Es wirds kein Fremder mit Wahrheit sagen können, daß er diese schöne Dam all sein Lebtag zu sehen bekommen, so schrecklich verwahrte sie der alte Hümpler. Er sagte oft: ›Ein Mann soll sich zehenmal lieber zum Schelmen machen, als nur einmal seine Frau von einem andern küssen lassen!‹, und es war ihm nie ängster, als wenn sie zur Beicht ging, denn er trauete keinem Menschen, er möchte gleich geistlich oder weltlich sein, etwas Gutes zu. Wenn ihr der Schneider das Kleid meßte, so dorfte er sie kaum angreifen; und die Brief, so an sie geschrieben wurden, eröffnete er alle, und sie dorfte auch nichts schreiben, welches er nicht zuvor gesehen hatte.

Darum nahm ich meine alte Stücklein wieder hervor, und so gut ichs in der Apotheke gemacht hatte, so gut machte ichs auch allhier, nur mit dem Unterschied, daß ich allhier mit der linken Hand schrieb, und also konnte man die Hand unmöglich kennen. Ich schrieb derhalben einsmals einen solchen Brief: ›Allerwerteste unter den Schönen! Wenn mir die große Eifersucht Ihres alten Schafhäusers nicht bekannt wäre, so hätte ich mich schon lange erkühnet, Ihre holdseligste Person, die an dem Wert allen Kleinodien des berühmten Arabien vorzuziehen, untertänigst zu besuchen. Weil aber Ihr Herr die Eifersucht selbst, ja ein solcher Mann ist, der kaum dulden kann, daß Sie einen Hund bei sich habe, als wird er wegen solchen Beginnen nicht allein bei seinesgleichens allenthalben billig verhasset, sondern macht sich noch dazu den allerübelsten Namen. Dergleichen Gesellen, wie er ist, werden sonst am ersten betrogen, und eine solche Frau, wie Sie ist, hätte wohl billige Ursach, ihn zu strafen, weil er Ihrer Ehre und bekannten Keuschheit kein mehrers zutrauet. Wo ich wüßte, daß es Ihr Wille wär, wollte ich mit einer solchen extraordinar List in das Schloß kommen, daß auch keine Maus merken sollte, daß ich da wäre. Wenn ich aber komme und sehe, daß Ihr der Alte sogar auf dem Fuße nachgehet, so habe ich noch einen solchen Puffer hinter meinem Rocke, der ihm seinen Frevel genugsam dämpfen kann. Sie lebe wohl, o Unglückseligste unter den Schönen, und vergönne mir die hohe Ehre, mich zu heißen:

Ihres Namens ewigen Verwunderer.
Ein bekannter Freund.‹

Diesen Brief partierte ich durch gewisse Jungen ins Schloß, und kann nicht sagen, wie der Alte darüber erschrocken ist. Er wußte nicht, woher er war, dennoch forchte er und schämte sich, daß seine Wahrheit so weltkündig wäre. Nicht lang darnach kam ein Fähndrich an, welcher aus dem Krieg wieder nach Haus reisete, und weil mein Herr meinte, dieser wäre es, welcher den Brief geschrieben hat, ließ er ihn mit seiner Frauen hantieren, wie ihm beliebte. Nichtsdestominder schickte er mich allenthalben hinnach, und wenn ich wieder zu ihm kam, so hieß es: ›Hast du nicht dies gesehen, hast du nicht das gesehen? Hat ers nicht so gemacht? Hat er nicht so gesagt? Was hat sie gesagt? Was hat sie getan? Hat sie ihn nicht angelacht? Hat sie ihn angesehen?‹ und mehr dergleichen. Aber weil mir die Frau gar zu lieb war, redete ich das Allerbeste von ihr. Im Fall aber solches nicht gewesen wäre, wollte ich den alten Narren nicht allein in großen Kummer, sondern sie dazu in wackere Püffe gebracht haben. ›Nein, mein Herr,‹ sagte ich, ›Ihr habt eine redliche Frau, sie wird ja das Ding nicht tun. Ei, was wollt Ihr meinen, nimmermehr ist Eure Frau eine solche, wie Ihr Euch selbst einbildet, Ihr werdet ihr ja das Reden nicht verbieten, noch zornig werden, so sie einen andern anschauet. Wozu hat uns die Natur das Maul, wozu hat sie uns die Augen gegeben?‹ – ›Ja, ja,‹ sagte er, ›du sagst schon wahr, aber halt nicht zu viel, nicht zu viel!‹ – ›Ja,‹ sagte ich, ›es heißet auch nicht zu wenig, nit zu wenig. Ihr trauet ihr zu wenig und tut ihr zu viel.‹ Damit kratzte er sich voll Seufzen wieder hintern Ohren. ›Gehe,‹ sagte er, ›siehe wieder zu, was passiert, ich wollt, daß der Henker den Kerl geholt hätte! Was hat er auf meinem Schloß zu tun? Er ist allgemach eine halbe Stunde dagewesen, könnte wohl wieder wegreiten. Ha, ha, er ist auf die Buhlschaft kommen, ja, ja, auf diese ist er kommen. Ach, gehe, gehe und sieh zu, daß er bald wieder wegreite.‹ Und also machte ers mit allen, die ihm zusprachen.

Ehe er schlafen ging, leuchtete er in alle Winkel wie auch ober und unter die Bettstatt, griff auch unter den Strohsack und visitierte alle Kleiderkästen, ob sich vielleicht jemand zu seinem Nachteil dahin verstecket hatte. Und wenn der Wind nur ein bißchen ans Fenster stieß, so meinte er, es würfe jemand an. Wenn sie über Feld ging, so passierte er hinter ihr drein, und so viel sie an einem fremden Ort mit einem andern Wort redete, so viel gab er ihr nach ihrer Heimkunft Ohrfeigen. Einsmals redete sie im Schlaf, da meinte er nicht anders, als wäre ein Kerl bei ihr. Er brannte also sein Licht an und saß die ausgehende Nacht bei demselben am Bette. Einsmals bildete er sich ein, als wär unter seinen Mägden eine verkleidete Mannsperson, und damit er eigentlich hinter die Wahrheit gelangen konnte, hieß er die Magd mit mir in den Heustadel gehen; daselbst hieß er mich, sie über den hohen Stoß abzuschöpfen, wovon sie auf das untere Strohe ohne Gefahr fallen konnte, wie denn die jungen Knaben oft dergleichen Sprünge tun. Und also konnte der Edelmann, indem sie sich im Fall wohl dreimal überstürzte, aus dem Zweifel geraten, daß dem nicht also gewesen, wie er sich fälschlich eingebildet hat. Er starb aber bald darnach, und weiß nicht, ob die Wittib wieder gefreien hat oder nicht, indem ich von dar zu dem von Seewalchen und von dar zu Euch gekommen bin.«

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