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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 79
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII. Capitul. Wunderliche Vereinigung. Der Praeceptor verplempet sich.

All diese Sachen erzählete uns der Page auf der Straßen, und wir verwunderten uns nicht unbillig über den Praeceptor, welche sonsten insgemein dergleichen Eitelkeiten sehr ergeben sind, die sie sich nämlich geschwinde verlieben und ihre Affection in einem Lied zu verstehen geben. Und weil solcher Discurs nicht unangenehm war, fuhr der Page weiter fort, und sprach er: »Gleichwie dieses Lied ist, also waren auch die andere alle, die er dem Kammermenschen zu Ehren machte. Und diese Bräuterei kam ihm absonderlich dazumal wohl zustatten, als sich mein Herr auf eine andere Heirat gefaßt machte. Er heiratete eines vornehmen Freiherrns Tochter, welche nicht allein sehr reich, sondern noch dazu überaus schön und klug war. Nachdem er solche mit sich heimgeführet, wollt sie sich nicht zu ihm legen. Sie saß oft die ausgehende Nacht bis an den lichten Morgen in der Stube auf einem großen Reisekasten und wollte sich von ihrem Herrn durchaus nicht bereden lassen, mit ihm in die nächst angelegene Kammer zu gehen. In solcher Kammer hatte es zwei Stufen, und weil ich endlich die Sach merkte, hörte ich den Herrn oft heraus- und wieder oft hineintrappen.

Einsmals ging er in seinen Meierhof spazieren, welcher etwan eine gute Viertelstund über dem Feld hinüber lag. Ich mußte mit ihm gehen und die Flinte nachtragen, weil sich auf demselben Weg öfters ein Häslein aufduckte. Er war ganz traurig und melancholisch, vielleicht wegen der Ursach, die ich schon gesagt habe, und daß er solches Elend keinem Menschen klagen dörfte. Darum redete ich ihn an und fragte: ›Euer Gestreng, warum sind Sie so traurig?‹ – ›Du Bärnhäuter,‹ sagte er, ›was hast du hiernach zu fragen, du kannst mir doch nicht helfen!‹ – ›Warum soll ich Euer Gestreng nicht helfen können?‹ sagte ich, ›ich weiß wohl und ist mir sattsam bekannt, was Ihnen ist.‹ – ›Was ist mir denn?‹ fragte er mich. ›Das ist, Euer Gestreng‹ antwortete ich, ›daß sich Ihr Gemahlin nicht zu Sie legen wollen.‹ – ›Was,‹ sprach er hierauf, sich gegen mich umwendend, ›wer hat dir das Ding gesagt?‹ – ›Euer Gestreng‹ sagte ich, ›das kann ich aus dem Licht wissen, weil sie gar oft zu mir vors Bett kommet, mich aufstehen, ein Licht anzünden heißet, und also bleibt sie oft die ganze Nacht am Tische sitzen, und ich muß ihr bald ein Lied singen, bald wieder ein kurzweiliges Märlein erzählen.‹ – ›Ha, ha,‹ sprach der Edelmann ganz bestürzt, ›ist ihr der Schuh da zerrissen? Ich sage dir, offenbar unsere Uneinigkeit nicht, denn es liegt mir ein ziemliches Stück meiner Ehre daran. Aber sage, wie willst du mir helfen?‹

Hiermit gab ich ihm meinen Vorschlag zu verstehen, welchen er sich trefflich gefallen ließ. Ich machte mich derohalben ganz in geheim in das Zimmer, wo sie zu weinen pflegte, und steckte mich daselbsten hinter die Tapeten. An das Ort des Reisekastens legte ich eine große Fliegenklatsche, welche ich an einem Zwirnsfaden angebunden. Als sie nun wieder ins Zimmer kam und sie der Herr ins Bett rufte, fing sie statt der Antwort an zu weinen. Damit löschte der Herr sein Licht und ging zu Bett. Nach etwan einer halben Viertelstund, als sie immer nach ihrem Vaterland geseufzet und sich zu ihrer Mutter gesehnt hatte, tat ich einen Zug mit der Klatsche, da hüpfte sie von dem Kasten auf. Ich zog noch einmal, da trat sie ein paar Schritt gegen der Kammer. Wie ich solches merkte, schlich ich mich hinein, und als die Klatsche über die zwei Stufen hinansprang, fing sie an zu schreien und wurf sich über Hals und über Kopf zu ihrem Herrn ins Bette, und also trieb ich sie mit der schwachen Fliegenklatsche dahin, wohin man sie sonsten schwerlich mit zwanzig Pferden würde gebracht haben.

Aber da ich gedachte, auf diesem Schlosse noch mehr zu lernen, verehlichte sich der Praeceptor mit der Beschließerin, und wurde ihm auf dem Schlosse die Hochzeit ausgerichtet. Er hatte, weil er noch jung war, Zeit genug, den Ehestand sowohl zu genießen als denselben zu bedauern, denn es fing sich das Elend unter diesen Eheleuten eher an, ehe daß der Himmel grauete. Auf dem Schloß konnt er nicht mehr bleiben, weil es sein gegenwärtiger Zustand verhinderte. Endlich zog er ins Dorf in die Mühle und reisete auf eine Zeitlang in dem Land herum, einen Dienst zu suchen. Er konnte ein bißchen auf der Orgel schlagen, aber es waren der Stümper ohnedem so viel im Lande wie der gestutzten Hunde; dahero kam er ohne sonderliche Verrichtung wieder nach Haus und bedauerte seinen blinden Liebeseifer wohl tausendmal. Er informierte dennoch die zwei adeligen Knaben täglich drei Stunden, und deswegen schickte der Edelmann zu essen, ob es schon die neue Frau nicht gern gesehen hat, denn sie war denen nicht gut, die in der Ehe lebten, ob sie gleich selbst verehlichet war. Oder es kann auch sein, weil sie sich wegen der Stiefkinder nicht groß annahm, noch denjenigen einzigen Dank erwies, welche derselben Aufnehmen gesuchet. Und weil ich allgemach anfing, ihre Schinderei und Hartnäckigkeit, welche sie gegen die Dienstboten und Untertanen erwiesen, zu tadeln und zu spotten, stach sie mich bald vom Brett; und so lieb sie mich sonst gehabt hatte, so feind wurde sie mir, als ich unterschiedliche Versche wider sie ans Tor geschrieben, die nit viel besser als ein Pasquill herauskamen, oder aber, welche nicht viel anders ausgeleget wurden.

Ich mußte demnach das Schloß raumen, und dem Studenten wurden auch seine Victualien eingezogen. So hieß man uns beide auf einen Tag gehen, wohin uns der Weg tragen würde. Also waren wir beide gleich elend, nur daß ich nicht beweibt war, und also hatte der Student zwei, ich aber nur ein Elend auf dem Halse.«

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