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Die kurzweiligen Sommer-Tage

Johann Beer: Die kurzweiligen Sommer-Tage - Kapitel 78
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleDie kurzweiligen Sommer-Tage
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI. capitul. Er siehet ein Gespenst, erzählet von dem verliebten Praeceptor.

»Ich habe auf diesem Schlosse mehr gelernet als in der Apotheke, denn die Edelfrau konnte mit Wasserbrennen, Zuckerbacken und andern Sachen besser umgehen als mein gewesener Patron samt allen seinen Gesellen. So unterrichtete mich auch der Praeceptor im Latein, und mußte mit des Herrn seinen zweien Söhnen heute dieses, morgen ein anders Argument machen. Dieser Praeceptor war ein Student von Linz, allwo er in der Rhetorik gesessen und unter dem Praetext, als wollte ihn der Edelmann zum Hofschreiber machen, allhergezogen ist. Er wäre auch, nachdem man ihm solches Versprechen nicht gehalten, wieder hinweggezogen und ein Franciscanermönch geworden, wenn er sich nicht von dem schönen Frauenzimmer und anderen Hofmägden hätte zurückhalten lassen. Unsere Schul hatten wir nächst an dem Frauen-Zimmer an. Dannenhero gab er uns die allerhärtesten Sachen auf, über welche wir die Köpfe wohl drei Stunden aneinander zerbrechen mußten und doch nicht fertig werden konnten. Unterdessen ging er allezeit hinüber und sah zu, wie sie näheten. Also wurde er von Tag zu Tag verliebter und also wir auch fäuler, weil wir in der letzte fast wieder vergessen, was wir zuvor gelernet hatten. Wir schliefen bei ihm in seiner Kammer, da hat er oft in dem Schlaf solche Sachen geredet, die abscheulich waren. Soviel ich und die zwei Jungen vom Adel mit der Dinte gesudelt und gemalet haben, hat er doch alles leiden können, außer wenn wir einen Schärer oder einen Ziegenbock gewiesen. Denn er war eines Schneiders Sohn und wurde niemals zorniger, als so wir vor seiner Tür oder auch wohl in dem Hofe wie die Ziegen meckerten.

Endlich starb die Frau an der Schwindsucht, und wir hörten die Nacht zuvor, ehe sie gestorben, in dem ganzen Schlosse ein schröckliches Gepolter und Rumoren der Gespensten, deren es allhier nichts Neues war. Absonderlich schlug es an unsere Kammertür, gleich als würfe einer eine Schaufel voll Erde mit Sandsteinen vermischet an dieselbe. So schlug auch der Schloßzeiger mehr denn tausend Ziffer nacheinander, und in der Kapell sah man die ganze Nacht auf allen Altären Lichter brennen. Es hat auch solches Tumultuieren nach ihrem Tode nicht ablassen wollen, und wurden diejenigen, welche nichts von Gespensten hielten, am allermeisten davon erschrecket. Etliche gaben es ihrer Kargheit, etliche der Hoffart, andere ihrer Verleumdung schuld, damit sie sehr unter ihresgleichen ist verhaßt gewesen.

Ich muß hier noch ein Stücklein erzählen, welches mir kurz vor ihrem Hinscheiden in ihrem Zimmer begegnet. Sie lag daselbst etliche Wochen krank, und ich mußte ihr bei einem großen Wachslicht die Wache halten. Dazumal war es ein Winter und gar bald Nacht, dannenhero saß ich einsmals unter währendem Abendessen ganz alleine bei ihr und las ihr etliche Totengebet vor. Indem ich so lese, klopfet jemand an die Stubentür. Da gedachte ich, es wäre vielleicht eine Post vom Herrn, und machte auf. Als ich aber hinaussah, stund eine Frau ohne Kopf daraußen in einem sehr altfränkischen Habit. Ich tat vor großem Schrecken einen lauten Schreckschrei, machte die Tür in einem starken Schlag zu, und die Edelfrau fragte mich um die Ursach meines so plötzlichen Schreckens. Ich sagte endlich, was ich gesehen, und als sie mich von dieser Frauen reden hörte, zog sie ein Büchlein, welches nächst an dem Bett auf einem Schränklein lag, hervor, und: ›Siehst du,‹ sprach sie, ›ist sie also aufgezogen, wie hier gemalen ist?‹ Ich sagte ja, denn ebendiesen Aufzug, welcher in dem Büchlein war, hatte auch die Frau ohne Kopf! Darauf seufzete sie und sprach: ›Gehe, mein liebes Kind, und hole den Kaplan, denn es ist Zeit!‹ Damit kam fast der ganze Hof in ihrem Zimmer zusammen, und sie starb ihrem Herrn in den Armen bald darauf, nachdem ich den Priester zu ihr gerufen.

Es ist aber, wie ich hernach erfahren, dieses Gespenst ehedessen eine Besitzerin des Schlosses gewesen, welche ihr Ehegemahl wegen Eifersucht im falschen Verdacht gehabt, auch endlich in der Blindheit sich so weit verleiten lassen, daß er ihr heimlich den Kopf abgehauen, und von selbiger Stund an soll sich diese Frau allezeit ein Stund vorher sehen lassen, wenn eines auf dem Schloß sterben solle. Meinetwegen mag etwas an der Sache sein oder nicht, ich erzähle nur, was mir ist erzählet worden; denn einer glaubet es, der andere nicht. Also will ich, beiden zu Gefallen, solches gern an seinem Orte beruhen lassen. Aber gewiß ist es, daß nach ihrem Absterben großes Gepolter in der Kirche gehöret worden. Ob sich nun der Praeceptor auch zuweilen vor ein Gespenst angekleidet und das liebe Frauenzimmer besucht habe, weiß ich nicht, aber dieses weiß ich, daß er einmal von dem Hofschneider abscheulich ist abgeklopft worden.

Mein Herr verbrachte seine Trauerzeit im höchsten Vergnügen. Weil ihm auch nicht so viel Gesind mehr nutz und nötig war, schaffte er etliche von seinen Leuten ab, obschon andere sagten, er hätte es nur darum getan, daß er nicht so viel in die Trauer kleiden dörfte, denn er war ein bißchen geizig und sah die Leute lieber arbeiten als essen. Er behielt also neben mir nur den Praeceptor und einen Schreiber, welcher ihm auf der Reise auch vor einen Laquay, der Praeceptor aber vor den Kammerdiener aufwarten mußte. Also war dieser Student: Discipulus, Famulus, Praeceptor & omnia tresque, welches er nicht zu sein vonnöten gehabt hätte, so ihn nicht zu solcher Sklaverei die Liebe gezogen, die er zu der Beschließerin dieses Schlosses getragen. Diese war die einzige Sonne seines Himmels und der einzige Leitstern seines auf der See herumfahrenden Liebesschiffleins. Ja, wenn ich noch daran gedenke, was vor närrsche Namen er ihr in seinen Liedern gegeben, möchte ich einen Buckel lachen. Nur eines zu gedenken, machte er auch folgendes:

Meine Sonne ist verflossen
In dem dunklen Abend- Hesper,
Ich wünsch euch, ihr Venus-Possen,
Allen einen Bonus Vesper.
Lippen, die in Unmut leben,
Kosten euren Nectartrank;
Und von dieser Unglücksreben
Werden sie matt, blaß und krank.

Ich will dich nun nicht mehr kennen,
Ganz betrogner Bogenschütze,
Denn wenn du mein Herz siehst brennen,
Gießt du Öle in die Spritze.
Feuer, so von dir geleget,
Bringet zwar ein frohen Mut,
Doch, wer diese Flammen heget,
Fühlet Frost in seiner Glut.

Wo ist denn ein solcher Kerl,
Sagt, ihr Jungfern, an der Reih,
Der so schlank gleich einer Schmerl
Und wie ich so schöne sei?
Ich geh höflich auf der Gassen
Vor den Fenstern hin und her,
Ihr hätt' Ursach, mich zu hassen,
Wenn ich Heber-Toffel war.

Ist mein Vater gleich ein Schneider,
Sagt mir, was kann ich davor?
Ich wollt selbsten wünschen, leider,
Daß er wäre Auditor.
Dann wollt ich mich bald bequemen,
Eine mir zu lesen aus.
Aber so muß ich mich schämen
Wie ein Katz im Taubenhaus.«

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